Hopphopphopp, Seepferdchen lauf Gallopp – Rügener Insel-Brauerei Seepferd

Die Strategie, wie man ein Bier an den Mann bringt, wird heutzutage immer wichtiger. Mit den langweiligen Mitteln, die die Biergroßindustrie seit Jahrzehnten sehr erfolgreich und höchstrepetitiv anwendet – man präsentiert lustige, fröhliche, coole und sympathische Leute, die das eisgekühlte Bier bewundernd anschauen, nachdem sie einen Schluck gezogen haben – braucht man dem wahren Bierkenner nicht zu kommen, im Gegenteil. Der Craftbierfreund wird durch übermäßige Werbung und ein künstlich von einer Agentur erzeugtes Image eher abgeschreckt. Klein aber fein ist das Motto der Stunde, spartanisch aufgemacht, ohne Siegeletiketten mit Blattgold, ohne Fernsehwerbespots, ohne aufdringliche Attitüde: Das Bier soll für sich sprechen.

Dann gibt es aber auch die kleineren Hersteller, die dann doch wollen, dass nicht nur das Bier was hermacht, sondern auch die Verpackung; etwas, das die Rügener Insel-Brauerei meiner Meinung nach sehr gut macht. Oft wird Marketing mit Trickserei und Rosstäuscherei gleichgesetzt, aber das liegt nur daran, dass viele das Marketing missbrauchen, um ihre minderwertigen Produkte in ein positives Licht zu rücken. Bei der Insel-Brauerei dient das Produktmarketing tatsächlich als Plattform, um zu erklären, was sie tun, wie sie es tun und warum – ein Beispiel dafür sind die vorbildlichen, großformatigen Aushänge, die der Brauer seinen Händlern zur Verfügung stellt.

Insel-Brauerei Sortiment Aushänge

Der Braumeister der Rügener Insel-Brauerei, Markus Berberich, war 16 Jahre Geschäftsführer von Störtebeker (siehe Meiningers Craft 02/2016, das einen spannenden Artikel über Beginne und Zukunft dieser Kleinbrauerei präsentiert); das Unternehmen, das sich zumindest in meiner Region so plötzlich von heute auf morgen stark plakativ in Supermärkten präsentierte, ist also kein Startup eines Spinners, sondern eines erfahrenen Branchenkenners. 12 Biere bietet die maritime Brauerei zur Zeit an, unterschiedlichste Bierstile, vom Dubbel über ein Stout bis zum Saison ist alles im Angebot, was das Bierfreundeherz erfreut.

Für die heutige Verkostung habe ich mir eines der ungewöhnlicheren Biere aus dem Sortiment gefischt. Das Rügener Insel-Brauerei Seepferd.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Flasche

Farblich ist das Meeresross klar und glänzend, keinerlei Trübung. Darauf zu achten fällt aber erstmal schwer, denn die sehr extreme Schaumbildung beim Eingießen erfordert alles an Konzentration – Vorsicht ist geboten. Dieser Schaum ist großblasig und volatil, sobald die starke Perlage, die wahrscheinlich durch die Flaschengärung bedingt ist, etwas nachlässt, sinkt er gemächlich in sich zusammen.

Ist die Farbe noch kein Indikator für das folgende, so macht der Geruch bereits Appetit auf mehr: Erkennbar säuerlich, zitronig, Fruchtsäure wie bei einer Berliner Weissen mit einem Schuss Waldmeister. Wenn ich einen leichten Anklang von Reinigungsmitteln erwähne, hört sich das vielleicht unangenehmer an, als es ist.

Auf jeden Fall bekommt man Lust, vom Seepferd zu trinken. Und, so leid es mir tut, den Pessimisten in mir zu enttäuschen, das Warten während des Schaumabbaus hat sich gelohnt: Sehr zitronig und säuerlich. Schon beim Meerjungfrau desselben Brauers hatte ich Essignoten ausgemacht; diese finde ich auch im Seepferd wieder, aber im Gegensatz zu seinem fischweiblichen Gegenpart nicht ganz so extrem. Hier ist noch klarer Biercharakter vorhanden, den ich beim Meerjungfrau etwas vermisste. Ergänzt wird das Bild durch einen sehr würzigen Beigeschmack, der besonders im Abgang hervorkommt: Herrlich nach kräftigem Malz und vollwürziger Gerste. Trocken und leicht bitter – ein wirklich außergewöhnlich leckerer Abgang. Fantastisch erfrischend und süffig, das trinkt sich erstklassig.

Rügener Insel-Brauerei Seepferd Schaum Rügener Insel-Brauerei Seepferd Glas

Die Bezeichnung „wildsauer“, die sich auf dem Etikett findet, ist durchaus passend. Als Bierstil wird „Sour Ale“ angegeben, was den Charakter gut wiedergibt, allerdings eher eine Stilfamilie als ein Stil ist. Wer ein vergleichbares Bier erwähnt haben möchte: Es erinnert deutlich an Berliner Weisse oder Gueuze. Mit 5,5% Alkohol muss man bei der guten Trinkbarkeit und dem Erfrischungspotenzial sehr aufpassen, dass man sich nicht beim Wegziehen übernimmt.

Pur getrunken erfreut mich das Seepferd sehr; auch als Cocktailzutat macht es was her. Die körpervolle Säure hat so einiges zu bieten. Ein wirklich sehr passender Cocktail für dieses Bier ist der (zugegebenermaßen etwas fantasielos benamte) The Unnamed. Er zeigt zwei Dinge: Wie lecker die Kombination von Whiskey und Bier ist, und wie schön eine Schichtung im Glas aussieht, besonders wenn man das Glas etwas bewegt und die Schichten dann gegeneinander wabern.

The Unnamed


The Unnamed
1 oz Rye Whiskey (z.B. 1776 Rye)
1 oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
1 oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
¾ oz Zitronensaft

mit hellem Bier (z.B. Rügener Insel-Brauerei Seepferd) aufgießen
2 Spritzer Grenadine
[Rezept nach unbekannt]


Eine schöne Sache ist, wenn man Bier in unterschiedlichen Dosierungsgrößen kaufen kann. Die Insel-Brauerei bietet für Ausprobierer die kleine Flasche mit 330ml an, und für Leute mit besonders schlimmem Durst die große Flasche mit 750ml. Da die große Flasche bei meinen Einkäufen immer genau doppelt so viel kostete wie die kleine, bekommt man mit der größeren Flasche also ca. 90ml obendrauf. Das Design ist aber identisch, auf der großen Flasche haben die schönen Etikettenillustrationen einfach ein wenig mehr Raum zur Entfaltung.

Insel-Brauerei Rügen Seepferd große Flasche

Die Biere der Insel-Brauerei Rügen sind sehr unterschiedlich von Stil und Geschmack. Nachdem ich nun eine größere Anzahl durchprobiert habe, kann ich sagen, dass mir das Seepferd (und, wenn man mutig ist, die Meerjungfrau) klar am besten gefällt – es ist unkonventionell, erfrischend und überraschend und sichert sich so einen Platz in den Top 5 meiner Lieblingsbiere. Solange es die Rügener Biere in meinem Supermarkt zu kaufen gibt, werde ich immer mindestens eine Flasche des Seepferds in meinem Bierregal vorhalten, denn gerade im schwülwarmen Sommer ist so ein wildsaures Bier eine Wohltat und ein Genuss.

Mixto Undercover – Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada

Manchmal lassen wir uns als rechthaberische Quartalssäufer dazu hinreißen, eine spezielle Spirituose aus tiefstem Herzen zu verachten. Vielen Rumfreunden geht das mit Bacardi so, der Whisky-Connoisseur blickt auf Johnny Walker Red Label herunter, der Gin-Hipster verdreht bei Gordon’s die Augen. Auch bei Tequila gibt es ein Ziel vieler Hassattacken der Kenner, man ahnt schon, was es ist: Sierra. Persönlich lasse ich mich nur ungern von solchen oft unmotivierten Antipathien kontrollieren. Bacardi hat durchaus gute Produkte im Portfolio, und der vielgeschmähte weiße Rum ist so schlecht dann halt doch nicht. Ebenso bei Johnny Walker und Gordon’s – wenn man sich an deren Standardprodukte in der unteren Preisklasse wendet, sollte man halt wissen, dass man keine Geschmacksexplosionen erwarten darf, bekommt aber dennoch vernünftige Qualität.

