Ab ins Beet zum Agavenpflücken – El Jimador Tequila Reposado

In einem vorherigen Beitrag hatte ich ein Video eingebettet, in dem die Maisernte in Amerika gezeigt wird. Das ist uns, bis auf die Dimensionen, nicht fremd; Mähdrescher kennen wir auch gut hierzulande. Auch die Ernte von Gerste, Weizen und selbst Zuckerrohr können wir uns gut optisch vorstellen. Doch wie sieht es mit dem Grundstoff von Tequila und Mezcal aus, der Agave? Wer schonmal eine ausgewachsene Agave gesehen hat, weiß, dass die harten, dicken Blätter, versehen mit Dornen, nicht wirklich erntefreundlich sind. Für die Ernte einer Agave muss nicht einfach, wie bei den anderen erwähnten Pflanzen, die gesamte Sprossachse abgetrennt und eingesammelt werden, was gut maschinisiert für mehrere Pflanzen gleichzeitig durchgeführt werden kann, oder der Baum solange gerüttelt werden, bis das Obst von allein herabfällt. Bei der wehrhaften Agave werden die Blätter abgehackt und nur der innere Kern, die sogenannte piña, für die Weiterverabeitung gesammelt. Bis heute ist dieser Erntevorgang ein manueller; experimentelle Maschinisierung hat sich (noch) nicht durchgesetzt, selbst in der industriellen Produktion von Tequila.

Dem hart arbeitenden Agavenernter, spanisch jimador, zu Ehren, der mit seiner Erfahrung und speziellen Technik diese anstrengende Aufgabe im Schweiße seines Angesichts verrichtet, hat man den hier nun vorgestellten Tequila aus dem Hause Herradura El Jimador getauft – eine seltene, wahre Ausnahme zu den sonst bei Spirituosenerzeugern so beliebten Hintergrundgeschichten, die meisten davon moderne Legenden, geschrieben zur Verkaufssteigerung (ich hoffe, ich zerstöre hier keine romantischen Träume von Whiskey- und Rumfreunden).

El Jimador Tequila Reposado Flasche

Die Farbe ist sehr blass, wie bei Reposados üblich, die nur unterjährig in einem Fass zur Reifung verweilen; die Nase mild und sehr süß, mit Anklängen von Frucht und einem minimalen Hauch von Reinigungsmitteln. Nicht übermäßig ansprechend.

Im Mund ist der Tequila dann ölig, eher trocken, mit spürbarem Alkoholbrennen. Die Agavenfrucht ist zunächst klar dominierend, aber nicht überwältigend. Insgesamt ein eher zurückhaltender Tequila was die Aromen angeht, zart, fein und leicht, trotz des schnell einsetzenden Feuers. Im recht kurzen Abgang ist der El Jimador dann noch trockener, die Süße bleibt aber angenehm lange im Mund, und ein Anflug von Frucht dazu. Er hat etwas Vodkacharakter – kein überwältigender Tequila, aber ein guter Basisstoff, mit dem man was anfangen kann.

Gerade Tequila ist eine tolle Basisspirituose für Cocktails mit Kräutern, Gemüse und Obst. Ein Beispiel für ersteres ist der hocharomatische Tequila Sage Smash, bei dem der El Jimador ein gutes Fundament für die ätherischen Öle von Salbei legt.

Tequila Sage Smash


Tequila Sage Smash
2 oz Tequila Reposado (z.B. El Jimador Reposado)
¾ oz Limettensaft
½ oz Agavensirup
6 große gemuddelte Blätter Salbei
…in einem Glas mit Himalajasalzkruste servieren.
[Rezept leicht modifiziert nach Erik Adkins]


Serviert in einem Glas mit Himalajasalzkruste ein kräuterig-süßer Drink, der dem Charakter des Tequila entgegenkommt.

Neben Kräutern ist auch Obst ein guter Spielpartner für Tequila. Überall bekommt man sie – halbgefrorene Fruchtmargaritas. Besonders beliebt ist die Erdbeermargarita; persönlich noch lieber mag ich allerdings eine mit frischen Zutaten statt Saftkonzentraten hergestellte Pineapple Margarita, die zeigt, dass Ananas und Tequila eine perfekte Kombo sind.

Pineapple Margarita


Pineapple Margarita
1½ oz  El Jimador Tequila Reposado
1½ oz Triple Sec (z.B. Le Favori)
1 oz Zitronensaft
1 Prise Salz
½ oz Zuckersirup
Alle Zutaten gut shaken.
Dann eine kleine Babyananas stückeln…
…diese zusammen mit Crushed Ice mit dem Pürierstab pürieren…
…und mit dem Rest vermengen
[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche gefällt in ihrer ungewohnten, eckigen Form; und auch das Etikett mit der hübschen Illustration überzeugt. Auf ihr sieht man einen jimador, der mit dem typischen Werkzeug, das man auch heute noch benutzt, wie auf dem Eingangsvideo zu sehen, eine Agavenpflanze auf die piña, das Herz, reduziert.

El Jimador Tequila Reposado Etikett

Insgesamt ein gutes Tequila-Paket: Für mich war es der erste 100%-Agave-Tequila, den ich probiert hatte, und er eröffnete damit eine neue Welt und zeigte mir, wie Tequila wirklich schmecken kann, im Vergleich zu den recht grausigen Mixtos (also Tequilas, die nicht zu 100% aus Agavenzucker destilliert werden), die ich vorher nur kannte. Gerade weil der Preis nur wirklich unwesentlich über dem von Mixtos liegt sollte jedem die Entscheidung leicht fallen, welcher Tequila als nächstes in den Warenkorb wandert, wenn man etwas preisgünstiges sucht – der El Jimador ist ein solider 100%-Agave-Tequila für Anfänger.

Vielfalt ist kein Schimpfwort – Maisel & Friends IPA

Bei dem Versuch, ein paar Bekannten mal ein paar Biere abseits des Standardpils nahezubringen, hatte ich ihnen trickreich wie ich bin auch ein IPA untergeschoben. Die Reaktionen waren sehr gemischt – es blieb mir vor allem ein Satz in Erinnerung: „Das schmeckt ja überhaupt nicht nach Bier“. Was derjenige damit sagen wollte, ist wahrscheinlich, „das schmeckt ja überhaupt nicht nach Pils“. Laut einer Umfrage des ARD Buffets trinken deutschlandweit 42% am liebsten Pils – in meinem Saarland sind es laut dieser Umfrage sogar 77% (der lokale Schlager hier nennt sich Urpils).

Ohne den Pilsfreunden (zu denen ich definitiv nicht gehöre) nahetreten zu wollen – ich persönlich glaube, Verschwörungstheoretiker der ich bin, an einen anderen Grund für die Beliebtheit dieses Bierstils, als dass er so vielen wirklich schmeckt: In Deutschland hat die Bierindustrie es tatsächlich geschafft, ihr eigenes produktionsoptimiertes Produktportfolio über die letzten Jahrzehnte dermaßen einzuschränken und auf wenige Biersorten, hier insbesondere Pils, zu verknappen, und den Konsumenten so von Bierpluralität zu entwöhnen, dass als Bier scheinbar nur noch das gilt, was nach Pils schmeckt – und diese Konditionierung verstärkt sich dann irgendwann selbst. Dass Altbiere, Weiße, Ales und Stouts auch natürlich Biere sind, die eigentlich gleichberechtigt neben dem Platzhirsch Pils stehen sollten, wird vom Biergewohnheitstier dabei nicht realisiert – ein fruchtiges Pale Ale oder IPA wird als „modernes, künstliches“ Hipstergebräu wahrgenommen, das „kein Bier“ ist. Viele vermuten sogar Aromastoffe hinter den Geschmäckern von Ales, weil sie nie gelernt haben, dass es außer Bitter- auch Aromahopfen gibt. Wer nur Bohnen mit Speck kennt, hält es halt für das leckerste Gericht der Welt.

