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Martini Fiero Titel

Kurz und bündig – Martini Fiero

Es sollte eine kleine Abwechslung werden vom sonst üblichen Crémant, den die etwas damenlastige, unregelmäßig stattfindende Runde am Feierabend im Büro als Ausklang vom Alltag sonst so trinkt. Auf die Dauer ist dieser französische Sekt halt etwas langweilig; mit dem nagelneu erschienenen wein-basierten Aperitiv aus dem Hause Martini wollte ich etwas Schwung und mediterranes Flair injizieren. Um es kurz zu machen – es war ein spektakulärer Erfolg, die Damen haben ein neues Lieblingsgetränk. Was macht ihn aus, den Martini Fiero?

Martini Fiero Flasche

Schon allein die Farbe! Dunkles rubinrot, mit einem Touch von violett. Der Geruch wirkt bitter und fruchtig, nach Grapefruit. Erinnert mich stark an Aperol. Da ist noch eine klare Note von Hubba-Bubba-Kaugummi, Himbeeren und Erdbeeren.

Im puren Zustand ist der Geschmack dann aber doch anders als Aperol – der Fiero ist sauer, auch hier Grapefruitsaft, etwas -schale vielleicht noch. Nur mild bitter, er wirkt irgendwie, als wäre Kohlensäure darin. Das gibt ihm eine schöne Frische. Wirklich apart! Eine unterschwellige Kräuternote, etwas Meersalz und zum Schluss noch ein Überbleibsel des verwendeten Weins. 14,4% Alkoholgehalt spürt man kein bisschen, was ihn zu einem sehr gefährlichen Getränk macht – äußerst süffig und rund. Der Abgang ist eher süßlich, überraschend lang für einen derartigen Aperitiv, und leicht kribblig auf der Zunge.

Ich bin normalerweise, was Cocktails angeht, recht anspruchsvoll und gebe mich selten mit den meist etwas simpel angelegten Rezepten, die die Hersteller von Spirituosen für ihre Produkte angeben, zufrieden; es muss meist etwas extravaganter sein. Beim Martini Fiero allerdings muss ich doch ganz banal die Empfehlung des Herstellers wiederkäuen: Das Fiero Tonic ist so perfekt, wie ein Longdrink nur sein kann. Leicht, frisch und doch mit ordentlicher Wucht, so dass er nicht langweilig wird. Die Vermischung mit Tonic Water sorgt auch dafür, dass der Alkoholgehalt dieses Drinks mit rund 7% einen sehr genehmen After-Work-Level erreicht – in etwa wie ein Bier, deutlich weniger als ein Crémant.

Martini Fiero Tonic


Fiero Tonic
Ein Glas mit Eis füllen.
Zur Hälfte mit Martini Fiero befüllen.
Aufgießen mit Tonic Water (z.B. Fever Tree Mediterranean Tonic).
Leicht umrühren.
[Rezept nach Martini & Rossi]


Ich glaube nicht daran, dass es Getränke gibt, die nur von Männern getrunken werden und andere, die nur von Frauen getrunken werden. Der Martini Fiero kommt sehr gut an bei beiden Geschlechtern, und wird damit weiterhin bei uns auf absehbare Zeit das Getränk der Wahl sein, wenn es darum geht, nach einem langen oder auch einem langweiligen Arbeitstag den Feierabend einzuläuten.

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Faradaí Pará Spirit Titel

Ein Druck auf den Husarenknopf – Faradaí Pará Spirit

Der Mensch ist beim Schnapsherstellen schon immer sehr kreativ gewesen. Alles, was Feld und Wald hergaben, wurde fermentiert, gebrannt, vergeistet, mazeriert oder infundiert. Wer sich zum ersten Mal auf dieses weite Feld begibt, und bisher nur die Verwendung von Gerste (Bier, Whisky), Kartoffeln (Vodka), Trauben (Wein, Brandy) oder Zuckerrohr (Rum) kannte, erlebt zunächst überrascht, dass auch Agaven, Mais, Trester, Äpfel, Bitterorangen und Reis als Basismaterialien weitverbreitet sind. Hat man sich damit abgefunden, bietet diese Welt weiterhin noch Überraschungen für den bereits Fortgeschrittenen – wer tiefer gräbt, findet heutzutage auch schnell mutige Brenner, die Spirituosen aus ungewöhnlicheren Zutaten herstellen: Fichtensprossengeiste, Tabak-, Zirben- und Harzliköre sind so verrückt nicht, wie es sich auf den ersten Blick anhört.

Seit dem globalen Endloserfolgs eines Gin Basil Smash sind auch Gemüse in der Bar angekommen. Wen wundert es da, dass auch seltsame Randpflanzen so langsam ins Licht der Öffentlichkeit rücken – denn wer kennt denn in Deutschland eigentlich die Parakresse? Ein obskures Gewächs, stammend wohl aus Südamerika, das eine eigentümliche Eigenschaft aufweist, die sie spannend für die immer Suchenden der Mixologie macht – sie prickelt im Mund wie Brause, und hat sogar einen leicht betäubenden Effekt auf die Zunge. Kein Wunder, dass sie einen idealen Ersatz für Brause darstellen kann, wenn man Kinder nicht gleichzeitig mit Zucker und allerlei Chemie vollpumpen will.

Der Husarenknopf, ein alternativer Name für die Parakresse, ist der Clou im Faradaí Pará Spirit. Die Hersteller destillieren für ihre Kreation Ceylon– und Assam-Schwarztee (wahrscheinlich einen stark gesüßten Tee, der fermentiert wurde; genauere Hinweise bieten die etwas schwammigen Produktinfos auf der Herstellerseite und dem beiliegenden Booklet leider nicht) – schon allein das sieht man nicht allzu häufig – und mazerieren darin die Blüten der Parakresse. Dadurch entsteht ein Tee-Getränk mit 35% Alkohol, einer dunkelbraunen Schwarzteefarbe und einem Namen mit vielen Akzenten.

Faradaí Pará Spirit Flasche

Was die Flasche noch nicht eindeutig erkennen lässt, wird im Glas deutlich – der Faradaí ist trotz seines dunklen Schwarztee-Rots klar, mit orangenen Reflexen. Beim Schwenken ist er nur mäßig viskos, dadurch entstehen am Glas kaum Beine. Optisch denkt man vielleicht erstmal an einen Amaro wie Ramazotti oder Averna. Der Geruch dagegen hat überhaupt nichts italienisch-liebliches, im Gegenteil: Holzig, moosig, erdig. Natürlich erkennt man sofort den Schwarztee. Ein kräuteriger Unterton schleicht sich ein, und ganz hintergründig milde Zitrusfruchtbittere, vielleicht Orangenschale.

