Neue alte Weinbrandgebiete – Ararat Akhtamar Aged 10 Years Armenian Brandy

Ich kam gerade von meiner Reise nach Bulgarien zurück, und hatte dort diverse interessante bulgarische Weinbrände kennengelernt. Als ich mich im Nachhinein noch etwas schlauer darüber machen und Bezugsquellen recherchieren wollte, stellte ich fest, dass es neben Bulgarien noch eine weitere Region gibt, die traditionell Weinbrand herstellt, und die ich bisher völlig übersehen hatte – Armenien.  Wie in Bulgarien auch hat Weinanbau in Armenien eine extrem lang zurückreichende Geschichte, länger als manch ein westeuropäisch denkender Weinfreund es vermutet.

Armenischer Weinbrand ist gesetzlich reguliert und geschützt. Nur Trauben aus armenischem Anbau dürfen für den Wein, der dann destilliert wird, eingesetzt werden, und nur die Rebsorten Rkaziteli, Mskhali, Garan Dmak, Kangu und Voskehat sind erlaubt. Lange Zeit ging ein Großteil der Produktion in die sowjetische Nachbarschaft, nach dem Umbruch ist Russland aber immer noch wohl der größte Abnehmer. Kein Wunder, dass man hierzulande eher selten davon hört – dem will ich etwas Abhilfe schaffen. Ein interessantes erstes Verkostungsobjekt schien mir der Ararat Akhtamar Aged 10 Years Armenian Brandy zu sein. Ich will ihn nicht direkt mit Cognac oder spanischem Brandy vergleichen, sondern einfach schauen, was er unabhängig von seinen großen Vorbildern zu leisten im Stande ist.

Ararat Akhtamar Aged 10 Years

Als erstes fällt die dunkle Farbe auf – Pariser Rot mit rotgoldenen Reflexen. Färbung ist bei armenischem Brandy scheinbar erlaubt (zumindest gibt es Produkte, die gefärbt sind), man darf wahrscheinlich davon ausgehen, dass auch hier E150a enthalten ist. Die Beweglichkeit im Glas ist sehr hoch, kaum Öligkeit ist erkennbar. Am Glasrand entsteht beim Schwenken zunächst mehr ein geriffeltes Muster als wirklich einzelne Beinchen.

Die Nase nimmt zunächst eine nussige, an Sherry erinnernde Note wahr. Dazu kommt etwas milder Essig, leichte Weinigkeit und Vanille. Eine dezente Fruchtigkeit fängt die erkennbare Alkoholkomponente ab. Insgesamt eine doch zurückhaltende Aromatik, man muss schon tief Luft holen, um differenziertere Gerüche auszumachen – seltsam für einen Weinbrand, eine Kategorie, bei der ich normalerweise immer hauptsächlich das tolle Geruchsbild lobe.

Auch im Mund ist der Antrunk des Akhtamar zunächst vergleichsweise neutral. Süß, mild, cremig. Erst im Verlauf entsteht ein brandytypischer Geschmack nach Rosinen, Dörrobst und Pflaumen. Eine Erinnerung an Wintergrünöl. Die Vanille aus der Reifung überdeckt vieles, was das Destillat vielleicht an Aromatik noch haben könnte. Die Süße ist durchgängig vorhanden, ohne dabei aber pappig oder unangenehm zu werden.

Ararat Akhtamar Glas

Der Abgang wird würzig, warm und endlich kommt so etwas wie Charakter auf. Leider ist er auch metallisch und kurz und kippt gegen Ende dann wieder in die Belanglosigkeit zurück. Der Nachhall ist einerseits holzig und überraschend floral, Rosenblätter und ganz extrem Jasmin, tatsächlich vielleicht das Schönste, auf jeden Fall aber das Überraschendste an diesem Brandy.

Das Fazit zu formulieren fällt mir schwer. Einerseits ist das ein echter Easy-Drinking-Brandy, der mit dieser wirklich schönen Blumigkeit endet, andererseits hat er sonst aber auch nichts, was mich dazu bringt, ihn zu loben. Was sucht man in einem Weinbrand? Ist es eine Unauffälligkeit und Rundheit? Dann würde ich empfehlen, den Ararat Akhtamar mal zu probieren. Ist es Charakter und Stärke? Nun, dann eher eben nicht.

Ich habe es riskiert, im Late Night statt eines Williams-Birnenbrands die Moor-Birne von Scheibel einzusetzen. Einfach, um dem Cocktail ein bisschen süße Rauchbasis mitzugeben, die sich mit dem armenischen Brandy schön verbinden sollte. In einer derartigen Kombination zeigt sich die Blumigkeit des Ararat Akhtamar dann tatsächlich auch von seiner besten Seite.

Late Night


Late Night
1¾ oz Brandy
¾ oz Birnenbrand
½ oz Oloroso Sherry
3 Tropfen Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept adaptiert nach Claudio Agliano]


Noch kurz zur Präsentation – Die durchaus hübsche kleine 50cl-Flasche hat einen Echtkorken mit Plastiktop, ein dezentes, aber sehr attraktives Etikett, das eine Bergkette zeigt. Auf dem Rücketikett ist die Legende, die dem Brandy den Namen gab, in Superkurzform abgedruckt. Dazu kommt die Flasche in einem Karton, was das ganze dann in eine sehr geschenktaugliche Form bringt. Auch wenn das Fazit etwas mäßig ausfällt, man kann sehr viel schlimmere Geschenke machen, und für einen Spirituosenfreund, der sich für Weinbrand interessiert und vielleicht sogar Armenien als traditionelle Wein- und Weinbrandregion noch gar nicht auf dem Schirm hat, ist es garantiert etwas, worüber man sich freuen kann. Ich würde es tun.

Bier am Freitag – Maisel & Friends Galaxy Brown Ale

Wenn ich nochmal sehr jung sein könnte, wäre das vielleicht wirklich auch etwas für mich: eine Ausbildung zum Bierbrauer. Bei Maisel & Friends wird die Sicherstellung des Nachwuchses sehr gefördert, soweit, dass die Auszubildenden des letzten Lehrjahres nicht nur ihr eigenes „Gesellenbier“ brauen, sondern dies sogar in größerem Stil veröffentlicht wird; das ist eine wirklich schöne und lobenswerte Sache an sich. Und so komme nun auch ich zur Ehre, das Maisel & Friends Galaxy Brown Ale ins Glas probieren zu können. Vom Stil ein American Brown Ale, gebraut am 30. April 2020, mit 5,5% Alkoholgehalt und 35 IBU. Sogar das Etikett ist von den Azubis mitgestaltet!

