LIndemans Kriek Lambic Beer Titel

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen – Lindemans Kriek Lambic Beer und Liefmans Fruitesse on the Rocks

Natürlichkeit ist wieder in. Sich darüber zu wundern ist eigentlich fehl am Platz – man sollte sich mehr darüber wundern, dass es jemals eine Zeit gab, in der Künstlichkeit im Geschmack durchaus akzeptabel (im unmoralischen Austausch gegen Preisgünstigkeit) war. So ganz sind wir noch nicht darüber hinweg, wenn man sich mal diese seltsamen Fruchtjoghurts anschaut, deren Fruchtaromen von der BASF aus Holzspänen und Hefepilzen gezüchtet werden, oder Biermischgetränke, in denen angeblich Tequila- oder Zitronenaromen vorhanden sein sollen. Gerade letztere weisen statt natürlich schmeckenden Fruchtaromen meist diese Art von Pseudofrucht auf, die man aus Gummibärchen kennt – kann da wirklich jemand den angeblichen Pfirsich vom angeblichen Apfel unterscheiden? Ich bezweifle es.

So richtig in der Bierbreite ist diese Natürlichkeitsbewegung also noch nicht angekommen. Denn die modernen Bierkonsumenten trinken mehr und mehr vorgefertigtes Cola-Bier oder Radler, haben also nichts dagegen, dass große Getränkekonzerne Biermischgetränke mit allerlei chemischen Zusätzen auf den Markt bringen, die mit Bier nichts mehr gemein haben, außer dass noch „Bier-Mischgetränk“ oder ähnliches auf dem Etikett steht – ebenso wenig hat das Gesetz etwas dagegen. Gleichzeitig dürfte in Deutschland, wenn man ein traditionelles Fruchtbier wie ein Kriek herstellen wollte, nichtmal ansatzweise das Wort „Bier“ auf dem Etikett verwenden. Biere mit natürlichen Zutaten in einer uralten handwerklichen Tradition sind verboten, Labormixturen mit künstlichen Aromen aber völlig ok?

Wer wirklich glaubt, dass belgische Fruchtbiere künstlich sind, oder schmecken wie die Massenmixgetränke von der Tankstelle, hat sie noch nie getrunken – das ist eine ganz andere Qualität. Die Herstellung eines traditionellen Fruchtbiers ist dafür eigentlich recht einfach, aber zeitraubend: nachdem das Lambic-Beer, das als Grundlage dient, hergestellt ist, werden frische Früchte, beim Kriek zum Beispiel Kirschen, in den Reifetank gegeben, und das ganze dann einige Monate (bis zu anderthalb Jahre!) nachgereift, bis der Löwenanteil des Fruchtzuckers vergoren ist. Ein Hauptunterschied zu Mixery, Desperados und Co. ist also, dass dem fertigen Produkt nicht ein Aroma untergemischt wird, sondern die Früchte die Produktion mitbestimmen, wie es Hopfen, Hefe und Malz auch tun – ein gleichberechtigter Partner sozusagen. Für die Massenproduktion wird oft allerdings auf Fruchtsaft statt ganzer Früchte zurückgegriffen.

Für den heutigen Vergleich habe ich mir in Ermangelung deutscher Konkurrenz zwei belgische Früchtchen ausgesucht. Einerseits den Klassiker, das Lindemans Kriek Lambic Beer, das mit Kirschsaft hergestellt wird; andererseits einen modernen Vertreter der Gattung, das Liefmans Fruitesse on the Rocks, das mehrere Früchte in sich vereint. Fangen wir mit dem bekanntesten an, dem Kriek.

LIndemans Kriek Lambic Beer Flasche

Auf den Fotos schlecht zu erkennen ist das strahlende Rubinrot, das besonders schön wirkt, wenn man es gegen das Licht hält – nur dann sieht man auch die leichte Trübung. Der witzig rosafarbene Schaum ist schnell weg, da das Bier praktisch keine Perlage aufweist. Nun halten wir das Bier unter die Nase. Wie zu erwarten, wenn man die Herstellungsweise kennt, riecht man nur Kirsche, Kirschsaft, um genau zu sein. Nur ein leichter herzhafter Unterton deutet auf das Basisbier hin.