Der Geschmack hat eine kurze Phase, in der er sich präsentieren kann: Sehr süß, deutliches Schwarzteearoma. Etwas bittere Orangenschale; im Gesamtbild nebenbei entfernt erinnernd an einen etwas verdünnten Kräuterlikör wie Jägermeister. Schwer zu verkosten, weil diese Aromatik nur ein kurzes Intermezzo ist, denn…

…im Abgang dann entfaltet sich das Wunder – hier erst beginnt der Faradaí seinen Charakter zu zeigen. Da kribbelt und brummt es, dass es eine Freude ist. Ein stark metallisches Gefühl kommt dazu. Spät noch etwas Orange, allerdings ist das Brausekribbeln extrem dominierend und übertönt alles restlos. Ein durchaus starkes Betäubungsgefühl mindestens auf der Zungenspitze, im weiteren Verlauf auch an der Zungenseite. Sehr spannend, aber nicht so richtig angenehm. Das muss man probiert haben, um es zu verstehen – einmalig und nicht mal ansatzweise von anderen Getränken bekannt.

Faradaí Pará Spirit Glas

Als Purgetränk kaum genießbar, denn der Effekt übertönt den Geschmack. Ich sage das selten, doch hier haben wir den Fall: Der Faradaí Pará Spirit ist eine reine Mixspirituose. Nicht, weil die Qualität niedrig ist, wie das oft als Begründung für diese Eingruppierung der Fall ist, sondern weil der Effekt zu intensiv, zu vordergründig ist, als dass man darüber hinaus noch weitere Aromen erkennen könnte. Auch ist der Betäubungseffekt natürlich eigentlich kein wünschenswerter, wenn man mit seinen Geschmacksnerven noch explorieren will.

Daher muss man aber selbst in Cocktails achtgeben, wie man diesen elektrisierenden Brand dosiert; zuviel, und er übernimmt alles. In den Regime Change Punch gehört normalerweise als dritte Zutat eine Dreiviertelunze Schwarzteesirup; diese habe ich, neben ein paar anderen kleinen Änderungen, durch Faradaí ersetzt. Und, siehe da – wer denkt dass in einem sovielzutatigen Cocktail eine winzige Änderung, dazu nicht mal in der Hauptspirituose, keinen Unterschied macht, wird schnell eines besseren belehrt, wenn er den dann von mir passend umbenannten Electric Regime Change Punch mal probiert.

Electric Regime Change Punch


Electric Regime Change Punch
1½ oz Whiskey (z.B. Old Grand-Dad)
1 oz Zitronensaft
¾ oz Faradaí Pará Spirit
½ oz Laird’s Applejack
½ oz Karamellsirup
¼ oz Galliano l’Autentico
¼ oz Honigsirup
1 Teelöffel Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
1 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Alle Zutaten auf Eis shaken, dann in ein großes Glas mit frischem Eis geben.

Mit etwas Sprudel toppen.
[Rezept adaptiert nach einem Original von Colin Shearn]


Wer die Flasche zugeschickt bekommt, erfreut sich aber zunächst mal an der Präsentation. Die Halbliterflasche (erhältlich ist zwischenzeitlich auch eine 20cl-Größe) ist eingewickelt in schwarzes Seidenpapier, die mit einem Aufkleber des Markenlogos verklebt ist. Anbei findet man ein A4-Poster des Markenschriftzugs und ein kleines Heftchen mit Hinweisen zur Parakresse und empfohlenen Cocktailrezepten, erfunden von gestandenen Barkeepern aus Berlin, die deutlich wenigerzutatig sind als mein Extrembeispiel.

Faradaí Pará Spirit Verpackung

Insgesamt muss man sich als Barbetreiber, und noch viel mehr als Heimbar-Fly mit begrenztem Budget, fragen, wie interessant so eine Effektspirituose für einen sein kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Faradaí Pará Spirit in einer professionellen, experimentierfreudigen Bar für eine Spezialcocktail-Woche ein hervorragender, überraschender und die Kunden reizender Zusatz sein kann, denn, wie gesagt, der Effekt ist ziemlich einmalig und wirklich besonders. Leider verlieren solche Special Effects oft zügig den Reiz, den sie zu Beginn noch ausübten. Bei 28€ für den halben Liter bewegen wir uns im doch schon hochpreisigen Bereich – persönlich empfinde ich es aber als den Preis wert, denn man bekommt für das Geld eine ganz und gar unkonventionelle, handwerklich hergestellte und ausgesprochen kreative Spirituose eines kleinen Unternehmens – und unterstützt damit sogar noch die immer mehr in Fahrt kommende deutsche Spirituosenlandschaft abseits der großen Konzerne mit ihrem ewig gleichen Allerlei.

Linie Aquavit Double Cask Titel

Ein Schnaps geht um die Welt – Linie Double Cask Aquavit

Ein sehr gefragtes Qualitätssiegel ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Sie besagt, dass ein spezielles Produkt tatsächlich nur in einer kleinen Region hergestellt wurde, aus der es ursprünglich stammt. Die bekanntesten Beispiele dafür sind wahrscheinlich Parmaschinken, Nürnberger Rostbratwürste, Bündnerfleisch oder Kölsch. Man erhofft sich davon ein gewisses Qualitätsversprechen – die Ware wird nicht am günstigst möglichen Ort produziert, sondern dort, wo man Erfahrung damit hat.

Einen ganz anderen Weg geht der norwegische Aquavit-Brenner Arcus. Er setzt mit seinem Produkt Linie Aquavit voll auf Globalität – der Brand, hergestellt in Pot Stills aus Kartoffeln, Kräutern und Gewürzen, lagert erstmal ein Jahr in Ex-Oloroso-Fässern in norwegischen Kellern, und tritt dann eine Reise um die Welt an. „Twice across the Equator“ schreiben die Hersteller groß aufs Etikett. Rund 4 Monate ist der Aquavit so unterwegs. Ein Weltenbummler also, der stolz darauf ist, eben nicht in einer kleinen Region als Landei hergestellt zu werden.

Für den normalen Linie Aquavit ist die Reise dann zuende, und er wird in Flaschen abgefüllt und verkauft. Der hier vorgestellte Linie Double Cask Aquavit hat mit seiner Wanderzeit seine Geschmacksausbildung aber noch nicht abgeschlossen – er wird nach seiner doppelten Äquatorüberquerung dann noch ein Jahr in Ex-Portwein-Fässern nachgereift. Merkt man von dieser doppelten Fassreifung und doppelten Erdumseglung etwas im Glas, oder ist das eine Marketinglegende, wie sie es in der Spirituosenwelt so viele gibt?

Linie Aquavit Double Cask Flasche

„Bernstein“ wird ja immer etwas überstrapaziert und benutzt, sobald eine Spirituosenfarbe zwischen gelb und braun liegt. Ich nutze weiterhin gern das Farbenrad von Single Malt Whisky von den Blogkollegen von eyeforspirits.com – und das weist mich auf M5 Ocker, mit Tendenz zum M6 Safran hin. Schnell ablaufende, dicke Beine beim Schwenken gefallen ebenso wie die Farbe.