Maisel & Friends Galaxy Brown Ale

Rostrotbraun im Glas, unterstützt durch die Naturtrübe ohne sichtbare Partikel. Im Gegenlicht sieht man ein paar einzelne Bläschen langsam aufsteigen, das wars aber auch schon mit Mousseux. Entsprechend kurzlebig ist der Schaum; das stört bei einem Ale natürlich wenig. Immerhin ist er hübsch mit einer Mischung aus sehr großen und sehr feinen Bläschen. Fruchtig-malzig ist die Nase, deutlich hin zum Aromahopfen hin tendierend (Galaxy wurde hier, dem Namen entsprechend sehr passend, eingesetzt), und durch letzteres sehr beerenmarmeladig, süßlich und rund. Eine minimale Limettenkante kann man erschnuppern.

Im Mund dann viel trockener und bitterer als erwartet – das Galaxy Brown Ale ist eher auf der sauer-bitteren Seite, mit zwar cremigem Antrunk, aber schnell hin zum leichten, schmalen Körper hin kippend. Persönlich finde ich, das hat eher etwas von einem gehopften Lager. Rezenz ist gut, hauptsächlich von der Säure her, auch die Karbonisierung passt, trotz des oben geschilderten optischen Eindrucks. So hart es klingt – irgendwie trinkt sich das wie ein Radler mit viel saurem Sprudel; bei einem Brown Ale erwarte ich schon deutlich mehr Malz in der Sensorik, auch wenn die amerikanische Variante irgendwie alles sein kann und nichts. Im Abgang mittellang, deutlich astringierend, trocken und bitter, dafür mit einem Anflug von Blumigkeit, und es klingt aus mit einem mentholig-kühlenden Effekt, und etwas Holzigkeit, was man mit gutem Willen vielleicht auch Nussigkeit nennen könnte.

Hm, ich bin mir unschlüssig im Fazit. Ich komme nicht so ganz mit der Bitter-Sauer-Komponente klar, die nicht durch wenigstens etwas Körper aufgefangen wird. So fühlt sich das Bier letztlich passend zum Namen an – ein kurzer Ausflug ins kalte Bierall, und für mich am Ende deswegen unbefriedigend. Tut mir leid, liebe Auszubildende, dass ich persönlich Euer Gesellenbier nicht so schätzen kann, das soll Eure Leistung in keiner Weise schmälern, seid trotzdem stolz auf Eure Ausbildung und Eure Leistungen.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Galaxy Brown Ale.

Alte Liebe rostet nicht – Bowmore Aged 12 Years Islay Single Malt Scotch Whisky

Rum holt auf, was die Verkaufszahlen angeht, er wird immer beliebter. Im gleichen Maße verliere ich aber mein extremes Interesse an ihm, das hat aber nichts mit diesem Aufholen zu tun – wenn man sich intensiv mit einer Spirituose beschäftigt hat, ist es wahrscheinlich nur natürlich, dass sich, wenn man schon viel gesehen hat, die Liebe etwas abnutzt. Das kennen wir ja aus dem Privatleben. Zum Glück ist es bei Schnaps etwas einfacher, sich etwas anderes ins Glas zu holen – und ich habe in letzter Zeit den Scotch etwas vernachlässigt. Das werde ich hiermit wieder gut machen, und habe mir entsprechend eine Flasche eines guten Basisprodukts besorgt: der Bowmore Aged 12 Years Islay Single Malt Scotch Whisky soll mir das Feuer der Begeisterung, das ich einst für diese Art von Spirituose empfand, als ich ein Jahr in Schottland lebte, wieder entfachen und den schnöden Rumjammer vergessen lassen.

Zumindest muss man sich bei Scotch nicht auf allerlei Diskussionen einlassen, die mit Qualität, Einhaltung von gesetzlichen Regelungen und Definitionen, was die Spirituosengattung eigentlich erlaubt und was nicht; schottischer Whisky ist klar und deutlich geregelt, und wird auch von diversen staatlichen und unabhängigen Organen geprüft und gesichert. Was das wert ist, erfährt man erst, wenn man die letzten 5 Jahre im Rumgeschäft miterlebt hat. Ich glaube, ich habe mit meinen Artikeln etwas dazu beigetragen, dass manch eine Machenschaft auch für Laien bekannt wurde. Es tut mir gerade jetzt ein bisschen gut in der Seele, mich von dem ganzen Ärger zu verabschieden und mich einfach darauf verlassen zu können, dass in der Flasche auch ist, was auf dem Etikett steht. Und darauf, dass man ein breit erhältliches Basisprodukt kaufen kann und gute Qualität bekommt, und nicht nur, wenn man High-End-Superseltene-Einzelfassabfüllungen kauft. Das sind nun viele Vorschusslorbeeren, ich hoffe, der Bowmore kann all das einhalten.

Bowmore Islay Single Malt Scotch Whisky Aged 12 Years

Bei Scotch ist es im Allgemeinen angegeben, und im Allgemeinen auch üblich – die Färbung mit E150a. Ich hoffe auf die Zeit, in der die Konsumenten so aufgeklärt sind, dass es dieser Gleichmacherei, durch die nur jede Flasche im Regal identisch aussehen soll und sonst keinen Sinn hat, an den Kragen geht. Ich bin mir sicher, dass ein 12-jähriger Scotch auch ohne Färbung eine ähnlich schöne Farbe aufweist wie dieses kräftige Terracotta. Das Schwenkverhalten ist unauffällig, mit schnell ablaufenden, mengenmäßig wenigen Beinchen.

Die erste Komponente, die die Nase wahrnimmt, ist natürlich der Torf, die Signatur eines Islay-Whiskys. Dies dominiert alles, danach kommt schon deutlicher, süßlicher Rauch, begleitet von einer medizinalen Note. Der Rauch kippt dann um in milde Orangenschale. Zugrunde liegt allem etwas Hefig-Getreidiges. Insgesamt trotz des Torfs mild und rund.

