Veganer Pechuga – Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Aromatisierte Spirituosen finden sich zuhauf in den Regalen der Spirituosenhändler – jede Gattung hat ihre eigene Art, mit dem Wunsch nach Abwechslung umzugehen. Scotch aromatisiert über Fassfinishes mit Sherry- und Portgeschmäckern (ja, für mich ist das Aromatisierung), manche Hersteller fügen ihrem Bourbon mehr oder weniger natürliche Honig- und Zimtaromen hinzu, und bei Rum gibt es mit Spiced Rum sogar eine eigene Kategorie für kaum mehr als Rum zu erkennende Produkte – bis zum völlig grenzenlos aromatisierten Vodka, den es in praktisch jeder Geschmacksrichtung gibt, die den Käufer ansprechen mag.

Auch bei Mezcal gibt es eine Kategorie, die sich mit zugegebenermaßen hin und wieder gewöhnungsbedürftigen Aromengebern schmückt. Pechuga ist in der bekanntesten Variante mit diversen Früchten, Gewürzen und Hühnerbrust aromatisiert – nicht mazeriert oder zum Endprodukt hinzugegeben, wie das bei den anderen oben erwähnten Beispielen geschieht, sondern vor einem weiteren, zusätzlichen Destillationsschritt, so dass nur nuancierte Feinheiten später in der Flasche landen, nicht überwältigende, das Destillat maskierende Aromen. Der Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca ist nun aber kein klassischer Pechuga, denn es wird hier in ein Destillat aus Espadín-Agaven statt der namensgebenden Hühnerbrust ein veganer Mix aus Mango und Habanero-Chilis gegeben.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Da die Mango und die Chilis erst vor der letzten Destillation zugefügt werden, kommt natürlich nichts des eventuell dadurch entstandenen Farbstoffs oder von Partikeln ins Endprodukt – entsprechend sehen wir einen glasklaren, ungetrübten und einschlussfreien, klaren Brand vor uns, der sich leicht schwer im Glas beim Schwenken bewegt.

In der Nase merkt man zunächst erstmal auch noch nichts von der Aromatisierung – da riecht man einen klassischen, leicht rauchigen, sehr würzigen Mezcal. Hm, ich revidiere – etwas Tropenfrucht ist vielleicht doch da, die gut zusammen mit der deutlichen Agavenfrucht spielt. Und leicht zwicken tut es auch, sind das die Habaneros? Beeren sind da, Birne vielleicht, ja, ein Anflug eines Williams-Christ-Birnenlikör. Ein sehr komplexes Geruchsbild, auf jeden Fall, und hochattraktiv dazu.

Im Mund überrascht der Mezcalosfera völlig: diese ungewohnte Mischung aus klassischen Mezcalgeschmäckern mit etwas Blumigen und Würzigen ist verrückt. Sehr trocken, extrem würzig, sehr breit und tief ist das in keinster Form etwas, wie wir uns landläufig aromatisierte Spirituosen vorstellen: vordergründige Honig- oder Zimtaromen machen normalerweise alles platt, was sonst da ist. Hier ist das nicht so, im Gegenteil. Die Mango ist allerhöchstens zu erahnen, die Habanero-Chilis ebenso, und doch sind sie im Gesamtbild irgendwie da, ohne dass man sie wirklich greifen könnte. Recht salzig, sehr umami, rauchig und vegetal wirkt das, mit Anflügen von Zitrus und Speck gleichzeitig. Sauer, wild und frech, dabei mit genug süßem Körper, um dagegen halten zu können und das Bild nicht kippen zu lassen. 46,6% sind gut gewählt und sorgen für zusätzliche Kraft.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca Glas

Der Abgang ist sehr lang und floral, supertrocken, etwas fleischig und rauchig, ohne dabei übermäßig zu überwältigen. Um es erneut zu betonen – das ganze wirkt nie aromatisiert oder künstlich. Die zusätzlichen Zutaten sorgen nur für weitere Tiefe und ein paar besondere Aspekte. Richtig gut gemacht und voller Charakter, selbst nach einigen Minuten hat man noch Aromen im Mund.

