Ein dicker Brief mit erfreulichem Inhalt – Longueteau Coffret Dégustation Prestige

Ich bin kein Digital Native. Ich erinnere mich noch gut an die Prä-Internetzeit, in der es etwas aufwändiger war, mit Leuten Kontakt zu halten, oder, noch schwieriger, überhaupt erst Kontakt aufzunehmen. Ein paar Jugendliche aus meiner Bekanntschaft reisen ins Ausland, um sich mit Menschen zu treffen, die sie über Facebook oder andere Online-Communities kennengelernt hatten – so etwas habe ich früher tatsächlich auch gemacht, aber ohne die Möglichkeit, Leute über wenige Mausklicks bequem in Echtzeit kontaktieren zu können. Wie ging das? Das Zauberwort lautet „Brieffreundschaft“.

Ich bin mir nicht sicher, ob es Brieffreundschaften heute überhaupt noch gibt; in den späten 80ern und frühen 90ern gab es jedenfalls eine Organisation, die solche Bekanntschaften kostenlos vermittelte. Man gab in einem Aufnahmeantrag aus Papier die eigene Adresse, Hobbies, Interessen und ein Zielland an, schickte das an diese Organisation, und erhielt einige Zeit später die Adresse eines Gegenübers aus dem Zielland, der ebenso einen Antrag ausgefüllt hatte – dem neuen Brieffreund, den man anschrieb und so kennenlernen konnte. Das System ist dasselbe, wie es heute mit Profilen und Matching in Onlineportalen geschieht, nur eben offline, und mit einem für die heutige Zeit undenkbaren Zeitversatz in der Kommunikation.

https://www.youtube.com/watch?v=eRFgNqI27JQ

Und so reiste ich dann öfters in den Sommerferien nach Frankreich, an die Saône, in ein kleines Dörfchen zwischen Dijon und Lyon. Ich denke gern an diese Zeit zurück, an die südfranzösische Hitze, den ersten Kontakt mit den für damalige deutsche Verhältnisse unglaublich riesigen Hypermarchés, bédés, Taboulé, gezuckerten Petit-suisse und La vache qui rit – und an Djamilla, die Schwester meines Brieffreunds und ein betörend hübsches Mädchen, das, und so schließt sich der zugegebenermaßen etwas lange und dünne Bogen zum eigentlichen Inhalt dieses Artikels, während eines Aufenthalts ihrer Eltern auf der Karibikinsel Guadeloupe geboren wurde.

Von Guadeloupe, einem der karibischen Überseedépartements Frankreichs, stammt auch der Rhum Longeteau. Saint-Marie (Basse-Terre), ist der Sitz dieser 1895 gegründeten Destillerie, der ältesten noch in Betrieb befindlichen auf Guadeloupe; wie zu erwarten ist, stellen sie dort rhum agricole her, also Rum, der auf Basis von Zuckerrohrsaft entsteht, nicht Melasse, wie der Hauptteil der globalen Rumproduktion. Ich bin ein Fan dieser Art von Rum, mir kommt sie ehrlicher (weil Nachsüßen verboten ist), bodenständiger (weil handwerklich und oft nichtindustriell verarbeitet) und geschmacklich interessanter (weil Süße nicht das einzige Qualitätskriterium ist) vor.

Ich danke dem Rumkontor Séraline de Martinique und dem angeschlossenen Shop Rhum Martinique dafür, dass sie mir mit dem Longueteau Coffret Dégustation Prestige die für mich kostenlose Möglichkeit gegeben haben, neue Sorten von rhum agricole auszuprobieren. Besonders da in Deutschland die Präsenz des rhum agricole noch deutlich ausbaufähig ist, empfehle ich jedem Rumfreund, der diese Art des Rums näher kennenlernen will, sich auf diesen Seiten umzusehen.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Schachtel geschlossen

Da kommt schon beim Anfassen und Betrachten dieses Verkostungssets etwas Vorfreude auf, das muss man sagen; Qualitätskarton, hochwertig mit Effekten bedruckt, großformatig. Stilistisch angenehm zurückhaltend, und das ist gut so, denn es ist der Inhalt, der zählt. Man öffnet den Magnet-Klappverschluss, und sieht die ganze Pracht auf einen Blick: 8 reagenzglasähnliche Echtglasfläschchen mit Alupress-Schraubverschluss, eingebettet in eine mit Kunstsamt bestäubte Plastikhalterung, sortiert absteigend nach Alkoholgehalt und Reifezeit. Der geneigte Rumfreund findet die weißen Rumsorten Longueteau 40, 50, 55 und 62, den leicht (18 Monate) holzgereiften 40 Ambré, und die gehobenen Edelvarianten VS, VSOP und XO, mit den für diese Qualitätsbezeichnungen üblichen Mindestreifezeiten bei rhum agricole, also respektive 3, 4 und 6 Jahren. Auf der Deckelinnenseite sind die Rumsorten kurz erläutert, mit knappen Geschmacksnotizen.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Schachtel

Pro Fläschchen erhält man 6cl – eine gerade ausreichende Menge, um einen ersten Eindruck des jeweiligen Rums zu erhalten, also den Zweck eines Verkostungssets zu erfüllen. Die einzelnen Proben, hübsch und zweckmäßig beschriftet, stecken sehr fest in der Halterung, da muss man schon etwas Gewalt aufwenden, um sie herauszuholen, und etwas Geschick. Hat man das aber mal geschafft, steht einem Genuss nichts mehr im Wege. Da ich nicht auf die schnelle den gesamten Verkostungskoffer aufbrauchen möchte, habe ich die Rezension in zwei Teile geteilt. In diesem ersten Schritt möchte ich meine Eindrücke zu 4 der 8 Rums niederlegen, nämlich dem Longueteau 40, 40 Ambré, 50 und VS; Gedanken zu den restlichen Rumvariationen werden dann Stück für Stück ergänzt.

Longueteau Coffret Dégustation Prestige Alle Sorten

Die Entscheidung über die Flaschenabfüllungsstärke besteht bei den meisten Spirituosen häufig nur aus zwei Varianten – Konsumstärke, grob zwischen 38% und 50%, und Fassstärke, grob zwischen 55% und 70%. Sehr erfreulich bei rhum agricole ist, dass man regelmäßig unterschiedliche Alkoholgehalte desselben Destillats erwerben kann. Longueteau ist da keine Ausnahme, und dieser Verkostungskoffer ein Beweis für die spannende Aromenreichweite, die aus einem einzigen Destillat gewonnen werden kann.

Beginnen wir also am Anfang der Rumreise. Persönlich bin ich ein Fan von ungereiften Spirituosen; ich finde, in ihnen zeigt sich der wahre Charakter eines Geists, ungestört von Holz- und anderen Reifungseffekten, die die Natur der Spirituose manchmal nur etwas ausbremsen, hin und wieder komplett ersetzen, auf jeden Fall aber verändern. Zurück zu den Wurzeln: Longueteau Rhum Blanc Agricole 40 ist der kleinste der Longeteau-Rumgeschwister, die einfachste Ausprägung des Rums: abgesehen von einer Ruhezeit in Stahltanks ungereift, 40 Volumenprozent.

Longueteau Rhum Agricole 40°Die Nase ist zunächst etwas grasig, sehr typisch für rhum agricole. Darüberhinaus aber auch ausgesprochen fruchtig, eine ganze Obstschale könnte nicht aromatischer sein. Äpfel und Ananas, Kirschen und Bananen. Insgesamt sehr malzig, bei längerem Riechen verfliegt die Frucht allerdings, und eine Alkoholnote drängt sich nach vorn, wie bei Vodka.

Im Mund erstmal etwas flacher als erwartet. Zwar immer noch recht malzig und süß, aber schnell tauchen leicht salzige Meeresaromen auf, nach Algen, feuchten Steinen, Muschelschalen, erinnernd etwas an weißen Sotol. Von der Fruchtnase ist nicht viel übrig, ein kompletter Szenenwechsel sozusagen. Eine leicht pfeffrige Schärfe verziert die Zungenspitze, während der Rum warm und ganz ohne Brennen den Rachen hinunterläuft. Ein mittellanger Abgang, eine leichte, adstringierende Trockenheit bleibt am Zahnfleisch, dazu die Algenaromen.

Sehr spannend. Nicht begeisternd, aber definitiv spannend: Sicherlich anders als viele anderen weißen rhums agricoles, die ich bisher getrunken habe, und viel milder und weicher als die meisten, ohne dabei aber den typischen Charakter zu verleugnen.

Nimmt man diesen weißen Rum, und lässt ihn mindestens 1 Jahr in Eichenfässern ruhen, so erhält man schon etwas Farbe und veränderte Aromen, zu begutachten beim Longueteau Rhum Ambré Agricole 40. Schon im Gläschen erkennt man, warum man diese Rumgattung als Bernsteinrum (rhum ambré) bezeichnet: Ocker bis Safran glänzt die Flüssigkeit. Der Geruch ist erneut malzig, ergänzt um Reifenoten, wie Karamell und Schokolade, erinnernd an gereiften Grappa. Etwas kräuterig.

Longueteau Rhum Agricole 40° Ambré

Wie ich schon sagte nimmt Holzreifung etwas vom ursprünglichen Charakter weg und fügt anderes hinzu. Der 40 Ambré ist entsprechend süß, malzig, später leicht brennend, pfeffrig. Erkennbar grasig und holzig; leicht rauchig. Ich schmecke etwas Karotte. Vergleichsweise komplex für so einen jungen Rum, finde ich. Der Abgang ist recht kurz, mild, süß. Ein leichter Minzton frischt das Geschmackserlebnis auf.

Es ist durchaus spannend, was die Holzreifung aus dem rhum blanc gemacht hat. Während der 40 Ambré erkennbar genehmer, süßer und dichter ist, ist er gleichzeitig auch etwas langweiliger geworden. Persönlich mag ich im direkten Vergleich den 40 Blanc klar lieber als den Ambré; das ist aber sehr individuell. Ich kann mir vorstellen, dass Leute, die gern Grappa trinken, diesen rhum agricole lieben werden – in einer Blindverkostung hätte ich diesen Rum für einen Grappa gehalten.

Wie schon der 40 Blanc, ist auch der 40 Ambré definitiv ein eher zarter Charakter, zurückhaltend und dezent. Ideal für Einsteiger in den sonst eher ruppigeren Bereich des jungen rhum agricole.

Wir steigern nun den Einsatz: Longeteau Rhum Blanc Agricole 50 enthält, wie der Name schon andeutet, 25% mehr Alkohol als die beiden Vorgänger. Wir begeben uns hier schon beim Geruch in ganz anderes Territorium: hier erst beginnt rhum agricole seinen unabhängigen Charakter zu zeigen. Er ist nun schon klar gemüsiger und grasiger. Lakritze, Fenchel, Sellerie. Minze und Ananas.

