Kapverden zu Hause – M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha

M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha Titel

Literatur inspiriert. Daran besteht kein Zweifel, auch wenn es manchmal „nur“ recht banale Anreize sind, sich mit einer neuen, noch wenig bekannten Spirituosengattung auseinanderzusetzen. Die chinesische Literatur hatte mich zum Beispiel dazu gebracht, meine komplizierte Liebesgeschichte zu Baijiu zu beginnen; und Luca Garganos Buch „Nomade tra i barili“ drängte mich geradezu dazu, mit seiner poetischen Sprache und Lust aufs Fremde mich selbst als Armchair Explorer aufzumachen, eine Spezialität der Kapverdischen Inseln kennenzulernen: Den Grogue. Gargano schwärmt so begeistert über die native Spirituose dieser Inseln, dass mir der Zuckerrohrbrand nicht mehr aus dem Kopf ging.

Eine Flasche des M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha ist nun also mein erster Kontakt mit Grogue. Letztlich ist das ein Rum aus Zuckerrohrsaft, der schon seit es Zuckerrohr auf den Kapverden gibt dort gebrannt wird. Eine traditionelle Spirituose also – was nicht heißt, dass es nicht auch Destillier-Neueinsteiger gibt, wie man an der Firma Música e Grogue sieht, die erst 2017 gegründet wurde. Die allgemeinen Grundlagen für Grogue sind  dieselben wie für praktisch alle Zuckerrohrsaftspirituosen – das lokale Zuckerrohr wird geerntet, innerhalb kürzester Zeit gepresst und der Saft dann fermentiert. Für den M&G Grogue Velha wurde so ein Zuckerrohrwein aus den Sorten cana prêta und cana riscada hergestellt und 2017 destilliert und dann für 14 Monate in den Weinkellern des Brenners in Tarrafal de Monte Trigo auf der Insel Santo Antão in Eichenfässern gelagert, die zuvor französischen Wein aus Gaillac enthalten hatten. Man darf sich hier keinen industriellen Hersteller vorstellen, ganz im Gegenteil – nur 604 Flaschen ergab diese Reihe, denn der allermeiste Grogue auf den Kapverden wird ungereift konsumiert. Eine der raren Flaschen habe ich mir also gesichert, schauen wir mal, wie sich der kapverdische Brand im Glas schlägt. 

M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha

Der erste Eindruck ist überraschend – eine Mischung aus Portwein und mildem Essig, hätte ich gesagt. Dazu kommt eine gewisse Lacknote, und etwas Zitrusfrucht, Orange vielleicht, und erkennbare Ester. Kräuter sind da, eine Idee von Kerbel, und auch Gewürze, Kardamom vor allem. Eine süßlich-blumige Kopfnote schwebt über allem, mit etwas Vanille. Sehr interessant, und ungewohnt.

Weich und mild im Antrunk, süß, schokoladig, mildfruchtig. Schnell kommt aber eine pikante Würze dazu, Kardamom und Kerbel und sogar ein Anflug von Kümmel drücken nach oben, Zuckerrohrsaft und dunkler Kandiszucker unterstützen nun. Das Mundgefühl wechselt zu trocken, eine deutliche Bittere entsteht, Säure explodiert plötzlich und buttert die Süße unter. Eine sehr attraktive Mineralität entsteht, eine Erinnerung an Aquariumkies, Grasigkeit, dazu eine gewisse Salzigkeit und Pfeffrigkeit; eine tolle Vielschichtigkeit. Dabei bleibt der Grogue Velha klar und sauber, helltönig, Holzreifungsnoten sind nur vorsichtig da, Vanille hauptsächlich. 44% Alkoholgehalt geben Kraft, sind aber höchstens durch leichtes Prickeln spürbar. Eine selbst durchgeführte Zusatzmessung hat 0g/L ergeben.

M&G Rhum du Cap-Vert Grogue Velha Glas

Der Abgang ist süßbitter, dabei knackig trocken und nun doch sehr holzig und grün, ohne allzu astringierend zu werden. Der Nachhall ist sehr fruchtig, Johannis- und Brombeeren, Zuckerrohrsaft wird nun sehr prägnant, und hängt auch eine ganze Weile am Gaumen nach; in dieser Phase ähnelt der Grogue einer Cachaça sehr. Mit einem sehr kühlenden Rosenklang als Nachhall endet der Grogue erst sehr spät.

Ich empfinde das Gesamtbild als aufregend – ungewohnt, charaktervoll, einzigartig, komplex. Die naheliegende Verwandschaft zu Cachaça spürt man, sehr viel mehr als zu rhum agricole beispielsweise, dennoch wirkt der M&G Grogue Velha eigenständig genug. Das trinkt sich gut, ohne Anbiederung, für manche ist es allerdings wahrscheinlich etwas zu wild und zu kräuterig in der Komposition. Wer ungewöhnliche, neue Eindrücke bei Spirituosen mag, sollte aber auf jeden Fall einen Blick riskieren.

Als Rezept habe ich mir gedacht, dass ich ein Cachaça-Rezept adaptiere. Der Dummy Run ist ursprünglich für ungereifte Cachaça gedacht, der M&G Grogue Velha passt für mich persönlich noch besser dazu; Bananenlikör und Amaro geben Körper, der Rum die Würze für diese ungewöhnliche, aber extrem unterhaltsame Mischung – das ist ein Drink, von dem man gern direkt einen zweiten will.

Dummy Run Cocktail


Dummy Run
2 oz Cachaça (oder hier: Grogue Velha)
¾ oz Crème de Banane
½ oz Fernet
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Chaim Dauermann]


Die Flasche selbst ist unauffällig, das Etikett professionell, wenn auch etwas einfallslos gestaltet – aber was die Informationspolitik angeht, richtet man sich bei M&G offensichtlich eher an Transparenz aus, als an Geheimniskrämerei, was ich sehr gut finde – die Website des Herstellers bietet viele Informationen und Bilder der örtlichen Herstellung.

In Deutschland ist dieser Zuckerrohrsaftbrand aktuell noch nicht zu bekommen, ich habe ihn mir also aus Frankreich importiert. 40€ pro Dreiviertelliter ist nicht billig, aber für meinen persönlichen Geschmack für eine so interessante Spirituose angemessen, insbesondere, da sie laut eigener Aussage auf dem Rücketikett auch noch „fair“ hergestellt wird. Auch wird das Zuckerrohr ohne Dünger oder Pestizide angebaut. Dass man dabei für diese Nischenspirituose im Moment noch ordentlich drauflegt für den Export und die internationale Vermarktung, sieht man, wenn man Preise für Grogue vor Ort vergleicht; doch man muss als Spirituosenfreund immer bereit sein, finde ich, ein paar Euro extra zu zahlen, um Tradition und Handwerk in den Herkunftsländern zu unterstützen, wenn das auch nur ansatzweise geht.

Ich bin jedenfalls angefixt, habe noch ein Sample eines anderen, ungereiften Grogues zur Verkostung bereit, und eine Bestellung zweier weiterer Grogues direkt von den Kapverden ist auch schon am Laufen. Natürlich folgen dann entsprechende Artikel in Kürze!

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.