Zeit, etwas neues auszuprobieren, liebe Pilsfreunde! Ich will Euch Euer Pils ja gar nicht madig machen, aber aktuell sind die Chancen besser denn je, direkt auf den ersten Blindkaufversuch eine hervorragende Abwechslung ins Glas zu bekommen. Manchmal muss man aber auch nicht völlig blind kaufen. Viele Craftbrauer sind zwar nagelneue Startups und vom Namen her für die breite Masse völlig unbekannt; andere haben sich jedoch bereits im traditionellen Segment einen Namen erarbeitet. Das Maisel & Friends IPA ist so ein alternatives Bier eines klassischen Brauers, der Brauerei Gebr. Maisel, der für seine Craftbierschiene eine eigene Marke, eben Maisel & Friends, geschaffen hat.

Maisel & Friends IPA

Ein herrlicher, dunkel-kräftiger Bernsteinton in Kristallklarheit fasziniert schon beim Eingießen. Wie bei Ales üblich ist die Schaumkrone selbst zu Beginn eher dünn; eine feine, diskrete Perlage hält ihn aber über lange Zeit am leben. Geruchlich haben wir hier ein eher dunkeltöniges IPA vor uns; statt Zitronen finden wir Orangen, Pfirsich und Banane. Da ist noch ein sehr würziger Beiton im Hintergrund, nach Sojasauce vielleicht.

Eine starke Frische sorgt für ein kühlendes Mundgefühl schon beim ersten Schluck, auch, und das ist für meinen Geschmack viel besser komponiert als beim Citrilla desselben Herstellers, ist die Bittere schon von Anfang an als Komponente fühlbar. Sie dominiert klar das Geschmacksbild, eine milde Grapefruit taucht neben den errochenen Orangen noch auf. Insgesamt bleibt das Maisel & Friends IPA geschmacklich doch eher unauffällig und unkompliziert – der mittellange Abgang, mit lange anhaltender Adstringenz, komplettiert ein wirklich schönes, einfaches Bier.

Das Maisel & Friends IPA ist für mich ein sehr typisches IPA, das alles hat, was ein IPA haben muss, und das im Überfluss. Wie schon das Pale Ale bezaubert auch das IPA aber mit seiner Bodenständigkeit, es geht nicht in den Hopfenexzess, den IBU-Wahn und die Coolness-Rekordsuche über, sondern bleibt ein ehrliches Bier. Für mich gibt es zwei Kategorien von guten Bieren – die, die mich überraschen, die ich explorieren und Schluck für Schluck genussvoll verkosten kann; und die, die man einfach bei schlimmem Durst wegziehen kann, ohne gleichzeitig auf höchste Qualität verzichten zu müssen. Das Maisel & Friends IPA gehört in die zweite Kategorie.

6,3% Alkohol sind üblich für diesen Bierstil, 50 IBU ein guter Wert für die Bitterkeit. Erneut entdecke ich neben dem beliebten Cascade noch eine Hopfensorte, von der ich bis dato noch nichts wusste, nämlich Ahtanum; es scheint noch mehr drin zu sein, wenn man der Angabe „u.v.m.“ glauben darf.

Ich muss es wiederholen – bei einem Cocktail ist das Ergebnis mehr als die Summe seiner Teile. Perfekt lässt sich das am The Pineapple Hop demonstrieren: Rum, Ananas, Orgeat und Essig kombinieren sich herrlich mit IPA, und geben diesem Tiefe und Komplexität. Das IPA liefert Spritzigkeit und Bittere. Eine Win-Win-Situation.

The Pineapple Hop


The Pineapple Hop
1 oz weißer Rum (z.B. Brugal Titanium)
1 oz Pineapple Shrub
(oder ¾ oz Ananassaft mit ¼ oz Apfelessig und etwas Zucker vermischen)
¼ oz Orgeat
4 oz IPA (z.B. Maisel & Friends IPA)
[Rezept nach Elana Lepkowski]


Mit der Vermarktung in Supermärkten begann Maisel & Friends schon mit ihrem Pale Ale. Dieser Schritt in die Öffentlichkeit, in den Bierkonsummarkt außerhalb der Spezialisten, sollte hoffentlich mit der Zeit dazu beitragen, das oben beschriebene Image und  Fehlwahrnehmung zu korrigieren. Der dem Bierniedrigpreisland Deutschland sehr entgegenkommende Preis von 1€ pro Flasche sollte auch hartgesottene Sparfüchse, die sich vom sonst teilweise etwas erstaunlichen Craftbierpreis abschrecken lassen, dazu bringen können, sich der Biervielfalt etwas zu öffnen.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends dafür, dass sie mir 3 Flaschen des Maisel & Friends IPA kostenlos zum Test zur Verfügung gestellt haben.

Eine kleine Leckerei – On Ti Dousè Planteur Prestige

Nachdem mein Schulfranzösisch, das mich 4 Jahre begleitet hatte, über die vielen Jahre der Nichtbenutzung sehr eingeschlafen war, dachte ich nicht, dass sich das so leicht wiederbeleben lässt. Und in der Tat war die erste Lektüre, die ich mir im Urlaub vor einigen Jahren wieder auf Französisch zumutete, Léon l’Africain von Amin Maalouf, ein Brocken Arbeit. Seitdem habe ich aber nicht locker gelassen, und inzwischen lese ich Französisch fast wieder flüssig wie Englisch und Deutsch. Das soll nicht als Angeberei, sondern Ansporn an alle dienen, die ihre Sprachkenntnisse verschimmeln lassen – es lässt sich wieder aktivieren, und zwar schneller, als man denkt. Umso erstaunter war ich, dass ich in einer Facebook-Gruppe, die sich mit französisch-karibischen Rums beschäftigt, plötzlich auf viele Wörter stieß, die ich so überhaupt nicht einzuordnen wusste, und die ich auch nicht herleiten oder nachschlagen konnte.

Im Nachhinein erfuhr ich dann, dass es sich um kreolische Wörter und Satzkonstrukte handelte. Kreolsprachen sind Mischformen aus verschiedenen Sprachen, und haben sich von ihren Einflüssen abgelöst; im karibischen Raum sind französische Kreolsprachen verbreitet, und in Haiti beispielsweise wurde das kreyol ayisyen zur Amtssprache, die 95% der Bevölkerung sprechen. Man erkennt in den französisch-kreolischen Sprachen noch deutlich, dass sie viel Vokabular aus dem Französischen übernommen haben; viele Wörter sind aber verballhornt und lautlich abgewandelt, so dass es nicht einfach ist, Kreolisch nur mit Französischkenntnissen verstehen zu wollen, trotz der phonetischen Nähe. Ein Beispiel für diese tantalisierende Nähe ist der Name des hier vorgestellten Rumprodukts: On Ti Dousè Planteur Prestige. „Eine kleine Leckerei“ könnte man ihn vielleicht am passendsten ins Deutsche übersetzen; der frankophone Phonologe erkennt die Ableitung der kreolischen Wörter und deren spannende Veränderung.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche

15% Alkohol weist der On Ti Dousè auf, die Inhaltsstoffe sind laut Etikett rhum agricole, Fruchtsäfte und Gewürze. Wenn man ihn eine Weile stehen lässt, setzt sich Fruchtmark im unteren Drittel ab; ein gutes Zeichen, es bedeutet echte Frucht und dass keine Bindemittel oder Emulgatoren verwendet werden. Wenn man genau hinschaut, sieht man Fruchtfleischfasern und kleine Gewürzreste darin schweben. Auch im Glas ist er sehr dickflüssig und schwer.

On Ti Dousè Planteur Prestige Flasche Satz

Richtig süß kommt er auch in der Nase an. Vanille, Zimt, Guave, Maracuja. Herrlich tropisch und verführerisch. Wer auf fruchtlastige Getränke voller Charakter steht, wird hier sein persönliches Nirvana finden: Ein fetter, wuchtiger Fruchtgeschmack, mit feinem Gewürzaroma, voller Körper und dichtem, fast schon buttermilchartigen Mundgefühl. Im Abgang streckt der Rum vorsichtig seinen Kopf hervor und meldet sich; die Süße bleibt bis zum Schluss natürlich und mild, wirkt nie künstlich oder unangenehm. Zimt und Vanille schmeckt man noch sehr lange nach.

