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Absinthe Emanuelle Titel

Mein Ohr ist noch dran – Absinthe Emanuelle „Vom Fass“

Es gibt Spirituosen, vor deren Genuss eine gewisse Prozedur der Zubereitung oder Präsentation erforderlich ist, selbst wenn man sie pur oder nur leicht modifiziert trinkt. Der geneigte Gin&Tonic-Freund weiß ja bereits, dass es Regeln zum Bauen eines gelungenen Gin&Tonic gibt, Cask-Strength-Whisky-Trinker haben einen kleinen Krug mit Wasser stets in Griffnähe bereitstehen, und das eigentlich unsägliche Tequila-Ritual mit Salz und Limette macht aus dazu verwendetem unterdurchschnittlichem Agavenschnaps ein Erlebnis. Die Krönung des ganzen stellt aber die traditionelle, professionelle Weise dar, wie man Absinthe vorbereitet.

Das kommt nun dem einen oder anderen vielleicht etwas exaltiert und prätenziös vor, schließlich könnte man das Wasser, das bei einer Alkoholstärke von 50-80% dringend nötig ist, auch einfach so in den Absinthe kippen. Natürlich muss man nicht den Aufwand betreiben und einen tropfenden Wasserhahn installieren; persönlich bin ich aber der Meinung, dass es das Genusserlebnis enorm steigert, wenn man die Zubereitung mit Stil und Eleganz durchführt. Schließlich sind wir hier Alkoholgenießer, und nicht am möglichst schnellen Besäufnis interessiert.

Daher ist auch die Auswahl der verwendeten Spirituose von zentraler Bedeutung. Doch bei Absinthe laufen selbst fortgeschrittene Spirituosenconnaisseure in ein Problem – während es für Whisky, Bourbon, Rum, Tequila und anderes Hochprozentiges viele Ratgeber und Kauftips gibt, man in Supermärkten und Fachhandlungen eine große Auswahl von Produkten zur Verfügung hat, ist es bei Absinthe sehr viel schwieriger, Qualität zu finden. Einerseits mag dies daran liegen, dass das Verbot der Herstellung von Absinthe in Deutschland erst seit 1998 wieder aufgehoben wurde, und 75 Jahre Herstellungsverbot sorgen natürlicherweise für einen gewissen, bis heute nachlaufenden Mangel an Auseinandersetzung mit Absinthe; andererseits ist auch der Geschmack eigenwillig und kaum als Massenprodukt durchsetzbar. Ein Absinthe, der in diversen einschlägigen Absinthe-Internetforen immer wieder mal genannt wurde, und den ich mir nun als Einstiegsprodukt für mich in diese Welt der grünen Fee ausgesucht habe, ist der Absinthe Emanuelle „Vom Fass“.

Vom Fass Absinthe Emmanuelle Flasche

Dieser Absinthe weist eine helle, grasgrüne Färbung auf, die schon leicht ins gelbliche übergeht. Die Flüssigkeit ist kaum viskos. Positiv fällt ein sehr durchdringender, aromatischer Geruch auf, der sich direkt nach Eingießen im Zimmer verbreitet. Deutlich erkennbarer Anis, schon fast Lakritz. Kerbel und Fenchel, aber auch überraschend blumig nach Jasmin. Leichter Beigeruch von Lebkuchengewürzen, trockenem Tabak und verkokeltem Plastik. Sehr angenehm und spannend zu riechen.

Zunächst ein paar Tropfen pur; bei 55,0% ist das grenzwertig. Im Mund sind die Aromen sehr viel weniger vielfältig. Der Geschmack nach Lakritz ist überwältigend und alles andere überdeckend, als hätte man, wie man das bei schlechtem Tequila mit Limettenvierteln macht, zum Trinken in eine schwarze Haribo-Lakritzschnecke gebissen. Wenn man das Etikett liest, wundert man sich nicht: Süßholz als Zutat sorgt wahrscheinlich für diese Eindeutigkeit. Salzig. Pfeffrig. Sehr aggressiv. Korrodiertes Metall, feuchtes Holz, nasses Laub.

Ein mittellanger bis kurzer Abgang überrascht bei dieser Wucht etwas. Doch man kommt nicht ungeschoren davon: Der Emanuelle ist adstringierend am Gaumen und betäubend auf der Zungenspitze. Im Rachen ist ein interessanter, schwer zu definierender Holzgeschmack zu beobachten. Auch wenn der restliche Abgang eher kurz ist, Anis bleibt noch eine gefühlte Ewigkeit im Mundraum.

