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Revolte Spiced Titel

Über manche Sachen scherzt man nicht – Revolte Spiced

Ich habe neulich erfahren müssen, dass man sich gegenseitig vor mir warnt, wenn ich mit Herstellern einfach so reden will. Nicht ernsthaft, aber schon mit einem gewissen scharfen Humor. Dass ich „starke Meinungen“ hätte, und so. Einerseits ist das natürlich ein Kompliment, immerhin muss man sich so einen Ruf erarbeiten. Andererseits hinterfrage ich mich dabei natürlich schon – ich will ja nicht als der Stinkstiefel gelten, der nur darauf aus ist, den Süßrumtrinkern den Spaß zu verderben. Gerade aktuell meine ich feststellen zu können, dass das Pendel, das einige Jahre stark zugunsten der Rumtransparenz ausgeschlagen hatte, nun wieder etwas in die andere Richtung schwingt – Süßrum findet nun plötzlich offensive Verteidiger, und man bekommt Begriffe wie „Taliban“, „Rumpolizei“ oder „Spaßbremse“ an den Kopf geworfen. Nun – aus gegebenem Anlass wird es Zeit, dass ich mir klarmache, dass das nicht eine Attitüde ist, die ich aufbaue, sondern mir das Thema wirklich etwas bedeutet, und darum haue ich jetzt mal eine ungefilterte Meinung raus.

Ganz ehrlich – mir ist es mistegal, was jemand trinkt. Ich will niemand den Zacapa 23 mies machen, will niemand seinen Botucal ausreden oder gar jemandem den Don Papa klauen. Trinkt die Brühe, wenn es Euch lustig macht, und haltet Euch dabei für die Verteidiger der freien Meinungs – und Geschmacksäußerung, wenn Ihr auch noch stolz drauf seid. Freut Euch über Palmen, Piraten und Papageien, habt Spaß mit der Spaßspirituose. Vergesst dabei aber nicht, Euch gleichzeitig über Havana Club und Bacardí mit lustig zu machen – nur „Premium“ ist guter Rum, nicht Supermarktrum, auch wenn letzterer oft ehrlichere Qualität aufweist als die in der edel aufgemachten Flasche. Macht Eure Privattastings mit 10 Pseudorums, um einen möglichst breiten Eindruck dessen zu bekommen, was die Aromenindustrie zu bieten hat. Mir alles egal. Nun flatterte mir aber Ende März ein Paket mit einer unetikettierten Flasche und einem Brief ins Haus. Man lese diesen Brief bitte, um meine Reaktion darauf, und den Ton dieses Artikels, zu verstehen.

Revolte Spiced Pressemitteilung

Verdammte Kacke, dachte ich mir, ich kann gar nicht so viel saufen, wie ich im Strahl kotzen möchte. Nicht wegen dem neuen Produkt, im Gegenteil, das ist eine interessante Reaktion auf den Markt – vielleicht der schrille Aufschrei eines Produzenten, der mit besten Ambitionen gestartet ist und nun von diesem beschissenen Markt auf den Boden heruntergeholt wird. Nein, es ist wegen Produkten, die dasselbe wie Revolte tun, es aber über Jahre heimlich und verstohlen gemacht haben, und so den Boden bereiteten für Konsumenten, die nicht mehr wissen, wie Rum zu schmecken hat – und damit das Leben für die Kaltenthalers dieser Welt schwer machen. Und, ja, ich schaue damit auch Euch an, liebe offensive Süßrumfreunde, die dabei mithelfen, dass es so weitergehen wird und die zarte Transparenzknospe, die so schön am Aufblühen war, unter dem Stiefel der Marktmacht der Betupper zerdrückt wird. So, und jetzt habt Ihr Grund, Euch gegenseitig vor mir zu warnen.

Revolte Spiced

Ende der Wutrede. Es war der 1. April, und das ganze kaltenthalerische Getue, inklusive Brief und allem, war ein Aprilscherz. Ja, ich gebe es gern zu, ich bin voll drauf reingefallen. Felix, das war verdammt gut gemacht, ich hasse und verfluche Dich dafür, dass Du mir dieses Magengeschwür bereitet hast.

