Kretischer Raki Titel

Hausgemacht schmeckts halt am Besten – Kretischer Raki und Rakomelo

Der Urlaub auf Kreta dieses Jahr war erneut ein Erlebnis. Seit vielen Jahren genieße ich die unglaubliche Freundlichkeit der Kreter, die, im Gegensatz zu vielen anderen Urlaubsländern, nie aufgesetzt oder der Verkaufsförderung dienend wirkt. Filoxenia und filotimo, also Gastfreundschaft und Respekt vor dem sozialen Umfeld, sind in Griechenland keine abstrakten Schlagworte, sondern zumindest bei den Griechen, die ich auf Kreta kennengelernt habe, gelebte Wirklichkeit. Sowohl in den Touristendörfern (wo den Kretern leider selten derselbe Respekt zurückgegeben wird, wie ich dauernd fremdschämend erleben musste), als auch in den abgelegeneren kleinen Bergdörfern, wo trotz Sprachbarriere eine herzliche Freundlichkeit Fremden gegenüber herrscht. Manchmal muss man in Vorleistung gehen, doch dazu reicht es oft schon aus, die älteren Herren in der Taverne beim Frappé von sich aus mit einem lauten kalimera zu begrüßen, sich respektvoll zu verhalten und wenigstens „bitte“ und „danke“ auf Griechisch sagen zu können – das sollte, egal wo, aber eh nicht zuviel verlangt sein.

Mond über Kreta

Das Nationalgetränk Kretas ist entweder dieser Frappé, eine Art Eiskaffee – oder Raki. Der „offizielle“ griechische Name für diesen Tresterbrand ist tsikoudía, und man findet auf Flaschen häufig nur eine der beiden Bezeichnungen, doch die Kreter, die ich zu dieser Spirituose befragt hatte, nutzten praktisch alle das Wort Raki. Im kretischen Dialekt verschleift sich die harte hochgriechische Endsilbe „-ki“ zu „-dschi“, und so bestellt man in der Taverne auf Kreta authentisch halt Souvladschi und ein Glas Rahdschi dazu.

Besonders wichtig ist es den Kretern, immer darauf hinzuweisen, dass ihr Schnaps nichts mit dem türkischen Rakı zu tun hat; wer beide schoneinmal gekostet hat, kann das ohne weiteres leicht bestätigen, denn während der türkische Rakı stark anislastig ist, mehr an Ouzo erinnert, ist der kretische Raki geschmacklich eher dem Grappa oder Pisco verwandt.

Wie es bei Oliven, Olivenöl und oft auch Wein ist, so ist es auch bei Raki: Jede Familie, die was auf sich hält, stellt ihr eigenes Produkt her. In den Supermärkten der Insel finden sich zwar viele überregionale, teils sogar für den Export bestimmte Raki-Marken, doch wenn man sich vor Ort befindet, gibt es keinen Grund, nicht stattdessen auf eine Familienmarke zurückzugreifen, die überall und jederzeit feilgeboten wird.

Kretischer Raki Flaschen

Aus Erfahrung kann ich sagen: Jede hausgebrannte Sorte hat tatsächlich ihren eigenen Charakter, schmeckt leicht anders, für mich persönlich auch besser als die Industrieware. Ich kaufe regelmäßig von unterschiedlichen Orten, wo der Raki dann aus dem Fass frisch in eine Flasche abgefüllt wird. Eine sehr beliebte Alternative zum klaren Raki ist der Rakomelo: Raki verfeinert mit Honig und Gewürzen. Auch hiervon findet man an jeder Straßenecke die Hausmarke eines Heimbrenners, mit der lokalen Charakteristik. Wer sich auf Kreta etwas unter die Leute mischt, und sich als interessierter Gast zeigt, wird oft auch mit einer kleinen Flasche beschenkt.

Wie schmecken die Rakis nun? Der klare, reine Raki riecht schonmal stark nach Trauben, Weinessig, Fino-Sherry. In Blindverkostungen würden viele ihn für Grappa halten – trocken, leicht bitter, sehr fruchtig, und mit angenehmer, zurückhaltender Süße. Im mittellangen Abgang ist er warm und seidig, aber ohne das etwas kratzige Feuer, das viele Grappe aufweisen. Am Ende erinnert er mit etwas Fantasie sogar an einen leichten VS-Cognac.

Der Rakomelo dagegen ist was für die mit dem komplett süßen Zahn: Der Likörcharakter dominiert. Man schmeckt viel Honig, Kräuter, Gewürze, aber praktisch keinen Alkohol. An so einem Gläschen Rakomelo kann man eine Weile schlürfen und lutschen, er ist ideal als Dessertbegleiter geeignet. Im Winter dient er traditionell als Hustenmedizin, ohne nach Medizin zu schmecken, und funktioniert wahrscheinlich besser als Wick Medinait.

