Durch die Marketingmühle gedreht – Noah’s Mill Small Batch Boutique Bourbon

In Thomas Domenigs Bourbon-Buch kann man einige interessante Details darüber nachlesen, dass viele Hersteller gar nicht mehr selbst brennen, sondern ihren Bourbon bei einer Destillerie einkaufen und ihn dann unter eigenem Namen weitervermarkten. „Sourced spirits“ nennt sich das auf englisch, ist eine weitverbreitete und gar nicht verwerfliche Praxis, außer, dass sie die Transparenz oft etwas reduziert. Wahrscheinlich ist die Bezeichnung „Boutique Bourbon“ einfach ein etwas fetzigeres Synonym dafür – man findet es auf dem Etikett und im Namen des Noah’s Mill Small Batch Boutique Bourbon. Die „Small Batch Boutique Bourbon“-Reihe des Herstellers Kentucky Bourbon Distillers, Ltd. hat neben dem hier vorgestellten Brand noch weitere derartige Produkte im Portfolio, Kentucky Vintage, Rowan’s Creek und Pure Kentucky. Obwohl die Firma inzwischen wieder auch selbst destilliert (man kennt sie dabei dann hauptsächlich unter dem Alternativnamen „Willet“, wo auch der sehr schöne Willet Pot Still herstammt), sind doch viele Produkte weiterhin gesourced.

Insgesamt passt dieses völlig undurchschaubare Dickicht zu der Präsentation dieses Whiskys: Selten findet man dermaßen viele Worthülsen auf einem Etikett. Der Noah’s Mill wird gereift „until fully matured“ (wie lang ist das?), dazu die informationslosen Wortkombinationen „genuine Bourbon“, „handmade in the hills of Kentucky“, das fast schon witzige „wooden barrels“ und so weiter. Das ist für mich als gestrengen Verfechter von Transparenz natürlich höchst unzufriedenstellend. Etwas mehr echte Informationen hätten es schon sein können, da kriege ich direkt eine gewisse Abneigung. Ich lasse mich davon jetzt aber erstmal nicht beeinflussen, und gieße mir einen Tropfen ein.

Noah's Mill Small Batch Boutique Bourbon Flasche

Dunkles, kräftiges, üppiges Hennarot. Bei nicht-Straight-Bourbon ist Färben gesetzlich nicht verboten, daher kann sich jeder selbst überlegen, ob er dem Hersteller vertraut, dass diese schöne Farbe rein aus den Fässern stammt, in denen der Noah’s Mill auf undeklarierte Zeit, aber immerhin „until fully matured“ (ich komme nicht drüber weg, man sieht es), lagerte. Sehr süß ist er jedenfalls in der Nase, vanillig, leichte Fruchtnoten, Apfel, Rosinen, Zuckerwatte. Eine deutlich stechende Lacknote. Erinnert mich geruchlich etwas an Armagnac.

Erwartungsgemäß ist der Whisky dann auch süß im Antrunk. Viel Vanille, Eichenholzeffekte, Rosinen, Feigen, etwas Karton. Im Verlauf immer stärker und wuchtiger werdend, mit viel Chili, Holz, Karotte. Sehr ölig und schwer, dicht und breit, das erzeugt ein wirklich schönes Mundgefühl. Der mir vorliegende Batch weist 57,15% Alkoholgehalt auf, das sorgt für ordentlich Wumms und Aromenpower; ich muss erneut den Vergleich zu Armagnac ziehen. Im Abgang schließlich wird er heiß und feurig, trocken und adstringierend, lang und charaktervoll, mit Tönen von Reis und Kohle. Karottennoten hängen noch sehr lange nach, ebenso leichte Eisenaromen nach Blut. Ein bisschen kratzt er am Ende und hinterlässt eine rauhe Kehle; andere Whiskys werben mit „Smoothness“, das kann der Noah’s Mill beim besten Willen in keiner Phase der Verkostung tun.

Noah's Mill Small Batch Boutique Bourbon Glas

Ein paar Tropfen Wasser gebe ich nun dazu – der Geruch ändert sich noch stärker in Richtung Armagnac, das Chili aus dem Verlauf verschwindet fast, eine milde Schärfe ist aber immer noch da. Die Aromen werden flacher und dumpfer, die Süße wird stärker betont. Vielen starken Whiskys schadet Wasser nicht, nutzt ihnen sogar; hier aber sorgt es für eine erkennbare Verblühung und Ausschwemmung, der Bourbon ist nun weniger prägnant und definiert. Man bleibe hier also beim unverwässerten Produkt, so meine Empfehlung.

Die Stärke ist dann auch ein großes Plus, wenn man den Noah’s Mill in einem Cocktail unterbringt. Auch wenn er als Detail sicher noch viel Prägnanz mitbringen würde, gebe ich so einem schönen Bourbon auch gern die Hauptrolle in einem Drink, wie beim passend benamten Bourbon Dynasty. Die anderen Zutaten unterfüttern und betonen hier eher noch, und das Gesamtbild ist äußerst komplex und vielschichtig.

Bourbon Dynasty Cocktail


Bourbon Dynasty
2 oz Bourbon
1 oz Lillet Blanc
1 Teelöffel Crème de Cassis
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Jamie Boudreau]


Die grünliche Flasche weist außer dem Naturkorken keine Besonderheit auf, die Etiketten sind für meinen Geschmack etwas zu blass in hellbraun auf noch hellerem braun gedruckt. 4 Einzeletiketten plus ein Kartonumhänger an einer Schnur sollen wohl für eine nostalgisch-handgemachte Atmosphäre sorgen – ich kann mit derartigem Pseudodesign nichts anfangen; es sieht nicht handgemacht aus, sondern amateurhaftgemacht. Für manche ist das wohl das gleiche, für mich nicht.

Ein so schöner Whiskey hat es nicht verdient, von einem Marketingblabla und seltsamen Designentscheidungen in diesem Umfang und dieser leicht erschreckenden Konsequenz zugemüllt zu werden. Wer auf starke, wilde und so gar nicht smoothe Bourbons steht, sollte jedoch dringend einen Blick auf den Noah’s Mill werfen und sich nicht davon abschrecken lassen.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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