Sex sells (solange er hetero ist) – Bulleit and Beer Limited Edition

Seit 25 Jahren ist Homosexualität in Deutschland straffrei; 1994 wurde §175 vollständig abgeschafft. Wir als Gesellschaft sind dennoch noch richtig weit davon entfernt, die vielen Formen von sexueller Identität, die es gibt, als naturgegeben zu akzeptieren. Kaum etwas ist mehr durchdrungen von Angst, Unwissen, einfach nur Dummheit und Doppelmoral. Selbst hochrangige Politikerinnen reißen unter lautem Gelächter ihre platten Stammtischwitze über Transgender, oder sind lesbisch und polemisieren dann, wenn es dem Wählerwillen passt, gegen die Ehe für Alle. Gleichzeitig werden in Deutschland jedes Jahr knapp über 300 Vergehen angezeigt, die aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung geschehen und darum als Hassverbrechen eingestuft werden – das klingt erstmal nach nicht viel, doch die Dunkelziffer ist dabei extrem hoch, um die 90%. Die Täter können aufgrund vieler Aspekte damit rechnen, ungestraft durchzukommen. Und das in einem fortschrittlichen, offenen Land wie Deutschland – über andere Länder, in denen sogar erst vor kurzem die Todesstrafe für Homosexualität eingeführt wurde, sollten wir vielleicht lieber gar nicht erst nachdenken.

Wir als Konsumenten von Spirituosen machen uns selten Gedanken über das Umfeld, in dem ein Produkt entsteht. Ich bin zugegebenermaßen zufrieden, wie sich die Diskussion um Zusatzstoffe in Spirituosen, Produktionsbedingungen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren zumindest unter den fortgeschrittenen Spirituosenfreunden entwickelt hat – und auch viel mehr interessierte Käufer achten auf derartige Aspekte bei ihren Entscheidungen. Für mich persönlich ist der Kauf der Bulleit and Beer Limited Edition auch etwas, über das man vorher nachdenken sollte. Nicht wegen den Produkten an sich, die sind schon in Ordnung, doch ist Firmengründer Tom Bulleit homophob, und zwar so weit, dass er seine eigene Tochter aus der Familie und (nach eigenen Aussagen, denen vom Mutterkonzern Diageo allerdings widersprochen wird) auch aus der Firma gedrängt hat, weil sie lesbisch ist – ihre Partnerin wird bei Familienfeiern ignoriert, ihre Arbeit im Nachhinein schlecht geredet, und diverse andere still diskriminierende Aktionen durchgeführt, die Hollis B. Worth das Leben schwer machen. Leider habe ich die bedrückende Geschichte hinter diesem Whiskey erst nach dem Kauf des hier vorgestellten Sets erfahren, sonst hätte ich davon Abstand genommen. Man lese die Besprechung hier also definitiv nicht als Werbung, sondern im Gegenteil als Hinweis dahingehend, dass man bei Bulleit nicht nur einen Schnaps kauft, sondern auch einen homophoben Geschäftsführer im Amt hält. Jeder sollte seine eigenen Schlüsse ziehen, und da Worth selbst nicht zum Boykott aufruft, will ich das auch nicht tun – die Geschichte ist es aber wert, zumindest zum Nachdenken aufzurufen. Nun aber zum Produkt selbst.

Bulleit Bourbon and Beer Tragerl

Im Tragerl, das speziell für dieses Set designt ist, ist eine breite Aussparung für die Bourbon-Flasche und vier Plätze für die Bierflaschen. Es handelt sich beim Bier durchweg um kleine deutsche Craft-Hersteller, die dem Bierfreund allesamt schon mehr oder weniger gut bekannt sein sollten – BRLO, Landgang, Überquell und Superfreunde.

Das Set, das es für rund 40€ zu kaufen gibt, enthält eine Flasche der limitierten Bulleit Bourbon Tattoo Edition. Außer dem Flaschendesign besteht kein Unterschied zum normalen Bulleit Bourbon. Es wird auch nichts über den Umfang der Limitierung ausgesagt, ich gehe davon aus, dass wir hier eher über viele Tausende Flaschen und eine zeitliche Limitierung reden als über eine echte Flaschenzahlbegrenzung. Die „Tattoos“ auf meiner Flasche wurden von Jess Mascetti, einer Tätowiererin aus New York, gestaltet – man muss genau hinschauen, um gegen den dunklen Bourbon Details zu erkennen, dazu sind die Vorder- und Rücketiketten darüber geklebt, was einen Großteil überdeckt; das wirkt etwas undurchdacht, wertet die Flasche aber trotzdem durchaus auf.