Die Farbe des Revolte Spiced, so heißt er offiziell, ist für einen massiv gefärbten Rum noch halbwegs erträglich. Ein schrilles Kotzgelb, etwas an das erinnernd, was Mücken hinterlassen, wenn man sie auf der Autobahn an der Scheibe aufsammelt. Die Nase erinnert an Spülmittel, das billige aus dem Aldi, mit etwas Zitrone und behandelter Orange im Hintergrund. Künstlich und oberflächlich, sehr plakativ, aber mit irgendwas muss man als Hersteller seine Kunden ja ködern. Ich rieche Ingwer, aber das bilde ich mir sicher nur ein. Im Mund setzt sich die Einbildung fort, da ist Ingwer en masse. Eine schrecklich klebrige Süße pappt den Mund zu. Viel Frucht, Zitrone, Orange, können das Spüli etwas überdecken. Die Rumbasis ist noch leicht erkennbar, die Blender haben es nicht geschafft, sie vollends zu verhunzen. Der Abgang ist mittellang, schade, ich hatte auf etwas kürzeres gehofft. So muss ich damit leben, den Revolte Spiced länger als die meisten anderen Spiced Rums am Gaumen haften zu haben.

Gerne zitiere ich nach meiner nicht ganz ernst gemeinten Verkostungsnotiz noch den nachgelagerten Hinweis, dass der Aprilscherz sich nicht nur auf die Motivation, sondern auch auf den Herstellungsprozess bezogen hatte: „Hohe Zuckergehalte, chemische Zusätze wie Glycerin oder die Zugabe von künstlichen Aromen sind uns mehr als fremd. Stattdessen haben wir bei unserem kleinen Aprilscherz mit der Mazeration den natürlichen Weg gewählt, um verschiedene Noten wie z.B. Rosinen, Orangen und Zimt zu erzielen. Und 37,5 % vol. und 99 Gramm Zucker? Zugunsten der Steuern den Alkoholgehalt zu senken und mit 99 Gramm pro Liter den Startschuss zur Diabetes zu geben? Die Frage kann sich wohl jeder selbst beantworten.“

Nun, ehrlich gesagt, für einen Spiced Rum ist das Zeug echt gut trinkbar, und ich hoffe, dass meine Leser im Gegensatz zu mir nicht auf obigen Müll reinfallen und stattdessen ihre Captain Morgans und Sailor Jerrys rausschmeißen und dafür den Revolte Spiced ins Haus holen – ich rate dazu, auch wenns mir echt schwerfällt. Der Haupteinsatzzweck für diesen Spiced Rum wird bei mir, wie es allen gewürzten Rums ergeht, die Vermischung in Cocktails sein. Zu Ehren des wirklich bösen Aprilscherzes habe ich einen Cocktail auf Basis des klassischen Zombie gemixt, praktisch ausschließlich mit Revolte-Zutaten – vom German Zombie Punch brauchte ich aber auch wirklich 3 Stück, um mich wieder von der Wutwolke runterzuholen. Ich gebe zu, ich rege mich leicht auf.

German Zombie Punch


German Zombie Punch
1½ oz Revolte 2014 MTQ
1½ oz Revolte Spiced
1 oz Revolte Overproof
¾ oz Limettensaft
½ oz Revolte Falernum
½ oz Don’s Mix (Zimtsirup und Grapefruitsaft)
1 Teelöffel Grenadine
1 Spritzer Absinthe
1 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken und auf Eis mit einem Minzzweig servieren.
[Rezept adaptiert nach Don the Beachcomber]


Natürlich wird der Revolte Spiced in derselben Flasche und derselben Aufmachung geliefert wie der Rest der Reihe (den es natürlich weiterhin geben wird). Freundlicherweise schickte mir der Hersteller in einem Entschuldigungsbrief sogar ein Aufklebeetikett mit, das die Wahrheit zeigt. Nicht, dass ich Revolte deswegen weniger hassen würde – der Zug ist abgefahren, mit Tempo 200.

