Kurz und bündig – Velier Royal Navy Very Old Rum

Velier ist ein Vorreiter, was Transparenz bei Rum angeht. Das Etikett des Velier Royal Navy Very Old Rum ist dafür ein Beispiel. Darauf findet man alles in klarer Sprache, was den echten Rumfreund interessiert. Die einzelnen Blendbestandteile werden aufgelistet (Trinidad, Caroni, 20 Jahre Tropenreifung; Guyana, Demerara, 15 Jahre Kontinentalreifung; Jamaica, Pure Single Rums, mehr als 12 Jahre Tropenreifung). Das gewichtete Alter, in diesem Fall also 17,42 Jahre. Zu guter letzt noch Ort des Blending und der Abfüllung – Schottland. Es ist so angenehm, so ein Etikett zu lesen, auf dem nicht mit Marketingluftschlössern und den abgeschmackten Piraten und anderen Fantasiepersonen geschwurbelt wird, sondern handfeste Informationen geliefert werden. Doch was ist mit dem Rum selbst?

Velier Royal Navy Very Old Rum

Dunkles, kräftiges Terracotta, mit orangefarbenen Anklängen. Ungefärbt ist er laut Deklaration, das gefällt mir als Zusatzverweigerer jeder Art. Im Glas scheint der Velier Royal Navy Very Old Rum leicht, bewegt sich ohne Mühe oder Schwere. Dabei entstehen äußerst viele, sehr eng aneinanderliegende, langsam ablaufende Beine. Beim langsamen Schwenken verbreitet sich auch der Geruch über das Glas hinaus. Sehr prägnant, mit vielen teerigen, schmutzigen Noten, darunter schwere Frucht aus Banane, überreifer Ananas und ebensolchem Pfirsich, Rosinen. Etwas Portwein, vielleicht Amarone. Darunter wiederum Malz, Melasse und richtig viel Vanille. Für mich persönlich archetypisch Rum – ein Wunschduft für einen Lufterfrischer. Ein leichtes Beissen in der Nase warnt davor, die Nase zu tief ins Glas zu halten.

Sehr trocken im Antrunk, sehr schokoladig, dunkelmarzpanig, bitterorangenfruchtig. Trotz der Trockenheit dominiert eine natürliche Süße, die allerdings nicht den feurig-wilden Charakter übertönt. Milde Ester, einiges an Fusel, viel Hefe, manch einer wird sich daran stören; doch das ist Rum, nicht die breitgeklatschte, zermantschte Solera-Eintagsfliege auf der Muggeplätsch, sondern die stolze Hornisse, die sich wehrt. Da gibt es viel zu entdecken, der Blend aus Jamaica, Guyana und Trinidad ist deutlich in all seinen Komponenten erkenn- und erforschbar. Diese Komplexität geht aber keineswegs zu Lasten der Trinkbarkeit, selbst die hohe Alkoholstärke von 57,18% (Navy Strength eben) ist zwar deutlich spürbar, aber klasse eingebunden. Der Abgang ist glühend heiß, lang, effektvoll. Fuselnoten hängen lange nach. Die Wärme klingt dafür umso langsamer ab. Es bleibt eine schwere Süße am Gaumen.

Ein wirklich höchstattraktiver Rum für Leute, die echten Rumgeschmack mögen. Hier findet sich ein wirklicher Querschnitt durch die britischen Rumkolonien, mit allem, was ihn auszeichnet, und ihn für mich zum quintessenziellen Rumgeschmack macht. Natürliche Süße, natürliches Feuer, natürliche Aromatik – ein Rumfeuerwerk, wie ich es liebe. Der Preis des Velier Royal Navy Very Old Rum ist letztlich das einzige, was mich abhält, diesen Rum bedingungslos jedem zu empfehlen – wer es sich aber leisten kann, sollte sich eine Flasche davon in die Hausbar holen. Denn eines ist klar: Wert ist er es.

Veganer Pechuga – Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Aromatisierte Spirituosen finden sich zuhauf in den Regalen der Spirituosenhändler – jede Gattung hat ihre eigene Art, mit dem Wunsch nach Abwechslung umzugehen. Scotch aromatisiert über Fassfinishes mit Sherry- und Portgeschmäckern (ja, für mich ist das Aromatisierung), manche Hersteller fügen ihrem Bourbon mehr oder weniger natürliche Honig- und Zimtaromen hinzu, und bei Rum gibt es mit Spiced Rum sogar eine eigene Kategorie für kaum mehr als Rum zu erkennende Produkte – bis zum völlig grenzenlos aromatisierten Vodka, den es in praktisch jeder Geschmacksrichtung gibt, die den Käufer ansprechen mag.

Auch bei Mezcal gibt es eine Kategorie, die sich mit zugegebenermaßen hin und wieder gewöhnungsbedürftigen Aromengebern schmückt. Pechuga ist in der bekanntesten Variante mit diversen Früchten, Gewürzen und Hühnerbrust aromatisiert – nicht mazeriert oder zum Endprodukt hinzugegeben, wie das bei den anderen oben erwähnten Beispielen geschieht, sondern vor einem weiteren, zusätzlichen Destillationsschritt, so dass nur nuancierte Feinheiten später in der Flasche landen, nicht überwältigende, das Destillat maskierende Aromen. Der Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca ist nun aber kein klassischer Pechuga, denn es wird hier in ein Destillat aus Espadín-Agaven statt der namensgebenden Hühnerbrust ein veganer Mix aus Mango und Habanero-Chilis gegeben.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca

Da die Mango und die Chilis erst vor der letzten Destillation zugefügt werden, kommt natürlich nichts des eventuell dadurch entstandenen Farbstoffs oder von Partikeln ins Endprodukt – entsprechend sehen wir einen glasklaren, ungetrübten und einschlussfreien, klaren Brand vor uns, der sich leicht schwer im Glas beim Schwenken bewegt.

In der Nase merkt man zunächst erstmal auch noch nichts von der Aromatisierung – da riecht man einen klassischen, leicht rauchigen, sehr würzigen Mezcal. Hm, ich revidiere – etwas Tropenfrucht ist vielleicht doch da, die gut zusammen mit der deutlichen Agavenfrucht spielt. Und leicht zwicken tut es auch, sind das die Habaneros? Beeren sind da, Birne vielleicht, ja, ein Anflug eines Williams-Christ-Birnenlikör. Ein sehr komplexes Geruchsbild, auf jeden Fall, und hochattraktiv dazu.

Im Mund überrascht der Mezcalosfera völlig: diese ungewohnte Mischung aus klassischen Mezcalgeschmäckern mit etwas Blumigen und Würzigen ist verrückt. Sehr trocken, extrem würzig, sehr breit und tief ist das in keinster Form etwas, wie wir uns landläufig aromatisierte Spirituosen vorstellen: vordergründige Honig- oder Zimtaromen machen normalerweise alles platt, was sonst da ist. Hier ist das nicht so, im Gegenteil. Die Mango ist allerhöchstens zu erahnen, die Habanero-Chilis ebenso, und doch sind sie im Gesamtbild irgendwie da, ohne dass man sie wirklich greifen könnte. Recht salzig, sehr umami, rauchig und vegetal wirkt das, mit Anflügen von Zitrus und Speck gleichzeitig. Sauer, wild und frech, dabei mit genug süßem Körper, um dagegen halten zu können und das Bild nicht kippen zu lassen. 46,6% sind gut gewählt und sorgen für zusätzliche Kraft.

