Drachenbrüder – Guizhou Yingbin Drache Nr.6 und Drache Nr.9 (贵州迎宾酒 龙·6, 龙·9)

Guizhou Yingbin Drache Nr.6 und Drache Nr.9 (贵州迎宾酒 龙·6, 龙·9) Titel

Auf meinem Blog hatte ich bisher so einige Leicht– (清香, qingxiang) und Starkaroma-Baijius (浓香, nongxiang) besprochen, die dritte große Kategorie, der Sauce-Aroma-Baijiu (酱香, jiangxiang) kam recht kurz. Das ändert sich heute, gleich zwei Exemplare des besonders in Südwestchina äußerst beliebten Stils der chinesischen Nationalspirituose will ich jetzt meinen Lesern vorstellen. Der Name der Provinz Guizhou, aus der der Löwenanteil des Soßenaromabaijius kommt, wird manchmal auch als „Kweichow“ latinisiert, die wahrscheinlich berühmteste Marke an Baijiu überhaupt ist hier im Westen dem einen oder anderen vielleicht darum als „Kweichow Moutai“ bekannt. Die Stadt Zunyi, in der die Destillerie Guizhou Yingbinjiu liegt, ist eines der Zentren der Herstellung dieser Art des Baijiu und liegt (für chinesische Verhältnisse) ganz in der Nähe der Stadt Maotai.

Mit der Phrase „7 mal gebrannt“ wirbt der deutsche Importeur des Guizhou Yingbin Drache Nr.6 (贵州迎宾酒 龙·6) und Guizhou Yingbin Drache Nr.9 (贵州迎宾酒 龙·9) – darunter versteht man bei der Herstellung von Sauce-Aroma-Baijiu etwas anderes als bei den meisten westlichen Spirituosen. Im Gegensatz zu letzteren, wo ein Destillat öfters durch die Destille läuft, wird bei Baijiu die einmal angesetzte Maische in einem daraus aufgeschütteten Hügel vorbereitet und dann immer wiederverwendet, mit neuer Hirse angereichert, weiter in Gruben fermentiert und schließlich ein Destillat aus ihr gezogen. So ein Zyklus dauert rund einen Monat, das ganze wird eben mehrfach mit derselben Maische gemacht (hier, wie beworben, 7 mal). Am Ende werden diese unterschiedlichen Destillate, die alle unterschiedliche Eigenschaften haben, in Tonkrügen gereift und am Ende zu einem Produkt verblendet. Das Ergebnis kommt jetzt hier ins Glas!

Trauen wir uns, dem ersten der beiden Drachen zu begegnen. Normalerweise trinkt man Baijiu nicht, wie ich das hier tue: Er wird zum Essen getrunken, oder als Shot, darum muss man auf andere Qualitäten achten, als man das bei den typischen, westlichen Spirituosen, die ich sonst hier bespreche, macht.

Im Glas ist der Guizhou Yingbin Drache Nr. 6 (贵州迎宾酒 龙·6) kristallklar und ohne Fehler. Man darf hier nicht den Fehlschluss tun, zu denken, „klar“ bedeute „ungereift“ – nein, im Namen steckt das schon, er ist 6 Jahre gereift, die Tonkrüge, die man in China dafür verwendet, geben einfach keine Farbe ab. Man sieht dicke Beine ablaufen, die schon auf den Alkoholgehalt von 53%, ein sehr typischer Wert für Sauce-Aroma-Baijiu, hinweisen.

Die Nase zeigt dann, woher der Name der Kategorie kommt. Neben erdiger Hirse findet sich eine deutliche, dunkle Sojasoßen-Note, würzig und karamellig zugleich, mit Anklängen schwarzer, kakaolastiger Schokolade. Ein minimaler Anflug von gereiftem Käse ist stiltypisch und gut eingebunden. Bei den ganzen schweren Tönen kommt eine leichte, grüne Frische gar nicht ungelegen, um das ganze aufzuhellen. Dreht man das Glas schnell, entweicht noch etwas Plastikkleber.

Im Mund hält man Baijiu normalerweise nicht lange, ich tue das hier nur, um Details zu erkennen. Kümmel schmecke ich, Getreide, erdige Töne. Eine sehr fette Textur kollidiert mit der bei Sauce-Aroma-Baijiu üblichen Trockenheit, eine ungewöhnliche Mischung für den Laien. Die Adstringenz nimmt im Verlauf zu, eine starke Säure entwickelt sich, ohne in unangenehme Bereiche zu kippen. Der Abgang ist mittellang, eukalyptuslastig und legt sich kühlend auf den Gaumen, schokoladige Töne klingen nach. Ein sehr frisches Mundgefühl bleibt – eine der herausragenden Eigenschaften eines guten Baijiu.

Der Drache Nr. 6 ist ein typischer, aber vergleichsweise milder Saucenaroma-Baijiu, unkompliziert und süffig, ohne die hochungewöhnlichen Aromen, die viele Baijiuanfänger abschrecken. Hier ist ein wirklich schöner, einfacher Einstieg in diese doch nicht ganz einfache Kategorie zu finden.

Prüfen wir direkt einfach mal, was 3 zusätzliche Jahre im Tonkrug mit dem Brand anstellen – ich finde derartige Vergleiche immer spannend, sie zeigen das Potenzial, das in einem Produkt steckt. In China hatte ich die Gelegenheit, bei einem Hersteller dasselbe Leichtaroma-Baijiu-Produkt frisch aus der Destille, nach 3 Jahren, 6 Jahren und 12 Jahren probieren zu können, und es ist hochinteressant, was so ein unscheinbarer Tonkrug leisten kann, und bin gespannt, wie sich das für Sauce-Aroma-Baijiu verhält.