Revolte Spiced Etikett

Offenlegung: Ich danke Revolte für die unaufgeforderte und kostenlose Zusendung einer Flasche des Revolte Spiced. Vielen Dank. VIELEN DANK, Ihr Mistkerle.

Black Tears Cuban Spiced Titel

Der Captain wird heulen – Black Tears Cuban Spiced

Wir leben in interessanten Zeiten, was Rum angeht. Der Trend geht, wie in vielen Bereichen, hin zum High-End-Produkt. Gewisse Subkategorien von Spirituosen, gerade bei Rum, leiden dabei etwas, was das Image angeht – wenn schon Laien heutzutage Geld in die Hand nehmen, um sich einen Caroni ins Regal zu stellen, wird so etwas wie ein Spiced Rum, also eine Spirituose auf Rumbasis, die mit Früchten, Gewürzen, Aromastoffen und Zucker süffig gemacht wird, teilweise schon etwas herablassend betrachtet.

Aber was grenzt heutzutage einen Spiced Rum eigentlich noch wirklich ab? Viele der Premium-Rums, die sich bei den Händlern immer noch verkaufen wie geschnitten Brot, und die auf Plattformen wie Amazon bis heute als „die besten Rums der Welt“ rezensiert werden, unterscheiden sich, wenn man die Zusammensetzung anschaut, nicht von einem Spiced Rum. Zusatzstoffe wie Zucker, Aromate und Glycerin sind in als Rum deklarierten Produkten enthalten, ohne dass sie auf dem Etikett ausgewiesen werden würden oder müssten. Nicht zuletzt das etwas zweifelhafte Image des Spiced Rum als unanspruchsloses Gebräu, das Kenner nicht anrühren, sorgt dafür, dass die Hersteller der Hausrezept-Rums ungern die eigentlich korrekte Bezeichnung für ihr Produkt verwenden würden.

Um so erfreulicher, dass diese uralte Kategorie von Spirituosen nun einen neuen Zuwachs erfahren hat, der sich nicht dafür zu schade ist, offen zuzugeben, was er ist. Der Black Tears Cuban Spiced hat vor kurzem die Supermarktregale bei Edeka, Rewe und Co. gestürmt – ich habe zunächst gezögert, weil ich mir eigentlich derartige Spontankäufe abgewöhnen wollte, und nach ein paar kurzen Recherchen, die kaum ein echtes Ergebnis lieferten, ein paar Tage später dann doch zugegriffen; war es ein im nachhinein bereuter Kauf nur um diese Lücke zu füllen, oder taugt dieser Kubaner auch etwas?

Black Tears Cuban Spiced Flasche

Farbstoff ist natürlich mit von der Partie, das wäre auch fast schon ein Wunder bei einem Spiced Rum. Ein kräftiges Terracotta gibt schon einen Eindruck, dass hier kein leichtes, luftiges Aroma auf uns warten wird. Im Glas liegt der Black Tears ölig, mit einem schönen Beinschleier am Glasrand beim Schwenken.

Beim Riechen springt einen eine Komponente dieses Gewürzrums direkt an – Kaffee. Das passt natürlich zur Geschichte auf dem Rücketikett (siehe unten noch ein paar Worte dazu), die vom Großvater erzählt, der schon Rum und Kaffee miteinander vermischte. Vanille, Nougat, Zuckerwatte, geröstete Agave, etwas Mandarine – eine insgesamt geradezu extrem süße Note; dagegen kommt kaum etwas an rumtypischen Aromen an. Etwas Kleber im Hintergrund.