Mit ein paar Tropfen Wasserbeigabe setzt ein leichter Louche-Effekt ein; die milchige Flüssigkeit geht noch mehr ins Gelbe über. Der Geruch nimmt eine zitronige Komponente auf, wird ingesamt natürlich schwächer. Auch im Geschmack ist das Süßholz zwar noch klar bestimmend, aber nicht mehr ganz so brutal. Kräuterige Aromen werden stärker, Fenchel und Kerbel vielleicht.

Vom Fass Absinthe Emmanuelle Glas Louche

Abgefüllt ist der Absinthe Emanuelle in ein neutrales Fläschchen mit „Vom Fass“-Einlassung; hervorragend finde ich, dass man ihn in verschiedenen Größen erwerben kann, direkt über die Abfüllerhomepage. 8€ für 100ml ist ein gehobener Preis für Spirituosen im Allgemeinen, Qualitätsabsinthe ist aber eh schon grundsätzlich in höheren Preissphären angesiedelt. Da kein Etikett auf die Flasche geklebt wird, sind einige wenige Details auf einem Flaschenanhänger untergebracht. Mehr Infos wären allerdings sehr wünschenswert, passen aber vielleicht nicht in das Geschäftsmodell von „Vom Fass“, das auf halbanonymisierte Markenprodukte in neutralen Flaschen setzt.

Absinthe Emanuelle Etikett

Absinthe hat es im alltäglichen Cocktailbetrieb nicht ganz leicht. Dabei war es früher, vor dem seltsamen, irrationalen Verbot eine beliebte Zutat; einer der bekanntesten und meines Erachtens besten Cocktails überhaupt, der Sazerac, nutzt Absinthe, um mehr ein einzigartiges Geruchs- als ein Geschmacksbild zu erzeugen, indem man das Glas mit Absinthe nur ausspült.

Der moderne Bartender hat vielleicht nicht mehr die Muße, ein Glas gemütlich auszuschwenken. Für den gestressten Mixer gibt es die Möglichkeit, den Absinthe in eine Sprühflasche zu füllen und mit ein, zwei gezielten Sprühstoßen denselben Effekt zu erzielen. Dazu nimmt man eine Sprühflasche, die auch für Essig geeignet ist und die man normalerweise dazu verwendet, Dressing auf Salat zu sprühen. Auf jeden Fall sollte sie lebensmittelgeeignet sein, man will ja nicht, dass sich Plastik und Gifte in den Absinthe lösen – etwas mehr zu investieren zahlt sich hier aus.

Absinthe Emanuelle Sprühflasche

Eine kleine, aber feine Variation auf den weltbekannten Sazerac ist der Latin Quarter. Die Zubereitung funktioniert aber identisch: Das Glas kühlen, dann mit Absinthe aussprühen oder -spülen, und dann die Mixtur zugeben. Wie man auf dem Foto des Cocktails sieht, kann das Aussprühen einen schönen Schimmereffekt am Glas erzeugen, den das Ausspülen nicht erreicht. Und, wertvoll für den vergesslichen Heimbartender, der Sprühstoß kann auch erfolgen, nachdem der Drink schon im Glas ist. Einreißen lassen sollte man so eine Nachlässigkeit aber natürlich trotzdem nicht.

Latin Quarter


Latin Quarter
2 oz dunkler Rum (z.B. Damoiseau VO)
½ Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Peychaud’s Bitters (alternativ The Bitter Truth Créole Bitters)

1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
In einem Glas, das mit Absinthe Emmanuelle ausgesprüht wurde, servieren.
Vorher noch eine Zitronenzeste darauf ausdrücken.


Leider schafft es kein Absinthe, den ich bisher probiert habe, mich zum Absinthe-Fan zu konvertieren; auch dem Absinthe Emanuelle gelingt dies nicht. Der sehr spezielle Geschmack ist einfach nicht mein Ding, doch erkenne ich nichtsdestotrotz deutliche Qualitätsunterschiede zwischen einzelnen Produkten. Die oft in Supermärkten erhältlichen, industriell hergestellten, grellgrün gefärbten Liköre, die meist mit Absinthe nur die starke Anis-Note gemein haben, ohne den krautig-herbalen Untergrund, lasse ich schon seit längerem im Regal stehen. Der Absinthe Emanuelle ist ein erster Schritt heraus aus diesem Pseudoabsinthe, und gerade für Leute wie mich, die Absinthe ausschließlich als Cocktailzutat nutzen, ein sehr geeignetes Produkt mit gutem Preisleistungsverhältnis.

Zum Vergleich habe ich noch eine Flasche eines Premium-Absinthes im Regal: Der Absinthe Nouvelle-Orléans wird dann bald einen eigenen Artikel mit Verkostungshinweisen bekommen.