Bulleit Bourbon Tattoo Edition

Zum Bourbon an sich gibt es für mich aus gegebenem Anlass also nicht viel mehr zu sagen als das, was ich bereits in meiner frühen Rezension beschrieb, einer der ersten auf meinem Blog (man ist selbst immer wieder erstaunt, wie man sich sowohl als Schreiber als auch Verkoster weiterentwickelt) – der Bulleit ist ein roggenlastiger Bourbon mit ordentlichen 45% Alkoholgehalt, der in seiner Süße zu überzeugen weiß.

Kommen wir daher direkt zu den Bieren. Das Nachreifen von Bier in Whiskyfässern konnte ich nun schon bei diversen Brauern nachvollziehen, ich finde, dass es Bier eine ganz besondere Note gibt, die ich persönlich sehr mag – wenn es gut gemacht ist. Für die vier hier präsentierten Biere ist noch zu erwähnen, dass es sich bei dreien um zusätzlich noch aromatisierte Biere handelt, beziehungsweise eins sogar ein Mischgetränk ist; ich stehe natürlicher Aromatisierung nicht negativ gegenüber, dazu gibt es zuviele uralte Rezepturen, die nur in der industriegetriebenen Vermarktung eines Pseudo-Reinheitsgebots verloren gegangen waren.

So ähnelt die Zutatenliste des Überquell Julebryg Barrel Aged beispielsweise einem Witbier, Weizenmalz, Koriandersamen und getrocknete Orangenschalen sind typisch für diesen Stil. Aromatisch muss das 2017 gebraute und dann auf unbestimmte Zeit fassgereifte Bier natürlich dann ganz anders als das leichte, frische Witbier sein – oder? Ich sage schonmal vorab: nicht wirklich.

Überquell Julebryg Barrel Aged

Selbst wenn man das Bier gegen Licht hält, fallen nur leichte Farbänderungen auf – das dunkle Braun ist fast blickdicht. Perlage ist nicht erkennbar, der grobblasige Schaum, der zu Beginn schon nur dünn ist, verschwindet schnell vollständig. In der Nase riecht man Zitrusfrucht, Limettenschale, aber auch direkt Whiskyfassnoten von Holz und Vanille. Etwas Banane vielleicht noch. Der Antrunk ist sehr unerwartet sauer, das hätte ich durchaus als Gose durchgehen lassen. Eine verrückte Mischung aus Gewürz-, Whisky-, Sauerbier- und Fruchtnoten durchtanzt den Mund. Die Säure dominiert bis zum sehr bitteren Schluss, wo im Abgang dann tatsächlich Sternanis auftaucht. Dieser und Muscovadozucker geben aber nicht wirklich eine weihnachtliche Note dazu („Julebryg“ ist eigentlich ein dänisches Weihnachtsbier), sondern mehr Würze, und die Hopfensorten East Kent Golding, Perle, Mosaic und Sorachi Ace sorgen für Fruchtpower. 8,0% Alkoholgehalt bringen festliche Feierlaune. Da ist viel Spannung und Unruhe in diesem Bier, die Fassreifung bringt nur etwas Tiefe und unterschwellige würzige Süße sowie Bourbonaromen im Nachhall dazu. Persönlich finde ich es sehr ungewöhnlich, ein Sauerbier fasszureifen – aber, wie man hier sieht, birgt selbst das viel Potenzial, auch wenn man Sauerbier sicher mögen muss, um das Julebryg Barrel Aged zu schätzen. Die Kombination aus sehr rezenter Frische mit frecher holziger Bittere gefällt zumindest mir mit jedem Schluck mehr.

Auch im BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout findet sich eine unerwartete Zutat: Rosinen. Das passt sicherlich zum dunklen, schweren Bier, das dazu noch drei Monate in Bourbonfässern ruhte. Mit 12% Alkoholgehalt ist es das stärkste der vier Biere hier, und sicherlich auch das dunkelste – es fehlt fast nichts zur totalen Schwärze, der feine, cremafarbene Schaumkranz am Glasrand hellt das ganze nur leicht auf, auch wegen der starken Öligkeit. BRLO Bulleit Barrel Aged Imperial Stout

