Faradaí Pará Spirit Titel

Ein Druck auf den Husarenknopf – Faradaí Pará Spirit

Der Mensch ist beim Schnapsherstellen schon immer sehr kreativ gewesen. Alles, was Feld und Wald hergaben, wurde fermentiert, gebrannt, vergeistet, mazeriert oder infundiert. Wer sich zum ersten Mal auf dieses weite Feld begibt, und bisher nur die Verwendung von Gerste (Bier, Whisky), Kartoffeln (Vodka), Trauben (Wein, Brandy) oder Zuckerrohr (Rum) kannte, erlebt zunächst überrascht, dass auch Agaven, Mais, Trester, Äpfel, Bitterorangen und Reis als Basismaterialien weitverbreitet sind. Hat man sich damit abgefunden, bietet diese Welt weiterhin noch Überraschungen für den bereits Fortgeschrittenen – wer tiefer gräbt, findet heutzutage auch schnell mutige Brenner, die Spirituosen aus ungewöhnlicheren Zutaten herstellen: Fichtensprossengeiste, Tabak-, Zirben- und Harzliköre sind so verrückt nicht, wie es sich auf den ersten Blick anhört.

Seit dem globalen Endloserfolgs eines Gin Basil Smash sind auch Gemüse in der Bar angekommen. Wen wundert es da, dass auch seltsame Randpflanzen so langsam ins Licht der Öffentlichkeit rücken – denn wer kennt denn in Deutschland eigentlich die Parakresse? Ein obskures Gewächs, stammend wohl aus Südamerika, das eine eigentümliche Eigenschaft aufweist, die sie spannend für die immer Suchenden der Mixologie macht – sie prickelt im Mund wie Brause, und hat sogar einen leicht betäubenden Effekt auf die Zunge. Kein Wunder, dass sie einen idealen Ersatz für Brause darstellen kann, wenn man Kinder nicht gleichzeitig mit Zucker und allerlei Chemie vollpumpen will.

Der Husarenknopf, ein alternativer Name für die Parakresse, ist der Clou im Faradaí Pará Spirit. Die Hersteller destillieren für ihre Kreation Ceylon– und Assam-Schwarztee (wahrscheinlich einen stark gesüßten Tee, der fermentiert wurde; genauere Hinweise bieten die etwas schwammigen Produktinfos auf der Herstellerseite und dem beiliegenden Booklet leider nicht) – schon allein das sieht man nicht allzu häufig – und mazerieren darin die Blüten der Parakresse. Dadurch entsteht ein Tee-Getränk mit 35% Alkohol, einer dunkelbraunen Schwarzteefarbe und einem Namen mit vielen Akzenten.

Faradaí Pará Spirit Flasche

Was die Flasche noch nicht eindeutig erkennen lässt, wird im Glas deutlich – der Faradaí ist trotz seines dunklen Schwarztee-Rots klar, mit orangenen Reflexen. Beim Schwenken ist er nur mäßig viskos, dadurch entstehen am Glas kaum Beine. Optisch denkt man vielleicht erstmal an einen Amaro wie Ramazotti oder Averna. Der Geruch dagegen hat überhaupt nichts italienisch-liebliches, im Gegenteil: Holzig, moosig, erdig. Natürlich erkennt man sofort den Schwarztee. Ein kräuteriger Unterton schleicht sich ein, und ganz hintergründig milde Zitrusfruchtbittere, vielleicht Orangenschale.

Der Geschmack hat eine kurze Phase, in der er sich präsentieren kann: Sehr süß, deutliches Schwarzteearoma. Etwas bittere Orangenschale; im Gesamtbild nebenbei entfernt erinnernd an einen etwas verdünnten Kräuterlikör wie Jägermeister. Schwer zu verkosten, weil diese Aromatik nur ein kurzes Intermezzo ist, denn…

…im Abgang dann entfaltet sich das Wunder – hier erst beginnt der Faradaí seinen Charakter zu zeigen. Da kribbelt und brummt es, dass es eine Freude ist. Ein stark metallisches Gefühl kommt dazu. Spät noch etwas Orange, allerdings ist das Brausekribbeln extrem dominierend und übertönt alles restlos. Ein durchaus starkes Betäubungsgefühl mindestens auf der Zungenspitze, im weiteren Verlauf auch an der Zungenseite. Sehr spannend, aber nicht so richtig angenehm. Das muss man probiert haben, um es zu verstehen – einmalig und nicht mal ansatzweise von anderen Getränken bekannt.