Mezcalosfera Espadín Destilado con Mango y Chile Habanero by Mezcaloteca Glas

Der Abgang ist sehr lang und floral, supertrocken, etwas fleischig und rauchig, ohne dabei übermäßig zu überwältigen. Um es erneut zu betonen – das ganze wirkt nie aromatisiert oder künstlich. Die zusätzlichen Zutaten sorgen nur für weitere Tiefe und ein paar besondere Aspekte. Richtig gut gemacht und voller Charakter, selbst nach einigen Minuten hat man noch Aromen im Mund.

Diese Spirituosenkategorie ist normalerweise keine, die man üblich in Cocktails kombiniert, weil sie irgendwie schon etwas Rezeptiertes, Zusammengestelltes hat, und man die nur feinen Nuancen des besonderen Herstellungsprozesses damit nicht genug würdigt. Dennoch kann ich nicht widerstehen – diese leichte Erinnerung an Birnenlikör, die ich im Mezcalofera entdeckt hatte, ließ mich nach einem Cocktailrezept suchen, in dem Mezcal mit Birne kombiniert wird, um das ganze noch etwas zu definieren. Im Suzette au Bal ist der Mezcal nicht der Hauptdarsteller, dennoch sorgt er durch seine Eigenheit für ein tieferes Gesamterlebnis.

Suzette au Bal Cocktail


Suzette au Bal
1 oz Suze
½ oz Williams-Christ-Likör
½ oz Mezcal
⅔ oz Zitronensaft
⅓ oz Zuckersirup
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.
[Rezept adaptiert nach Alexandre Girard]


Ich bin ein Etikettenfreund. Ich lese gern Details auf Etiketten nach – und werde oft mit Marketingmüll allerlei Couleur belästigt, lese dann von legendären Familienmitgliedern, fantastischen Produktionsorten, geheimnisvollen Herstellungsweisen und Rezepturen, oder von der (für mich persönlich nicht wirklich nachvollziehbaren) Begeisterung, mit der ein Büroarbeiter sich einen obskuren Landesheiligen ausgesucht hat, der ungefragter und unfreiwilliger Namenspate für das neue Produkt sein darf. Gähn. Hier dagegen – eine Tabelle mit Details. Echten, harten Fakten. Agavenart, Höhenmeter, Ofenart, Dauer und Art der Fermentation, verwendetes Wasser, Zeitpunkt und Menge der Destillation. Und mehr. Das ist ein Traum – wenn ich wählen dürfte, alle Spirtuosenetiketten sollten genau so gearbeitet sein wie dieses. Transparenz pur, und mit nur 250 hergestellten Litern auch noch echtes traditionelles Handwerk. Da schmeckt mir der Schnaps gleich dreimal so gut: Bei mir trinkt der Kopf mit.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples dieses Mezcals.

Sex sells (solange er hetero ist) – Bulleit and Beer Limited Edition

Seit 25 Jahren ist Homosexualität in Deutschland straffrei; 1994 wurde §175 vollständig abgeschafft. Wir als Gesellschaft sind dennoch noch richtig weit davon entfernt, die vielen Formen von sexueller Identität, die es gibt, als naturgegeben zu akzeptieren. Kaum etwas ist mehr durchdrungen von Angst, Unwissen, einfach nur Dummheit und Doppelmoral. Selbst hochrangige Politikerinnen reißen unter lautem Gelächter ihre platten Stammtischwitze über Transgender, oder sind lesbisch und polemisieren dann, wenn es dem Wählerwillen passt, gegen die Ehe für Alle. Gleichzeitig werden in Deutschland jedes Jahr knapp über 300 Vergehen angezeigt, die aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung geschehen und darum als Hassverbrechen eingestuft werden – das klingt erstmal nach nicht viel, doch die Dunkelziffer ist dabei extrem hoch, um die 90%. Die Täter können aufgrund vieler Aspekte damit rechnen, ungestraft durchzukommen. Und das in einem fortschrittlichen, offenen Land wie Deutschland – über andere Länder, in denen sogar erst vor kurzem die Todesstrafe für Homosexualität eingeführt wurde, sollten wir vielleicht lieber gar nicht erst nachdenken.

Wir als Konsumenten von Spirituosen machen uns selten Gedanken über das Umfeld, in dem ein Produkt entsteht. Ich bin zugegebenermaßen zufrieden, wie sich die Diskussion um Zusatzstoffe in Spirituosen, Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren zumindest unter den fortgeschrittenen Spirituosenfreunden entwickelt hat – und auch viel mehr interessierte Käufer achten auf derartige Aspekte bei ihren Entscheidungen. Für mich persönlich ist der Kauf der Bulleit and Beer Limited Edition auch etwas, über das man vorher nachdenken sollte. Nicht wegen den Produkten an sich, die sind schon in Ordnung, doch ist Firmengründer Tom Bulleit homophob, und zwar so weit, dass er seine eigene Tochter aus der Familie und (nach eigenen Aussagen, denen vom Mutterkonzern Diageo allerdings widersprochen wird) auch aus der Firma gedrängt hat, weil sie lesbisch ist – ihre Partnerin wird bei Familienfeiern ignoriert, ihre Arbeit im Nachhinein schlecht geredet, und diverse andere still diskriminierende Aktionen durchgeführt, die Hollis B. Worth das Leben schwer machen. Leider habe ich die bedrückende Geschichte hinter diesem Whiskey erst nach dem Kauf des hier vorgestellten Sets erfahren, sonst hätte ich davon Abstand genommen. Man lese die Besprechung hier also definitiv nicht als Werbung, sondern im Gegenteil als Hinweis dahingehend, dass man bei Bulleit nicht nur einen Schnaps kauft, sondern auch einen homophoben Geschäftsführer im Amt hält. Jeder sollte seine eigenen Schlüsse ziehen, und da Worth selbst nicht zum Boykott aufruft, will ich das auch nicht tun – die Geschichte ist es aber wert, zumindest zum Nachdenken aufzurufen. Nun aber zum Produkt selbst.

Bulleit Bourbon and Beer Tragerl

Im Tragerl, das speziell für dieses Set designt ist, ist eine breite Aussparung für die Bourbon-Flasche und vier Plätze für die Bierflaschen. Es handelt sich beim Bier durchweg um kleine deutsche Craft-Hersteller, die dem Bierfreund allesamt schon mehr oder weniger gut bekannt sein sollten – BRLO, Landgang, Überquell und Superfreunde.