Extrem feinperliges Mousseux, das man trotz der völligen Blickdichte erkennen kann, speist ihn eine ganze Weile lang. Im Unterschied zu einem ungereiften Imperial Stout finde ich hier deutliche Holz- und Vanillenoten, die Süße des Bourbon ist hier schon spürbar. Sahne, Latte Macchiato, milde Kaffeeröste, deutlich geröstetes Malz – ein sehr süßlich-runder Geruch. Auch das Mundgefühl sortiert sich so ein, das fühlt sich an wie ein Milchkaffee mit Doppelrahmstufe oben drauf. Sehr fett und breit. Knallige 80 IBU aus dem Herkules-Bitterhopfen sind für ein Imperial Stout nicht ungewöhnlich, machen sich aber erst im langen Abgang bemerkbar, der interessanterweise mit Wintergrünöl ziemlich blumig wird. Die Aromatik ist natürlich sehr dunkel, die Rosinen tun ihren Teil dazu, für Trockenfruchteindrücke zu sorgen, die die ansonsten dominierenden Röstnoten und Nussigkeit etwas auflockern. Ganz klar ist die Bourbonfassreifung erkennbar, sowohl die Holzigkeit als auch die typischen Bourbongeschmäcker meine ich zu erkennen. Den üppigen Alkoholgehalt spürt man tatsächlich, da ist viel Hauch im Abgang. Das ist ein Bier, das ich als Dessert empfehle, das Milchspeiseeis, Kaffee und Digestif in einem kombiniert. Sehr gelungen gerade in der Milde, die Kratzigkeit, die ich bei einigen anderen Imperial Stouts immer wieder finde, ist hier völlig abwesend.

Einen Schritt zurück, aber nur einen kleinen, machen wir mit dem nächsten Bier: Das Landgang Hop the Barrel Barley Wine weist immer noch 10,3% Alkoholgehalt auf. Landgang Hop the Barrel Barley Wine

Man sieht schon beim Einschenken, dass die Kategorie „Barley Wine“ ihren Namen zu recht trägt – da ist nach wenigen Sekunden jedwede Anwandlung von Schaumbildung direkt verschwunden, ein paar vorsichtig aufsteigende Luftbläschen sind das einzige, was die Flüssigkeit von Rotwein unterscheidet, denn auch die Farbe ist braunrot. Das Auslassen der Filtrierung sorgt für ein starkes Opalisieren. Halten wir die Nase ins Glas, so können wir gleich bei den Weinanalogien bleiben. Ich fühle mich an einen Barrique-Wein erinnert, milde Säure, leichte Zitrusfrucht, Mango und Banane. Viel Holz und Vanille. Im Mund erlebt man ein buntes Farbenspiel – leichte Rauchigkeit, viel Holz, dunkles Malz (es kommt auch Roggenmalz zum Einsatz, das gibt schmeckbaren Charakterunterschied). Eine traubige, mildsäuerliche Weinigkeit kombiniert sich mit schön blumigen Kopfnoten. Dazu viel reife Frucht. Vom Mundgefühl her fett, voll und tief zugleich – selbst die Rezenz wurde nicht vergessen. Der Abgang ist äußerst rund, dazu warm (hier spürt man den Alkoholgehalt, doch nicht unangenehm), mittellang und nur noch mildherb, Süße und Trockenheit wechseln sich ab. Ein toll im Fass ausgebautes Bier, das durch seine extreme Rundheit, Balance und herrliche Komplexität punkten kann.

Zu guter letzt kommen wir zu einer für Craftbierfanatiker schwierigen Kategorie, einem Biermischgetränk. Diese Kategorie hat im letzten Jahrzehnt so viel Mist gesehen, dass einem als Bierfreund schlecht werden kann, weil hier alles an Chemie und Kunst (im negativen Wortsinn) verklappt wurde, was das Labor zu bieten hatte. Das Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon will ich eigentlich wirklich nicht in eine Schublade mit den Schöfferhofer Grapefruits und Desperados stecken, denn hier kommt kein künstliches Aroma, sondern echter Bourbon als Aromageber zum Einsatz.

