Dillon Rhum Agricole Titel

Junge karibische Halbstarke – Dillon Rhum Blanc Agricole Martinique 43%

In seinem Buch über Rumhistorik macht sich Autor Ian Williams immer etwas über rhum agricole lustig. Der aus frischem Zuckerrohrsaft statt aus Melasse hergestellte Rum scheint für ihn minderwertig zu sein, ein ungeschliffenes Produkt, eigentlich nur ein Proto-Rum, der den Sprung zur Spitzenspirituose nicht geschafft hat, und gegen die zungenschmeichelnden Melasserums wie bittere Medizin wirkt. Für ihn scheint, wie für viele moderne Rumfreunde, der Grad der Süße und Weichheit das einzige Qualitätkriterium für Rum zu sein. Ist ein Rum nicht supersüß, ist er mangelhaft und höchstens noch als Mixer tauglich.

Dabei ist diese Spirituose so vielfältig; Süße ist gewiss für guatemaltekische, guyanische und vielleicht kubanische Rums wichtig (so wichtig, dass die Hersteller gern üppig mit nachträglichen Zuckerbeigaben nachhelfen) – für jamaikanische schon nicht mehr so stark, und für die  rhum agricoles der französischen Antillen, hier insbesondere Martinique, dann gar nicht mehr. Da zählen andere Kriterien. Ein Beispiel für diese anderen Qualitäten, die ein Rum haben kann, ist der Dillon Rhum Blanc Agricole.

Die Destillerie Dillon ist einer der Traditionsfabrikanten von Rum auf den französischen Antillen; und wie man im obigen, sehr informativen Werbevideo sehen kann, stellt man dort immer noch auf eine recht antik anmutende Weise den Zuckerrohrschnaps her, mit einer Dampfmaschine und viel anstrengender Handarbeit.

Der weiße, junge Rum von Dillon, den ich hier bespreche, hat mit gesüßten Rums wie Zacapa 23 oder Pampero Aniversario überhaupt nichts mehr zu tun. Er ist knackig, hart, fruchtig, frisch, aggressiv. Man spürt, dass er praktisch nicht gereift ist – eine jugendliche Unbeschwertheit und Frechheit, die schon im Geruch, der floral und grasig ist, deutlichst hervorsticht; bedingt durch seine Produktionsweise, bei der das frisch geschnittene Zuckerrohr innerhalb kürzester Zeit direkt verarbeitet wird – wie im Video so poetisch erzählt wird: Das Zuckerrohr für rhum agricole muss die Wurzeln im Boden und den Kopf in der Mühle haben.

Dillon Rhum Agricole Flasche

Ich hatte, zugegebenermaßen, lange Zeit meine Probleme damit, diesen Rum als „Sipper“, also zum Purtrinken, zu empfehlen. Dazu war er für einen Rumanfänger, wie ich es damals war, und vor allem einen, der nach Süße sucht, doch etwas zu unangepasst (meine erste Rezension zu diesem Rum auf Amazon titelte ich entsprechend noch mit „Schlag ins Gesicht“). Iinzwischen, mit viel mehr Rumerfahrung, sehe ich das alles etwas anders und behaupte das Gegenteil.

Der klassische Cocktail für solche Rums ist der Ti’Punch, der „kleine Punch“, einfach mit Limette, wie ich ihn bei meiner Besprechung des La Mauny gezeigt hatte. Wunderbar funktioniert er aber auch in einem Cocktail, den ich der Herkunft dieses Rums entsprechend Entre les draps genannt habe (Kenner erkennen natürlich sofort den klassischen Between the Sheets, der ihm zugrundliegt).

Entre les draps (Variation auf "Between the sheets")


Entre les draps
1 oz Dillon Blanc Rhum
1 oz Brandy de Jerez (z.B. Carlos I Solera Gran Reserva)
1 oz Orangenlikör (sehr passend ist z.B. Clément Créole Shrubb)
1 oz Limettensaft


In diesem Cocktail schmeckt und riecht man den rhum agricole wunderbar noch heraus, seine Schärfe ist aber durch den Brandy und den Orangenlikör gemildert und der Gesamtgeschmack damit ergänzt. Am Anfang denkt man „bäh!“, beim zweiten Schluck „hmmm…“ und beim dritten und den folgenden dann „mehr davon!“.

In Frankreich ist der Dillon übrigens für ungefähr 10€ in Supermärkten erhältlich (rhum agricole ist wahrscheinlich die einzige Spirituose, die in Frankreich deutlich billiger ist als in Deutschland – die Antillen gehören als Überseedépartements für Steuerzwecke zum Inland). Wer also wie ich an der Grenze wohnt, sollte lieber im Nachbarland zuschlagen.

Wer die Chance dazu hat, sollte sich statt dieses 43%igen Rums lieber gleich den ebenso erhältlichen 50%igen in der Literflasche holen, oder vielleicht sogar den mit 55%. Gerade bei rhum agricole macht sich sehr bemerkbar, wie diese paar zusätzlichen Alkoholprozente das Aroma verstärken und gleichzeitig den Rum einen Tick runder und weniger kantig machen.

Ich zumindest wurde, trotz der geschilderten Anfangsschwierigkeiten, zum rhum-agricole-Fan. Der Dillon ist ein guter und preisgünstiger Einstieg in diese alternative Rumwelt.

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