Dann herzhaft einen Schluck genommen, und man schnalzt danach mit der Zunge. Sehr rezent, kräftige Säure, Kirschsaft, unterschwellige Süße. Höchst erfrischend und unterhaltsam. Allerdings, das muss man natürlich erwähnen: Das Lindemans Kriek schmeckt praktisch nicht nach Bier; im Blindtest, so bin ich sicher, würden es viele für ein Kirschsaftschorle halten.

Erst im Abgang kommt eine sehr dezente Bierbittere und -würze dazu. Ansonst ist das Kriek auch schnell wieder weg; ein kurzer, aber intensiver Genuss. Wenn man wirklich Durst hat, wie ich, als ich das Bier trinken wollte und vorher eine Stunde mit dem Hund im Garten gespielt hatte, sollte man erstmal was anderes trinken, denn sonst zieht man das Fläschchen auf eine Zug weg, so süffig und frisch ist es.

LIndemans Kriek Lambic Beer Glas

Die kleine Flasche, dieselbe, in der der Hersteller auch andere Fruchtbiere wie das Lindemans Framboise abfüllt, ist mit 25cl gefüllt, und weist freundlich-süffige 3,5% Alkohol auf. Lindemans setzt bei seinem Kriek auf ein auf Eiche gereiftes, einjähriges Lambic als Basis, und gibt dann, wenn man dem Etikett glauben darf, reinen Kirschsaft, der am Ende 20% des Inhalts ausmacht, dazu. Drei weitere Zutaten gefallen mir aber nicht, der ich eingangs noch die Natürlichkeit eines traditionellen Krieks gelobt hatte: Aroma, Süßstoff natürlichen Ursprungs, Ascorbinsäure. Man sieht, die moderne Aromatenchemie gibt es auch unter den belgischen Bierherstellern. Ich werde mich mal nach einem Kriek umschauen, das auf diese Zusatzstoffe verzichtet, um nicht als Idiot dazustehen, der auf die Legende des natürlichen Fruchtbiers reingefallen ist.

Neben Lindemans ist auch Liefmans ein großer, alter Name im belgischen Bierbusiness. Mit dem Fruitesse on the Rocks bietet der Hersteller eine Mehrfruchtalternative zum klassischen Kriek an: Neben den Kirschen findet man auch Himbeere, Holunderbeere und Erdbeere. Gibt das dem ganzen noch mehr Feinheit und Aromen?

Liefmans Fruitesse on the Rocks Flasche

15% rote Früchte, entsprechend ist der optische Eindruck: Ein wirklich schönes Kirschrot. Heller als das Kriek, und transparenter. Das Schaumverhalten ist auch hier aber ähnlich: schnell ist er weg. Umso länger bleibt der Geruch – fruchtig, nach Kirschsaft, Johannis- und Himbeeren. Und, ja, ich habe eine Remineszenz an lang vergangene Kindheitstage, denn die von mir damals so geliebte rote Ahoj-Brause rieche ich auch.

Das Liefmans Fruitesse weist erfreulicherweise geschmacklich einen deutlichen Biercharakter auf, ergänzt durch Fruchtaromen von sauren roten Früchten wie Johannisbeere und Himbeere. Ein trockenes Mundgefühl bleibt, dennoch, oder vielleicht auch deswegen, wirkt das Fruchtbier spritzig und erfrischend. Säure und Süße sind nicht ganz so gut ausbalanciert wie beim Kriek, die streiten sich etwas. Sehr rezent, trotz fehlender Perlage. Der Abgang ist etwas bitter und hefig, würzig und trocken. Wie gesagt – das Fruchtbier von Liefmans ist klarer an Bier orientiert als das von Lindemans.

