Die spinnen, die Gallier – Kronenbourg 1664 Bière Premium

Wie sehr habe ich mich darüber gefreut, dass ich als grenznah Wohnender so leichten und preislich attraktiven Zugriff auf rhum agricole, Cognac, Armagnac und andere französische Spitzenspirituosen habe. Für Schnaps haben die Franzosen ein Händchen, ohne Zweifel. Über Wein brauchen wir auch nicht zu reden (weil ich mich damit überhaupt nicht auskenne, hauptsächlich), doch mir fiel neulich bei einer gedanklichen Retrospektive meiner Bierrezensionen auf, dass ich dieses schöne Land diesbezüglich noch nicht im Besprechungsportfolio habe. Woran liegt das? Ich kenne gute deutsche, belgische, italienische, amerikanische und britische Biere. Warum hält sich ausgerechnet die Genießernation Frankreich so beim Bier zurück? Mögen sie es einfach nicht?

Tintin et les Picaros © Casterman
Tintin et les Picaros © Casterman

Im französischen Supermarkt bietet sich dann ein entsprechendes Bild: Dutzende von deutschen, belgischen und internationalen Biersorten kann man zwar kaufen, doch wenn man sich auf die Suche nach einem landeseigenen Gerstensaft macht, läuft man gegen eine rot-blaue Wand – die Brasseries Kronenbourg aus dem Elsass, mit ihren zwei Hauptprodukten Blonde und 1664, dominiert das Bild zumindest hier im Département Moselle völlig. Neben diesen Industrie-Massenprodukten sind im Supermarkt erhältliche französische Biere kleinerer Hersteller dann oft wenig alltagstaugliche Spezialbiere, mit 15% Alkohol und anderen Sperenzchen, aromatisiert bis zum Umfallen, oder Spaßbiere wie Desperados, die man nur noch mit Mühe als Bier bezeichnen will. Es scheint, als hätten die Franzosen einfach kein Verhältnis zum Bier.

Nun muss ich halt in den sauren Apfel beißen, beziehungsweise das direkt Verfügbare verkosten. Ich habe mich nach kurzem Inmichgehen für das Kronenbourg 1664 (gesprochen „seize soixante-quatre“, also sechzehnvierundsechzig) entschieden; seit 350 Jahren Brautradition, na, da muss doch was rüberkommen.

Kronenbourg 1664 Flasche

Wie so viele Lager gibt sich das Kronenbourg 1664 auch keine Blöße, was den optischen Eindruck angeht – so stellt man sich ein Bier vor. Strahlender Bernstein, kräftige Perlage, schöner, feiner Schaum. Geruchlich ist da Hefe, ein Touch Hopfen, und ein Hauch Orange. Das wars aber auch schon.

Das erste, was mir nach dem ersten Schluck auffällt, ist ein ziemlich unangenehmer Fehlton, der kaum wieder aus dem Kopf zu bekommen ist – chlorig, gemüsig und fast schon ziegenkäsig. Wurde hier chloriertes Wasser zum Brauen benutzt, oder ist das ein Rückstand von DMS (Dimethylsulfid)? Ansonsten habe ich bei Industrie-Lagerbieren inzwischen aufgegeben, groß nach Aromen zu suchen – auch das 1664 hat einen sehr reduzierten Geschmack, es ist eher auf der süßlichen Seite verortet und vergleichsweise dumpf zu trinken. Nur gut gekühlt erhält man einen Frischefaktor, der Hersteller empfiehlt 4-6 Stunden Kühlung, um 6-8° zu erzielen.

Kronenbourg 1664 Glas

Der Abgang ist mild, süßlich, mit nur minimalster Bittere, und sehr sehr kurz, eigentlich praktisch nichtexistent. 5,5% Alkohol sind gut in der Süffigkeit verborgen. Schade, dass Lager als Bierstil inzwischen zu so dünner Brühe verkommen ist, ein Effekt, den man bei sehr vielen massenproduzierten Lagern beobachten kann.

Ich habe, ehrlich gesagt, so meine Schwierigkeiten, dieses Bier als Cocktailzutat zu empfehlen. Diese Chlornote könnte sich auch in Mixturen negativ bemerkbar machen, so meine Befürchtung. Ich riskiere es natürlich, mutig wie ich bin, trotzdem. Im Coupe de Ville hat das 1664 genug starke Kontrahenten, die die schlimmsten Fehler im Bier ausbügeln können sollten – und der Mut zahlt sich tatsächlich aus. Ausgesprochen lecker.