Ein Aquavit hat eine eindeutige Geruchssignatur, die man auch beim Linie Aquavit wiederfindet. Kümmel, Lack, mit Anklängen von gereiftem Korn. Ein duftkräuteriger Unterton nach Lavendel und Thymian. Vanille. Schwer zu verriechen ist er allerdings schon etwas, weil eine stechende Alkoholnote tiefes Schnuppern unterbindet, die auch nach einigen Minuten offenstehen nicht verschwindet – bei mäßigem Riechen fällt es einem aber kaum auf, da ist also keine starke Alkoholfahne.

Der Kümmel ist auch das dominierende Element im Mund – etwas anderes sollte man von einem Aquavit auch nicht erwarten. Eine tiefe, würzige, kribbelnde Kandissüße begleitet die Kräuteraromen. Den fruchtigen Einfluss von Sherry und Port erkennt man deutlich, darüberhinaus schleift das Finish Kanten rund und gibt ein weiches, samtiges Mundgefühl – ohne aber zu gaumenschmeichlerisch zu wirken, denn man bekommt auch ordentlich zungenreinigendes Feuer ab, das nicht allein durch 41,5% Alkoholgehalt erklärbar ist: In diesem Brand ist Leben.

Der Abgang ist entsprechend pfeffrig scharf, recht kurz, süß und lässt ein warmes Brummen im Mundraum zurück: Durch diese Intensität vermisst man auch die Länge nicht wirklich.

Ja, das ist ein Brand, der pur schon soviele Qualitäten aufweist, dass er diese auch in einem Cocktail weitergeben kann, ohne dass man fürchten müsste, er würde gegen andere Zutaten untergehen. Das Feuer und die Kümmelnote sorgen für wuchtige Drinks – der Scandi Gibson (der erste Teil des Namens steht wahrscheinlich als Abkürzung für „scandinavian“) ist entsprechend eine erfreulich abwechslungsreiche Rezeptur für Gaumen, die sich nicht beirren lassen und auch mal gern etwas würzigeres im Glas haben als immer nur die süß-sauren Standarddrinks.

Scandi Gibson


Scandi Gibson
2 oz Aquavit (z.B. Linie Double Cask Aquavit)
1 oz Saint-Raphaël Ambré
10 Tropfen The Bitter Truth Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
Mit einer Cocktailzwiebel servieren.
[Rezept nach Avery Glasser]


Bei Aquavit geht es wahrscheinlich vielen wie mit Korn – das kennt man eigentlich nur ungereift, als Absacker nach dem Essen, der einem die Papillen ausbrennt. Wie ich schon bei einem aromatisch verwandten Brand, dem Münsterländer Lagerkorn, feststellen konnte, gibt es immer Ausnahmen von solchen Vorurteilen: Mit dem altbackenen Rachenputzer des Opas hat der Linie Double Cask Aquavit nichts mehr zu tun. Das ist ein herrlicher Sipper, den man, wenn man Lust auf ein bisschen Disko im Mund hat und einem gerade ein Bourbon oder Rum zu freundlich vorkommt, vor sich hin nippen kann. Alternativ bleibt er trotzdem immer noch ein perfekter Digestif nach deftigem Essen: Ein Alleskönner also, den man als Spirituosenfreund dringend ausprobieren sollte.

On Ti Dousè Planteur Prestige Titel

Eine kleine Leckerei – On Ti Dousè Planteur Prestige

Nachdem mein Schulfranzösisch, das mich 4 Jahre begleitet hatte, über die vielen Jahre der Nichtbenutzung sehr eingeschlafen war, dachte ich nicht, dass sich das so leicht wiederbeleben lässt. Und in der Tat war die erste Lektüre, die ich mir im Urlaub vor einigen Jahren wieder auf Französisch zumutete, Léon l’Africain von Amin Maalouf, ein Brocken Arbeit. Seitdem habe ich aber nicht locker gelassen, und inzwischen lese ich Französisch fast wieder flüssig wie Englisch und Deutsch. Das soll nicht als Angeberei, sondern Ansporn an alle dienen, die ihre Sprachkenntnisse verschimmeln lassen – es lässt sich wieder aktivieren, und zwar schneller, als man denkt. Umso erstaunter war ich, dass ich in einer Facebook-Gruppe, die sich mit französisch-karibischen Rums beschäftigt, plötzlich auf viele Wörter stieß, die ich so überhaupt nicht einzuordnen wusste, und die ich auch nicht herleiten oder nachschlagen konnte.

Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass es sich um kreolische Wörter und Satzkonstrukte handelte. Kreolsprachen sind Mischformen aus verschiedenen Sprachen, und haben sich von ihren Einflüssen abgelöst; im karibischen Raum sind französische Kreolsprachen verbreitet, und in Haiti beispielsweise wurde das kreyol ayisyen zur Amtssprache, die 95% der Bevölkerung sprechen. Man erkennt in den französisch-kreolischen Sprachen noch deutlich, dass sie viel Vokabular aus dem Französischen übernommen haben; viele Wörter sind aber verballhornt und lautlich abgewandelt, so dass es nicht einfach ist, Kreolisch nur mit Französischkenntnissen verstehen zu wollen, trotz der phonetischen Nähe. Ein Beispiel für diese tantalisierende Nähe ist der Name des hier vorgestellten Rumprodukts: On Ti Dousè Planteur Prestige. „Eine kleine Leckerei“ könnte man ihn vielleicht am passendsten ins Deutsche übersetzen; der frankophone Phonologe erkennt die Ableitung der kreolischen Wörter und deren spannende Veränderung.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche

15% Alkohol weist der On Ti Dousè auf, die Inhaltsstoffe sind laut Etikett rhum agricole, Fruchtsäfte und Gewürze. Wenn man ihn eine Weile stehen lässt, setzt sich Fruchtmark im unteren Drittel ab; ein gutes Zeichen, es bedeutet echte Frucht und dass keine Bindemittel oder Emulgatoren verwendet werden. Wenn man genau hinschaut, sieht man Fruchtfleischfasern und kleine Gewürzreste darin schweben. Auch im Glas ist er sehr dickflüssig und schwer.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche Satz

Richtig süß kommt er auch in der Nase an. Vanille, Zimt, Guave, Maracuja. Herrlich tropisch und verführerisch. Wer auf fruchtlastige Getränke voller Charakter steht, wird hier sein persönliches Nirvana finden: Ein fetter, wuchtiger Fruchtgeschmack, mit feinem Gewürzaroma, voller Körper und dichtem, fast schon buttermilchartigen Mundgefühl. Im Abgang streckt der Rum vorsichtig seinen Kopf hervor und meldet sich; die Süße bleibt bis zum Schluss natürlich und mild, wirkt nie künstlich oder unangenehm. Zimt und Vanille schmeckt man noch sehr lange nach.

