Hinter dem Regenbogen – Spirituosenfarben

Für alle meine Spirituosenrezensionen versuche ich mich, soweit möglich, an das hervorragend ausgedachte und produzierte Farbenrad zu halten, das im „Eye for Spirits“-Onlinemagazin veröffentlicht wurde.

Gerade Rum, Whisk(e)y, Tequila, Bier und einige andere Spirituosen lassen sich damit wunderbar einordnen. Für alles, was darüber hinausgeht – grün, blau, grelleres rot – versuche ich, möglichst kreativ aber noch verständlich zu sein.

Auch wenn es stark von den Lichtverhältnissen abhängt (viele meiner Spirituosenrezensionen schreibe ich spät abends im dunklen Kämmerlein, mit nur dem blauweißen Licht des Computermonitors; andere bei strahlendem Sonnenschein, wenn die Reflexe im Glas die Spirituose Funken sprühen lassen), glaube ich, dass wenn es klar definiert ist, worüber man redet, die Kommunikation eindeutiger ausfällt.

Daher gehe ich auch davon aus, die Farbe immer so zu beschreiben, wie ich sie im Glas wahrnehme, nicht in der Flasche (Ausnahmen betone ich dann im Text). Das dünnere Glas des Verkostungsglases, und der geringere Inhalt, machen es einfach besser zu beurteilen.

Das weitere gute an der Benutzung eines halbstandardisierten Farbenrad ist, dass man sich nicht dauernd krampfhaft Synonyme für „ocker“ und „kupfer“ überlegen muss, sondern gelassen eben den passenden Begriff verwenden kann. Vorbei die Zeiten von „sandblond“, „büttenpapierbeige“ und „faulige-Bananen-braun“! Ich werde mir aber weiterhin erlauben, besonders schöne oder hässliche Farben anders zu benennen.

Und bitte nagelt mich nicht fest, ob dieser und jener Whiskey nun nicht doch „Kupfer“ statt „Terracotta“ ist!

Gegen das Reinheitsgebot – Wolfberger Amer Bière Orange

Wieder eine dieser Zutaten, die man hin und wieder in Cocktailrezepten findet, und mit denen man oft erstmal nichts anfangen an. Amer, Amer Picon, Amer Nouvelle, Amer Bière – letztlich ist das alles grob dasselbe: Ein französischer, leichter Bitterapéritif, erinnernd an italienische Amaros, mit Fruchtaromen (hier: Orangen) versehen. Picon ist der vielleicht noch bekannteste Hersteller von Amers in Deutschland.

amer-biere-1Wolfberger ist eine im Saarland sehr bekannte elsässische Kellerei, ansässig in Colmar, die einen recht guten Crémant und ähnliche Schaumweine herstellt – und eben diesen Amer Bière Orange. So genannt, weil ein Haupteinsatzgebiet dieses Bitters aus Orangen, Chinarinde und Enzian die Vermischung mit Bier ist: Ein Aromazusatz, sehr beliebt im Elsass, wo es auch noch weitere Geschmacksrichtungen gibt, zum Beispiel mit Zitrone.

Pur kann man sich diesen französischen Leichtbitter so vorstellen: Nehmen Sie einen Amaro wie Ramazotti, Cynar oder Fernet Branca, und verdünnen Sie ihn 1:1 mit Wasser, geben vielleicht einen Spritzer Orangenbitter dazu. Das kommt ganz gut hin. Eine wirklich leichte, angenehme, auch sehr gut pur trinkbare Spirituose, mit 15% Alkohol auch nicht zu kräftig – mit einem Eiswürfel, oder etwas Sprudel, vielleicht sogar Sekt oder Crémant: hmmm, lecker.

Als Cocktailzutat vergleiche ich ihn auch mit Amaros. Sie kommen gerade nicht an diese Spirituose ran, brauchen einen Ersatz dafür für einen Cocktail? Nehmen Sie meine oben vorgeschlagene Verdünnungsvariante, das gibt einen sehr passablen Ersatz. Doch das Original ist halt immer besser als ein Ersatz, wie man im sehr leckeren Sanctuary sieht.

sanctuary-cocktail


Sanctuary
2 oz Dubonnet Rouge
1 oz Wolfberger Amer Bière Orange
1 oz Triple Sec (z.B. Le Favori)


Nun aber zum Bier-Vermischungstest. Zwei recht unterschiedliche Biere habe ich mir ausgesucht, die mit dem Amer aus dem Hause Wolfberger aromatisiert und dann verkostet werden sollen: Ein bayerisches Hefeweizen und ein saarländisches Pils.