Coupe de Ville Cocktail


Coupe de Ville
¾ oz Tequila Añejo (z.B. Herradura Añejo)
¾ oz Limettensaft
¾ oz Orangensaft
½ oz Orangenlikör (z.B. Le Favori)
Alle Zutaten auf Eis shaken. Dann…
2 oz leichtes Bier (z.B. Kronenbourg 1664)
…dazugeben und leicht umrühren.
[Rezept nach Lisa Lavery]


Erworben habe ich das Bier im französischen Record, für unter 4€ für 6 kleine 250ml-Fläschchen im typisch französischen vollummantelten Sechsertragerl. Auch wenn ich es nicht wirklich empfehlen will: wenn man dran vorbeiläuft auf dem Weg zu einer Grillparty oder einem Public Viewing, kann man es mal mitnehmen.

Kronenbourg 1664 Tragerl

Als Fazit muss man festhalten, dass es kein Wunder ist, dass die Franzosen so wenig Bier trinken, wenn ein Bier wie das Kronenbourg 1664 ihr liebstes Bier ist (oder ist es umgekehrt?) – die spinnen, die Gallier. Erneut dankt man Gott, dass in Deutschland die Bierindustrie sich nicht dazu herablässt, solche Suppe zu produzieren.

Doch eins gilt es zu bedenken: Die USA waren einst in derselben Situation. Lasches Massenbier war gang und gäbe, bis sich ein paar Leute das nicht mehr gefallen ließen und die Craftbier-Welle lostraten, die nun die ganze Welt erfasst hat, und hervorragendes, charakterstarkes und interessantes Bier hervorbringt. Gerade für ein Genießerland wie Frankreich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Welle auch an die Küsten der Grande Nation schwappt, und bei dem Perfektionismus, den die Franken bei allem, was den Genuss angeht, an den Tag legen können, muss man dann irgendwann garantiert sagen: Gnade Euch Gott, Bierkonkurrenz, wenn die Gallier mal aus ihrem Dornröschenbierschlaf aufwachen sollten. Laut dem Magazin Frankreich erleben #60 gibt es doch viele kleine lokale Brauereien, deren Biere ich nun mal anfordern werde, um bei diesem Aufbruch mitzuhelfen und den Geschmack des Kronenbourg aus dem Mund zu bekommen.

Ein Schnaps geht um die Welt – Linie Double Cask Aquavit

Ein sehr gefragtes Qualitätssiegel ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Sie besagt, dass ein spezielles Produkt tatsächlich nur in einer kleinen Region hergestellt wurde, aus der es ursprünglich stammt. Die bekanntesten Beispiele dafür sind wahrscheinlich Parmaschinken, Nürnberger Rostbratwürste, Bündnerfleisch oder Kölsch. Man erhofft sich davon ein gewisses Qualitätsversprechen – die Ware wird nicht am günstigst möglichen Ort produziert, sondern dort, wo man Erfahrung damit hat.

Einen ganz anderen Weg geht der norwegische Aquavit-Brenner Arcus. Er setzt mit seinem Produkt Linie Aquavit voll auf Globalität – der Brand, hergestellt in Pot Stills aus Kartoffeln, Kräutern und Gewürzen, lagert erstmal ein Jahr in Ex-Oloroso-Fässern in norwegischen Kellern, und tritt dann eine Reise um die Welt an. „Twice across the Equator“ schreiben die Hersteller groß aufs Etikett. Rund 4 Monate ist der Aquavit so unterwegs. Ein Weltenbummler also, der stolz darauf ist, eben nicht in einer kleinen Region als Landei hergestellt zu werden.

Für den normalen Linie Aquavit ist die Reise dann zuende, und er wird in Flaschen abgefüllt und verkauft. Der hier vorgestellte Linie Double Cask Aquavit hat mit seiner Wanderzeit seine Geschmacksausbildung aber noch nicht abgeschlossen – er wird nach seiner doppelten Äquatorüberquerung dann noch ein Jahr in Ex-Portwein-Fässern nachgereift. Merkt man von dieser doppelten Fassreifung und doppelten Erdumseglung etwas im Glas, oder ist das eine Marketinglegende, wie sie es in der Spirituosenwelt so viele gibt?