Longueteau Rhum Agricole 50°

50% Alkoholgehalt, das verkoste ich zunächst noch unverdünnt. Immer noch recht süß, tauchen hier nun noch andere Aromen auf – Zitronengras, schwarzer Pfeffer. Aber auch Vanille, Honig und Fruchtgeschmäcker sind vorhanden. Ein ölig-cremiges Mundgefühl. Hier sieht man, was eine höhere Alkoholstärke ausmacht: Ich empfinde den 50°-Longeteau deutlicher komplexer und aromenstärker als den 40°. Ein salziger, brennender, starkmalziger Abgang mit erhöhter Länge.

Mit ein paar Tropfen Wasser, denn 50% sind schon grenzwertig für den reinen Genuss, wandelt sich das Bild etwas. Das Feuer wird ausgebremst, die Cremigkeit bleibt aber erhalten. Karamell, Ahornsirup und andere Whisky-typische Aromen tauchen auf, dazu verstärkt sich der Eindruck von Süßholz und Heu. Ein riesiger Sprung in der Qualität, was mich darin bestätigt, dass Spirituosen, ganz besonders aber rhum agricole, von hohen Alkoholanteilen enorm profitieren.

Wir springen überspringen nun ein paar Fläschchen im Verkostungskoffer, und wenden uns den stärker gereiften Sorten zu, beginnend beim Longueteau VS. Mit 42 Volumenprozent nur leicht stärker als der 40 Ambré, hat er doch fast die doppelte Reifezeit in Eichenholzfässern hinter sich, und das riecht man schon direkt beim Eingießen ins Verkostungsglas. Nussig, leicht speckig, etwas rauchig, erinnernd an ungetorften Scotch. Trockenobst. Ein Hauch Anis. Buttrig. Backgewürz.

Longueteau Rhum Agricole VS

Ich entdecke bei diesem Rum ein zweigeteiltes Geschmackserlebnis. Zunächst ist er süß und weich, mit Noten von Toffee und Butter. Dann kippt es unerwartet um zu trocken, leicht bitter, Marzipan, Süßholz: Hier erinnert der VS mehr an Jamaica-Rum als an den jungen rhum agricole. Der Abgang ist dann wieder sortentypischer: holzig, grasig, Tee. Nur ein leichtes Brummen oder Kitzeln auf der Zunge, sehr angenehm. Warm und rund, langanhaltend.

Der Longueteau VS ist sehr faszinierend in seiner Bandbreite und der Aufspannung des Geschmacksbogens. Insbesondere, weil sich der VS von allen seinen Vorgängern deutlich löst, selbst vom 40 Ambré. Das ist ein Rum, für den ich mich begeistern kann, und den ich jedem empfehlen möchte, der gern süßen Rum trinkt, aber nicht von den Tricksereien vieler Hersteller in Bezug auf Zucker hintergangen werden will – die Süße hier ist tief und komplex.

Knapp 2 Wochen sind seit der Veröffentlichung des Artikels vergangen; ich wage mich an den nächsten Rum aus dem Set. Ich greife mir nun direkt die höchste Reifungsstufe heraus, der mich so goldstrahlend anlacht: Der Longueteau XO. Nussig, karamellig und insgesamt sehr wohlig begeistert dieser Rum meine Nase. Ein ungewohnter, blumiger Duft entsteht, nach Jasmin und Rosen. Etwas Frucht – ist es Birne? Traumhaft jedenfalls. Ein wirklich spektakulärer Geruch.

Longueteau Rhum Agricole XO

Ein starkes mentholisches Mundgefühl überrascht zunächst und drängt alle anderen Eindrücke zurück. In dieser Form für mich neu und daher allein schon spannend. Es fällt schwer, diesen Mentholgeschmack zurückzustellen, um nach anderen Aromen zu suchen – es ist fast wie ein Hustenbonbon in seiner Intensität. Ähnlich findet man hier auch Malz und Holzreifeartefakte wie Vanille. Ein leicht rauchiger Beiklang komplettiert diesen wirklich zum Staunen anregenden Rum.

Der Abgang ist dann auch äußerst minzig, fast schon in Richtung Eukalyptus. Sehr ungewohnt, sehr interessant, brilliant und herausragend. Süß und warm, ohne auch nur einen Anflug eines Kratzens, läuft der XO die Kehle hinunter. Am Ende ein angenehmer, leicht grasig-holziger Nachgeschmack. Ich bin mir zu 100% sicher – davon werde ich mir eine ganze Flasche besorgen müssen, auch wenn diese nicht wirklich günstig ist.

Soweit also die Verkostung der Proben der im Longueteau Coffret Dégustation Prestige enthaltenen Rumsorten. Ein knapper halber Liter Qualitätsrum, zu bekommen für rund 30€ im oben erwähnten Shop – das ist ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis. Für echte Rumfreunde, die rhum agricole noch nicht oder nicht so gut kennen, ein wertvoller erster Einstieg; für Kenner, die die Destillerie Longueteau entdecken wollen, perfekt; und auch wer ein Geschenk für einen Spirituosenliebhaber sucht, wird mit so einer Box sicherlich leuchtende Augen ernten.

Selbstverständlich nutze ich derart interessante Rums auch in Cocktails. Der Blanc 50 zum Beispiel funktionierte herausragend gut im Sleeping with Strangers, zusammen mit meinem hausgemachten Swedish Punsch.

Sleeping With Strangers


Sleeping with Strangers
1 oz weißer Rhum Agricole (z.B. Longueteau Rhum Blanc Agricole 50)
1 oz Swedish Punsch
1 oz Campari
7 Tropfen Orangenbitter
[Rezept nach Maksym Pazuniak]


Wenn nur jeder Brief, den man bekommt, so einen erfreulichen Inhalt hätte, wie der, der dieses Set enthielt (doch scheinbar, wenn ich dem Inhalt meines Briefkastens glauben darf, werden heutzutage nur noch Rechnungen auf Papier verschickt) – ich glaube, die Institution der Brieffreundschaft würde schnell wieder aufleben. Ein bisschen Entschleunigung täte uns allen jedenfalls gut. Ein Schluck dieses herrlichen Rums könnte aber auch schon gute Dienste diesbezüglich leisten!

Die glorreichen Sieben – 7 Ginger Beers im Vergleich

Die Qualität zählt. Ein einfaches Motto, das einen in der Welt der Spirituosen und Cocktails wirklich weiterbringt. Dabei geht es gerade bei Cocktails und Longdrinks nicht nur um die Qualität der alkoholischen Zutaten, nein, auch die Filler, Säfte und Limonaden, die bei einem Longdrink schließlich bis zu 75% ausmachen können, sollten diesem Motto unterworfen werden. Manchmal kann man das gut selbst allein für sich beurteilen; manchmal will man aber auch wissen, ob der eigene Geschmack nicht durch irgendwelche Vorlieben oder Marketingmittel des Produkts beeinflusst wird. In solchen Fällen hilft eine Blindverkostung, die ich vor kurzem mit einem beliebten Filler, nämlich Ginger Beer (also einer heutzutage alkoholfreien Ingwerlimonade), organisiert hatte.

Ginger Beer Sorten

Entsprechend habe ich mich mal in den lokalen Supermärkten umgesehen und das gekauft, was da war: Je eine Flasche/Dose von Aqua Monaco Hot Monaco, Bundaberg Ginger Brew, Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer, Fever-Tree Ginger Beer, Gosling’s Ginger Beer, Old Jamaica Ginger Beer und Thomas Henry Spicy Ginger. Preislich liegen alle zwischen 1€ und 3€.

Für die Blindverkostung habe ich mir für jeden Tester einen Verkostungsbogen erstellt und ausgedruckt, in den man die verschiedenen zu bewertenden Kriterien mit einer Zahl von 1 bis 10 bewerten kann. Die Kriterien, die ich mir für die Ginger-Beer-Verkostung ausgedacht habe, sind Farbe, Geruch, Sprudeligkeit, Ingweraroma, Schärfe, Süße und Gesamteindruck. Ich hoffe damit das gesamte Spektrum an Sinneseindrücken, die man bei einem solchen Getränk haben kann, abzudecken.

Verkostungsbogen

Darüber hinaus möchte ich eine Gewichtung vornehmen. Persönlich sind für mich bei einem Ingwerbier zwei Dinge besonders wichtig – der Geschmack nach Ingwer (wozu sonst ein Ingwerbier?), und die Schärfe (für mich persönlich das, was ein Ginger Beer von einem Ginger Ale unterscheidet und deswegen relevanter ist). Daher werden diese Kriterien doppelt so stark gewichtet wie die anderen. Der Gesamteindruck ist das, was ingesamt schwer in Worte zu fassen ist; vielleicht sticht ein Ginger Beer in einzelnen Kriterien sehr positiv hervor, ist aber vom Gesamteindruck her unausgewogen. Auch dieser Gesamteindruck zählt bei der Auswertung doppelt.

Man benötigt schließlich noch klare (damit man die Farbe beurteilen kann), kleine Plastikbecher – für alle Proben dieselben, damit man nicht aus dem Behältnis auf den Inhalt schließen kann. Ein unabhängiger Helfer füllt vor dem Test die Ingwerbiere in die Becher und stellt sie auf einer entsprechend markierten Fläche ab, von der sich die Tester jeweils ein Becherchen greifen können.

Blindverkostung Vorbereitung

Und schon kann es losgehen! So mancher Verkoster wünscht sich vielleicht eine stille, kontemplative Umgebung, in der er seine Sinneseindrücke sammeln und konsolidieren kann; bei uns ist so eine Verkostung eine lautstarke Angelegenheit! Diskussion beginnen schon beim ersten Sample, Vergleichsgeschmäcker werden laut ausgerufen, auf den Blättern herumgekritzelt und erste Vorlieben direkt kommuniziert. 5 Verkoster nehmen an dieser außergewöhnlichen Runde teil – darunter Ingwerliebhaber, aber auch Leute, die sonst mit Ingwer nicht viel am Hut haben, und Ingwerlimonade hier zum ersten Mal tranken.

Blindverkostung im Gange

Nachdem die Verkostungen abgeschlossen sind, werden die Bögen eingesammelt. Vor der Auswertung der statistischen Daten wird nun bekannt gegeben, welches Ginger Beer sich hinter welchem Buchstaben verborgen hatte. In diesem Fall war die Zuordnung folgendermaßen:

A – Aqua Monaco Hot Monaco
B – Old Jamaica Ginger Beer
C – Gosling’s Ginger Beer
D – Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer
E – Thomas Henry Spicy Ginger
F – Bundaberg Ginger Brew
G – Fever-Tree Ginger Beer

Blindverkostung Auflösung

Für die statistische Auswertung habe ich mir ein Excel-Sheet zusammengebastelt, das die Einzelwerte aufnimmt und zu einem Gesamtwert für jede Ingwerlimonade aggregiert. Dieses Excel-Sheet kann später auch mit Statistik-Tools visuell ausgewertet werden. Das Endergebnis beinhaltete für mich persönlich, der alle Ginger Beers schon kannte, keine großen Überraschungen. Spannend ist, dass zwischen Platz 1 und Platz 6 fast 100 Punkte liegen. Hier die Endwertung:

337 Punkte, Platz 1

Fever-Tree Ginger Beer
Fever-Tree Ginger Beer
301 Punkte, Platz 2

Aqua Monaco Hot Monaco
Aqua Monaco Hot Monaco
270 Punkte, Platz 3

Thomas Henry Spicy Ginger
Thomas Henry Spicy Ginger
263 Punkte, Platz 4

Bundaberg Ginger Brew
Bundaberg Ginger Brew
253 Punkte, Platz 5

Old Jamaica Ginger Beer
Old Jamaica Ginger Beer
245 Punkte, Platz 6

Gosling's Ginger Beer
Gosling’s Ginger Beer
 Außer Wertung

Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer
Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer

Das Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer musste aus der Wertung genommen werden, da sich erst bei der Verkostung herausstellte, dass die Flasche das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits lange überschritten hatte – mit überraschend deutlichen Negativfolgen beim Geschmack. Dies ist aber auch eine interessante Lehre aus diesem Test: Frische ist bei dieser Art von Produkt durchaus wichtig, trotz all der Konservierungsstoffe.