Superfreunde & The Dudes Beerzebulb IPA Infused with Bulleit Bourbon

Nach dem Eingießen hat man eine schöne, gemischtblasige Schaumkrone, die nach einigen Minuten in sich zusammenfällt. Die Farbe ist gebrannte Siena, eine starke Trübung lässt nur wenige Lichtstrahlen durch die Flüssigkeit fallen. Geruchlich finde ich das Beerzebulb direkt spannend – diese seltsame Mischung aus Bourbon und hopfigem Bier spricht mich an. Bittere Hopfenfrucht, nicht allzu zitruslastig, in Kombination mit malzig-vanilliger Süße. Auch im Mund finde ich dieses Gegeneinanderspielen sehr attraktiv, die Eindrücke wechseln ständig zwischen holzig, süß, bitter und sauer, man weiß kaum, wo man hinschmecken soll – keine der Komponenten, Bier und Bourbon, überwältigt die andere, im Gegenteil, beide zeigen sich vorteilhaft. Obwohl breit und cremig im Mundgefühl bleibt es vom Eindruck dennoch ein IPA – die Bittere schlägt erst ganz am Ende des langen Abgangs zu, hinterlässt dazu eine starke Astringenz auf der Zungenspitze und viel trockene Holzigkeit. Das ist sicherlich nicht ein Biermischgetränk für jedermann, ich finde es charaktervoll und sehr interessant gemacht – das ist was, was ich gern öfter mal trinken würde; mit 7,5% Alkoholgehalt hat das mit Bourbon gemischte Beerzebulb IPA auch die ideale Kraft, mir als Cocktailersatz dienen zu können.


Das Fazit fällt gemischt aus. Ich finde die Idee richtig gut, ein Set anzubieten, das fassgereiftes Bier mit dem Whisky zusammenbringt, der vorher in dem Fass lag. Die Biere sind für mich alle sehr gut ausgeführt, denn ganz so einfach, wie es sich anhört, ist Fassreifung bei Bieren auch nicht – ich habe schon garstiges Zeug getrunken, das nach alten Socken und gammligem Schinken schmeckte. Um so erfreulicher, dass hier sehr unterschiedliche Bierstile zum Vergleich vorliegen, man kann hier wunderbar nachvollziehen, was der Whisky mit dem Bier macht. Dahingehend eine tolle Produktidee.

Als Tip, wer die einleitende Diskussion ernst nimmt und sich mit Bulleit nicht mehr anfreunden will – die Biere gibt es auch separat zu erwerben. Das wäre auch zum Schluss dann meine persönliche Empfehlung: Die Biere sind nämlich echt gut und es wert, probiert zu werden, und außerhalb des Sets nicht teurer als zusammen mit einem Bourbon, der zumindest mir unappetitlich geworden ist.

Kurz und bündig – Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger

Im Bierregal bei meinem GaleriaKaufhof findet sich immer wieder die eine oder andere unerwartete exotische Bierspezialität. Die Biere von Robinsons gehören dazu – das Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger, abgefüllt in der üblichen Robinsons-Flasche und zur deutlichen Abgrenzung mit einem orangefarbenen Etikett versehen, ist die dritte Variante dieses Brauers, die ich trinke (ich verweise gern auf die anderen zwei). Ingwer, hm? Ich liebe Ingwer. Ich liebe Bier. Das kann ja nur gut werden, oder?

Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger Flasche

Farblich sehen wir erstmal ein sehr dunkles Ale, gebrannte Siena, nicht blickdicht, mit ungewohnter, sehr feiner Perlage. Nur wenig Schaum, wie bei einem Ale zu erwarten. Ein leichter Hauch von Zitrone, und, wenn man genau aufpasst, nach Ingwer ist vorhanden. Es erinnert mich vom Geruch her an Biermischgetränke wie Schöfferhofer Grapefruit.

Der Ingwer ist das erste, das im Mund dann zuschlägt. Nicht extrem wie bei einem Ginger Beer, oder einem Ingwerlikör, sondern nur als Kopfnote, aber klar erkennbar. Ein fetter süßsaurer Nachschlag verwischt den Ingwer dann direkt wieder. Sehr frisch im Mund, wenn auch für meinen Geschmack für ein Bier zu süß. 6,0% Alkoholgehalt überraschen nicht. Die Süße bleibt auch am Gaumen, wenn das Ale den Mund in Richtung Rachen verlässt. Der Abgang ist eher kurz, trocken, etwas bitter; hier setzt sich das Ale dann wieder durch. Ganz am Ende blitzt auch der Ingwer wieder auf, in Form einer sehr milden Schärfe.

Robinsons Old Tom Strong Ale with Ginger Glas

Eine sehr spannende Variation auf Biermischgetränke. Durchaus angenehm zu trinken, und die Ingwerschärfe am Ende ist wirklich gelungen.