Ein Paulaner Hefeweizen, wie man es aus dem Biergarten kennt, soll der erste Kandidat für den Bierzusatz sein. Schönes ocker, herrliche Schaumkrone, leichter Geschmack – ein Sommergetränk. Ein kräftiger Schuss Amer Bière Orange hinzugegossen, und die Farbe wird einige Stufen dunkler. Der Geruch ändert sich, wird fruchtiger, und man erkennt den Bitterton darin. Der Geschmack schließlich wird doch deutlich verändert – die orangige Fruchtigkeit übernimmt alles, der Biergeschmack ist zwar noch fühlbar, aber klar im Hintergrund und erst im Nachgeschmack kommt er wieder zum Vorschein. Eine leichte Bitternote ganz hinten am Zäpfchen gibt dem sonst eher süßlichen Hefeweizen einen interessanten Touch und fügt etwas Komplexität hinzu.

amer-biere-2Nach diesem ersten Experiment glaube ich allerdings, dass Hefeweizen nicht der ideale Partner für Amer Bière ist – das Weizen ist an sich schon leicht fruchtig und süß, durch den Amer wird das nur noch stärker betont, ist also relativ unspannend. Es gibt einige Fertigmischungen, z.B. von Schöfferhofer, die ein sehr ähnliches Geschmackserlebnis direkt aus der Flasche anbieten. Der nächste Versuch findet daher mit einem Pils statt. Das bevorzugte Pils meiner Region ist Karlsberg Urpils.

amer-karlsberg-1Hier zeigt sich der Charakter der Geschmackswandlung meiner Meinung nach deutlich besser: Die hopfige Bitterkeit des Pils wird gemildert und durch eine weichere Bitterkeit ersetzt. Die Orange kommt sehr schön zum tragen, wird nicht so sehr durch den Eigengeschmack wie beim Hefeweizen überdeckt. Eine Trockenheit am Ende gleicht die süße Fruchtigkeit schön aus. Eine wirklich angenehme Kombination, auch farblich in einem Pariser Rot sehr ansprechend.

amer-karlsberg-2Der klare Gewinner. Das ist was, womit ich meine Kollegen beim nächsten „Bier um Vier“ bei uns überraschen werde – ich bin gespannt auf die Reaktionen der „harten Kerle“, wenns um so einen Zusatz geht.

Als Bierzusatz stellt sich in Zeiten, in denen es Dutzende von vorgemischten aromatisierten Bieren bereits leicht erhältlich gibt, die Frage nach dem Sinn. Für mich ist das leicht zu beantworten – das vorgemischte, standardisierte Zeug ist geschmacklich zwar ähnlich, aber es geht doch irgendwie nichts über das Gefühl des Selbermachens; und man halt statt künstlichen Aromen doch mit dem Wolfberger Amer Bière Orange etwas qualitativ sehr viel hochwertigeres und darüber hinaus traditionelles in der Hand hat – und man seine Lieblingssorte Bier verwenden kann.

Ein Nachtrag – auch wenn diese Sorte Bitter in Deutschland in Vergessenheit geraten ist, im Nachbarland Frankreich sind sie noch sehr beliebt, erkennbar an diesen Schnappschüssen aus einem französischen Supermarkt.

amers-regalamers-regal-2Den Wolfberger dagegen bekommt man auch im saarländischen Globus für 9€ den Liter.

Und noch ein Nachtrag, nach einem Ausflug in die saarländische Kneipenwelt im beliebt-berüchtigten alternativen Nauwieser Viertel. Dort gibt es Amerbier in Kneipen auch auf der Karte, und laut einem diesbezüglich sehr erfahrenen Kollegen ist Amerbier schon immer im Saarland ein beliebtes Mischgetränk gewesen, das sich aufgrund des geschmacklich sehr gut verborgenen Alkoholgehalts hin und wieder als gefährlich erwies…

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Die Katze schleicht ums Haus – Dubonnet Rouge

Die Farbe des Dubonnet Rouge  ist tiefdunkelrot, fast schon bräunlich, und erinnert daneben dann auch vom Geruch an Ruby Port, dazu mit feinen Honigaromen. Der Geschmack ist dann aber noch milder, mit Anklängen von Sangria, Sherry und der leichten Chinarindennote, ohne dabei bitter oder trocken zu werden – das ist was, was man sehr gemütlich am Kamin vor sich hin schlürfen kann, und als Beigabe zum Dessert gewiss viele Freunde findet.

dubonnet-flascheDer Dubonnet übernimmt in vielen Cocktails die Rolle des Wermut. Letztlich ist, wenn man nicht wirklich gleich schweren Portwein einsetzen will, Martini Rosso vielleicht noch das ähnlichste, was man als Ersatz verwenden könnte,  doch selbst dieser recht süße, milde Wermut ist immer noch erkennbar bitterer als Dubonnet. Daher ist Dubonnet ein wunderbares Mittel, eine dichte, schwere Süße mit Rotwein- oder sogar Portweincharakter in einen Drink zu bringen, wie geschehen im folgenden Décolletage-Cocktail.