Planteur ist eine im Umfeld des rhum agricole sehr beliebte Zubereitung, die kein spezielles Rezept kennt; oft ist es ein rhum arrangé, also ein Rum, in dem Früchte und Gewürze mazeriert wurden, und der mit Fruchtsaft vermischt wird. Wer sich vom Namen her an den bekannten Cocktail Planter’s Punch erinnert fühlt, liegt, was die Zutaten angeht, nicht ganz falsch – allerdings wird ein Planteur nicht wirklich wie ein Cocktail à la minute zubereitet, sondern eine zeitlang vorbereitet, und gehört daher eher in die Kategorie Spiced Rum oder Rumtopf. Diverse Rhum-Agricole-Hersteller bieten Planteur-Premixes an, zum Beispiel Saint James, Old Nick oder Dillon; diese sind günstig zu bekommen, im Vergleich zum On Ti Dousè aber sehr dünn und geschmacksarm – der Untertitel Planteur Prestige, also Edel-Planteur, trifft den Unterschied sehr deutlich. Zum Vergleich hatte ich mir einen Punch Planteur von Dillon im nahegelegenen französischen Record zugelegt – das ist kein echter Konkurrent, mehr wie FC Bayern gegen SV Seligenporten II (ohne den Herren des SV Seligenporten II irgendwie nahetreten zu wollen).

Dillon Punch Planteur Flasche

Wo ist das Cocktailrezept, höre ich schon die Fragen. Der On Ti Dousè ist ja nun schon eine Zubereitung, also halte ich mich zurück mit einem künstlich aus den Fingern gezogenen Rezept. Überall, wo man Fruchtsaftaromen will, könnte man ihn untermischen, doch letztlich steht er sehr schön auf eigenen Beinen und ich genieße ihn mit einem Eiswürfel und einem kleinen Schuss Grenadinesaft, letzteres rein für die Optik.

On Ti Dousè Planteur Prestige Glas

0,7l bekommt man direkt beim Hersteller für 20€, abgefüllt in einer sehr schwungvoll gestalteten, massiven Glasflasche mit Plastikkorken, und einem zum Schwelgen und Träumen einladenden Etikett; leider sind die Versandkosten aus Frankreich recht deftig. Letztlich lohnt sich dieser Kauf aber für alle, die wissen wollen, wie ein wirklich guter, handwerklich hergestellter und qualitativ hochwertiger Small-Batch-Planteur schmeckt.

Erfolgloser Raubzug der Bio-Piraten – Störtebeker Weizenbiere

Piraten regten schon immer meine Fantasie an, und als Kind verschlang ich begeistert Medien zu dem Thema, beginnend beim „Was ist was – Piraten“-Buch, über diverse Dramatisierungen des Lebens von berühmten Freibeutern wie Henry Morgan und üblen Gesellen wie Blackbeard, später dann die Romane Rafael Sabatinis, bis hin zu den prägenden Errol-Flynn-Filmen. Ich wage nicht mal zu schätzen, wieviele Stunden Spielzeit ich dann noch in den Spieleklassiker „Pirates!“ gesteckt hatte, auf meinem Schneider-Amstrad-Rechner, damals zu DOS-Zeiten, mit pixeliger, kopfweherregender, Dreifarb-CGA-Darstellung und quietschkreischendem Lautsprechersound.

Kein Wunder also, dass ein Bier, das mit einem berühmten Piraten im Namen wirbt, meine Aufmerksamkeit erregt. Bei meinem letzten Besuch in einem lokalen Biomarkt sprangen mir zwei neue Sorten ins Auge, denen ich nicht widerstehen konnte. Sowohl das Störtebeker Bernstein-Weizen als auch das Störtebeker Roggen-Weizen landeten ohne viel Aufhebens in meinem Warenkorb, und nur kurze Zeit später dann auch in meinem Verkostungsglas.

Störtebeker Bernstein-Weizen Flasche

Beginnen wir mit dem Störtebeker Bernstein-Weizen, das mit 5,3% in einer Halbliterflasche angeboten wird, im firmenüblichen Design mit Hansekogge auf dem Etikett.

Im Glas gefällt mir diese Weizenbiervariante schonmal: Naturtrüb, aber noch recht transparent für ein Hefeweizen. Etwas wenig Schaum, der schnell komplett  verschwindet. Soweit, so typisch. Wenn man die Nase übers Bierglas hält, nimmt sie einen sehr angenehmen, würzigen Biergeruch wahr. Doch leider kommt davon nichts im Mund an – faszinierend lasch und ausdruckslos. Kein Charakter, kaum Aromen: eine derbe Enttäuschung. Zur Ehrenrettung weist das Bernstein-Weizen eine schöne Säure auf, sowie gute Rezenz.

Störtebeker Bernstein-Weizen Glas

Meine persönliche Empfehlung: Stark gekühlt als leichter, unbeschwerender Durstlöscher macht das Bernstein-Weizen seine Sache hervorragend, wenn man keinen großen Anspruch an Komplexität oder Aromenstärke legt. Diesen Einsatzzweck unterschätzt man als Vielverkoster auf der Suche nach abwechslungsreichen Hopfengetränken gern, doch ein Großteil der Biertrinker ist eigentlich nur am Rande an Spannungsbögen bei Bier interessiert und trinkt rein zur Erfrischung und Durststillung (oder, leider, wegen des Alkoholeffekts). Der Biergourmet allerdings lässts dennoch lieber im Regal stehen und schaut sich anderweitig um – vielleicht beim Sortenkollegen vom selben Hersteller?

Störtebeker Roggen-Weizen Flasche

Wie schlägt sich also das Störtebeker Roggen-Weizen im Vergleich? Schon in der Flasche ahnt man, dass hier etwas dunkleres daherkommt; im Glas bestätigt sich das schnell. Auch dieses Weizen ist naturtrüb, doch während das Bernstein-Weizen wenigstens mit toller Farbe punkten konnte, ist beim Roggen-Weizen schon der optische Eindruck nicht überzeugend: das recht dumpfe Braun erinnert mehr an abgestandenes Colabier als an einen Piratentrunk. Ansonsten hat man fast ein déjà-vu: Der Schaum ist zunächst kräftig, später dünn und feinperlig. Doch das Verkostungserlebnis ist eigentlich genau umgekehrt wie beim Vorgängerbier.

Der recht neutrale Geruch, mit süßen Anklängen von Banane und einem leichten Fehlton nach Plastik, haut mich wirklich nicht vom Hocker. Dieses Bier mit 5,4% Alkohol setzt Akzente dann eher beim Geschmack: Würzig im Mund, salzig, aber insgesamt trotzdem aromenarm, dazu trotz Roggen die hefeweizentypische Süße und ein Hauch von Banane. Auch diese Sorte ist sehr frisch mit hoher Rezenz. Der Abgang ist sehr trocken und leicht bitter, darüberhinaus nur kurz. Dadurch wirkt das Roggen-Weizen unrund; die starke Trockenheit am Schluss passt nicht zum Rest des Biers.

Störtebeker Roggen-Weizen Glas

Beiden gemein ist die oben kurz angerissene Flaschen- und Etikettgestaltung, die optisch sehr ansprechend ist. Besonders lobenswert ist das Rückseitenetikett, das Details über die Zutaten und Herstellung preisgibt: Hopfen (Smaragd), Malzsorten und Gärmethoden werden kurz erläutert. Ein Bio-Siegel und einige Bier-Awards dürfen bei entsprechender Zertifizierung natürlich nicht fehlen.