Nicht mitaufgenommen in die Testkriterien wurden andere Aspekte, die für mich sehr relevant sind; da man zumindest den Zuckergehalt und Brennwert aber objektiv messen kann, wäre das für die Tester eh schlecht subjektiv zu beurteilen gewesen. Hier die entsprechenden Werte, entnommen der Dosen- bzw. Flaschenbeschriftung, soweit vorhanden (Werte jeweils pro 100ml); dazu ausgewählte relevante Zutaten aus der Zutatenliste. Schön zu sehen, dass der Geschmackssieger auch was die Inhaltsstoffe angeht gut punktet.

Aqua Monaco Hot Monaco
53kcal, 13g Zucker
Ingwerkonzentrat, natürliches Ingweraroma, E330, E414

Bundaberg Ginger Brew
45kcal, 10.8g Zucker
Ingwerwurzel, Aromen, E202, E211, Ascorbinsäure (=E300?), Hefe

Fentimans Botanically Brewed Ginger Beer
38kcal, 9.4g Zucker
fermentierter Ingwerwurzelextrakt, Glukosesirup, Birnensaftkonzentrat, natürliche Aromen (Ingwer, Zitrone, Capsicum [die Schärfe dieses Produkts kommt also zumindest zum Teil nicht aus dem Ingwer!]), Kaliumtartrate, E330, Kräuterinfusionen

Fever-Tree Ginger Beer
44kcal, 10g Zucker
Ingwerwurzel, natürliches Aroma, Säuerungsmittel, Ascorbinsäure (=E300?)

Gosling’s Ginger Beer
52kcal, 12.9g Zucker
E330, E414, E445, Aromen, E202, E211

Old Jamaica Ginger Beer
61kcal, 15.2g Zucker
E330, E414, Quillajaextrakt, Aroma, Ingwerwurzelextrakt, Aroma, Natriumbenzoat

Thomas Henry Spicy Ginger
59kcal, 14g Zucker
natürliches Ingweraroma, andere natürliche Aromen, E330, E414, E445

 

Ich trinke Ginger Beer ganz gern hin und wieder, gut gekühlt, pur; der Haupteinsatzzweck ist aber natürlich als Zutat in Cocktails und Longdrinks. Daher wird mit dem Tagessieger, dem Fever-Tree Ginger Beer, ein Ginger-Beer-lastiger Cocktail gemischt: Der Chucktown Sunrise. Letztlich kann man darüber streiten, ob eine Cocktailzutat nicht zumindest teilweise andere Eigenschaften aufweisen sollte als ein Getränk, das man pur trinkt; ich werde während des Genießens dieses Cocktails darüber brüten.

Chucktown Sunrise


Chucktown Sunrise
1 oz Bourbon (z.B. Bulleit Bourbon)
¼ oz Limettensaft
…aufgießen mit 3 oz Ginger Beer (z.B. Fever-Tree Ginger Beer)
…und mit 1 Spritzer Grenadine garnieren


Für mich persönlich ist das Ergebnis dieses Tests, dass ich mich bestätigt fühle in meiner privaten Vorliebe; das Fever-Tree ist nicht zu süß und enthält wenig Zusatzstoffe, es ist gut scharf, günstig, leicht und in kleinen Flaschengrößen erhältlich. Dennoch werde ich weiterhin nicht ausschließlich den Testsieger kaufen und verwenden; Diversität ist für mich wichtig, und Monokulturen sind schlecht. Abwechslung ist wichtig, und keins der an diesem Test teilnehmenden Produkte ist wirklich schlecht – es lebe die Vielfalt!

Bier für die Welt – Weltenburger Biersortiment

Das Klosterleben bietet nicht nur Entbehrungen. Schon immer waren Klöster auch ein Zentrum der Genusskultur, selbst wenn es zunächst erstmal so nicht beabsichtigt war – und Bier war dabei ein wichtiger Faktor. Und in der „ältesten Klosterbrauerei der Welt“ (so die Werbung), die dem um 617 gegründeten Kloster Weltenburg angeschlossen ist, wird seit fast 1000 Jahren, eine unglaubliche Zahl, Bier gebraut.

In einem Anfall von Bierlust habe ich mir 5 Sorten des Biers aus dieser ehrwürdigen Quelle zapfen lassen. Statt sie einzeln vorzustellen, mache ich hier heute einmal zur Abwechslung eine Sammelverkostung: „Bier für die Welt“! Im Angebot dafür habe ich die Weltenburger Biere Barock Dunkel, Barock Hell, Urtyp Hell, Hefe-Weißbier Hell und Asam Bock. Als Nachtrag Anfang August kommt noch das Anno 1050 dazu; Mitte Oktober habe ich auch noch den Winter-Traum gefunden. Ein Jahr später, September 2017, bot ein Supermarkt bei uns schließlich das Dunkle Radler an.

Weltenburger Kloster 5 Biersorten

Ein Teil der Produkte wird in der Brauerei Bischofshof für Weltenburger nach deren Rezepten hergestellt. Inzwischen wird das Weltenburger auch in Lizenz in Brasilien hergestellt, als exklusives Spezialbier für den dortigen Markt. Weltenburger gehört spätestens damit zu den globalen Playern; mit 30.000 Hektolitern Ausstoß pro Jahr (inklusive Brauerei Bischofshof 200.000) allerdings nur imagemäßig, nicht mengenmäßig.

Genug des Vorgeplänkels; stürzen wir uns direkt ins Gefecht, und beginnen mit dem…

Weltenburger Barock Dunkel

„Das Beste Dunkel der Welt“, ausgezeichnet durch den World Beer Cup Gold Award in der Kategorie European Style Dark/Münchner Dunkel – Vorschusslorbeeren en masse. Ich gebe persönlich normalerweise nicht viel auf solche Auszeichnungen, denn in dieser Art von industriegesponserten Wettbewerben geht kaum ein Teilnehmer ohne Medaille oder lobende Erwähnung aus dem Rennen; man will es sich ja mit niemand verscherzen. Aber es zieht dennoch Blicke auf sich, anders wäre ich wahrscheinlich gar nicht zu diesem Bier, und damit dem Weltenburger Sortiment insgesamt, gekommen.

Weltenburger Kloster Barock Dunkel

Nun denn, schauen wir uns das prämierte Bier mal im Glas und Detail an. Wenn man das Weltenburger Barock Dunkel im Glas gegen das Licht hält, erstrahlt es in fantastischem Rubinrot, mit hennaroten Reflexen. Die Perlage ist erkennbar, aber zurückhaltend; die Schaumkrone schmal. Optisch schonmal ein voller Goldgewinner, in der Tat.

Röstaromen, Malz und ein Hauch Kakao, vielleicht sogar Kaffee meine ich zu erriechen; es erinnert geruchlich mehr an Stout als an das typische Schwarzbier. Nur leicht gekühlt, wie es sich für dunklere Biere gehört, nehme ich den ersten Schluck – cremig und wohlig füllt es den Mundraum aus. Sehr weich und zart. Schnell beginnt die Würze zu wirken; es ist nur wenig Süße vorhanden, stattdessen eine zartbittere Kaffeenote und deutlich überwiegende Malztöne. Hopfen wird hier offensichtlich viel eingesetzt, allerdings kein Aromahopfen wie bei den britischen Bierstilen, sondern rein für die Bitterkeit; Fruchtigkeit sucht man trotz Hopfen vergebens. Im Abgang ist es sogar minimal kratzig im Hals. All das aber in einer sehr gelungenen Gesamtkomposition eingebettet, ohne Rekordwahn.

Mit 4,7% abgefüllt in der Standardhalbliterflasche punktet das Weltenburger Barock Dunkel rein sensorisch wirklich ausgesprochen stark. Die Präsentation lässt deutlichst zu wünschen übrig; schade, dass ein so hervorragendes dunkles Bier, das es mit jedem angloamerikanischen Stout oder Extra Stout aufnehmen kann, und aromatischer ist als so manches Imperial Stout, das ich bisher verkostet hatte, dermaßen lieb- und fantasielos gestaltet verkauft wird.

Dennoch könnte dieses Bier zu meinem Standarddunkel werden. Preislich attraktiv, geschmacklich hervorragend, ideal zusammengestellt. Leider muss ich es über Onlineshops mit den entsprechenden Versandkosten bestellen, worunter das PLV sehr leidet. Dennoch ein brillantes bayerisches Bier, das man probiert haben muss. Wie sieht es da mit seinem helleren Kompagnon aus, dem…

 

Weltenburger Barock Hell

Das helle Gegenstück zum Barock Dunkel hat Weltenburger auch im Angebot, für alle die, die zwar kräftige Biere mögen, die dunkle Malzigkeit aber nicht so schätzen. Farblich denke ich mir beim Weltenburger Barock Hell: Wow. Strahlend, Safranfarben. Als Hinweis an die Hersteller: unfiltriert würde es allerdings noch besser aussehen und wahrscheinlich auch noch besser schmecken. Die wuchtige Schaumkrone beeindruckt, die Perlage ist sehr ausdauernd und optisch ansprechend.

Weltenburger Kloster Barock Hell

Geruchlich nehme ich einen metallischen Unterton wahr, dazu deutliche Hopfenwürze. Im Mund ist der Biertrinker überrascht: Sehr cremig, perfekt rund, hocharomatisch, würzig und dabei noch leicht fruchtig. Vor allem diese Cremigkeit kenne ich von keinem anderen Bier – das ist wirklich einzigartig und überraschend. Mit das beste Mundgefühl, das ich bisher bei einem Bier erleben durfte – absolut spektakulär.

5,6% bedeuten leicht erhöhten Alkoholgehalt, aber nichts außergewöhnliches. Ich finde das Bier wunderbar rund und herrlich abgestimmt: Süße und minimale Säure halten sich die Waage, erst im Abgang kommt eine gewisse, aber zurückgenommene Bittere zum Vorschein. Das ist ein absolut perfektes Bier, an dem ich nichts auszusetzen habe. Auch dieses Weltenburger Bier muss man als Bierfreund probiert haben.

