Österreicher Inlandspirituosen – Stroh 80 Austria Inländer-Rum

Stroh 80 Austria Inländer-Rum Titel

Der Spirituosenfreund im Urlaub ist nie wirklich völlig im Urlaub. Auch wenn der Kopf frei sein mag von Arbeit und Alltag, und man in Österreich in den Bergen am Wandern und Wellnessen ist, so sucht der Trinker in mir ständig nach ungewöhnlichen lokalen Bränden, die es zu explorieren gilt. Entsprechend genoss ich dann allerlei Destillate und brachte mir ein halbes Dutzend Flaschen auch mit zurück in die Heimat. Eine davon ist eigentlich nicht wirklich ungewöhnlich, denn sie ist auch in Deutschland allerorten leicht verfügbar – Stroh 80 Austria Inländer-Rum. Dennoch dachte ich mir, das ist jetzt eigentlich die Gelegenheit, das Zeug endlich mal halbwegs professionell unter die Lupe zu nehmen, statt in das allgemeine Geheul einzustimmen, das ertönt, wenn in Kennerkreisen Stroh erwähnt wird.

Die erste Sache, die man klarstellen muss: Stroh ist kein Rum, auch wenn das Wort auf dem Etikett auftaucht. Die Verkehrsbezeichnung ist „Spirituose“, die Wortkombination „Inländer-Rum“, die im Titel verwendet wird, ist trotzdem lustiger- und verwirrenderweise als geografische Angabe in der EU geschützt und darf nur in Österreich verwendet werden (auch dort aber unter der Kategorie „sonstige Spirituosen“, nicht „Rum“). Die gesamten Details zur Herstellung und Handhabung von Inländerrum sind entsprechend im österreichischen Lebensmittelbuch hinterlegt. Ich gebe den wichtigsten Punkt B 23 7.2.5 hier umformuliert wieder: Die Basisspirituose eines Inländerrums muss zunächst Rum sein, der der EU-Spirituosenverordnung genügt. Diesem wird sogenannte „Inländerrumessenz“ hinzugefügt, die für die grundsätzliche, typische Aromatik sorgen soll, und es dürfen dann noch „Bonifikateure“, also Geschmacksabrunder, eingesetzt werden. Letztlich ist Inländerrum also eine aromatisierte Spirituose auf Rumbasis, nicht, wie manche befürchten, ein Neutralsprit mit Geschmacksstoffen. Genug der Theorie, kommen wir zur Praxis.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum

Die zunächst in der Flasche dunkelbraun wirkende Spirituose wird, in ein Glas umgegossen, erkennbar rötlich. Mahagonirot, vielleicht sogar zum Kirschrot tendierend – aus üppig eingesetztem Farbstoff entsteht dies. Den Alkoholgehalt merkt man auch hier schon; geht ein Tropfen daneben, meint man, die hohe Flüchtigkeit auf den Fingern spüren zu können. Pur versuche ich das nicht mal, entsprechend gehe ich direkt auf eine 1:1-Verdünnung mit Wasser. Die Farbe bleibt dadurch erhalten, die kirschroten Reflexe werden sogar noch betont, und im Glas bewegt sich das Gemisch immer noch respektabel ölig.

Der Geruch ist sehr prägnant, und verströmt sich schnell auch außerhalb des Glases. Er wirkt sehr fruchtig, erinnert durchaus an Rum, hat aber auch bei der angesprochenen Verdünnung immer noch eine sehr stechende, beißende Aggressivität, die echte Geruchsproben schwer macht. Chlor, Schweiß, Turnschuhe – zuviele Stördüfte beeinflussen die schwere Aromatik von verrottender Ananas und fauliger Banane, die mir sonst durchaus gefallen könnten. Ein schwieriges, nicht wirklich uneingeschränkt angenehmes Geruchsbild.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum Glas

Im Mund erinnert der Stroh dann an Jamaica-Overproof-Rum, sehr viel fauligfruchtige Esterigkeit, aber ohne die Komplexität des Vorbilds zu erreichen. Süß, schwer, attraktiv bitter, und dabei dann doch überraschend weich. Die Spirituose entwickelt sich im Verlauf leider kaum weiter, die Ananas-Bananen-Mischung bleibt praktisch genauso bestehen. Dankenswerterweise kommen dafür aber auch nur wenig der Störfaktoren, die die Nase so negativ beeinflussten, mit in den Mundraum. Es wirkt dennoch im Gesamtbild irgendwie künstlich.

Sehr starke Eindrücke von Zimt, Piment und Kardamom erscheinen schließlich im Abgang; eine wirklich bunte Gewürzmischung, die über der Fruchtkomponente liegt. Am Ende wird es trockener, kurz mildpfeffrig und warm, dank der Verdünnung aber nicht brennend – die bereits erkannten Noten hängen noch etwas hinterher, auch hier findet jedoch keine Entwicklung statt, was den Stroh 80 am Ende zu einem recht unkomplexen Brand macht, auch wenn er seine interessanten Seiten hat und keinesfalls auch nur ansatzweise so gruslig ist, wie manche ihn machen – er ist halt für Rum irgendwie das, was Southern Comfort für Bourbon ist.

Ich kann mir diese Spirituose durchaus als Ersatz für Jamaica-Overproof-Rum in Cocktails vorstellen, auch wenn manche mich jetzt wahrscheinlich für diese Aussage kreuzigen wollen. Ich probiere hier mal eine für viele ungewohnte Rezeptur – einen heißen Cocktail, auch Toddy genannt. Stroh 80 passt aromatisch nahezu perfekt als spektakuläre Abrundung für den Black Stripe, der im Original nach 151-Rum verlangen würde. Brennen tut er jedenfalls ausgesprochen schön. Wenn man ehrlich ist, ist so ein Einsatz wohl auch der Hauptzweck für Stroh in aller Welt.

Black Stripe Cocktail


Black Stripe
2 Maraschino-Kirschen muddeln
1 oz gereifter Rum
1 Teelöffel Honig
2 Nelken
1 Zimtstange
8 oz kochendes Wasser
Umrühren.
Den Overproof-Rum in einen Löffel über der Tasse geben.
Am Gästetisch anzünden und vor den Augen der Gäste einrühren.

[Rezept nach Trader Vic]


Den Stroh bekommt man in einem Dutzend unterschiedlichen Größen und Abfüllformen, und darüber hinaus auch noch in anderen Alkoholstärken. Ich habe mir im Leoganger Sparmarkt die auf dem Foto oben gezeigte hübsche Bügelflasche mit hinterem Griffhenkel ausgesucht, ein Fünftelliter ist auch wirklich genug für die allermeisten Zwecke.

Stroh 80 Austria Inländer-Rum Alte Flasche

Im Keller meiner Eltern hatte ich eine alte, viel größere Flasche gefunden. Es wäre ein interessantes Experiment, diese alte Abfüllung zu vergleichen mit einer modernen – denn die oben zitierte Regel, dass ein ordentlicher Rum die Basis für Inländerrum sein muss, ist wohl erst Ende der 90er Jahre aufgekommen, und vorher durfte wohl praktisch alles verwendet werden. Es ist kein Abfülldatum auf der Flasche, aber rein vom Eindruck her ist sie älter als 1999.

Ich werde diesen Post hier mit einem Vergleich ergänzen, sobald ich mal Muße dafür finde.

 

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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