Wer schonmal einen gut gemachten Biercocktail getrunken hat, wird meine Faszination mit dieser eher etwas ungewöhnlichen Gattung des Mixgetränks nachvollziehen können. Vom Störtebeker Roggen-Weizen blieben ein paar Schluck übrig; diese machten sich dann vergleichsweise gut im flugs zusammengestellten fruchtig-sauren Sidewalker.

Sidewalker Cocktail


Sidewalker
1¼ oz / 40ml Applejack
1¼ oz / 40ml Zitronensaft
¾ oz / 25ml Ahornsirup
1 Spritzer Apfelessig
Auf Eis shaken und die Mixtur…
…auf 4 oz / 120ml Hefeweizen gießen.
[Rezept nach Damon Boelte]


Insgesamt sind bisher alle Störtebeker-Biere, die ich getrunken habe, nicht dazu angetan, dass ich mehr davon kaufen würde; sie schwanken zwischen enttäuschend langweilig (das Bernstein-Weizen), unausgegoren (das Roggen-Weizen) und schlicht untrinkbar (das früher schon verkostete Störtebeker Whisky-Bier). Wahrscheinlich rettet das Bio-Siegel diese Biere vor der Obskurität, denn es ermöglicht einen Verkauf in Biofrischmärkten, wie dem, in dem ich diese Biere erworben hatte – hier haben wir aber auch den Beweis, dass ein Bio-Siegel allein noch nichts über den Geschmack aussagen muss.

The Cask of Amontillado – Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry

Lange Zeit bevor ich mich überhaupt auch nur ansatzweise für Spirituosen interessiert habe, war ich schon in Kontakt mit Sherry. Nicht, dass ich damals, als ich begeisterter jugendlicher Fan des Alan Parsons Project und deren faszinierender Vertonung der Kurzgeschichte „The Cask of Amontillado“ von Edgar Allan Poe, das wirklich gewusst hätte, oder überhaupt, was Amontillado eigentlich ist. Einen kleinen Hinweis bekam man in einer Liedzeile, weiter hatte ich das nicht verfolgt.

Drinking the wine as we laugh at the time
which is passing incredibly slow…

Sherry ist, so lernte ich erst sehr viel später, verstärkter Weißwein, und Amontillado eine spezielle Version davon, bei der die Deckhefe („flor“) eine Weile auf dem Most verbleibt; nicht so lange wie bei Fino-, aber länger als bei Oloroso-Sherry. Und dass man den Amontillado, wenn man ein ganzes Fass davon zur Verfügung hat, tatsächlich ausgesprochen gut nutzen kann, um verhasste Feinde so besoffen zu machen, dass man sie im Keller einmauern kann, wie in dem Musikstück und der Kurzgeschichte erzählt wird, ist mir heute auch klar: Kaum eine andere Spirituose ist so süffig, fein, süßlich und dabei so hinterhältig im Alkoholgehalt wie Sherry – es hat schon einen Grund, warum in alten, britischen Filmen Sherry immer nur aus einem winzigen Gläschen genippt wird.

Das Konzeptalbum Tales of Mystery and Imagination sprach mich aus zwei Gründen an: bis heute bin ich Edgar Allan Poes Melancholie und Düsterkeit verfallen, und Parsons und Woolfson schafften es wirklich, eine auf den Punkt passende musikalische Atmosphäre auf Basis der Werke Poes zu erzeugen, dazu mit komplexer Struktur und Tiefe. In meinem unendlichen, leicht snobistisch angehauchten Kulturpessimismus dachte ich, dass diese Art guter Musik von der heutigen Jugend nicht mehr rezipiert wird; umso spannender war es zu sehen, dass auch 2016 diese Art der Musik, die nicht so einfach zugänglich ist, der man sich öffnen muss, die nicht im Radio gespielt oder im Fernsehen mit Musikvideos gezeigt wird, die aber so reichhaltig und wertvoll ist, junge Musiker dazu inspiriert, ihre eigene Coverversion zu machen.

Nun aber weg von Progrock, Konzeptalben und musikalischer Nostalgie, hin zum echten Stoff – ein Amontillado sollte also her für meine Heimbar, und nach einigem Abwägen und Hin und Her habe ich mich für den Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry entschieden. Knapp 13€ habe ich für diese 700ml-Flasche im Globus-Supermarkt in Saarbrücken hingelegt.

Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry Flasche

Ein schönes Braungold ist eine recht typische Sherryfarbe, die man auch beim Lustau Los Arcos findet, wenn man ihn aus der edel designeten, zurückhaltend gestalteten Flasche mit dem dezenten Etikett ins Glas gießt. Ich rieche Trauben, etwas Hefe, und sehr viel nussige und salzig-würzige Aromen.

Sherry basiert, wie bereits gesagt, auf Wein, und entsprechend liegen auch Weingeschmäcker im Vordergrund. Deutlich säuerlich, dabei aber gleichzeitig auch eine milde, feine, hintergründige, nicht überwältigende Süße. Erinnert mich etwas an Portwein, und geht definitiv mehr in die Fino– als in die MediumSweet-Richtung.

Im Nachgeschmack explodiert dann unvermittelt ein extremes, herrliches Walnussaroma, der Los Arcos bleibt dabei aber sehr trocken, und behält immer noch die Säuerlichkeit. Diese Walnussigkeit ist sensationell, ein wirkliches Highlight. Im mittellangen Abgang verbleiben die nussigen Aromen lange, ein adstringierendes, trockenes Mundgefühl zeigt, warum man diesen Sherrytyp „dry“ nennt.

Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry Glas

Ein dermaßen dichter Sherry wie dieser ist eine Bereicherung für jeden Cocktail. Doch er scheut auch nicht das Rampenlicht: Im Adonis ist er der König des kleinen Ensembles. Es muss ja nicht immer, um wieder zurück zur eingangs erwähnten Musik zu kommen, das Gegenstück zu einem -Konzert im Glas sein, manchmal bezaubern auch die ruhigeren, alkoholärmeren Aufführungen.

Adonis


Adonis
1½ oz Amontillado Sherry (z.B. Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry)
1½ oz Süßer Wermut (z.B. Punt e Mes)
2 Spritzer Pfirsichbitter
[Rezept nach unbekannt]


In der Saarbrücker Nautilus Bar, meiner neuen Referenz in Saarbrücken was ein breitgefächertes Portfolio angeht, gibt es eine riesige Auswahl an Spirituosen. Von Scotch über Gin über Rum über Vodka über Tequila, von allem ist etwas da, sogar vom sonst in Bars vergessenen Portwein bekommt man zwei Sorten. Nur eins fehlt: Sherry. Und das ist eigentlich der Standardfall in Bars, Sherry lebt dort ein Nischendasein. Dabei, und das zeigt der Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry auf eine beeindruckende Art und Weise, hat diese Spirituosengattung so viel zu bieten – die moderne Bar, in ihrer aktuellen nostalgischen Rückwärtsgewandheit, sollte diesen Klassiker keinesfalls weiterhin ignorieren. Wir Homebartender sollten voranschreiten und in unserem kleinen Umfeld damit beginnen, Sherry wieder salonfähig zu machen.

Sauer ist das neue Süß – Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau

Wir alle mögen süße Geschmäcker. Der eine vielleicht mehr, der andere weniger, doch insgesamt sind wir auf „süß“ konditioniert. Die Zuckerindustrie lebt davon, dass es kaum noch Produkte gibt, die nicht mehr oder weniger künstlich mit Zucker versehen werden. Oft geht es dabei schon nicht mehr um einen tatsächlich süßen Geschmackseindruck, sondern mehr darum, dass Zucker neben der Süßkraft auch ein Gefühl von Volumen vermitteln kann, und als genereller Geschmacksverstärker bestehende Aromen bekräftigt. Auch kann Zucker dabei helfen, spitzige Beiaromen abzuschleifen. Ein Wundermittel also. Hin und wieder wird es auch in Spirituosen und Bier eingesetzt, hier meistens, um mittelmäßige Produkte etwas aufzupeppen.