Décolletage


Décolletage
1½ oz Tequila reposado (z.B. El Jimador Reposado)
1 oz Dubonnet Rouge
½ oz Aperol
¼ oz Fernet Branca
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Chris Hannah]


Dieser Cocktail mag auch als Illustration dafür dienen, wie sich die Zutaten eines Cocktails durch sorgfältige Konstruktion ergänzen können: Die Fruchtig- und Duftigkeit des Tequila, die schwere Süße des Dubonnet, der leichte Bittergeschmack des Aperol und die Mentholnote des Fernet ergeben zusammen ein sehr süffiges, ansprechendes Gesamtbild. Eine Variation, die ich noch ausprobieren will, ist, den Fernet Branca durch Branca Menta zu ersetzen. Etwas stärkere Mentholnote tut diesem schweren Cocktail bestimmt gut.

Und wenn man auf ultrasüße, dichte Dessert-Cocktails steht, sollte man mal einen Fat like Buddha antesten, der auch so schmeckt, wie er heißt.

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Fat like Buddha
2 oz gereifter Rum (z.B. Ron Relicario)
¾ oz Dubonnet Rouge
¼ oz Bénédictine
¼ oz Orangenlikör (z.B. Clément Créole Shrub)
Auf Eis rühren.


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Wenig aufregend ist das Flaschendesign, das Etikett dagegen gefällt durch die Retro-Anspielung auf alte Barplakate: Mir gefällt die schwarze Katze, deren Silhoutte man auf der Flasche sieht, und der schwungvolle Namenszug. Ein spannendes neues Mitglied im Team „Mixologie“!

Illinois Twisted Whiskey – Koval Single Barrel Bourbon

Für mich ist das eine Premiere – es handelt sich beim Koval Single Barrel Bourbon um einen einfachen Bourbon (also: hergestellt in den USA, mindestens 51% Mais in der Mashbill, in frischen, ausgebrannten Weißeichefässern gereift). Doch ohne die sonst allgegenwärtigen Namenszusätze Kentucky (er wird in Chicago, Illinois hergestellt), oder Straight (er reift unter 4 Jahren, hat aber keine Altersangabe, darf daher dieses Label nicht nutzen). Dennoch ist es ein Single Barrel, also flaschenabgefüllt aus einem einzelnen Fass ohne Blending. Schon allein wegen dieser ungewöhnlichen Kombination ist dieser Bourbon für mich spannend.

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Die Farbe ist ein angenehmes Ocker, die Nase überrascht mich auch nicht wirklich: Sehr bourbontypisch, Vanille, Eiche, Lack – beim zweiten Riechen erkennt man die Hirse, wenn man weiß, wonach man riechen muss (ich empfehle zum Training den Millet Whiskey von Koval). Im Mund machen sich erstmal die 47 Volumenprozent breit, und bereiten den Grund für sehr angenehme, aber recht gewöhnliche Bourbonaromen, die man schon gerochen hat. Es ist interessant, dass die verwendete Getreidekombination, Mais und Hirse, sich geschmacklich kaum von den üblichen Bourbonmixturen (Mais, Roggen/Weizen, Gerste) unterscheidet. Der Mais scheint die Hirse glatt an die Wand zu spielen, erst spät schmeckt man die frische Fruchtigkeit der Hirse. Ein relativ kurzer, aber durchaus recht aromatischer und pfeffrig-würziger Abgang komplettiert eine interessante, vielleicht einen minimalen Tick geschmacklich zu konventionelle Spirituose – die für das junge Alter aber überraschend reif und rund ist.

Die 0,1-Liter-Flasche ist dennoch sehr ansprechend und ungewöhnlich. Lang und schlank, mit einem sehr zurückhaltenden, modernen Etikett – hier zeigt der Micro-Distiller mit österreichisch-amerikanischen Wurzeln seine Charakteristik. Entsprechend einem Single Barrel-Whiskey ist die Fassnummer auf dem Rückenetikett handschriftlich eingetragen (bei mir Fass-Nummer 375). Ein Plastikkorken mit Holzaufsatz verschließt die nette, blickfängerische Flasche.