Linie Aquavit Double Cask Flasche

„Bernstein“ wird ja immer etwas überstrapaziert und benutzt, sobald eine Spirituosenfarbe zwischen gelb und braun liegt. Ich nutze weiterhin gern das Farbenrad von Single Malt Whisky von den Blogkollegen von eyeforspirits.com – und das weist mich auf M5 Ocker, mit Tendenz zum M6 Safran hin. Schnell ablaufende, dicke Beine beim Schwenken gefallen ebenso wie die Farbe.

Ein Aquavit hat eine eindeutige Geruchssignatur, die man auch beim Linie Aquavit wiederfindet. Kümmel, Lack, mit Anklängen von gereiftem Korn. Ein duftkräuteriger Unterton nach Lavendel und Thymian. Vanille. Schwer zu verriechen ist er allerdings schon etwas, weil eine stechende Alkoholnote tiefes Schnuppern unterbindet, die auch nach einigen Minuten offenstehen nicht verschwindet – bei mäßigem Riechen fällt es einem aber kaum auf, da ist also keine starke Alkoholfahne.

Der Kümmel ist auch das dominierende Element im Mund – etwas anderes sollte man von einem Aquavit auch nicht erwarten. Eine tiefe, würzige, kribbelnde Kandissüße begleitet die Kräuteraromen. Den fruchtigen Einfluss von Sherry und Port erkennt man deutlich, darüberhinaus schleift das Finish Kanten rund und gibt ein weiches, samtiges Mundgefühl – ohne aber zu gaumenschmeichlerisch zu wirken, denn man bekommt auch ordentlich zungenreinigendes Feuer ab, das nicht allein durch 41,5% Alkoholgehalt erklärbar ist: In diesem Brand ist Leben.

Der Abgang ist entsprechend pfeffrig scharf, recht kurz, süß und lässt ein warmes Brummen im Mundraum zurück: Durch diese Intensität vermisst man auch die Länge nicht wirklich.

Ja, das ist ein Brand, der pur schon soviele Qualitäten aufweist, dass er diese auch in einem Cocktail weitergeben kann, ohne dass man fürchten müsste, er würde gegen andere Zutaten untergehen. Das Feuer und die Kümmelnote sorgen für wuchtige Drinks – der Scandi Gibson (der erste Teil des Namens steht wahrscheinlich als Abkürzung für „scandinavian“) ist entsprechend eine erfreulich abwechslungsreiche Rezeptur für Gaumen, die sich nicht beirren lassen und auch mal gern etwas würzigeres im Glas haben als immer nur die süß-sauren Standarddrinks.

Scandi Gibson


Scandi Gibson
2 oz Aquavit (z.B. Linie Double Cask Aquavit)
1 oz Saint-Raphaël Ambré
10 Tropfen The Bitter Truth Jerry Thomas‘ Own Decanter Bitters
20 Tropfen The Bitter Truth Celery Bitters
Mit einer Cocktailzwiebel servieren.
[Rezept nach Avery Glasser]


Bei Aquavit geht es wahrscheinlich vielen wie mit Korn – das kennt man eigentlich nur ungereift, als Absacker nach dem Essen, der einem die Papillen ausbrennt. Wie ich schon bei einem aromatisch verwandten Brand, dem Münsterländer Lagerkorn, feststellen konnte, gibt es immer Ausnahmen von solchen Vorurteilen: Mit dem altbackenen Rachenputzer des Opas hat der Linie Double Cask Aquavit nichts mehr zu tun. Das ist ein herrlicher Sipper, den man, wenn man Lust auf ein bisschen Disko im Mund hat und einem gerade ein Bourbon oder Rum zu freundlich vorkommt, vor sich hin nippen kann. Alternativ bleibt er trotzdem immer noch ein perfekter Digestif nach deftigem Essen: Ein Alleskönner also, den man als Spirituosenfreund dringend ausprobieren sollte.