Das moderne Kreta erkennt, dass es in ihrem tsikoudia eine ganz eigene, wertvolle Ressource hat. Cocktailbars, wie das frisch renovierte Beachcomber in Stalis, eine wirklich ausgesprochen hochwertige Bar selbst nach westeuropäisch-urbanen Maßstäben, bietet neben anderen faszinierenden Cocktails auch einen mit Raki als Hauptspirituose an; sollte man mal dort sein, muss man den Queen’s Recipe probieren, mit Raki, Kamille und Zitronensaft. Eine Alternative ist der Rakitini, für den ich von meiner eisernen Regel, nie Cocktails zu trinken, die auf -tini enden und dabei nicht mit Mar- beginnen, eine Ausnahme mache. Persönlich hätte ich diesen Drink eh eigentlich eher Raki Smash genannt.

Rakitini


Rakitini
2 Zitronenviertel mit…
3-4 Scheiben Gurke und…
3-4 Zweigen Thymian muddeln.
1 Teelöffel Zucker
1 Prise Salz
3 oz kretischer Raki
Alles auf Eis shaken.

[Rezept nach Georgios Pyrgiotakis]


Ähnlich wie mit Grappa ging es mir auch mit Raki: Zunächst kannte ich nur die scharfe, billige Industrieware, die man in Restaurants vor oder nach dem Essen serviert bekommt. Ein grausiger Spiritus – diese Art, dem Gast einen Pseudogefallen zu tun, hatte mir den Grappa total madig gemacht, bis ich entdeckte, wie toll guter, gereifter Grappa schmecken kann. Auch beim Raki kann einem das auf Kreta passieren: All-inclusive-Hotels oder Touristenkaschemmen bieten oft einen inkludierten Raki an, doch darauf sollte jeder verzichten, der diese Spirituose kennenlernen will.

Sirtaki vor der Taverna Gorgona

Ein paar Schritte in eine authentischere Taverne nebenan, und die Welt sieht anders aus. Und nach ein paar Gläsern davon fallen auch schnell die zivilisatorischen Hemmungen, die uns so beklemmen, und wir tanzen mit anderen Touristen aus Russland, England und Deutschland mit den Griechen zusammen den Sirtaki.

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6 Gedanken zu “Hausgemacht schmeckts halt am Besten – Kretischer Raki und Rakomelo

  1. Moin, ich trinke auch am liebsten Raki, wenn ich auf der Insel bin. Kaufe meinen Raki immer in einem Tante-Emma-Laden wo der Raki in den Wasserplastikflaschen abgefüllt ist.

    Den besten Raki habe ich im hinterland von Mirtos in Selekano getrungen. dort wird er mit herrlichem frischen Bergwasser gebrannt.

    Rakomelo tinkt man warm und im Winter oderr wenn man erkältet ist. Heiß pur oder im Tee ballert Rakomelo aber schon heftig.

    In Mixorouma bei Spili gibt es Orangen-Raki/Portokalo-Raki zu kaufen. Portokalo-Raki wird aus Orangen destilliert und ist ein Obstbrand. Der ist aber oberheftig, hatte nach einem kleinen Glas schon genug.

    Der Zitronen-Raki ist ein sogenannter Aufgesetzter, Raki aus Trauben oder Traubentrester und wird anschließend mit Zitrone aromatisiert, und ist damit ein Likör.

    vg, kv

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    1. Portokalo-Raki steht nun auch auf der Liste der Getränke, die ich nächstes Jahr in Kreta unbedingt probieren muss. Den hatte ich nirgends bisher gesehen, hört sich aber sehr spannend an.

      Das mit den Plastikflaschen zur Abfüllung habe ich auch schon oft erlebt; das halte ich allerdings für geschmackskritisch, da der Alkohol sicher Stoffe aus dem Plastik löst. Da ist mir eine Glasflasche deutlich sympathischer.

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      1. Moin, den Portokalo-Raki gibt es beim Bäcker in Mixorouma. Von Spili kommend, Ortseingang links dort ist eine Bäckerei, mit kleinem Supermarkt.
        Dort bekommst du auch vorzüglichen kretischen Käse.

        Wie schon gesagt der Portokalo-Raki ist echt heftig. Hoffe du schreibst nach dem testen des Portokalo-Raki auch so einen interessanten und informativen Artikel wie über das kretische Bier Brinks. Bin schon gespannt…….

        vg, kv

        Gefällt 1 Person

  2. jassou, es gibt auch noch Mourno-Raki, das ist Raki aus der Maulbeere.
    Das ist verdammt schwer aufzutreiben. Meiner hat so geschätzte 60% und stammt aus Daphnes. Ist zwar sehr stark und damit sicher kein Raki für eine Parea, hat aber ein tolles und ungewöhnliches Aroma.

    Früher gabs viel Mournor-Raki aus Melambes und Sactouria. Dort hatte man Maulbeerenbäume angebaut, da dort früher eine Seidenraupenzucht war und diese Viecher fressen nur die Blätter der Maulbeerbäume. Leider sind viele Maulbeerenbäume dort dem Feuer zu opfer gefallen.

    Einem Freund von mir ist vor über 20 jahren ein Erdbeeren-Raki (Frauloraki?) in Agia Galini begegnet und seit dem nicht mehr. Hat interessant geschmeckt und war nicht sehr stark.

    Auf der HP von Anette aus Komitades gibt es einen tollen Bericht über eine Rakidestille.

    http://ljob.eu/dosch/index.php?go=Galerie&id=58

    vg, kv

    Gefällt 1 Person

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