Planteur ist eine im Umfeld des rhum agricole sehr beliebte Zubereitung, die kein spezielles Rezept kennt; oft ist es ein rhum arrangé, also ein Rum, in dem Früchte und Gewürze mazeriert wurden, und der mit Fruchtsaft vermischt wird. Wer sich vom Namen her an den bekannten Cocktail Planter’s Punch erinnert fühlt, liegt, was die Zutaten angeht, nicht ganz falsch – allerdings wird ein Planteur nicht wirklich wie ein Cocktail à la minute zubereitet, sondern eine zeitlang vorbereitet, und gehört daher eher in die Kategorie Spiced Rum oder Rumtopf. Diverse Rhum-Agricole-Hersteller bieten Planteur-Premixes an, zum Beispiel Saint James, Old Nick oder Dillon; diese sind günstig zu bekommen, im Vergleich zum On Ti Dousè aber sehr dünn und geschmacksarm – der Untertitel Planteur Prestige, also Edel-Planteur, trifft den Unterschied sehr deutlich. Zum Vergleich hatte ich mir einen Punch Planteur von Dillon im nahegelegenen französischen Record zugelegt – das ist kein echter Konkurrent, mehr wie FC Bayern gegen SV Seligenporten II (ohne den Herren des SV Seligenporten II irgendwie nahetreten zu wollen).

Dillon Punch Planteur Flasche

Wo ist das Cocktailrezept, höre ich schon die Fragen. Der On Ti Dousè ist ja nun schon eine Zubereitung, also halte ich mich zurück mit einem künstlich aus den Fingern gezogenen Rezept. Überall, wo man Fruchtsaftaromen will, könnte man ihn untermischen, doch letztlich steht er sehr schön auf eigenen Beinen und ich genieße ihn mit einem Eiswürfel und einem kleinen Schuss Grenadinesaft, letzteres rein für die Optik.

On Ti Dousè Planteur Prestige Glas

0,7l bekommt man direkt beim Hersteller für 20€, abgefüllt in einer sehr schwungvoll gestalteten, massiven Glasflasche mit Plastikkorken, und einem zum Schwelgen und Träumen einladenden Etikett; leider sind die Versandkosten aus Frankreich recht deftig. Letztlich lohnt sich dieser Kauf aber für alle, die wissen wollen, wie ein wirklich guter, handwerklich hergestellter und qualitativ hochwertiger Small-Batch-Planteur schmeckt.

Ginger Beer Sorten

Die glorreichen Sieben – 7 Ginger Beers im Vergleich

Die Qualität zählt. Ein einfaches Motto, das einen in der Welt der Spirituosen und Cocktails wirklich weiterbringt. Dabei geht es gerade bei Cocktails und Longdrinks nicht nur um die Qualität der alkoholischen Zutaten, nein, auch die Filler, Säfte und Limonaden, die bei einem Longdrink schließlich bis zu 75% ausmachen können, sollten diesem Motto unterworfen werden. Manchmal kann man das gut selbst allein für sich beurteilen; manchmal will man aber auch wissen, ob der eigene Geschmack nicht durch irgendwelche Vorlieben oder Marketingmittel des Produkts beeinflusst wird. In solchen Fällen hilft eine Blindverkostung, die ich vor kurzem mit einem beliebten Filler, nämlich Ginger Beer (also einer heutzutage alkoholfreien Ingwerlimonade), organisiert hatte.

Ginger Beer Sorten

Entsprechend habe ich mich mal in den lokalen Supermärkten umgesehen und das gekauft, was da war: Je eine Flasche/Dose von Aqua Monaco Hot Monaco, Bundaberg Ginger Brew, Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer, Fever-Tree Ginger Beer, Gosling’s Ginger Beer, Old Jamaica Ginger Beer und Thomas Henry Spicy Ginger. Preislich liegen alle zwischen 1€ und 3€.

Für die Blindverkostung habe ich mir für jeden Tester einen Verkostungsbogen erstellt und ausgedruckt, in den man die verschiedenen zu bewertenden Kriterien mit einer Zahl von 1 bis 10 bewerten kann. Die Kriterien, die ich mir für die Ginger-Beer-Verkostung ausgedacht habe, sind Farbe, Geruch, Sprudeligkeit, Ingweraroma, Schärfe, Süße und Gesamteindruck. Ich hoffe damit das gesamte Spektrum an Sinneseindrücken, die man bei einem solchen Getränk haben kann, abzudecken.

Verkostungsbogen

Darüber hinaus möchte ich eine Gewichtung vornehmen. Persönlich sind für mich bei einem Ingwerbier zwei Dinge besonders wichtig – der Geschmack nach Ingwer (wozu sonst ein Ingwerbier?), und die Schärfe (für mich persönlich das, was ein Ginger Beer von einem Ginger Ale unterscheidet und deswegen relevanter ist). Daher werden diese Kriterien doppelt so stark gewichtet wie die anderen. Der Gesamteindruck ist das, was ingesamt schwer in Worte zu fassen ist; vielleicht sticht ein Ginger Beer in einzelnen Kriterien sehr positiv hervor, ist aber vom Gesamteindruck her unausgewogen. Auch dieser Gesamteindruck zählt bei der Auswertung doppelt.

Man benötigt schließlich noch klare (damit man die Farbe beurteilen kann), kleine Plastikbecher – für alle Proben dieselben, damit man nicht aus dem Behältnis auf den Inhalt schließen kann. Ein unabhängiger Helfer füllt vor dem Test die Ingwerbiere in die Becher und stellt sie auf einer entsprechend markierten Fläche ab, von der sich die Tester jeweils ein Becherchen greifen können.

Blindverkostung Vorbereitung

Und schon kann es losgehen! So mancher Verkoster wünscht sich vielleicht eine stille, kontemplative Umgebung, in der er seine Sinneseindrücke sammeln und konsolidieren kann; bei uns ist so eine Verkostung eine lautstarke Angelegenheit! Diskussion beginnen schon beim ersten Sample, Vergleichsgeschmäcker werden laut ausgerufen, auf den Blättern herumgekritzelt und erste Vorlieben direkt kommuniziert. 5 Verkoster nehmen an dieser außergewöhnlichen Runde teil – darunter Ingwerliebhaber, aber auch Leute, die sonst mit Ingwer nicht viel am Hut haben, und Ingwerlimonade hier zum ersten Mal tranken.

