Ferdinand's Saar White Vermouth Titel

Von der Pampelmuse geküsst – Ferdinand’s Saar White Vermouth

Wermut wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien erfunden. Doch seine wahre Bestimmung erreichte der verstärkte Wein mit Kräuterzusätzen erst in Amerika. „Enter Vermouth“ titelt Cocktailhistoriker David Wondrich in seinem Buch „Imbibe!“ das vierte Kapitel, denn tatsächlich veränderte Wermut die Cocktailwelt, die sich bis dahin mit recht strengen, linearen und nur wenigzutatigen Rezepturen begnügte. Plötzlich war da etwas, das einem Cocktail eine neue Richtung geben konnte, ohne die Hauptzutat allzusehr zu überdecken; etwas, das dennoch als stilvoll angesehen wurde.

As the Gilded Age unfolded, cutting-edge Cocktail drinkers began to look for something lighter and more urbane than a shot of bittered booze; something more refined and Epicurean and with less savor of riverboat bars and tobacco chaws, bare-knuckle bouts and faro dens.

Auftritt: Wermut. Zunächst hauptsächlich in seiner roten, süßen Form; später dann gern auch in der weißen, trockenen Varietät. Eine Weile lang war Wermut dann wieder von den „cutting-edge Cocktail drinkers“ verschmäht, bis er sich in der Bugwelle des nun schon einige Jahre andauernden Ginhypes langsam aufs Promenadendeck zurückschaukelte. Denn es ist nur folgerichtig, dass, wenn Gin so beliebt ist, diesem dann ein gesteigertes Interesse an Tonic Water folgt (man schaue sich nur einen Katalog der inzwischen erhältlichen Sorten an!), und schließlich auch Wermut, der wahrscheinlich zweitliebste Zusatz für einen Drink bei Ginfreunden, ein Revival erlebt.

Die modernen, experimentierfreudigen Spirituosenhersteller, mit ebenso experimentierfreudiger und dazu noch zahlungskräftiger Kundschaft, geben sich natürlich dann nicht mit der althergebrachten, klassischen Trennung des Wermuts in italienisch/rot/süß versus französisch/weiß/trocken zufrieden; Mischsorten tauchen auf. Ich persönlich empfinde den hier vorgestellten Ferdinand’s Saar White Vermouth als eine solche Mischform, die das Muster sprengt.

Ferdinand's Saar White Vermouth Flasche

Im Glas erscheint der Ferdinand’s Saar White Vermouth nur leicht strohig, er hat eine minimale Färbung. Im Glas wirkt er etwas dickflüssiger als Wasser.

Die Nase nimmt zunächstmal einen starken Weincharakter wahr. Etwas blumig, leicht herbal, nach Rosmarin und vielleicht Lavendel. Etwas Kirsche. Auf jeden Fall ungewohnt für einen Wermut; man könnte es für einen Riesling halten.

Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, obwohl ich eigentlich kein Weintrinker bin. Zu Beginn schmeckt man eine sehr spannende Mischung aus süß und sauer, überraschend dicht und voluminös: dieser Wermut kommt ziemlich wuchtig daher. Im Verlauf ist er leicht salzig. Und: Viel Grapefruit. Ein Touch Sauerkirsche.

Trocken im sehr langen Abgang. Erst nur leicht bitter, dabei zitronig und dann erneut starke Erinnerung an Grapefruit, nicht nur im Geschmack, auch in der adstringierenden Wirkung, die man von der Pampelmuse kennt. Diese bleibt sehr lange auf der Zunge, und deren Bitterkeit im Rachen. Wie ich schon, erinnernd an den großen Heinz Erhardt, titelte: Von der Pampelmuse geküsst.

Ein Wermut, der sich abgrenzt: Nur leichte Kräuternoten, der Wein steht klarst im Vordergrund, er ist nicht so trocken wie andere weiße, französische Wermuts. Milder und dabei doch deftiger – ein starker, charaktervoller Wermut, den man auch sehr gut pur trinken kann, auf Eis wie in Zimmertemperatur.

Ferdinand's Saar White Vermouth Korken

Mir gefällt sowohl die Flasche als auch das grundlegende Design, das sich durchgängig an die anderen Produkte des Herstellers, wie den Saar Dry Gin, den Saar Quince und das Bittersortiment, anpasst. Ungewohnt ist der tief versenkte, nur mit einem Korkenzieher lösbare Korken, anstelle eines Schraubverschlusses oder wiederverwendbaren Korkstöpsels; da man bei Wermut allerdings eh eine Weinpumpe mit entsprechendem Plastikverschluss nutzen sollte, um ein schnelles Verfliegen der Aromen und Verderben der Spirituose zu verhindern, fällt das für mich mehr unter die Kategorie „schrullig“.

Auf dem Rücketikett finden sich noch ein paar Hinweise zur Herstellung, auf Englisch, was auf die internationale Ausrichtung hindeutet; tatsächlich ist Ferdinand’s Gin im Zuge der äußerst langlebigen Ginwelle weltweit geschätzt. Eine Chargen- und Fassnummer zeigt, dass hier keine riesigen Massen hergestellt wurden, und, und das finde ich besonders lobenswert, es ist sogar der Jahrgang des verwendeten Weins angegeben.

Ferdinand's Saar White Vermouth Rücketikett

Wermut findet man in unendlich vielen Cocktailrezepten, meist als Süßer oder Aromenunterstützer; selten ist er der Hauptdarsteller. Dagegen kann man etwas tun, denn zum Glück ist Martini schon eine sehr flexible Cocktailkategorie. Wir nehmen einfach einen Wet Martini, also einen Martini, bei dem das  Gin-Wermut-Verhältnis 2:1 statt den oft für Dry Martinis üblichen 6:1 ist, und kehren die Rezeptur dann auch noch um. Und schließlich werfen wir statt einer Olive noch eine Silberzwiebel ins Glas – voilá! Der Upside-Down Wet Gibson!

Upside-Down Wet Gibson


Upside-Down Wet Gibson
2 oz Trockener Wermut (z.B. Ferdinand’s Saar White Vermouth)
1 oz London Dry Gin (z.B. Ferdinand’s Saar Dry Gin)
1 Silberzwiebel


Dale DeGroff, ein Cocktailurgestein, hat für solche Cocktails noch einen Tipp parat: Die Olive, oder die Silberzwiebel, oder was auch immer man so in einen Cocktail wirft, sollte geeist sein, da es ansonsten, wie DeGroff es nennt, wie ein „umgekehrter Eiswürfel“ funktioniert und den Drink anwärmt.

Für einen halben Liter bezahlte ich 17€, vor Ort in der Saarbrücker Winefactory. Das ist deutlich teurer als der Platzhirsch des weißen Wermuts, der vielgelobte Noilly Prat, von Martini Extra Dry gar nicht erst zu reden; der Unterschied im Geschmack ist es aber schon wert, diese wirklich ganz entzückende Kreation mal auszuprobieren, insbesondere, wenn man Weinfreund ist. Oder sich auch mal von der Pampelmuse küssen lassen will.

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Ein Gedanke zu “Von der Pampelmuse geküsst – Ferdinand’s Saar White Vermouth

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