Tequila - Kultur und Genuss Titel

Tequilakunde für Anfänger – Tequila: Kultur & Genuss

Ich erwähne es immer wieder und gern – bei aller Freundschaft zu Rum, Whiskey und Likören gilt meine wahre, echte Liebe dem Tequila. Wie dies entstehen konnte ist mir selbst ein Rätsel – diese Spirituose hat in Deutschland einen schlimmen Ruf, gilt als Feuerwasser für Partysäufer. Im Supermarkt bekam man bis erst vor kurzem praktisch nur die Produkte eines Herstellers, auch in Bars wird man heute noch oft mit verknautschtem Gesichtsausdruck angeschaut, wenn man einen Tequila bestellen will – die freundlich-naive Nachfrage „weiß oder gold?“ zwingt mich dann meist dazu, doch lieber einen Scotch zu bestellen.

Wie diese Liebe entstehen konnte mag ein Rätsel sein; woran es liegt, dass ich diese Spirituose über alle anderen stelle, ist offensichtlich – ein guter Tequila ist die Krönung an Aroma, Duft und Mundgefühl. Wer ihn nicht kennt, verpasst das Beste. Nun will sich der eine oder andere vielleicht neben dem ausgiebigen Verkosten, dem besten Weg, eine Spirituose kennenzulernen, auch über ein Fachbuch in die Thematik einlesen. Da sucht man beim größten Online-Bücherhändler nach Fachbüchern über Tequila, und wird schnell fündig: Tequila – Kultur & Genuss von Werner Obalski und Jürgen Deibel bietet sich schnell an.

In diesem 96-Seiten-Buch, das durch dickes Hochglanzpapier, dicken Einband und viele Fotos entsprechend dicker aussieht, als es der Inhalt hergibt, erfährt man vieles über die Hintergründe des mexikanischen Agavenbrands – Geschichte, Pflanzenkunde, Ernte, Verarbeitung und Lagerung sind Themen, die jeweils in wenigen Sätzen kurz vorgestellt werden. Dazu gibt es eine Liste von Destillerien, einige Seitenbemerkungen zur Kultureinbindung des Tequila und am Ende Koch- und Cocktailrezepte, die sich des Tequilas bedienen. Ein attraktiv gestaltetes Buch, in dem Anfänger erste Hinweise finden?

Tequila - Kultur und Genuss Cover

Soweit, so gut. Die fachlichen Informationen sind korrekt und kurz und knapp präsentiert – wer noch keine Ahnung über die Herstellung und Herkunft von Tequila hatte, wird in wenigen Seiten kompetent darüber aufgeklärt. In einer guten Viertelstunde hat man das Buch komplett durchgelesen und ist nachher etwas klüger, was Tequila angeht, als vorher. Das ist aber leider auch schon alles, was ich an Positivem über das Buch sagen kann. Anschnallen, der offizielle Verriss beginnt hier.

Beginnen wir die Kritik mit dem, was mir als erstes aufgefallen ist. Jedes zweite Foto einer Flasche ist eine Sierra-Flasche. Bei der Aufzählung der Destillerien bekommt jede erwähnte Firma ca. eine halbe Seite – Sierra bekommt drei Vollseiten. Der Firmenname des Sierra-Importeurs (der auch Mehrheitsteilhaber an der Destillerie ist) wird ein Dutzend mal erwähnt, ich will ihn hier nicht auch noch wiederkäuen. Nein, das ist kein unabhängig geschriebenes Buch, sondern über große Teile ein Werbeprospekt für Destilerías Sierra Unidas, S.A. de C.V., Guadalajara, Mexiko.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 1