Auch im Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau ist Zucker enthalten. Traubenzucker, um genauer zu sein. Soll hier ein neues pappsüßes Pseudobier auf den Markt geworfen werden? Zum Glück nicht. Wir haben hier den Fall, dass das Bier in Flaschengärung hergestellt wird – etwas, das wir gut von Crémant oder Champagner kennen. Damit das Bier in der Flasche weiterhin gärt, benötigen die Hefen natürlich Nahrung, die sogenannte „Speise“. Diese muss zumindest zum Teil aus Zucker, der Lieblingsnahrung dieser kleinen Bierhelfer, bestehen. Letztlich muss der geneigte Biertrinker nicht damit rechnen, dass noch wirklich viel Zucker im Endprodukt enthalten sein wird, dafür sorgen die gefräßigen Hefen, die als Gegenleistung Alkohol und Kohlensäure abgeben.

Rügener Inselbrauerei Meerjungfrau Natursauer Flasche

Farblich ist das Meerjungfrau eher zurückhaltend: blassgolden, mit leichter Trübung. Wie von einer Flaschengärung zu erwarten ist, gibt es zunächst beim Eingießen eine sehr kräftige Schaumentwicklung. Die Schaumhaube baut sich natürlich ab, eine dünne Schicht bleibt, gespeist durch eine starke Perlage.

Die erste handfeste Überraschung kommt, wenn man die Nase ans Glas hält. Säure, Weinessig, Bierwürze und Grapefruit sind doch eher ungewöhnlich für ein Bier.

Extrem sauer ist es dann auch im Geschmack. Nicht mildsauer wie eine Berliner Weisse, oder eine Blanche d’Alsace, sondern wirklich fast in Richtung Essig – wenigstens aber wie ein Brut-Champagner. Die Säure übertönt alles, man nimmt vielleicht noch eine leichte Zitronennote wahr, im Hintergrund dazu eine gewisse Würze, die ihren Kopf hervorstreckt, als die Säure abnimmt.

Im Abgang ist das Meerjungfrau nur leicht bitter, aber dann auch nicht mehr so extrem sauer wie beim Antrunk. Die Würze bleibt eine halbe Minute auf der Zunge, dann ist das Bier weg.

Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau Glas

Hochspannend. Ich habe noch nie ein vergleichbares Bier getrunken, daher allein ist es schon interessant. Im Hochsommer bei starker Hitze kommt so ein Bier bestimmt sensationell an; beim eher kühlen, frischen Frühjahr ist es leicht gewöhnungsbedürftig. Auf dem Etikett wird auf den Bierstil Sour Ale verwiesen. Dieser Bierstil ist auf Bundesebene für Deutschland in der Tat ein „seltenes Bier“, wie der Hersteller einige seiner Biere bewirbt, doch, wenn man in die regionalen deutschen Biergewohnheiten schaut, muss man nicht unbedingt ins Ausland gehen, um ihn zu finden.

Bei diesem Bier steht man vor einem Dilemma. Einerseits möchte man es wirklich auch in Biercocktails einsetzen, andererseits würde es durch seinen sehr eigenen, bieruntypischen Geschmack jedes Rezept sprengen. Doch hier gibt es Abhilfe: Persönlich finde ich, dass das Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau ein Bier ist, das eine große sensorische Nähe zu Sekt oder Champagner aufweist. Als Sektersatz passt es tatsächlich wunderbar in Champagnercocktails, wie den The Sun Also Rises.

The Sun Also Rises


The Sun Also Rises
3 oz Champagner (oder hier: Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau)
¾ oz Sloe Gin (z.B. Boudier Sloe Gin)
¾ oz Zitronensaft
¼ oz Absinthe (z.B. Absinthe Emanuelle)
¼ oz Gomme Sirup
3 Tropfen Peychaud’s Bitters


 5,5% Alkohol, verteilt auf 0,33l gab es zum Erstellungszeitpunkt dieses Artikels im Globus in Saarbrücken für knapp 3€, oder in Dreiviertelliterflaschen für 7€ – da muss man normalerweise eigentlich schon eine gewisse Kaufhemmschwelle überwinden. Doch der Hersteller hat dieses Problem geschickt umgangen: Durch eine opulente, sehr gelungene Verpackung ziehen seine Biere die Augen geradezu an. Ein komplett die Flasche umhüllendes Papieretikett, das angeklebt und nicht abwickelbar ist, erinnert an eine große Version von Underberg-Fläschchen. Dazu kommt ein modernes, freches, und vielleicht sogar künstlerisches Design weit abseits traditionalistisch-altmodischer Biergewohnheiten. Die Leute im Supermarkt haben sich jedenfalls trotz des gehobenen Preises auf die Holzkisten und deren Inhalt gestürzt als gäbe es kein Morgen.

Insel-Brauerei Sortiment Kästen

Die Insel-Brauerei Rügen hat aktuell noch 11 andere Sorten im Angebot – einige davon stehen schon in meinem Regal und warten auf Verkostung. Ich freue mich sehr darauf, denn hier ist sowohl sehr viel Kreativität im Spiel, als auch ein offensichtlich professionelles, gut durchdachtes und geschickt ausgeführtes Konzept als Grundlage. Meiner persönlichen Meinung nach geht das eine ohne das andere nur kurzfristig gut; bei der Insel-Brauerei Rügen habe ich ein recht gutes Gefühl, dass diese Supermarkt-Kistenaktion nicht ein einmaliger Marketinggag war.

Lallende Iren in Frankreich – Hennessy VS Cognac

Mit der Aussprache ist das bei manchen Produkten so eine Sache, insbesondere, wenn mehrere Sprachfamilien aufeinandertreffen. So wurde aus Xeres/Jerez für die zungenfaulen Briten einfach Sherry;  aus dem schottisch-gälischen uisge beatha das uns bekanntere Whisky. Einerseits könnte man sicher argumentieren, dass es sich bei dem Namen des Cognac Hennessy VS um einen anglophonen Familiennamen handelt, und ihn dann entsprechend britisch als Fastgleichklang zu „Tennessee“ auszusprechen; doch tatsächlich ist dieser Firmenname so ins Französische übergegangen, dass man ihn korrekterweise auch mit leichter Zunge „ensi“, mit Betonung auf der letzten Silbe, hervorbringen sollte. Schließlich beginnt die Produktgeschichte des Hennessy VS zwar mit einem irischen Auswanderer, doch über 200 Jahre Aufenthalt in der Region Cognac in Frankreich macht eben selbst aus dem härtesten Iren irgendwann einen Franzosen.

Hennessy VS Flasche

Man riecht, wenn man die Flasche dieses Cognacs öffnet, brandytypisches Trockenobst, etwa Datteln oder Rosinen, und Nüsse, und eine erkennbare Schwefelnote. Man muss aber schon ordentlich Luft durch die Nase holen, um mehr als Anklänge an diese Eindrücke zu riechen, und sich dabei aber vor der Alkoholfahne in Acht nehmen.

Zugegebenermaßen hat der Hennessy VS zunächst ein recht rundes Mundgefühl, mit leisen Fruchtnoten, doch vergleiche ich das mit einem guten Rum oder Whiskey, ist dies hier doch etwas geschmacks-, geruchs- und aromenarm. Ich muss den guten Tropfen lang im Mund hin und her gleiten lassen, um wirklich was zu schmecken, was über die Oberflächlichkeit hinausgeht. Da sind viele andere Weinbrände, die ich kenne und noch im Regal habe, dem Hennessy VS doch einen guten Schritt voraus. Eine recht scharfe Alkoholkante durchzieht das gesamte Geschmackserlebnis, das mit einer nicht wirklich bezaubernden Seifennote in der Mitte aufwartet, und einem vergleichsweise brennenden, dabei aber nichtssagenden, eher kurzen Abgang.