Das Set, das es für rund 40€ zu kaufen gibt, enthält eine Flasche der limitierten Bulleit Bourbon Tattoo Edition. Außer dem Flaschendesign besteht kein Unterschied zum normalen Bulleit Bourbon. Es wird auch nichts über den Umfang der Limitierung ausgesagt, ich gehe davon aus, dass wir hier eher über viele Tausende Flaschen und eine zeitliche Limitierung reden als über eine echte Flaschenzahlbegrenzung. Die „Tattoos“ auf meiner Flasche wurden von Jess Mascetti, einer Tätowiererin aus New York, gestaltet – man muss genau hinschauen, um gegen den dunklen Bourbon Details zu erkennen, dazu sind die Vorder- und Rücketiketten darüber geklebt, was einen Großteil überdeckt; das wirkt etwas undurchdacht, wertet die Flasche aber trotzdem durchaus auf.

Bulleit Bourbon Tattoo Edition

Zum Bourbon an sich gibt es für mich aus gegebenem Anlass also nicht viel mehr zu sagen als das, was ich bereits in meiner frühen Rezension beschrieb, einer der ersten auf meinem Blog (man ist selbst immer wieder erstaunt, wie man sich sowohl als Schreiber als auch Verkoster weiterentwickelt) – der Bulleit ist ein roggenlastiger Bourbon mit ordentlichen 45% Alkoholgehalt, der in seiner Süße zu überzeugen weiß.

Kommen wir daher direkt zu den Bieren. Das Nachreifen von Bier in Whiskyfässern konnte ich nun schon bei diversen Brauern nachvollziehen, ich finde, dass es Bier eine ganz besondere Note gibt, die ich persönlich sehr mag – wenn es gut gemacht ist. Für die vier hier präsentierten Biere ist noch zu erwähnen, dass es sich bei dreien um zusätzlich noch aromatisierte Biere handelt, beziehungsweise eins sogar ein Mischgetränk ist; ich stehe natürlicher Aromatisierung nicht negativ gegenüber, dazu gibt es zuviele uralte Rezepturen, die nur in der industriegetriebenen Vermarktung eines Pseudo-Reinheitsgebots verloren gegangen waren.

So ähnelt die Zutatenliste des Überquell Julebryg Barrel Aged beispielsweise einem Witbier, Weizenmalz, Koriandersamen und getrocknete Orangenschalen sind typisch für diesen Stil. Aromatisch muss das 2017 gebraute und dann auf unbestimmte Zeit fassgereifte Bier natürlich dann ganz anders als das leichte, frische Witbier sein – oder? Ich sage schonmal vorab: nicht wirklich.

Überquell Julebryg Barrel Aged

Selbst wenn man das Bier gegen Licht hält, fallen nur leichte Farbänderungen auf – das dunkle Braun ist fast blickdicht. Perlage ist nicht erkennbar, der grobblasige Schaum, der zu Beginn schon nur dünn ist, verschwindet schnell vollständig. In der Nase riecht man Zitrusfrucht, Limettenschale, aber auch direkt Whiskyfassnoten von Holz und Vanille. Etwas Banane vielleicht noch. Der Antrunk ist sehr unerwartet sauer, das hätte ich durchaus als Gose durchgehen lassen. Eine verrückte Mischung aus Gewürz-, Whisky-, Sauerbier- und Fruchtnoten durchtanzt den Mund. Die Säure dominiert bis zum sehr bitteren Schluss, wo im Abgang dann tatsächlich Sternanis auftaucht. Dieser und Muscovadozucker geben aber nicht wirklich eine weihnachtliche Note dazu („Julebryg“ ist eigentlich ein dänisches Weihnachtsbier), sondern mehr Würze, und die Hopfensorten East Kent Golding, Perle, Mosaic und Sorachi Ace sorgen für Fruchtpower. 8,0% Alkoholgehalt bringen festliche Feierlaune. Da ist viel Spannung und Unruhe in diesem Bier, die Fassreifung bringt nur etwas Tiefe und unterschwellige würzige Süße sowie Bourbonaromen im Nachhall dazu. Persönlich finde ich es sehr ungewöhnlich, ein Sauerbier fasszureifen – aber, wie man hier sieht, birgt selbst das viel Potenzial, auch wenn man Sauerbier sicher mögen muss, um das Julebryg Barrel Aged zu schätzen. Die Kombination aus sehr rezenter Frische mit frecher holziger Bittere gefällt zumindest mir mit jedem Schluck mehr.

Auch im BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout findet sich eine unerwartete Zutat: Rosinen. Das passt sicherlich zum dunklen, schweren Bier, das dazu noch drei Monate in Bourbonfässern ruhte. Mit 12% Alkoholgehalt ist es das stärkste der vier Biere hier, und sicherlich auch das dunkelste – es fehlt fast nichts zur totalen Schwärze, der feine, cremafarbene Schaumkranz am Glasrand hellt das ganze nur leicht auf, auch wegen der starken Öligkeit. BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout

Extrem feinperliges Mousseux, das man trotz der völligen Blickdichte erkennen kann, speist ihn eine ganze Weile lang. Im Unterschied zu einem ungereiften Imperial Stout finde ich hier deutliche Holz- und Vanillenoten, die Süße des Bourbon ist hier schon spürbar. Sahne, Latte Macchiato, milde Kaffeeröste, deutlich geröstetes Malz – ein sehr süßlich-runder Geruch. Auch das Mundgefühl sortiert sich so ein, das fühlt sich an wie ein Milchkaffee mit Doppelrahmstufe oben drauf. Sehr fett und breit. Knallige 80 IBU aus dem Herkules-Bitterhopfen sind für ein Imperial Stout nicht ungewöhnlich, machen sich aber erst im langen Abgang bemerkbar, der interessanterweise mit Wintergrünöl ziemlich blumig wird. Die Aromatik ist natürlich sehr dunkel, die Rosinen tun ihren Teil dazu, für Trockenfruchteindrücke zu sorgen, die die ansonsten dominierenden Röstnoten und Nussigkeit etwas auflockern. Ganz klar ist die Bourbonfassreifung erkennbar, sowohl die Holzigkeit als auch die typischen Bourbongeschmäcker meine ich zu erkennen. Den üppigen Alkoholgehalt spürt man tatsächlich, da ist viel Hauch im Abgang. Das ist ein Bier, das ich als Dessert empfehle, das Milchspeiseeis, Kaffee und Digestif in einem kombiniert. Sehr gelungen gerade in der Milde, die Kratzigkeit, die ich bei einigen anderen Imperial Stouts immer wieder finde, ist hier völlig abwesend.