Blindverkostung im Gange

Nachdem die Verkostungen abgeschlossen sind, werden die Bögen eingesammelt. Vor der Auswertung der statistischen Daten wird nun bekannt gegeben, welches Ginger Beer sich hinter welchem Buchstaben verborgen hatte. In diesem Fall war die Zuordnung folgendermaßen:

A – Aqua Monaco Hot Monaco
B – Old Jamaica Ginger Beer
C – Gosling’s Ginger Beer
D – Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer
E – Thomas Henry Spicy Ginger
F – Bundaberg Ginger Brew
G – Fever-Tree Ginger Beer

Blindverkostung Auflösung

Für die statistische Auswertung habe ich mir ein Excel-Sheet zusammengebastelt, das die Einzelwerte aufnimmt und zu einem Gesamtwert für jede Ingwerlimonade aggregiert. Dieses Excel-Sheet kann später auch mit Statistik-Tools visuell ausgewertet werden. Das Endergebnis beinhaltete für mich persönlich, der alle Ginger Beers schon kannte, keine großen Überraschungen. Spannend ist, dass zwischen Platz 1 und Platz 6 fast 100 Punkte liegen. Hier die Endwertung:

337 Punkte, Platz 1

Fever-Tree Ginger Beer
Fever-Tree Ginger Beer
301 Punkte, Platz 2

Aqua Monaco Hot Monaco
Aqua Monaco Hot Monaco
270 Punkte, Platz 3

Thomas Henry Spicy Ginger
Thomas Henry Spicy Ginger
263 Punkte, Platz 4

Bundaberg Ginger Brew
Bundaberg Ginger Brew
253 Punkte, Platz 5

Old Jamaica Ginger Beer
Old Jamaica Ginger Beer
245 Punkte, Platz 6

Gosling's Ginger Beer
Gosling’s Ginger Beer
 Außer Wertung

Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer
Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer

Das Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer musste aus der Wertung genommen werden, da sich erst bei der Verkostung herausstellte, dass die Flasche das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits lange überschritten hatte – mit überraschend deutlichen Negativfolgen beim Geschmack. Dies ist aber auch eine interessante Lehre aus diesem Test: Frische ist bei dieser Art von Produkt durchaus wichtig, trotz all der Konservierungsstoffe.

Nicht mitaufgenommen in die Testkriterien wurden andere Aspekte, die für mich sehr relevant sind; da man zumindest den Zuckergehalt und Brennwert aber objektiv messen kann, wäre das für die Tester eh schlecht subjektiv zu beurteilen gewesen. Hier die entsprechenden Werte, entnommen der Dosen- bzw. Flaschenbeschriftung, soweit vorhanden (Werte jeweils pro 100ml); dazu ausgewählte relevante Zutaten aus der Zutatenliste. Schön zu sehen, dass der Geschmackssieger auch was die Inhaltsstoffe angeht gut punktet.

Aqua Monaco Hot Monaco
53kcal, 13g Zucker
Ingwerkonzentrat, natürliches Ingweraroma, E330, E414

Bundaberg Ginger Brew
45kcal, 10.8g Zucker
Ingwerwurzel, Aromen, E202, E211, Ascorbinsäure (=E300?), Hefe

Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer
38kcal, 9.4g Zucker
fermentierter Ingwerwurzelextrakt, Glukosesirup, Birnensaftkonzentrat, natürliche Aromen (Ingwer, Zitrone, Capsicum [die Schärfe dieses Produkts kommt also zumindest zum Teil nicht aus dem Ingwer!]), Kaliumtartrate, E330, Kräuterinfusionen

Fever-Tree Ginger Beer
44kcal, 10g Zucker
Ingwerwurzel, natürliches Aroma, Säuerungsmittel, Ascorbinsäure (=E300?)

Gosling’s Ginger Beer
52kcal, 12.9g Zucker
E330, E414, E445, Aromen, E202, E211

Old Jamaica Ginger Beer
61kcal, 15.2g Zucker
E330, E414, Quillajaextrakt, Aroma, Ingwerwurzelextrakt, Aroma, Natriumbenzoat

Thomas Henry Spicy Ginger
59kcal, 14g Zucker
natürliches Ingweraroma, andere natürliche Aromen, E330, E414, E445

 

Ich trinke Ginger Beer ganz gern hin und wieder, gut gekühlt, pur; der Haupteinsatzzweck ist aber natürlich als Zutat in Cocktails und Longdrinks. Daher wird mit dem Tagessieger, dem Fever-Tree Ginger Beer, ein Ginger-Beer-lastiger Cocktail gemischt: Der Chucktown Sunrise. Letztlich kann man darüber streiten, ob eine Cocktailzutat nicht zumindest teilweise andere Eigenschaften aufweisen sollte als ein Getränk, das man pur trinkt; ich werde während des Genießens dieses Cocktails darüber brüten.

Chucktown Sunrise


Chucktown Sunrise
1 oz Bourbon (z.B. Bulleit Bourbon)
¼ oz Limettensaft
…aufgießen mit 3 oz Ginger Beer (z.B. Fever-Tree Ginger Beer)
…und mit 1 Spritzer Grenadine garnieren


Für mich persönlich ist das Ergebnis dieses Tests, dass ich mich bestätigt fühle in meiner privaten Vorliebe; das Fever-Tree ist nicht zu süß und enthält wenig Zusatzstoffe, es ist gut scharf, günstig, leicht und in kleinen Flaschengrößen erhältlich. Dennoch werde ich weiterhin nicht ausschließlich den Testsieger kaufen und verwenden; Diversität ist für mich wichtig, und Monokulturen sind schlecht. Abwechslung ist wichtig, und keins der an diesem Test teilnehmenden Produkte ist wirklich schlecht – es lebe die Vielfalt!

Man kann es drehen und wenden wie man will – Schweppes Dry Tonic Water

Im Zuge des modernen Gincrazes, in dem jede Woche neue Ginmarken auf die Verbraucher losgelassen werden – kein Wunder, ein Gin ist leicht und billig herzustellen, braucht nicht zu lagern und verspricht daher schnelle und gigantische Gewinnspannen – erlebt auch der Gin Tonic, oder neudeutsch Gin and Tonic, ein unerhörtes Revival. Für hippe Ginfreunde ist das Tonic Water die einzig erlaubte Kombination von Gin mit einer anderen Flüssigkeit, alles andere ist scheinbar Banausentum.

Wenn man teilweise absurde Preise von 40€ und mehr für eine Flasche Gin auf den Tisch legt, will man dann aber auch nur das Beste vom Besten als Filler in seinem Drink haben – das kann ich dann wiederum gut nachvollziehen und finde es auch richtig. Ebenso, wie die Ginmarken zahlenmäßig explodieren, wächst daher auch der Tonic-Markt entsprechend. Und eine traditionsreiche Marke wie Schweppes kann da nicht tatenlos zusehen, insbesondere, weil ihr Standardprodukt, das Indian Tonic, bei den Ginistas keinen besonders guten Ruf genießt. Das Dry Tonic Water ist eine neue Marke, die seit kurzem ausgerollt wird: ein Versuch, das gegenüber den kleineren Tonic-Herstellern verlorene Terrain wieder gut zu machen.

schweppesdrytonicwater-flaschenEin frisches, kühles Silber ist die Basisfarbe des neuen Tonics, in seltsam geformten Flaschen wird es verkauft. Doch man kann es drehen und wenden, wie man will, neue Etiketten und minimal andere Rezepturen entwickeln: Es ist und bleibt pappsüß. Das Dry Tonic Water hat einen recht trockenen Nachgeschmack, das gebe ich gern zu, doch im Mund pappt und klebt es erstmal, dass man glauben könnte, man hätte eine 7up oder eine Sprite im Mund.