Für ein gutes Bier ist immer Saison – BraufactuM Soleya Saison

Ein Kollege von mir brachte mir neulich, Mitte August, eine Packung Spekulatius vorbei. Frisch aus dem Supermarkt. Nun kennen wir ja alle diesen Effekt, dass zu Weihnachten bereits die Ostersaison vorbereitet, zu Ostern schon alles für den Sommer ausgestellt, und im Spätsommer dann wiederum schon langsam die Weihnachtsartikel in die Schaufenster geräumt werden. Doch für manche Artikel scheint selbst diese lange Vorlaufzeit nicht mehr genug zu sein – frühere typische Saisonartikel wie Spekulatius will der ungeduldige Käufer halt auch schon im August kaufen können. Das erodiert auf die Dauer unser Gefühl für eine Jahreszeit, die ein einmaliges Lebensgefühl mit sich bringt – Dauererhältlichkeit von typischen Saisonprodukten macht auch das Ereignis selbst austauschbar, aber scheinbar stehe ich mit dieser Gesellschaftskritik allein da, denn die Konsumenten nutzen das Angebot eifrig, ansonsten gäbe es es nicht.

https://twitter.com/WebChaot/status/769798135216476161
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Auch bei Bier gab es seit jeher Sorten, die man zu einer bestimmten Jahreszeit herstellte und trank. Eisbock und Märzen sollen als einleitende Beispiele dienen, für jahreszeitliche Herstellung. Aber auch der Konsum von manchen Biersorten war zweckgebunden: Ein Saison ist ein Bier, das mit einigem Vorlauf eingebraut wurde, um während der Erntezeit als flüssige Kost belgischen Feldarbeitern das Leben etwas leichter und angenehmer zu machen. Ein kühles Bier während der Schufterei in der Hitze, was besseres gibt es doch nicht. Damit die Erntehelfer nicht torkelnd die Ähren zertreten, war das Bier entsprechend eher leichter, was den Alkoholgehalt angeht, und hochgehopft, um den Erfrischungsfaktor zu steigern.

Nun, natürlich schlägt auch bei Saison-Bier der oben genannte Mechanismus der Dauererhältlichkeit zu. Daher bekommt man auch schon im Frühjahr, und auch ohne dass man hart im Freien dafür arbeiten müsste, in den gekühlten Räumlichkeiten von Getränkefachmärkten Saison-Biere angeboten. Wir nähern uns diesem Bierstil einfach mal durch das BraufactuM Soleya Saison.

BraufactuM Soleya Saison Flasche

Die Farbe, naturtrüb, ocker, mit feinporiger Schaumkrone, lässt zumindest schonmal ein halbabgeerntetes Getreidefeld vor meinem inneren Auge entstehen. Auch die starke Perlage sorgt für Vorfreude auf einen erfrischenden Schluck. Wenn man fantasievoll ist, lässt sich dieser Gedankengang auch im Geruch weiterverfolgen. Zunächst erinnernd an fruchtiges Pale Ale in seiner klaren Hopfenlastigkeit, taucht auch schnell ein leichter Malzcharakter auf. Das Erntefeld ist erriechbar mit erkennbar kräuterigen Komponenten, dazu Anklänge von Basilikum und Lavendel.

Die Fruchtigkeit eines Pale Ale bleibt auch beim Soleya Saison als erster Gaumeneindruck bestehen. Sehr samtiges Mundgefühl. Ich schmecke deutliche Orange, aber auch im Geschmack kommen Kräuter durch – Rosmarin vielleicht, etwas Heu. Die Leichtigkeit des Biers äußerst sich in einer gewissen Körperschwäche, man erhält eigentlich nur Kopfnoten. Dezent bitter, ein Tick salzig, dennoch mildsüß.

Der Abgang schließlich ist extrem kurz, für mich persönlich sogar einer der kürzesten Abgänge bei Bier, die ich kenne. Im Mund verbleiben keine Aromen, höchstens etwas Hefe, nur eine milde Trockenheit. Ein Durststiller, keine Frage.

BraufactuM Soleya Saison Glas

Für viele Bierconnaisseure ist es wichtig, dass ein Bier auch seinem intendierten Bierstil gerecht wird. Der leichte Charakter eines Saison ist klar vorhanden, auch die Frische und Hopfigkeit. Beim Alkoholgehalt dagegen wollen sich die Brauer von BraufactuM dann doch nicht so ganz in die Vorgaben fügen – 6,5% ist schon eine Hausnummer. Da wäre sicher die eine oder andere Ernte daneben gegangen.

In Cocktails kommen normalerweise Biere besser an, die einen gewissen Körper und eine oft damit einhergehende Wucht mitbringen können. Leichte Biere haben es schwerer, und dienen oft dann hauptsächlich nur als aromatisierter Blubberbringer. Das Soleya ist zwar wirklich kein Bodybuilder, legt sich aber im The Reality Check trotzdem bewundernswert ins Zeug. Man beachte den schönen Übergang der zwei Flüssigkeiten, die entsteht, wenn man vorsichtig eingießt.