Im Mund kommen dann doch ein paar Column-Still-Rum-Charakteristika zum Vorschein – leichter Körper, etwas alkoholisch, milde Aromen. Cappuccino und dunkler Kakao sind im Geschmack entsprechend da, aber weniger dominierend als von der Nase her vermutet, Fruchtaromen kommen nach vorne, Orange und Erdbeeren. Er wirkt frisch und hell, und ist dadurch sehr süffig und trinkbar. Insgesamt bleibt der Black Tears aber aromatisch zurückhaltend, fast schon etwas arm. Alkoholisch versehen ist der Black Tears Spiced Rum mit 35%, eine Extraktmessung meinerseits hat einen Zuckergehalt von 13g/L ergeben – das ist für einen Spiced Rum ein akzeptabler Wert und weniger, als viele Premiumrums enthalten. Das Etikett spricht von 92% Rumanteil in dieser Spirituose, wenn der Zucker entsprechend draufkommt fragt man sich aber schon etwas, was der Rest sein mag, da Aromastoffe ja volumenmäßig nicht viel ausmachen können – es wird wohl Wasser sein, um die Rumbasis, die ja normalerweise mit mindestens 37,5% Alkohol hergestellt wird, auf die im Endprodukt enthaltenen 35% herabzusetzen.

Black Tears Cuban Spiced Glas

Der Abgang ist trotz all der Vorschusssüße recht trocken, etwas heiß, aber nicht unangenehm alkoholisch. Die Lebensdauer im Mund ist extrem kurz, selbst dabei aber beschränkt auf adstringierende und anästhesierende Effekte. Cappuccino klingt noch eine ganze Weile nach.

Was bleibt also? Wir haben hier einen leichten, trockenen Spiced Rum mit typisch kubanischen Eigenschaften in der Rumbasis, und einer Würzung und Süßung, die diese dankenswerter Weise nicht völlig überwältigt. Mir gefällt das, es ist weniger brachial und pappig als Captain Morgan Spiced Gold beispielsweise, aber auch nicht so eigenwillig wie der Meermaid Infused Rum, und hat einen gewissen eleganten Charme, so dass man ihn gewiss pur, eventuell auf Eis, als leichten Ausklang für einen Abend trinken kann, ohne überfordert zu werden. Keine echte Rumkunst, auch wenn das die Präsentation etwas insinuiert, aber ein solides Basisprodukt.

Tatsächlich wird er seine Hauptarbeit für mich aber in Cocktails leisten. Die interessante Aromenvariation hin zum Kaffee macht ihn gut einsetzbar für ungewöhnliche Twists auf gut bekannte Drinks, wobei nicht die Gefahr besteht, dass der Cocktail in eine völlig andere Richtung abdriftet. Beim Spiced Daiquiri nehme ich ein übliches 2:1:½-Rezept her, reduziere allerdings den Zucker etwas, um die Süße des Black Tears etwas auszugleichen; das Ergebnis ist sehr trinkbar und leicht, mit eben diesem kleinen dunklen Kaffeetwist.

Spiced Daiquiri


Spiced Daiquiri
2 oz Spiced Rum (z.B. Black Tears)
1 oz Limettensaft
1 Teelöffel weißer Zucker
Auf cracked ice gut schütteln. Nur grob abseihen und ohne Dekoration servieren.
[Rezept nach unbekannt]


Versucht man, das Rücketikett, das im Pseudopostkartenstil in Pseudohandschrift eine Pseudolegende voller Schwafelei enthält, tatsächlich zu verstehen, wundert man sich dann aber doch über die unklare Reise, die dieses Produkt hinter sich hat. Destilliert auf Kuba, „hergestellt“ (was auch immer das nun bedeuten mag) in den Niederlanden für eine norwegische Firma, vertrieben durch eine deutsche Firma. Der Rum für den Black Tears stammt aus der Destillerie Paraíso Destilería im unter Rumkennern wohlbekannten Ort Sancti Spíritus auf Kuba; diese Destillerie vermarktet ihren Rum, wie es viele Destillerien dort tun, über ein Konglomerat mit dem weniger wohlklingenden Namen Tecnoazucar. Ein wahres Wunderwerk an Verflechtung und Vernetzung in der globalisierten Welt.

Nun, für 17€ macht man, wenn man eh auf diese Art von Rumspirituose steht, sicher nichts falsch, im Gegenteil – ich würde jedem Freund des Piratenkapitäns mit dem Fuß auf dem Fass raten, sich stattdessen einfach mal mit dem Black Tears Cuban Spiced anzufreunden, ich finde ihn interessanter und wirkungsvoller. Wer aber eh schon lieber trockene, teerige und esterige Pure Single Rums trinkt, und sich nicht von diesem Vorbild lösen kann oder will, wird dagegen kaum so richtig viel Freude empfinden werden.

