Linie Aquavit Double Cask Titel

Ein Schnaps geht um die Welt – Linie Double Cask Aquavit

Ein sehr gefragtes Qualitätssiegel ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Sie besagt, dass ein spezielles Produkt tatsächlich nur in einer kleinen Region hergestellt wurde, aus der es ursprünglich stammt. Die bekanntesten Beispiele dafür sind wahrscheinlich Parmaschinken, Nürnberger Rostbratwürste, Bündnerfleisch oder Kölsch. Man erhofft sich davon ein gewisses Qualitätsversprechen – die Ware wird nicht am günstigst möglichen Ort produziert, sondern dort, wo man Erfahrung damit hat.

Einen ganz anderen Weg geht der norwegische Aquavit-Brenner Arcus. Er setzt mit seinem Produkt Linie Aquavit voll auf Globalität – der Brand, hergestellt in Pot Stills aus Kartoffeln, Kräutern und Gewürzen, lagert erstmal ein Jahr in Ex-Oloroso-Fässern in norwegischen Kellern, und tritt dann eine Reise um die Welt an. „Twice across the Equator“ schreiben die Hersteller groß aufs Etikett. Rund 4 Monate ist der Aquavit so unterwegs. Ein Weltenbummler also, der stolz darauf ist, eben nicht in einer kleinen Region als Landei hergestellt zu werden.

Für den normalen Linie Aquavit ist die Reise dann zuende, und er wird in Flaschen abgefüllt und verkauft. Der hier vorgestellte Linie Double Cask Aquavit hat mit seiner Wanderzeit seine Geschmacksausbildung aber noch nicht abgeschlossen – er wird nach seiner doppelten Äquatorüberquerung dann noch ein Jahr in Ex-Portwein-Fässern nachgereift. Merkt man von dieser doppelten Fassreifung und doppelten Erdumseglung etwas im Glas, oder ist das eine Marketinglegende, wie sie es in der Spirituosenwelt so viele gibt?

Linie Aquavit Double Cask Flasche

„Bernstein“ wird ja immer etwas überstrapaziert und benutzt, sobald eine Spirituosenfarbe zwischen gelb und braun liegt. Ich nutze weiterhin gern das Farbenrad von Single Malt Whisky von den Blogkollegen von eyeforspirits.com – und das weist mich auf M5 Ocker, mit Tendenz zum M6 Safran hin. Schnell ablaufende, dicke Beine beim Schwenken gefallen ebenso wie die Farbe.

Ein Aquavit hat eine eindeutige Geruchssignatur, die man auch beim Linie Aquavit wiederfindet. Kümmel, Lack, mit Anklängen von gereiftem Korn. Ein duftkräuteriger Unterton nach Lavendel und Thymian. Vanille. Schwer zu verriechen ist er allerdings schon etwas, weil eine stechende Alkoholnote tiefes Schnuppern unterbindet, die auch nach einigen Minuten offenstehen nicht verschwindet – bei mäßigem Riechen fällt es einem aber kaum auf, da ist also keine starke Alkoholfahne.

Der Kümmel ist auch das dominierende Element im Mund – etwas anderes sollte man von einem Aquavit auch nicht erwarten. Eine tiefe, würzige, kribbelnde Kandissüße begleitet die Kräuteraromen. Den fruchtigen Einfluss von Sherry und Port erkennt man deutlich, darüberhinaus schleift das Finish Kanten rund und gibt ein weiches, samtiges Mundgefühl – ohne aber zu gaumenschmeichlerisch zu wirken, denn man bekommt auch ordentlich zungenreinigendes Feuer ab, das nicht allein durch 41,5% Alkoholgehalt erklärbar ist: In diesem Brand ist Leben.

Der Abgang ist entsprechend pfeffrig scharf, recht kurz, süß und lässt ein warmes Brummen im Mundraum zurück: Durch diese Intensität vermisst man auch die Länge nicht wirklich.

Ja, das ist ein Brand, der pur schon soviele Qualitäten aufweist, dass er diese auch in einem Cocktail weitergeben kann, ohne dass man fürchten müsste, er würde gegen andere Zutaten untergehen. Das Feuer und die Kümmelnote sorgen für wuchtige Drinks – der Scandi Gibson (der erste Teil des Namens steht wahrscheinlich als Abkürzung für „scandinavian“) ist entsprechend eine erfreulich abwechslungsreiche Rezeptur für Gaumen, die sich nicht beirren lassen und auch mal gern etwas würzigeres im Glas haben als immer nur die süß-sauren Standarddrinks.

Scandi Gibson


Scandi Gibson
2 oz Aquavit (z.B. Linie Double Cask Aquavit)
1 oz Saint-Raphaël Ambré
10 Tropfen The Bitter Truth Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
Mit einer Cocktailzwiebel servieren.
[Rezept nach Avery Glasser]


Bei Aquavit geht es wahrscheinlich vielen wie mit Korn – das kennt man eigentlich nur ungereift, als Absacker nach dem Essen, der einem die Papillen ausbrennt. Wie ich schon bei einem aromatisch verwandten Brand, dem Münsterländer Lagerkorn, feststellen konnte, gibt es immer Ausnahmen von solchen Vorurteilen: Mit dem altbackenen Rachenputzer des Opas hat der Linie Double Cask Aquavit nichts mehr zu tun. Das ist ein herrlicher Sipper, den man, wenn man Lust auf ein bisschen Disko im Mund hat und einem gerade ein Bourbon oder Rum zu freundlich vorkommt, vor sich hin nippen kann. Alternativ bleibt er trotzdem immer noch ein perfekter Digestif nach deftigem Essen: Ein Alleskönner also, den man als Spirituosenfreund dringend ausprobieren sollte.

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