 

Weltenburger Urtyp Hell

Auch beim Urtyp Hell ist die Farbe durchaus hübsch anzusehen; dazu eine kräftige, großblasige Perlage und eine feste Schaumkrone. Als hätten die Weltenburger Braumönche einen Bierdesigner im Hause. Schöner kann ein Bier zumindest optisch nicht sein.

Weltenburger Urtyp Hell

Würzig, malzig, getreidig riecht das Bier. Einen Tick Hefe riecht man. Ein Anflug von Hopfenfruchtigkeit. Ich liebe diesen Geruch, der so absolut biertypisch ist, und dabei aber gleichzeitig die allermeisten Biere dieses Typs weit übertrifft.

Ich habe nun die besondere Eigenschaft, die die Weltenburger Biere vereint, gefunden: Das cremig-dichte Mundgefühl. Viele sehr hochwertige Biere, die ich verkoste, punkten durch viele tolle Besonderheiten, doch keins davon hat diesen kräftig-runden Körper wie die Weltenburger. Dazu kommt eine forsche Würze, eine überraschende Salzigkeit, ein etwas metallischer Beigeschmack, den ich grundsätzlich bei Bieren nicht mag, und eine dies aber wieder ausgleichende, sehr interessante nussige Komponente. Im Abgang dann der Wermutstropfen: eine seltsame Bittere, die nicht so recht zum Rest des Biers passt; insgesamt missfällt mir der Nachtrunk und trübt den ansonsten sehr positiven Eindruck etwas.

Dieses Bier passt hervorragend zum Essen, das Steak mit Kräuterbutter und Salzkartoffeln, das ich dazu verspeiste, wurde perfekt ergänzt durch das Weltenburger Urtyp Hell, und mit 4,9% ist es auch nicht zu stark, so dass man auch durchaus zwei davon am Abend trinken kann. Als alleinstehendes Bier zum Genießen würde ich mir allerdings ein anderes aussuchen.

 

Weltenburger Hefe-Weißbier Hell

Schauen wir uns mal andere Bierstile an, die Weltenburger noch anbietet. Keine bayerische Brauerei, die was auf sich hält, kommt ohne ein Hefeweizen (im bayerischen Sprachgebrauch gern Weißbier genannt) aus.

Weltenburger Kloster Hefe-Weißbier Hell

Eine sehr feinporige Schaumhaube gefällt zunächst, durch die aber kaum ein Geruch dringt; Hefe und eine kleine, aber undefinierte Fruchtwolke ist das einzige, was ich rieche.

Hm, tatsächlich findet man diese etwas überraschende Aromalosigkeit dann auch im Mund vor. Eine Kohlensäure-Kante ist da, und das typische, cremige Weltenburger Mundgefühl auch, aber von der aromatischen Seite betrachtet bin ich etwas fassungslos, wie neutral dieses Hefeweizen schmeckt.

Das enttäuscht im Vergleich zu den anderen bisher verkosteten Klosterbieren extrem. Diese Rezension wird sehr kurz, einfach weil mir die Worte fehlen und mir die Synonyme für „Leere“ ausgehen. 5,4 geschmacksarme Prozent hinterlassen einen ratlosen Tester.

 

Weltenburger Kloster Asam Bock

Nein, mit der Widmung hier ist nicht die nordindische Provinz Assam gemeint, aus der kräftiger Schwarztee stammt, sondern die Brüder Asam. Heute würde man sagen, Kirchendesigner, die in vielen süddeutschen Städten spätbarocke Kirchen bauten und ausstatteten. Ihnen zu Ehren erhält das stärkste Bier dieser Verkostungsrunde seinen Namen.

Weltenburger Kloster Asam Bock

Tiefdunkel, mit tiefroten Reflexen, wenn man das Glas gegen das Licht hält, und kurz davor, blickdicht zu sein. Eine hauchdünne Schaumkrone, die sich nach wenigen Minuten komplett aufgelöst hat – wenn man es so betrachtet, erinnert es an einen Teich, in dem Fische die Oberfläche ab und an von unten anstupsen – das sind dann die wenigen kleinen Kohlensäureblasen, die aufsteigen. Optisch ist das Weltenburger Kloster Asam Bock schon eine Nummer für sich, und man könnte es für ein Schwarzbier halten.

Doch der Geruch ist äußerst bocktypisch – wie ein Glas voll rostiger Nägel hat es diesen Eisencharakter, den ich persönlich nicht wirklich mag. Mit einiger Zeit im Glas übernimmt eine malzige Komponente den Geruch dann, und bringt das Bier geruchlich in eine Stout-Richtung.

Geschmacklich gilt dann auch eher letzteres. Ein sehr dunkler, malziger Geschmack, mit klar erkennbaren Röstaromen. Ein Hauch Espresso und angebrannter Karamell, leichte Holzkohle und eine minimale Fruchtigkeit ergänzen sich zu einem spannenden Gesamtbild, das eine kräftige Bitterkeit, und gegen Ende eine starke Würze, in sich trägt. 6,9% liefern dabei auch einen ordentlichen Bums ab, den man nicht unterschätzen sollte bei einer Füllmenge von 0,5 Liter – ein Fläschchen davon, und man spürt es! Inzwischen freue ich mich auch auf das Markenzeichen der Weltenburger Biere, diese unglaubliche Cremigkeit im Mund. Mich würde wirklich interessieren, was es ist, das die Brauer tun, um dieses herausragend angenehme Mundgefühl zu erzeugen, und warum ich das bei anderen Bieren so selten entdecken kann.

 

Nachtrag 03.08.2016: Weltenburger Anno 1050

So, nach einiger Zeit hatte ich das Glück, das Weltenburger Anno 1050 in einem Getränkemarkt in Saarbrücken in einer dunklen Nische zu finden – man muss manchmal ein bisschen stöbern, um das Gute zu entdecken, das doch so nah liegt! Darum gibt es jetzt hier einen Ergänzungseintrag für dieses Bier.

Weltenburger Anno 1050

Im Glas erfreut es mich mit schöner Bronze, sehr typisch für ein Märzen. Der bereits von den anderen Weltenburger Bieren bekannte schöne, weiche, feine Schaum bleibt lange erhalten. Ich rieche aus dem Glas eine heuige Note, viel Getreide, dunkles Malz und einen leichten Pferdestallduft. Nicht unangenehm.

Erneut, wie schon bei den anderen Bieren, sahnig-cremig im Mundgefühl. Dazu kommt eine kräftige Würze, die nicht aufdringlich, aber effektiv wirkt, und mit einer recht zurückhaltenden Bittere ergänzt wird: Herkules, Perle und Tradition dienen als Anstifter dafür. Aromen sind eher rar gesät, eine leichte Frucht vielleicht, Hefe und Heu. Perfekte Rezenz und schöne Karbonisierung sorgen für ein sehr rund und ausgewogen wirkendes Bier; 5,5% Alkohol merkt man bei der Maulseide nicht. Der Abgang fällt etwas ab, er ist sehr kurz und etwas bedeutunglos – dennoch kann er dem ansonsten durchweg positiven Gesamteindruck des Anno 1050 nichts mehr abkratzen. Ich muss schnell weg, die letzten Flaschen davon aus dem Getränkemarkt retten, bevor sie jemand anders mir wegschnappt – ein tolles Bier.

Nachtrag 11.10.2016: Weltenburger Winter-Traum

Weltenburger war das „Bier des Monats Oktober“ im Globus Saarbrücken, und man konnte es im sortengemischten 6er-Tragerl erwerben. Darunter auch der Winter-Traum, der mir in meinem Sortimentstest noch gefehlt hatte – er ist wohl nur zur Winterzeit erhältlich (dazu gehört heutzutage natürlich Oktober schon dazu). Keine Frage, dass ich da zuschlagen musste. Wie man auf dem Foto sieht, war ich von den Bieren so begeistert, dass ich mir noch einen Drittelliter- und Halbliter-Bierseidel von Weltenburger zugelegt habe.

Weltenburger Kloster Winter-Traum

Entsprechend wird der Winter-Traum nun direkt aus dem passenden Glas getrunken. Als erstes fällt der superfeine, langlebige Schaum auf. Dunkles Bronze, starke Perlage. Der Geruch ist sehr malzig, mit leicht säuerlicher Zitronennote.

Dass die Weltenburger Biere allesamt weich und rund sind, das muss ich langsam nicht mehr betonen. Auch der Winter-Traum macht da keine Ausnahme. Mildmalzig, wenig bitter, zarthopfig. Ein sehr zurückhaltendes, mildes Bier. Mittlere Rezenz, dazu schöne Säure. Auch hier wieder – ein herrlich komponiertes Bier. Der Abgang bleibt kurz, mit dunkler Würze und leichter Salzigkeit. 5,4% machen auch keinen dicken Kopf.

Wirklich fein, gerade die Milde ist attraktiv – da ist keine harte Kante im Bier, das ist was flauschiges für den Winterabend vor dem Kamin (oder, wie bei mir, der Kaminfeuer-DVD).

 

Nachtrag 01.10.2017: Weltenburger Dunkles Radler

Das erste Bier von Weltenburger, das ich in der Dose kaufe. Ich trinke es aber nicht direkt daraus, sondern gieße es in ein Glas. Darin sehe ich kaum etwas an Schaum – die Limo zieht ihn wohl ab. Etwas Perlage ist immerhin erkennbar. Auch geruchlich ist da nichts bieriges mehr, aber auch sonst nicht viel.

Weltenburger Dunkles Radler

Der Geschmack ist flach, süß und etwas pappig – wie bei vielen industriell hergestellten Radlern wird eine viel zu zuckrige Limonade eingesetzt, die es der Bierbasis schwer macht. Man kann das dunkle Weltenburger noch herausschmecken. Man muss es schon gut gekühlt trinken, idealerweise sogar aus dem Gefrierfach, dass es Spaß macht – so ist es gut erfrischend, auch dank der kräftigen Säure der Limo, hat aber dennoch nicht mehr wirklich viel mit Bier zu tun. 2,3% Alkoholgehalt bleiben nach der Vermischung übrig.

Meine persönliche Meinung – man kaufe sich lieber eine Flasche des dunklen Originals, und mische sich das Radler selbst, mit einer nicht ganz so süßen, charakterlosen Limo. Die Dosen des Dunklen Radlers jedenfalls werde ich in Zukunft, auch wenn ich Weltenburger Bier sonst sehr mag, eher stehenlassen.

 

Fazit

Alle diese Biere sind für jeweils knapp 1,50€ erhältlich, und weisen damit ein, so meine ich, extrem gutes Preisleistungsverhältnis auf. Gerade die Barock-Biere, und mit Abstrichen das Bockbier, sind für mich absolut herausragende Vertreter ihrer Gattung und gehören auf den Speiseplan jedes Bierfreunds.