Einen Schritt zurück, aber nur einen kleinen, machen wir mit dem nächsten Bier: Das Landgang Hop the Barrel Barley Wine weist immer noch 10,3% Alkoholgehalt auf. Landgang Hop the Barrel Barley Wine

Man sieht schon beim Einschenken, dass die Kategorie „Barley Wine“ ihren Namen zu recht trägt – da ist nach wenigen Sekunden jedwede Anwandlung von Schaumbildung direkt verschwunden, ein paar vorsichtig aufsteigende Luftbläschen sind das einzige, was die Flüssigkeit von Rotwein unterscheidet, denn auch die Farbe ist braunrot. Das Auslassen der Filtrierung sorgt für ein starkes Opalisieren. Halten wir die Nase ins Glas, so können wir gleich bei den Weinanalogien bleiben. Ich fühle mich an einen Barrique-Wein erinnert, milde Säure, leichte Zitrusfrucht, Mango und Banane. Viel Holz und Vanille. Im Mund erlebt man ein buntes Farbenspiel – leichte Rauchigkeit, viel Holz, dunkles Malz (es kommt auch Roggenmalz zum Einsatz, das gibt schmeckbaren Charakterunterschied). Eine traubige, mildsäuerliche Weinigkeit kombiniert sich mit schön blumigen Kopfnoten. Dazu viel reife Frucht. Vom Mundgefühl her fett, voll und tief zugleich – selbst die Rezenz wurde nicht vergessen. Der Abgang ist äußerst rund, dazu warm (hier spürt man den Alkoholgehalt, doch nicht unangenehm), mittellang und nur noch mildherb, Süße und Trockenheit wechseln sich ab. Ein toll im Fass ausgebautes Bier, das durch seine extreme Rundheit, Balance und herrliche Komplexität punkten kann.

Zu guter letzt kommen wir zu einer für Craftbierfanatiker schwierigen Kategorie, einem Biermischgetränk. Diese Kategorie hat im letzten Jahrzehnt so viel Mist gesehen, dass einem als Bierfreund schlecht werden kann, weil hier alles an Chemie und Kunst (im negativen Wortsinn) verklappt wurde, was das Labor zu bieten hatte. Das Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon will ich eigentlich wirklich nicht in eine Schublade mit den Schöfferhofer Grapefruits und Desperados stecken, denn hier kommt kein künstliches Aroma, sondern echter Bourbon als Aromageber zum Einsatz.

Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon

Nach dem Eingießen hat man eine schöne, gemischtblasige Schaumkrone, die nach einigen Minuten in sich zusammenfällt. Die Farbe ist gebrannte Siena, eine starke Trübung lässt nur wenige Lichtstrahlen durch die Flüssigkeit fallen. Geruchlich finde ich das Beerzebulb direkt spannend – diese seltsame Mischung aus Bourbon und hopfigem Bier spricht mich an. Bittere Hopfenfrucht, nicht allzu zitruslastig, in Kombination mit malzig-vanilliger Süße. Auch im Mund finde ich dieses Gegeneinanderspielen sehr attraktiv, die Eindrücke wechseln ständig zwischen holzig, süß, bitter und sauer, man weiß kaum, wo man hinschmecken soll – keine der Komponenten, Bier und Bourbon, überwältigt die andere, im Gegenteil, beide zeigen sich vorteilhaft. Obwohl breit und cremig im Mundgefühl bleibt es vom Eindruck dennoch ein IPA – die Bittere schlägt erst ganz am Ende des langen Abgangs zu, hinterlässt dazu eine starke Astringenz auf der Zungenspitze und viel trockene Holzigkeit. Das ist sicherlich nicht ein Biermischgetränk für jedermann, ich finde es charaktervoll und sehr interessant gemacht – das ist was, was ich gern öfter mal trinken würde; mit 7,5% Alkoholgehalt hat das mit Bourbon gemischte Beerzebulb IPA auch die ideale Kraft, mir als Cocktailersatz dienen zu können.


Das Fazit fällt gemischt aus. Ich finde die Idee richtig gut, ein Set anzubieten, das fassgereiftes Bier mit dem Whisky zusammenbringt, der vorher in dem Fass lag. Die Biere sind für mich alle sehr gut ausgeführt, denn ganz so einfach, wie es sich anhört, ist Fassreifung bei Bieren auch nicht – ich habe schon garstiges Zeug getrunken, das nach alten Socken und gammligem Schinken schmeckte. Um so erfreulicher, dass hier sehr unterschiedliche Bierstile zum Vergleich vorliegen, man kann hier wunderbar nachvollziehen, was der Whisky mit dem Bier macht. Dahingehend eine tolle Produktidee.

Als Tip, wer die einleitende Diskussion ernst nimmt und sich mit Bulleit nicht mehr anfreunden will – die Biere gibt es auch separat zu erwerben. Das wäre auch zum Schluss dann meine persönliche Empfehlung: Die Biere sind nämlich echt gut und es wert, probiert zu werden, und außerhalb des Sets nicht teurer als zusammen mit einem Bourbon, der zumindest mir unappetitlich geworden ist.

Kurz und bündig – Miel de Tierra Mezcal Joven

Es gab eine Zeit, in der Mezcal recht neu in Deutschland war, in der man davon ausging, dass Mezcal immer superrauchig sein muss, und dass dies das Identifikationskriterium für guten Mezcal sei; in etwa wie die Torfigkeit bei Islay-Whiskys. Nun, das war ein Trugschluss. Tatsächlich ist extreme Rauchigkeit bei Mezcal eigentlich etwas, was der Kenner leise skeptisch sieht, denn sie dient oft genug dazu, die mittelmäßige Qualität des Destillats zu überdecken. Ein bisschen qualmen darf es aber schon, es ist einfach ein Ausdruck der Herstellungsweise im Erdofen. Wie sieht es diesbezüglich beim Miel de Tierra Mezcal Joven aus?

Miel de Tierra Joven Mezcal

„Joven“ ist die alternative Bezeichnung für ungereiften Mezcal (in der Norma, die alles regelt, was Mezcal angeht, sind „joven“ und „blanco“ gleichwertig). Erwartungsgemäß ist dieser Mezcal völlig transparent und ohne Fehler klar. Er bewegt sich dennoch mit einer gewissen Schwere im Glas, ohne dabei aber ölig zu wirken. Am Glasrand entstehen dicke Beine. Die Nase ist agavenlastig, mit einem Hauch Glasreiniger. Blumig, nach Jasmin und Lavendel. Mineralische Noten, nach Kalk, Kies und Beton. Kein Rauch, etwas, was wie gesagt viele Leute mit Mezcal assoziieren.

Hat mich die Nase noch etwas an Tequila erinnert, ist der Geschmack im Antrunk dann doch anders – erdiger, mineralischer, trockener. Agave, Honig, Karamell – sehr süß und weich, recht breit, aber ohne große Tiefe. Etwas Birne, ein Anflug von Minze. Etwas später wandelt es sich zu deftiger Würze, mit Tabak- und Holznoten, schwarzem Tee und einem prickelnden, milden Feuer. 40% Alkoholgehalt sind nicht erkennbar. Der Abgang ist mittellang, herbbitter, immer noch mit einer unterschwelligen Süße kombiniert. Grasigkeit klingt nach, ein wenig Wintergrünöl, und ganz am Ende etwas metallisch im Nachhall.