Das Mundgefühl ist im Antrunk dann ähnlich weich und abgerundet, voll und stark, extrem süß, für meinen Geschmack schon zu sehr. Zu Beginn wirkt er flach und dumpf, hat außer Vanille- und Zimtnoten aromatisch kaum etwas zu bieten; weder Torf noch Rauch bleiben erhalten. Im Verlauf wird der Bowmore 12 immer würziger, trockener und klarer, hier beginnt er mich zu interessieren. Wie oft bei rauchigen Spirituosen entsteht am Gaumen eine sehr florale Note. 40% Alkoholgehalt unterstützen das spürbare Feuer, das sich schließlich am Ende entwickelt hat, und sind im Abgang leicht ethanolisch erkennbar. Der Abgang ist kurz, trocken, leicht torfig und nun mit dieser schönen Rauch-Blüten-Mischung versehen, die lange nachklingt.

Bowmore Aged 12 Years Islay Single Malt Scotch Whisky Glas

Für meinen Geschmack ist dieser Scotch zu plump und desinteressiert im Antrunk, das kann er später nicht mehr aufholen, selbst wenn der Nachhall wirklich attraktiv ist. Die starke Süße, die fehlenden Aromen, nur im Abgang Komplexität – meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

Entsprechend hat sich der Bowmore 12 für meine Verhältnisse leider höchstens zu einem stabilen Mixwhisky für die Cocktails entwickelt, die nach Torf und Rauch verlangen, und gleichzeitig nicht zuviel Charakter gebrauchen können, da dies oft den ganzen Drink übernimmt. Im Luau Smoked Pineapple kommt dem Bowmore 12 genau diese Rolle zu; sein süßlicher Grundton gibt dem Cocktail dann noch etwas mehr Volumen.

Luau Smoked Pineapple Cocktail


Luau Smoked Pineapple
1 oz torfiger Scotch
½ oz Limettensaft
¾ oz Orgeat
¾ oz Zitronensaft
1 oz Ananassaft
Auf Eis shaken. Auf frischem Eis servieren, zuvor noch
½ oz Blended Scotch floaten.
[Rezept nach The Drink Blog]


Man sieht, es ist doch nicht ganz so einfach, die alte Liebe durch etwas Neues zu ersetzen. Doch Scotch ist ja nicht nur Islay, ich bin eh schon immer eher der Highland Malt-Trinker gewesen, und habe noch viel vor mir, all die Scotches, die ich in Schottland getrunken habe, auch hier irgendwann schriftlich zu erfassen. Das wäre jedoch natürlich ein Lebensprojekt für sich, und mir sind die anderen Kategorien wie Tequila und Liköre ebenso wichtig. Darum wird mein Blog weiterhin breit gefächert alles besprechen, was die Spirituosenwelt so zu bieten hat; nur die leichte Gewichtung hin zum Rum wird allmählich, wenn all die vorbereiteten Rumartikel (und das sind ein ganzer Haufen!) erschienen sind, verschwinden.

Kurz und bündig – Botucal Blending Session

Man kann auf sehr unterschiedlichen Seiten des Rumspektrums stehen, und trotzdem ein gutes Verhältnis pflegen. Ich persönlich halte überhaupt nichts davon, Fronten aufzubauen, den Krieg zu erklären, Ausgrenzung und Ablehnung zu betreiben, wie manche Rumkenner das tun, und das alles nur wegen eines Genussmittels. Wenn die Einstellung zu einem Getränk wichtiger wird als zu den Menschen dahinter, läuft etwas schief. Persönlich mag ich meinen Rum sauber und unverändert, und ich kämpfe weiterhin mit Energie dafür, dass Ehrlichkeit und Transparenz gefördert werden, doch das wird mich nie daran hindern, mit Personen, die anders denken, vernünftig und gesittet zu reden. Entsprechend freute ich mich sehr, als der langjährige Brand Ambassador für Botucal/Diplomático, Peter Schütte, mich einlud, an der Botucal Blending Session teilzunehmen. Die Corona-Krise zwingt uns dazu, solche Treffen remote abzuhalten, doch es funktioniert überraschend gut, wenn das ganze wohlorganisiert ist: Die Samples der Botucal Distillery Collection kamen zuverlässig bei mir per Post an, der Link zum Zoom-Meeting klappte auch direkt, und ein gutgelaunter Moderator sorgte bei immerhin 30 (hin und wieder nur mäßig disziplinierten) Rumfreunden für einen runden, gut zweistündigen Ablauf. Es gab sehr viel fachliche Information zu den verschiedenen Brennapparaten und Vorgehensweisen, auch ein Fortgeschrittener wie ich konnte noch was dazulernen.

Botucal Blending Session 1

Es sollte eine Einführung in die unterschiedlichen Komponenten des bekanntesten Produkts des Hauses werden, dessen Zusammensetzung und Herstellung, sowie die Möglichkeit, sich unter Anleitung einen individuellen Blend zusammenzustellen. Eine herausragende Idee, man kann dabei sehr viel lernen und erfahren. Für mich war das eigentliche Ziel, endlich herauszufinden, wie einer der bekanntesten Süßrums der Welt ohne die Nachsüßung schmeckt. Selbst wenn die „neue“ Rezeptur nur noch rund 35g/L Süßung aufweist statt den früher üblichen 44g/L, ist das für mich persönlich immer noch viel zu viel. Die Frage, die sich mir bei solchen Produkten immer stellt, ist: Warum wird so stark gesüßt? Ist es, um ein schlechtes Destillat zu pimpen, oder eher doch simplerweise, um dem süßen Zahn der Kundschaft entgegen zu kommen? Ersteres wäre schlicht Betrug, zweiteres eine unternehmerische Entscheidung. Endlich habe ich die Möglichkeit, diese Frage zumindest für mich zu beantworten.