Die Weigerung, das klare Wort Mixto zu verwenden und statt dessen dauernd vom „normalen“ Tequila zu reden, missfällt mir sehr – die Begründung dafür ist auch eine sehr Mixto-verkäuferfreundliche (und es ist bestimmt reiner Zufall, dass Sierra in Deutschland hauptsächlich Mixtos verkauft). Ganz ehrlich – heutzutage noch davon zu reden, dass die 100%-Agave-Tequilas die Ausnahme und die Mixtos der Standardfall ist schon etwas fremdartig und stimmt nur, was Verkaufszahlen angeht – aber gewiss nicht für Leute, die Spirituosen wegen des Genusses trinken („Kultur & Genuss“ ist schließlich der Untertitel des Buchs). Der nur am Effekt Interessierte auf der Studentenparty, der sich einen Tequilarausch ansäuft, ist sicher nicht die Zielgruppe des Buchs. Man sollte es klar aussprechen: Ein Mixto ist eine Minderqualität des Standardfalls 100%-Agave, die es ausschließlich deswegen gibt, um billige Mengen verkaufen zu können.

Die Fotos und die Beschreibung der Herstellungsart passen sich diesem mixtofreundlichen Trend aber nicht an – da werden dann plötzlich die Hornos und Tahonas gezeigt, die selbst für die hochwertigen 100%-Agave-Tequilas in der heutigen industrialisierten Massenproduktion nur noch in Ausnahmefällen genutzt werden. Gerade Mixtos werden in Autoklaven (erwähnt werden sie wenigstens!) und Stahlmühlen produziert; diese zu zeigen würde sich aber wahrscheinlich einfach nicht in das folkloristisch-touristische Restbild des Buchs einpassen, das gern über Kultur und Legenden salbadert.

Tequila - Kultur & Genuss Innenseite 2

Grundsätzlich wird Tequila stark exotisiert, als aromatisch seltsam hingestellt und dies immer wieder runtergebetet. Dass es schwierig sei, einen Tequila in einen Cocktail einzubinden („Drinks mit Tequila gehören für einen Barkeeper zum Kompliziertesten, denn der intensive Eigengeschmack…“) ist natürlich ebenso Nonsense – ein guter Tequila ist ein perfekter, leicht handzuhabender Cocktailspieler.

Ein paar weitere störende Punkte fallen mir noch ein, die sich aber in das grundsätzliche Konzept des Buchs dann gut einpassen: In einem Buch über die Spirituose Tequila brauche ich keine „Reisetips Mexiko“. Die Kochrezepte mögen ja vielleicht noch angehen, allerdings nehmen sie einen viel zu großen Anteil des Buchs ein (über 20%!) – insbesondere, weil gleichzeitig nur 5 Cocktailrezepte auf einer mageren Doppelseite angegeben werden, dazu noch recht offensichtliche. Margarita mit zwei Variationen, Tequila Sunrise und „El Diabolo“ – letzteres sollte wohl ein El Diablo sein, aber Spanisch ist halt nicht jedermanns Sache. Hochwertiges Deutsch übrigens aber auch nicht so wirklich: Der Schreibstil ist sehr prosaisch, Hauptsatz wird an Hauptsatz gereiht und es werden Phrasen gedroschen, dass es eine wahre Freude ist. Das kann Jürgen Deibel, Co-Autor des Buchs, den ich sehr schätze und der auf seinen Vorträgen wortgewaltig, eloquent und höchstunterhaltsam ist, eigentlich viel besser.

Ein Buch, das die Tequilawelt vor 10 Jahren gewiss gern gelesen hat (es erschien 2008 zum ersten Mal und wurde 2016 wiederaufgelegt) – heute wirkt es stilistisch altmodisch, inhaltlich veraltet und viel zu einseitig-herstellernah, als dass es als echtes Informationsmaterial (von Nachschlagewerk gar nicht zu sprechen!) funktionieren könnte. Das ist doppelt schade, denn der deutschsprachige Markt für Bücher über Tequila ist derart winzig, dass viele Leute es rein deswegen kaufen, weil es praktisch das einzige dedizierte Fachbuch über Tequila überhaupt ist. Immerhin mag es als Blick in die dankenswerterweise lang zurückliegende Vergangenheit dienen, als der 100%-Agave-Tequila noch nicht den Siegeszug angetreten hatte, dem wir heute viele Dutzend tolle und breit erhältliche Ausprägungen einer großartigen Spirituose verdanken.

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3 Gedanken zu “Tequilakunde für Anfänger – Tequila: Kultur & Genuss

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