Sierra Tequila Silver Mixto Titel

Agavenfusel? Sierra Tequila Mixto Blanco und Reposado

Für viele ist das Wort Tequila synonym zu Sierra Tequila. Kein Wunder, als Marktführer in Deutschland mit einem absolut unverkennbaren Markenzeichen, dem Hut auf dem Drehverschluss (nein, er ist keine Zitronenpresse und hat auch sonst keine Funktion außer zu dekorieren!), und einiger verrückter, einprägsamer Werbespots läuft die Marketingmaschine rund – und in jedem Supermarkt ist er, meist als einziger Tequila, zu finden.

Und dennoch kommt entgegen der Werbung oft die entsetzte Antwort, dass man natürlich keinen Tequila probieren will, wenn man Neulingen etwas vorsetzen will – denn sie kennen nur Sierra Tequila, und das meist aus einem Umfeld, in dem man keinen Schnaps gut erinnert: Billige mexikanische Imbissrestaurants, Saufparties, Studentengelage oder All-you-can-drink-Events, bei denen es eigentlich egal ist, was man trinkt, solange es knallt. Dieses Image belastet jeden Tequila in Deutschland bis heute, und Sierra trägt leider einen nicht unerheblichen Anteil daran, selbst wenn es vom Hersteller gar nicht unbedingt beabsichtigt sein muss.

Sierra Tequila Silver Mixto Flasche

Dass Sierra Tequila entsprechend für viele Tequilaconnoisseure mit „Rachenputzer“ gleichgesetzt wird, ist sehr schade und tut diesem Mixto (zu diesem Begriff siehe weiter unten mehr) etwas unrecht, denn so schlecht ist er nicht – ja, das ist kein Tippfehler. Manch einer mag sich erinnern, wie sehr ich den Blanco in einer früheren Version dieses Artikels runtergeputzt hatte („Bremsflüssigkeit“, „widerwärtig“ und „eklig“ waren von mir verwendete Wörter, für die ich mich eigentlich entschuldigen sollte). Nach einer von Schnapsfreunden praktisch erzwungenen Wiederbesichtigung dieses Brands hebe ich nun leicht zerknirscht die weiße Flagge und mache einen Teilfrieden mit Sierra Tequila.

Insgesamt und erneut betrachtet hat Sierra Tequila Mixto Blanco mit einem wahrhaft guten Tequila für mich persönlich aber immer noch nicht so arg viel zu tun außer dem Namen. Schon beim Öffnen der Flasche springt einem ein säuerlich-metallischer Geruch entgegen, der mit dem Duft, den ich sonst mit Tequila verbinde, nicht wirklich vergleichbar ist. Eine milde, sehr süße Obstfruchtigkeit ersetzt die sonst von mir geliebte würzige Agavennote. Im Geschmack ist es dann ähnlich – etwas metallisch, grasig, eine erkennbare Alkoholnote. Trotz seiner ansprechenden Weichheit und Cremigkeit ist er mir zu körperarm und flach, dafür mit einem angenehmen Feuer im Abgang. Letzterer ist sogar mittellang und recht prägnant, wenn auch leicht seifig. Man sieht, meine wilde, zornige Ablehnung habe ich etwas überdacht; ein gewisses Desinteresse ersetzt sie.

Sierra Tequila Blanco und Reposado (auch vereinfachend als „silber“ und „gold“ bekannt) fallen in die Kategorie der Mixtos, also der Tequilas, die nicht zu 100% aus Agavenzucker destilliert werden, sondern mit bis zu 49% auch aus anderen, dann halt praktisch immer billigeren, Zuckerarten wie Rohrzucker hergestellt werden kann. Das ist legal und im mexikanischen Tequila-Gesetz auch so geregelt: Es darf sich dann immer noch „Tequila“ nennen. Da der Geschmack natürlich von der Agave kommt, ist bei einem Mixto immer ein Einschnitt diesbezüglich zu erwarten. Meist werden Mixtos zur Kostenreduktion in Bars eingesetzt, und da der deutsche Kunde kaum weiß, wie ein Tequila zu schmecken hat, geht das auch meistens durch. Leider, denn man muss klar sagen: Ein Mixto, egal welchen Herstellers, ist eine Minderqualität des Tequila, mit der man sich nicht zufrieden geben sollte.

sierratequila-sortenZur Flasche – mir gefällt das Flaschendesign, ehrlich. Sierra lässt sich auch hin und wieder was neues einfallen, wie die komplett geschwärzten Sonderausgaben. Wenn sie nun noch Etiketten machen könnten, die nicht so arg simpel daherkommen (die etwas lasche Karikatur eines Mexikaners mit der Gitarre vor dem Kaktus), und diesen dümmlichen Sombrero von der Flasche nehmen würden, könnte ich mich mit dem Markenimage anfreunden. So passt sich einfach alles in das Saufgelage-mit-Quantität-statt-Qualität-Schema ein.

Leute, tut Euch den Gefallen, und kauft, selbst wenn es nur um die Wirkung geht, einen 100%-Agave-Tequila, den man für nur minimal mehr Geld bekommt – wenn man noch nie einen guten 100%-Agave-Tequila getrunken hat, wird man Bauklötze staunen, wie groß dieser Qualitätsunterschied ist. Wenn man unbedingt sparen muss und billigen Schnaps benötigt, wäre es aus meiner Sicht dann vielleicht sogar besser, komplett auf Tequila zu verzichten, denn Mixtos haben in der Regel auch ein schlechteres ökologisches Profil als 100%-Agave-Tequilas und andere negativen Eigenschaften, auf die man als moderner, interessierter Spirituosenfreund gern verzichtet.

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9 Gedanken zu “Agavenfusel? Sierra Tequila Mixto Blanco und Reposado

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