Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2019 – Lüliang (China) Titel

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2019 – Lüliang (China)

Für mich ist es jedes Jahr eine Freude, die Einladung zu erhalten, als Spirituosenjuror am weltweiten Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles teilnehmen zu dürfen. 2017 in Chile lernte ich diese außergewöhnliche Gruppe kennen, 2018 in Bulgarien festigte sich der Eindruck, dass es hier um mehr geht als um reines Verkosten und Bewerten von Spirituosen, und dieses Jahr fühlte ich mich direkt willkommen im Kreise von Freunden aus aller Welt. Die große Kreisstadt Lüliang in der nordchinesischen Provinz Shanxi richtete für über 100 Juroren aus 40 Ländern ein höchst opulentes Fest aus, das mir noch Wochen danach in den Ohren klingt.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Rein streckenmäßig, zunächst mal, über 10000km einfache Strecke – ich beginne, mich daran zu gewöhnen, um die halbe Welt zu fliegen für diesen Wettbewerb. Frankfurt – Amsterdam – Beijing – Taiyuan – Fenyang, das war die Reiseroute, die, abgearbeitet zweimal in 5 Tagen, und mit wenig Erholung auf den hektischen Umstiegen auf riesigen Flughäfen, dem Körper und dem Geist doch einiges abverlangt.

Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – Edition 2019 – Lüliang (China) - Reiseroute

Eine Anstrengung anderer Art war nötig, um überhaupt erst mal diese Flüge möglich zu machen – die chinesische Visaprozedur ist etwas, was man nicht unterschätzen sollte bei der Planung einer Reise ins Reich der Mitte. Ein vielseitiger Fragebogen mit entsprechender Bearbeitungsdauer, das Einsenden des Reisepasses ans chinesische Konsulat in Berlin, das Warten auf die Entscheidung und Rücksendung des Passes, das zehrt an den Nerven und ist wirklich auch nicht billig – 3 Wochen Wartezeit und 150€ sind hier bereits zu investieren, ein fetter Batzen für so ein Dokument. Umso schöner, am Ende den Pass mit dem eingeklebten Visum in Händen zu halten, die Reise kann beginnen.

Spirits Selection 2019 China Visaprozedur

Als fortgeschrittenem Teilnehmer bei Spirits Selection ist einem der Ablauf der Veranstaltung natürlich inzwischen klar – morgens Verkostung, mittags kulturelles Programm. Wer noch nie professionell Spirituosen bewertet hat, bekommt vielleicht ein falsches Bild dieser Tätigkeit, denn das ist wirklich anstrengende Arbeit, bei der man stundenlang hochkonzentriert und vollfokussiert sein muss. Nach den Kriterien der Optik, Nase, Mund und Gesamteindruck will jedes Sample für sich, gruppiert in Flights nach Spirituosenkategorie, auf einer Hunderterskala bewertet werden. Nach der Abgabe werden durch statistische Verfahren Medaillenkandidaten ermittelt, und dann wird in der Jury gemeinsam ausgewählt, wer eine silberne, goldene oder doppeltgoldene Auszeichnung verdient. Für mich standen dieses Jahr unter anderem Armagnacs, Bitter, gereifte Rums, Calvados, Grappe und natürlich viele Baijius, die Nationalspirituose des Gastgeberlands, zum Verkosten bereit.

Spirits Selection 2019 - Tastings

Eine durchaus schöne Sache ist, dass die Jurys jedes Jahr nicht bunt durcheinander gewürfelt werden, sondern man seine Mitstreiter zumindest teilweise schon kennt. Meine schon aus Chile und Bulgarien hochgeschätzten Kollegen Jesús Bernad (Spanien), Bruno Pilzer (Italien) und José Rafael Arango de Ordóñez (Kolumbien) wurden neu ergänzt durch zwei Kenner aus China – Guo Peng und Han Peijie. Eine erneut tolle Mischung von Gaumen aus aller Welt, etwas, was die Bewertung wirklich global ausfallen lässt, und wo man sich sicher sein kann, irgendwo in einer der Jurys einen absoluten Profi für jede nur denkbare Spirituosenkategorie zu finden, bei dem man sich Rat holen kann. In dieser Form gibt es das nirgendwo sonst. Die Organisatoren kümmern sich darüber hinaus auch um die Weiterbildung der Juroren, am ersten Tag finden Masterclasses auf extrem hohem Niveau, von Experten für Experten, statt, zu allerlei Themen in einem Detailgrad, bei dem selbst der Abgebrühteste noch etwas lernen kann – wo sonst kann man Armagnacs und Cognacs einer einzelnen Rebsorte direkt miteinander vergleichen, präsentiert von den Herstellern selbst, oder den Vergleich von in unterschiedlichen Tonkrügen gereiften Baijius?