Anders sieht die Situation für mich bei Tequila aus. Dort bekommt man bei dieser Art von Standardprodukten schon eine Geschmacksexplosion, aber nicht immer unbedingt im positiven Sinne. Die Mixtos von Sierra sind für mich beispielsweise unterdurchschnittlich. Andererseits stellt diese Firma auch sehr schöne 100%-Agaventequilas her. Da ist man als Spirituoseninteressierter, der sich gegen die oben angesprochene unterschwellige Ablehnung wehren und sich einigermaßen objektiv einem Schnaps gegenüber verhalten will, in einer Zwickmühle, wenn man ein neues Produkt dieser Firma im Regal findet: Soll man es riskieren, dem Hersteller erneute Chancen zu geben, oder es lieber sein lassen? Ich habe mich für das Risiko entschieden, und mutig und optimistisch den Sierra Spiced Licor con Tequila Edición Limitada in meinen Warenkorb gelegt.

Die Flasche verbirgt den Inhalt nicht – die Farbe gefällt schon von außen durch den blassgoldenen, strohigen Ton. Da laut Etikett Farbstoff im Spiel ist (wie bei vielzuvielen anderen Spirituosen auch), ist die Farbe allerdings eigentlich irrelevant für eine Bewertung; schade, dass sowas heutzutage noch sein muss – liebe Hersteller, der moderne Spirituosentrinker ist dahingehend geschult, dass man ihn nicht mit künstlicher Farbe täuschen muss!

Sierra Spiced Flasche

Bei vielen anderen Sierra-Produkten merkt man schon am Geruch, woran man ist. Der Sierra Spiced überrascht mich daher ganz enorm: sehr angenehm. Zurückhaltende Orange. Zimt, zwar nicht so wildzimtig wie bei einer anderen Zimtspirituose, dem Fireball-Whiskey, aber erkennbar.  Eine feine, blumige Tequila-Note scheint durch. Würzig und süß, floral und mild. Leichte Mineralität. Wenn man die Nase tief ins Glas hält, kriegt man eine leichte Schärfe zu riechen. Ich bin baff – der Geruch ist wirklich ausgesprochen angenehm; habe ich Sierra bisher in meinem Rundumschlag unrecht getan?

Das muss nun auch geschmacklich geprüft werden. Und hier zeigt dann der Sierra Spiced seine hässliche Fratze, die er geschickt unter Parfümduft verborgen hatte. Ein Zuckerschwall überflutet meinen Mund. Was schmecke ich? Zucker. Zucker und Zucker. Künstliches Orangenaroma. Künstlicher Zimt. Plastik. Bitter und sauer. Ein unangenehm seifiges Mundgefühl. Ein schlimmer Fuselgeschmack kommt zum Vorschein. Ich muss mich beim Verkosten zwingen, weitere Schlucke zu nehmen. Ein sehr unfeiner, bitter-saurer Abgang, mit oberflächlich zuckrigem Gaumenpapp, komplettiert die Zerstörung der Mundflora und -fauna. Eine leichte Mentholnote verbleibt; von Aromen her nur Zimt. Gottseidank ist der Abgang wenigstens recht kurz.

Da will man direkt ausrufen: Nein, ich habe Sierra bisher in meinem Rundumschlag nicht unrecht getan! Dieser Likör ist ein Graus; und das ganze ist noch tragischer, weil mich der wirklich fantastische Geruch auf eine Verbesserung dieses Herstellers hoffen ließ. Diese Hoffnung wurde jäh und brutal zerstört. Der Sierra Spiced sorgt darüber hinaus mit diesem ekligen Mundgefühl für ein neues Highlight in meiner nach unten offenen Liste der grausigsten Getränke.

Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, diesen Likör wirklich extensiv oder gewinnbringend in Cocktails einzusetzen, dazu ist er viel zu eindimensional. Es gibt aber eine Zutat, die sich dann doch gut mit ihm verträgt, und seine gröbsten Schnitzer elegant ausbügelt, und daher empfehle ich, diesen Tequilalikör mal in einem Spiced Tequila and Tonic, oder kurz ST&T, auszuprobieren. Ein durchaus leckerer Longdrink.

ST & T (Sierra Spiced & Tonic)


ST & T
2 oz Sierra Spiced
…aufgießen mit Tonic Water (z.B. Fentimans Tonic Water)
…und mit einem Spritzer Angostura krönen.
[Rezept nach schlimmerdurst]


Die Basis dieses Spiced Tequila ist der hauseigene Reposado des Herstellers, der bereits selbst nur ein Mixto ist, d.h. nicht zu 100% aus Agavenzucker hergestellt wird: Mindere Qualität also bereits in der zugrundeliegenden Spirituose. Diese wird dann durch Zugaben auf 25% Alkohol runtergedrückt. Verbessert wird das ganze nicht durch die künstlichen Zimt- und Orangenaromen, und das Pfund Zucker, das wahrscheinlich drin ist; es ist klar, dass in einem Likör per EU-Verordnung mindestens 100g/L Zucker enthalten sind, daher wäre eine Messung meinerseits, die ich für Spirituosen, bei denen ich Zuckerzusatz vermute, gern durchführe, sinnlos. Doch ich kenne Liköre, und auch Crèmes (mindestens 250g/L Zucker), die trotz viel Zucker nicht dermaßen extrem und fast ausschließlich nach Raffinadezucker schmecken wie der Sierra Spiced.

Um mal auch was positives zu sagen: Die Flasche ist fantastisch, mit herrlichem Design, das ins Glas eingelassen ist, und einem hübschen Umhänger. Natürlich vernichtet der dümmlich-bescheuerte Hut auf der Flasche alles an Flair, das das Design durchaus hergeben würde – der Hersteller Sierra kann eben nicht aus seiner Haut. Wenigstens ist der Hut nicht rot, sondern minimal dezenter schwarz. Ich habe mich von dieser ausgesprochen attraktiven Flaschengestaltung und einem guten Preisangebot im örtlichen Globus-Markt ködern lassen und für die 0,7-Liter-Flasche im Sonderangebot 9€ bezahlt; selbst diese Reduktion vom UVP von 13€ rettet den Sierra Spiced nicht. Und die hübsche Flasche selbst kann man ja leider nicht trinken.

Sierra Spiced Angebot

Wer Zimtspirituosen mag, sollte sich lieber an Fireball Whiskey halten, der alles das richtig macht, was Sierra Spiced falsch macht. Selbst wenn ich zugestehe, dass ich Fireball nicht für eine wirklich hochwertige Spirituose halte, so ist der Sierra Spiced dann halt doch noch mehr als eine Stufe darunter.

Ein deftiges Schlückchen vorneweg – Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock

Frauen trinken plötzlich Bier. Naja, so ganz plötzlich jetzt nicht, aber ich erinnere mich gut daran, dass Bier früher ein fast exklusives Männergetränk war. Bis vor wenigen Jahren konnte man in Stadtcafés und Flaniermeilen die Frauen, die ein Bier vor sich stehen hatten, an einer Hand abzählen. Sie tranken lieber Cappuccino, Weißwein, Fruchtsaftradler oder Aperol Spritz. Doch die moderne Frau lässt all das hinter sich und lässt sich gern ein Hefeweizen oder Pils servieren.

Diese Emanzipation erkennt man auch in der Marketingplatzierung eines Produkts. Den  bärtigen Hipster haben die Traditionsbrauereien schon als Zielgruppe ans Craftbier verloren, vielleicht gibt es dann wenigstens noch die Chance, die neuen Biertrinkerinnen an Land zu ziehen? Tatsächlich beginnt die Bierindustrie, neue Nischen zu suchen, in die sie mit ihrem Bier vorstoßen kann. Wäre der Hersteller Erdinger vor 10 Jahren wahrscheinlich für das Motto „Aperitivo Nero“ ausgelacht worden, ist dieser Untertitel des Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock heutzutage als Versuch zu werten, in einem Segment Fuß zu fassen, das lange von Spirituosen und Wein exklusiv genutzt wurde. Die Zeiten wandeln sich zu gunsten solcher Experimente – zu erkennen an einfachen Dingen wie dass Biersommeliers nun selbstbewusst im Fernsehen auftreten und Food Pairings empfehlen und Tastinghinweise geben können, ohne ausgelacht zu werden; Bier hat einen neuen Stellenwert, auch und insbesondere für Frauen. Da war die Idee, Bier als femininen Aperitiv zu vermarkten, nicht allzu absurd.

Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock Flasche

Der Namen kündet es an: Mit 7,3% Alkohol haben wir hier den doch eher seltenen Fall eines dunklen Weizenbiers in Bockstärke vor uns. Die Farbe hält sich daher zumindest schonmal an die Aufmachung. Dunkelbraun, espressofarben. Die sehr feine Perlage kümmert sich darum, den dicken, festen, aber kleinblasigen Schaum eine respektable Weile aufrechtzuerhalten. Man könnte das Pikantus rein optisch wegen Farbe von Flüssigkeit und Schaum für Caffè crema halten.

Ich kenne Biere, Imperial Stouts beispielsweise, die dann auch den dazu passenden Geruch anbieten würden; nicht so das Pikantus. Es bietet stattdessen einen Kontrapunkt – Metall, Karamell, Brot und Heu. Insgesamt bleibt es diesbezüglich aber eher zurückhaltend.