On Ti Dousè Planteur Prestige Titel

Eine kleine Leckerei – On Ti Dousè Planteur Prestige

Nachdem mein Schulfranzösisch, das mich 4 Jahre begleitet hatte, über die vielen Jahre der Nichtbenutzung sehr eingeschlafen war, dachte ich nicht, dass sich das so leicht wiederbeleben lässt. Und in der Tat war die erste Lektüre, die ich mir im Urlaub vor einigen Jahren wieder auf Französisch zumutete, Léon l’Africain von Amin Maalouf, ein Brocken Arbeit. Seitdem habe ich aber nicht locker gelassen, und inzwischen lese ich Französisch fast wieder flüssig wie Englisch und Deutsch. Das soll nicht als Angeberei, sondern Ansporn an alle dienen, die ihre Sprachkenntnisse verschimmeln lassen – es lässt sich wieder aktivieren, und zwar schneller, als man denkt. Umso erstaunter war ich, dass ich in einer Facebook-Gruppe, die sich mit französisch-karibischen Rums beschäftigt, plötzlich auf viele Wörter stieß, die ich so überhaupt nicht einzuordnen wusste, und die ich auch nicht herleiten oder nachschlagen konnte.

Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass es sich um kreolische Wörter und Satzkonstrukte handelte. Kreolsprachen sind Mischformen aus verschiedenen Sprachen, und haben sich von ihren Einflüssen abgelöst; im karibischen Raum sind französische Kreolsprachen verbreitet, und in Haiti beispielsweise wurde das kreyol ayisyen zur Amtssprache, die 95% der Bevölkerung sprechen. Man erkennt in den französisch-kreolischen Sprachen noch deutlich, dass sie viel Vokabular aus dem Französischen übernommen haben; viele Wörter sind aber verballhornt und lautlich abgewandelt, so dass es nicht einfach ist, Kreolisch nur mit Französischkenntnissen verstehen zu wollen, trotz der phonetischen Nähe. Ein Beispiel für diese tantalisierende Nähe ist der Name des hier vorgestellten Rumprodukts: On Ti Dousè Planteur Prestige. „Eine kleine Leckerei“ könnte man ihn vielleicht am passendsten ins Deutsche übersetzen; der frankophone Phonologe erkennt die Ableitung der kreolischen Wörter und deren spannende Veränderung.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche

15% Alkohol weist der On Ti Dousè auf, die Inhaltsstoffe sind laut Etikett rhum agricole, Fruchtsäfte und Gewürze. Wenn man ihn eine Weile stehen lässt, setzt sich Fruchtmark im unteren Drittel ab; ein gutes Zeichen, es bedeutet echte Frucht und dass keine Bindemittel oder Emulgatoren verwendet werden. Wenn man genau hinschaut, sieht man Fruchtfleischfasern und kleine Gewürzreste darin schweben. Auch im Glas ist er sehr dickflüssig und schwer.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche Satz

Richtig süß kommt er auch in der Nase an. Vanille, Zimt, Guave, Maracuja. Herrlich tropisch und verführerisch. Wer auf fruchtlastige Getränke voller Charakter steht, wird hier sein persönliches Nirvana finden: Ein fetter, wuchtiger Fruchtgeschmack, mit feinem Gewürzaroma, voller Körper und dichtem, fast schon buttermilchartigen Mundgefühl. Im Abgang streckt der Rum vorsichtig seinen Kopf hervor und meldet sich; die Süße bleibt bis zum Schluss natürlich und mild, wirkt nie künstlich oder unangenehm. Zimt und Vanille schmeckt man noch sehr lange nach.