Spirits Selection 2019 - Jurymitglieder

Auch abseits der Arbeit bemühen sich die Organisatoren von Spirits Selection immer, den Juroren auch etwas Bildung zu vermitteln – und so besucht man im Nachmittagsprogramm nicht nur lokale Sehenswürdigkeiten, sondern auch Produktionsstätten aller Art. In den diversen Stippvisiten konnte man einen tiefen Eindruck der Herstellung von Baijiu gewinnen. Wenn man die unglaublichen Ausmaße der Fenjiu-Destillerie in Xinghuacun nicht selbst gesehen hat, glaubt man mir eh nicht, was ich hier erzähle – 8 Quadratkilometer in der Fläche, man fährt auf einer vierspurigen Prachtstraße im Bus einige Minuten von einem Ende zum nächsten, dabei durch 50 Meter hohe Torbögen… alle Destillerien Schottlands, Kentuckys, Irlands, Frankreichs und der gesamten Karibik würden locker hier zusammen reinpassen und es wäre immer noch Platz für genug andere. Das untenstehende Bild kann nur einen rudimentären Eindruck vermitteln, wie verwirrend groß diese Anlage ist – keiner der 100 anwesenden Experten, die schon überall auf der Welt waren, hatte auch nur ansatzweise etwas Derartiges gesehen. Hier werden jährlich 12 Millionen Flaschen Fenjiu produziert, und die Kapazität ist damit noch nicht mal voll ausgelastet.

Spirits Selection 2019 - Xinghuacun Fenjiu Distillery Town

Gerade die Möglichkeit, selbst die Produktionsmaterialien zu sehen und auch berühren zu können, gibt mir persönlich immer ein sehr viel besseres Verständnis einer Spirituose. Den noch warmen Haufen Sorghum im Hof des Xinghuacun-Fenjiu-Museumsworkshops, der es mir ermöglichte, das Getreide in der Hand zu verreiben und den intensiven Geruch zu erschnuppern, und den Arbeitern, die eine klassische, in den meisten Betrieben noch sehr verbreitete fast ausschließlich manuelle Herstellungsweise für Baijiu für uns demonstrierten, zuzusehen – da erst beginnt man zu verstehen, was Baijiu wirklich ausmacht.

Spirits Selection 2019 - Sorghum

Ähnlich erging es mir bei der Besichtigung einer Qu- und Hefe-Manufaktur. Das „qu“ ist der Fermentationsstarter, der für die Trockenfermentation und -destillation von Baijiu unerlässlich ist, und normalerweise als eines der wichtigsten Firmengeheimnisse gehegt wird. Hier konnte ich die Basismaterialien des qu, unter anderem Roggen und Erbsen, begutachten und die verschiedenen Stapelweisen, die es für die Qu-Blöcke gibt und die dann für unterschiedliche Reifung und Durchwachsung mit Schimmel und Bakterien sorgen, im Detail sehen. Ein höchst aufschlussreicher Besuch, bei dem es unglaublich viel zu lernen gab, während über das Betriebsgelände ständig diese interessante Duftmischung nach Brioche, frisch gebackenem Brot und Pferdestall wehte.

Spirits Selection 2019 - Qu-Herstellung

Die Herstellung von Baijiu braucht viel Platz, ein Grund dafür wurde uns schnell klar, als wir die traditionellen Fermentationsgruben zu Gesicht bekamen. Jede dieser Gruben ist ungefähr anderthalb Meter tief und einen halben Meter im Durchmesser, und in sie wird das mit qu inokulierte Fermentationsgut im trockenen Zustand eingefüllt. Wochen-, oft sogar monatelang lässt man in diesen Gruben die Mikroorganismen ihre Arbeit tun, abgedeckt mit runden Deckeln und gepolsterten Decken, um die Temperatur zu erhalten, die gebraucht wird, um die Trockenfermentation am Laufen zu halten.

Spirits Selection 2019 - Fermentationsgruben

Nach der Destillation (auch diese wird „trocken“ durchgeführt, also ohne vorher einen Wein oder ein Bier zu erzeugen – so ähnlich, wie wir das von Grappa kennen) erfolgt standardmäßig eine Reifung. Auch wenn Baijiu klar ist, wird er praktisch nie ungereift getrunken. Die Chinesen setzen dafür traditionell keine Holzfässer, sondern Tonkrüge ein. Die poröse Struktur des Tons erlaubt einen Luftaustausch mit der Außenwelt, am Ende entstehen darum zwischen 0,3% und 1,0% „angels‘ share“. Eine Vergleichsprobe zwischen frisch destilliertem Baijiu und 10 respektive 30 Jahre gereiftem Baijiu machte sehr deutlich, was die Tonkrugreifung erreicht – Details dazu wurden auch in einem Vortrag einer chinesischen Spezialistin auf physikalischer und chemischer Ebene erläutert.