Letztlich habe ich ihn aber auch nicht für den puren Genuss gekauft, sowas ist für mindestens VSOP reserviert, sondern für Cocktails, die nach Cognac verlangen, wie den klassischen Sidecar, oder eine kleine, feine Negroni-Variation wie den Ampersand. In Kombination mit anderen Zutaten macht sich die Milde des Hennessy VS recht gut – und wieder bestätigt sich, dass bei Cocktails das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist.

Ampersand


Ampersand
1 oz Cognac (z.B. Hennessy VS)
1 oz Old Tom Gin (z.B. Hayman’s Old Tom Gin)
1 oz süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
2 Spritzer Orange Bitters


Von der Präsentation bin ich allerdings begeistert – eine sehr schöne, edle Flasche, tolles Etikettendesign und ein sehr repräsentativer, stabiler Karton machen diesen Cognac zu einem passenden Geschenk für jeden, der die zurückhaltende Dezenz dieses Cognacs, im Gegensatz zu mir, würdigen kann.

Hennessy VS Flasche und Karton

Alles in allem muss sich diese Flasche für knapp 30€ mit anderen Spirituosengruppen wie Rum, Whiskey und Gin aus der gleichen Preiskategorie messen – und da bin ich schon etwas enttäuscht. Für diesen Preis kriegt man durchaus schon Spitzenprodukte dieser Spirituosen, und übrigens auch bereits recht ansprechende VSOP-Cognacs anderer Hersteller, während das bei Hennessy offensichtlich erst der Einstiegspreis für ein Basisprodukt und man von der Spitze weit entfernt ist. Ich sehe den Hennessy VS oft im Angebot für rund 23€ – das ist schon eher ein angemessener Preis, und ich rate Interessierten, auf so ein Angebot zu warten.

Zucht und Ordnung – Maisel & Friends (Citrilla) Weizen IPA

Es überrascht uns immer wieder. Da gehen wir durch den Supermarkt, und entdecken hin und wieder seltsame neue Gemüse- und Obstsorten, die wir so noch nie zuvor gesehen hatten. Manchmal erinnern sie uns optisch an eine oder mehrere Früchte, die wir kennen; manchmal, wenn man es riskiert und das Neue ausprobiert, erkennen wir einen Geschmack, den wir irgendwo anders her kennen und nicht mit dem Erscheinungsbild verbinden würden. Mischformen und Hybridzüchtungen sind in; einerseits bringt das Verlangen nach Neuem Züchter dazu, zwei altbekannte Sorten zu kreuzen. Andererseits vereinen Hybride manchmal das beste aus zwei Welten und sorgen für gern angenommene Effekte wie die hypoallergische Eigenschaft eines Labradoodle.

Weitere Beispiele gefällig? Für uns als Spirituosenfreunde ist die Pomeranze oder Bitterorange wohlbekannt – eine uralte Kreuzung aus Mandarine und Pampelmuse, die uns im Triple Sec viel Freude bereitet. Die moderne Gentechnik und Zuchtfreude macht vor nichts halt, und wir können uns darauf einstellen, künftig in Obstabteilungen immer wieder mal etwas zu finden, was wir nicht direkt einordnen können; Romanesco, als zumindest optisches Verwirrspiel zwischen Brokkoli und Blumenkohl, war nur der Anfang.

Da ist es natürlich nur recht und billig, dass sich auch Biersorten untereinander kreuzen lassen. Dazu braucht es dann keine genetischen oder züchterischen Kenntnisse, doch ein tieferes Verständnis von dem, was in einem Bier möglich, interessant und letztendlich auch vermarktbar ist, muss natürlich vorhanden sein. Aktuell ist eine gute Zeit für derartige Experimente; das Interesse an Bier abseits von Pils und Lager ist bei den mittelständischen und kleinen Brauereien gerade groß, deren Kundschaft gleichzeitig auch bereit, sich auf neues einzulassen und auch entsprechend Geld auf den Tisch zu legen. Eines dieser Neukreationen ist das  Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA, das seine beiden Elternteile schon im Namen trägt (inzwischen heißt es nur noch „Weizen IPA“).

Maisel & Friends Weizen IPA

Auch wenn Hersteller Maisel & Friends ein hauseigenes Pint-Glas für den Genuss vorschlägt – wir sind hier schon auf einer experimentellen Schiene, da muss nicht auch noch mit der Glasware gespielt werden. Ein Weizenglas ist ein perfekt geeignetes Behältnis für dieses naturtrübe, blass-strohgelbe Bier; wenig Perlage, ein feiner, zunächst dicker Schaum mit vereinzelten großen Blasen – sehr hefeweizentypisch sieht es zumindest aus. Doch, wie schon bei Hybridfrüchten, das muss erstmal nichts aussagen, denn…

… der Geruch ist dann plötzlich sehr viel mehr IPA als klassisches Weizen. Fruchtig, zitronig, reife Ananas, und dann erst viel später die Weizen-Banane, und etwas Fruchtmarmelade. Besonders ist die Aktivität des Geruch, der schon beim Ziehen des Kronkorkens offensiv verströmt wird. Sowas gefällt mir.

Das Citrilla setzt seinen Crossover-Kurs gnadenlos fort: Mild-cremig ist es im Antrunk, dicht und kräftig, süßlich, sehr frisch, wie ein Hefeweizen halt. Dann springt es um auf die IPA-Komponenten, der Hopfen attackiert mit orangigen Fruchtnoten und schließlich, boom! Eine Bitterexplosion kickt alle süßen Gefühle des Vorspiels in die Weichteile. Ein Männerweizen, wenn man positiv formulieren will; wenn ich kritisieren will, finde ich diesen Übergang etwas brutal – es kommt unerwartet, selbst beim zweiten oder dritten Schluck, und dadurch wirkt das Bier etwas unrund komponiert. Der sehr lange Abgang, bitter-trocken, säuerlich, mit vielen Hopfenaromen, entschädigt dafür.

Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA Flasche

Ein sehr spannendes Experiment. Die Frage ist, ob außerhalb der Craft-Interessierten die Bierwelt bereit ist für so ein Bier. Ich bin ein großer Fan des Herstellers, insbesondere des Pale Ales, und finde auch den Hopfenreiter sehr gelungen. Das Citrilla trifft nicht wirklich meinen Geschmack – da ist ein bisschen zuviel von allem, süß, sauer, bitter, trocken… mir fehlt ein gewisser Geschmackskitt, der all diese Komponenten zusammenhalten könnte.

Der Hefeweizen Summer Beer Cocktail, der, wie der Name schon andeutet, normalerweise mit „normalem“ Hefeweizen gemacht wird, ist ein recht süßer Biercocktail. Für meinen Geschmack, fast schon zu süß, wenn die Orangen für den Saft entsprechend mild sind. Das Citrilla Weizen IPA durchbricht diese Süßewolke, und fügt einen herben, leicht bitteren Unterton ein – persönlich empfunden verbessert das Citrilla den Cocktail also sogar etwas.

Hefeweizen Summer Beer Cocktail


Hefeweizen Summer Beer Cocktail
6 oz Hefeweizen (z.B. Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA)
2 oz frischgepresster Orangensaft
1 oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
[Rezept nach http://www.craftedpours.com]


Das Flaschendesign ist unspektakulär, das Etikett im üblichen, gelungenen Retro-Maisel-Stil gehalten. 330ml in der Longneck-Flasche bekommt man für den äußerst fairen Preis von 1€ – darin enthalten sind 6,0% Alkohol, 37 IBU durch die Hopfensorten Herkules, Citra und Amarillo – die beiden letzteren sind die Paten für das Citrilla; auch im Namen setzt sich also der „Crossover“-Effekt konsequent fort.

Selbst wenn dieses Bier mich nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt, so finde ich es dennoch großartig, dass wir in Deutschland Brauer haben, die was riskieren, herumspielen, Neues schaffen, und sich nicht auf althergebrachten Sorten und Marken ausruhen – und so einige davon, an vorderster Front Maisel & Friends, brauchen sich diesbezüglich hinter keinem britischen oder amerikanischen Bierhersteller zu verstecken, obwohl sich diese, auch wenn sich das verrückt anhört im Bierland Deutschland, mit solcherlei einen leichten Vorsprung erarbeitet hatten.