Auch wenn es knapper Gewinner im Tonic-Water-Test der Mixology war: Das ist mir einfach zu süß, und ich kann mir die dortige Bewertung, ehrlich gesagt, nicht so recht erklären (wie das bei vielen Bestenlisten aller möglichen Produkte in der Mixology und sonstwo oft so ist). Aber Geschmäcker sind halt verschieden.

Ich jedenfalls bin froh, dass mein Barkeeper Dennis mich davor bewahrt hat, das neue, selbst in die Bar mitgebrachte Dry Tonic Water direkt auf den bestellten Leopold’s Small Batch Gin zu kippen – das wäre eine Verschwendung gewesen. Ein so feiner, wunderbarer Gin wäre durch den zuckrigen Overkill des Dry Tonic Water glatt desintegriert worden.

Im Einzelhandel sind die Flaschen noch nicht überall angekommen, man ist auf den Fachhandel angewiesen. Letztlich ist mir das aber egal – ich greife lieber zum Fentimans, Fever Tree oder zum Thomas Henry. Meiner persönlichen Meinung nach alles Tonics, die dem Dry Tonic Water mit deutlichem Abstand überlegen sind. Wenn man auf starksüße Tonics steht, die vielleicht dann doch einen Tick trockener als das altbekannte Süßmonster Indian Tonic daherkommen, kann man gern einen Blick auf das neue silbergraue Produkt von Schweppes werfen.

Diese Meinung bezieht sich zunächst mal fast ausschließlich auf die Verwendung dieses Tonics in einem Gin Tonic. Die süße Komponente des Dry Tonic Water kann aber in einem Cocktail eine schöne Dichte erzeugen. Ein Versuch ist beispielsweise der Game Room Highball.

gameroomhighball-cocktail


Jamaican Game Room Highball
1 oz Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro)
½ oz Overproof Rum
(das Originalrezept verlangt nach Demerara Rum,
ich habe es mit Wray & Nephew versucht, daher die Titeländerung)

¼ oz Limettensaft
4 oz Schweppes Dry Tonic Water

Im Glas bauen und mit Crushed Ice auffüllen


Tatsächlich kann das Dry Tonic Water hier punkten, kontert mit seiner leichten Süße die Bitterkeit der restlichen Zutaten, und setzt dann mit seiner Trockenheit ein Ausrufezeichen. Letztlich hängt es also, wie immer, vom Einsatzgebiet ab, ob eine Zutat passt oder nicht. Wer also das beste aus seinen Cocktails herausholen will, hat immer mindestens zwei Sorten Tonic Water im Haus. Eins davon darf dann durchaus das Schweppes Dry Tonic Water sein.

 

Soll man Äpfel und Birnen vergleichen? Bulmers Nº10 Pear Cider

Mein erster Versuch mit Bulmers Cider war ein echter Erfolg: Ein sehr angenehmes Getränk, das mich dazu verleitete, auch mal einen Blick auf die anderen Sorten, die Bulmers zuhauf anbietet, zu werfen. Da ich ein großer Birnenfan bin, war die Wahl klar: Bulmers Nº10 Pear Cider muss probiert werden!bulmerspear-flascheLaut Etikett ist die Birne die Frucht, mit der bei Bulmers alles anfing – die Website des Herstellers legendiert allerdings mit den Äpfeln, die Fred and Percy Bulmer aus dem Familiengarten zu Cider pressten. Wie immer bei solchen „origins“-Mythen bei Industrieherstellern muss das alles mit Vorsicht geglaubt werden. Meist ist es nur ein Marketingstratege, der meinte, dass ein Familienhintergrund immer gut ankommt, der so eine Geschichte erfunden hat.

Es gibt schon einen Grund, warum man selten Birnensaft pur findet, sondern meist mit Äpfeln oder anderen Früchten vermischt: Birnensaft hat nicht den starken Eigengeschmack, den der moderne Verbraucher von Fruchtsäften erwartet. Das merkt man auch beim Birnencider von Bulmers, der immer noch einen Anteil an Apfelsaft enthält (69% Birnen- und 12% Apfelsaft). Relativ neutral, was Geruch angeht, kommt er ins Glas. Da muss schon angestrengt riechen, um Aromen zu entdecken. Die Farbe ist, wie beim Apfelcider dieses Herstellers auch, künstlich erzeugt, sagt also nichts über den Inhalt aus.

Geschmacklich ist der Pear Cider vielleicht etwas milder als der Apfelcider, aber insgesamt überzeugt er mich nicht. Kaum Birnengeschmack. Da kann ich auch gleich beim Apple Cider bleiben; farblich, geruchlich und geschmacklich ist der Unterschied nur minimal, eher zu Lasten der Birnenvariante: Der Pear Cider ist meiner Meinung nach deutlich langweiliger und aromaärmer. Praktisch gleich ist aber die Eigenschaft, dass man die viereinhalb Volumenprozent Alkohol so gut wie nicht herausschmeckt.

bulmerspear-farbeIch wundere mich: Vielleicht ist meine Nase und mein Geschmackssinn nicht scharf genug kalibriert, um diese Unterscheidung zwischen Äpfeln und Birnen wahrzunehmen.

Wenn man ihn im Supermarkt in Griffnähe sieht, kann man als Birnenfreund gern zugreifen und selbst versuchen, die Birne in diesem Getränk zu entdecken; den Aufwand, ihn irgendwo zu bestellen oder mühevoll anders zu organisieren würde ich mir allerdings selbst als Hardcore-Birnenfan sparen.

Neugier ist der Pepsi Tod – Fentimans Curiosity Cola

Der Name verspricht nicht zuviel: Beim Vorbeilaufen am Getränkeregal im Feinkostmarkt blieben meine Augen an einer Flasche hängen, und der Name Fentimans Curiosity Cola machte mich in der Tat neugierig. Hübsch aufgemacht ist die schöne 275ml-Flasche mit Schraubverschluss und einem Retro-Etikett auf jeden Fall schonmal.

fentimanscuriositycola-flascheOptisch unterscheidet sich die Cola selbst nicht von den großen amerikanischen Cola-Marken wie CocaCola oder Pepsi. Der Geruch ist dann aber schon eine Offenbarung: Zimt, Vanille, Nelken. Im Mund dann ein angenehmer Ingwergeschmack, aber mehr der von Ginger Ale als Ginger Beer – mehr die süße Ingwerinterpretation als die scharfe also. Die Curiosity Cola ist recht süß, aber nicht pappsüß wie CocaCola, sie hinterlässt kein klebriges Gefühl am Gaumen. Eine milde Säure und leichte Würze entsteht vielleicht durch die schwache Fermentierung der Inhaltsstoffe: Das ist das „botanically brewed“, das auf dem Etikett und im Glas der Flasche selbst angepriesen wird. Mit 50kcal pro 100ml schlägt das Getränk auf der Kalorienwaage zu Buche.