Planteur ist eine im Umfeld des rhum agricole sehr beliebte Zubereitung, die kein spezielles Rezept kennt; oft ist es ein rhum arrangé, also ein Rum, in dem Früchte und Gewürze mazeriert wurden, und der mit Fruchtsaft vermischt wird. Wer sich vom Namen her an den bekannten Cocktail Planter’s Punch erinnert fühlt, liegt, was die Zutaten angeht, nicht ganz falsch – allerdings wird ein Planteur nicht wirklich wie ein Cocktail à la minute zubereitet, sondern eine zeitlang vorbereitet, und gehört daher eher in die Kategorie Spiced Rum oder Rumtopf. Diverse Rhum-Agricole-Hersteller bieten Planteur-Premixes an, zum Beispiel Saint James, Old Nick oder Dillon; diese sind günstig zu bekommen, im Vergleich zum On Ti Dousè aber sehr dünn und geschmacksarm – der Untertitel Planteur Prestige, also Edel-Planteur, trifft den Unterschied sehr deutlich. Zum Vergleich hatte ich mir einen Punch Planteur von Dillon im nahegelegenen französischen Record zugelegt – das ist kein echter Konkurrent, mehr wie FC Bayern gegen SV Seligenporten II (ohne den Herren des SV Seligenporten II irgendwie nahetreten zu wollen).

Dillon Punch Planteur Flasche

Wo ist das Cocktailrezept, höre ich schon die Fragen. Der On Ti Dousè ist ja nun schon eine Zubereitung, also halte ich mich zurück mit einem künstlich aus den Fingern gezogenen Rezept. Überall, wo man Fruchtsaftaromen will, könnte man ihn untermischen, doch letztlich steht er sehr schön auf eigenen Beinen und ich genieße ihn mit einem Eiswürfel und einem kleinen Schuss Grenadinesaft, letzteres rein für die Optik.

On Ti Dousè Planteur Prestige Glas

0,7l bekommt man direkt beim Hersteller für 20€, abgefüllt in einer sehr schwungvoll gestalteten, massiven Glasflasche mit Plastikkorken, und einem zum Schwelgen und Träumen einladenden Etikett; leider sind die Versandkosten aus Frankreich recht deftig. Letztlich lohnt sich dieser Kauf aber für alle, die wissen wollen, wie ein wirklich guter, handwerklich hergestellter und qualitativ hochwertiger Small-Batch-Planteur schmeckt.

Tiki Lovers Pineapple Titel

Liebe kann auch weh tun – Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink

Eine sehenswerte BBC-Dokumentation von 1999 zeigt einen Abgesang auf eine Zeit, die zur Veröffentlichung der Doku schon unendlich weit weg schien. Tiki, das wilde Konzentrat aus aus heutiger Sicht schlechtem Geschmack, Faux-Kultur und Träumereien, bot einer Generation, die von Krieg und sozialer wie sexueller Repression gebrandmarkt war, ein Ventil, um all den Wünschen, die man im realen Leben nicht ausleben konnte, endlich freien Lauf zu lassen. Doch so schnell, wie diese Modewelle entstand, starb sie in den 60ern auch wieder.

Heute ist Tiki aber wieder in – zumindest in Cocktailkreisen. Das ganze Drumherum, also verrückte Trinkgefäße, polynesisch angehauchte Architektur und Innenausstattung, Hulamädchen und Feuertänzer, all das findet man heute eigentlich nur noch, weil ein Ableger der Cocktailkultur diese aufrechterhält, namentlich Fackelträger wie Jeff „Beachbum“ Berry. Genauso, wie die moderne Bar wieder an möglichst authentischen Prohibitionsdrinks interessiert ist, sucht sie aber auch bei Tiki-Cocktails wieder die Wurzeln, die durch die oberflächliche Beliebigkeit und „Masse-statt-Klasse“-Unkultur der 80er und 90er Verschütt gegangen waren.

Entsprechend ist man auch wieder an neuen, spezialisierten Zutaten für diese recht spezielle Art von Cocktails interessiert. Rum ist natürlich unersetzlich, der eine oder andere Tikidrink benötigt 3 verschiedene Sorten an Rum im Glas; also kann die Heimbar gar nicht genug an Rumvariationen aufweisen. Und dann passt auch noch der eine oder andere aromatisierte, oder „spiced“, Rum gut dazu, wie der mit Ananasaromen versetzte Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink. Der Name verspricht schon viel – werden Tikifreunde ihm wirklich in Liebe verfallen?