Liefmans Fruitesse on the Rocks Glas

Beim Liefmans Fruitesse ist die sonstige Konfiguration dann aber doch ähnlich wie beim Lindemans Kriek: 25cl, mit 3,8% Alkohol. Leider gilt das auch für die Zusatzstoffe – neben den 15% Fruchtanteil (Kirschen, Himbeere, Holunderbeere, Erdbeere) sind auch hier Beimischungen von Fructose, Aroma und Acesulfame-K enthalten. Bei belgischem Bier gilt es aber zu beachten: Manchmal sind deklarierte Zusatzstoffe auch vollständig im Endprodukt aufgebraucht, wie der Zucker, den man oft bei Flaschengärungsbieren findet. Das soll natürlich keinesfalls die Verwendung von Süßstoffen und Aromen entschuldigen.

Neben dem Konsum als hervorragend effektives Erfrischungsgetränk können Fruchtbiere natürlich auch als Cocktailzutaten gute Dienste leisten – sie bringen von sich aus schon zwei sehr unterschiedliche Komponenten in einen Drink; einerseits die Fruchtaromen, andererseits eine gewisse Sprudeligkeit. Im Gegensatz zu vielen Biercocktails, die ich bisher vorgestellt hatte, ist bei Fruchtbier der malzig-hopfige Charakter eines Biers nicht im Vordergrund, und so entstehen im Cisco und Ginja sehr fruchtig-süße Cocktails mit viel Charme. Der Cisco ist dabei mehr was für den Abend, der Ginja für den heißen Nachmittag.

Cisco
Cisco
2 oz Belgisches Fruchtbier (z.B. Lindemans Kriek)
1½ oz Tequila Blanco (z.B. Agavita Platinum)
¾ oz Aperol
¼ oz Zuckersirup
1 Spritzer Peach Bitters
1 Spritzer Peychaud’s Bitters
Alle Zutaten auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Brent Harcombe]
Ginja
Ginja
Einige Himbeeren muddeln
1½ oz Belgisches Fruchtbier (z.B. Liefmans Fruitesse)
1 oz Vodka (z.B. Green Mark Vodka)
¼ oz Zitronensaft
Alle Zutaten auf Eis shaken.

[Rezept adaptiert nach Michael G. Perreira]

Sowohl das Lindemans Kriek als auch das Liefmans Fruitesse on the Rocks sind sehr interessante Biere; ich finde aromatisch keinen Mangel, den ich einem der beiden ankreiden könnte. Sie sind sensorisch allerdings auch recht ähnlich, das Fazit fällt daher etwas schwammig und unscharf aus, und ich kann keine eindeutige Empfehlung für eins der beiden aussprechen – das Kriek würde ich als Erfrischungsgetränk bevorzugen, das Fruitesse eher als Essensbegleiter.

Trotz der bösen Überraschung bei der Zutatenliste muss eins festgehalten werden: Sowohl das Fruchtbier von Liefmans als auch von Lindemans sind im Geschmack keinesfalls mit einem Biermischgetränk wie Mixery oder Desperados vergleichbar, da liegt schon noch eine Welt an Qualität, Aromatik und vor allem Körper dazwischen; man sollte die 15%-20% echtem Fruchtanteil nicht über den Ärger des Süßstoffs hinweg vergessen.

Der nächste Schritt für mich wird, wie schon erwähnt, sein, ein wirklich traditionelles Kriek zu finden, das ohne diese zusätzlichen Aroma- und Süßstoffe auskommt. Wenn mir jemand dafür einen Tipp parat hat – her damit! Ansonsten muss ich die Regale und Etiketten abklappern und Zeit, die ich mit gemütlichem Biertrinken verbringen könnte, mit langweiliger Recherche verschwenden! Was tut man nicht alles als Blogger für seine Leser…

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5 Gedanken zu “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen – Lindemans Kriek Lambic Beer und Liefmans Fruitesse on the Rocks

  1. Das Lindemanns hatte ich tatsächlich am Wochenende auch. War auch ganz lecker, ich meine auch deutlich den Lambic-Geschmack geschmeckt zu haben. Allerdings war es wirklich etwas ernüchternd die Zutatenliste zu lesen. Wobei ich bemerken muss, dass ich den Süssstoff ausahmsweise nicht rausgeschmeckt hätte.