Ein schöner, milder, aber dennoch nicht langweiliger Mezcal, der wieder einmal beweist, dass es ungereifte Spirituosen gibt, die sich von der Spannung und der Aromatik nicht hinter jahrelang gereiften Bränden verstecken müssen. Mir fehlt etwas Körper und Tiefe für die endgültige Begeisterung – dennoch ein schöner Brand. Ich bin sehr gespannt auf die gereiften Varianten, die in der Verkostungspipeline schon bereit stehen.

Städtebierpartnerschaft Homburg/Seattle – Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Im Saarland war es lange gang und gäbe, wenn ich den Aussagen meiner bierophilen Kollegen trauen darf, Bier in Literflaschen, sogenannten „Literbomben“ oder „Libos“, zu erwerben. Ich bin seit 10 Jahren im Saarland, habe diese spannende Phase der hiesigen Bierkultur verpasst, heutzutage geht es ja eher mehr hin zu immer kleineren Gebinden – die Drittelliter-Longneck-Flasche ist zusammen mit dem „Stubbi“ wahrscheinlich die heute beliebteste Konsumform von Bier im Saarland, wie überall in Deutschland. Persönlich mag ich derartige Gleichmacherei eigentlich nicht. Mit dem Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell lässt der saarländische Bierplatzhirsch die „gute alte Zeit“ der Literbombe wieder ein wenig aufleben, und öffnet sich gleichzeitig durch die Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Craft Brewery auch der frechen modernen Bierkultur – eine schöne Spannung, die durch diesen scheinbaren Widerspruch entsteht.

Die große Bügelflasche trägt ein passendes, vielsagendes Etikett – der witzige, auf einem Bierfass balancierende Elefant schwenkt eine Collaboration-Brew-Fahne, der Hintergrund des Etiketts ist im traditionellen Karlsberg-Grün gehalten. Schön gestaltet, modern und gleichzeitig in die klassische Produktpalette passend; da war ein guter Marketeer am Werk. Nur 222 Flaschen dieses hellen Bockbiers mit 6,5% wurden abgefüllt, meine war die 15. davon, was handschriftlich auf dem Etikett eingetragen ist. Da die Haltbarkeit scheinbar durch Handabfüllung drastisch gesenkt wird, habe ich in bester Kollegialität meine Flasche in einem Büro-Bier-um-Vier-Termin mit einigen Kollegen geteilt, das beste, was einer Literflasche passieren kann – schließlich bin ich Biertrinker, nicht Biersammler.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell

Für einen guten Bock braucht man eine stabile Malzbasis, diese wurde hier mit Pilsener-, Münchener- und Wiener-Malz gelegt. Das äußert sich in der Farbe – das Wort „hell“ in der Stilbezeichnung „heller Bock“ ist dabei natürlich relativ zu sehen, da ist viel kupfernes, fast schon kristallklares Strahlen. Feiner, dünner Schaum bleibt nach dem Eingießen zurück (die Variante frisch vom Fass – siehe unten – konnte dabei natürlich viel mehr auftrumpfen). Die Nase ist sehr hopfenfruchtig: Die für den Stil auch erwartete leichte Hopfigkeit entstammt den schon gut bekannten Aromahopfen Chinook, Magnum, Hallertauer Mittelfrüh und dem zumindest mir absolut neuen Mount Hood-Hopfen, diese sorgen wahrscheinlich auch zum Teil für die fetten 51 IBU. Bittere ist entsprechend kräftig vorhanden, dazu kommt aber ein supercremiges, volles und breites Mundgefühl. Malz, Grapefruitschale, ein Hauch Frucht-Sießschmeer (das ist das saarländische Wort für Marmelade), milde Schokolade, da ist viel Geschmack da. Eine nahezu ideale Süß-Sauer-Balance, und eine tolle Rezenz führen zu einem langen, sehr bitter-trockenen Abgang mit langem Nachhall von bitterer Grapefruit und leichter Blumigkeit. Das läuft gefährlich gut den Rachen runter.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Glas

Hat es mir geschmeckt? Nun, während der Release-Party, die Karlsberg in meiner Stammkneipe schmiss, der Schillers Pop Up Bar in Saarbrücken, habe ich mir 5 Gläschen davon gegönnt, frisch vom Fass. Untenstehend ein paar Eindrücke, nett insbesonders der geschnitzte „Big Time“-Zapfhahn aus Holz. Ich danke auch für die Möglichkeit, einen Schnappschuss eines 30-Liter-Plastikfasses machen zu können, von denen mehrere an diesem Abend geleert wurden. Tatsächlich kamen hier viele Elemente zusammen, die mir das Bock to Hell etwas ans Herz wachsen ließen, in der kurzen Zeit, in der es verfügbar war (inzwischen ist es natürlich schon lange vergriffen) – ein heißer, sonniger Spätnachmittag, nette Unterhaltung mit Bierfreunden, die ich schon aus anderen Biertastings der Saarbrücker Beer Society kannte, Bier frisch vom Fass, gut gekühlt, und die fast genauso coolen Jungs vom Schillers; da kann ein Bier ja gar nicht nicht schmecken.

Karlsberg & Big Time Brewery Bock to Hell Fassprobe

Ja, es hat mir aber auch unabhängig von den äußeren Einflüssen geschmeckt, und ich finde es schön, dass sich Karlsberg auch dem aktuellen Trend zu Collaboration Brews anschließt und so den in den letzten Jahrzehnten vielleicht etwas eng gewordenen saarländischen Bierhorizont erweitert. Ich hoffe, dass Karlsberg das nicht nur als einmalige Werbeaktion sieht, sondern sich derartigen Ideen offen hält, und wir in Zukunft weitere Produkte dieser Art sehen werden – und dann eventuell sogar so, dass mehr als nur eine Handvoll Bierfreunde davon profitiert.

Offenlegung: Ich danke Karlsberg für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche des Bock to Hell. Und Christian vom Schillers, der die Bereitstellung selbstlos in die Wege geleitet und mich mit dem Fläschchen überrascht hat.

Spontankäufe im Discounter – Ron Palma Mulata 7 Añejo Gran Reserva

Ich bin gerade dabei, Flaschen, die ich vor Jahren gekauft hatte, und schon zum Gutteil geleert hatte, nun endgültig zu beenden – ich will tatsächlich meine Heimbar verkleinern, und halbleere, schon Staub fangende Flaschen werden die ersten Opfer sein. Meistens hat es einen Grund, warum die Flaschen nach Anbruch so lange überleben, und es ist oft kein guter. Vor allem bei spontangekauften Supermarktprodukten, wie dem Ron Palma Mulata de Cuba 7 Añejo Gran Reserva, kann man sich mein Fazit also nach dieser Einleitung eigentlich schon irgendwie vorstellen. Ich muss diese Art der Käufe einfach sein lassen. Nun bringe ich es aber doch mal hinter mich, diese Besprechung zu schreiben.