Diese Spirituosenkategorie ist normalerweise keine, die man üblich in Cocktails kombiniert, weil sie irgendwie schon etwas Rezeptiertes, Zusammengestelltes hat, und man die nur feinen Nuancen des besonderen Herstellungsprozesses damit nicht genug würdigt. Dennoch kann ich nicht widerstehen – diese leichte Erinnerung an Birnenlikör, die ich im Mezcalofera entdeckt hatte, ließ mich nach einem Cocktailrezept suchen, in dem Mezcal mit Birne kombiniert wird, um das ganze noch etwas zu definieren. Im Suzette au Bal ist der Mezcal nicht der Hauptdarsteller, dennoch sorgt er durch seine Eigenheit für ein tieferes Gesamterlebnis.

Suzette au Bal Cocktail


Suzette au Bal
1 oz Suze
½ oz Williams-Christ-Likör
½ oz Mezcal
⅔ oz Zitronensaft
⅓ oz Zuckersirup
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Alexandre Girard]


Ich bin ein Etikettenfreund. Ich lese gern Details auf Etiketten nach – und werde oft mit Marketingmüll allerlei Couleur belästigt, lese dann von legendären Familienmitgliedern, fantastischen Produktionsorten, geheimnisvollen Herstellungsweisen und Rezepturen, oder von der (für mich persönlich nicht wirklich nachvollziehbaren) Begeisterung, mit der ein Büroarbeiter sich einen obskuren Landesheiligen ausgesucht hat, der ungefragter und unfreiwilliger Namenspate für das neue Produkt sein darf. Gähn. Hier dagegen – eine Tabelle mit Details. Echten, harten Fakten. Agavenart, Höhenmeter, Ofenart, Dauer und Art der Fermentation, verwendetes Wasser, Zeitpunkt und Menge der Destillation. Und mehr. Das ist ein Traum – wenn ich wählen dürfte, alle Spirtuosenetiketten sollten genau so gearbeitet sein wie dieses. Transparenz pur, und mit nur 250 hergestellten Litern auch noch echtes traditionelles Handwerk. Da schmeckt mir der Schnaps gleich dreimal so gut: Bei mir trinkt der Kopf mit.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Mezcals.

Kurz und bündig – Miel de Tierra Mezcal Joven

Es gab eine Zeit, in der Mezcal recht neu in Deutschland war, in der man davon ausging, dass Mezcal immer superrauchig sein muss, und dass dies das Identifikationskriterium für guten Mezcal sei; in etwa wie die Torfigkeit bei Islay-Whiskys. Nun, das war ein Trugschluss. Tatsächlich ist extreme Rauchigkeit bei Mezcal eigentlich etwas, was der Kenner leise skeptisch sieht, denn sie dient oft genug dazu, die mittelmäßige Qualität des Destillats zu überdecken. Ein bisschen qualmen darf es aber schon, es ist einfach ein Ausdruck der Herstellungsweise im Erdofen. Wie sieht es diesbezüglich beim Miel de Tierra Mezcal Joven aus?

Miel de Tierra Joven Mezcal

„Joven“ ist die alternative Bezeichnung für ungereiften Mezcal (in der Norma, die alles regelt, was Mezcal angeht, sind „joven“ und „blanco“ gleichwertig). Erwartungsgemäß ist dieser Mezcal völlig transparent und ohne Fehler klar. Er bewegt sich dennoch mit einer gewissen Schwere im Glas, ohne dabei aber ölig zu wirken. Am Glasrand entstehen dicke Beine. Die Nase ist agavenlastig, mit einem Hauch Glasreiniger. Blumig, nach Jasmin und Lavendel. Mineralische Noten, nach Kalk, Kies und Beton. Kein Rauch, etwas, was wie gesagt viele Leute mit Mezcal assoziieren.

Hat mich die Nase noch etwas an Tequila erinnert, ist der Geschmack im Antrunk dann doch anders – erdiger, mineralischer, trockener. Agave, Honig, Karamell – sehr süß und weich, recht breit, aber ohne große Tiefe. Etwas Birne, ein Anflug von Minze. Etwas später wandelt es sich zu deftiger Würze, mit Tabak- und Holznoten, schwarzem Tee und einem prickelnden, milden Feuer. 40% Alkoholgehalt sind nicht erkennbar. Der Abgang ist mittellang, herbbitter, immer noch mit einer unterschwelligen Süße kombiniert. Grasigkeit klingt nach, ein wenig Wintergrünöl, und ganz am Ende etwas metallisch im Nachhall.

