Süßes von der Saar – Ferdinand’s Vermouth Red

Ferdinand's Vermouth Red Titel

Es ist schon ein Jammer, wenn man so gar keinen Willen oder Disziplin hat. Mir wurde diese meine Schwäche neulich wieder demonstriert, als ich beim lokalen Spirituosenhändler der Wahl, der WineFactory in Saarbrücken, einfach nur eine Flasche des neuen Bonpland-Rums kaufen wollte. Da schlendert man dann durch diesen sehr hübschen, wunderbar sortierten Laden, und geht direkt mit dreimal soviel Ware raus, wie man eigentlich erwerben wollte. Dass da nun das Angebot um einen Feinkostladen erweitert wurde, nun, das wird in Zukunft nicht dabei helfen, das Rückgrat, was ungeplante Käufe angeht, zu stärken.

Neben dem Rum also landete dann plötzlich auch der Ferdinand’s Vermouth Red auf dem Kassentresen. Daneben, dass man lokale Produkte ja auch unterstützen sollte, war auch just zu dem Moment meine Flasche roten Wermuts leer geworden, also kann man sich da ja wenigstens in die Tasche lügen, dass es dringend war. Betrachtet man die Flasche, und lässt sich von Denis, dem Inhaber des Ladens, der das Produkt auch mitgestaltet hat, darüber informieren, so fällt einem der Kauf plötzlich leicht – es ist kein Feld-Wald-und-Wiesen-Wermut. Schon allein die 19% Alkoholgehalt sind für so einen fortifizierten Wein sehr ordentlich, dazu kommt, dass er aus dem guten lokalen Saar-Mosel-Riesling (Jahrgang 2015) hergestellt wird, mit ebenso regionalen Kräutern und Blüten, bei denen man den Weinberg fast schon riechen kann. Weinrose, Weinberg-Lauch, ein Dutzend weitere pflanzliche Zutaten (darunter, das fand ich besonders apart, grüne Walnuss) und natürlich Wermutkraut. Abends wird das direkt geöffnet und probiert!

Ferdinand's Vermouth Red

Schon beim Eingießen ins Verkostungsglas spürt man die dicke, schwere Konsistenz dieses Wermuts, er will die Flasche fast nicht verlassen. Schwenkt man das Glas, wehrt er sich auch dagegen und schwappt schwer hin und her und hinterlässt einen fetten Film an der Glaswand, der sich erst spät löst. Kombiniert mit der opaken, rotbraunen Farbe mit attraktiven rubinroten Lichtreflexen hat man echt einen Brummer vor sich! Wer denkt, dass hier Rotwein mit zuständig ist, täuscht sich – nur weißer Riesling ist drin. Preiselbeeren, Kirschen und Pflaumen sorgen für die Farbe und Textur.

Die Nase ist zunächst vom Wein dominiert, mit schon riechbarer Säure und Traubigkeit. Die typische Kräuterigkeit eines Wermuts kommt dann aber schnell nach, gibt eine fast schon mentholige, fenchelige Frische mit Erinnerung an Kümmel in den Sud. Bitterorange und holzige, grüne Töne streiten miteinander um einen Platz in der Erwähnungsliste. Da ist viel Komplexität und Spannung drin, jedenfalls eine Abwechslung vom typischen roten italienischen Wermut, wie man ihn ja gut kennt.

Ferdinand’s Vermouth Red Glas

Der Antrunk ist süß, und diese Komponente steigert sich sogar noch im Verlauf. Zu erwähnen ist dabei, dass diese Süße rein natürlich dem Restzucker des Rieslings und einem Traubenmostkonzentrat entstammt. Frucht – Orange und Trauben – beherrscht die Aromatik, der Wein ist weniger stark präsent als noch in der Nase. Ein sehr rundes, volles Geschmacksbild entsteht, mit einem dazu passenden Mundgefühl – der Ferdinand’s Red füllt wirklich jede kleine Ecke und Winkel im Mund aus. Der Abgang lässt dann die Süße etwas hinter sich, entdeckt eine freche Säure und vor allem eine richtig schöne herbe Bittere, die die Zungenspitze anästhesiert und sich Spucke aus den Backeninnenseiten saugt. Pikante Gewürze sorgen für etwas vorsichtiges Feuer, leichte Nussigkeit, fast schon an Sherry erinnernd, kommt dazu. Der Nachhall ist blumig, mit viel Jasmin und Lavendel, während sich die beschriebenen Effekte sehr langsam abbauen. Tatsächlich ist der Abgang für mich das Highlight dieses Wermuts, da ist Pfeffer drin und Vielschichtigkeit, die Krönung eines tollen Wermuts insgesamt.

Normalerweise erlaubt die Struktur des Palmetto, dass man ihn rührt. Harry Craddock schüttelt ihn aber laut dem Rezept in seinem Cocktailbuch von 1930, darum tu ich das auch so – wer wäre ich, mit einer Ikone wie Craddock darüber uneins zu sein. Leider kann ich ihm bei der Wahl seines Rums nicht folgen, einfach, weil ich keinen Rum aus St. Croix zuhause habe – einer aus St. Vincent musste dafür dann ran. Egal welche Heiligkeit reinkommt, die Martini-Variante macht selig! Insbesondere, wenn man einen so fettaromatischen Wermut wie den Ferdinand’s Red einsetzt, der keine Mühe hat, sich auch gegen starken Rum zu behaupten.

Palmetto Cocktail


Palmetto
1½ oz gereifter Rum
1½ oz roter Wermut
2 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Harry Craddock]


Die Flasche hält sich an das Design der anderen Ferdinand’s-Produkte, mit der hübsch geschwungenen Flasche und den floral gestalteten Etiketten – hier passend zum Produkt natürlich alles in blassrot gehalten. Ein Echtkorken gibt die Nähe zum Wein wieder; man kann ihn wiederverwenden, wenn man den Wermut nach Öffnung im Kühlschrank aufbewahrt, was ich bei derartigen, leicht durch Licht, Wärme und Oxidation veränderlichen Spirituosen immer empfehle. Wermuts werden nicht schlecht, verlieren aber deutlich an Aromastärke, wenn man sie nicht sorgsam behandelt.

Mir gefallen die Wermuts von Ferdinand’s insgesamt – schon der Ferdinand’s Saar White Vermouth war eine Bombe. Wer schwere, süße Wermuts mag, sollte sich den Ferdinand’s Vermouth Red definitiv anschauen, da wird es viel Freude geben. Auch als Mixzutat für Drinks, die mit so einer Wucht umgehen können – was nicht alle sind, da muss ich warnen. Es gibt also schon weiterhin Bedarf nach einem zusätzlichen, leichteren, frischeren Wermut in der ambitionierten Heimbar, doch für die guten alten Prä-Prohibitions-Granatendrinks, wo man sich austoben kann, da ist dieser hier eine echte Empfehlung.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.