Brautgeschenke – Nü’er Hong Huangjiu (女兒紅黄酒)

Nü'er Hong Huangjiu (女兒紅黄酒) Titel

Doch erstaunlich lange Zeit habe ich mich nun mit chinesischen Spirituosen auseinandergesetzt, vor allem mit Baijiu, und doch kam ich eher selten in Kontakt mit dem Vorfahren des Hirsebrands: dem Huangjiu. Vielleicht ist der Grund dafür aber eben das, dass man Huangjiu eigentlich auch nicht als „Spirituose“ bezeichnen kann, da er nicht destilliert wird, er ähnelt in der Herstellung mehr einem japanischen Sake. Vor der Verbreitung und Perfektionierung der Destillationstechniken wurde in China hauptsächlich Huangjiu getrunken, wenn man Alkohol haben wollte, und in den letzten Jahren hat die Beliebtheit auch wieder zugenommen: 3,5 Milliarden Liter wurden 2011 an Huangjiu in China konsumiert. Dazwischen gab es eine lange Phase, in der der „gelbe Wein“, so die wörtliche Übersetzung, als Getränk der verweichlichten, abgehobenen Elite gesehen wurde, und der viel stärkere, billigere Baijiu die Droge des einfachen Volkes war.

Nü’er Hong Huangjiu (女兒紅黄酒) ist eine Sorte von Huangjiu, bei der Klebreis und Weizen mithilfe des auch von Baijiu meinen Lesern bekannten Qu (dem immer als wichtigstes Geheimnis jedes Herstellers geschützten Fermentationsstarters voller Hefen, Schimmel und Bakterien) fermentiert wird. Besonders in der südöstlichen Provinz Zhejiang, wo der Nü’er Hong herstammt, hat diese Art von Reiswein – dass es eigentlich eher Reisbier ist, wollen wir hier nicht unter den Tisch fallen lassen – eine lange Tradition: vielleicht hat der eine oder andere beim Kochen asiatischer Gerichte schonmal den Shaoxing-Reiswein eingesetzt, ein sehr verwandtes Produkt, das man hierzulande in jedem Asia-Laden ohne Probleme bekommen kann. 5 Jahre reift dieser Huangjiu dann in Tonkrügen, bevor er in Flaschen gezogen und dann auch nach Europa verkauft wird; zum Glück, denn nun können wir ihn hier gemeinsam probieren.

Nü'er Hong Huangjiu (女兒紅黄酒)

Schon beim Eingießen wird hier nun auch optisch deutlich, dass Huangjiu und Baijiu zwei Paar Stiefel sind. Die rote Tochter (das ist die Übersetzung des Markennamens 女兒紅) erinnert mehr an einen Bourbon als an den chinesischen Hirseschnaps – rotbraun, Pariser Rot, mit dunkelorangenen Lichtreflexen. Im Glas bewegt sich die Flüssigkeit schwer, deutlich schwerer jedenfalls, als ich ihr mit den 14% Alkoholgehalt zugetraut hätte. Das Glaswandverhalten ist jedoch jenem entsprechend, man sieht kaum Rückstände.

Ich habe, wenn ich das Glas an die Nase halte, eine extrem deutliche Assoziation zu Sherry: Der Geruch ist dominiert von einer sehr ausgeprägten Nussigkeit, sogar noch deutlich mehr, als ein Amontillado das aufweist – eine gewisse Verwandheit der Aromatik ist unverkennbar. Im Gegensatz zum Südspanier findet sich beim Chinesen eine feine Säure, die über der Nuss liegt, kombiniert mit einer ganz dezenten Würzigkeit von Sojasauce; das geht beim Nü’er Hong besser zusammen, als man rein von den Worten her glauben mag. Ansonsten hat man mildes Rancio, was durch einen Anflug von Zitrus aufgefrischt wird.

Nü'er Hong Huangjiu (女兒紅黄酒) Glas

Im Mund ist die spanische Verwandschaft schnell vergessen, zumindest zum Amontillado – hier findet sich eine frische, freche, einem Weinessig ähnlich Säure, die eher an einen jungen Fino en rama denken lässt. Limettig, hell und leicht, darunter immer noch die starke Nussigkeit, die im Verlauf die Säure ein- und schließlich überholt. Der sehr leichte Körper hat nur noch Ideen von Sojasauce, mit einer edelherben Süßtrocken-Balance überrascht er den Gaumen; dass er in die Huangjiu-Kategorie 半干 (bangan, halbtrocken) gehört, verwundert dann nicht mehr. Ungewöhnlich, dass man in einer Spirituose derart ausgeprägt so viele der Eindrücke sammeln kann, die die Zunge differenzieren kann: süß, sauer, bitter, umami. Der niedrige Alkoholgehalt von 14% unterstützt dabei natürlich, hier wird nichts betäubt, die Zunge kann ihre Arbeit ungestört tun. Der kurze Abgang wird beherrscht von dieser aparten Zitrusnussigkeit, die am Ende sogar noch fast schokoladig wird.

Ich glaube, ich habe es ausgedrückt – wer Sherry mag, wird Huangjiu lieben. Die aromatische Nähe ist frappierend, vor allem, wenn man die Unterschiede in der Produktion berücksichtigt, komplett andere Basismaterialien, andere Herstellungsprozesse, andere Nachbearbeitung. Entsprechend habe ich als Cocktailrezept etwas ausgesucht, was eigentlich als Basisspirituose Amontillado verwendet. Ich habe dabei den Anteil an Zitronensaft etwas reduziert, um der inhärenten Säure des Nü’er Hong entgegenzuwirken. Ansonsten ist Die Blume von Jiangnan ein leichter, aber hocharomatischer Drink, mit einem Touch Exotik.

Die Blume von Jiangnan Cocktail

Die Blume von Jiangnan
1½ oz / 45ml Huangjiu
½ oz / 15ml gereifter Jamaica-Rum
¼ oz / 10ml Aprikosenlikör
½ oz / 15ml Zitronensaft
½ oz / 15ml Zuckersirup
1 Spritzer Angostura Bitters

Auf Eis shaken.
[Rezept nach Helmut Barro, adaptiert nach Joaquín Simós „Flor de Jerez“]


Ich hatte etwas Probleme, die kleine Flasche zu öffnen – der Kunststoffstöpsel ist wirklich fest eingepasst und man muss viel Kraft aufwenden, um ihn aus dem Flaschenhals zu ziehen. Das ist aber schon der größte Kritikpunkt am grundsätzlichen Produktdesign, denn die Flasche ist einfach knuffig, in dem nach chinesischer Farbenlehre glück- und zufriedenheitsbringenden Rot gehalten; eine der Geschichten um diese Marke geht eben genau darum, dass eine Flasche bei der Geburt einer Tochter vergraben wurde, um dann, bei der Hochzeit später, ein schönes Geschenk zu haben. Das erklärt neben der Farbe auch den Markennamen (rot ist bei klassischen chinesischen Hochzeiten die Farbe des Kleids der Braut, das westliche Weiß ist in China die Trauerfarbe). Sicherlich eine schöne Geschenkidee für die nächste Hochzeit sinophiler Bekannter auch hierzulande. Oder eben ein idealer, unkomplizierter und sehr schmackhafter Einstieg in die erweiterte Welt der chinesischen Trinkkultur!

Offenlegung: Ich danke der Jaxin Wein & Spirituosen GmbH für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Huangjiu.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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