Gut gekühlt empfinde ich die Fentimans Curiosity Cola als sehr erfrischend – „full-bodied“ ist nicht zuviel versprochen. Auch der angenehme Kohlensäuregehalt, nicht übertrieben und nicht zuwenig, ist perfekt eingependelt, so dass sie gut pur zu trinken ist. Allerdings überlegt man sich beim Preis von rund 2,50€ für diese kleine Flasche schon, ob man so ein teures Getränk wirklich als Durstlöscher runterstürzen will.

Natürlich ist diese Cola daher für mich vor allem als Cocktailzutat ein Traum. Statt dem altbekannten Jacky-Cola versuche ich mal hier meinen eigenen Twist auf einen alten Klassiker – man vergebe mir den sperrigen Namen.

curiousincident-cocktail


The Curious Incident of Mr Daniel in the Night-Time
3 oz Fentimans Curiosity Cola
2 oz Jack Daniel’s Single Barrel Select Tennessee Whiskey
1 Spritzer Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
3 große Blätter Minze
Den Whiskey mit dem Bitter und den Minzblättern gut auf Eis shaken, dann im Glas mit der Cola aufgießen.


Die süße Cola geht mit dem milden Jack Daniel’s Single Barrel eine sehr harmonische, runde Beziehung ein. Die Minze gibt einen kleinen Frischekick in die vanillig-cremige Mixtur.

Wie gesagt, für den alltäglichen Einsatz ist diese Spezialitätencola bei weitem zu teuer. Für Mixgetränke dafür brilliant, und wenn man mal wissen will, wie gut Cola schmecken kann, wenn sie mit Liebe zum Detail hergestellt wird statt in 100-Hektoliter-Stahltanks.

Dezente Kraftstoff-Additive: The Bitter Truth „Essences of Cuba“

Es gibt Leute, die trinken Spirituosen nur pur. Man hat dann vielleicht so seinen Lieblingsrum, und ist eigentlich zufrieden damit. Nur manchmal will man halt dann doch eine kleine Variation haben, ohne auf eine alternative Rumsorte (oder gar Mischgetränke!) ausweichen zu müssen. Für wenigstens minimal experimentierfreudige Purtrinker hat sich der Rumproduzent Havana Club mit dem Bitterhersteller The Bitter Truth zusammengetan und für genau diesen Fall die Lösung entwickelt: Aromatropfen, genannt Essences of Cuba, die in kleiner Dosis einen interessanten, neuen, kubanisch-exotischen Twist in die altbekannte Spirituose bringen sollen. Die Sorten Coffee, Island Fruit, Aromatic Leaf und Honey stellen ein recht breitgefächertes Spektrum an Geschmacksrichtungen zur Verfügung.

essencesofcuba-alleIn Ermangelung eines Havana Club Añejo 7 Años in meiner Hausbar, des Rums, für den diese Essenzen entwickelt wurden, habe ich mich auf eine Reise durch die Karibik begeben, und 4 unterschiedliche Rumsorten zum Testen herangezogen. Für alle Versuche habe ich mich sonst aber an die Vorgaben des Etiketts gehalten – 3 Spritzer Essenz auf 4cl Rum.

essencesofcuba-islandfruitIsland Fruit mit Bacardi 8 Años (Puerto Rico)
Der von sich aus schon süß-aromatische Achtjährer bekommt durch die Fruchtessenz nur einen minimal anderen Charakter – im Nachgang sowohl an der Zungenspitze, wo sich eine leichte Bitterkeit bemerkbar macht, und im Rachen, wo die Frucht sich plötzlich ganz dezent zeigt, wenn der Rum schon die Kehle runtergedonnert ist. Auch vom Geruch ändert sich die Aromatik nur hintergründig, aber erkennbar, hin zum fruchtig-säuerlichen. Ideal für trockene Rums.

essencesofcuba-coffeeCoffee mit Ron Arecha Añejo Reserva (Kuba)
Ganz anders beim Kaffee-Tropfen. Der Ron Arecha ist eher ein bisschen kantig, und das wird komplett durch die Kaffee-Essenz ausgeglichen. Ein bisschen runder, ein bisschen zarter, und gleichzeitig eine überraschend starke, aber helltönige Kaffee-Note machen aus der Kombination einen Gewinner. Das ist wirklich sehr ansprechend, auch wenn auch hier eine kleine Bitterkeit im Rachen spürbar ist. Dennoch empfehlenswert für eher schärfere Rums.

essencesofcuba-aromaticleafAromatic Leaf mit Old Pascas Ron Negro (Barbados)
Das Schnuppern an dem kleinen Fläschen bringt Kindheitserinnerung hoch. Eine Mixtur aus Lorbeer, Nelken, Lebkuchengewürz und anderen Backzutaten aus der Küche steigt in die Nase. Der Old Pascas ist ein eher milder, zurückhaltender Rum, der diesen Geschmack dann sofort annimmt. Man spürt eine leichte Taubheit auf der Zunge, wenn man diese Essenz einsetzt. Ein süßer, milder Rum kann durch diese Essenz vielleicht einen Tick würziger, geheimnisvoller gemacht werden.

essencesofcuba-honeyHoney mit Relicario Ron Dominicano  (Dominikanische Republik)
Ich hatte zum Relicario geschrieben, dass er ein bisschen enttäuschend körperlos ist. Die Honig-Essenz verhilft dem Rum zu diesem Körper, und schabt gleichzeitig die kratzigsten Geschmackskanten ab. Letztlich ist das ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie man mit ein paar winzigen Zusätzen die empfundene Qualität enorm steigern kann – die Hersteller nehmen dafür Zucker, ich finde die Honig-Essenz edler. Wem sein Lieblingsrum also zu dünn vorkommt, gibt 3 Spritzer Honig-Essenz dazu.

Man sieht – die Essenzen funktionieren auch, wie natürlich eigentlich zu erwarten war, mit anderen Rums als Havana Club Añejo 7 Años. All diese Essences of Cuba haben einen karibisch-leichten Charme, übertünchen nie die Originalspirituose, sondern geben ihr nur eine ganz traumwandlerische Änderung, und sind durchaus auch dazu geeignet, Mängel in diesen Rums auszugleichen. Es ist ein Experiment, aber ein gelungenes – und ich hoffe, von The Bitter Truth mehr in dieser Richtung zu finden. Für mich sind sie eine schöne Ergänzung des Bitterregals, obwohl es keine Bitter sind, sondern Mixturen auf Rumbasis mit 25% Alkoholgehalt.

Ich klage immer lauthals die nachsüßenden Hersteller von Rum an. Was ist der Unterschied der Verwendung dieser Tropfen zum heimlichen Zuckerzusetzen und anderweitigem verschwiegenem Verändern von Rum, z.B. durch heimliche Fruchtmazeration? Das Schlüsselwort ist „heimlich“. Ich verändere absichtlich und mit hochwertigen Zusätzen mein einzelnes Glas Rum. Für mich ist die Verwendung dieser Tropfen daher eher mit der Herstellung eines Mixgetränks vergleichbar als mit dem Zusetzen von Zucker.