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Erwähnenswert ist die organic-Zertifizierung dieses Whiskeys. Es ist ein EU-Bio-Logo auf dem Rückenetikett vorhanden, ich bin mir nicht sicher, inwieweit die komplette Vertriebsschiene auch zertifiziert ist, eine Voraussetzung dafür, dass man den Whiskey in Deutschland als „Bio-Whiskey“ vermarkten dürfte. Letztlich aber ist es schon ein Schritt in die richtige Richtung, das Getreide für die Herstellung nur aus zertifizierten Betrieben im Mittelwesten zu beziehen, so dass man zumindest sicher sein kann, keinen Monsanto-Genmais in diesem Schnaps zu konsumieren. Darüber hinaus enthält er nur den Heart Cut, also keine minderwertigen Destillationsartefakte – und ist unfiltriert. Handwerklich also spitze.

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Bourbon ist ein Brand, der sich wunderbar in Cocktails einsetzen lässt, und mit vielen anderen Zutaten harmoniert. Zum Beispiel mit den etwas Italien-lastigen Ingredienzien des The Paper Plane.

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The Paper Plane
¾ oz Koval Single Barrel Bourbon
¾ oz Aperol
¾ oz Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro)
¾ oz Limettensaft


Ich mag die Produkte von Koval. Eine kleine Destillerie, die den richtigen Weg einschlägt, und den amerikanischen Whiskey-Riesen vielleicht durch ungewöhnliche Zutaten und Herstellungsweise den einen oder anderen Kunden, der etwas außergewöhnliches, neues ausprobieren will, abspenstig machen kann. Bei mir ist es ihnen auf jeden Fall gelungen – der Hirse- und Viergetreide-Whiskey stehen schon im Regal, bereit, ausführlich verkostet zu werden. Probieren Sie es aus, Sie werden nicht enttäuscht werden. Und Whiskey-Fans müssen eh schon allein aus den oben genannten Gründen zuschlagen.

Heißes Zaubereis – Campari-Eiswürfel

Man beginne mit einer Campari-Wasser-Mischung. Dies ist notwendig, da der Campari sonst nur sehr schlecht gefriert. Für meinen Test habe ich 100ml Campari mit 50ml Wasser vermischt.

Campari-Eiswürfel 1Der zweite Schritt ist das Abfüllen in eine Silikon-Eiswürfelform. Ich finde die „Bar Brat“-Form, die vier Kammern hat und schöne runde Eiswürfelkugeln erzeugt, gut in der Handhabung. Die Mischung füllt ca. die Hälfte der Form aus, den Rest gieße ich mit Leitungswasser auf, bis es oben aus den Ausgleichsöffnungen quillt.

Campari-Eiswürfel 2Nun lasse man die Eiswürfel gut durchgefrieren. Durch den Alkoholgehalt des Campari dauert es erstens länger als mit reinem Wasser, und das Ergebnis sind auch weniger feste Eiskugeln. Ich ließ sie daher zur Sicherheit 24 Stunden gut durchgefrieren.

Campari-Eiswürfel 3Raus aus dem Eisfach, und schon beim Öffnen der Silikonform lachen einen die schönen roten Kugeln an. Ein bisschen Reiben und Polieren, um den Ring am Durchmesser, entstanden durch die Nahtstelle der zweiteiligen Eisform, etwas wegzubekommen.

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Voila! Eine schöne, runde, rote Campari-Eiskugel, bereit zum Einsatz in Getränken!

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Im Glas wirkt sie wie eine überdimensionierte Kirsche, oder eine Cocktailtomate. Schon allein dieser verwirrende Effekt ist die Arbeit wert.

Campari-Eiswürfel 6In welchen Drink passt sie? Der Klassiker für diese Eiskugel wäre ein klassischer Manhattan. Also flugs 2 oz Rye-Whiskey (Jim Beam Rye), 1 oz roter Wermut (Carpano Antica Formula) und zwei Spritzer Pfirsichbitter angerührt. Ich verzichte dabei ausnahmsweise darauf, den Drink auf Eis zu rühren, da ich das Schmelzen des Campari-Eiswürfels beschleunigen will.

Manhattan-ZutatenUnd dann ohne viel Aufhebens rein mit der Campari-Kugel! Da in einen echten Manhattan auch eine Cocktailkirsche gehört, ist der Effekt auch optisch ein Knaller.

Campari-Eiswürfel im Drink 1Die ersten Schlucke sind noch purer Manhattan, wie man ihn kennt und liebt. Doch mit zunehmendem Abschmelzen des handgemachten Campari-Eises wandelt sich der Manhattan Schritt für Schritt in einen Boulevardier.