Natürlich bleibt auch der Guizhou Yingbin Drache Nr. 9 (贵州迎宾酒 龙·9) transparent und ohne Färbung. 9 Jahre ist für einen Baijiu der gehobenen Qualität immer noch ein recht junges Alter, 20 und 30 Jahre sind hier keine Seltenheit.

Man erkennt aber im Vergleich schon recht deutlich Unterschiede – die Frische ist etwas zurückgenommen, die leicht käsig-würzigen Noten dringen nach vorne. Das Getreide ist fast vollständig verschwunden. Wir haben hier eine sehr erdig-dunkle Aromatik vor uns, noch deutlicher an Sojasoße erinnernd als der jüngere Drachenbruder. Gleichzeitig ist aber auch der Klebstoff nicht mehr da: Im Gegensatz zu einer Lagerung im Stahltank oder einem Glasballon sieht man daran, dass der Ton atmet und tatsächlich eine Reifung und Veränderung stattfindet.

Runder und feiner wirkt der Drache Nr. 9 auch im Mund, sehr elegant, die Trockenheit ist vorhanden, aber milder und feiner ausgeprägt. Textur und Mundgefühl sind wunderbar dagegen ausbalanciert, die würzigen Aromen von Getreide und salzigem Kakao liegen lange am Gaumen. Sojasoße, ganz milder Käse – die Typizität zeigt sich von ihrer besten Seite. Keinerlei Störaromen finden sich, nichteinmal der Alkoholgehalt von 53% ist spürbar. Dennoch klingt der Drache Nr. 9 sehr warm und lang aus, mit sich haltendem Geschmack und sehr anders als Drache Nr. 6. Leichte Mineralität findet sich im Nachhall, erinnert an feuchten Beton.

Ich fühle mich bei diesem Baijiu sehr wohl: Auch hier sind die Einzelkomponenten perfekt verbunden und für den westlichen Gaumen in sehr gelungenem Maße vorhanden. Rund und komplex, hocharomatisch, aber nicht überwältigend, und trotz der Stärke fein. Das trinkt sich echt gut.

Ich kann beide bedenkenlos empfehlen, und würde sie tatsächlich dem Einsteiger in diese Baijiukategorie sehr ans Herz legen – insbesondere, weil es in Deutschland bisher kaum Möglichkeiten gab, hochwertige und gleichzeitig finanzierbare Exemplare dieser Kategorie zu erwerben (der klassische Maotai kostet hierzulande auch schnell dreistellige Preise). Wer eher leichter, frischer unterwegs sein möchte, probiert den 6-Jährigen; wer mehr auf dunkle Eleganz steht, den 9-Jährigen.

Elixir of Life ist ein Drink des Baijiu-Cocktail-Vorreiters Paul Mathew aus London, gefunden in Derek Sandhaus‚ Buch „Drunk in China“. Paul machte schon mit Baijiu Cocktails, als ich noch nicht mal wusste, dass es Baijiu überhaupt gibt. Ich habe ihn kurz kennengelernt, ein stiller, vorsichtiger Mann, very british, aber sympathisch, und wer den süßschweren Drink mal probiert hat, sieht sofort, dass er daneben auch weiß, was er tut. Wenn jemand mal in The Hide vorbeischaut, sagt ihm einen Gruß von mir! Ich nehme den 9 Jahre alten Drachen hierfür; wer nicht zusätzlich noch einen Starkaroma-Baijiu zu Hause hat, hole diesen Einkauf bitte nach (z.B. Ming River), bis dahin könnte man einfach die doppelte Dosis des Drachen heranziehen.

Elixir of Life Cocktail

Elixir of Life
⅔ oz / 20ml Sauce-Aroma-Baijiu
⅔ oz / 20ml Stark-Aroma-Baijiu
½ oz / 15ml süßer Wermut (Kakao-infused für die Profis)
½ oz / 15ml Galliano l’Autentico
½ oz / 15ml Aperol
1 Spritzer Walnuss-Bitters
Auf Eis rühren. Mit Orangenzeste absprühen.

[Rezept nach Paul Mathew]


Die Präsentation muss natürlich angesprochen werden. Hier zeigt sich deutlichst der chinesische Hang zur Opulenz, der Materialeinsatz ist enorm. Die richtig schweren Kartons, hochwertig gestaltet, sind kein Vergleich zu den dünnen Pappkartons, in denen man manchen Whisky oder Rum bekommt; innen sind sie darüber hinaus noch ausgeschlagen mit Stoff. Die Flaschen der Guizhou Yingbin Drachen sind ähnlich hübsch, die Mischung aus Glas, Metall und Plastik wirkt hier nicht billig, allein der Nachfüllstop aus Plastik ist ein Hinweis auf die Gefahr der Produktpiraterie. Das Geschenkpotenzial ist toll, mit sowas kann man den sinophilen Bekannten wirklich vom Hocker hauen, oder ein Austellungsstück für die kleine aber feine Heimbar der Verwandten herbeizaubern, denn die Drachen aus China haben Aufbewahrungs- und Zeigecharakter.

Im Gesamtfazit: Toll, dass sich ein Importeur für diese Spirituosen gefunden hat. Ich drücke der jungen Firma, die sich ein mutiges Projekt ausgesucht hat, die Daumen, dass sich das am Ende rechnet. Die Situation von Baijiu war in Deutschland hauptsächlich deswegen kompliziert, weil die guten Produkte kaum erhältlich waren, und dies scheint sich, so mein Eindruck des letzten Jahres, langsam aber unaufhaltsam zu ändern. Gut so! Ganbei!

Offenlegung: Ich danke der Woltermann Import UG für die unaufgeforderte, kosten- und bedingungslose Zusendung je einer Flasche dieses Baijius.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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