Entsprechend habe ich den Blend des Reserva Exclusiva mit den drei Distillery Collection-Rums nachgebaut – laut der Angabe des Herstellers bedeutet das, 80% Pot-Still-Rum („N°3“), 10% Batch-Kettle-Rum („N°1“) und 10% French-Barbet-Rum („N°2“). Für die einzelnen Rums habe ich bereits meine Meinung kundgetan. Da alle Distillery Collection-Rums auf 47% eingestellt sind, müsste am Ende noch etwas Wasser zugesetzt werden, um die Trinkstärke von 40% des Standardprodukts zu erreichen, ich habe nur einen kleinen Spritzer verwendet. In der Blending Session wurde vorgeschlagen, noch selbst zu süßen, das habe ich natürlich gelassen.

Botucal Blending Session 2

Das Ergebnis ist sehr befriedigend und erstaunlich; der SchlimmerdurstBotucal-Blend ist am Ende ein sehr attraktiver Rum geworden. Auch wenn N°1 und N°2 als Einzelprodukte wenig Begeisterung erregen können, so ist der Hauptanteil, der N°3, ein durchaus gelungener Brand. Die Süßung ist nach dieser Erfahrung definitiv kein Versuch, ein schlechtes Destillat zu maskieren.

Ich muss aber auch deutlichst sagen – die Süßung verschlechtert meiner Meinung nach das Endprodukt extrem. Es ist wirklich schade, dass ein interessantes und gelungenes Destillat, das ohne Mühe auf sich gestellt bestehen und sogar Rumfreunde sehr glücklich machen kann, durch den Zucker plumper, langweiliger, stumpfer, oberflächlicher, kurz: schlechter gemacht werden muss. Nun, vielleicht gibt es irgendwann ein Umdenken beim venezuelanischen Hersteller DUSA. Der Markterfolg der Marke stimmt mich nicht optimistisch diesbezüglich, aber zumindest konnte ich für mich dank dieser Session meinen Frieden mit Botucal/Diplomático machen – sie können sehr guten unverfälschten Rum machen, wollen es aber halt offensichtlich nicht. Dagegen kommt man nicht an, schade.

Offenlegung: Ich danke dem Brand Ambassador Peter Schütte für die kosten- und bedingungslose Zusendung der Samples und die Einladung in die Blending Session.

Das Heimbarregal ist zu klein für uns beide – HSE Black Sheriff Rhum Vieux Agricole

Neulich gab es eine Diskussion, wie man Spirituosen, deren Flaschen man bereits geöffnet hat, am besten aufbewahrt. Da gibt es ja verschiedene Tips, von Schutzgas bis Umfüllen in kleinere Fläschchen, mit denen man verhindern können soll, dass sich der Charakter des Destillats verändert, wenn man eine Weile nicht dran geht. Persönlich habe ich nur selten eine arg negative Erfahrung damit gemacht, gar nichts zu unternehmen; gewiss verändert sich die Spirituose, aber das ist für meinen eh Abwechslung wünschenden Gaumen nichts schlimmes. Und ein paar Jahre, länger lebt bei mir eh nichts im Regal, hält jeder Brand aus, wenn man halbwegs sorgsam damit umgeht.

Die allerbeste Methode zum Schutz ist aber auch die einfachste – nichts offen aufbewahren, sondern zeitnah austrinken. Dahingehend habe ich meine Gewohnheiten geändert, früher wollte ich möglichst lang was an einer Flasche haben, heute denke ich, im Zuge von Heimbarabbau und Reduzierung aufs nötigste, dass eine leere Flasche eine gute Flasche ist. Daher verbrachte der HSE Black Sheriff Rhum Vieux Agricole auch nur eine kurze Zeit bei mir zuhause, die Flasche wurde in verdammt kurzer Zeit geleert. Ich fühle mich gut dabei, keine Reste ewig aufzubewahren, und hatte doch viel Spaß mit diesem Rum, den ich nun mit meinen Lesern teilen will.

HSE Black Sheriff Rhum Vieux Agricole

Amerikanisches Eichenholz, selbst gebrauchtes, gibt schon nach kurzer Zeit viel Farbe ab, und entsprechend kräftig scheint der Rum fürs Auge. Er ist noch relativ jung (es ist keine Altersangabe vorhanden, er ist wohl zwischen 3 und 4 Jahre alt) und verhält sich passend recht flink im Glas. Der Geruch ist dagegen schon recht erwachsen und ausgebildet – sehr süß und mild, erinnert zunächst etwas an Cognac. Schnell kommen Reifearomen dazu: Vanille, Pfirsich, Rosinen, Datteln, milde Holztöne. Herznoten von Minze und Hubba-Bubba-Kaugummi. Eine schöne Komposition.

Der Geschmack ist dann aber doch etwas dünner als vom Geruch her erwartet. Trotzdem ein superweiches Mundgefühl, trotz minimalstem Brennen. Man entdeckt schließlich sehr ähnliche Geschmackseindrücke wie das, was man schon in der Nase erschnuppern konnte – Süße, Vanille, mildes Obst, Weinbergpfirsich, reife Aprikosen. Süßholz und eine leichte Grasigkeit, wie wir sie von rhum agricole kennen, aber wirklich nur dezent im Hintergrund. Dezente Bitterkeit. Ein sehr milder Rum, mit schöner Süße, die nicht oberflächlich ist.

HSE Black Sheriff Rhum Vieux Agricole Glas

Im Abgang bleibt der Black Sheriff sehr weich, warm und glatt, wenn auch eher kurz. Vanille und Holz hängen noch etwas am Gaumen. Leicht adstringierend und trocken, hinterlässt der Rum ein leicht pelziges Gefühl im Mund, zitronenschalenbitter und mentholig. Wer vom amerikanischen Whisky her kommt, oder auch vom Weinbrand, und einen nicht allzu fremdartig schmeckenden Rum sucht – der ist hier perfekt aufgehoben. Aber auch als Einstieg in den rhum agricole ist er bestens geeignet, denn der Black Sheriff ist unkompliziert und bodenständig.

Von HSE wird der Black Sheriff als Shooter vermarktet, mit speziell dafür gebrandeten Shotgläsern. Aber natürlich ist das nicht so die Art, in der ich Schnaps trinke – ich bin zu alt für derartige Rituale, das überlasse ich der dummen Jugend. Für mich kann dieser Rum seinen Platz in Cocktails finden; zusammen mit Tabaklikör und einer Breitseite an unterschiedlichen Bittern ist der Buffalo Soldier ein viel schwereres Geschoss als die puren Shots.