Die Herstellung ist interessant: Es wird nicht etwa Ingwerextrakt oder ähnliches zugesetzt, sondern das Robinsons ist ein Blend aus dem normalen Robinsons Strong Ale mit Fentimans Ginger Beer. Wer also so ein wahres „Ginger Ale“ mal ausprobieren will, aber an das Robinsons with Ginger nicht rankommt, nimmt einfach ein normales dunkles Ale und vermischt es mit etwas Ginger Beer.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen – Lindemans Kriek Lambic Beer und Liefmans Fruitesse on the Rocks

Natürlichkeit ist wieder in. Sich darüber zu wundern ist eigentlich fehl am Platz – man sollte sich mehr darüber wundern, dass es jemals eine Zeit gab, in der Künstlichkeit im Geschmack durchaus akzeptabel (im unmoralischen Austausch gegen Preisgünstigkeit) war. So ganz sind wir noch nicht darüber hinweg, wenn man sich mal diese seltsamen Fruchtjoghurts anschaut, deren Fruchtaromen von der BASF aus Holzspänen und Hefepilzen gezüchtet werden, oder Biermischgetränke, in denen angeblich Tequila- oder Zitronenaromen vorhanden sein sollen. Gerade letztere weisen statt natürlich schmeckenden Fruchtaromen meist diese Art von Pseudofrucht auf, die man aus Gummibärchen kennt – kann da wirklich jemand den angeblichen Pfirsich vom angeblichen Apfel unterscheiden? Ich bezweifle es.

So richtig in der Bierbreite ist diese Natürlichkeitsbewegung also noch nicht angekommen. Denn die modernen Bierkonsumenten trinken mehr und mehr vorgefertigtes Cola-Bier oder Radler, haben also nichts dagegen, dass große Getränkekonzerne Biermischgetränke mit allerlei chemischen Zusätzen auf den Markt bringen, die mit Bier nichts mehr gemein haben, außer dass noch „Bier-Mischgetränk“ oder ähnliches auf dem Etikett steht – ebenso wenig hat das Gesetz etwas dagegen. Gleichzeitig dürfte in Deutschland, wenn man ein traditionelles Fruchtbier wie ein Kriek herstellen wollte, nichtmal ansatzweise das Wort „Bier“ auf dem Etikett verwenden. Biere mit natürlichen Zutaten in einer uralten handwerklichen Tradition sind verboten, Labormixturen mit künstlichen Aromen aber völlig ok?

Wer wirklich glaubt, dass belgische Fruchtbiere künstlich sind, oder schmecken wie die Massenmixgetränke von der Tankstelle, hat sie noch nie getrunken – das ist eine ganz andere Qualität. Die Herstellung eines traditionellen Fruchtbiers ist dafür eigentlich recht einfach, aber zeitraubend: nachdem das Lambic-Beer, das als Grundlage dient, hergestellt ist, werden frische Früchte, beim Kriek zum Beispiel Kirschen, in den Reifetank gegeben, und das ganze dann einige Monate (bis zu anderthalb Jahre!) nachgereift, bis der Löwenanteil des Fruchtzuckers vergoren ist. Ein Hauptunterschied zu Mixery, Desperados und Co. ist also, dass dem fertigen Produkt nicht ein Aroma untergemischt wird, sondern die Früchte die Produktion mitbestimmen, wie es Hopfen, Hefe und Malz auch tun – ein gleichberechtigter Partner sozusagen. Für die Massenproduktion wird oft allerdings auf Fruchtsaft statt ganzer Früchte zurückgegriffen.

Für den heutigen Vergleich habe ich mir in Ermangelung deutscher Konkurrenz zwei belgische Früchtchen ausgesucht. Einerseits den Klassiker, das Lindemans Kriek Lambic Beer, das mit Kirschsaft hergestellt wird; andererseits einen modernen Vertreter der Gattung, das Liefmans Fruitesse on the Rocks, das mehrere Früchte in sich vereint. Fangen wir mit dem bekanntesten an, dem Kriek.

LIndemans Kriek Lambic Beer Flasche

Auf den Fotos schlecht zu erkennen ist das strahlende Rubinrot, das besonders schön wirkt, wenn man es gegen das Licht hält – nur dann sieht man auch die leichte Trübung. Der witzig rosafarbene Schaum ist schnell weg, da das Bier praktisch keine Perlage aufweist. Nun halten wir das Bier unter die Nase. Wie zu erwarten, wenn man die Herstellungsweise kennt, riecht man nur Kirsche, Kirschsaft, um genau zu sein. Nur ein leichter herzhafter Unterton deutet auf das Basisbier hin.