Ich danke der Brauerei Maisel & Friends für die unaufgeforderte Zusendung von 3 Flaschen des Citrilla Weizen IPAs.

Mein Ohr ist noch dran – Absinthe Emanuelle „Vom Fass“

Es gibt Spirituosen, vor deren Genuss eine gewisse Prozedur der Zubereitung oder Präsentation erforderlich ist, selbst wenn man sie pur oder nur leicht modifiziert trinkt. Der geneigte Gin&Tonic-Freund weiß ja bereits, dass es Regeln zum Bauen eines gelungenen Gin&Tonic gibt, Cask-Strength-Whisky-Trinker haben einen kleinen Krug mit Wasser stets in Griffnähe bereitstehen, und das eigentlich unsägliche Tequila-Ritual mit Salz und Limette macht aus dazu verwendetem unterdurchschnittlichem Agavenschnaps ein Erlebnis. Die Krönung des ganzen stellt aber die traditionelle, professionelle Weise dar, wie man Absinthe vorbereitet.

https://www.youtube.com/watch?v=HAPj6CX4h5U

Das kommt nun dem einen oder anderen vielleicht etwas exaltiert und prätenziös vor, schließlich könnte man das Wasser, das bei einer Alkoholstärke von 50-80% dringend nötig ist, auch einfach so in den Absinthe kippen. Natürlich muss man nicht den Aufwand betreiben und einen tropfenden Wasserhahn installieren; persönlich bin ich aber der Meinung, dass es das Genusserlebnis enorm steigert, wenn man die Zubereitung mit Stil und Eleganz durchführt. Schließlich sind wir hier Alkoholgenießer, und nicht am möglichst schnellen Besäufnis interessiert.

Daher ist auch die Auswahl der verwendeten Spirituose von zentraler Bedeutung. Doch bei Absinthe laufen selbst fortgeschrittene Spirituosenconnaisseure in ein Problem – während es für Whisky, Bourbon, Rum, Tequila und anderes Hochprozentiges viele Ratgeber und Kauftips gibt, man in Supermärkten und Fachhandlungen eine große Auswahl von Produkten zur Verfügung hat, ist es bei Absinthe sehr viel schwieriger, Qualität zu finden. Einerseits mag dies daran liegen, dass das Verbot der Herstellung von Absinthe in Deutschland erst seit 1998 wieder aufgehoben wurde, und 75 Jahre Herstellungsverbot sorgen natürlicherweise für einen gewissen, bis heute nachlaufenden Mangel an Auseinandersetzung mit Absinthe; andererseits ist auch der Geschmack eigenwillig und kaum als Massenprodukt durchsetzbar. Ein Absinthe, der in diversen einschlägigen Absinthe-Internetforen immer wieder mal genannt wurde, und den ich mir nun als Einstiegsprodukt für mich in diese Welt der grünen Fee ausgesucht habe, ist der Absinthe Emanuelle „Vom Fass“.

Vom Fass Absinthe Emmanuelle Flasche

Dieser Absinthe weist eine helle, grasgrüne Färbung auf, die schon leicht ins gelbliche übergeht. Die Flüssigkeit ist kaum viskos. Positiv fällt ein sehr durchdringender, aromatischer Geruch auf, der sich direkt nach Eingießen im Zimmer verbreitet. Deutlich erkennbarer Anis, schon fast Lakritz. Kerbel und Fenchel, aber auch überraschend blumig nach Jasmin. Leichter Beigeruch von Lebkuchengewürzen, trockenem Tabak und verkokeltem Plastik. Sehr angenehm und spannend zu riechen.

Zunächst ein paar Tropfen pur; bei 55,0% ist das grenzwertig. Im Mund sind die Aromen sehr viel weniger vielfältig. Der Geschmack nach Lakritz ist überwältigend und alles andere überdeckend, als hätte man, wie man das bei schlechtem Tequila mit Limettenvierteln macht, zum Trinken in eine schwarze Haribo-Lakritzschnecke gebissen. Wenn man das Etikett liest, wundert man sich nicht: Süßholz als Zutat sorgt wahrscheinlich für diese Eindeutigkeit. Salzig. Pfeffrig. Sehr aggressiv. Korrodiertes Metall, feuchtes Holz, nasses Laub.

Ein mittellanger bis kurzer Abgang überrascht bei dieser Wucht etwas. Doch man kommt nicht ungeschoren davon: Der Emanuelle ist adstringierend am Gaumen und betäubend auf der Zungenspitze. Im Rachen ist ein interessanter, schwer zu definierender Holzgeschmack zu beobachten. Auch wenn der restliche Abgang eher kurz ist, Anis bleibt noch eine gefühlte Ewigkeit im Mundraum.

Mit ein paar Tropfen Wasserbeigabe setzt ein leichter Louche-Effekt ein; die milchige Flüssigkeit geht noch mehr ins Gelbe über. Der Geruch nimmt eine zitronige Komponente auf, wird ingesamt natürlich schwächer. Auch im Geschmack ist das Süßholz zwar noch klar bestimmend, aber nicht mehr ganz so brutal. Kräuterige Aromen werden stärker, Fenchel und Kerbel vielleicht.

Vom Fass Absinthe Emmanuelle Glas Louche

Abgefüllt ist der Absinthe Emanuelle in ein neutrales Fläschchen mit „Vom Fass“-Einlassung; hervorragend finde ich, dass man ihn in verschiedenen Größen erwerben kann, direkt über die Abfüllerhomepage. 8€ für 100ml ist ein gehobener Preis für Spirituosen im Allgemeinen, Qualitätsabsinthe ist aber eh schon grundsätzlich in höheren Preissphären angesiedelt. Da kein Etikett auf die Flasche geklebt wird, sind einige wenige Details auf einem Flaschenanhänger untergebracht. Mehr Infos wären allerdings sehr wünschenswert, passen aber vielleicht nicht in das Geschäftsmodell von „Vom Fass“, das auf halbanonymisierte Markenprodukte in neutralen Flaschen setzt.

Absinthe Emanuelle Etikett

Absinthe hat es im alltäglichen Cocktailbetrieb nicht ganz leicht. Dabei war es früher, vor dem seltsamen, irrationalen Verbot eine beliebte Zutat; einer der bekanntesten und meines Erachtens besten Cocktails überhaupt, der Sazerac, nutzt Absinthe, um mehr ein einzigartiges Geruchs- als ein Geschmacksbild zu erzeugen, indem man das Glas mit Absinthe nur ausspült.

Der moderne Bartender hat vielleicht nicht mehr die Muße, ein Glas gemütlich auszuschwenken. Für den gestressten Mixer gibt es die Möglichkeit, den Absinthe in eine Sprühflasche zu füllen und mit ein, zwei gezielten Sprühstoßen denselben Effekt zu erzielen. Dazu nimmt man eine Sprühflasche, die auch für Essig geeignet ist und die man normalerweise dazu verwendet, Dressing auf Salat zu sprühen. Auf jeden Fall sollte sie lebensmittelgeeignet sein, man will ja nicht, dass sich Plastik und Gifte in den Absinthe lösen – etwas mehr zu investieren zahlt sich hier aus.

Absinthe Emanuelle Sprühflasche

Eine kleine, aber feine Variation auf den weltbekannten Sazerac ist der Latin Quarter. Die Zubereitung funktioniert aber identisch: Das Glas kühlen, dann mit Absinthe aussprühen oder -spülen, und dann die Mixtur zugeben. Wie man auf dem Foto des Cocktails sieht, kann das Aussprühen einen schönen Schimmereffekt am Glas erzeugen, den das Ausspülen nicht erreicht. Und, wertvoll für den vergesslichen Heimbartender, der Sprühstoß kann auch erfolgen, nachdem der Drink schon im Glas ist. Einreißen lassen sollte man so eine Nachlässigkeit aber natürlich trotzdem nicht.