Spirits Selection 2019 - Reifungstonkrüge

Ein besonderes Schmankerl war am Ende noch ein exklusiver Besuch einer modernen Baijiu-Destillerie – die modernste Produktionsanlage in China bei Hongxing (Red Star) zeigte eine andere Seite der Herstellung. Waren die anderen Destillerien noch sehr traditionell, fast schon romantisch und klassisch aufgestellt, setzt man hier voll auf die moderne, klare, analytische Technik aus Edelstahl und Beton. Schön ist das natürlich nicht, und auch nicht mehr exotisch, denn so eine Destillerie könnte in dieser Art auch in Deutschland oder den USA stehen, doch es ist dennoch hochinteressant, zu sehen, dass auch in China die Automatisierung Einzug hält. Fast alle hochaufwändigen manuellen Arbeitsschritte sind hier durch Förderbänder und abgeschlossene Mechanik abgelöst, die hübschen Fermentationsgruben durch große Betonkästen. Hier läuft die automatisierte Produktion 24/7, für einen der größten Hersteller von Leichtaromabaijiu natürlich eine enorme Kapazitätssteigerung. Man konnte auch den Stolz im Gesicht des Produktionsleiters sehen, als er unsere Gruppe durch seinen Standort führte und alles bis ins kleinste Detail erläuterte – eine wirklich einmalige Gelegenheit, so etwas gezeigt zu bekommen.

Spirits Selection 2019 - Hongxing Redstar Moderne Produktionsanlage

Neben all diesen Weiterbildungsmaßnahmen durfte natürlich aber auch die rein kulturelle Komponente nicht zu kurz kommen. Tempel und Türme, antike Händlerresidenzen und Monumente, Seen und Gärten gab es im Überfluss. China ist gewiss reich an sehr opulenten, dem Auge und dem Bedürfnis nach Wohlgeformtheit schmeichelnden Sehenswürdigkeiten. Der Taifuguan-Tempel, der riesige Konfuziustempel am Wenhu-See, die Wenfeng-Pagode, die als höchster Ziegelturm Chinas leicht geneigt ist und die Tierkreiszeichen wiederspiegelt, das Fenyangwang-Gebäude und das 9000m² große Herrenhaus der reichen Händlerfamilie Qiao aus der Qing-Dynastie waren dabei die spektakulärsten Eindrücke. Natürlich ist China an sich schon so exotisch, dass man selbst normale Straßen und Häuser betrachtenswert findet, und die allgegenwärtigen Wächterlöwen, edel ausgearbeiteten runden Türen, Türklopfer, Skulpturen, Denkmäler und an jeder Ecke zu findenden Details ließen meinem Blick kaum eine Minute Ruhe. Besonders dabei war gewiss, dass in diese Region von Shanxi kaum Ausländer kommen – entsprechend war unsere Gruppe regelmäßig eine Attraktion für die lokale Bevölkerung, die uns beständig fotografierten und filmten, uns ihre Kinder in die Arme drückten für ein gemeinsames Foto mit dem Laowai. Ich kannte diese Art der Neugier und Aufmerksamkeit aus Büchern über das China der 80er Jahre, und hätte nicht gedacht, dies im Jahr 2019 noch am eigenen Leib erfahren zu können; es war ein verrücktes Gefühl, das in Deutschland wohl nur Stars auf dem roten Teppich kennen.

