Sierra Spiced Titel

Mixto Undercover – Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada

Manchmal lassen wir uns als rechthaberische Quartalssäufer dazu hinreißen, eine spezielle Spirituose aus tiefstem Herzen zu verachten. Vielen Rumfreunden geht das mit Bacardi so, der Whisky-Connoisseur blickt auf Johnny Walker Red Label herunter, der Gin-Hipster verdreht bei Gordon’s die Augen. Auch bei Tequila gibt es ein Ziel vieler Hassattacken der Kenner, man ahnt schon, was es ist: Sierra. Persönlich lasse ich mich nur ungern von solchen oft unmotivierten Antipathien kontrollieren. Bacardi hat durchaus gute Produkte im Portfolio, und der vielgeschmähte weiße Rum ist so schlecht dann halt doch nicht. Ebenso bei Johnny Walker und Gordon’s – wenn man sich an deren Standardprodukte in der unteren Preisklasse wendet, sollte man halt wissen, dass man keine Geschmacksexplosionen erwarten darf, bekommt aber dennoch vernünftige Qualität.

Anders sieht die Situation für mich bei Tequila aus. Dort bekommt man bei dieser Art von Standardprodukten schon eine Geschmacksexplosion, aber nicht immer unbedingt im positiven Sinne. Die Mixtos von Sierra sind für mich beispielsweise unterdurchschnittlich. Andererseits stellt diese Firma auch sehr schöne 100%-Agaventequilas her. Da ist man als Spirituoseninteressierter, der sich gegen die oben angesprochene unterschwellige Ablehnung wehren und sich einigermaßen objektiv einem Schnaps gegenüber verhalten will, in einer Zwickmühle, wenn man ein neues Produkt dieser Firma im Regal findet: Soll man es riskieren, dem Hersteller erneute Chancen zu geben, oder es lieber sein lassen? Ich habe mich für das Risiko entschieden, und mutig und optimistisch den Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada in meinen Warenkorb gelegt.

Die Flasche verbirgt den Inhalt nicht – die Farbe gefällt schon von außen durch den blassgoldenen, strohigen Ton. Da laut Etikett Farbstoff im Spiel ist (wie bei vielzuvielen anderen Spirituosen auch), ist die Farbe allerdings eigentlich irrelevant für eine Bewertung; schade, dass sowas heutzutage noch sein muss – liebe Hersteller, der moderne Spirituosentrinker ist dahingehend geschult, dass man ihn nicht mit künstlicher Farbe täuschen muss!

Sierra Spiced Flasche

Bei vielen anderen Sierra-Produkten merkt man schon am Geruch, woran man ist. Der Sierra Spiced überrascht mich daher ganz enorm: sehr angenehm. Zurückhaltende Orange. Zimt, zwar nicht so wildzimtig wie bei einer anderen Zimtspirituose, dem Fireball-Whiskey, aber erkennbar.  Eine feine, blumige Tequila-Note scheint durch. Würzig und süß, floral und mild. Leichte Mineralität. Wenn man die Nase tief ins Glas hält, kriegt man eine leichte Schärfe zu riechen. Ich bin baff – der Geruch ist wirklich ausgesprochen angenehm; habe ich Sierra bisher in meinem Rundumschlag unrecht getan?

Das muss nun auch geschmacklich geprüft werden. Und hier zeigt dann der Sierra Spiced seine hässliche Fratze, die er geschickt unter Parfümduft verborgen hatte. Ein Zuckerschwall überflutet meinen Mund. Was schmecke ich? Zucker. Zucker und Zucker. Künstliches Orangenaroma. Künstlicher Zimt. Plastik. Bitter und sauer. Ein unangenehm seifiges Mundgefühl. Ein schlimmer Fuselgeschmack kommt zum Vorschein. Ich muss mich beim Verkosten zwingen, weitere Schlucke zu nehmen. Ein sehr unfeiner, bitter-saurer Abgang, mit oberflächlich zuckrigem Gaumenpapp, komplettiert die Zerstörung der Mundflora und -fauna. Eine leichte Mentholnote verbleibt; von Aromen her nur Zimt. Gottseidank ist der Abgang wenigstens recht kurz.

Da will man direkt ausrufen: Nein, ich habe Sierra bisher in meinem Rundumschlag nicht unrecht getan! Dieser Likör ist ein Graus; und das ganze ist noch tragischer, weil mich der wirklich fantastische Geruch auf eine Verbesserung dieses Herstellers hoffen ließ. Diese Hoffnung wurde jäh und brutal zerstört. Der Sierra Spiced sorgt darüber hinaus mit diesem ekligen Mundgefühl für ein neues Highlight in meiner nach unten offenen Liste der grausigsten Getränke.

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, diesen Likör wirklich extensiv oder gewinnbringend in Cocktails einzusetzen, dazu ist er viel zu eindimensional. Es gibt aber eine Zutat, die sich dann doch gut mit ihm verträgt, und seine gröbsten Schnitzer elegant ausbügelt, und daher empfehle ich, diesen Tequilalikör mal in einem Spiced Tequila and Tonic, oder kurz ST&T, auszuprobieren. Ein durchaus leckerer Longdrink.