Latin Quarter


Latin Quarter
2 oz dunkler Rum (z.B. Damoiseau VO)
½ Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Peychaud’s Bitters (alternativ The Bitter Truth Créole Bitters)

1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
In einem Glas, das mit Absinthe Emmanuelle ausgesprüht wurde, servieren.
Vorher noch eine Zitronenzeste darauf ausdrücken.
[Rezept nach Joaquin Simo]


Leider schafft es kein Absinthe, den ich bisher probiert habe, mich zum Absinthe-Fan zu konvertieren; auch dem Absinthe Emanuelle gelingt dies nicht. Der sehr spezielle Geschmack ist einfach nicht mein Ding, doch erkenne ich nichtsdestotrotz deutliche Qualitätsunterschiede zwischen einzelnen Produkten. Die oft in Supermärkten erhältlichen, industriell hergestellten, grellgrün gefärbten Liköre, die meist mit Absinthe nur die starke Anis-Note gemein haben, ohne den krautig-herbalen Untergrund, lasse ich schon seit längerem im Regal stehen. Der Absinthe Emanuelle ist ein erster Schritt heraus aus diesem Pseudoabsinthe, und gerade für Leute wie mich, die Absinthe ausschließlich als Cocktailzutat nutzen, ein sehr geeignetes Produkt mit gutem Preisleistungsverhältnis.

Zum Vergleich habe ich noch eine Flasche eines Premium-Absinthes im Regal: Der Absinthe Nouvelle-Orléans wird dann bald einen eigenen Artikel mit Verkostungshinweisen bekommen.

Helle Seele in rotem Gewand – Duckstein Rotblondes Original

Das Reinheitsgebot zelebriert seinen 500. Geburtstag. Für mich kein wirklicher Grund zu feiern, denn das Reinheitsgebot ist ein sehr zwiespältiges Thema. Von den Verfechtern als Protektor des deutschen Qualitätsbiers gefeiert und eisern verteidigt, sehen etwas weniger nostalgische, innovative Brauer dieses Gebot, heutzutage in Form der Bierverordnung eingebettet ins Lebensmittelgesetz, inzwischen eigentlich mehr als industriefreundlichen Bremsklotz, der die Produktion uralter, traditioneller Bierstile, die Zusatzstoffe verwenden, erschwert, und die Weiterentwicklung von Bierstilen und die Berufsfreiheit einschränkt; gleichzeitig erlaubt es aber der Industrie, Biermischgetränke in fast beliebiger Form zusammenzupanschen, ohne Furcht vor Repressalien.

Duckstein Rotblondes Original Flasche

Beim Trinken des Duckstein Rotblondes Original fragt sich vielleicht der eine oder andere Fan dieses Gebots, inwieweit die Verwendung von Buchenholzspänen in der Produktion nicht eigentlich dem Reinheitsgebot wiederspricht, das ja nur Wasser, Gerste und Hopfen erlaubt. Nun sagt das Reinheitsgebot nichts über die Lagerung aus; ursprünglich wurde das Duckstein, wie viele Biere, wohl in Holzfässern gelagert und nahm daher seinen Buchenholzcharakter an. All dies ähnelt der Situation bei Spirituosen wie Whisky, der ja auch keine Aromatisierung in der Herstellung erlaubt, die in der Lagerung entstehenden Fassaromen aber unverzichtbar zum endgültigen Geschmackserlebnis dazugehören, und wo auch gern mit unterschiedlichen Aromen aus Fässern gespielt wird, die vorher Bourbon, Sherry, Portwein oder Madeira enthielten. Die Umstellung von Fässern auf die Verwendung von Buchenholzspänen beim Duckstein ist aber wahrscheinlich eine Gratwanderung (bei schottischem Whisky würde hier von der Scotch Whisky Association sicherlich eingegriffen, die schon „inner staves“ ablehnte).

Zu welchem Bierstil kann man das Duckstein eigentlich zuordnen? Auch wenn deutsches, obergäriges Bier heutzutage außerhalb der Craftbeerszene einen schweren Stand hat, würde ich, Wikipedia folgend, das Duckstein, das sich zwar selbst nicht als Altbier bezeichnet, vom degustatorischen Eindruck her am ehesten in diese Kategorie einsortieren.

Duckstein Rotblondes Original Glas

Was erwartet man von einem Bier, das sich „rotblondes Original“ nennt? Genau so etwas, was man hier zu sehen bekommt. Pariser Rot, kräftige Farbe, schöne Reflexe. Zunächst bekommt man einen dicken Schaum, der dann aber schnell abbaut, nach einer Weile bleibt nur noch eine Art Schaumtonsur übrig.

Ein würziger Geruch verströmt, malzig, etwas nussig, etwas metallisch, leichte Röstaromen – erinnernd an Porter. Klar würziger als das Alt, das ich zur Zeit als einziges zum Vergleich habe: Diebels. Liegt das an der Buchenholzreifung?

Auch geschmacklich hat das Duckstein etwas porterhaftiges, doch lang nicht so dicht und kompromisslos. Mehr eine Mischung aus Porter und Schwarzbier: helle Seele in rotem Gewand. Im Mund ist es also erstmal süß und mild, mit zurückgenommener Bittere, dabei aber gleichzeitig mit sehr ausgeprägter Frische und Rezenz. Im Abgang wird es dann sehr trocken, würzig, stärker bitter; ein herrlicher Geschmacksbogen. Ich lehne mich etwas aus dem Fenster: Das könnte mein Lieblingsbier überhaupt werden.

Duckstein Rotblondes Original Detail

Ich bin ein großer Fan von hübsch anzusehenden Flaschen – und das Duckstein ist in einer wirklich spektakulären Flasche abgefüllt, eine der schönsten Bierflaschen, die ich kenne, wenn nicht sogar die schönste. Ein eingelassenes Wappen, eine schwungvolle Form, ein gelungen designtes Etikett; und schließlich ein Zusatzetikett am Kronkorken mit Chargennummer.

Selbstverständlich ist so ein Bier auch in einem Cocktail gut unterzubringen. Ich habe mir für dieses Bier den Gentleman’s Shandy ausgesucht, der im Original nach Red Ale verlangt – und das „rotblonde“ Duckstein passt da dann eben hervorragend. Die erkennbare Schichtung gelingt recht einfach, und ist sehr stabil – ein wunderschöner Effekt, wenn das rote Bier über der gelblichen Ginmixtur wabert, gekrönt von festem, weißem Eiklarschaum.

Gentleman's Shandy


Gentleman’s Shandy
¾ oz Gin (z.B. Beefeater London Dry Gin)
¾ oz Zuckersirup
¾ oz Zitronensaft
1 kleines Eiweiß
…mit etwas Ginger Beer (z.B. Fever-Tree) aufgießen…
…und dann wiederum mit Duckstein Rotblondem Original aufgießen.


Der einzige Knackpunkt für den Massenerfolg könnte der Preis sein; knapp über 2€ pro halbem Liter ist leicht gehobenes, aber ganz klar noch nicht abgehobenes Niveau, doch der unschlüssige Bierkäufer könnte sich davon abgeschreckt fühlen. Persönlich finde ich jedoch, dass dieses Bier jeden Cent des Preises auch wirklich wert ist, da gibt es ganz andere Kandidaten, die im Zuge der Craftbierbewegung mitschwimmen, deutlich teurer sind und dabei an das Duckstein in keiner Form heranreichen können.

Fazit: Ein tolles Bier mit toller Präsentation. Zugreifen wird empfohlen, gern auch im praktischen Vierer-Karton-Tragerl (ich liebe dieses süße und dabei so praktische österreichisch-bayerische Wort, und musste es daher einfach in diesen Artikel mitaufnehmen), denn wer das Duckstein Rotblonde Original einmal probiert hat, wird mehr davon wollen!