Ein langer Name mit zwei Klärungspotenzialen. Das Wort „Palma“ scheint auf den neueren und redesigneten Abfüllungen weggelassen zu werden; dafür prangt nun das Wort „años“, spanisch für „Jahre“, neben der Zahl 7 auf dem kleinen Flaschenhalsetikett, bei meiner älteren Abfüllung fehlte das, was mich als Skeptiker direkt Fragen stellen ließ. Das Rumgesetz auf Kuba ist diesbezüglich aber klar – 7 heißt mindestens 7 Jahre Reifung. Nicht wie in anderen Gebieten „vielleicht 7 Jahre“, „höchstens 7 Jahre“ oder „irgendwas zwischen 2 und 4 Jahren, aber 7 ist eine schöne Zahl“. „Gran Reserva“ ist normalerweise eine Alterungsstufe bei Solera-Rums, eine Wortkombination, die keinerlei rechtliche oder verpflichtende Bindung hat – wir lesen es mit, verlassen uns aber lieber auf die echte Altersangabe, wenn wir uns ein Schlückchen des Rums ins Verkostungsglas eingießen.

Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva

Wir sehen orangerote Farbe im Glas, mit goldenen Reflexen. Leichte Viskosität beim Schwenken, dazu kommen mittelschnell ablaufende Beine, insgesamt ein schöner Anblick. Geruchlich weiß der Rum meiner Nase sehr zu gefallen – ungewöhnliche, derbere Aromen sind im Vordergrund, Zigarettenrauch, Tabak, Leder. Leichte Fruchtkomponenten kommen dazu, auch diese aber eher vom dunklen Typ, Honigmelone, Rosinen, Feigen. Erinnert mich persönlich durchaus an Cognac. Attraktiv, da ungewohnt und spannend.

Die gesammelten Eindrücke setzen sich im Geschmack fort. Man könnte mir diesen Rum in einer Blindverkostung als einen VS-Cognac unterschieben, und ich würde nicht allzusehr protestieren. Leider ist die gesamte Spannung, die die Nase aufgebaut hatte, im Mund ziemlich schnell verschwunden und auf die Basis reduziert – Rosinen und Mandarinen, sonst ist da wirklich nicht viel. Eine Messung ergibt 7-11g/L Zucker, die man leider auch spürt, mehr sogar, als es bei dieser Menge sein müsste. Kaum Körper, oberflächlich und süß.

Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva Glas

Der Abgang lässt mich leider die aufgezählten Vorteile wieder schnell vergessen. Hier kommt eine beinahe schon unangenehme Süße, auf jeden Fall aber eine langweilige, zum Vorschein. Der Abgang ist kurz und mildbitter, ein leichter Alkoholgeschmack zeigt sich. Eine trockene Pappigkeit macht sich breit, insgesamt eher unangenehm. Leichter Rauchnachhall ist noch das schönste daran.

Insgesamt ist der Ron Palma Mulata de Cuba 7 Añejo Gran Reserva damit ein sehr antiklimaktischer Rum – er beginnt sehr toll und sehr vielversprechend, baut dann immer mehr ab, bis zum fast schon abstoßenden Ende. Dazu kommt die Alkoholstärke von 38%, nur knapp über dem gesetzlichen Minimum: es ist immer ein sicheres Zeichen für lieblose Massenprodukte.

Ich sträube mich immer wieder gegen die Verwendung des Worts „Mixrum“, denn ich trinke eigentlich auch im Cocktail keine Spirituose, die ich nicht pur genießen will. Dennoch sage ich hier einfach mal – wenn man die Flasche eh im Haus hat, dann macht man halt mit dem Ron Palma Mulata lieber einen Mixdrink, in dem er nicht allein den Geschmack tragen muss, sondern Unterstützung von anderen Komponenten kriegt. Und wenn es so viele Zutaten sind wie im Bermuda Punch, dann sind auch die Mängel des Ron Palma Mulata irgendwie nicht mehr ganz so schlimm auszuhalten.

Bermuda Punch


Bermuda Punch
2 oz gereifter Rum (z.B. Ron Palma Mulata Añejo Gran Reserva)
1 oz Dunkler Rum (z.B. Botucal Reserva Exclusiva)
½ oz Falernum (z.B. The Bitter Truth Golden Falernum)
½ oz Aprikosenlikör
1½ oz Zitronensaft
¼ oz Limettensaft
5 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.

[Rezept nach saveur.com]


In einem Schnäppchen bei Aldi Süd habe ich ihn für 15€ erworben, wo er in der Vorweihnachtszeit verfügbar war; mehr würde ich für diesen Rum auch wirklich nicht veranschlagen wollen. Die rassige, heiße Latino-Dame mit den großen Augen und dem Schmollmund auf dem Etikett hat mich verleitet, ich gebe es zu, ich bin empfänglich für derartige Reize. Nun wird er seine Zeit als Cocktailzutat fristen, bis er leer ist (was zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels bereits geschehen ist); ein Neukauf ist definitiv nicht geplant. Für nur wenig Geld mehr bekommt man bereits einen Havana Club 7, der seinem gleichaltrigen Landsmann in jeder Beziehung um Längen voraus ist, wenn man auf der Insel bleiben will.

Kurz und bündig – Regans‘ Orange Bitters No. 6

Ach, jeder Heimbarbesitzer kennt das Phänomen – man hat ein Dutzend Bitters aller Art im Regal, aber benutzen tut man letztenendes immer nur 3 oder 4 davon. Angostura ist und bleibt der Platzhirsch, daneben hat man Peychaud’s und Orange Bitters. Man sieht hier: 2 der 3 Hauptbitter erwähne ich als Markennamen, den dritten nur als Kategorie. Während Angostura und Peychaud’s einfach einzigartig in ihrem Effekt sind, da gibt es nur wenig echte und gut erhältliche Alternativen, hat man bei Orange Bitters eine gewisse Wahlfreiheit. Zum Beispiel die hier vorgestellten Regans‘ Orange Bitters No. 6. Die Bartenderlegende Gary Regan hat sie in einem auf dem Rücketikett dargestellten Prozess ausgetüftelt.

Regans‘ Orange Bitters No. 6

Diese Bitters sind überraschend hell in der Farbe, Safran bis Ocker. Gibt man einen Tropfen auf ein Stück Papier, entsteht kein erkennbarer Fleck. Das ist schon ein Unterschied zu den anderen Bittern, die ich kenne, die sehr dunkel wirken. Der Geruch ist dann aber wieder typisch für Bitters – sehr würzig, dunkel, aromatisch, sehr kräuterlastig. Underberg kennt man ja in Deutschland gut, diese Orange Bitters riechen fast identisch, nur zitruslastiger. Orangenschale schimmert deutlich durch.

Der pure Geschmack ist unerwartet; nicht die starke Bittere, die trägt das Produkt ja im Namen. Es ist die wirklich sehr prägnante Bitterorangenschale, die alles trägt, aber die Aromatik ist vielschichtiger: Kardamom, Anis, Nelken, Piment. Gerade Nelken klingen lange nach, die Zunge bleibt etwas betäubt. 45% Alkoholgehalt bringen die Kraft mit, sich im Cocktail dann durchzusetzen.