Buffalo Soldier


Buffalo Soldier
2 oz gereifter Rhum agricole
1 Teelöffel Perique Liqueur de Tabac
1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Kakao-Bitter
1 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Wood
Im Glas auf Eis bauen und leicht umrühren.

[Rezept adaptiert nach Maria Loca]


Die komplett schwarz mattiert ummantelte Flasche bietet einen schönen Kontrast zu den orangefarbenen und weißen Aufdrucken. Eine ungewohnt freche Aufmachung für die sonst eher traditionell und edel aufgemachten rhums agricoles – die Vermarktung geht insgesamt aus meiner Sicht doch deutlich an eine andere Zielgruppe als die, die man bei HSE und Co. sonst so addressiert. Tatsächlich ist das aber ein spannender Move; wenn man seine Kategorie in neue Zielmärkte bringt und mit einem frischeren Image werben kann, verbreitet das vielleicht eine Spirituose, die aktuell trotz weltweitem Rumvormarsch immer noch unter Wert gehandelt wird.

Bier am Freitag – Original Ritterguts Gose

Bier ist ein vielfältiges Getränk. Man muss heutzutage, wo Gleichmacherei und industrielle Standardisierung das Neutralpils als Idealform des Biers hervorgebracht haben, immer wieder darauf hinweisen, dass man parallel dazu Gefahr läuft, klassische, uralte Bierstile aussterben zu lassen. Meist sind es regionale Besonderheiten, die aufwändiger herzustellen sind, zum Beispiel mit offenen Gärverfahren, speziellen Hefen und nicht ganz leicht zu kontrollierender Milchsäuregärung. Bei Gose wird all das benötigt. Das obergärige Bier, das heute  außerhalb der Region Leipzig kaum einer mehr kennt, wird dazu mit besonderen Zutaten gespickt – Gewürze, Kochsalz, Koriander, das treibt dem Pseudokenner die RHG-Krokodilstränen in die Augen, dem wahren Genießer aber das Freudenleuchten. Original Ritterguts Gose ist ein klassisches Beispiel für diesen Bierstil, eine der wenigen Marken, die sich der Fernsehbierrevolution widersetzen.

Original Ritterguts Gose

Naturtrüb, leicht oaplisierend, sonnenblumengelb – ein sehr attraktiver optischer erster Eindruck. Schaum ist beim Eingießen noch vorhanden, aber danach schnell weg – wahrscheinlich ein Effekt der Nachreifung in der Flasche, das kennt man oft von flaschengereiften Bieren. Keine Perlage ist für mich erkennbar. Hefig, kräuterig, das denkt man, wenn man an dieser Gose schnuppert. Erkennbar sauer riechend, wie Naturjoghurt, die Verwandschaft ist auch irgendwie gegeben, wenn man den Lactobacillus, der eingesetzt wird, berücksichtigt. Die Ritterguts Gose erinnert dabei geruchlich aber auch an Cidre, wirkt leicht apfelig.

Im Mund spielt sie ihre ganze Eigenheit aus – kräftig sauer im Antrunk, kantig und fast schon kratzig. Zitronig, Erinnerungen an Waldmeisterbrause und Cidre. Trotz der eckigen Säure bleibt ein weiches Mundgefühl. Sehr rezent, hauptsächlich über die Säure. Hält man die empfohlene Trinktemperatur von 8°C ein, ist die Original Ritterguts Gose von vorne bis hinten sehr frisch und angenehm. Der leichte Körper entsteht auch durch die angemessenen 4,7% Alkoholgehalt. Der Abgang ist sehr kurz, hier kommen deutlich der Koriander und das Salz durch. Trocken, mildbitter. Nach einigen Sekunden ist das Bier komplett weg vom Gaumen. Kein Nachhall.

Ich bin ein Fan von Sauerbier, und diese Gose ist für mich ein sehr spannend komponiertes Bier dieser Brauart. Da es zugegebenermaßen die einzige Gose ist, die ich bisher kenne, kann ich keine Aussage zur Typizität treffen – wenn das Ritterguts Gose aber typisch sein sollte, werde ich mir definitiv weitere Marken anschauen. Goseanna!

Brasilianische Prinzessin – Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira

Ich habe eine tolle Idee und will etwas auf den Markt bringen, habe aber selbst nicht die nötigen Geldmittel dafür? Früher bedeutete das Klinkenputzen bei Banken und möglichen Investoren. Gerade letztere wollen dann natürlich einen nicht unerheblichen Anteil am eventuellen Erfolg haben, erstere sind oft zurückhaltend und halten sich zurück, in verrückte Ideen auszuzahlen. Die moderne Lösung für dieses Problem? Crowdfunding. Allerlei Geschäftsideen, die im normalen harten Finanzleben kaum eine Chance hätten, werden durch normale Menschen mit Kleinstbeiträgen gesponsert, die einfach die Idee toll finden und mit gewissen Goodies dafür belohnt werden.

Ich hatte vor einer Weile bei so einer Crowdfunding-Initiative auf der Plattform startnext teilgenommen: „Princesa Isabel Cachaça – Rum aus Brasilien“ hieß die, und es ging darum, einem deutschen Unternehmen den Import dieser brasilianischen Zuckerrohrsaftspirituose (über das Wort „Rum“ im Titel gehe ich einfach mal geflissentlich hinweg) zu ermöglichen. Und das Projekt war dann auch erfolgreich – so kam ich in den Besitz meiner Belohnung dafür, einer Flasche der Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira. Hergestellt wird sie im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo, wo in der Stadt Linhares die Produktionsstätte Fazenda Tupã beheimatet ist. Der Name ist lang, aber eigentlich nicht kompliziert: „armazenada“ ist der Begriff für „in Holzbehältern aufbewahrt“, Dauer und Fassgröße sind dabei nicht bestimmt. „Jaqueira“ ist die Art des Holzes des Fasses – hier ruhte die Cachaça also in einem Fass aus dem Holz eines Jackfruchtbaums, laut einem Pressetext für ein Jahr. Ich prüfe nun mal, ob sich meine Investition gelohnt hat.

Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira

Die Farbe passt jedenfalls schonmal zur gelben Jackfrucht – ein sehr helles, aber kräftiges Sonnenblumengelb. Viskosität ist durchaus vorhanden, die Cachaça bewegt sich zwar lebhaft und flüssig, aber doch mit leichtem Schwappen und hinterlässt dann einen Film mit sehr träge ablaufenden Tropfenspitzen.

Die Nase ist sehr typisch für Cachaça, voller Zuckerrohrsaft, einem Korb exotischer, unreifer Früchte, leichter grüne Grasigkeit und milder Gewürze. Riecht man die Jackfrucht heraus? Natürlich nicht, der Brand kam ja nur mit dem Holz des Baums, nicht mit der Frucht selbst, in Kontakt. Selbst wenn, ich könnte es nur nicht zuordnen und benennen, denn ich bin mit diesem Obst nicht wirklich vertraut – eine Bildungslücke, ich weiß, aber ein Beweis dafür, dass man nur riechen kann, was man kennt. Das wird natürlich irgendwann nachgeholt.

Princesa Isabel Cachaça Armazenada em Jaqueira Glas

Superweich und cremig im Antrunk, fast schon ölig schwer – die Konsistenz ist beeindruckend dick. Die Süße des Beginns bleibt zwar erhalten, wird aber im Verlauf durch pikante Gewürze und Ingwerschärfe und -aromen aufgefrischt. Viel Zuckerrohr und Frucht dominiert alles, Birne, Quitte, dazu etwas Zimt und Vanille. Ein Eindruck von Kokosnussfleisch. Später noch etwas Salzigkeit, und eine beeindruckende, vollmundige Bittere. Ingesamt eine tolle Breite und Wucht mit sehr viel Körper. 40% Alkoholgehalt sind angenehm spürbar, ohne aufdringlich zu werden. Der Abgang ist kurz und rostig – doch ein hübscher blumig-fruchtiger Nachhall entsteht aus einer kurzen aromatischen Lücke heraus, ein sehr ungewohnter Effekt, und hängt dann eine ganze Weile nach.

Eine sehr schwere, volle, aromatische und rund wirkende Cachaça, mit einem Bums aus Frucht und Gewürz, die mich ehrlich begeistert. Allein schon das Mundgefühl ist grandios, und wer Cachaça mag, muss auf diese hier einen Blick werfen.

Im Caneflower werden all die Dinge durch Zutaten betont, die ich in der Princesa Isabel sehr mag – die blütige Komponente durch Holunderblütenlikör, die Bittere durch Aperol, die Frucht durch Zitronenöl aus der Zeste.

Caneflower Cocktail


Caneflower
1½ oz Cachaça
¾ oz Aperol
½ oz Holunderblütenlikör
Auf Eis rühren. Mit großer Zitronenzeste absprühen.

[Rezept nach Jeffrey Morgenthaler]


Die Flasche an sich ist unauffällig, um so schöner ist das Etikett gestaltet. Die Fazenda dekoriert alle ihre Cachaças mit Vogelarten ihrer Heimat, hier sieht man den hübschen blauen Saíra-azul. Das ist eine gelungene Idee, und professionell ausgeführt – man erkennt daran, dass hier eine Brennerei mit Erfahrung und auch einem gewissen Anspruch am Werk ist.

Ich freue mich, dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen konnte, diese sehr attraktive Spirituose nach Deutschland zu holen. Ich hoffe auch, dass das Unternehmen weitermacht damit, und weitere Produkte dieses Brenners importiert – denn auch wenn Deutschland für Cachaça einer der größten Märkte ist, so sind es eher nicht die hochklassigen, wertigen Cachaças, die hierzulande massig konsumiert werden. Die Waage etwas hin zur Qualitätscachaça zu neigen, das ist eine tolle Arbeit, die es zu unterstützen gilt.

Bier am Freitag – Bitburger/Sierra Nevada Triple Hop’d Lager

Beim Schlendern durch den Supermarkt sprang es mir ins Auge – das Bitburger/Sierra Nevada Triple Hop’d Lager. Immer wieder passiert mir das in letzter Zeit, wir leben in einer großartigen Zeit für innovative Bierprojekte. Sierra Nevada liegt mir am Herzen, mein erstes echtes hopfenlastiges Craftbier stammte von dieser US-amerikanischen Brauerei. Bitburger weniger, mit Fernsehbieren konnte ich nie etwas anfangen. Spannend, dass zwei so ungleiche Bierpartner in einem Boot ein dreifach gehopftes Lager herausbringen. Mit 5,8% Alkoholgehalt und in einer hübsch gestalteten Dose, die sowohl vom typischen Sierra-Nevada-Stil als auch dem der bekannten Bitburger-Dosen geprägt ist, landet es nun in meinem Glas; die Dose ist ein ideales Transport- und Aufbewahrungsbehältnis, aber trinken sollte man trotzdem immer aus einem Glas.

Bitburger/Sierra Nevada Triple Hop’d Lager

Leichte Trübung, die die das Safrangelb nur noch weiter unterstützt. Man erkennt die leichte Perlage kaum, sie besteht aus winzigen, schnell aufsteigenden Bläschen. Der Schaum ist eher dünn, feinblasig, kurzlebig. Die Nase ist, erwartungsgemäß, sehr hopfig, säuerlich, grapefruitig, limettig – die dafür zuständigen Aromahopfen Cascade, Centennial und Chinook kennt der geneigte Craftbierfreund inzwischen sehr gut. Eine gewisse marmeladige Süße liegt darunter.

Im Mund spürt man, dass man hier doch kein Ale, was die Nase vielleicht vermuten lassen mochte, vor sich hat. Der Antrunk ist trocken, kantig, sehr vom Hopfen dominiert, neben den Aromahopfen auch der immer gern beworbene Bitburger Siegelhopfen als reiner Bitterhopfen. Im gesamten Verlauf bleibt die Eckigkeit vorhanden, eine unterschwellige Süße kämpft mit einer Säure und Bittere, die immer die Oberhand haben. Eine leichte Fruchtigkeit entsteht, gegen Ende kommt der Lagercharakter immer weiter voran; man erwartet irgendwie etwas mehr Körper, das wäre aber kaum stiltypisch. Der Abgang ist mittellang, sehr blumig-fruchtig, immer noch hopfenorientiert. Knackige Bittere saugt einem etwas die Spucke aus dem Mund. Rezenz ist initial vorhanden, allerdings findet sich auch eine gewisse Stumpfheit im Verlauf.