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  2. Aaaarrgh! Da isser mir wieder zuvorgekommen. Mit dem Liefmanns. Aber viel wär mir dazu nicht eingefallen. Sonst hätte ich es nicht so lange vor mir her geschoben. Die zwei Halbsätze kann ich dann auch hier diskutieren. Bei mir gab’s sowas auch zum Essen. Ein Liefmans und ein anderes Lambik. Nach dem Serviervorschlag auf der Flasche im vorgekühlten Glas auf Eiswürfel. Sehr leckere, erfrischende Sommergetränke, passend an heißen Tagen genossen. Zum Essen, nicht groß professionell verkostet. Nach meinen drogenpolitischen Kriterien nur auf das Potential als Genußmittel mit Option auf Rauschmittel gecheckt. Gut und lecker. Ja. Aber Bier? Ist mir kein Stück in den Sinn gekommen. Da würde ich dem deutschen Vorschriftenwahn ausnahmsweise folgen. Und zwar aus geschmacksästhetischen Gründen. In unserer Sprache, geprägt durch Gewohnheit und vorlieben, darf so ein Getränk nicht „Bier“ heißen. Perlender Fruchtwein wäre ein korrekt-technokratischer Begriff. Geschmacklich würde ich es eher neben fruchtigen, leichten Cidre einordnen. Da wir keine Worte dafür finden, eben gerne als Lambik. Aber der Begriff „Bier“ ist da bei uns einfach schon völlig anders besetzt. Find ich.

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    1. Das Problem mit dem besetzten Bierbegriff kann ich nachvollziehen. Allerdings ist das schon ein recht deutsches Problem – ich kenne viele, die auch zu einem kakaokaffeeigen Imperial Stout, einem fruchtlastigen Double IPA oder einem supersüßen Dubbel schon nicht mehr „Bier“ sagen könnten. In einem anderen Artikel hatte ich sinngemäß geschrieben, dass für die meisten Deutschen gilt: Bier == Pils, eine industrie- und werbungsgefütterte Erwartungshaltung.

      Gerade belgische Biere sind da sehr flexibel, und ich nehme mich selbst auch nicht aus, manchmal Schwierigkeiten zu haben – ein Faro beispielsweise schmeckt auch für mich mehr nach Cidre als nach „Bier“, obwohl es eins ist.

      Aber objektiv klar ist: Das, was ein „Bier“ ist, ist durch den Produktionsprozess und die Grundmaterialien bestimmt, nicht durch den Endgeschmack.

      Trotzdem weiterhin viel Spaß beim Genießen des perlenden Fruchtweins, und vielen Dank für einen erneut sehr einsichtigen, klugen Kommentar! 🙂

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      1. Vielen Dank für das Kompliment. Aber ich hab‘ da ja auch praktisch meinen unausgegorenen Artikel in Deine Kommentarspalte ausgeschüttet. Aber wo Du das süße Dubbel erwähnst, fällt mir ein, warum ich an unserer strengen Nomenklatur zweifele: Unser enger Bierbegriff hat ja auch eine recht breite Front erklärter Nicht-Biertrinker geschaffen. Davon bewegen sich einige in meinem Umfeld. Und da fiel mir auf, eben die Lambiks oder das Leffe Dubbel kann man, mit gutem Zureden, sehr erfolgreich anbieten. Obwohl diese Personen freiwillig nie etwas probiert hätten, wo Bier drauf steht. Stout wird da allerdings abgelehnt. So definiere ich für mich: Bier ist alles, bei dem der deutsche Nicht-Biertrinker angewidert das Gesicht verzieht. Wenn ers doch trinkt, isses kein Bier. Oh Mist. Demnach wäre Kölsch ja tatsächlich kein Bier…

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