The Reality Check


The Reality Check
einige gemuddelte Beeren der Saison (ich nehme Stachelbeeren)
⅔ oz polnischer Vodka (z.B. Grasovka)
⅔ oz Becherovka
¼ oz Limettensaft
⅓ oz Zuckersirup
1 Spritzer Zitronenbitter
Alle Zutaten auf Eis shaken, dann aufgießen mit…

2⅔ oz BraufactuM Soleya Saison
[Rezept nach Simone Caporale]


Das Soleya Saison wird mit Pilsener Malz, Karamellmalz, Röstmalz und Weizenmalz angesetzt, und mit Enigma und Magnum gehopft. Das ganze ist dann abgefüllt in 355ml-Sonderflaschen zu einem nicht unbescheidenen aber auch nicht übertriebenen Preis von knapp 2,50€ ganzjährig erhältlich, in den inzwischen weit verbreiteten BraufactuM-Spezialkühlschränken beispielsweise. Ich werde hin und wieder gern zugreifen, auch wenn nicht gerade Erntezeit ist. Und muss mir dann eine Entschuldigung für den Kollegen ausdenken, der mir den Spekulatius brachte, und dem ich eine Tirade über Saisonware hielt.

Gestörte Farbwahrnehmung – Porto Niepoort Dry White

Portugal ist Fußball-Europameister. Jahrelang hatte ich, als ich mich noch für Fußball interessierte, den Portugiesen die Daumen gedrückt, sie waren bei Tippspielen immer als Titelgewinner gesetzt. Nun ist meine Fußballbegeisterung reduziert auf die großen Turniere, und selbst dort etwas eingeschlafen. Das 7:1 der deutschen Weltmeisterelf gegen Brasilien habe ich im Urlaub in Griechenland tatsächlich verschlafen, die EM 2016 nur noch am Rande verfolgt, beim Bürotippspiel sogar auf Italien gewettet. Und kaum entziehe ich den Portugiesen meine Zuneigung, schon trumpfen sie auf! Ich muss ausprobieren, ob diese Methode auch in anderen Lebensbereichen funktioniert.

Ich muss genauer formulieren: Ich habe nicht den Portugiesen, sondern der portugiesischen Fußballnationalmannschaft meine Aufmerksamkeit aberkannt. Aus Portugal kommt ein weiterer Exportschlager neben #CR7 und Figo: Der Portwein. Diesem fortifizierten, also mit Weinbrand verstärkten, Wein kann man nicht gram sein. Auch wenn er wenigstens in Deutschland eine ähnliche Leidensgeschichte wie der portugiesische Fußball aufzuweisen hat: immer wurde groß geredet drüber, aber im Endeffekt hat der Port tatsächlich nur eine Nebenrolle gespielt. Dabei hat er soviel zu bieten; und er ist wandlungsfähig, wie „weißer“ Portwein, für den ich heute exemplarisch den Porto Niepoort Dry White verkoste, beweist.

Niepoort Dry White Porto Flasche

Die Flasche ist grünbraun, daher fällt es erstmal schwer, die Farbe uneingegossen zu beurteilen. Das tut man natürlich direkt – und ist überrascht, was in der Spirituosenwelt so alles als „weiß“ gilt. So mancher Whisky und Rum wäre froh, wenn er diesen strahlenden braunen Kupferton ohne künstliches Nachfärben erreichen könnte. Die Überraschung hält nicht lange an, wenn man sich ins Gedächtnis zurückruft, dass wir hier einen Portwein vor uns haben, der sonst meist sogar tiefrot (als Ruby) oder dunkelbraun (als Tawny) daherkommt.

Die Nase lässt sich aber nicht austricksen: die Fruchtigkeit eines Portweins, trauben- und rosinenlastig, ist eindeutig. Beim Niepoort Dry White kommt noch eine leichte Nussigkeit dazu, und es fehlt die Säure des roten Artverwandten. Auch die schwere, dichte Konsistenz hätte man allein vom Betrachten nicht ganz so erwartet; die viskose Flüssigkeit schmiegt sich samtig und körpervoll an Zunge und Gaumen, und bringt neben einer attraktiv süßen Traubigkeit noch Dörrobst, getrocknete Pflaumen und dann doch ein Quentchen an Säure mit sich, aber nur gerade soviel, dass sie die Süße ausgleicht, so dass diese nicht den Mund verkleistern kann. Ein sehr schönes Spiel, das die Aromatik hier präsentiert, rund, ausgeglichen, unaufdringlich und trotzdem stark, harmonisch komponiert.