Tiki Lovers Pineapple Flasche

Ein unglaublicher Duft entströmt der Flasche, sobald man sie aufschraubt. Sehr aromatisch, kräftig, wuchtig. Viel Ananas, mit angenehmer Rumbasis, die es aber schwer hat gegen die Ananas. Typische frech-aggressive Aromen jungen Rums, mit  erkennbarer Alkoholnote. Ich schwelge schon halb auf einer polynesischen Insel…

…doch mit dem ersten Schluck kommt nach dieser Träumerei das böse Erwachen. Das Zeug fackelt den Mundraum aus wie ein Luau-Flammentänzer. Sehr bitter und sauer, stark brennend, fiese Fuselöle, grimmige Ester, Lösungsmittel, Kupfer, Benzin. Keinerlei rumtypische Geschmäcker. Vordergründige, klebrige Süße im Abgang. Und am Ende lässt der Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink dann noch ein pappiges, fuseliges, alkoholisches Mundgefühl zurück, sehr unangenehm, man will direkt mit was anderem nachspülen.

Ich sage sowas selten: Das kann man einfach nicht pur trinken. Selbst mit viel gutem Willen. Feuerwasser zum Desinfizieren, aber nicht zum Genießen! „Finest Caribbean Dark Rum“? Da müsste ich lachen, wenns nicht zum Heulen wäre.

Sehr lobenswert sind natürlich die 45% Alkohol, da ist Bumms dahinter, im Gegensatz zu vielen anderen Spiced Rums, die deutlich unter die 40%-Marke gekrochen sind. Doch das Aräometer zeigt mir, gemessen bei 20,1°C, nur 34,5% an –  40-44g/L Zusätze, aller Wahrscheinlichkeit nach Zucker, sind also in diesem Spirit Drink enthalten. Das ist ein gewaltiger Haufen. Da nichts davon deklariert wird, ziehe ich jedwedes Lob zurück, das ich oben vielleicht verklausuliert ausgesprochen haben könnte. Ich verstehe das einfach nicht: Warum, wenn man sich eh schon auf „Spirit Drink“ reduziert, und sogar Farb- und Aromastoffe auf dem Etikett angibt, warum unterschlägt man dennoch den Berg an Zucker? Wovor genau haben die Hersteller Angst?

Wenn schon für den Purgenuss unerträglich, punktet der Tiki Lovers Pineapple dann wenigstens in seinem Heimterritorium, als Mixer? Auf der Homepage des Herstellers sind zwei recht langweilige Cocktails als Einsatzgebiet angegeben; viel spannender finde ich da, den Tiki Lovers Pineapple in einem Fat Man Running einzusetzen. Und, in der Tat: Das bringts. Und zwar richtig.

Fat Man Running


Fat Man Running
2 oz Spiced Rum (z.B. Tiki Lovers Pineapple)
½ oz Blue Curaçao
½ oz Limettensaft
…mit Ginger Ale (z.B. Thomas Henry Ginger Ale) aufgießen


Letztlich reicht mir aber so eine, wenn auch durchaus ansprechende, Teilleistung eigentlich nicht aus, um eine echte Empfehlung aussprechen zu können. Ich habe mich hier selbst von der äußerst gelungenen Verpackung und einer cleveren Vermarktung, die ganzseitige Anzeigen in Fachmagazinen schaltete, ein bisschen täuschen lassen – doch ich war auch ein williges Opfer, das muss ich eingestehen. Und die Aufmachung ist aber auch echt toll – eine trotz ihrer Einfachheit hübsche Flasche, ein richtig gut gemachtes Etikett mit viel Flair, und eine attraktive, aber künstliche Färbung des Inhalts mittels Zuckerkulör. Macht was her im Mixerregal – schade, dass diese äußere Erscheinung sich nicht wirklich auch ins Glas transportiert.  Man könnte etwas ätzen und lakonisch ein Fazit formulieren, dass der schlechte Geschmack der 1950er-Tiki-Kultur mit dem Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink auferstanden ist. Kann auch nicht jede Spirituose von sich sagen, oder?