Ein schöner, milder, aber dennoch nicht langweiliger Mezcal, der wieder einmal beweist, dass es ungereifte Spirituosen gibt, die sich von der Spannung und der Aromatik nicht hinter jahrelang gereiften Bränden verstecken müssen. Mir fehlt etwas Körper und Tiefe für die endgültige Begeisterung – dennoch ein schöner Brand. Ich bin sehr gespannt auf die gereiften Varianten, die in der Verkostungspipeline schon bereit stehen.

Wo die Liebe hinfällt – Mezcal Amores Joven

Neulich, im Galeria Kaufhof in Saarbrücken, traf ich auf einen Werbungsstand. Meistens bieten solche Testverkostungsstände nichts wirklich interessantes für mich, und ich schleiche mich vorbei, bevor die Werber mich in ihre gierigen Fänge bekommen. Diesmal war es anders – der Stand bot eine neue Sorte Mezcal an. Manchmal muss man halt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.

Der gutgekleidete Mexikaner, ein Markenbotschafter für den angebotenen Álvaro Carrillo Mezcal, war erstmal ganz baff, dass ich überhaupt wusste, was er da anpreist – Mezcal ist in Deutschland noch ein Fremdkörper. Und als ich nach ein, zwei Gläschen des feinen Stoffs zugab, bereits zwei Sorten Mezcal mein eigen zu nennen, fragte er neugierig nach, welche Sorten das seien. Als ich ihm den Namen Mezcal Amores Joven nannte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Nun will ich nicht deuten, was dieses Lächeln bedeutet, für mich nehme ich es einfach als Anerkennung dafür, mich mit einer der ursprünglichen Spirituosen seiner Heimat zu beschäftigen. Und vielleicht auch als Hinweis, dass es keine schlechte Marke ist, die ich mir da ausgesucht habe.

mezcalamores-flascheWie für Mezcal üblich, kommt erstmal der Rauch in die Nase. Abgebrannte Autoreifen, Teer, eine Plastiknote, vielleicht neues Leder. Thymian und ähnliche Kräuternoten kommen dazu. Für jemand, der zum ersten Mal Mezcal riecht, ist das garantiert eher unangenehm. Ein Geruch, den man erst mit der Zeit schätzen lernt.

Auch im Mund liegt der Rauch, der durch die Produktionsweise in das Destillat übergeht, über allem: Die piñas (Herzen) der Espadín-Agave werden in Erdgruben tagelang gekocht und dabei geräuchert. Eine süßsaure Würze, sehr erdig und deftig, überzieht entsprechend den Gaumen. Geräucherter Speck, mildes Chili und grünpflanzliche Aromen belegen die Zunge. Das feurige Temperament bleibt lange im Mund, kitzelnd und brummend, dafür ist der Abgang, nach all diesen herben Eindrücken, überraschend mild: Ein leichtes gefühltes Zischen begleitet den Mezcal Amores durch die Speiseröhre, danach nur noch Wärme. Insgesamt spürt man praktisch überhaupt nichts von den 41% Alkohol – das Kitzeln im Mund ist Würze, nicht Alkoholbrennen. Am Ende bleibt nur eine durchdringende Süße und der Rauch übrig.

Das alles hört sich sehr extrem an. Doch wenn man schon den einen oder anderen Mezcal probiert hat, und sich nun dem Amores zuwendet, sieht man, dass er trotz der ostentativ vorgetragenen Wucht im Herzen eigentlich ein Softie ist; die erst am Ende durchschlagende Süße und Wärme macht dem Namen dieser Spirituose alle Ehre. Der Mezcal ist halt ein echter südmexikanischer Macho: Rauhe Schale, weicher Kern. Doch im Vergleich zu seinem mittelmexikanischen Onkel aus Jalisco, dem Tequila, ist der Oaxacaner nicht der Typ, der seine Herzensdame mit einem Ständchen unterm Balkon zu beeindrucken sucht, sondern fährt stattdessen unrasiert und langhaarig mit der Harley in Lederklamotten vor.