Dann herzhaft einen Schluck genommen, und man schnalzt danach mit der Zunge. Sehr rezent, kräftige Säure, Kirschsaft, unterschwellige Süße. Höchst erfrischend und unterhaltsam. Allerdings, das muss man natürlich erwähnen: Das Lindemans Kriek schmeckt praktisch nicht nach Bier; im Blindtest, so bin ich sicher, würden es viele für ein Kirschsaftschorle halten.

Erst im Abgang kommt eine sehr dezente Bierbittere und -würze dazu. Ansonst ist das Kriek auch schnell wieder weg; ein kurzer, aber intensiver Genuss. Wenn man wirklich Durst hat, wie ich, als ich das Bier trinken wollte und vorher eine Stunde mit dem Hund im Garten gespielt hatte, sollte man erstmal was anderes trinken, denn sonst zieht man das Fläschchen auf eine Zug weg, so süffig und frisch ist es.

LIndemans Kriek Lambic Beer Glas

Die kleine Flasche, dieselbe, in der der Hersteller auch andere Fruchtbiere wie das Lindemans Framboise abfüllt, ist mit 25cl gefüllt, und weist freundlich-süffige 3,5% Alkohol auf. Lindemans setzt bei seinem Kriek auf ein auf Eiche gereiftes, einjähriges Lambic als Basis, und gibt dann, wenn man dem Etikett glauben darf, reinen Kirschsaft, der am Ende 20% des Inhalts ausmacht, dazu. Drei weitere Zutaten gefallen mir aber nicht, der ich eingangs noch die Natürlichkeit eines traditionellen Krieks gelobt hatte: Aroma, Süßstoff natürlichen Ursprungs, Ascorbinsäure. Man sieht, die moderne Aromatenchemie gibt es auch unter den belgischen Bierherstellern. Ich werde mich mal nach einem Kriek umschauen, das auf diese Zusatzstoffe verzichtet, um nicht als Idiot dazustehen, der auf die Legende des natürlichen Fruchtbiers reingefallen ist.

Neben Lindemans ist auch Liefmans ein großer, alter Name im belgischen Bierbusiness. Mit dem Fruitesse on the Rocks bietet der Hersteller eine Mehrfruchtalternative zum klassischen Kriek an: Neben den Kirschen findet man auch Himbeere, Holunderbeere und Erdbeere. Gibt das dem ganzen noch mehr Feinheit und Aromen?

Liefmans Fruitesse on the Rocks Flasche

15% rote Früchte, entsprechend ist der optische Eindruck: Ein wirklich schönes Kirschrot. Heller als das Kriek, und transparenter. Das Schaumverhalten ist auch hier aber ähnlich: schnell ist er weg. Umso länger bleibt der Geruch – fruchtig, nach Kirschsaft, Johannis- und Himbeeren. Und, ja, ich habe eine Remineszenz an lang vergangene Kindheitstage, denn die von mir damals so geliebte rote Ahoj-Brause rieche ich auch.

Das Liefmans Fruitesse weist erfreulicherweise geschmacklich einen deutlichen Biercharakter auf, ergänzt durch Fruchtaromen von sauren roten Früchten wie Johannisbeere und Himbeere. Ein trockenes Mundgefühl bleibt, dennoch, oder vielleicht auch deswegen, wirkt das Fruchtbier spritzig und erfrischend. Säure und Süße sind nicht ganz so gut ausbalanciert wie beim Kriek, die streiten sich etwas. Sehr rezent, trotz fehlender Perlage. Der Abgang ist etwas bitter und hefig, würzig und trocken. Wie gesagt – das Fruchtbier von Liefmans ist klarer an Bier orientiert als das von Lindemans.

Liefmans Fruitesse on the Rocks Glas

Beim Liefmans Fruitesse ist die sonstige Konfiguration dann aber doch ähnlich wie beim Lindemans Kriek: 25cl, mit 3,8% Alkohol. Leider gilt das auch für die Zusatzstoffe – neben den 15% Fruchtanteil (Kirschen, Himbeere, Holunderbeere, Erdbeere) sind auch hier Beimischungen von Fructose, Aroma und Acesulfame-K enthalten. Bei belgischem Bier gilt es aber zu beachten: Manchmal sind deklarierte Zusatzstoffe auch vollständig im Endprodukt aufgebraucht, wie der Zucker, den man oft bei Flaschengärungsbieren findet. Das soll natürlich keinesfalls die Verwendung von Süßstoffen und Aromen entschuldigen.