Der Abgang ist lang, hier übernimmt ein bisschen die Säure, und man wird etwas überrascht von einer milden Ingwerschärfe, die bei 20% Alkohol kaum von diesem kommen kann. Gefährlich süffig, leicht und angenehm zu trinken, dabei mit hoher Komplexität – ich höre nun erstmal auf zu schreiben und lasse mich erstmal mit diesem ausgesprochen spannenden Port ein bisschen treiben.

Niepoort Dry White Porto Glas

So, genug geträumt. Zurück zur Wirklichkeit: Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß, wie sehr mir die Inhaltsstoffe einer Spirituose am Herzen liegen. Gesüßte Rums werden gnadenlos angeprangert, wie sie es verdienen. Auch bei Portwein muss man aufpassen, wenn man mit verstecktem Zucker vorsichtig haushalten will, aus welchem Grund auch immer. 60 g/l Zucker (Quelle: Alko) sind in diesem Portwein enthalten, natürlich haben wir es hier aber nicht mit heimlich in betrügerischer Absicht nachträglich zugesetztem Zucker zu tun, sondern mit Fruchtzucker aus den Trauben, der im Basiswein vorhanden ist – ein vollständig natürlicher Zucker also.

Entsprechend braucht man, wenn man Cocktails mit einem Portwein mischt, auch nur selten noch andere Süßungsmittel zuzusetzen, oder zumindest nur in reduzierter Form. Dass das ganze dann auch hervorragend funktioniert, wenn Port die Hauptzutat eines Cocktails ist, zeigt der White Port Cobbler – ein sensationeller Drink, höchstaromatisch, dabei herrlich erfrischend und gaumenfreundlich. Einer meiner Favoriten!

White Port Cobbler


White Port Cobbler
3 oz Porto Niepoort Dry White

¼ oz Orgeat
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters
Schütteln, und über kleinen Eiswürfeln mit Minze und gebrannten Mandeln servieren.
[Rezept nach Nick Detrich]


Die kleine „halbe“ Flasche mit 375ml kommt mir sehr entgegen – Portwein ist halt nunmal größtenteils Wein, daher ist die Lagerungsfähigkeit sehr begrenzt, wenn man keine Einschnitte in den Aromen in Kauf nehmen will. Es ist kaum möglich, eine große Flasche auf Anhieb auszutrinken, selbst über mehrere Tage hinweg; die kleine Portionsgröße ist also ein Garant für Qualität, den man nicht verachten sollte – sehr zuvorkommend von Niepoort, auch die Gelegenheitstrinker im Portfolio zu berücksichtigen.

Wer trinkt schon Pils – Vier Vogel Pils

Wer mich kennt, weiß, dass ich gern Bier trinke. Wer mich näher kennt, weiß, dass ich praktisch jeden Bierstil gern mag, bis auf einen: Das Bier nach Pilsner Brauart. Zu meinem Unglück lebe ich dann auch noch in einem Bundesland, das dermaßen auf Pils getrimmt ist, dass andere Bierstile kaum eine Chance haben – selbst das sonst überall beliebte Hefeweizen muss hart ums Überleben kämpfen gegen die saarländische Karlsberg-Urpils-Monopolgewalt. Wer hier in Saarbrücken ein „Bier“ bestellt, bekommt automatisch ein Urpils vorgesetzt; wer fragt: „Was haben Sie denn sonst so für Biersorten?“ bekommt Blicke zwischen ungläubig, unwissend und unwirsch zurück. Zum Glück lebe ich nicht in Zeiten, in denen man dieses örtliche Grauen tatsächlich trinken muss, sondern vernünftiges Bier online bestellen kann, denn lokale Getränkemärkte hier im Saarland sind kein gutes Pflaster für Nonkonformisten.

Saarländischer Getränkemarkt mit Urpils

Man sieht, ich bin kein Pilsfreund. Nun muss ich mir aber die Frage gefallen lassen – warum eigentlich? Liegt es am Bierstil, an der Aromatik? Oder ist es vielleicht einfach so, dass ich das spezielle Pils hier vor Ort einfach nicht ausstehen kann? Dann wäre ich ja kein Pilshasser, sondern einfach nur ein Urpilshasser! Mit letzterem könnte ich deutlich besser leben als mit ersterem. Daher habe ich mir zum Selbsttest einige Nichtindustrie-Pilsener zugelegt, mit denen ich hoffe, diese Frage zu klären. Das erste auf der Bucket-Pilsliste ist das Dresdener Vier Vogel Pils.