Wenn wir schon bei den Analogien sind, können wir auch beim Geschmack nahtlos mit Vergleichen fortsetzen – süßcremiger Kaffee, dunkler Kakao, das erinnert den Bierfreund an Porter oder Stout, doch im Gegensatz zu diesen betont das Pikantus dann doch lieber seinen Weizenbiercharakter. Der Abgang ist trockenbitter, weist dabei eine süßliche Klebrigkeit auf, die ich nicht wirklich mag, die ich aber in vielen Bieren in letzter Zeit schmecken musste.

Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock Glas

Insgesamt erahnt man nun schon, wohin mein Fazit geht: Bock, Weizen, Porter, Stout – von allem hat sich das Pikantus etwas geliehen, und darüber vergessen, etwas eigenes zu liefern. Da wollte man vielleicht zuviel bei Erdinger, und so wird aus einer spannenden Idee eines Crossover-Biers schnell eine etwas langweilige Mixtur ohne eigenen Charakter.

Auch die Marketingidee finde ich, ehrlich gesagt, leicht deplatziert – das Pikantus ist ganz sicher nicht als Aperitiv geeignet, denn da trinkt man doch eigentlich gern spritzige Getränke, zum Öffnen der Geschmacksnerven; das Pikantus verkleistert sie eher und bietet nichts spannendes. Zum Essen allerdings ist dieses Bier bei mir ein durchaus gern gesehener Gast, wenn auch kein Stammkunde. Ein Gebrauchs-, kein Gourmetbier halt, trotz der aufwändigen Aufmachung.

Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock Tragerl

Knapp 2,50€ pro Flasche habe ich im Netto-Discounter bezahlt, wo das Pikantus im hübsch designeten Vierer-Tragerl erhältlich war, mit einem darauf abgebildeten rassigen brünetten Model, das ein Glas des Biers anbietet – da bekommt man Lust, das Angebot anzunehmen. Wenigstens mal eine fesche, neue Idee, statt den sonst für Bierwerbung üblichen dauerhippen Partypeople, die mich nur noch anöden.

Nähern wir uns der Idee des Aperitiv-Biers doch nochmal aus einer leicht anderen Perspektive. Ich denke, ich habe nun oft genug klargemacht, dass ich Bier für eine ideale Cocktailzutat halte. Wenn schon das Pikantus allein nicht wirklich als Gaumenöffner taugt, vielleicht aber, wenn man es mit ein paar Hilfsmitteln aufpeppt? Der The Beer & The Nuts-Cocktail beweist, dass man niemand aufgeben sollte, ohne nicht alles versucht zu haben. Ein wunderbares Gebräu.

The Beer & The Nuts


The Beer & The Nuts
1½ oz Polnischer Vodka (z.B. Grasovka)
½ oz Amaretto
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura
1 Eiweiß
Alle Zutaten gut schütteln, und im Glas dann…

…mit 1 oz Erdinger Pikantus Dunkler Weizenbock toppen.
[Rezept nach Petros Armakollas]


Persönlich würde ich also, um das oben schon vorweggenommene Fazit nochmals aufzugreifen, Sonstnichtbiertrinkern und Einsteigern nicht gerade einen dunklen Weizenbock als Aperitiv empfehlen. Doch, und damit bewegen wir uns dann doch nicht so weit weg von der Marketingprämisse des Pikantus, als Nachtischbier könnte es somit vielleicht sogar neben dem Bierkenner, der auf etwas Deftiges aber gleichzeitig Unkompliziertes aus ist, den Frauen schmecken, die sich nachmittags in der Sonne mit den Freundinnen etwas anderes gönnen möchten als einen langweiligen Cappuccino.

Hausgemacht schmeckts halt am Besten – Kretischer Raki und Rakomelo

Der Urlaub auf Kreta dieses Jahr war erneut ein Erlebnis. Seit vielen Jahren genieße ich die unglaubliche Freundlichkeit der Kreter, die, im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubsländern, nie aufgesetzt oder der Verkaufsförderung dienend wirkt. Filoxenia und filotimo, also Gastfreundschaft und Respekt vor dem sozialen Umfeld, sind in Griechenland keine abstrakten Schlagworte, sondern zumindest bei den Griechen, die ich auf Kreta kennengelernt habe, gelebte Wirklichkeit. Sowohl in den Touristendörfern (wo den Kretern leider selten derselbe Respekt zurückgegeben wird, wie ich dauernd fremdschämend erleben musste), als auch in den abgelegeneren kleinen Bergdörfern, wo trotz Sprachbarriere eine herzliche Freundlichkeit Fremden gegenüber herrscht. Manchmal muss man in Vorleistung gehen, doch dazu reicht es oft schon aus, die älteren Herren in der Taverne beim Frappé von sich aus mit einem lauten kalimera zu begrüßen, sich respektvoll zu verhalten und wenigstens „bitte“ und „danke“ auf Griechisch sagen zu können – das sollte, egal wo, aber eh nicht zuviel verlangt sein.

Mond über Kreta

Das Nationalgetränk Kretas ist entweder dieser Frappé, eine Art Eiskaffee – oder Raki. Der „offizielle“ griechische Name für diesen Tresterbrand ist tsikoudía, und man findet auf Flaschen häufig nur eine der beiden Bezeichnungen, doch die Kreter, die ich zu dieser Spirituose befragt hatte, nutzten praktisch alle das Wort Raki. Im kretischen Dialekt verschleift sich die harte hochgriechische Endsilbe „-ki“ zu „-dschi“, und so bestellt man in der Taverne auf Kreta authentisch halt Souvladschi und ein Glas Rahdschi dazu.

Besonders wichtig ist es den Kretern, immer darauf hinzuweisen, dass ihr Schnaps nichts mit dem türkischen Rakı zu tun hat; wer beide schoneinmal gekostet hat, kann das ohne weiteres leicht bestätigen, denn während der türkische Rakı stark anislastig ist, mehr an Ouzo erinnert, ist der kretische Raki geschmacklich eher dem Grappa oder Pisco verwandt.

Wie es bei Oliven, Olivenöl und oft auch Wein ist, so ist es auch bei Raki: Jede Familie, die was auf sich hält, stellt ihr eigenes Produkt her. In den Supermärkten der Insel finden sich zwar viele überregionale, teils sogar für den Export bestimmte Raki-Marken, doch wenn man sich vor Ort befindet, gibt es keinen Grund, nicht stattdessen auf eine Familienmarke zurückzugreifen, die überall und jederzeit feilgeboten wird.

Kretischer Raki Flaschen

Aus Erfahrung kann ich sagen: Jede hausgebrannte Sorte hat tatsächlich ihren eigenen Charakter, schmeckt leicht anders, für mich persönlich auch besser als die Industrieware. Ich kaufe regelmäßig von unterschiedlichen Orten, wo der Raki dann aus dem Fass frisch in eine Flasche abgefüllt wird. Eine sehr beliebte Alternative zum klaren Raki ist der Rakomelo: Raki verfeinert mit Honig und Gewürzen. Auch hiervon findet man an jeder Straßenecke die Hausmarke eines Heimbrenners, mit der lokalen Charakteristik. Wer sich auf Kreta etwas unter die Leute mischt, und sich als interessierter Gast zeigt, wird oft auch mit einer kleinen Flasche beschenkt.

Wie schmecken die Rakis nun? Der klare, reine Raki riecht schonmal stark nach Trauben, Weinessig, Fino-Sherry. In Blindverkostungen würden viele ihn für Grappa halten – trocken, leicht bitter, sehr fruchtig, und mit angenehmer, zurückhaltender Süße. Im mittellangen Abgang ist er warm und seidig, aber ohne das etwas kratzige Feuer, das viele Grappe aufweisen. Am Ende erinnert er mit etwas Fantasie sogar an einen leichten VS-Cognac.

Der Rakomelo dagegen ist was für die mit dem komplett süßen Zahn: Der Likörcharakter dominiert. Man schmeckt viel Honig, Kräuter, Gewürze, aber praktisch keinen Alkohol. An so einem Gläschen Rakomelo kann man eine Weile schlürfen und lutschen, er ist ideal als Dessertbegleiter geeignet. Im Winter dient er traditionell als Hustenmedizin, ohne nach Medizin zu schmecken, und funktioniert wahrscheinlich besser als Wick Medinait.