Spirits Selection 2019 - Culture

Eine Gruppe von Spirituosenfreunden ist automatisch eine Gruppe von Genießern. Und so kann ein Bericht über eine Reise nach China in dieser Gesellschaft nicht ohne eine Erwähnung der kulinarischen Kostbarkeiten bleiben, die wir genießen durften. Praktisch jedes Essen, an dem mehr als 3 Leute teilnahmen, war an runden Tischen mit Drehscheibe in der Mitte, auf die ohne Pause neue Speisen gehäuft wurden. Ich räume mit einem beliebten Vorurteil auf, dass das chinesische Essen, das wir in Deutschland essen, mit dem chinesischen Pendant nichts zu tun hat, auf – zumindest in Shanxi fühle ich mich was die Rezepturen und Gerichte angeht wie bei meinem Lieblingschinesen in Saarbrücken, nur interessanterweise etwas weniger gewürzt und insgesamt etwas eleganter und feiner. Highlights für mich waren die gegrillten und mit Glasnudeln unterlegten Austern, die extrem beliebten Baozi (gefüllte Knödel), die herrlichen kalten und warmen Suppen und der hochfaszinierende Eintopf aus Seegurke und Abalone, eine spannende und seltene Speise, die meinem Gaumen sehr entgegenkommt. Unter zwei Stunden braucht man gar nicht erst anzufangen mit dem Essen, und dazu wird flaschenweise Baijiu getrunken – für uns Ausländer wurde auch ausnahmsweise Bier bereitgestellt, und nach einigen Versuchen war es sogar hin und wieder gekühlt. Erst, wenn wirklich keiner mehr einen Bissen mehr runterkriegt, wird aufgehört, neue Gerichte heranzukarren.

Spirits Selection 2019 - Food

All das, die spannende Arbeit, die interessante Umgebung, das gute Essen, wäre für sich schon ein erfüllendes Reiseergebnis gewesen. Doch für mich ist es immer das allergrößte, die Freunde dort zu treffen – ja, es ist bereits eine Art Familie, die sich hier jedes Jahr zum Familientreffen zusammenfindet. Eine großartige Gemeinschaft, mit der man unglaublich viel Spaß hat – insbesondere, wenn das offizielle Programm zu Ende ist. Der eine oder andere hat dann eine Flasche Cachaça, Rum oder Armagnac dabei, aus der eigenen Herstellung, und die wird dann in kleineren Grüppchen, die sich spontan zusammenfinden, geköpft und in Ruhe, ganz ohne Bewertungsstress, zusammen genossen. Ein schönes Erlebnis beispielsweise war, mitten in einem chinesischen Dorf mit zwei Amerikanern, einer Griechin, einer Bulgarin, einer Engländerin und einem Spanier eine Flasche italienischen Weins zu trinken – ohne Vorankündigung, ohne Verabredung, ohne Mühe. La dolce vita in Reinkultur. Diese Menschen sind es, in all ihren Unterschieden und Eigenheiten, die den besonderen Reiz dieses Wettbewerbs ausmachen: Ein Zeichen, dass wir Menschen, egal wo wir auf dieser Welt leben, zusammenfinden können, und Spirituosen ein Bindeglied zwischen den unterschiedlichsten Kulturen sein können. Eine wertvolle Lektion.

Spirits Selection 2019 - People

Zu guter Letzt wird am letzten Tag immer das große, spannende Geheimnis gelüftet, über das es von Beginn an unter den Juroren viel Flurfunk und Raterei gibt – die Bekanntgabe des nächsten Gastgeberlandes. 2020 wird es also auf die entgegengesetzte Ecke der Welt gehen, nach Kolumbien in Südamerika. Die Hafenstadt Barranquilla hat sich vorgestellt, und es wurden Gastgeschenke zwischen aktuellem und zukünftigem Ausrichter ausgetauscht. Für mich eine interessante Wahl; es freut mich sehr, eventuell (sollte ich erneut eingeladen werden) nach 2017 noch einmal nach Südamerika zu kommen, dieser Kontinent hat mich seit meinem Besuch damals, und schon als kleines Kind, sehr in seinen Bann geschlagen, und ich bin hochgespannt, ein Land, das ich in der Fantasie von Romanen und Computerspielen schon oft durchstreift habe, nun vielleicht in der Realität betrachten zu dürfen.

Spirits Selection 2019 - Übergabe an Barranquilla

Es war ein Höllenritt, in 6 Tagen, 22000 Kilometern, nur sehr wenig Schlaf, Nachwirkungen meines Bandscheibenvorfalls wenige Tage zuvor, ein komplett fremder Kulturkreis, kaum eine Minute, die man mal allein hätte durchschnaufen können – doch einer, den ich jedes Jahr aufs Neue genieße wie kaum etwas anderes zuvor. Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, das ist ein Erlebnis, wie es kaum ein zweites gibt, in seiner Intensität, seiner Professionalität, und seinem Spaß. Ich würde mich mehr als nur geehrt fühlen, 2020 in Kolumbien erneut dabei sein zu dürfen. Bis dahin genieße ich die vielen mitgebrachten Baijius, und sage allen Mitteilnehmern und Organisatoren ein herzliches 谢谢, den ausdauernden Lesern meines Blogs ein herzliches 干杯 und salud!

Veröffentlicht von

schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.