Vier Vogel Pils Flasche

Bei mir braucht kein Pils 7 Minuten, bis es fertig im Glas ist. Während andere warten, kann ich schonmal die blasse, naturtrübe Farbe begutachten, mit dem beinahe leichten Grünstich – das ist schonmal besonders. Kräftiger Schaum und starke und lang anhaltende Perlage erwarte ich mir von einem Pils, und bekomme ich hier auch.

Damit hat es sich aber auch schon mit den Ähnlichkeiten zu den Industriepilsnern, die ich bisher kannte. Ich rieche Hefe, Grapefruit, ein ungewohnt aromatisch Bild für ein Pils – sehr ansprechend; mir wird immer klarer, dass ich vielleicht bisher einfach nur die falschen Pilsner getrunken hatte. Eine leichte Plastikfehlnote ist ein kleiner Wermutstropfen im ansonsten runden Geruchsprofil.

Der Bierstil bringt es mit sich, dass mehr Wert auf Frische und Klarheit gelegt wird als auf ausgefallene Aromatik. Das Vier Vogel Pils ist deutlich säuerlich und leicht fruchtig mit Zitronenanklängen. Besonders gefällt mir der Rülpsfaktor: dieses Bier ist sehr rezent mit ausgesprochen viel Kohlensäure, und deswegen, wenn gut gekühlt, herrlich erfrischend. Insgesamt wirkt es trotz 5,0% leicht und unbeschwert, eventuell auch dank der punktgenauen Bittere bei 25 IBU.

Vier Vogel Pils Glas

Dann kommt auch schon der mittellange Abgang, bei dem sich die Bittere weiter ausprägt. Doch bis zum Schluss bleiben auch zitronige Noten am Gaumen. Ehrlich gesagt – ich bin äußerst positiv überrascht und sehe Pils nun erstmal mit anderen Augen. Das leichte Vier Vogel Pils ist dennoch ein Grenzgänger, was Pils angeht – es touchiert sensorisch fast schon ein Pale Ale, aber auch eine Weiße, von der Säuerlichkeit her. Sehr spannend und faszinierend: Werde ich öfters trinken.

Auch in Cocktails macht das Bier einen guten Eindruck. Einerseits ist es nicht aromatisch überwältigend und lässt dezenten Zutaten wie Tequila auch eine Chance, andererseits ist es von seiner Frische und Kohlensäurehaltigkeit ideal geeignet, um einen säuerlich-sprudeligen Bums in einen Cocktail zu bringen. El Romero, der seinen Namen nicht vom Zombiefilmregisseur, sondern vom spanischen Namen des Rosmarins herleitet, ist ein Beweis dafür.

El Romero


El Romero
1 oz Tequila Reposado (z.B. Sparkle Donkey Reposado)
½ oz Zitronensaft
½ oz Rosmarin-Sirup
3 Tropfen Habanero-Tinktur*
2 Spritzer The Bitter Truth Celery Bitters
1 Prise Salz
…alles shaken, dann ordentlich aufgießen mit…
Pils (z.B. Vier Vogel Pils)
…und garnieren mit einem Rosmarinzweig.
[Rezept leicht adaptiert nach Solomon Siegel]


Neben dem Inhalt gefällt mir auch die Aufmachung der Standard-Longneckflasche: Das Etikett sehr spartanisch, aber gelungen, mit der auf alt getrimmten Illustration, die aus einem alten Ornithologiebestimmungsbuch zu kommen scheint, dazu die „vier Vögel“ (die Portraits der Braumeister) als Zeichnungen. Auch auf der Rückseite findet sich sehr wenig Text, eine kurze Zutatenliste, dazu das Leitmotto des Herstellers, „con mucho cariño“, das auf die Entstehungsgeschichte und die Bieridee in Kolumbien hinweist (nachzulesen auf der Homepage des Herstellers). Auf die dämlichen „Heute schon gevogelt?“- und „Hossa“-Sprüche könnte ich allerdings verzichten; das ist schon etwas spätpubertär. Dies scheint aber nicht auf allen Flaschen abgedruckt zu sein.