Piraten sind keine Rumkenner – Captain Morgan Original Spiced Gold Rum

Rum-Kenner machen sich oft lustig über diese Art Würzrums, oder sind indigniert, wie man sowas überhaupt trinken kann. Das ist natürlich kurzsichtig. So eine elitäre Sichtweise hat den Cognac und den Brandy für die jüngeren Generationen fast ins Aussterben getrieben, während aromatisierte Gins* und Vodkas das Feld der Partyspirituosen regelrecht überrannt haben.

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Gewiss ist Captain Morgan Original Spiced Gold keine Entdeckung, was Rumaromen angeht, denn diese werden, falls in der Basisspirituose überhaupt großartig vorhanden, durch die Aromatisierung überwältigt. Letztlich sollte man sich als Kenner eh von der Idee lösen, dass es sich hier um „Rum“ handelt. Es ist eine eigene Sorte Spirituose, die nur auf Rum basiert. Ein Vergleich mit hochklassigen Rums ist daher eigentlich recht sinnfrei und wird beiden nicht gerecht.

Nachdem ich nun aber erfahren musste, dass selbst hochwertigste Rums mit Zucker und anderen Zustatzstoffen, die nicht deklariert werden müssen, aufgepimpt werden, ziehe ich diese Einschränkung dann doch etwas zurück – wenn sich jemand in Zukunft bei Ihnen ausheult, dass er lieber „richtigen, guten“ Rum trinken will, fragen Sie ihn bitte, ob er weiß, wieviel Zucker seinem Lieblingsrum nachträglich zugesetzt wird, und was der Unterschied zur wenigstens offensichtlich, klar auf dem Rückseitenetikett kommunizierten Aromatisierung bei Captain Morgan Spiced Gold ist.

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Eine nette Situation: Der verschmähte Piratenkapitän enthält tatsächlich weniger Zucker als die „Premium“-Rums Zacapa 23, Plantation 20th Anniversary, El Dorado 12 oder Vizcaya – und der von vielen so geliebte Botucal Reserva Exclusiva hat sogar doppelt(!) soviel Zuckerzusatz wie das Spiced Gold.

Für mich ist das Würzgold ein sehr interessanter Cocktailspieler, der gut mit vielen süßen und sauren Zutaten harmoniert und diese mit seinem Zimt- und Süßgewürzaroma unterstützt. Er gibt vielen Cocktails eine liebliche Note und Volumen, ohne mit starkem Rumantritt den Gesamtgeschmack zu entern. Mein Favorit unter den Cocktails mit Spiced Rum ist Hillbilly Bob’s Ruckus Juice.hillbillybobsruckusjuice-cocktail


Hillbilly Bob’s Ruckus Juice
1 oz Captain Morgan Original Spiced Gold
1 oz Limettensaft
1 oz Orgeat (oder Mandelsirup plus etwas Orange Flower Water)
Aufgießen mit gleichen Teilen…
Ginger Beer (z.B. Old Jamaican) und…
Bier (Karlsberg Urpils macht sich gut!)


 

Und natürlich muss man am Ende die Aufmachung ansprechen – mir gefällt dieses Piratengehabe und die Etikettenillustration sehr. Wer könnte der Romantik von Karibikflair, Rum-trinkenden Piraten und dem wilden Gewürzcocktail des Spiced Gold schon widerstehen? Das gehört zu Rum für mich einfach dazu, auch wenn die modernen Produzenten sich teilweise etwas von der Geschichte der Spirituose distanzieren wollen. Natürlich ist es Kitsch, aber ich liebe Kitsch, wenn er gut gemacht ist.

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Ich habe daher eine Leuchtreklame mit diesem Bild auf dem Arbeitstisch meiner Heimbar (der eine oder andere wird sie bei Fotos meiner anderen Rezensionen schon im Hintergrund erspäht haben), die mit wechselnden Farben ein nettes Flair in ein abgedunkeltes Zimmer bringt.

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Wenn Sie dann aber mal einen feineren, spannenderen „craft“-Spiced-Rum probieren möchten, empfehle ich Ihnen den Meermaid Infused Rum.