Neben dem Konsum als hervorragend effektives Erfrischungsgetränk können Fruchtbiere natürlich auch als Cocktailzutaten gute Dienste leisten – sie bringen von sich aus schon zwei sehr unterschiedliche Komponenten in einen Drink; einerseits die Fruchtaromen, andererseits eine gewisse Sprudeligkeit. Im Gegensatz zu vielen Biercocktails, die ich bisher vorgestellt hatte, ist bei Fruchtbier der malzig-hopfige Charakter eines Biers nicht im Vordergrund, und so entstehen im Cisco und Ginja sehr fruchtig-süße Cocktails mit viel Charme. Der Cisco ist dabei mehr was für den Abend, der Ginja für den heißen Nachmittag.

Cisco
Cisco
2 oz Belgisches Fruchtbier (z.B. Lindemans Kriek)
1½ oz Tequila Blanco (z.B. Agavita Platinum)
¾ oz Aperol
¼ oz Zuckersirup
1 Spritzer Peach Bitters
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Alle Zutaten auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Brent Harcombe]
Ginja
Ginja
Einige Himbeeren muddeln
1½ oz Belgisches Fruchtbier (z.B. Liefmans Fruitesse)
1 oz Vodka (z.B. Green Mark Vodka)
¼ oz Zitronensaft
Alle Zutaten auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Michael G. Perreira]

Sowohl das Lindemans Kriek als auch das Liefmans Fruitesse on the Rocks sind sehr interessante Biere; ich finde aromatisch keinen Mangel, den ich einem der beiden ankreiden könnte. Sie sind sensorisch allerdings auch recht ähnlich, das Fazit fällt daher etwas schwammig und unscharf aus, und ich kann keine eindeutige Empfehlung für eins der beiden aussprechen – das Kriek würde ich als Erfrischungsgetränk bevorzugen, das Fruitesse eher als Essensbegleiter.

Trotz der bösen Überraschung bei der Zutatenliste muss eins festgehalten werden: Sowohl das Fruchtbier von Liefmans als auch von Lindemans sind im Geschmack keinesfalls mit einem Biermischgetränk wie Mixery oder Desperados vergleichbar, da liegt schon noch eine Welt an Qualität, Aromatik und vor allem Körper dazwischen; man sollte die 15%-20% echtem Fruchtanteil nicht über den Ärger des Süßstoffs hinweg vergessen.

Der nächste Schritt für mich wird, wie schon erwähnt, sein, ein wirklich traditionelles Kriek zu finden, das ohne diese zusätzlichen Aroma- und Süßstoffe auskommt. Wenn mir jemand dafür einen Tipp parat hat – her damit! Ansonsten muss ich die Regale und Etiketten abklappern und Zeit, die ich mit gemütlichem Biertrinken verbringen könnte, mit langweiliger Recherche verschwenden! Was tut man nicht alles als Blogger für seine Leser…

Babo macht blau – Babo Blue Biermischgetränk

In Deutschland wird Bier immer in die Nähe der Nahrungsmittel gerückt. Aufgrund seiner Geschichte kann man Bier durchaus als Grenzfall in der Trennung zwischen Genuss- und Nahrungsmittel sehen; gern wird es etwas blumig als „flüssiges Brot“ umschrieben. Der geneigte Biertrinker hat jedoch nicht immer Lust auf das Äquivalent einer dick geschnittenen Stulle oder eines Pfunds frisch gebackenen Gerstenvollkornbrots; hin und wieder dürstet es ihn auch nach etwas leichterem, das zwar im besten Fall noch etwas Biercharakter aufweist (und den Alkoholeffekt, natürlich, als soziales Gleitmittel), aber halt nicht den erdig-hefig-bitter-malzigen Geschmack.

Trank man früher in solchen Situationen schon gern mal ein kaltes Radler, so wird heute auch sonst oft statt zu Bier direkt zu einem Limo-Bier-Gemisch gegriffen, das die Industrie in inzwischen vielfältigster Weise anbietet. Für jeden Gaumen ist da was dabei – Bier wird aromatisiert mit Tequila- oder Curubaaromen, vorgemischt mit Cola oder Energy-Drinks, oder auf noch kreativere Weise dazu gebracht, mit dem flüssigen Brot kaum mehr etwas gemein zu haben. Eins war bisher meist noch konstant: Die Farbe. Im Gegensatz zu Alkopops, die grellbunt daherkommen, hängen die industriellen Hersteller noch an der goldenen Bierfarbe, hauptsächlich wohl, um sich nicht dem Vorwurf der Panscherei auszusetzen. Das Babo Blue Biermischgetränk geht hier einen anderen Weg: gerade die Farbe soll es von anderen Biermischgetränken dieser Art absetzen. Ist es also nur ein Marketinggag, oder kann das Babo Blue auch andere Qualitäten aufweisen?