Neben den hier heute vorgestellten Sorten bietet Weltenburger auch noch weitere an: Kellerbier, Hefe-Weißbier Dunkel, Weißbier Alkoholfrei, und Pils werde ich mir noch irgendwann organisieren und eine zweite „Bier für die Welt“-Verkostungsrunde starten, beziehungsweise diesen Artikel immer weiter ergänzen.

Zum Ende des Artikels möchte ich nochmal meine Liebe zu Biercocktails betonen. Letztlich sind alle Weltenburger Biere aufgrund ihrer oben beschriebenen Eigenschaften perfekt geeignet für Biercocktails. Und so habe ich mir vom Weltenburger Kloster Asam Bock ein paar Schlückchen aufgehoben, und sie in einem recht deftig-aromatischen Cocktail untergebracht. Vorsicht, das ist nichts für schwache Nerven oder empfindliche Geschmackssinne – das ist ein salzig-scharfer, würziger Bierbomber!

Asam Bock Beer Cocktail


Asam Bock Beer Cocktail
2 oz Vodka (z.B. Grasovka Vodka)
½ oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
½ oz Limettensaft
½ oz Zitronensaft
1 Teelöffel Honigsirup (1:1 Honig und Wasser)
½ Barlöffel scharfe Sauce (z.B. Tabasco, aber bitte nichts mit Knoblauchzusatz!)
…mit 3 oz Weltenburger Kloster Asam Bock aufgießen…
…und in einem Glas mit Eis und Salzkruste servieren


Am Ende doch noch etwas Kritik: Alle Biere dieses Herstellers sind mit Informationen auf dem Etikett extremst sparsam. Das übliche Reinheitsgebot-Geblubber fehlt dagegen nicht; scheinbar ist dieses Gebot das wichtigste, was die Bierwelt hervorgebracht hat, und weit abgeschlagen kommt dann irgendwann der Geschmack. Man erfährt schließlich absolut nichts über das Bier, weder über Herstellung noch Geschichte oder wenigstens Geschmackshinweise, weil das Etikett mit  Inhalts- und Gebrauchsangaben in 10 Sprachen zugekleistert ist. Schade – das bringt der internationale Vertrieb aber wohl mit sich, dass man sich mit bürokratischen Zwängen statt mit dem Produkt auseinandersetzen muss. Das machen die Craft-Brauereien sehr viel besser – und bieten vielleicht ein bisschen Nachdenkpotenzial bei Weltenburger, dass auch das Auge mittrinkt.

Same Porto as Every Year? Porto Cruz Special Reserve Tawny

Eigentlich wollte ich diesen Artikel so beginnen…

Die Briten verbinde ich persönlich eigentlich immer mit Sherry, und noch mehr vielleicht mit Portwein. Selbst die Urbritin und der Urbrite, Miss Sophie und James der Butler, die wir in Deutschland seit Jahrzehnten immer zur selben Zeit im Fernsehen beim Essen und Trinken beobachten, heben sich den Portwein als Krönung zum Schluss auf: „I think we’ll have port with the fruit“, ordert Miss Sophie beim letzten Gang des Dinner for One.

Ich habe nun schon einige Portweine im Regal, doch um aus der „same procedure as every year“-Dauerschleife meiner mir bekannten Ports herauszukommen, habe ich diesmal beschlossen, mir eine neue Marke anzuschauen.

Wollte, ja. Leider hat mir Nils Wrage von Mixology den Gag um wenige Tage vorweggenommen, und ich wollte diese so stilvolle Einleitung dann aber doch nicht mehr ändern – das zeigt letztlich, welches Ausbaupotenzial, was Marketing angeht, in dieser Spirituose steckt, wenn sich die Fachpresse und Blogger so um einen gelungenen Einstiegssatz streiten müssen. Egal, ich gebe mich in diesem Kampf geschlagen, und mache trotzdem einfach weiter, als wäre nichts gewesen.

Wie so oft entscheidet das Äußere mit über den Spontankauf, und der Porto Cruz Special Reserve Tawny zog meinen Blick in einem französischen Supermarkt mit seiner ausgesprochen hübschen Flasche und dem aufwändigen Etikett magisch an, so dass ich nicht widerstehen konnte.

Porto Cruz Special Reserve Tawny Flasche

Die Farbe ist rubinrot mit braunen, fast schon orangefarbenen  Reflexen. Die Flüssigkeit ist leicht viskos mit entsprechend langen Beinen im Glas, wenn man den Port schwenkt. Dabei treten auch sofort, ohne dass man die Nase wirklich ins Glas halten muss, die ersten Aromen auf – der Porto Cruz Special Reserve hält nicht hinterm Berg mit seinen Vorteilen.

Also zum Geruch: Süß und dabei sehr wuchtig. Neben einem erkennbaren Weinduft ist Frucht die vorherrschende Richtung: nach Erdbeeren und Feigen. Ich erkenne Anklänge von Brandy, der ja bekanntermaßen eingesetzt wird, um den Fermentierungsvorgang von Portwein zu stoppen. Ein Hauch von Kräutern. Insgesamt recht portotypisch.

Porto Cruz Special Reserve Glas

Im Mundraum macht sich dieser Tawny schnell breit: Cremig und voll fühlt er sich an. Süß, im Gegensatz zum Geruch weist er nur leichten Rotweincharakter auf. Dunkle Trauben. Birne. Brombeeren. Später etwas karamellig oder malzig. Eine frische, aber dezente Säure bricht den bisherigen Geschmackseindruck im Abgang; eine leichte Pfeffrigkeit verbleibt auf der Zungenspitze. Warm und wohlig läuft der Special Reserve den Rachen hinunter, ohne jegliches Brennen oder Kratzen, was man bei 19% auch nicht wirklich erwarten muss. Der Abgang ist mittellang und mild trocken.

Ein sehr angenehmes, weiches, mildes Getränk. Wirklich sehr rund und ausbalanciert: Süßer und körpervoller als viele andere Ports, die ich kenne, und die zurückgenommene Säure im Abgang gefällt mir sehr gut. Der Porto Cruz Special Reserve Tawny ist ein Blend aus 2 oder 3 Tawnies, mit einem Durchschnittsalter von 7 Jahren; 10€ habe ich im französischen Cora-Supermarkt (daher auch das französische Etikett) bezahlt. Persönlich empfinde ich das als ein ausgesprochen gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

In so einigen Cocktails ist Portwein als Verdichtungsmittel enthalten, um der Mixtur eine tiefe, dunkle Note zu geben, aber geschmacklich dabei im Hintergrund zu bleiben. Nur wenige Cocktails setzen ihn als zentralen Geschmacksträger ein; der Tiki-Cocktail Gooney Goo-Goo ist einer davon. Hier schmeckt man den Porto Cruz schön heraus, selbst durch den Fruchtsaft und die Hitze der brennenden Overproof-Flamme. Ich bitte darum, diese vor dem ersten Schluck auszupusten – ich will nicht verantwortlich gemacht werden für abgebrannte Augenbrauen, Wimpern oder andere Gesichtbehaarung!

Gooney Goo-Goo


Gooney Goo-Goo
1 oz Portwein (z.B. Porto Cruz Special Reserve Tawny)
1 oz Orangensaft
¾ oz Limettensaft
¼ oz Grapefruitsaft
½ oz Weinbrand (z.B. Asbach Privatbrand)
¼ oz Orgeat
¼ Teelöffel Zimtsirup
5 Tropfen Old Time Aromatic Bitters

Eine halbe Limette entfleischen, wenden, mit
½ oz Overproof-Rum (z.B. Wray&Nephew) füllen,
auf dem Drink platzieren, anzünden, und dann

mit etwas geriebenem Zimt überstreuen


Die besondere Wirkung dieses Cocktails erschließt sich erst, wenn man ihn im Dunkeln betrachtet. Doch erneut vorsicht: Man sollte die Flamme nicht allzulange brennen lassen, selbst wenn man sich nicht daran sattsehen kann. Das Glas erhitzt sich extrem durch den brennenden Sprit, und abgesehen von Verbrennungsgefahr besteht auch das Risiko, dass das Glas springt.Gooney Goo-Goo Cocktail Dunkel

Eine besonders interessantes Fakt über diesen Portwein findet sich auf der Herstellerseite: Im Gegensatz zu Rumherstellern haben die Portugiesen, zumindest Porto Cruz, keine Probleme damit, den Zuckergehalt ihres Produkts öffentlich darzulegen. Für mich ist der Zuckergehalt von 100 g/L und der damit einhergehende Brennwert von 149kcal/100ml dennoch äußerst erstaunlich, ich wusste nicht, dass Portwein residual soviel Zucker enthält – dazu habe ich mich (noch) nicht ausführlich genug mit Weinherstellung auseinandergesetzt. Der Hauptunterschied zum Zuckergehalt in Rum ist natürlich, dass der Zucker im Portwein produktions- und quellmaterialbedingt ist, sozusagen zum Produkt fest dazugehört, weil er als Fruktose und Glukose aus den Trauben kommt, während er bei vielen Rums überflüssig und künstlich dazugefügt wird. Daher sollte man das eigentlich nicht vergleichen – spannend ist es dennoch, und damit viel Material für zukünftige Artikel…

Das Feuer der Gascogne – Comtal Fine Armagnac V.S.

Es gibt Spirituosen, die werben damit, dass sie 200 mal destilliert wurden – hauptsächlich Vodka ist stolz auf die Anzahl der Destillationsvorgänge. Über die Sinnhaftigkeit dessen lässt sich trefflich streiten, vor allem, wenn es sich um industrielle Column-Still-Destillationsapparate handelt, bei denen das Destillat dann eh einfach nur hin- und herläuft, und man die Destillationsvorgänge eigentlich nicht wirklich zählen kann. Andere Spirituosen dagegen werden nur einmal destilliert, denn sie wollen die Geschmacksstoffe, die durch Destillationsvorgänge entfernt werden, möglichst erhalten. Und dazwischen gibt es natürlich viele Zwischenstufen; manche Rumsorten werden 3 mal destilliert, ebenso einige irische Whiskeys und Scotches. Und Cognac beispielsweise wird zweimal destilliert.

Armagnac wird oft als der kleine Bruder des Cognac beschrieben. Ein gewichtiger Unterschied zwischen  Cognac und Armagnac ist, dass Armagnac nur einmal destilliert wird, wodurch diese unterschätzte Spirituose deutlich charaktervoller und rauher daherkommt als sein weltbekannter Cousin. Doch nicht nur die schlichte Destillation selbst sorgt dafür, dass die Entscheidung zwischen Cognac und Armagnac eine gewichtige Glaubensfrage ist: nein, die gesamte Herstellungseinstellung des Armagnac ist von einem anderen Geist und Ansatz getrieben als die teilindustrialisierte Cognacproduktion.

Man muss ein bisschen suchen, um einen Armagnac in einem deutschen Geschäft zu finden. Letztlich reduziert sich die Auswahl für den Nichtinternetbesteller häufig auf genau eine Flasche, die noch gut verbreitet ist: Der Comtal Fine Armagnac V.S. ist in vielen Supermärkten für rund 16€ erhältlich. VS, also Very Special, ist die Basisqualität für Brandys, das gilt für Cognac, Brandy de Jerez, viele deutsche Brände, und auch für Armagnac – das Destillat ruhte laut dieser Bezeichnung 2 Jahre in einem Holzfass.