Das moderne Kreta erkennt, dass es in ihrem tsikoudia eine ganz eigene, wertvolle Ressource hat. Cocktailbars, wie das frisch renovierte Beachcomber in Stalis, eine wirklich ausgesprochen hochwertige Bar selbst nach westeuropäisch-urbanen Maßstäben, bietet neben anderen faszinierenden Cocktails auch einen mit Raki als Hauptspirituose an; sollte man mal dort sein, muss man den Queen’s Recipe probieren, mit Raki, Kamille und Zitronensaft. Eine Alternative ist der Rakitini, für den ich von meiner eisernen Regel, nie Cocktails zu trinken, die auf -tini enden und dabei nicht mit Mar- beginnen, eine Ausnahme mache. Persönlich hätte ich diesen Drink eh eigentlich eher Raki Smash genannt.

Rakitini


Rakitini
2 Zitronenviertel mit…
3-4 Scheiben Gurke und…
3-4 Zweigen Thymian muddeln.
1 Teelöffel Zucker
1 Prise Salz
3 oz kretischer Raki
Alles auf Eis shaken.

[Rezept nach Georgios Pyrgiotakis]


Ähnlich wie mit Grappa ging es mir auch mit Raki: Zunächst kannte ich nur die scharfe, billige Industrieware, die man in Restaurants vor oder nach dem Essen serviert bekommt. Ein grausiger Spiritus – diese Art, dem Gast einen Pseudogefallen zu tun, hatte mir den Grappa total madig gemacht, bis ich entdeckte, wie toll guter, gereifter Grappa schmecken kann. Auch beim Raki kann einem das auf Kreta passieren: All-inclusive-Hotels oder Touristenkaschemmen bieten oft einen inkludierten Raki an, doch darauf sollte jeder verzichten, der diese Spirituose kennenlernen will.

Sirtaki vor der Taverna Gorgona

Ein paar Schritte in eine authentischere Taverne nebenan, und die Welt sieht anders aus. Und nach ein paar Gläsern davon fallen auch schnell die zivilisatorischen Hemmungen, die uns so beklemmen, und wir tanzen mit anderen Touristen aus Russland, England und Deutschland mit den Griechen zusammen den Sirtaki.

Aus Alt mach Neu? Diebels Premium Altbier

Altbier ist einer der wenigen deutschen obergärigen Bierstile, die die Invasion der untergärigen Biere überlebt haben. Bis auf das allseits beliebte Hefeweizen wurden in den letzten Jahrzehnten obergärige Biere von Export, Lager und Pils an den Rand gedrängt und florierten nur noch in Kulturtaschen; Kölsch in Köln, Berliner Weiße in Berlin, und eben Alt in Düsseldorf. In diesen Gebieten waren diese Biere vorherrschend, doch inzwischen nimmt auch diese Tradition schrittweise ab, wenn man den Verkaufszahlenstatistiken glauben darf.

Wundersam, denn gleichzeitig explodiert das Interesse an britisch-amerikanischen obergärigen Bieren; Pale Ales beispielsweise gehören inzwischen zur Standardausstattung selbst kleiner Supermärkte, und daher springen die modernen Craftbrauer, die sich für solche Exoten interessieren, halt oft lieber auf die sich schon unter Dampf befindlichen angloamerikanischen Brauzüge auf, statt einen alten Waggon vom Abstellgleis zu renovieren. Dabei wäre das bestimmt interessant – im Gegensatz zum Kölsch beispielsweise, das wegen seines Status als geographische Herkunftsbezeichnung nicht außerhalb von Köln so bezeichnet werden darf (manche verlegen sich dann auf die neutrale Bezeichnung „rheinische Brauart“), könnte man Alt auch in Berlin, Hamburg und München ohne rechtliche Konsequenzen herstellen.

Da dies zur Zeit aber höchstens in winzigsten Ausnahmefällen, meist dann sogar im Ausland, geschieht, muss man sich als nichtmobiler Bierfreund auf überregional erhältliche Marken verlassen. Beim Altbier bleibt der erste Anlaufpunkt der Marktführer dieser Biergattung: mit über 50% des verkauften Altbiers ist dies das in Issum gebraute Diebels Premium Alt.

Diebels Alt

Ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen, aber die Farbe, ein dunkles Braun mit orangefarbenenen Reflexen, ist ein Täuschungsmanöver für die, die gern malzig-dunkles Bier mögen. Kristallklar und feinperlend steht es im Glas, nur wenig vom leicht beigefarbenen Schaum übersteht die Eingießphase länger als eine Minute.

Der erfahrene, moderne Bierfreund ist sehr verwöhnt, was den Geruch von Bier angeht. Ales und Stouts geizen nicht mit ihren aromatischen Reizen, ganz im Gegensatz zu den aktuell in der Fläche beliebten Bierstilen wie Pils und Helles. Auch beim Alt darf man sich nicht zu lange bei der Nase aufhalten, da man sonst vergebene Liebesmüh in eine fruchtlose Arbeit steckt: Malzig, hefig, sonst eher zurückhaltend; leichte Säuerlichkeit.

Kommen wir zum Wichtigsten: Dem Geschmack. Ich würde den Eindruck als etwas holzig, zumindest aber pflanzlich/vegetal, beschreiben. Kräftig karamellig, dabei aber nicht wirklich süß. Körpervoll und dicht. Säure und Bittere überwiegen. Eine perfekte Rezenz krönt das ganze. Im Abgang ist das Diebels Premium Alt dann trocken und mäßig, aber effektiv bitter. Sehr süffig, mild und bodenständig.

Zurück zu meinem Einwurf bei der Beschreibung der Farbe. Für alle, die daher bei dunklem Bier normalerweise direkt ablehnend den Kopf schütteln, sei gesagt: Bei der dunklen Farbe denkt man direkt zwar erstmal an ein schweres Bier; das Diebels Alt ist aber tatsächlich leicht und äußerst erfrischend, wenn gekühlt konsumiert; so merkt man auch die 4,9 Volumenprozent Alkohol nicht. Gerade diese einmalige Kombination aus karamelliger Würze, angenehmer, nicht übertriebener Bittere und frischer Säure macht das Diebels für mich zu einem Gewinner.

Das Diebels Premium Alt ist in zwei Longneckvariante (0,33l und 0,5l) und Vichyflasche erhältlich, scheinbar teilweise sogar in Dosen. Das sehr markante Logo in Grüngold mit der frakturähnlichen Schrift ist (man vergebe mir den Wortwitz) etwas altbacken, aber der bei Alt scheinbar noch konservativeren Trinkergemeinde, als das in Deutschland flächig eh schon der Fall ist, geschuldet.

Der obligatorische Biercocktail darf hier natürlich auch nicht fehlen. Bei Altbiercocktails kann man guten Gewissens auch recht süße andere Zutaten einsetzen, und da es mit seiner zurückgenommenen Aromatik eh nicht die Hauptrolle spielen kann, dürfen es auch dominante Liköre wie Amaretto oder Southern Comfort sein. Oder beides: Ein sehr süffiger, süßer Drink, der das beste aus allen Zutaten herausholt, ist der Lunchbox.

Lunchbox Cocktail


Lunchbox
1½ oz Southern Comfort
1½ oz Amaretto
3½ oz Orangensaft
Auf Eis shaken. Aufgießen mit…
1½ oz Altbier
[Rezept nach unbekannt]


Tatsächlich habe ich dieses Bier sehr mögen gelernt. Eigentlich, wenn ich ganz richtig formulieren will, habe ich den Bierstil des Altbiers durch das Diebels erstmal kennengelernt, wie das vielen außerhalb des Rheinlands wahrscheinlich so geht, und so Stück für Stück entdeckt, dass das ein wirklich tolles Bier ist. Im Gegensatz zu so manch anderem Stil muss man sich beim Alt auch an nichts zunächst abstoßendes gewöhnen; das ist auf Anhieb gut trinkbar. Und selbst wenn echte Altfanatiker dann sagen, dass das Diebels ein eher durchschnittliches Altbier sei, das nicht mit der original Düsseldorfer Hausbrauszene mithalten kann, so gilt doch: Es ist ein Einstieg und Türöffner, und ohne das leicht erhältliche Diebels müsste man wahrscheinlich nach Düsseldorf fahren, um ein Alt zu bekommen.

Meine Freundschaft zum Alt bleibt dennoch natürlich nicht beim Diebels stehen. Auch wenn es in meiner Region eher schwer ist, andere Sorten des dunklen Biers zu bekommen (freundlicherweise bietet meine Stammbar, das Arnie & Jules in Saarbrücken, ein Alt an), habe ich mir ein Sortiment einiger Brauereien zukommen lassen, und so wird in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft an dieser Stelle noch die Verkostung weiterer Altbiere, von Bolten, Uerige und Füchschen, folgen.

