Nouvelle Orléans Absinthe Titel

Ich habe noch beide Ohren – Jade Nouvelle-Orléans Absinthe Supérieure

„Thujon!“ – ich gebe zu, für mich hört sich das bis heute an wie das typische Technobabble aus Star Trek. War es die Barionen-Säuberung in der 18. Folge der 6. Staffel von Star Trek: TNG, an die ich mich erinnerte? Oder verwechselte ich es dauernd mit der Thalaron-Strahlung aus Star Trek: Nemesis?

Wie dem auch sei, Thujon mag vielleicht an sich nicht arg viel weniger gefährlich sein als Barionen oder Thalaronen oder die anderen -onen, mit denen man als Mitglied der USS Enterprise im Tagesgeschäft zu tun hat. Thujon, so die landläufige Meinung über fast ein Jahrhundert, ist dafür verantwortlich, dass der Absinthe wahnsinnig macht, und man sich die Ohren abschneidet, so wie Van Gogh, wenn man sich mit Absinthe einen über den Durst antrinkt. Moderne Forschung widerlegt allerdings, dass Absinthes früher einen höheren Thujongehalt gehabt hätten als moderne. Ruhigen Gewissens konnte man sich daher damals wie heute einen Absinthe eingießen, solange man es mit der Menge des auch heute noch gern hochprozentigen Getränks nicht übertreibt. Und wenn man ihn schon pur trinkt, darf es ruhig der Beste sein, den es gibt; den Vorschusslorbeeren aus diversen Online-Rezensionen zu folgen gehört der Jade Nouvelle-Orléans Absinthe Supérieure zu dieser Qualitätsstufe. Sollen wir das mal verifizieren? Machen wir es so.

Nouvelle Orléans Absinthe Flasche

Zunächst gehen wir diesen Absinthe pur an – bei 68% Alkoholgehalt etwas, vor dem ich leichten Bammel habe. Die Farbe ist natürlichen Ursprungs – eine zweite Mazeration sorgt für den blassen, sehr attraktiven, klaren Grünton. Im Glas schwimmt der Absinthe völlig ohne Viskosität.

Dem Geruch muss man sich vorsichtig nähern. Hält man die Nase optimistisch-forsch ins Glas, schreckt man erstmal zurück: da ist eine ordentliche Portion Lakritz, Anis und Fenchel, die jedem Ouzo oder Pastis das Wasser abgräbt. Kommt man bei einem zweiten Versuch vorsichtiger heran, nimmt man darüber hinaus eine sehr blumige Lavendel- und Rosenblütenkomponente wahr; und schließlich sogar eine würzig-aromatische, an moderndes Holz oder Pilze erinnernde. Ein echter Herbstwald im Glas. Alkohol riecht man trotz des angesprochenen hohen Gehalts keinen.

So, nun einen Tropfen auf die Zunge gelegt. Wow, das ist eine Urgewalt. Ich bitte wirklich darum, da keinen Schluck zu nehmen – ein Tropfen reicht, um im Mund ein sich schnell ausbreitendes Gefühl der Wärme auszulösen. Süßholz ist die alles dominierende Geschmacksnote. Selbst bei der winzigen Verkostungsmenge ist der Abgang extrem lang, das Süßholz wandelt sich im Verlauf zu einer würzigeren Note nach Pilzen, Salz und einem Hauch von Räucherspeck, und bleibt dabei dennoch immer süß und mild, ohne je auch nur ansatzweise zu zwacken oder brennen – hier sieht man die großartige Brennkunst von T.A. Breaux.

Absinthe Nouvelle-Orléans Glas

Nun kommen ein paar Tropfen Wasser dazu, um die Spirituose auf eine vernünftige Trinkstärke herabzusetzen. In der Nase wird die würzige Komponente nun verstärkt, der Anis wirkt milder und weicher. Im Mund kann man den Absinthe nun auch länger verweilen lassen, und man erkennt einige neue Aromen – Fichtennadeln, Eukalyptus, Menthol, ein wahrer Saunaaufguss an Eindrücken. Die Süße ist nun stark zurückgenommen, im Gegenteil, das ist schon recht salzig und deutlich umami, was nun im Glas liegt.

Eine extremst komplexe Spirituose, die sich mit jeder Sekunde wandelt und in allerlei Facetten glitzert. Ein würdiger Gegner, mit dem man sich einen ganzen Abend in nur wenigen Schlucken auseinandersetzen kann, ohne dass es je langweilig wird.

Nun, so ehrlich muss ich am Ende der Verkostung doch noch sein, der Haupteinsatz für mich persönlich ist aber nicht der Purgenuss – das wäre mir beim Nouvelle-Orléans zu anstrengend auf die Dauer. Nein, ich setze ihn in Cocktails ein, wo er seine monumentale Komplexität einbringen und herrlich glänzen kann. Als Glasausspüler für einen Sazerac kann ich mir keinen besseren Absinthe vorstellen; in einem adaptierten Dead Rabbit Automobile zeigt er, wo der Hammer hängt.

Dead Rabbit Automobile


Dead Rabbit Automobile
1 oz Absinthe Nouvelle-Orléans

½ oz The Bitter Truth Violet Liqueur
½ oz Zuckersirup
4 Spritzer The Bitter Truth Celery Bitters
…mit 3 oz Crémant aufgießen
[Rezept angepasst nach Jack McGarry]


Es gibt viele Legenden, Mythen, Gerüchte und Horrorstories um Absinthe. Die ums Thujon und den Absinthismus haben wir schon zu Beginn geklärt; eine weitere Desinformation ist, dass Absinthe angeblich ein Likör wäre. Doch: Absinthe ist kein Likör und war es auch früher nie, und entsprechend findet man im Jade Nouvelle-Orléans auch keinen Zuckerzusatz – die Süße kommt allein aus den Kräutern. Andere moderne Produkte enthalten dagegen oft Zucker, um Fehler resultierend aus mangelnder Kompetenz beim Herstellen auszugleichen (wie wir vom Rum wissen, ist Zucker ein perfekter Ausgleicher für allerlei Probleme). Die giftgrüne Farbe, die manche Produkte aufweisen, gehört auch in die Kategorie der Mythen – wie man am Nouvelle-Orléans sieht, der rein durch Pflanzeninfusion gefärbt ist, schaffen natürliche Methoden der Herstellung keine derartig knalligen, schrillen Töne.

Es ist wirklich schön zu sehen, dass alte Spirituosentypen so langsam immer wieder mal wiederbelebt werden. T.A. Breaux hat ein Talent dafür, Brände auf ihre ehrliche, bodenständige und dabei doch höchstwertige Basis zurückzuführen, er hatte mich schon mit seinem Perique Liqueur de Tabac voll überzeugt. Man sieht an diesem wirklich schönen, an klassischen, historischen Vorbildern orientierten Absinthe, es braucht nicht so etwas wie einen Star-Trek-Replikator oder ein Holodeck, um eine Reise in die Vergangenheit zu machen. Manchmal reicht auch schon einfach gute Handwerkskunst aus.

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