Rügener Inselbrauerei Meerjungfrau Natursauer Titel

Sauer ist das neue Süß – Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau

Wir alle mögen süße Geschmäcker. Der eine vielleicht mehr, der andere weniger, doch insgesamt sind wir auf „süß“ konditioniert. Die Zuckerindustrie lebt davon, dass es kaum noch Produkte gibt, die nicht mehr oder weniger künstlich mit Zucker versehen werden. Oft geht es dabei schon nicht mehr um einen tatsächlich süßen Geschmackseindruck, sondern mehr darum, dass Zucker neben der Süßkraft auch ein Gefühl von Volumen vermitteln kann, und als genereller Geschmacksverstärker bestehende Aromen bekräftigt. Auch kann Zucker dabei helfen, spitzige Beiaromen abzuschleifen. Ein Wundermittel also. Hin und wieder wird es auch in Spirituosen und Bier eingesetzt, hier meistens, um mittelmäßige Produkte etwas aufzupeppen.

Auch im Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau ist Zucker enthalten. Traubenzucker, um genauer zu sein. Soll hier ein neues pappsüßes Pseudobier auf den Markt geworfen werden? Zum Glück nicht. Wir haben hier den Fall, dass das Bier in Flaschengärung hergestellt wird – etwas, das wir gut von Crémant oder Champagner kennen. Damit das Bier in der Flasche weiterhin gärt, benötigen die Hefen natürlich Nahrung, die sogenannte „Speise“. Diese muss zumindest zum Teil aus Zucker, der Lieblingsnahrung dieser kleinen Bierhelfer, bestehen. Letztlich muss der geneigte Biertrinker nicht damit rechnen, dass noch wirklich viel Zucker im Endprodukt enthalten sein wird, dafür sorgen die gefräßigen Hefen, die als Gegenleistung Alkohol und Kohlensäure abgeben.

Rügener Inselbrauerei Meerjungfrau Natursauer Flasche

Farblich ist das Meerjungfrau eher zurückhaltend: blassgolden, mit leichter Trübung. Wie von einer Flaschengärung zu erwarten ist, gibt es zunächst beim Eingießen eine sehr kräftige Schaumentwicklung. Die Schaumhaube baut sich natürlich ab, eine dünne Schicht bleibt, gespeist durch eine starke Perlage.

Die erste handfeste Überraschung kommt, wenn man die Nase ans Glas hält. Säure, Weinessig, Bierwürze und Grapefruit sind doch eher ungewöhnlich für ein Bier.

Extrem sauer ist es dann auch im Geschmack. Nicht mildsauer wie eine Berliner Weisse, oder eine Blanche d’Alsace, sondern wirklich fast in Richtung Essig – wenigstens aber wie ein Brut-Champagner. Die Säure übertönt alles, man nimmt vielleicht noch eine leichte Zitronennote wahr, im Hintergrund dazu eine gewisse Würze, die ihren Kopf hervorstreckt, als die Säure abnimmt.

Im Abgang ist das Meerjungfrau nur leicht bitter, aber dann auch nicht mehr so extrem sauer wie beim Antrunk. Die Würze bleibt eine halbe Minute auf der Zunge, dann ist das Bier weg.

Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau Glas

Hochspannend. Ich habe noch nie ein vergleichbares Bier getrunken, daher allein ist es schon interessant. Im Hochsommer bei starker Hitze kommt so ein Bier bestimmt sensationell an; beim eher kühlen, frischen Frühjahr ist es leicht gewöhnungsbedürftig. Auf dem Etikett wird auf den Bierstil Sour Ale verwiesen. Dieser Bierstil ist auf Bundesebene für Deutschland in der Tat ein „seltenes Bier“, wie der Hersteller einige seiner Biere bewirbt, doch, wenn man in die regionalen deutschen Biergewohnheiten schaut, muss man nicht unbedingt ins Ausland gehen, um ihn zu finden.

Bei diesem Bier steht man vor einem Dilemma. Einerseits möchte man es wirklich auch in Biercocktails einsetzen, andererseits würde es durch seinen sehr eigenen, bieruntypischen Geschmack jedes Rezept sprengen. Doch hier gibt es Abhilfe: Persönlich finde ich, dass das Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau ein Bier ist, das eine große sensorische Nähe zu Sekt oder Champagner aufweist. Als Sektersatz passt es tatsächlich wunderbar in Champagnercocktails, wie den The Sun Also Rises.

The Sun Also Rises


The Sun Also Rises
3 oz Champagner (oder hier: Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau)
¾ oz Sloe Gin (z.B. Boudier Sloe Gin)
¾ oz Zitronensaft
¼ oz Absinthe (z.B. Absinthe Emanuelle)
¼ oz Gomme Sirup
3 Tropfen Peychaud’s Bitters


 5,5% Alkohol, verteilt auf 0,33l gab es zum Erstellungszeitpunkt dieses Artikels im Globus in Saarbrücken für knapp 3€, oder in Dreiviertelliterflaschen für 7€ – da muss man normalerweise eigentlich schon eine gewisse Kaufhemmschwelle überwinden. Doch der Hersteller hat dieses Problem geschickt umgangen: Durch eine opulente, sehr gelungene Verpackung ziehen seine Biere die Augen geradezu an. Ein komplett die Flasche umhüllendes Papieretikett, das angeklebt und nicht abwickelbar ist, erinnert an eine große Version von Underberg-Fläschchen. Dazu kommt ein modernes, freches, und vielleicht sogar künstlerisches Design weit abseits traditionalistisch-altmodischer Biergewohnheiten. Die Leute im Supermarkt haben sich jedenfalls trotz des gehobenen Preises auf die Holzkisten und deren Inhalt gestürzt als gäbe es kein Morgen.

Insel-Brauerei Sortiment Kästen

Die Insel-Brauerei Rügen hat aktuell noch 11 andere Sorten im Angebot – einige davon stehen schon in meinem Regal und warten auf Verkostung. Ich freue mich sehr darauf, denn hier ist sowohl sehr viel Kreativität im Spiel, als auch ein offensichtlich professionelles, gut durchdachtes und geschickt ausgeführtes Konzept als Grundlage. Meiner persönlichen Meinung nach geht das eine ohne das andere nur kurzfristig gut; bei der Insel-Brauerei Rügen habe ich ein recht gutes Gefühl, dass diese Supermarkt-Kistenaktion nicht ein einmaliger Marketinggag war.

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