Babo Blue Biermischgetränk Flasche

So ein Biermischgetränk trinkt sich stilsicher natürlich direkt aus der Flasche. Nach Entfernen des Kronkorkens bildet sich eine winzige, bläuliche Schaumkrone, die aber in Sekunden wieder verschwunden ist. Natürlich kommt die strahlend himmelblaue Farbe von einem Farbstoff.

Der Geruch nach Beeren und Gummibärchen (wie passend!) liegt im Vordergrund. Leicht zitronig, pfirsichig, ein Hauch, aber wirklich nur ein Hauch von Bier, was vielleicht daran liegt, dass ein mildes Kölsch-ähnliches Bier verwendet wurde (auf dem Etikett steht allgemeiner „rheinische Brauart“, um eventuell drohendem Ärger mit der geschützten geographischen Herkunftsbezeichnung schon vorab aus dem Weg zu gehen).

Im Geschmack setzt Babo Blue andere Akzente als viele andere Biermischgetränke, die versuchen, Nichtbiertrinker über Süße und Tarnaromen zu ködern. Der blaue Mix ist nicht übermäßig, aber noch erkennbar süß. Beim Geschmack tritt das Bier dann doch stärker nach vorn, die Beerenaromen ziehen sich etwas zurück. Durchaus angenehm zu trinken, wenn auch etwas dünn und körperlos. Der Abgang ist erwartungsgemäß recht kurz, die Fruchtaromen bleiben noch eine Weile Gast am Gaumen, dazu etwas Bittere vom Bier. Ein zuckriges, leicht klebriges Restgefühl nimmt mir ein kleines bisschen von der aufgebauten Laune.

Das Babo Blue geht insgesamt betrachtet sensorisch dann aber doch mehr in Richtung Limonade oder Brause, und spricht damit mehr Spaßtrinker an als Biergenießer. Mit 2,9% ist es somit ein leichter, erfrischender Sommerdrink, der tatsächlich auch Spaß macht und witzig-frech daherkommt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nun handelt es sich beim Babo Blue ja schon um ein Mischgetränk – kann man das auch in Cocktails verwenden? Die Antwort ist klar: warum nicht! Ich wandele ein ursprünglich Himbeeren und belgisches Bier nutzendes Getränk einfach etwas ab, und schon ist es fertig, das Misch-Misch-Getränk La Babotina.

La Babotina


La Babotina
6-8 Heidelbeeren im Shakerglas muddeln
1½ oz Tequila blanco (z.B. Don Julio Blanco)
1 oz Grapefruitsaft
¾ oz Limettensaft
¾ oz Zuckersirup
…aufgießen mit Babo Blue Biermischgetränk…
…und in einem Glas mit dünner Salzkruste servieren.

[Rezept inspiriert nach dem Original „La Valentina“ von Thomas Waugh]


Ich habe das versandkostenfreie Angebot genutzt, und mir 9 Flaschen für zusammen knapp 15€ direkt von der Herstellerhomepage zuschicken lassen. Mit rund 1,70€ pro Flasche bewegen wir uns im durchaus üblichen Rahmen für diese Art Getränke, ein Experiment in diese Richtung macht einen also nicht arm – ich kann mir vorstellen, dass dieses Getränk auf einer Party als witziger Ersatz für die altbekannten Radler und Desperados sehr gut ankommen könnte.

Babo Blue Biermischgetränk Kühlschrank

Zwei Fläschchen habe ich mir für diesen Bericht zurückbehalten, den Rest in den Firmenkühlschrank gelegt und für die Kollegen zum Sturm freigegeben. Die Urpilsfanatiker des Saarlands sind natürlich nur schwer von einem anderen Bier zu überzeugen, geschweige denn von einem Mischgetränk. Witzig war es allerdings schon, denn der starke Farbstoff im Babo Blue sorgt für blaue Lippen und Zungen, wie man das vielleicht von Schlumpfeis und ähnlichem kennt. Wer also immer mal schon wissen wollte, wer von den Kollegen sich am privaten Biervorrat im Firmenkühlschrank bedient, legt einfach eine Flasche Babo Blue dazu, und lässt sich am Ende des Tages von Verdächtigen die Zunge vorzeigen…