Faradaí Pará Spirit Glas

Als Purgetränk kaum genießbar, denn der Effekt übertönt den Geschmack. Ich sage das selten, doch hier haben wir den Fall: Der Faradaí Pará Spirit ist eine reine Mixspirituose. Nicht, weil die Qualität niedrig ist, wie das oft als Begründung für diese Eingruppierung der Fall ist, sondern weil der Effekt zu intensiv, zu vordergründig ist, als dass man darüber hinaus noch weitere Aromen erkennen könnte. Auch ist der Betäubungseffekt natürlich eigentlich kein wünschenswerter, wenn man mit seinen Geschmacksnerven noch explorieren will.

Daher muss man aber selbst in Cocktails achtgeben, wie man diesen elektrisierenden Brand dosiert; zuviel, und er übernimmt alles. In den Regime Change Punch gehört normalerweise als dritte Zutat eine Dreiviertelunze Schwarzteesirup; diese habe ich, neben ein paar anderen kleinen Änderungen, durch Faradaí ersetzt. Und, siehe da – wer denkt dass in einem sovielzutatigen Cocktail eine winzige Änderung, dazu nicht mal in der Hauptspirituose, keinen Unterschied macht, wird schnell eines besseren belehrt, wenn er den dann von mir passend umbenannten Electric Regime Change Punch mal probiert.

Electric Regime Change Punch


Electric Regime Change Punch
1½ oz Whiskey (z.B. Old Grand-Dad)
1 oz Zitronensaft
¾ oz Faradaí Pará Spirit
½ oz Laird’s Applejack
½ oz Karamellsirup
¼ oz Galliano l’Autentico
¼ oz Honigsirup
1 Teelöffel Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
1 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Alle Zutaten auf Eis shaken, dann in ein großes Glas mit frischem Eis geben.

Mit etwas Sprudel toppen.
[Rezept adaptiert nach einem Original von Colin Shearn]


Wer die Flasche zugeschickt bekommt, erfreut sich aber zunächst mal an der Präsentation. Die Halbliterflasche (erhältlich ist zwischenzeitlich auch eine 20cl-Größe) ist eingewickelt in schwarzes Seidenpapier, die mit einem Aufkleber des Markenlogos verklebt ist. Anbei findet man ein A4-Poster des Markenschriftzugs und ein kleines Heftchen mit Hinweisen zur Parakresse und empfohlenen Cocktailrezepten, erfunden von gestandenen Barkeepern aus Berlin, die deutlich wenigerzutatig sind als mein Extrembeispiel.

Faradaí Pará Spirit Verpackung

Insgesamt muss man sich als Barbetreiber, und noch viel mehr als Heimbar-Fly mit begrenztem Budget, fragen, wie interessant so eine Effektspirituose für einen sein kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Faradaí Pará Spirit in einer professionellen, experimentierfreudigen Bar für eine Spezialcocktail-Woche ein hervorragender, überraschender und die Kunden reizender Zusatz sein kann, denn, wie gesagt, der Effekt ist ziemlich einmalig und wirklich besonders. Leider verlieren solche Special Effects oft zügig den Reiz, den sie zu Beginn noch ausübten. Bei 28€ für den halben Liter bewegen wir uns im doch schon hochpreisigen Bereich – persönlich empfinde ich es aber als den Preis wert, denn man bekommt für das Geld eine ganz und gar unkonventionelle, handwerklich hergestellte und ausgesprochen kreative Spirituose eines kleinen Unternehmens – und unterstützt damit sogar noch die immer mehr in Fahrt kommende deutsche Spirituosenlandschaft abseits der großen Konzerne mit ihrem ewig gleichen Allerlei.

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