Campari-Eiswürfel im Drink 2Ein wirklich spannendes Geschmacksexperiment, und eines, mit dem man sicher seine Gäste überraschen kann – gerade Cocktailfreunde werden begeistert sein von dieser wundersamen Verwandlung!

Sicher kann man ihn auch in anderen Rezepturen einsetzen. Ich stelle mir, ganz einfach, ein Glas kalten Orangensafts vor, der mit diesem Eiswürfel erstmal verziert und schließlich mutiert wird.

CampariOrange

Auch ein Sweet Martini, der sich mit dem Campari-Eis in einen Negroni wandelt, ist bestimmt ein spektakulärer Einsatz.

Kuba ist frei – Ron Arecha Añejo Reserva

Lang genug hat es gedauert – es scheint, als ob Kuba nun langsam aus dem US-Embargo befreit werden würde. Mich interessiert, ehrlich gesagt, die politische Komponente überhaupt nicht. Kuba ist für mich für zwei Dinge interessant, die ich in Europa auch mit US-Embargo bekomme: Zigarren und Rum. Doch ich freue mich für die Amis, dass die endlich auch in den legalen Genuss dieser herrlichen Luxusartikel kommen können. Und vielleicht beendet nun auch das US-Unternehmen Paypal sein Verbot, kubanische Artikel mit ihrem Dienst bezahlen zu können – es hat mich doch bass erstaunt, bei diversen Onlineshops nicht mit Paypal bezahlen zu können, sobald ich eine Flasche Havana Club oder ähnliches mit im Warenkorb hatte.
ron-arecha Doch nun zum Ron Arecha Añejo Reserva. 10 Jahre ist das Durchschnittsalter der Rums in diesem kubanischen Blend. Durchaus respektabel. Man kann ihn gewiss pur trinken, wenn man den kubanischen Rum-Stil mag: Ein bisschen eckig und kantig, aromatisch, zwar süß, aber schon etwas kräftig. Man spürt den Alkohol. Aber im Vergleich zum allgegenwärtigen Havana Club ist der Arecha meiner Meinung nach ein spürbarer Fortschritt. Letztlich habe ich selten einen Cuba Libre getrunken, der vom Preis-Leistungsverhältnis besser war.

Dazu rauche ich an einem lauen Frühlingsabend im Garten eine herrlich milde, aromatische Ashton Estate Esquire und bin für eine gute halbe Stunde im karibischen Exil.

Alternativ ist dieser Rum natürlich ein starker Spieler in einem rumlastigen Cocktail, wie dem 3 Holy Kings.threeholykings-cocktail


3 Holy Kings
1 oz Ron Arecha Añejo Reserva

¾ oz Brandy (z.B. Carlos I. Brandy de Jerez)
¾ oz  Zitronensaft
¾ oz Honigsirup
1 Messerspitze Piment und 1 Nelke


Gerade für die Adventszeit ein idealer Cocktail. Gönnen Sie sich das dann hin und wieder statt dem allgegenwärtigen, überzuckerten Glühwein.

Die Flasche ist streng, sehr gerade, erinnert etwas an die bekannte Ramazotti-Flasche. Ein wirklich ausgesprochen edel designetes Etikett gehört für mich mit zu den anziehendsten Flaschenetiketten.

ron-arecha-etikettDen Rum gab es eine Weile bei Aldi Süd zu kaufen, ich habe noch eine Restflasche für den Klassepreis von knapp 10€ ergattert. Womit bewiesen wäre: Nicht alles, was ein Discounter anbietet, muss automatisch Bottom-Shelf-Ware sein. Es findet sich immer wieder auch eine Perle.

Da ist kein Hopfen verloren – Sierra Nevada Torpedo IPA

Terracotta-farben und nach dem Eingießen praktisch ohne Schaum, und dennoch spürt man beim Trinken die prickelnde Frische des Sierra Nevada Torpedo IPA, die man sich von einem süffigen Bier erhofft. Doch nur ein Teil dieser Frische kommt tatsächlich von der (eigentlich geringen) Kohlensäure – die sehr fruchtig-zitronige Note, verursacht durch den starken Hopfeneinsatz, und der ebenso entstehende äußerst bittere Geschmack sorgen für ein unerwartetes, aber sehr angenehmes Trinkerlebnis.