Du trinkst ihn ahnungslos, schon ist der Teufel los – Old Pascas Barbados White Rum

Manche Länder sind untrennbar mit in ihnen hergestellten Produkten verbunden. Deutschland ist das Autoland, Frankreich die Heimat des Croissants. Persönlich ist Italien für mich das Land der Salami, und China das des Tees. Barbados ist diesbezüglich als Geburtsstätte des Rums mit dieser Spirituose auf Gedeih und Verderb verknüpft. Viele sehr hochwertige Rums stammen noch heute von dort, und mir ist bajanischer Rum (das ist eine umgangssprachliche Verkürzung für „aus Barbados stammend“) besonders sympathisch, denn dort ist die Manipulation des Destillats offiziell verboten. Rum aus Barbados ist also etwas Besonderes in der Spirituosenwelt, und wurde daher durchaus zu Recht von Gaby Baginsky in den 80ern besungen.

Schlagertexte sind ja notorisch simpel, doch konzentriert sich in ihnen manchmal eine tiefe Wahrheit.

Er sagte mir: „Ich trink ihn nie mehr pur,
ich kann ihn schon verkraften, aber nur
mit Cola und mit Eis.“

Meint Gaby damit, dass der Rum so stark ist, dass man ihn besser verdünnt? Oder dass er so grausig schmeckt, dass man ihn besser übertüncht? Gewichtige Fragen wirft so ein einfacher Songtext auf, und um herauszufinden, welche Interpretation die gültige ist, greife ich mir einen Rum aus Barbados aus dem Spirituosenregal, einen, den man in fast jedem Supermarkt für unter 10€ bekommen kann: Den Old Pascas Barbados White Rum.

Old Pascas Barbados White Rum FlascheBei der Farbe gibt es keine Überraschungen: klar, mit langen Beinen im Glas, fast dickflüssig. Geruchlich erkenne ich diese typische Lakritznote, die weißer Rum oft hat. Der Old Pascas White erinnert auch etwas an aromatischen Vodka in seiner leicht rauchigen Speckigkeit; dazu Diesel und Lack. Nicht wirklich sehr ansprechend.

Der Geschmack ist zunächst sehr süß, aber vergleichsweise neutral. Leichte Lakritze, etwas Speck, sehr ähnlich wie das, was man gerochen hat; keinerlei Komplexität, alles bleibt an der Oberfläche. Nach einigen Sekunden kommt etwas Feuer auf, eigentlich mehr ein leises Kokeln. Selbst die Alkoholnote ist enttäuschend schwach und langweilig. Der Abgang ist sehr kurz, trocken, hinterlässt eine leichte Bitterkeit auf der Zunge und am Gaumen.

Insgesamt erinnert mich dieser Rum sehr an einfachen polnischen Vodka; in einer Blindverkostung würde ich ihn wahrscheinlich auch für Vodka halten. Nichts von dem, was ich an Rum im Vergleich zu Vodka so schätze, ist vorhanden; die Aromalosigkeit fast schon trist. Da ich mich dagegen sträube, Spirituosen, die ich nicht auch pur trinken würde, in einem Cocktail zu verwenden, ist dieser weiße Bajaner für mich leider ein Komplettausfall.

Die Aräometermessung ergab temperaturkorrigiert 37,4%, das bedeutet, dass dieser Rum immerhin ungesüßt ist. Letztlich sind knapp 38% aber immer noch recht schwach für einen Rum und deutet auf Massenproduktion hin. Daher: wenn es unbedingt billig sein muss, würde ich in dieser Preisklasse dann eher zum nicht arg viel, aber doch erkennbar besseren Captain Morgan White, oder vielleicht direkt zum dreijährigen Havana Club, raten.

Old Pascas Barbados White Rum DetailsSehr gefällt mir aber das Flaschendesign des Old-Pascas-Sortiments, das vor einer Weile ein Facelift erfahren hatte, und nun mit einer tollen, schwungvollen, mit schönen Details versehenen Flasche punkten kann, und dazu mit einem sehr hübsch anzusehenden Etikett.

Verkauft wird dieser Rum natürlich als reiner Mixer. Meine Meinung dazu habe ich schon kundgetan; doch anstatt den Inhalt der Flasche wegzuschütten, brauche ich ihn dann halt in Cocktails, die Rum nur als Alkoholträger einsetzen, Stück für Stück auf. Im Aku Aku beispielsweise ist die Fruchtkomponente eh überwältigend, da passt der Old Pascas Barbados White Rum gut rein. Besonders spektakulär kommt dieser klassische Trader-Vic-Tiki-Cocktail natürlich rüber, wenn man ihn in einer ausgehöhlten, gefrosteten Babyananas serviert, deren Innenleben man auch direkt für den Cocktail einsetzen kann.

Aku Aku Cocktail


Aku Aku
1 oz Old Pascas Barbados White Rum
½ oz Pfirsichlikör
½ oz Zuckersirup
2 oz Ananasstücke
10 Blätter Minze
Alle Zutaten mit dem Pürierstab blenden


Durchaus spannend, dass dieser klare, ungereifte Verwandte des von mir durchaus geschätzten Old Pascas Ron Negro an diesen so überhaupt nicht heranreichen kann. Das liegt aber nicht an der Gattung „weißer Rum“ per se – da gibt es schon außergewöhnlich leckere Verteter, wie den Brugal Titanium oder den El Dorado 3 Jahre, von höchstköstlichem weißem rhum agricole wie dem La Mauny oder Dillon, oder dem jamaikanischen Aromenmonster Wray & Nephew, brauchen wir da gar nicht erst anzufangen.

Wie schon eingangs erwähnt, Barbados bietet viele Exportschlager in Sachen Rum. Leider gehört der Old Pascas Barbados White Rum nicht dazu.

Insel der Bierseligen – Brink’s Rethmynian Dark und Blonde

Ganz Kreta ist fest in Industriebierhand. Ganz Kreta? Es sieht fast so aus. Egal, wo man sich auf Ostkreta bewegt, man begegnet immer denselben Biermarken. Die holländischen Biergötter Heineken und Amstel beherrschen das Feld weitestgehend, begleitet von den griechischen Titanen Alfa, Mythos und Fix. Man mag denken, dass das halt in Touristenzentren so ist, dass die hereinströmenden Party-People ihr bekanntes Bier trinken wollen; aber selbst in kleinen Kneipen im Landesinneren, wo sich kein Tourist auf den hier so beliebten Quads jemals blicken lässt, ist der Kühlschrank gefüllt mit den Massenmarken. Alle diese Biere sind recht dünne Lagerbiere, schmecken sehr ähnlich leicht und aromenarm – ehrlicherweise muss man sagen, dass im heißen Klima Kretas sich sowas sehr gut und angenehm trinkt.

Ich stolperte nur zufällig in einem Supermarkt in der Kühltheke über die scheinbar eine Ausnahme auf Kreta: kretisches Bier, hergestellt im malerischen Ort Rethymnon, abgefüllt in Bügelflaschen, mit einem deutschen Namen – nun, vielleicht finde ich als Bierfreund hier die Abwechslung vom Lagereinerlei im Urlaub? Flugs jeweils eine Flasche der beiden erhältlichen Sorten, des Brink’s Rethymnian Dark und des Brink’s Rethymnian Blonde, eingepackt, im Hotelkühlschrank einen Tag wieder runtergekühlt und dann auf dem Balkon des Hotelzimmers gemütlich verkostet.

Brink's Rethymnian Bier Flaschen

Der erste Versuch war das Brink’s Rethymnian Dark. Ganz so dunkel ist es im Glas dann doch nicht – wahrscheinlich ist der Farbhinweis bezogen auf den Vergleich zum sehr hellen, sonst üblichen Lagerbier. Ich persönlich würde den Bernsteinton nicht als Dunkelbier erkennen. Eine leichte Trübung beweist den Hinweis, dass die Brink’s-Biere ungefiltert sind. Feiner Schaum, schnell abgebaut, krönt das Bier.

Auf der Lassithi-Hochebene auf Kreta kann man es aus erster Hand erfahren – Hitze führt dazu, dass Aromen verstärkt werden. Wer dort zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, wird überwältigt von all den Gerüchen, die die wildwachsenden Kräuter wie Rosmarin, Thymian und andere verströmen. Daher bin ich um so enttäuschter vom Geruch des Rethymnian Dark: Völlig neutral, nichts, aber überhaupt nichts ist da zu riechen. Auch als ich das Bier eine Weile aufwärmen ließ, konnte ich nichts entdecken.

Ist der Geschmack interessanter? Leicht malzig-süß, mild und weich. Eine überraschend starke Säure drängt sich schnell nach vorne, begleitet von einer extremen Kohlensäure. Selbst für mich, der ich gern Bier mit knackiger Sprudeligkeit mag, ist das viel zu viel, die Kohlensäure nimmt alles an Körper weg, was sonst vielleicht da gewesen wäre. Nach dem ebenso dünnen Abgang muss ich leider sagen: Das ist für mich keine Verbesserung zu den Industrielagern, eher sogar ein Rückschritt; ein Heineken ist da aromatisch interessanter und angenehmer zu trinken.