Mir kommt es wie ein Crossover-Bier vor: Nicht nur der deutsch-amerikanische Zusammenarbeit wegen, sondern auch wegen der Lager-Pale-Ale-Fusion. Eine interessante Sache, das Bier kann man sehr gut zu einer fettigen Käsepizza trinken, da passt es wunderbar. Alleinstehend als Genussbier bleibt es mir persönlich aber irgendwie zu stumpf und unbalanciert.

Augen zu und durch – Aldi Arc Royal VS Cognac

Ein Aldi-Markt ist direkt in kurzer Gehweite von mir, darum kaufe ich dort manche Dinge ein, bei denen mir ein günstiger Preis relevanter ist als eine übermäßig hohe Qualität. Auf dem Weg durch den Discounter laufe ich immer direkt zu Beginn an einem Spirituosenregal vorbei, und ich kann einfach nichts dagegen tun, dass meine Augen immer gierig über die dort aufgestellten Flaschen streifen. Nun sind Spirituosen bei mir ganz gewiss nicht in der Kategorie, bei denen mir Günstigkeit wichtiger ist als Qualität – es sind Genussmittel, und darum dürften sie es eigentlich bei niemandem sein. Dennoch gibt es offensichtlich Bedarf für hart kalkulierte Schnäpse, selbst in einem Segment, das man normalerweise mit edlen Bränden assoziiert: Cognac.

Eines Tages hatte Aldi mich, und ich ergab mich der geschickten Platzierung, und legte eine Flasche des Arc Royal VS Cognac in den Einkaufswagen. Man muss als Spirituosenblogger auch hin und wieder den Blick nach unten richten, in die Niederungen der Schnapswelt, um nicht das Gesamtbild aus dem Auge zu verlieren und Einordnungspunkte zu behalten; wer immer nur seltene Einzelfassabfüllungen trinkt, hat zwar ein schöneres Leben, läuft aber Gefahr, solide Basisprodukte abzuwerten, einfach weil man nicht mehr weiß, dass es auch noch drunter geht. Man kann bei dem Preis von 12€ zudem nicht viel falsch machen, dachte ich mir, und immerhin hat der Arc Royal VS sogar 2018 eine DLG-Gold-Prämierung erhalten, wenn das auch nur winzig und kaum lesbar auf dem Etikett versteckt ist. Oder kann man doch?

Aldi Arc Royal VS Cognac

Die Farbe ist hell und geht ins Ocker über, mit vielen hellen Reflexen. Eine gewisse Trägheit ist beim Schwenken im Glas erkennbar, schmale Beinchen mit dicken Köpfchen laufen langsam danach ab.

Der Geruch ist zunächst fruchtig, Aprikose, Mango, eine leichte Beerigkeit vielleicht. Schnell kommt ein Blütenbouquet dazu, Rosenblätter, etwas Schwarzteewürze. Leider wird das dann durch eine sehr prägnante Alkoholnote überdeckt, die sowohl in der Nase zwickt als auch die Aromen beinahe vollständig plattmacht; danach ist der Eindruck recht neutralalkoholisch.

Vom Antrunk an wirkt der Aldi Arc Royal VS flachbrüstig und schwach, das Mundgefühl ist dünn und hat weder Breite noch Tiefe. Eine gewisse Süße ist da, auch diese aber wirkt oberflächlich. Dezente Fruchtaromen nimmt man zunächst noch wahr, doch wie schon in der Nase holt sie aber schnell der trockene, neutrale Alkohol ein – der für eigentlich gemäßigte 40% einfach zu stark spürbar bleibt. Milde Bittere und eine leichte Salzigkeit können sich dann ohne Widerspruch breitmachen und definieren das Gesamtbild.

Arc Royal VS Fine Cognac Glas

Der Abgang ist aromatisch kurz, aber vom adstringierenden Effekt mittellang, doch leider klingt außer ein paar Jasminnoten nur ein metallischer Blutton nach. Der Cognac hinterlässt einen mild betäubten Gaumen, und einen ratlosen Tester, der sich nun überlegen muss, was er mit der Flasche tun soll.

Für den Purgenuss ist er völlig ungeeignet, und auch in Drinks, die einen vernünftigen Cognac verlangen, kann man den Aldi Arc Royal VS nicht einsetzen, der geht selbst gegen die leichtesten Mitzutaten unter. Ich weiß es, ich habs ausprobiert – darum kann ich höchstens etwas empfehlen, in dem der Cognac als reiner Fond arbeitet, um etwas alkoholische Stärke mit wenigstens leichtem Weinbrandgeschmack einzubringen: ein The Chatham Hotel Special. Natürlich könnte dieser auch von besserem Cognac profitieren – hier ist es aber nicht ganz so zentral.

The Chatham Hotel Special Cocktail


The Chatham Hotel Special
1½ oz Brandy
½ oz Ruby Port
½ oz Sahne
1 Spritzer Dunkle Crème de Cacao
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Ted Haigh]


Nun, wahrscheinlich darf man einfach nicht viel erwarten bei einem Preis von 12€ und dem Erwerbsort. Dennoch ist das ein interessantes Lehrstück gewesen – es ist immerhin ein Cognac, und diese Kategorie hat eigentlich gewisse Qualitätskriterien selbst für niedrigste Qualitätsstufen. Was man hier sieht ist, dass man selbst bei derartig strengen Regeln dennoch billige, meiner Meinung nach minderwertige, Ware herstellen kann für den unanspruchsvollen Massenmarkt. Vielleicht ist das ein Entgegenkommen der Kontrollorgane, denn nicht jedes Destillat erreicht eben die Qualität, die es weiterzureifen lohnt. Ich hoffe daher ehrlich nicht, dass Produkte wie der Arc Royal VS das alleinige Ziel eines Cognacbrenners sind (der hätte seine Berufung verfehlt), sondern eher eine Möglichkeit, seinen Ausschuss noch halbwegs ohne Verluste loszuwerden.