Ähnlich wie die torfig-rauchigen Scotches von der Insel Islay bewegt man sich auch beim Mezcal in Cocktails auf dünnem Eis – schnell schlägt die Rauchgranate dermaßen zu, dass nichts dagegen ankommt. Ein geheimnisvoller, rauchig-aromatischer Nazca Sazerac aber bindet den Rabauken in ein waberndes Gesamtbild ein.

nazcasazerac-cocktail


Nazca Sazerac
1 ½ oz Pisco (z.B. Pisco Barsol)
1 oz Mezcal Amores
¼ oz Ruby Port
¼ oz Zuckersirup

Das Glas mit Absinth aromatisieren, wie bei einem Sazerac


Das 200ml-Fläschchen, erworben für 13€, gefällt mir gut. Handschriftlich sind Abfülljahr, Charge und der Maestro Mezcalero auf dem edel-zurückhaltenden Etikett eingetragen. Eine sehr hübsche Präsentation mit Echtkorken und Holzstöpsel, eine gelungene Verkleinerung der ebenso erhältlichen 700ml-Flasche.

Smoke on the Water – San Cosme Mezcal

Meine Kollegen im Büro grillen gern. Nein, das ist nicht richtig – sie sind BBQ-Fanatiker, die sich stundenlang über ausgefallene Fleischsorten, Rubs, Ribs, Kohlenanordnungen und Apfelsaftbesprayung des Grillguts unterhalten können. Ich bin mir sicher, für diese Kerle ist Mezcal wie gemacht – auch der San Cosme Mezcal.

san-cosmeWer Spirituosen, die einen schon beim Öffnen der Flasche mit ultra-rauchigen Aromen anspringen, interessant findet, ist beim Mezcal genau richtig. Jeder Islay-Whisky, den man kennt, ist ein zartes Pflänzchen gegen die qualmende Wucht des Mezcal. Dabei ist er glasklar – aber nur von der Farbe her. Im Mund ist er tiefdunkel, ölig, massiv. Fat Washing (also das Übertragen von fettgebundenen Aromen, wie Pfannkuchen-, Entenfett- oder Walnussgeschmäckern, auf Spirituosen) ist gerade in bei Mixologen, doch das bringt Mezcal schon von sich aus mit: Speck, angebranntes Fleisch, gegrillte Heuschrecken.

Ich bin mir sehr sicher – das polarisiert, das ist nichts für jeden. Es gibt Kenner, die den San Cosme als einen „milden“ Mezcal beschreiben; diesen muss ich  meinen Respekt zollen: Mehr Tabak, Leder, Qualm und brennende Autoreifen könnte ich nur mit Mühe verkraften. Vielleicht riskiere ich noch einen Blick auf einen anderen Mezcal, wie den Del Maguey Vida, aber zwei Flaschen dieses mexikanischen Räucherwerks im Haus… na, da bleib ich doch lieber erstmal beim duftig-floralen Tequila, mit dem ein Mezcal geschmacklich nur am Rande etwas zu tun hat, obwohl sie aus derselben Pflanze (aber unterschiedlichen Arten: Tequila aus der Blauen-Weber-Agave, Mezcal aus der Espadín-Agave) hergestellt werden.

Persönlich finde ich den bacon-rauchigen Geschmack des Mezcals etwas drängelnd, Purtrinken ist zwar durchaus möglich und in gewissen Situationen auch ansprechend, aber dazu muss man „in the mood“ für solche starken, strengen Mundgefühle sein. Weswegen der Cocktail Los Muertos es genau richtig macht, und mit den Fruchtaromen von Zitronensaft, Cointreau und Absinth das Geschmacksbild etwas aufhellt – so trinkt sich der San Cosme Mezcal sehr süffig und, überraschenderweise, erfrischend.losmuertos-cocktail


Los Muertos
1 oz San Cosme Mezcal
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Cointreau
½ oz Zitronensaft
1 Spritzer Zuckersirup
1 Barlöffel Absinth (z.B. Absinthe Emanuelle)


Eine unauffällige Flasche wird durch ein sehr auffälliges Etikett aufgehübscht. Der Korken war bei meiner Flasche etwas undicht, und das hätte fast das Auto meines Kollegen in einen amerikanischen Smoker verwandelt, auf dem Rückweg vom Großhandel Metro, in dem es diesen Mezcal für 28€ zu kaufen gab.
san-cosme-etikett Eine hochinteressante, spannende, starke, erdige, bodenständig-unraffinierte Spirituose – ich hoffe, in Zukunft auch in Cocktailbars davon zu hören. Natürlich wird sie es dabei schwer haben, mit all den Rauchverboten.