Brink's Rethymnian Dark Glas

Gehen wir etwas ratlos über zum anderen Bier, dem Brink’s Rethymnian Blonde. Der Name deutet schon an, was wir hier erleben werden. Schönes Gold mit minimaler Trübung, dazu eine sehr kräftige Perlage, die für feinen, dünnen Schaum sorgt. Achja, noch ein Lager, mag man nach den oben geschilderten Erfahrungen hier auf Kreta denken.

Der Geruch ist schonmal spannender als der des dunklen Brink’s. Immer noch zurückhaltend, entdecke ich hier zumindest Trauben und kretischen Rotwein, und eine leicht blumige Note. Mild dann im ersten Mundgefühl, süßlich, leider erneut kaum Aromen, aber überraschend hopfenbitter – endlich die Abwechslung, die ich im süßmilden Biereinerlei suchte. Eine gute Säure mit sehr hoher Rezenz macht das Bier erfrischend im kretischen Sommer, doch auch hier werde ich mit dem übermäßigen Einsatz von Kohlensäure erschlagen.

Der trocken-adstringierende Abgang des Rethymnian Blonde ist mittellang, und hinterlässt den Eindruck eines Biers, das in Deutschland allerhöchstens unter „ferner liefen“ gelistet werden würde, doch auf Kreta als gute Alternative zum holländisch-griechischen Massenmarkt funktionieren kann – als Bierfreund im Urlaub sollte man es definitiv probieren.

Brink's Rethymnian Blonde Glas

Rettet das Biosiegel das kretische Bier? Eigentlich nicht. Denn letztlich muss es sich am Geschmack messen lassen, da kann es so ökologisch hergestellt werden, wie es will. Es gibt nur wenige Bio-Produkte, die ich kaufe, bei denen mir die Produktion wichtiger ist als der Geschmack – Eier, beispielsweise. Zumindest ist es dann aber so, dass der Geschmack mit Produkten ohne Biosiegel leicht mithalten kann; hier, so leid es mir tut, sehe ich das nicht. Die Homepage bietet ein paar Einblicke in den schwierigen Start, den das junge Bierunternehmen seit 2001 hatte, und welche bürokratischen Stolpersteine dazu kamen – ich würde mich freuen, wenn sie ihr Produkt weiterhin verbessern und den ökologischen Gedanken weitertragen, um in Zukunft dem interessierten Bierfreund beides bieten zu können.

Mit dem Preis orientiert man sich dann aber doch am deutschen Preisgefüge – die Industrielagerbiere sind spottbillig für unter 1€ den halben Liter zu bekommen, das Brink’s setzt mit 2,50€ für 330ml dann schon ein mutiges Ausrufezeichen, ähnlich, wie das viele Craftbiere in Deutschland tun. Beide Biere haben denselben Alkoholgehalt von 4,8%.

Brink's Rethymnian Bier Rücketikett

Eine spannende Randnotiz findet sich dann noch am Ende des (leider etwas lädierten) Rückseitenetiketts – in einer Gesellschaft, in der die Dose und Einwegflasche völlig etabliert sind, und die meisten Kaltgetränke sogar aus der Plastikflasche getrunken werden, ist so etwas wie ein Pfand ein mutiges, leider fast schon utopisch anmutendes Konstrukt – mir ist unklar, wie in dem Umfeld, in dem ich mich in meinen Urlauben auf Kreta bewegt hatte, so etwas funktionieren soll. Ich hatte jedenfalls keine Lust, nochmal ins Taxi zu steigen, um zum Supermarkt zurückzufahren, nur um die Flaschen wieder zurückzugeben. So landeten sie wahrscheinlich im Müll, als das Zimmermädchen das Zimmer aufräumte, so leid es mir tut. Dennoch passt die Idee natürlich zum grundsätzlichen, ökologischen Grundkonzept des Biers und ist ganz sicher lobenswert – vielleicht ist die Situation in größeren Städten diesbezüglich besser. Und hoffentlich kann Brink’s hier weiter Pionierarbeit leisten, denn schlimmer werden kann die Müllsituation auf Kreta kaum – jede Plastikflasche, die nicht produziert wird, weil ein Mehrwegsystem entsteht, wäre ein Gewinn für die Insel.

Griff in den Honigtopf – Metaxa with Greek Honey

Man konnte es seit einiger Zeit beobachten: Die Regale des Einzel- wie des Fachhandels füllten sich mit Spirituosen bekannter Hersteller, die ihre Produkte leicht verändert hatten. Der Auslöser war wahrscheinlich erstmal die seit vielen Jahren betriebene Vermarktung von aromatisiertem Vodka – es gab eine Phase, wo man schon genau hinschauen musste, wenn man einen unaromatisierten Vodka kaufen wollte, dass man nicht aus Versehen doch einen Zitronen-, Himbeer-, Brombeer-, Vanille-, Mango-, Birne-, Pfeffer-, Kirsch- oder sogar Koriandervodka in den Warenkorb legte. Absolut war und ist dabei der Vorreiter.

Schnell erkannten auch die Rumhersteller, die eigentlich mit Spiced Rum in diesem Gebiet zuhause waren, dass hier mehr zu holen ist als mit einfacher Vanille; und dann begannen auch noch die fachfremden Hersteller, hauptsächlich amerikanische Whiskeyproduzenten, ihre vor aromatisierenden Zusätzen gesetzlich geschützten Produkte für die neugierige Konsumentenschaft etwas aufzupeppen. American Honey von Wild Turkey, Tennessee Honey von Jack Daniel’s, Jim Beam Honey und andere Sorten zeigten, wohin der Weg geht, wenn es um veränderten Whiskey geht – Honig ist das Mittel der Wahl.

Es gibt nun auch bei Weinbrand eine Marke, die schon seit ihrer Gründung ihr Alleinstellungsmerkmal in der Aromatisierung fand: Das griechische Traditionsprodukt Metaxa ist eine äußerst gelungene Mischung aus Süßwein, Weinbrand und Rosenblätteraromen. Damit sind sie hocherfolgreich, zurecht, wie ich meine, der ich ein riesiger Metaxa-Fan bin. Aber hinter der Welle der honigsüßen Whiskeyprodukte wollte dann eben auch ein solcher Hersteller nicht zurückbleiben. Geschah es nur, um das Markenimage lebendig zu erhalten, dass ein neues Produkt wie Metaxa with Greek Honey vorgestellt wurde? Wer schonmal in Griechenland war, wird jedoch bezeugen, wie stolz die Griechen auf ihren Honig sind. Während für Whiskey die Verbindung Spirituose-Honig vielleicht aus reinem Marketingkalkül entstand, ist sie für griechische Spirituosen eine ganz natürliche, selbstverständliche. Vielleicht bin ich zu romantisch veranlagt, doch die Honigmelange hat in Griechenland Tradition – rakomelo beispielsweise wird schon seit Jahrhunderten hergestellt.

Metaxa with Greek Honey Flasche

Die Farbe ist zwar schön, aber, wie bei allen Metaxa-Produkten, durch Zuckerkulör entstanden, daher sehe ich über sie hinweg. Über den Geruch allerdings kann ich nicht hinwegsehen – würziger Honig, als hätte man ein Glas Honig aufgeschraubt, blumiger, metaxa-typischer Rosenduft, Jasmin und ein winziger Hauch Lösungsmittel. Sehr ansprechend, und in keinster Form künstlich wirkend, wie das bei manchen anderen Honigspirituosen der Fall ist. Hier wirkt es aus einem Guss.

Im Geschmack kommt der Weinbrand deutlicher zum Vorschein, man ahnt die 33% Alkohol, die der Metaxa with Greek Honey aufweist, allerdings mehr, als man sie wirklich spürt. Deutlich ist der Metaxa mit seinen floralen Noten erkennbar, er wird aber vom vordergründigen kräftigen Honiggeschmack etwas überlagert. Eine Gewürznote (Nelken? Piment?) rundet das Bild in die Tiefe ab. Sehr angenehm zu trinken, doch das Erlebnis des Munds ist leider nicht mehr ganz so herzerfreuend wie das wirklich außergewöhnliche der Nase. Der Abgang ist warm, weich und mild, allerdings doch mit leichtem Schwefelcharakter, wahrscheinlich vom Weinbrand, von dem man dieses Geschmacksbild kennt. Am Ende verbleibt noch eine Weile eine milde, unklebrige Süße auf der Zunge und ein Gedankenbild von Honig.