Comtal Fine Armagnac V.S.

Mich begeistert schon die kräftige, dunkle Farbe im Glas. Flugs daran geschnuppert: Dunkle Früchte – getrocknete Feigen, Pflaumen, Datteln, Rosinen. Minimal Anis, etwas Menthol. Vielleicht etwas nussig. Auf jeden Fall ein echtes schweres Pfund.

Kann sich das auch im Geschmack fortführen? Ja! Schokoladig, schwer und dicht. Voluminöser als die meisten spanischen Brandys, die ich bisher gekostet habe, und auch als die meisten Cognacs. Etwas salzig, paradoxerweise aber gleichzeitig sehr süß. Angebrannter Karamell, vielleicht eine kleine Erinnerung an gereiften Grappa. Ein kleiner Fehlton von Spülmittel, wenn man danach sucht.

Feurig im Abgang, heiß rinnt er die Kehle hinunter, und hinterlässt sogar etwas Pfeffer in der Speiseröhre und brandytypischen Schwefel im Mund, aber ohne wirklich unangenehm alkoholbrennend zu werden. Beim ersten Schluck kann man den Weg in den Magen klar verfolgen, wo der Comtal sich dann noch eine ganze Weile niederlässt. Im Mund verbleibt neben der Hitze bei diesem eher längeren Abgang eine deutlich adstringierende Trockenheit, und die Aromen dunkler Früchte und Kakao.

Comtal Fine Armagnac V.S. Glas

Ein würzig-aromatischer Ersatz für den dagegen sehr zivilisiert wirkenden Cognac, und das zu einem richtig guten Preisleistungsverhältnis. Der Comtal Armagnac ist wild und ungezähmt, das mag dem Genießer feiner Spirituosen schon etwas zu weit gehen – ich aber mag so ungebremste Energie: Der Abgang ist für mich sensationell.

Wenn man sich umschaut, findet man kaum Cocktailrezepte speziell für Armagnac. Das ist aber auch nicht nötig: Überall dort, wo man Cognac oder Brandy einsetzt, ist auch Armagnac ein geeigneter Ersatz. In vielen Fällen, nicht allen, ist die Feurigkeit des Comtal Fine Armagnac V.S. sogar eine erwünschte Verbesserung; beispielsweise im French Connection, wo ein etwas assertiverer Brandygeschmack als der eines feinen, eher zum Untergehen neigenden Cognacs, nicht schadet.

French Connection


French Connection
1 oz Comtal Fine Armagnac V.S.
¾ oz Vodka (z.B. Green Mark Vodka)
1/3  oz Maracuja-Sirup (z.B. von Teisseire)
2 oz Zitronen-Soda (z.B. San Pellegrino Limonata)


Zur Flasche – in Franken würde man dazu Bocksbeutel sagen. Das grüne, dazu noch geeiste Glas (in den neueren Abfüllungen leider nicht mehr) gibt kaum einen Blick auf den Inhalt frei. Das Etikett ist für die heutige Zeit etwas altmodisch; man schaue sich andere altehrwürdige Spirituosen an, die mit etwas mehr Pep auch jüngere Genießer schon von der Optik her ansprechen. Die Zeiten, in denen man den älteren Herrn, der sich mal einen Armagnac vor dem Kamin eingießt, als Zielgruppe ansprechen muss, sind vorbei. Wer sich nicht der neuen Zielgruppe der jungen, dynamischen Craft-Spirit-Interessierten öffnet, wird auf die Dauer nicht weiterkommen. Dabei hätte Armagnac im Allgemeinen und der Comtal Fine Armagnac V.S. im Speziellen alles, was die Gegenwart braucht und sucht, und muss wirklich nicht in der elitären Komfortzone dahinvegetieren.

Eher durchschnittliche Freiwurfquote – The Brooklyn Brewery Brooklyn Lager

Es gibt so ein paar Konsolenspiele, die mich bis heute verfolgen. Zusammen mit meinem Nachbarn und meinem Cousin habe ich als Jugendlicher unendlich viele Stunden damit zugebracht, Sportspiele zu zocken – das Eishockeyspiel EA Hockey und dessen Nachfolger und das Basketballspiel NBA ’97 und Epigonen führten zu dicker Hornhaut auf Daumen und einer damit einhergehenden Begeisterung für diese US-amerikanischen Sportarten. Ich konnte damals einen Großteil der Mannschaftskader von Dutzenden von Eishockey- und Basketballteams aus dem Kopf hersagen, mit Stärken und Schwächen der Spieler, zumindest so, wie sie in diesen Spielen abgebildet waren. Irgendwann hat sich das Interesse dann wieder verloren, und ich habe aufgehört, diese Sportligen weiter zu verfolgen.

Während der Recherche zum The Brooklyn Brewery Brooklyn Lager, das ich hier vorstellen wollte, bin ich dann entgeistert darüber gestolpert, dass Brooklyn, also der New Yorker Stadtteil, in dem dieses Bier erwarteterweise hergestellt wird, nun ein NBA-Basketball-Team hat! Schon seit der Saison 2011/2012 gibt es die New Jersey Nets, wie ich sie aus meiner „aktiven Zeit“ kannte, nicht mehr, und sie haben ein neues Zuhause in Brooklyn gefunden. Amerikanische Sportmannschaften sind notorisch wanderlustig, da wird schnell mal das Team von einer Stadt in eine tausende Kilometer entfernte andere Stadt verlegt, wenn die Kohle stimmt; einen Lokalpatriotismus, wie man ihn von deutschen Fußballmanschaften kennt, sollte man sich in den USA also nicht zulegen.

Genug der Nostalgie für ein Team, das offensichtlich eh nie wirklich erfolgreich und/oder übermäßig beliebt war. Gottseidank hat Brooklyn aber außer einem neumodischen Basketballteam auch eine deutlich ältere Brauerei zu bieten (naja, immerhin seit 1987), die das bereits angesprochene Brooklyn Lager herstellt, das ich mir nun fernab seiner Heimat ins Glas gieße, um den Umzugsschock zu verdauen.

Ein wirklich wunderbar fruchtiger Geruch beim Eingießen. Grapefruit, Ananas, Orange – der Hopfen in diesem Bier gibt alles, was Aromahopfen zu geben hat. Dazu kommt ein Hintergrundrauschen von Bierhefe. Zum Träumen. Farblich dunkel, Bernstein oder Kupfer, mit schöner Perlage und einer, wenn auch sehr dünnen, so dennoch bis zum Schluss anhaltenden Schaumschicht.

The Brooklyn Brewery Brooklyn Lager

Süßlich im Mund, etwas dumpf und schal, aber doch mit assertiver Würze. Geruchlich nähert sich das Brooklyn Lager an ein IPA an, geschmacklich nimmt es trotz des Hopfens (Hallertauer Mittelfrüh, Saphir, Cascade) abstand davon: eine spürbare Bitterkeit ist im Mund vorhanden, die aber durch die Malzmitte (Pilsener Malz, Karamellmalz, Münchner Malz) ausgeglichen wird; so bleibt auch die Fruchtigkeit des Hopfens lange am Gaumen, nicht dessen Bitterkeit. Eine leichte blumige Note ist auch vorhanden, aber auch ein kleiner Fehlgeschmack und -geruch, erinnernd an Plastik, der mich etwas stört. Der Abgang ist kurz und neutral, trocken und mit, wie gesagt, einigem an Frucht – und die Bitterkeit taucht am Ende plötzlich wieder auf, und ist dann sogar etwas penetrant streng.

Ist das ein Gourmetbier? Hm, ich weiß nicht, dazu ist es für meinen Geschmack deutlich zu unrund und zwar charakterstark, aber gleichzeitig auch zu wechselhaft – es punktet für mich ganz klar hauptsächlich über den fantastischen Geruch. Gleich ein paar geschmackliche Eigenschaften lassen mich dann aber etwas an der Note abziehen, doch im großen und ganzen betrachtet ist das Brooklyn Lager gerade für Hopfenfreunde hochinteressant. Es ist ein feiner Essensbegleiter im Glas, oder am Grill aus der Flasche. Es sollte aber gut gekühlt sein, um seine positiven Eigenschaften ideal ausspielen zu können.

Wer auf der Suche nach guten Bieren für Biercocktails ist, kann aber unbesehen zugreifen; oft ist es so, dass alles, was eine Spirituose oder ein Bier für einen Purkonsum etwas schwierig macht (dabei rede ich nicht über schlechte Qualität, sondern spitze Ecken und scharfe Kanten), in einem Cocktail, wo sich mehrere Zutaten das Bett teilen müssen, sehr erwünscht ist. Im Pass the Buck beispielsweise braucht es ein fruchtiges Bier, das mit Whiskey und Amaro gut klarkommt, und nicht gegen sie ankämpft.

Pass the Buck


Pass the Buck
1 oz Rye Whiskey (z.B. Rittenhouse Rye BiB)
1 oz Brooklyn Lager
½ oz Amaro (z.B. Fernet Branca)
¾ oz Zitronensaft
½ oz Ahornsirup


Importiert wird das Brooklyn Lager von BraufactuM, dabei mit einem hübschen Briefmarkenstil-Aufkleber versehen. Auf dem Etikett steht „strong beer“ – mit 5,2% ist das vielleicht für Miller-Trinker ein Starkbier, für den deutschen Konsumenten eher Durchschnitt. Dank der neuen, sehr aufwändigen aber gelungenen Verbreitungspolitik von BraufactuM ist dieses amerikanische Bier heutzutage in jedem größeren Supermarkt in den entsprechenden Kühlschränken zu finden. Man muss es also nicht groß suchen, was man über das eine oder andere amerikanische Sportfranchise nicht wirklich behaupten kann.

Von der Pampelmuse geküsst – Ferdinand’s Saar White Vermouth

Wermut wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien erfunden. Doch seine wahre Bestimmung erreichte der verstärkte Wein mit Kräuterzusätzen erst in Amerika. „Enter Vermouth“ titelt Cocktailhistoriker David Wondrich in seinem Buch „Imbibe!“ das vierte Kapitel, denn tatsächlich veränderte Wermut die Cocktailwelt, die sich bis dahin mit recht strengen, linearen und nur wenigzutatigen Rezepturen begnügte. Plötzlich war da etwas, das einem Cocktail eine neue Richtung geben konnte, ohne die Hauptzutat allzusehr zu überdecken; etwas, das dennoch als stilvoll angesehen wurde.

As the Gilded Age unfolded, cutting-edge Cocktail drinkers began to look for something lighter and more urbane than a shot of bittered booze; something more refined and Epicurean and with less savor of riverboat bars and tobacco chaws, bare-knuckle bouts and faro dens.