Regans' Orange Bitters No. 6 Farbe

Natürlich trinkt man das nicht pur, es schadet aber nicht, die Aromatik eines Produkts zu kennen, das man sonst recht gedankenlos einem Rezept folgend einsetzt. Für mich ist klar – das sind ohne Frage meine Hausorangenbitter.

Frisch vom Fässje – Bruch’s Barrique Bock

Die Brauerei G.A. Bruch in Saarbrücken ist das zweitälteste Unternehmen des Saarlands, und eine der leider an einer Hand abzählbaren Traditionsbrauereien, die es heute noch in meinem Bundesland gibt. Ihr Zwickel ist für mich das perfekte alltagstaugliche Sommerbier, von dem ich im Jahr so einige Liter gern trinke, und ihr zweimal im Jahr gebrautes Bockbier ist ein Traum. Am neulich stattfindenden Tag der offenen Tür gab es allerdings eine andere Spezialität zu erwerben, die mir sofort ins Auge sprang und der ich dann nicht widerstehen konnte – Bruch’s Barrique Bock. Dazu wurde ein Bockbier ein Jahr in einem Ex-Whisky-Fass gelagert, und danach limitiert auf 450 Flaschen abgefüllt. Schon die Flasche hat mir sehr gefallen – eine ungewöhnliche Form, ohne Etikett, dafür mit einem schön und einfach gestalteten Pappumhänger mit einigen Informationen. Das ganze wirkt optisch auf Anhieb sowohl elegant als auch bodenständig; was taugt das Bier im Glas?

Bruch's Barrique Bock Flasche

Dunkelbraun und so gut wie blickdicht, selbst wenn man es gegen das Licht hält. Leichte Perlage, kein Schaum – schon beim Eingießen verfliegt er direkt. Für ein fassgereiftes Bier keine Überraschung. Etwas überraschend sind dafür aber die so extrem eindeutigen, stark dominierenden Whiskynoten in der Nase – da ist viel Vanille, Bourbon-Aromen, Holz. Zimt und milde Fruchtnoten nach Rosinen und Pflaumen. Eine dezente feuchter-Keller-Note.

Auch im Antrunk ist Whisky sehr präsent, tatsächlich dauert es eine Weile, bis andere Aromen dagegen ankommen – dann finden sich Rosinen, Mango, Orangen, Lakritze. Eine sehr attraktive Erdigkeit und tiefdunkle Töne werden durch hopfige Frische und eine gut erhalten gebliebene Karbonisierung ausgeglichen. Ausgesprochen schöne Balance zwischen dunkelkaramelliger Süße, malziger Würze (ich fühle mich etwas an Schweizer Kräuterzucker erinnert) und frischer Säure sorgen für ein wirlich rundes Mundgefühl. Die knackige Rezenz macht das ganze sogar noch süffig.

Bruch's Barrique Bock Glas

Im wirklich sehr langen Abgang mildrauchig, tatsächlich auch etwas torfig, erdig und sehr malzig. Im ebenso sehr langen Nachhall taucht die starke Frucht des Bockbiers dann auf, vorsichtige Astringenzeffekte und eine leichte Säure bleiben am Gaumen. 11,1% Alkoholgehalt sind eine Hausnummer, selbst für ein Bockbier, und auch wenn man sie nie schmeckt, so spürt man sie nach dem Drittelliter einer Flasche schon.

Selten habe ich ein fassgereiftes Bier getrunken, das so vom Fass beherrscht wird – das Bier selbst ist kaum noch zu erkennen. Dennoch sage ich mit voller Überzeugung, dass dies das mit Abstand spannendste und am besten komponierte Whiskybier ist, das ich je im Glas hatte.

Bruch's Barrique Bock Eichenfass

Beim Kauf dieses Biers hatte ich gleichzeitig noch die Gelegenheit, eine Brauereiführung mitzumachen. Ein kleines Detail fiel mir dabei direkt ins Auge – das Eichenholzfass, das für den Barrique Bock benutzt wurde. Offensichtlich ein frisches Fass, stark getoastet, das vorher 3 Jahre mit einem hauseigenen Whisky belegt war.

Tolle handwerkliche Arbeit eines lokalen mittelständischen Brauers, der Tradition und Innovation verbindet, ohne einerseits müde und träge oder andererseits hipsterig zu werden. Ich hoffe ernsthaft auf eine Neuauflage im nächsten Jahr, denn das für diese Auflage geleerte Fass wurde direkt nochmal neu mit Bockbier belegt – dann werde ich mir mehr als nur 3 Flaschen organisieren.

Kurz und bündig – Smokecraft Edelholzvodka

Naja, ein Wodka halt, was kann das schon sein. Erste Vorurteile dieser Art, die selbst in vielen Spirituosenkennern bis heute vorhanden sind, haben die kleinen, frechen, modernen Wodkahersteller bereits wiederlegen können, deren Destillate keineswegs aromatisch neutral sind, sondern wuchtige Eindrücke des verwendeten Basismaterials aufweisen. Beim Smokecraft Edelholzvodka geht man einen anderen Weg – nicht das Basismaterial soll den Geschmack bringen, sondern eine Aromatisierung. Da Vanille-, Zitrone- und Kaugummiwodka bereits existieren, und man statt auf künstliche auf natürliche Aromen setzen will, hat der Hersteller sich für einen innovativen, sehr ungewöhnlichen Weg entschieden.

Smokecraft Edelholzvodka

Die Farbe ist strohig, und da ohne Fasslagerung oder andere Reifung gearbeitet wird, und auch keine Färbemittel eingesetzt werden, entsteht die Farbe allein durch das auf dem Rückenetikett erwähnte „Curacionsverfahren“ – spannend dabei ist, dass das Glas der Flasche durch Kaltrauch aromatisiert wird, und die dann darin enthaltenen ätherischen Öle des Holzes an den später eingefüllten Sommerweizenwodka abgegeben werden.

Riechen wir mal dran. Zunächst denkt man an Lagerfeuer. Sehr rauchig, mit der für manches Feuer bekannten stechenden Note, dabei aber positiv belegt, nie wie der kalte Zigarettenrauch in einer Kneipe. Leicht speckig und harzig. Frisch geschnittenes, noch grünes, harziges, aufs Feuer geworfenes Tannenholz. Kohle. Wie oft bei sehr rauchigen Spirituosen entsteht aus der Rauchigkeit ein deutlicher Fruchteindruck. Geschmacklich beginnt der Smokecraft sehr cremig und süß im initialen Antrunk, dann wechselt es aber schnell zu trockener Würze. Leichte Vanille, sehr dezente Frucht. Bittere taucht auf. 40 % Alkoholgehalt bleiben durchweg unspürbar. Der Abgang ist kurz, sehr trocken, mild bitter, sehr würzig, holzig und dabei feurig, ohne alkoholisch zu wirken. Der rauchige Nachhall ist dafür sehr lang und bleibt ausgesprochen lange am Gaumen.