sierra-nevada-torpedo-ipaIPAs (India Pale Ale, weil sie im 19. Jahrhundert für den Export nach Indien mit den dafür notwendigen Eigenschaften der Halt- und Transportierbarkeit geschaffen wurden) sind vielleicht erstmal gewöhnungsbedürftig. Die extreme Bitterkeit durch den Hopfen und die zusätzliche Trockenhopfung mag nicht jedem munden – doch für mich, der ich normalerweise bittere deutsche Biere wie Jever und andere eher meide, ist diese fast schon adstringierende Bitterkeit dann wieder ansprechend. In Kombination mit der herrlichen, hocharomatischen Fruchtigkeit bleibt der Geschmack, auch dies überraschend für ein Bier, noch eine Viertelstunde lang am Gaumen. Ich habe es sowohl zum Essen (mit kretischem Ziegenkäse, Oliven und Schinkensandwich), als auch pur in der Sonne sitzend ausprobiert – funktioniert beides wunderbar. Im ersteren Fall putzt das Sierra Nevada Torpedo IPA die Geschmacksknospen frei wie kein zweites Bier das kann, und im zweiten Fall tun die Zitronen- und Orangenaromen, rein natürlich entstanden, einfach ihr bestes, meine dürstende Kehle mit wunderbar unsüßem, klarem Kitzeln zu kühlen. Mit 7,2% Alkoholanteil sorgt es dann auch für schnelle, gute Stimmung.

Die Flasche selbst ist nichts ungewöhnliches. Sie ist mit einem uns bekannten Kronkorken verschlossen, und hat ein hübsch gestaltetes, aber nicht übermäßig hippes Etikett.

Dies ist eines der exklusiven Biere, die in einem kleinen Regal in meinem lokalen Galeria Kaufhof zu haben sind (dort gibt es auch das Stout des gleichen Herstellers), für den erstmal etwas abschreckenden Preis von knapp 3€ die Flasche – doch, so finde ich, ist das für die Qualität durchaus angemessen. Für den Dauerkonsum für mich eh zu bitter, bleibt so ein starkes IPA eben etwas Besonderes für einen besonderen Anlass.

Smoke on the Water – San Cosme Mezcal

Meine Kollegen im Büro grillen gern. Nein, das ist nicht richtig – sie sind BBQ-Fanatiker, die sich stundenlang über ausgefallene Fleischsorten, Rubs, Ribs, Kohlenanordnungen und Apfelsaftbesprayung des Grillguts unterhalten können. Ich bin mir sicher, für diese Kerle ist Mezcal wie gemacht – auch der San Cosme Mezcal.

san-cosmeWer Spirituosen, die einen schon beim Öffnen der Flasche mit ultra-rauchigen Aromen anspringen, interessant findet, ist beim Mezcal genau richtig. Jeder Islay-Whisky, den man kennt, ist ein zartes Pflänzchen gegen die qualmende Wucht des Mezcal. Dabei ist er glasklar – aber nur von der Farbe her. Im Mund ist er tiefdunkel, ölig, massiv. Fat Washing (also das Übertragen von fettgebundenen Aromen, wie Pfannkuchen-, Entenfett- oder Walnussgeschmäckern, auf Spirituosen) ist gerade in bei Mixologen, doch das bringt Mezcal schon von sich aus mit: Speck, angebranntes Fleisch, gegrillte Heuschrecken.

Ich bin mir sehr sicher – das polarisiert, das ist nichts für jeden. Es gibt Kenner, die den San Cosme als einen „milden“ Mezcal beschreiben; diesen muss ich  meinen Respekt zollen: Mehr Tabak, Leder, Qualm und brennende Autoreifen könnte ich nur mit Mühe verkraften. Vielleicht riskiere ich noch einen Blick auf einen anderen Mezcal, wie den Del Maguey Vida, aber zwei Flaschen dieses mexikanischen Räucherwerks im Haus… na, da bleib ich doch lieber erstmal beim duftig-floralen Tequila, mit dem ein Mezcal geschmacklich nur am Rande etwas zu tun hat, obwohl sie aus derselben Pflanze (aber unterschiedlichen Arten: Tequila aus der Blauen-Weber-Agave, Mezcal aus der Espadín-Agave) hergestellt werden.

Persönlich finde ich den bacon-rauchigen Geschmack des Mezcals etwas drängelnd, Purtrinken ist zwar durchaus möglich und in gewissen Situationen auch ansprechend, aber dazu muss man „in the mood“ für solche starken, strengen Mundgefühle sein. Weswegen der Cocktail Los Muertos es genau richtig macht, und mit den Fruchtaromen von Zitronensaft, Cointreau und Absinth das Geschmacksbild etwas aufhellt – so trinkt sich der San Cosme Mezcal sehr süffig und, überraschenderweise, erfrischend.losmuertos-cocktail


Los Muertos
1 oz San Cosme Mezcal
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Cointreau
½ oz Zitronensaft
1 Spritzer Zuckersirup
1 Barlöffel Absinth (z.B. Absinthe Emanuelle)


Eine unauffällige Flasche wird durch ein sehr auffälliges Etikett aufgehübscht. Der Korken war bei meiner Flasche etwas undicht, und das hätte fast das Auto meines Kollegen in einen amerikanischen Smoker verwandelt, auf dem Rückweg vom Großhandel Metro, in dem es diesen Mezcal für 28€ zu kaufen gab.
san-cosme-etikett Eine hochinteressante, spannende, starke, erdige, bodenständig-unraffinierte Spirituose – ich hoffe, in Zukunft auch in Cocktailbars davon zu hören. Natürlich wird sie es dabei schwer haben, mit all den Rauchverboten.