ST & T (Sierra Spiced & Tonic)


ST & T
2 oz Sierra Spiced
…aufgießen mit Tonic Water (z.B. Fentimans Tonic Water)
…und mit einem Spritzer Angostura krönen.
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Basis dieses Spiced Tequila ist der hauseigene Reposado des Herstellers, der bereits selbst nur ein Mixto ist, d.h. nicht zu 100% aus Agavenzucker hergestellt wird: Mindere Qualität also bereits in der zugrundeliegenden Spirituose. Diese wird dann durch Zugaben auf 25% Alkohol runtergedrückt. Verbessert wird das ganze nicht durch die künstlichen Zimt- und Orangenaromen, und das Pfund Zucker, das wahrscheinlich drin ist; es ist klar, dass in einem Likör per EU-Verordnung mindestens 100g/L Zucker enthalten sind, daher wäre eine Messung meinerseits, die ich für Spirituosen, bei denen ich Zuckerzusatz vermute, gern durchführe, sinnlos. Doch ich kenne Liköre, und auch Crèmes (mindestens 250g/L Zucker), die trotz viel Zucker nicht dermaßen extrem und fast ausschließlich nach Raffinadezucker schmecken wie der Sierra Spiced.

Um mal auch was positives zu sagen: Die Flasche ist fantastisch, mit herrlichem Design, das ins Glas eingelassen ist, und einem hübschen Umhänger. Natürlich vernichtet der dümmlich-bescheuerte Hut auf der Flasche alles an Flair, das das Design durchaus hergeben würde – der Hersteller Sierra kann eben nicht aus seiner Haut. Wenigstens ist der Hut nicht rot, sondern minimal dezenter schwarz. Ich habe mich von dieser ausgesprochen attraktiven Flaschengestaltung und einem guten Preisangebot im örtlichen Globus-Markt ködern lassen und für die 0,7-Liter-Flasche im Sonderangebot 9€ bezahlt; selbst diese Reduktion vom UVP von 13€ rettet den Sierra Spiced nicht. Und die hübsche Flasche selbst kann man ja leider nicht trinken.

Sierra Spiced Angebot

Wer Zimtspirituosen mag, sollte sich lieber an Fireball Whiskey halten, der alles das richtig macht, was Sierra Spiced falsch macht. Selbst wenn ich zugestehe, dass ich Fireball nicht für eine wirklich hochwertige Spirituose halte, so ist der Sierra Spiced dann halt doch noch mehr als eine Stufe darunter.

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6 Gedanken zu “Mixto Undercover – Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada

  1. Vielen Dank für den Wagemut, Sierra noch eine (letzte?!) Chance zu geben!

    In meinem lokalen Supermarkt wurde er relativ schnell aus dem Sortiment genommen und für nur 6,49 – also halber Preis) konnte ich die zugegeben dekorative Flasche doch nicht stehen lassen. Wer vor geraumer Zeit seine Schnapsinitiation mit Tequila, Orangenscheibe und Zimtpulver (zugegebenermaßen damals noch schlimmerer Fusel als Sierra…) erlebt hat und danach nicht komplett die Finger davon gelassen hat, glaubt, mit dieser Komposition nicht allzuviel falsch machen zu können. Leider weit gefehlt…

    Ich kann deiner Rezension also vollumfänglich zustimmen, ebenso in Bezug auf den weißen Bacardi (Gordon´s empfinde ich hingegen persönlich als recht ordentlicher Durchschnitt).

    Diese Flasche wird also irgendwann zu vorgerückter Stunde einem jener ehemaligen Saufkumpanen in die Hand gedrückt, welche sich über das anfängliche Stadium der heiligen-Mixto-Dreifaltigkeit noch nicht emanzipieren konnten.
    Schön, dass es auch andere gibt, mit denen man dann die für gut befundenen Flaschen verkosten und genießen kann.

    Gefällt 2 Personen

  2. Gut geschrieben und zu Teilen, gehe ich mit dir mit. Als ich den Likör erstmals getrunken habe, baute sich in mir die Assoziation auf, dass in einer Diskothek „Sierra Reposado“ Party ist und alle ihre Zimt-verschmierten Angefressenen Orangenscheiben in einen Eimer schmeißen, in welchem versehentlich eine Flasche Sierra Reposado ausläuft. Würde man dEn Inhalt am nächsten Tag passieren und eine Tonne Zucker beigeben, hätte man das, was ich in diesem Moment schmeckte.

    Kurz und knapp, die zwei Liköre (der Sierra Café ist von ähnlichem Schlag) taugen von der Wurzel an nichts und rein gar nichts.

    Aber, und hier kommt mein kleines bis mittelschweres „aber“ – Der Sierra Antiguo Plata und die komplette, kürzlich gerelaunchte Sierra Milenario Serie ist wirklich nicht von schlechten Eltern. Der Plata ist in seinem Preissegment schwer zu attackieren und die Milenarios haben eine Schippe zugelegt. Wenn Sierra, dann einfach einen großen Bogen um die Disco-Pullen machen und einen Neustart anpeilen.

    Beste Grüße, Chris von http://www.Bar-Trends.de 😉👍🏼

    Gefällt 1 Person

    1. Hi Chris,

      vielen Dank für die Antwort. Tatsächlich habe ich von den Milenarios schon einige in einer Bar probiert und, wie Du, für gut befunden – der Sierra Milenario Extra Añejo gefällt mir sogar so, dass ich darüber nachdenke, mir eine Flasche davon zuzulegen; sie liegt zumindest schonmal auf meiner Amazon-Wunschliste. 🙂

      Manchmal muss man großmütig sein und dem schwarzen Schaf auch noch eine dritte Chance geben. Das ist dann aber wirklich die letzte! 🙂

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      1. Ja genau, schade nur, dass die Milenarios, die bereits auf dem Markt waren (vor dem relaunch) jetzt so verdammt teuer geworden sind.

        Der extra anejo ist wirklich gut, ich finde den neuen anejo aber etwas ausgewogener. Und sehr speziell ist auch der neue Milenario Fumado (geräuchert)

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