Auftritt: Wermut. Zunächst hauptsächlich in seiner roten, süßen Form; später dann gern auch in der weißen, trockenen Varietät. Eine Weile lang war Wermut dann wieder von den „cutting-edge Cocktail drinkers“ verschmäht, bis er sich in der Bugwelle des nun schon einige Jahre andauernden Ginhypes langsam aufs Promenadendeck zurückschaukelte. Denn es ist nur folgerichtig, dass, wenn Gin so beliebt ist, diesem dann ein gesteigertes Interesse an Tonic Water folgt (man schaue sich nur einen Katalog der inzwischen erhältlichen Sorten an!), und schließlich auch Wermut, der wahrscheinlich zweitliebste Zusatz für einen Drink bei Ginfreunden, ein Revival erlebt.

Die modernen, experimentierfreudigen Spirituosenhersteller, mit ebenso experimentierfreudiger und dazu noch zahlungskräftiger Kundschaft, geben sich natürlich dann nicht mit der althergebrachten, klassischen Trennung des Wermuts in italienisch/rot/süß versus französisch/weiß/trocken zufrieden; Mischsorten tauchen auf. Ich persönlich empfinde den hier vorgestellten Ferdinand’s Saar White Vermouth als eine solche Mischform, die das Muster sprengt.

Ferdinand's Saar White Vermouth Flasche

Im Glas erscheint der Ferdinand’s Saar White Vermouth nur leicht strohig, er hat eine minimale Färbung. Im Glas wirkt er etwas dickflüssiger als Wasser.

Die Nase nimmt zunächstmal einen starken Weincharakter wahr. Etwas blumig, leicht herbal, nach Rosmarin und vielleicht Lavendel. Etwas Kirsche. Auf jeden Fall ungewohnt für einen Wermut; man könnte es für einen Riesling halten.

Mir läuft das Wasser im Munde zusammen, obwohl ich eigentlich kein Weintrinker bin. Zu Beginn schmeckt man eine sehr spannende Mischung aus süß und sauer, überraschend dicht und voluminös: dieser Wermut kommt ziemlich wuchtig daher. Im Verlauf ist er leicht salzig. Und: Viel Grapefruit. Ein Touch Sauerkirsche.

Trocken im sehr langen Abgang. Erst nur leicht bitter, dabei zitronig und dann erneut starke Erinnerung an Grapefruit, nicht nur im Geschmack, auch in der adstringierenden Wirkung, die man von der Pampelmuse kennt. Diese bleibt sehr lange auf der Zunge, und deren Bitterkeit im Rachen. Wie ich schon, erinnernd an den großen Heinz Erhardt, titelte: Von der Pampelmuse geküsst.

Ein Wermut, der sich abgrenzt: Nur leichte Kräuternoten, der Wein steht klarst im Vordergrund, er ist nicht so trocken wie andere weiße, französische Wermuts. Milder und dabei doch deftiger – ein starker, charaktervoller Wermut, den man auch sehr gut pur trinken kann, auf Eis wie in Zimmertemperatur.

Ferdinand's Saar White Vermouth Korken

Mir gefällt sowohl die Flasche als auch das grundlegende Design, das sich durchgängig an die anderen Produkte des Herstellers, wie den Saar Dry Gin, den Saar Quince und das Bittersortiment, anpasst. Ungewohnt ist der tief versenkte, nur mit einem Korkenzieher lösbare Korken, anstelle eines Schraubverschlusses oder wiederverwendbaren Korkstöpsels; da man bei Wermut allerdings eh eine Weinpumpe mit entsprechendem Plastikverschluss nutzen sollte, um ein schnelles Verfliegen der Aromen und Verderben der Spirituose zu verhindern, fällt das für mich mehr unter die Kategorie „schrullig“.

Auf dem Rücketikett finden sich noch ein paar Hinweise zur Herstellung, auf Englisch, was auf die internationale Ausrichtung hindeutet; tatsächlich ist Ferdinand’s Gin im Zuge der äußerst langlebigen Ginwelle weltweit geschätzt. Eine Chargen- und Fassnummer zeigt, dass hier keine riesigen Massen hergestellt wurden, und, und das finde ich besonders lobenswert, es ist sogar der Jahrgang des verwendeten Weins angegeben.

Ferdinand's Saar White Vermouth Rücketikett

Wermut findet man in unendlich vielen Cocktailrezepten, meist als Süßer oder Aromenunterstützer; selten ist er der Hauptdarsteller. Dagegen kann man etwas tun, denn zum Glück ist Martini schon eine sehr flexible Cocktailkategorie. Wir nehmen einfach einen Wet Martini, also einen Martini, bei dem das  Gin-Wermut-Verhältnis 2:1 statt den oft für Dry Martinis üblichen 6:1 ist, und kehren die Rezeptur dann auch noch um. Und schließlich werfen wir statt einer Olive noch eine Silberzwiebel ins Glas – voilá! Der Upside-Down Wet Gibson!

Upside-Down Wet Gibson


Upside-Down Wet Gibson
2 oz Trockener Wermut (z.B. Ferdinand’s Saar White Vermouth)
1 oz London Dry Gin (z.B. Ferdinand’s Saar Dry Gin)
1 Silberzwiebel


Dale DeGroff, ein Cocktailurgestein, hat für solche Cocktails noch einen Tipp parat: Die Olive, oder die Silberzwiebel, oder was auch immer man so in einen Cocktail wirft, sollte geeist sein, da es ansonsten, wie DeGroff es nennt, wie ein „umgekehrter Eiswürfel“ funktioniert und den Drink anwärmt.

Für einen halben Liter bezahlte ich 17€, vor Ort in der Saarbrücker Winefactory. Das ist deutlich teurer als der Platzhirsch des weißen Wermuts, der vielgelobte Noilly Prat, von Martini Extra Dry gar nicht erst zu reden; der Unterschied im Geschmack ist es aber schon wert, diese wirklich ganz entzückende Kreation mal auszuprobieren, insbesondere, wenn man Weinfreund ist. Oder sich auch mal von der Pampelmuse küssen lassen will.

Будем здоровы! Green Mark Vodka

Oh, wie oft habe ich schon erzählt, dass ich kein großer Vodka-Freund bin. Warum eigentlich verwehre ich mich so dieser einen speziellen Spirituose, wo ich doch sonst alles trinke, von Gin über Whiskey über Tequila über Rum bis zu Wermut und Sherry? Ich verschmähe doch auch nicht Bier, Champagner, Genever, Liköre, Bitter oder Absinthe! Auch Portwein, Brandy, Cognac, Mezcal und Pisco kann ich gut leiden. Selbst Grappa, Armagnac, Scotch und Grüntee trinke ich mit viel Genuss! Was macht den Vodka für mich so wenig ansprechend? Ich stelle hier zur bildhaften Erklärung einfach mal einen typischen Whisky-Trinker und einen typischen Vodka-Trinker vor.

Der Whisky-Freund…

…und der Vodka-Freund!

Ich hoffe, es wurde klar, warum ich schon aus rein kulturellen Gründen dem Whisky (und allen oben aufgezählten anderen Genießerspirituosen) zugeneigter bin als dem Vodka. Wie üblich bei mir ist dies natürlich sehr polemisch und undifferenziert formuliert, und ich habe die Videos absichtlich polarisierend gewählt. Denn natürlich gibt es Qualitätsunterschiede bei Vodka, und es gibt auch Vodkas für Genießer. Und da ich für meine Heimbar selbstverständlich einen guten Vodka benötige, probiere ich, wenn eine Flasche zuneige geht, immer eine neue Sorte aus, um diesen Genießervodka vielleicht mal zu finden – der neuste Versuch dazu war der Green Mark Vodka.

Green Mark Vodka Flasche

Perfekt klar, ohne jede Trübung oder Färbung, wie man es von einem guten Vodka erwartet, steht der Green Mark in der Flasche. Nach dem Eingießen in ein Verkostungsglas fällt einem ein Geruch nach Desinfektionsmittel und Ethanol auf, ein Touch von Anis. Überhaupt nicht stechend oder beißend, viel weniger als viele Rums oder Whiskeys, die ich kenne. Etwas kräuterig, erinnernd an Gin.

Sehr ölig liegt er im Mund, bequem, sehr süß und rund. Nach Geschmack kann man lang suchen; ich erahne mehr, als ich schmecke, eine entfernte Fruchtigkeit, etwas Anis. Im Abgang eine milde Schärfe, die schnell wieder verschwindet. Nachklang gibt es nicht, in keiner Form; nach 20 Sekunden ist es, als hätte man nichts getrunken. Für russischen Vodka ein Qualitätsmerkmal.

Kaum zu glauben, dass diese Spirituose 40% Alkohol hat; man schmeckt und spürt praktisch nichts davon. Rein und klar, ohne Fuselstoffe, die billigen Vodka oft zu einer Katergarantie machen. Ich kann mir gut vorstellen, diesen Vodka langsam pur zu trinken, bei Zimmertemperatur oder auf Eis.

Die allermeisten der Cocktailrezepte, die nach nichtaromatisiertem Vodka verlangen, tun dies, weil sie den Alkoholgehalt pushen wollen, ohne die Geschmacksstoffe eines fassgereiften Schnapses verarbeiten zu müssen. In Getränken wie dem Moscow Mule oder dem Cosmopolitan sollen die scharfen Gemüse- bzw. sauren Fruchtkomponenten im Vordergrund stehen, nicht die Spirituose. Für solche Rezepte kann ich mir kaum besseren Vodka wünschen als den Green Mark. Wer mir jetzt mit Zitronenvodka kommt, kann sich das sparen – er reibe einfach etwas Zitronenschale mit ins Glas. Mir kommt kein nicht selbst aromatisierter Vodka ins Haus.

Cosmopolitan


Cosmopolitan
1 oz Green Mark Vodka
½ oz Triple Sec (z.B. Le Favori)
½ oz Cranberry-Saft
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Cranberry-Sirup


Die Präsentation ist sehr gelungen; grünes Etikett mit großteils kyrillischem Text, Pappmedaillon an einer Schnur um den Hals, maschinell aufgedruckter Flaschennummer. Ein sehr ungewöhnlicher, so noch nie gesehener Plastikstöpsel, flach fast wie ein Kronkorken, verschließt die Flasche.

Green Mark Vodka Stöpsel

Der Green Mark wird, auch aufgrund eines ausgesprochen guten Preisleistungsverhältnisses, denn die Flasche bekommt man für rund 10€, zu meinem neuen Hausvodka und verdrängt den Smirnoff, der im Vergleich weniger aromatisch und dabei gleich teuer ist, und darüberhinaus nur 37.5% aufweist. Ich meine, die 2.5% machen durchaus einen Unterschied, das gilt für alle Spirituosen. Daher noch ein Appell am Schluss: Hersteller, ich bitte Euch! Füllt nichts mehr unter 40%, je nach Spirituose besser sogar 45% ab! Будем здоровы!