Ich hatte in der Zeitschrift Mixology für diese Rumadditive eine Werbung gesehen, und, nachdem ich verzweifelt alle Onlineshops danach abgesucht hatte, mich an den Hersteller The Bitter Truth gewendet, Scheinbar wurden die kleinen Fläschchen zuerst nur an Bars ausgegeben, und erst sehr viel später an Einzelhändler – selbst dort sind sie aber schwer zu bekommen, erst in der Saarbrücker Wine Factory hatten sie zwei Sets davon auf Lager, wo ich beim nicht ganz niedrigen Preis von 5€ pro Fläschchen zugeschlagen habe.

Falls Sie sie irgendwo bekommen, empfehle ich ein Zugreifen – ich bin mir sicher, diese Tröpfchen wirken auch ganz gut in Whiskey oder Tequila. Das werde ich dann bald noch ausprobieren.

havanclub7-angebotspackungNachtrag 21.10.2015: Nun sind die Essences of Cuba im Handel endgültig angekommen. In einem Angebotspaket, das eine Flasche Havana Club Añejo 7 Años, einen Tumbler und eine der Essenzen enthält, für den Spitzenpreis von 20€. Da musste ich selbstverständlich auch zuschlagen, da ich den Rum, einen der ungesüßten, in meiner Bar eh haben wollte.

Sasse Lagerkorn Title

Es muss nicht immer Whisky sein – Sasse Münsterländer Lagerkorn

Korn ist eine stark reglementierte Spirituose. Der Münsterländer Lagerkorn aus dem Hause Sasse macht es einem Neuling in dieser Spirituosensorte aber dennoch schwer, denn mit dem, was man sonst im Supermarkt an Korn zu kaufen erhält (oft direkt an der Kasse, in Griffnähe für die Wirkungstrinker), hat dieser Korn überhaupt nichts mehr zu tun. Was ist hier, wenn man die Herstellungshinweise liest, noch überhaupt der Unterschied zu einem Whisky? Ich war relativ ratlos, und setzte mich mit dem Hersteller in Verbindung.

Tatsächlich erhielt ich sehr schnell einen persönlichen Rückruf, in dem mir kompetent und freundlich der Herstellungsprozess des Lagerkorns und die Unterschiede zum Whisky erläutert wurde – das ist noch echte Kundennähe. Die Verwendung des ganzen Weizenkorns, und nicht nur ausgewählter Bestandteile, der leicht unterschiedliche Alkoholanteil und die Tatsache, dass man nur im deutschsprachigen Raum hergestellte Spirituosen auch Korn nennen darf, sind wahrscheinlich die Hauptunterschiede.

sasselagerkorn-glas

Schon in der Flasche ist die Farbe auffällig. Wer die Supermarktkorns kennt, erwartet eine klare Flüssigkeit; hier erleben wir eine sehr ansprechende Farbe irgendwo zwischen Mais- und Goldgelb. Ein erster Geruchstest offenbart eine sehr süßliche Nase, einen klaren Lackgeruch (das kennt der geneigte Spirituosenkenner allerdings von anderen Bränden schon, und empfindet es nicht als unangenehm). Persönlich lässt mich dieser Geruch an gealterten Rum denken, mit Anklängen an Melasse und Malz.

Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Und auch dort überrascht der Lagerkorn den Hartschnaps-Kipper. Sehr weich, ohne auch nur den Anklang von Schärfe, warm und voluminös, faszinierend süß und cremig, eine leise Fruchtigkeit. Wahrscheinlich bedingt durch den verwendeten Weizen sind die Aromen sehr hell, kaum tiefe, dunkle Schwermüter beeinflussen das Geschmacksbild. Der Lagerkorn erinnert mich diesbezüglich trotz der Ähnlichkeiten in Produktionsweise und Quellmaterial mehr an Vodka als an Scotch oder Wheat Whiskey – an sehr guten Qualitätsvodka allerdings, mit dem Vorteil der Reifearomen. Wer also vom Single Malt kommt, und sich aufgrund meiner Eingangsbeschreibung etwas ähnliches erwartet, wird überrascht werden, was aber ja nicht schlecht sein muss, nur anders, auf jeden Fall spannend und interessant.

Im Abgang gibt es nur beim ersten Schluck ein ganz leichtes Kratzen; sonst verbleibt eine angenehme Wärme und ein relativ kurzer Nachgeschmack nach Honig am Gaumen, und die milde Würze, einem Weizendestillat angemessen.

Als Cocktailzutat kann der Münsterländer Lagerkorn mit seiner Weichheit und seinem malzigen Charakter punkten. Der Aromatik folgend würde ich persönlich ihn als ausgesprochen attraktiven Ersatz für Vodka empfehlen – zum Beispiel im Clubland.

Clubland


Clubland
1½ oz Vodka (oder hier: Sasse Münsterländer Lagerkorn)
1½ oz weißer Port (z.B. Rozès 10)
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Auf Eis rühren und in ein eisgekühltes Glas abseihen.

[Rezept nach W.J. Tarling]


Der Lagerkorn wird in Limousineiche-Fässern gelagert, laut Hersteller für 2 bis 4 Jahre; da er die Bezeichnung VSOP auf dem Etikett trägt, muss man hier von einer Mindestreifezeit von 4 Jahren ausgehen – sehr respektabel, und man schmeckt es. Pot-Still-Destillation, VSOP, Eichenfässer: arg viel mehr kann man kaum noch für die Qualität eines Brands tun. Das ist ein äußerst gefährliches Wässerchen: Der Alkoholgehalt von 32% ist kaum wahrnehmbar. Verbunden mit der Milde erhält man ein sehr leicht trinkbares, aber hochprozentiges Getränk.

Ich finde es sehr entgegenkommend, wenn ein Hersteller Konsumenten eine Chance gibt, sein Produkt erstmal auszuprobieren, und ihm nicht direkt eine Dreiviertelliterflasche aufzwängt. Den Lagerkorn gibt es in verschiedenen Größen, und die 0,2l-Flasche, die ich erworben hatte, wird sicherlich irgendwann nochmal ersetzt. Hübsch aufgemacht sind die Flaschen aus dem Hause Sasse auf jeden Fall; sie tragen ein etwas konventionelles Etikett, aber ein kleines Booklet mit Informationen am Hals gleicht das aus.

Jeder, der mit Korn immer nur den Großvater, der einen Klaren zum Bier trank, assoziiert, sollte sich diesen außergewöhnlichen Brand holen, um sich davon zu überzeugen, dass auch ein Korn zu einer Spitzenspirituose werden kann, die sich hinter keinem Whisky oder Rum verstecken muss – Quality made in Germany.