Eher Charlton Heston als Cary Grant – Old Grand-Dad Bourbon 40%

In medias res, passend zum Charakter dieses Bourbons aus dem Hause Beam: Einleitungslos, zumindest vom Geruch her, springt einen dieser alte Großvater ohne viel Federlesen an. Das ist mit weitem Abstand der fruchtigste Whiskey, den ich bisher riechen konnte. Leicht zitronig, stark aprikosig, wie ein Früchtekorb. Im Hintergrund ist aber auch eine weiche, hefige Note erkennbar. Insgesamt für die Nase eine Sensation.

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Ein Großteil dieser Fruchtigkeit kann sich dann auch in den Mund transportieren, aber erst im zweiten Anlauf, und selbst dann dezent. Die ersten Eindrücke sind eher von einem neutral schmeckenden Alkoholbrand geprägt, den der Old Grand-Dad mitbringt – und das, obwohl er 2012 sogar von 43% auf 40% reduziert wurde. Etwas bitter ist er auch, und hinterlässt ein trockenes Mundgefühl, ist eindeutig eher würzig als süß. Insgesamt überhaupt kein Vergleich zur herrlichen Geruchsexplosion, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Bis auf die lange betäubte Zunge bleibt auch wenig Aroma im mittellangen, eher in Richtung kurz tendierenden Abgang am Gaumen. Ganz spät kommt zum Schluss dann die Frucht wieder durch. Man merkt die üppigen rund 30% Roggenanteil in der Mashbill, ein hoher Wert für einen Bourbon.

Ein gnadenloses Spiel mit den Emotionen also. Riesige Freude, gefolgt von Enttäuschung, mit ein bisschen Happy-End. Ein amerikanisches Melodrama mit einem trotz des Namens eher jugendlich-frechen Hauptdarsteller. Von einem Whiskey mit so einem Namen hätte ich ein gesetzteres, weicheres, gebildeteres Wesen erwartet; aber es gibt ja auch diese grantigen alten Säcke, die immer am schimpfen sind und denen man es nie recht machen kann: der Old Grand-Dad ist so ein alter Sack. Beim Trinken sehe ich immer Charlton Heston mit dem Gewehr in der Hand vor mir.

Wer auf kräftige, würzige Old-School-Whiskeys mit klarem Geschmacksprofil ohne Tirili steht, macht hier nichts falsch. Ein geschmacklich etwas langweiliger, aber von den Aromen recht typischer Bourbon, der mit seiner Nase auftrumpfen kann – schon allein für dieses Geruchsspektrum lohnt sich die Anschaffung für Whiskey-Freunde. Sonst empfinde ich ihn eher als Mixer für Cocktails; ich denke, dass er in allen Cocktails gute Dienste leistet, durch seine Art vielleicht aber eher in einem Whiskey Sour als in einem Manhattan. Zum Test habe ich mir eben einen Prospector mit ihm gemischt: Für andere Cocktails, die vom feinen Whiskey leben, kann er als einen Tick zu kratzbürstig empfunden werden.

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The Prospector
2 oz Old Grand-Dad Bourbon
¾ oz  Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro)
½ oz Sherry (z.B. Sandeman Medium Sweet)
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters


Die Flasche ist sehr ansprechend, ich mag diese wuchtigen, runden Flaschen. Ein riesiger Korkstopfen rundet das Äußere perfekt ab, hier habe ich wirklich nichts zu meckern.

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Ich denke aber, dass ich den 114-Proof dieser Sorte doch noch probieren muss, und erhoffe mir von ihm dann die gewisse Rundheit, die dieser einfache 80-proof des Old Grand-Dad vermissen lässt, und eine weniger sprunghafte Persönlichkeit. Interessant, dass Beam sowohl diesem deftigen Whiskey als auch dem sehr viel zarteren Basil Hayden’s denselben Paten gegeben haben (denn genau Basil Hayden ist es, der als „alter Opa“ mit seinem Konterfei auf dem Etikett zu sehen ist); unterschiedlicher können Whiskeys kaum sein.