Wer einen Weinbrand zu sehr günstigem Preis sucht, greife statt zu einem Cognac, wo man bei diesem Preis konsequent in der untersten Qualität landen muss, einfach zu einem guten deutschen Weinbrand wie dem Asbach Privatbrand, der nur wenig teurer dafür Welten besser ist, oder einem italienischen Brandy. Bei Aldi jedenfalls verpasst man nichts, wenn man beim Arc Royal VS meinen Leitspruch der Artikelüberschrift einhält.

Rum – Sonne der glücklichen Inseln

Der moderne Feld-Wald-und-Wiesen-Rumfreund ist ein seltsames Biest. Er hat Zugang zu den meisten Rumsorten, ausreichend Resourcen, um sie sich auch zulegen zu können, und dazu mit der größten Informationsquelle der Menschheitsgeschichte auch die Gelegenheit, sich über Rum zu informieren. Gleichzeitig muss ich aber beklagen, dass nur mäßig Interesse daran besteht, dieses goldene Rumzeitalter auch wirklich zu nutzen, außerhalb des Trinkens – selbst große Freunde des Zuckerrohrbrands wissen manchmal nicht wirklich viel über ihr Getränk.

Um so wertvoller sind Bücher, die auf angenehme und leichte Art und Weise Wissen vermitteln. Verkopfte Fachbücher mögen dem nach vielen Details Suchenden eine große Hilfe sein, und flache, nur als Fachbuch getarnte Werbebroschüren von Herstellern und Verkäufern einen einfachen Einstieg ermöglichen. Doch das Feld dazwischen ist in deutscher Sprache dünn besiedelt. Um so überraschter war ich über Rum. Sonne der glücklichen Inseln. Geschichte, Bilder und Geschichten aus der Welt des Rums, erschienen erstmals 1969, mir vorliegend in einer großformatigen Nachauflage von 1976, im Verlag H. H. Pott Nfgr., der Name könnte Rumkennern etwas sagen. Als Urheber wird etwas verklausuliert Hans H. Krützfeld genannt.

Rum - Sonne der glücklichen Inseln

Bis auf ein paar Absätze, die nichtmal übermäßig marktschreierisch klingen, haben wir hier ein neutral gehaltenes Fachbuch vor uns. In zugegebenermaßen sehr blumiger Sprache, mit vielen Anekdoten, Gedichteinsprengseln und humorigen Einlagen versehen, aber dennoch in der Basis ein Fachbuch. Man erwirbt durch die Lektüre der 134 groß bedruckten, mit viel Weißraum ausgestatteten Seiten ein solides Basiswissen was die Geschichte und die Herstellung von Rum angeht.

In manchen Absätzen ist der Kenner erstaunt, wie aktuell das Wissen ist, das hier vermittelt wird: manch modernes Buch erzählt so viele Fehler und ungenaues Zeug, dass man überrascht wird von Details, die man erst seit kurzem im Wissensschatz des Rumaficionados zu finden glaubte. Der Unterschied zwischen Dunder und Muck beispielsweise, die Esterzählungen bei Jamaica-Rum, die Unterschiede zwischen kontinentaler und tropischer Reifung; all das sind höchstaktuelle Diskussionsthemen, und man findet sie in einem Buch von 1969. Ein bisschen Demut kann das schon lehren. Man ahnt in manchen Beschreibungen von Produkten und Orten, welche Destillierien gemeint sind – Namen werden allerdings keine genannt, die Fokussierung auf Destillerien kannte man damals nicht.

Rum - Sonne der glücklichen Inseln Innenseite 1

Eine tolle Zusammenstellung von zeitgenössischen Illustrationen, Holz- und Kupferstichen, Lithographien und Gemälden in großformatiger, sehr hochwertiger Farbreproduktion machen das Buch zu einem echten Coffee-Table-Book, bei dem man herrlich den Blick über Zuckermühlen, Häfen, Landschaften und soziale Gewohnheiten streifen lassen kann. Das dicke Hochglanzpapier unterstützt durch angenehme Haptik diesen Aspekt.

Sehr wichtig ist, dass auch die negativen Aspekte der Geschichte des Rums nicht ausgelassen werden; der brutale Sklavenhandel, der die karibische Rumproduktion erst möglich machte, und die gnaden- und gedankenlose Ausrottung der nativen Bevölkerung durch die Kolonisten sind Themen, die man auch in einem Buch, das die Sonnenseite des Getränks im Titel trägt, ansprechen muss, denn für einen Großteil der an der Rumproduktion Beteiligten waren die „glücklichen Inseln“ die Hölle.

Natürlich hat das Buch aber auch seine fachlichen Mängel, oder vielleicht besser Abnutzungszeichen der Zeit, seit der es geschrieben wurde. Die Bewertung der Rumstile ist ganz aus der Sicht eines Verschnitthändlers geschrieben, Barbados-Rum wird als „fast körperlos“ beschrieben, Rum aus Kuba als nur zum Trinken im Longdrink klassifiziert. Technisch wird die Kolonnen-Destillation als sehr viel hochwertiger und besser als die Potstill-Destillation beworben. Sehr grob wird manchmal generalisiert, und die Bewertungen vieler Dinge sind eben in den 60er Jahren verhaftet und aus heutiger Perspektive schlicht falsch. Man muss also alles mit einem Körnchen Salz betrachten. Auch sprachlich muss man sich daran gewöhnen, dass ganz selbstverständlich von „Negern“ geredet wird, dies ist natürlich der Zeit zuzuschreiben, der Ton ist dabei aber nie abfällig.

Rum - Sonne der glücklichen Inseln Innenseite 2

Insgesamt finde ich dennoch, dass dies ein sehr lesenswertes Buch ist. Besonders die erste Hälfte, mit all den geschichtlichen und produktionstechnischen Details, ist auf aktuellem Stand. Die paar Mängel werden locker durch die großartige Gestaltung mit all den ganzseitigen Bildern und den Materialien ausgeglichen, und durch die Informationen über Dänemark und Flensburg und deren Einfluss auf die europäische Rumkultur. Wer also ein im lockeren Stil geschriebenes, extrem schön gestaltetes Rumbuch für den Kaffeetisch sucht, das auch noch handfeste Informationen enthält, macht bei Rum – Sonne der glücklichen Inseln nichts falsch.