Blaue Monokultur – Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015

Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015 Titel

Zuckerrohr ist die Basis von Rum. Die meisten Rums werden aus Melasse, der bei der Zuckerproduktion entstehenden, dunklen, dickflüssigen Masse, hergestellt. Ein kleiner Teil der Rums wird allerdings auch aus dem frischen Saft des geernteten Zuckerrohrs produziert, insbesondere die franzöischen Überseedépartements sind dafür bekannt, man nennt das dort „rhum agricole“. Üblicherweise werden verschiedene Zuckerrohrsorten und Zuckerrohr von verschiedenen Feldern gemischt. Doch es gibt inzwischen auch diverse Hersteller, die sich bei der Sammlung des Rohmaterials für einige ihrer Brände auf einzelne Parzellen (Longueteau auf Guadeloupe, beispielsweise) oder einzelne Sorten Zuckerrohr konzentrieren – letzteres geschieht zum Beispiel bei dem Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015.

Der Name sagt es schon: Nur Zuckerrohr der Varietät Canne Bleue („blaues Zuckerrohr“ auf deutsch), die einen besonders hohen Zuckeranteil hat, wird hier eingesetzt. Clément betont, dass sie im Jahr 2001 die ersten waren, die diese Auswahl einer einzelnen Sorte für ein kommerzielles Produkt vornahmen. Man erhofft sich davon eine besondere Aromatik, die sich dann auch im Geschmack im Endprodukt zeigen soll – auf die Idee des Terroir, den Weinkennern wohlbekannt, wird hier natürlich auch für Spirituosen angespielt. Heute ist das schon weit verbreitet in der Diskussionswelt der Schnapsnerds, 2001 war es noch vergleichsweise visionär. Meine Jahrgangsflasche, 2015 gekauft, ist nun im Jahre 2021 geleert, ein guter Zeitpunkt für mich, noch einmal auf diesen Rum zu blicken.

Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015

Über die Farbe muss man nicht viel sagen, es gibt sie nicht. Die Konsistenz ist viskos, nicht ganz schwer, aber man sieht schon, dass der Rum sich dagegen wehrt, geschwenkt zu werden. Entsprechend ölig ist der Film, der an der Glaswand danach verbleibt, und sich zu dicken Beinen versammelt, bevor er abläuft.

In der Nase kommen zunächst sehr fruchtige Töne an, Limette, Ananas, Aprikosen, Kirschen, Quitten, alle in schon stark fortgeschrittenem Reifungszustand, irgendwie hat es was von einem gemischten Obstler. Da ist eine deutliche Malzigkeit, erinnernd an Pflaumenmarmelade, ohne dabei dunkeltönig zu werden. Im Gegenteil, eine frische Grasigkeit beherrscht das Gesamtbild, sehr viel Zuckerrohrsaft, und hier bewegen wir uns dann doch sehr weg vom oben noch erahnten Obstler.

Clément Canne Bleue Rhum Blanc Agricole 2015 Glas

Das initiale Mundgefühl bestätigt den beschriebenen optischen Eindruck erstmal, das liegt schwer und weich im Mund, mit viel natürlicher Fruchtsüße und -aromen. Da mag man zunächst denken, hmmm, das ist aber ein lieber Schmeichler, doch im Verlauf zeigt sich der Canne Bleue 2015 von einer ganz anderen Seite – er wird pfeffrig, eine deutliche Bittere entsteht aus dem malzig-grasigen Körper, gegen Ende entwickelt sich dann sogar eine eukalyptusähnliche, leicht minzige Komponente, die mich an ein scharfes Hustenbonbon erinnert. Trotz allem bleibt er dabei rund und voll, und weich von der Textur her – 50% Alkoholgehalt sind gar nicht ungewöhnlich für ungereifte Rums von Martinique und wunderbar eingebunden, ohne sich allerdings zu verstecken.

Der Abgang ist heiß, pfeffrig, scharf und die Zungenspitze anästhesierend. Ein leichter Plastikton kommt am Ende dazu, der sich dann in einen floralen Nachhall wandelt, wo Jasmin noch einige Minuten am Gaumen verbleibt. Ja, das ist stark und charaktervoll, ein Rum, den man sich in vielerlei Szenarien vorstellen kann und man in keinem davon enttäuscht wird.

Der Hersteller empfiehlt den Genuss in Cocktails. Natürlich trinke ich äußerst gern öfters mal einen Ti’Punch, also Rum mit Zucker und Limette, gerade dieser Rum funktioniert darin extrem hervorragend, aber es geht auch komplexer, ohne gleich kompliziert zu werden – der The The ergänzt dieses Grundmuster um grünen Jasmintee. So wird der Drink leichter, und bekommt diese florale Jasminnote, die ich persönlich liebe.

The The Cocktail


The The
1⅓ oz ungereifter Rhum Agricole
⅓ oz Zitronensaft
2 oz grüner Jasmintee
½ oz Zuckersirup
Auf Eis werfen.
[Rezept nach HSE/Caribbean BartenderZ]


Seit 2015 hat Clément jedes Jahr eine neue Auflage des Canne Bleue veröffentlicht, und jedesmal ändert sich das Flaschendesign. Immer betont man die Farbe blau, natürlich, und die Designer überlegen sich immer etwas neues, wie man die Flasche einzigartig macht. Mir gefällt das System gut, auch, dass man sich hier auf einen funktionalen Schraubverschluss festgelegt hat, bei Gebrauchsspirituosen eigentlich perfekt.

Ich habe oft über die Lernkurve bei französischen Rums geredet, und wie ich eine ganze Weile gebraucht habe, diese Art von Spirituose schätzen zu lernen. Inzwischen liebe ich sie, und empfehle jedem, diesen Weg auch zu gehen. Wer das getan hat und hungrig nach mehr ist, sollte dann auch einen Blick auf die Nachbarn auf Haiti werfen, Clairin ist dann noch eine Spur wilder und ungezähmter, aber deutlich verwandt, oder die von den Kapverden, mit Grogue hat man eine weitere, auch heute noch recht unbekannte Variante des Zuckerrohrsaftrums. Man sieht, auch wenn Rum aus Zuckerrohrsaft immer noch nur einen kleinen Teil des Rumweltmarkts ausmacht, es lohnt sich, in dieses Thema einzusteigen!

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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