Über die Qualität von Zutaten – Franziskaner Weissbier

Glyphosat im Bier! Die Meldung, dass ein Münchner Institut in diversen Bierproben ein Herbizid in geringen Dosen nachgewiesen hat, schockierte vor kurzem die deutsche Bierwelt. Der spannendste Punkt für mich dabei war, wie mit der Meldung umgegangen wurde. Die Nachrichtenagenturen und Zeitungsmedien sind auf die Meldung angesprungen und veröffentlichten sie mit polemischen Schlagwörtern auf den Titelseiten. Empörung allerorten! Die wollen uns vergiften! Der Gegenschlag kam sofort: In ähnlich aufgeregtem, manchmal auch etwas herablassenden Ton reagierten Fachverbände und -journalisten, dass die Studie schlecht gemacht sei und die Dosen so gering, dass es irrelevant wäre. Nebenbei wurde der Bierkonsument oft noch darauf hingewiesen, dass der Alkohol im Bier eh viel gefährlicher sei als jedes Pestizid, wozu also die Aufregung.

https://www.youtube.com/watch?v=-Izi8JTqlrE

Wir befinden uns in einer Welt der Dauererregung, in der jede Meldung, die uns tatsächlich zu denken geben sollte, in gegenseitigem Wutgeschrei oder Sarkasmus ertränkt wird, um bald darauf wieder vergessen zu werden. Dabei ist die Meldung, auch wenn ihre Anklage nicht so spektakulär ist, wie sie und die Reaktionen auf sie es scheinen macht, doch von großer Bedeutung: Es werden schließlich immer mehr Kleinstrückstände aller möglichen Stoffe in unseren Nahrungsmitteln gefunden, die dort eigentlich nicht hingehören – das summiert sich mit der Zeit auf. Wir lernen dadurch auf die harte Tour, dass alles, was wir im Produktionsprozess irgendwo verwenden, auch im Endprodukt seinen Niederschlag findet; nicht nur die erwünschten feinen Aromen, die Hersteller gern mit blumigen Worten ihren Herstellungsbedingungen zuschreiben, sondern auch das Herbizid des Getreides, Antibiotikum der Tierzucht und Aluminium der Hautpflegemittel.

Ein Weckruf zur rechten Zeit, der trotz all seiner Mängel nicht in der allgemeinen Reizstimmung verklingen oder lächerlich gemacht werden sollte – und die Hersteller daran erinnern sollte, sich um die Qualität der verwendeten Ressourcen besser zu kümmern. Um mich selbst zu beruhigen (und mich im Nebeneffekt gegen eventuellen Magenunkrautbefall zu schützen), trinke ich nun ein Bier, das leider auch auf der Liste der glyphosat-positiv-getesteten Biere steht: Das Franziskaner Weissbier.

franziskaner-hefeweizen-flasche

Die Farbe ist dunkler als bei vielen Konkurrenzprodukten, sie geht schon in die Richtung Kupfer. Die Hefetrübung ist stark ausgeprägt, schließlich haben wir es hier mit einem Hefeweizen zu tun, die Schaumbildung zu Beginn stark, nach einer Weile ist aber praktisch kein Schaum mehr auf dem Glas. Wie bei vielen Bieren, die so eine Art der Perlage aufweisen, ist die Frische dennoch gegeben und bleibt bis zum letzten Schluck erhalten.

Eine Besonderheit diesbezüglich hebt das Franziskaner Hefeweizen über den Standard hinaus: Ein extrem hoher Kohlensäuregehalt, den man dem Bier nicht ansieht, aber nach jedem Schluck fühlt. Das daraus resultierende dauernde Aufstoßen ist für den Trinkgenossen vielleicht nicht so angenehm, für den Trinker selbst aber erleichternd.

Passend dazu ein etwas metallischer Geschmack, leicht fruchtig, insgesamt weizentypisch glatt, aber mit tiefliegender Würze. Der Abgang ist dagegen ungewohnt bitter und trocken für ein Hefeweizen; für mich trägt dies allerdings zur Erfrischung bei. Süße ist angenehm beim Antrunk, im Abgang mag ich es lieber weniger süß.

franziskaner-hefeweizen-glas

Eines meiner persönlichen Lieblingshefeweizen für den Alltag. Das ist bestimmt kein Craftbier, und geschmacklich auch gewiss nicht sensationell, aber als Gebrauchsbier, gerade im heißen Sommer im Freien, im Liegestuhl auf dem Balkon, getrunken eiskalt aus dem Kühlschrank oder der Kühlbox – da gibt es nicht viel besseres, und schon gar nicht in dieser Preiskategorie. Franziskaner hat auch ein Kristallweizen, ein Dunkel und ein alkoholfreies Weizen im Angebot.

Ein klassischer Cocktail aus der Prohibitionszeit ist der Bee’s Knees, mit Gin, Zitrone und Honig. Fügt man dieser klassischen Rezeptur noch einen guten Schuss Hefeweizen zu, erhält man den Traum eines jeden Biercocktailfreunds: den Beer’s Knees. Schon beim Gedanken an diese honigzitronige Köstlichkeit fangen mir die Knie an zu zittern.

Beer's Knees


Beer’s Knees
1½ oz Gin (z.B. Bombay Sapphire)
1 oz Zitronensaft
1 oz Honigsirup
3 oz Franziskaner Weissbier


Beim Franziskaner Weissbier zeigen sich die Vorteile eines gut gemachten Industriebiers: gleichbleibende Qualität, geringer Preis, sehr leichte Verfügbarkeit in Flaschen wie Dosen. Wie andernorts schon gesagt, wenn das das Niveau des Industriebiers in Deutschland ist, können wir uns äußerst glücklich schätzen. Und wenn dann noch die Glyphosatrückstände auch noch ausgemerzt werden, was ja nun hoffentlich jeder Brauer, der was auf sich hält, versuchen wird, um so besser.

Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen – Monkey Shoulder Blended Malt Scotch Whisky

Der Mensch hängt an seiner Position als Herrscher der Welt: Kein Wunder, er hat ja ein paar Jahrtausende gebraucht, um sie sich hart zu erarbeiten. Doch gleichzeitig sind wir uns auch der Fragilität dieser Situation durchaus bewusst; Umweltkatastrophen, sozialer Wandel und Globalisierung machen uns Angst, weil sie uns zeigen, dass alles auch erschreckend schnell umkippen kann. Viele Dystopien in Literatur und Film spielen mit dieser Angst, dass der Mensch als Krone der Schöpfung abgelöst wird durch einen Nachfolger; seien es die Maschinen, wie in Terminator, oder andere irdische Spezies, die dem Menschen nach dessen selbstverursachtem Niedergang das Szepter der Macht entrissen haben, wie es die Affen in Planet der Affen tun.

Ich kann Charlton Hestons Zorn hier wirklich verstehen, wer wird schon gern in einen Käfig gesperrt und von Affen begafft; andersrum erträgt sich das leichter. Bei der Sonderedition des Monkey Shoulder Blended Malt Scotch Whisky, die ich im französischen Cora-Supermarché für den lächerlichen Spottpreis von 17€ erwerben konnte, sind die Verhältnisse noch klar geregelt: Der Affe ist zur Sicherung im Käfig und soll laut Ausschilderung bitte nicht gefüttert werden. Die Frage, die ich mir stelle: Ist der Käfig zum Schutz der Menschen vor dem wilden Affen gedacht, oder zum Schutz des Affen vor lüsternen Whisky-Freunden? Zumindest letzteres funktioniert offensichtlich, wenn man den Füllstand der Flasche anschaut, nicht.

Monkey Shoulder Flasche

Der Monkey Shoulder Blended Malt Scotch Whisky ist ein Blend aus 3 Speyside-Single-Malts (früher hätte man so etwas einen Vatted Malt genannt), und das riecht man. Statt wildem, ungezähmten Affenstallgeruch bekommt man blumige Noten, Frucht, leichte Zitronenanklänge, Orangenmarmelade, Honig… sehr vielfältig und komplex, dabei zart und praktisch überhaupt nicht rauchig, aber erkennbar Scotch; die typische medizinale Note ist selbst in den zurückhaltendsten Malts unübersehbar – oder besser unüberriechbar.

Diesen 40%igen Blend mit seiner kräftigen, wahrscheinlich zuckerkulörgeschuldeten Kupferfarbe muss ich nicht verdünnen, daher wird er so direkt aus dem Glas genippt. Man wird mit einem dicken und öligen Mundgefühl begrüßt, malzig süß. Dann kommt die iodische Phenolaromatik des Scotch zum Vorschein, aber, wie es sich für einen Speyside-Whisky gehört, nur in winzigen Dosen; die Orange, kräuterige Minze und Rosinengeschmäcker sind klar im Vordergrund.

Beim Schlucken wird die Affenschulter einige Sekunden pfeffrig scharf, bis sich wieder die Süße durchsetzt; im mittellangen Abgang erhält man dann am Ende ein buttrig-karamelliges Ergebnis im Mund: Schottisches Shortbread in Flüssigform.

Monkey Shoulder Käfig

Ein wirklich aromatischer, weicher und milder Blend, voller kräftiger Süße und Dichte. Sehr lohnenswert auch für Leute, die sonst mit Scotch nicht so viel anfangen können – keine Ecken oder Kanten oder Spitzen, einfach nur rund und gut komponiert. Da passt der Name eigentlich nicht wirklich, denn dieser Whisky ist nach einer Berufskrankheit der Malzwender benannt, die nach andauernder Schaufeltätigkeit die Schulter hängen ließen; dieser Whisky lässt sich nie hängen.

Scotch-Cocktails sind rar gesät; oft sind solche Cocktails dann mit anderen Zutaten gespickt, um den rauhen Scotchcharakter auszugleichen. Nicht so beim Arnaud’s Special – hier spielt der Monkey Shoulder die erste Geige, und wird nur durch die sanfte Süße des Dubonnet noch betont. Ein sehr angenehmer, zarter und dabei doch sehr maskuliner Cocktail. Der Kenner erkennt die Abwandlung vom Manhattan – Rye Whiskey wurde hier durch Blended Scotch, Wermut durch Dubonnet ersetzt. Eine hintersinnige, kluge Auswechslung.

Arnaud's Special


Arnaud’s Special
2 oz Monkey Shoulder Blended Malt Scotch Whisky
1 oz Dubonnet Rouge
3 Spritzer Orangenbitter (z.B. von The Bitter Truth)


Sehr schön ist natürlich die Sonderedition aufgemacht, mit den Vollmetallstäben, dem massiven Holzdeckel und -boden, und einer Schlaufe, mit der man den Deckel leicht abheben kann. Aber auch die Flasche selbst ist sehr attraktiv gestaltet: Die drei Affen, das Markenzeichen dieses Whiskies, sind als Metallapplikation auf der Flasche fest angebracht. Das Etikett ist zurückhaltend gestaltet, und insgesamt wirkt die Flasche auch ohne Käfig sehr wertig.

Monkey Shoulder Detail

Ich interpretiere das alte japanische Motiv der 3 Affen, die nichts Schlimmes sehen, hören oder sagen wollen,  für diesen Scotch Blend einfach mal um: sie stehen hier für Anschauen, Trinken und Schwelgen. Da braucht es dann auch keinen Käfig.