Ich bin selbst davon überrascht, wie sehr ich diese Spirituose mag. Ich zögere, sie durchgängig als Wodka zu bezeichnen, dazu ist der Lagerfeuercharakter zu beherrschend. Es erinnert oberflächlich an stark rauchigen Mezcal oder Scotch, allerdings ohne deren aromatische Tiefe zu erreichen. Ganz sicher aber dennoch spannend und gut gemacht.

Wie man auf dem Foto sieht, habe ich zur Abwechslung mal nicht in meiner stillen Kemenate zu Kerzenlicht verkostet, sondern an einem schönen Sonntag in meiner Lieblingsbar, der Schillers Pop Up Bar in Saarbrücken. Danke, Michael, für die Umgebung! Dazu gab es einen Smoky Lemon Highball, der zeigt, dass der Smokecraft, einfach auf Eis aufgegossen mit Thomas Henry Bitter Lemon, einem rauchigen Mezcal oder Scotch bezüglich Raucharomen in nichts nachsteht und eine ungewöhnliche, spannende Mixspirituose darstellt.

Kriecherlschnaps – Scheibel Premium Altes Pflümle

Wegen all dem internationalen Zeugs, das ich so probiere, das aus der Karibik, aus Mexiko, Japan, China oder Chile kommt, wirkt etwas so Urdeutsches wie ein Obstbrand fast schon exotisch auf meinem Blog. Ich bin mir jedoch sicher, dass jeder Leser hier etwas Erfahrung mit Obstwässerchen hat, etwas, was man sicher nicht über jede Spirituose sagen kann. Ein spannender Aspekt der Obstbrandkultur hierzulande: Viele der aktuell entstehenden deutschen Rums werden von Obstbrennern hergestellt, auf den vorhandenen Brennanlagen – dadurch entsteht ein ganz eigener Charakter der deutschen Rums; man sieht daran, wie tief diese Verwertung von allerlei Obstsorten in Deutschland verwurzelt ist.

Doch es gibt auch in dieser Kategorie allerlei verschiedene Ausprägungen, die man als aufgeklärter Konsument unterscheiden können sollte. Heute schauen wir uns den Scheibel Premium Altes Pflümle an. Man sieht auf dem Etikett das Wort „Spirituose“ – das liegt daran, dass das Pflaumendestillat nach der doppelten Destillation noch mit Pflaumenextrakt nachgewürzt wird und daher diese allgemeine Verkehrsbezeichnung wählen muss (dazu am Ende noch ein paar Worte). Doch eins nach dem anderen, gießen wir uns erstmal ein Gläschen ein.

Scheibel Premium Altes Pflümle

Im Glas zeigt sich deutlich das blasse Gold, das in der Destillation eingesetzt wurde. Nein, das ist natürlich ein Scherz, ich persönlich halte derartige Gimmicks für Marketing, ähnlich wie das bei der Platin-Filtrierung ist, die ich vor Ort bei einem bulgarischen Wodka-Hersteller begutachten konnte. Aber jedem das Seine. Trotzdem gefällt die Farbe, die dann wohl aus dem Fruchtauszug stammt, der dem Destillat beigesetzt wird. Sehr leicht bewegt sich die Flüssigkeit im Glas.

Die Fruchtaromen entwickeln sich jedenfalls großartig, eine schwere, dicke, fruchtige Süße entströmt dem Verkostungsglas. Pflaume dominiert, ich erkenne Nebenaromen von Apfel und Birne. Ein Traum für die Nase, das ist etwas, woran ich ausgesprochen gern sehr viel Zeit verbringe, bevor ich einen ersten Schluck nehme.

Hoppla, ist das nicht ein Likör? Das ist der Gedanke, der einem in den Kopf springt, wenn man das Alte Pflümle dann doch probiert. Supersüß, sehr rund und weich, ein wirklich genehmer Antrunk. Kandiszucker, Ahornsirup, Malz. Die Fruchtaromen zögern keine Sekunde und springen nach vorn. Im Verlauf kommt eine sehr feine Würze auf, die sich mit einer sich bildenden, aber sehr dezenten Trockenheit zum Ende hin steigert. 43%? Perfekt gewählt, der Alkoholgehalt sorgt für Wumms und Power, um die Süße auszugleichen.

Scheibel Altes Pflümle Glas

Der Abgang ist feurig, sehr lang, fruchtig und wuchtig mit tollem, extrem langen Pflaumennachhall, etwas Vollmilchschokolade und Fruchtmarmelade komplettieren diesen Eindruck, der von einem erkennbaren, aber nicht unangenehmen alkoholischen Hauch abgeschlossen wird.

Diese Art von Obstbrand muss einfach jeden überzeugen. Die sehr ausgeprägte Süße könnte Freunde von trockenem Schnaps zu Beginn abschrecken, doch der Abgang wird auch diese dazu bringen, mehr zu wollen.

Normalerweise kommt Slivovitz in den Moravian Cocktail. Ich ersetze hier den meist eher süßherben tschechischen Brand durch das Alte Pflümle, und bekomme dadurch eine Zucker- und Aromabombe, die mit Vorsicht zu genießen ist – da hat man was im Mund, was Freunde trockener Klassiker ins Diabeteskoma versetzen wird. Hin und wieder brauch ich sowas aber, und wer einen Ersatz für ein Dessert sucht, ist hier bestens aufgehoben.

Moravian Cocktail


Moravian Cocktail
¾ oz Pflaumenbrand
¾ oz Becherovka
1½ oz süßer Wermut
Auf Eis rühren.
[Rezept nach der Be Bop Bar in Prag]


Letztlich hätte ich schon gern etwas mehr Deutlichkeit darüber, was diese „Spirituose“ ist – als solche ist das Alte Pflümle, wie eingangs erwähnt, deklariert. Der zugefügte Fruchtextrakt sorgt dafür, dass es nicht als Obst- oder Pflaumenbrand, und auch nicht als „Pflaume“ (gemäß EU 2008/11 Anhang II 9.f) bezeichnet werden darf – die Spielerei „Altes Pflümle“ ist wahrscheinlich deswegen gewählt, um letzterem etwas nahe zu kommen. Wobei das „alt“ im Namen wieder verwundert, denn man erfährt nichts darüber, ob damit eine (undeklarierte) Reifung der Spirituose gemeint ist, oder eine Anspielung auf die alte Pflaumensorte Haferpflaume, die verwendet wird, sein soll, oder Bezug nimmt auf die bei Scheibel scheinbar vorhandene Destillieranlage „Alte Zeit“. Vielleicht eine Mischung aus allem.

Das sind aber Kleinigkeiten, über die sich ein Spirituosenregelfetischist wie ich sich Gedanken macht, und die dem Genießer nicht im Weg stehen sollten, diesen schönen, fetten, süßschweren Pflaumenschnaps auszuprobieren.