The Good, the Bad and the Ugly – Urlaub auf Kreta

Mein wenige Tage zurückliegender Kreta-Urlaub hat mich aus der ein bisschen eingefahrenen Cocktail-Routine gerissen. Dennoch konnte ich natürlich nicht ablassen, mich auch im Urlaub ein bisschen nach den lokalen Gegebenheiten auf Kreta für Freunde hochprozentigen Genusses umzuschauen.

The Ugly

Das hässlichste Erlebnis war mehr persönlich – ich musste leider entdecken, dass ich selbst zu einem der dicken, schwammpansigen halbalten Männer geworden bin, die kaum mehr in die Badebuxe passen und sonnenbrandrot-bleichweiß-gestreift nur mit Hut bekleidet durch die Hotellobby laufen. Was solls – ich bin zu sehr hedonistisch veranlagt, die kalorienreichen alkoholischen Genüsse abzustellen, nur um für ein paar Touristen und Hotelangestellte einen hübscheren Anblick zu bieten. Ein bisschen kneifts mich aber schon.

The Bad

Die Lage für uns Qualitäts-Sprittis ist in „all-inclusive“-Hotels auf Kreta aber dann doch so schlimm, dass ich diese Gewissensbisse direkt wieder beiseite wischen konnte. Praktisch keine Markenware wird verwendet, alles ersetzt durch billige Ersatzprodukte minderer Qualität – man muss sich also mit Campari-Substitut, Wermut-Aroma, weißem Fuselrum und, das schlimmste von allem, mit Limetten- und Zitronensaftersatz zufriedengeben. Gerade letzteres führt dazu, dass alle Cocktails, selbst ein Gin Fizz, klebrig süß werden, ein Tequila Sunrise zum untrinkbaren Wettbewerb zwischen stark gezuckertem Orangensaftimitat, Zuckergrenadine und Supermarkttequila entartet. Die Piña Colada besteht aus einem seltsamen dünnen Sahneimitat ohne Konsistenz, und so weiter. Mein persönliches Highlight war der Manhattan, hergestellt aus Vat69-Scotch und weißem, italienischem Noname-Wermut.

manhattan-in-kretaLetztlich ist die Situation aber erklärbar. Erstens, die meisten Leute scheint es nicht zu stören. Die kriegen ihren Stoff umsonst, haben von Anfang an kaum eine Vorstellung davon, wie diese klassischen Cocktails zu schmecken haben, und sind nach dem dritten Mojito (hergestellt mit der seltsam gelbgefärbten Mojitomischung von Pampero aus der Flasche) eh weg vom Fenster. Am nächsten Tag lässt der Kater grüßen, nach all dem Billigfusel kein Wunder.

Den zweiten Grund entdeckt man, wenn man sich die Spirituosenpreise in einem kretischen Supermarkt, in dem auch „normale Kreter“ einkaufen, ansieht: Das 1,5- bis 2-fache der deutschen Preise. Bei gefühlten 1500 Drinks an einem Abend in einem größeren Hotel ist es nicht mehr wirtschaftlich mit dem „all-inclusive“-Konzept vereinbar, würde man hier auf teure Markenware zurückgreifen müssen.

The Good

Im Urlaub vergibt man so manches, und ich gebe zu, dass ich mich nicht wirklich aktiv nach echten Cocktailbars  umgesehen habe – mir fiel aber auch auf meinen Perambulationen durch die Gegend keine ins Auge. Ich habe mich dann im Hotel mit dem weißen, scotchbasierten Manhattan angefreundet, und einen leckeren Longdrink in einer kleinen Taverne entdeckt, der aus (echtem!) Orangensaft und Metaxa hergestellt wird (mehr dazu in einem zukünftigen Beitrag). Der lokale Raki ist ähnlich dem Grappa, aber milder und mehr nach meinem Geschmack – insbesondere, wenn er mit Honig und/oder Kräutern wie Thymian versetzt wurde. Und wenn alle Stricke reißen, hat Griechenland doch ein paar sehr süffige, erfrischende und sehr gut trinkbare Biere im Angebot, in eisgefrosteten Gläsern serviert. Gerade Mythos hat es mir angetan.

mythos-bier-in-kretaUnd wenn man dann nach einem harten Tag voller Nichtstun in der Taverne der Wahl das Meer betrachtet, die Brandung und das allgegenwärtige Brüllen der Zikaden belauscht, ein paar Oliven, kretischen Zwieback mit Olivenöl und Tomatensalat vor sich stehen hat, ist so ein kühles Bier vielleicht eh das Beste, was einem passieren kann.