Wie bei vielen aromatisierten Spirituosen denkt man sich zunächst, dass der Hauptzweck das Purtrinken ist; wozu sonst die Aromatisierung? Das entspricht dann auch der Verzehrempfehlung des Herstellers („neat, chilled or on ice“). In Cocktails könnte man ja schließlich die „reine“ Spirituose nutzen, und denselben Effekt mit einem Schuss Honig erreichen. Doch nun habe ich die Flasche nunmal, und obwohl der Metaxa with Greek Honey pur schon sehr lecker ist, will ich ihn doch mal in einem Cocktail einsetzen. Das Originalrezept des Athenian Diplomat verlangt nach Metaxa (without Greek Honey), doch die zusätzliche Süße und Milde des Honigweinbrands schadet natürlich nicht, insbesondere gegen die Säure der Zitrone – ich gehe davon aus, dass das auch für alle anderen Cocktails mit diesem griechischen Weinbrand gilt.

Athenian Diplomat


Athenian Diplomat
2 oz Metaxa with Greek Honey
¾ oz süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
½ oz Zitronensaft
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren und in ein eisgekühltes Glas geben.
[Rezept adaptiert nach einem Original von Sean Michael Whipkey]


Fast schon wundersam, im erfreulichen Sinne, ist die Zutatenliste auf dem Rücketikett. Alkohol, Muscat-Wein, Weindestillat, Zucker, Honig aus Griechenland (0,5%), Honigaroma, Zuckerkulör. Erfreulich deswegen, weil die Ehrlichkeit hier gewonnen hat: Es ist neben dem titelgebenden griechischen Honig zumindest auch Honigaroma drin. Andere Hersteller tun oft so, als wäre die Aromatisierung rein natürlich. Schön wäre es allerdings natürlich schon, wenn Metaxa daran noch weiterarbeiten könnte, nämlich auf den künstlichen Aromastoff, wie auch auf die zur Färbung dienende Zuckerkulör, komplett zu verzichten.

Zum aktuellen Zeitpunkt ist dieser Likör nicht in Deutschland erhältlich, außer, ich habe ihn bei meiner Recherche übersehen. Erworben habe ich ihn im Duty-Free-Shop des Flughafens Heraklion (Kreta) für 25€ pro 700ml, wo eine riesige Wandwerbung an den Flugzeuggates unübersehbar auf ihn hinwies; ich hatte dies als einen Vorgeschmack darauf betrachtet, dass er bald auch in Deutschland im Einzelhandel zu kaufen sein könnte. Die entsprechende Metaxa-Produktseite ist dann aber doch deutlich: „Available exclusively in European Airports“.

Metaxa with Greek Honey Karton und Etiketten

Nun, einerseits ist das schade, denn das Produkt verdient es sicherlich, einem breiteren Kreis als den Airportshoppern bekannt gemacht zu werden. Andererseits ist es durch diese künstliche Verknappung natürlich ein tolles Mitbringsel für jeden Spirituosenfreund, insbesondere für Süßmäuler unter den Weinbrandfans. Da die amphorenähnlich gestaltete Flasche darüberhinaus mit einem sehr repräsentativen Etikett in englischer und griechischer Sprache geschmückt ist, und in einem ebenso geschenktauglichen Karton verkauft wird, rate ich jedem, der überlegt, was er seinen Lieben aus dem Griechenlandurlaub mitbringen soll, sich statt für die üblichen Scotches oder Vodkas, die man sonst so im Duty Free sieht, für den Metaxa with Greek Honey zu entscheiden!

Blondes Gift – Leffe Blonde

Dosenbier hat in Deutschland einen etwas zweifelhaften Ruf. Es gilt oft als der kleine hässliche Bruder der hübschen, stolzen Glasflasche, und wird an entgegengebrachter Wertschätzung nur noch vom Tetrapack unterboten. Die Dose gilt als Behältnis für proletenhafte Effekttrinker, die die Dose am Ende auf der Stirn plattdrücken. Doch die Zahlen zeigen, dass die Dose in der Realität eine sehr beliebte Verpackung ist. Das erhöhte Dosenpfand im Vergleich zur Flasche wurde eingeführt, weil die Mehrwegquote bei Getränken unter 72% fiel, und man von politischer Seite gegensteuern wollte, doch siehe da, trotz Pfand ist der Trend zum Blech ungebrochen – der Dosenanteil beim Bier nimmt immer mehr zu, der Glasanteil sinkt. Über die ökologischen Aspekte wird heiß diskutiert – ich empfehle die Lektüre des Artikels des Bierrezensionskollegen probier.tv.

Nun gibt es ja so manchen, der in seinem Dünkel meint, dass dasselbe Bier schlechter schmeckt, wenn es in Dose statt in Flasche abgefüllt wurde. Persönlich habe ich das noch nie festgestellt, doch ich kann mir gut vorstellen, dass es Unterschiede geben kann, wenn ein Bier längere Zeit in einer lichtdurchlässigen Flasche oder in einer lichtgeschützten Dose aufbewahrt wird – allerdings dann mit leichten Vorteilen fürs Aluminium. Eine höchstprofessionell durchgeführte Vergleichsverkostung bei unseren österreichischen Nachbarn vom ORF hat das bestätigt – oder auch nicht. Ich bin mir nicht sicher.

Bestärkung für die These, dass Aluminium Vorteile hat, gibt es von Herstellern, die die Dose durchaus schätzen; Greg Koch, CEO von Stone Brewing, sagt im Fachmagazin Meiningers Craft 02/2016 beispielsweise, dass die Dose eigentlich das beste Behältnis überhaupt für Bier sei, was Frische- und Transportaspekte angeht – er bringt gerade sein Stone IPA in der Dose auf den deutschen Markt, gebraut und blechummantelt in Berlin. Ich habe mir daher ein anderes Bier ausgesucht, eines, das es sowohl in Flaschen als auch in Dose gibt, um zu schauen, wie sich die Unterschiede äußern: Das belgische Leffe Blonde. Trinken wir zunächst aus der Dose.

Leffe Blonde Dose

Optisch erinnert das Leffe Blonde stark an ein minimal trübes Kristallweizen mit gröberer Perlage; tatsächlich blubbert das Bier aber selbst nach einer guten Weile noch vor sich hin, ohne dabei eine großartige Schaumkrone zu erzeugen. Eine wirklich fantastische Farbe, passend zur Dosenfarbe.

Das erste, was mir in der Nase auffällt, ist ein Bananenaroma. Leichte Fruchtigkeit, nach reifem Pfirsich oder Aprikosen, und Nelken. Wirklich ansprechend, vor allem weil gut gekühlte Biere sonst ihre Duftstoffe eher zaghaft abgeben, und ich das Leffe wirklich mit den empfohlenen 5°C verkoste.

Geschmacklich wirkt es zunächst eine ganze Weile recht süß. Gewürzkomponenten sind dabei eindeutig vorhanden, ich bilde mir ein, etwas Glühweingewürz zu erkennen. Nein, ich bilde mir das nicht ein, ich fühle mich irgendwie zurück auf den Weihnachtsmarkt versetzt. Im Nachgang ist das Leffe leicht fruchtig, nicht wie ein hopfenlastiges IPA nach Zitronen und Orangen, mehr nach Aprikosen und Bananen.

Leffe-border

Im Abgang wirkt es recht trocken, vielleicht etwas klebrig am Gaumen. Der Abgang ist dann auch der schwächste Teil dieses belgischen Biererlebnisses; ich gieße schnell noch einen Schluck nach, um die mir eigentlich eher unangenehme Süßklebrigkeit aus dem Rachen zu bekommen. Doch es hilft nichts: selbst einige Minuten nach dem letzten Schluck ist mein Rachen verpappt. Schade, das ruiniert das ansonsten gelungene Geschmacksbild etwas.

Trinken wir nun zum Vergleich einige Schlucke aus der braunen 750ml-Glasflasche. Edel gestaltet ist sie schonmal und macht mehr her als die Dose; doch uns interessiert im Moment der Inhalt. Was soll ich sagen? Persönlich schmecke ich keinen Unterschied. Wenn es Differenzen gibt, dann gehen diese meiner unerheblichen Meinung nach im Schwankungsbereich der Herstellungschargen unter. Eventuell ist der Unterschied bei länger gelagertem Bier deutlicher. Oder es ist doch die Atmosphäre, in der man Bier trinkt, die einen Einfluss auf das Geschmackserlebnis hat? Ich vermute einfach mal letzteres, lasse mich gern aber eines besseren belehren.

Leffe Blonde Glasflasche

Ein deutlich erhöhter Alkoholgehalt von 6,6% ist nicht schmeckbar, aber nach einer Weile fühlbar, wie man es von Bockbier kennt. Dem fanatischen Anhänger des deutschen Reinheitsgebots rate ich von diesem belgischen Bier ab, denn es ist Mais und Zucker enthalten; persönlich glaube ich, völlig unabhängig von einem Reinheitsgedanken, dass zumindest letzteres gern eingespart werden könnte, um die unangenehme Abgangsüße loszuwerden. Und es wäre grundsätzlich wünschenswert, wenn diese unerwarteten Zusatzstoffe auf dem Etikett ausgewiesen werden würden, selbst beim bekanntermaßen experimentier- und zusatzstofffreudigen belgischen Bier. So muss man Dänisch können, denn zumindest auf der Flasche sind in dieser Sprache mehr Inhaltsstoffe angegeben als auf Französisch oder Englisch.

Süße und dabei noch würzige Biere sind ideale Cocktailzutaten. Sie sorgen für Blubber im Glas, eine gewisse Bittere und Körper. Und, und das sollte man nicht unterschätzen, Bier ist ein sehr sozialer Gast in Cocktails, es passt zu praktisch allen Spirituosen. Im Confidence Trick tun sich Bier, Rum und Marmelade aufs freundlichste zusammen und bieten eine attraktive Performance für den Biercocktailfreund.

Confidence Trick


Confidence Trick
1½ oz Jamaika-Rum (z.B. Hampden Estate Gold)
¾ oz Zuckersirup
1 oz Zitronensaft
4 Spritzer Zitronenbitter
Alle Zutaten gut shaken, in ein Glas geben und mit…

4 oz Leffe Blonde toppen.
Zum Schluss noch…
1 Teelöffel Orangenmarmelade auf den Boden des Glases geben.
[Rezept nach Chris Edwards]


Wie viele belgische Biere stammt auch das Leffe aus einer Abtei. „Ex opere messis“ ist das Motto der Abbaye Notre-Dame de Leffe, die allerdings selbst das Bier nicht mehr braut, sondern das Braugeschäft an den Branchenriesen InBev abgegeben hat – unter der Bedingung, dass Leffe weiterhin so traditionell gebraut wird wie im 13. Jahrhundert, als dort das erste Mal Bier hergestellt wurde (wo damals der inzwischen eingesetzte Mais herkam, bleibt das Geheimnis von InBev). Wörtlich übersetzt „die Ernte folgt aus dem Werk“, etwas freier vielleicht „die Früchte der Arbeit“, passt das Motto wunderbar auf ein Produkt wie Bier, das sich definiert durch Geduld beim Warten nach der Aussaat, die harte Arbeit bei der Ernte und die erforderliche Erfahrung des Brauens selbst, um am Ende für all diese Mühe bei einem kühlen Umtrunk entschädigt zu werden.

Die Zeiten ändern sich – Hayman’s Old Tom Gin

The Times They Are a-Changin‘ – so kehrreimte Bob Dylan in einem seiner bekanntesten Lieder. Wie alle Lieder, die so lange Zeiten überdauern, dass wir sie nach Jahrzehnten heute noch hören, hat der Song eine 1964 wie heute drängende Botschaft in sich: als Aufforderung an die Gesellschaft, den Wandel zu akzeptieren und sich ihm zu öffnen.

Der Wandel an sich ist ja erstmal keine positive oder negative Sache. Die Zustände, die aus ihm entstehen, können dann aber schon besser oder schlechter sein als vorher; und, um wegzukommen von sozialen und politischen Änderungen wieder hin zum Kernthema dieses Blogs, auch die Barwelt macht so ihre Wandlungen durch. Mal zum Schlechten, wenn Auswüchse wie Zucker im Rum, überindustrialisiertes Bier und exzessives, oberflächliches Flairbartending einem den Spaß am Schnaps nehmen; aber auch mal zum Guten, wie die aktuelle Craftbierbewegung oder das neue Qualitätsbewusstsein vor und hinter der Theke.

Am offensichtlichsten merkt man das, wenn man alte Cocktailrezepte liest. Da tauchen gern Spirituosennamen auf, bei denen selbst der erfahrenste Mixologe hin und wieder stockt, weil sie heutzutage praktisch unbekannt sind. Spirituosen steigen in der Beliebtheit oft plötzlich, und sterben dann wieder aus, meist nur einzelne Marken innerhalb einer Sorte, hin und wieder aber auch die ganze Sorte – wie geschehen beim Old Tom Gin, der vom London Dry Gin völlig weggefegt wurde.

Um so erfreulicher ist, dass der Wandel eben nicht nur solche katastrophalen Schnapskataklysmen mit sich bringt, sondern sie auch wieder behebt: Das Interesse an Gin im neuen Gincraze des 21. Jahrhunderts sorgt dafür, dass auch die schon totgeglaubten Ginsorten wie Plymouth Gin und eben der Old Tom Gin wieder auferstehen. Die erfahrenen Ginbrenner von Hayman’s haben sich 2007 des letzteren erbarmt, einige Hersteller folgten ihnen, und so finden wir heute Old Tom Gin wieder in den Spirituosenregalen der Welt, wie den Hayman’s Old Tom Gin.

Hayman's Old Tom Gin

Was ist der Unterschied zwischen London Dry Gin und Old Tom Gin? Die Farbe ist es offensichtlich schonmal nicht, denn auch der Hayman’s Old Tom Gin kommt völlig transparent daher, unterscheidet sich auch in der Viskosität kaum von anderen, modernen London Dry Gins. Er könnte sich nicht Gin nennen, wäre nicht auch der Geruch sehr stark von Wacholder direkt im Vordergrund geprägt. Aber schon gleich ist die Nase begleitet von einer Reinigungsbenzinsnote, Zitrone und einer deutlich floralen Komponente, nach Lavendel. Und, so meine ich, man erkennt nun einen ersten Unterschied: da ist etwas süßliches im Geruch vorhanden.

Der erste Schluck wischt dann die Zweifel, ob es sich hier wirklich nicht nur um eine Unterart des London Dry Gin handelt, weg: Der Geschmack ist sehr süß, da ist viel Kandiszucker, etwas Orange, etwas Kräuter, und die Gin-„Botanicals“, die man heute in unendlicher Menge findet, ganz dezent im Hintergrund. Ein Tick Anis komplettiert das Geschmacksbild.

Der Abgang des Hayman’s schließlich ist warm und mild, auf der Zunge etwas brennend, trotz der Süße recht trocken, und sehr kurz. Er hinterlässt ein leichtes Brummen im Mundraum.

Die Unterschiede zwischen Old Tom und London Dry sind schon klar erkennbar, auch wenn sich die Differenzen meines Erachtens zumindest beim Hayman’s hauptsächlich auf die Süße beziehen. Braucht der interessierte Heimbarkeeper diese Sorte Gin? Es kommt drauf an. Ein wahrer Ginaficionado sollte sein Ginrack ganz sicher mit einem Old Tom Gin anreichern, allein schon der Geschmacksweiterbildung wegen; und der auf echte Authentizität von Rezepten bestehende Mixologe natürlich auch. Wer aber nicht zu diesen Gruppen gehört, kann sich statt der (mäßig teuren) Investition auch mit der Kombination London Dry Gin plus etwas Zuckersirup behelfen, wenn man auf eine entsprechende Angabe in einem Cocktailrezept stößt.

Der Cocktail, für den ich mir fast schon exklusiv diese Flasche einer Randspirituose zugelegt hatte, ist der Martinez, ein uralter Klassiker, den schon Jerry Thomas in seinem Buch aufgeführt hatte. Die Wandlungen, die für Spirituosensorten gelten, gelten auch für Cocktailrezepte, und auch der Martinez wird heute in unterschiedlichen Rezepturen, die meist das Verhältnis zwischen Old Tom Gin und Wermut variieren, angeboten. Ich bevorzuge das Mischverhältnis aus O.H. Byron’s Vorschlag von 1884: Eins zu eins.

Martinez


Martinez
1½ oz Hayman’s Old Tom Gin
1½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
⅓ oz Maraschino-Likör
2 Spritzer Orangenbitter
[Rezept nach O.H. Byron]


Vom Design her gefällt der Hayman’s Old Tom Gin durch das Retrodesign. Die Flasche hat eine interessante, eckige Form, mit viel Text direkt im Glas eingelassen (sowas liebe ich ja), und einem an die alte Zeit des ersten Gincraze erinnernden Etikett. Was hat die Katze damit zu tun? „Old Tom“ ist ein Spitzname für eine schwarze Katze (auch die Brauerei, die das Old Tom Strong Ale herstellt, hat einen Old Tom as Maskottchen), und diese war damals auf der Verkleidung einer Apparatur abgebildet, durch die man per Münzeinwurf von der Straße aus sich eine Dosis Gin abfüllen lassen konnte, ohne eine Kneipe betreten zu müssen.

Nun, um den Bogen zurück zum Thema „Wandel“ zu schließen: heute hat Gin ein anderes Standing als damals, und wir müssen nicht mehr in den Untergrund, um guten Gin zu genießen – der Wandel bringt also wirklich hin und wieder Verbesserungen mit sich.