Man bekommt mit dem Vier Vogel Pils ein Bier, das sich doch deutlich von den großen Industriepilsnern absetzt, und zwar im Positiven. Ab sofort braucht man mir mit dem bereits angesprochenen Urpils nicht mehr zu kommen, ebensowenig mit den Neutralbieren von Warsteiner oder Bitburger, gleichzeitig muss ich aber nicht mehr auf den Bierstil per se verzichten. Ich bin nun noch mehr gespannt auf die anderen Pilsner, die ich schon im Regal vorkühle.

Holz und Blüte – The Bitter Truth Drops & Dashes Wood und Blossom

Werbung hat heutzutage einen schlechten Ruf. Das Wort wird assoziiert mit peinlich-schlecht gemachten Werbespots, die auf viele Seher und Hörer eher den gegenteiligen Effekt als Kauftriebsteigerung hat, oder mit Zuschüttung des Briefkastens mit unerwünschtem Papiermüll oder des Emailpostfachs mit Spam. Dass Werbung auch unterhaltsam sein kann, wenn sie gut gemacht, zielgruppenkompatibel aufbereitet und nicht aufdringlich ist, zeigt das folgende charmante Werbevideo, von dem ich mich, in Zusatz zu den ganzseitig in Fachmagazinen geschalteten Werbeannoncen, gern zu Käufen von eigentlich nicht benötigten Produkten hinreissen lasse – Werber der Welt, nehmt euch ein Beispiel daran, und nicht an den pseudowitzigen und altbackenen Fernsehspots oder gar der Seitenbacher-Müsli-Radiowerbung!

Der Anlass für derlei Marketingaufwand ist das 10-jährige Gründungsjubiläum der Münchner Firma The Bitter Truth, die einen nicht unerheblichen Beitrag zur Renaissance der Cocktailbitter geleistet hat. Ich kann mir keine Heimbar vorstellen, die ohne mindestens einige der Produkte dieser Firma auskommen kann – auch wenn die Konkurrenz inzwischen erwacht ist und der Bittermarkt inzwischen fast schon unüberschaubar geworden ist. Für so eine Festivität lässt man als Gastgeber schonmal was springen, zum Beispiel eine begrenzte Auflage neuer Bitters, getauft Drops & Dashes, und anlassentsprechend bekommt hier auch das Auge was fürs Geld: Eine sehr edel wirkende 100ml-Glasphiole mit vielversprechendem Inhalt, verpackt in einem herrlich auf Retro gemachten Geschenkkarton.

Für diesen Test habe ich mir zwei der vier neu erhältlichen Limited-Edition-Sorten, die den Lebenszyklus eines Baums repräsentieren sollen, ausgesucht, von denen ich mir das meiste und ungewöhnlichste erhoffe. Nussaromen, versprochen von Drops & Dashes Nut, kann ich leicht durch Sherry erzeugen, für wurzelig-erdige Komponenten, die Drops & Dashes Roots erzeugen will, habe ich bereits andere Bitter und Liköre im Regal. Also fiel die Wahl auf Drops & Dashes Wood und Drops & Dashes Blossom.

The Bitter Truth Drops & Dashes Flaschen

Jeder Packung liegt ein schwarzer Plastikdasher bei, der gegen den massiven Plastikstopfen getauscht werden kann. Das funktioniert sehr gut – erstens sitzt der Dasher sehr sicher auf dem Flaschenhals, wenn man ihn mal aufgesetzt hat, und zweitens kann man damit sehr gut Spritzer wie auch Tropfen dosieren. Sollten die Bitter längere Zeit mal nicht in Gebrauch sein, kann man auch wieder den alten Stöpsel aufsetzen, um zu verhindern, dass sich Aromen durch die dünne Spitze des Portionierers verflüchtigen.

Genug geredet um das Außenrum, kommen wir zum Inhalt der Flaschen. Auch wenn Bitter üblicherweise zunächst mal reine Mixzutaten sind, will ich als Cocktailfreund doch wissen, welche Aromatik ich da meinem Cocktail zufüge, und verkoste sie daher erstmal pur. Bei 42% Alkohol und den winzigen Portionen ist das problemlos möglich.

The Bitter Truth Drops & Dashes Wood Flasche

Werfen wir erstmal einen Blick auf die Holzklasse: Drops & Dashes Wood. Die Farbe, ein dunkles Braun, erkennt man ja schon durch die transparente Glasflasche. Einiger Schüttler auf einen Löffel gegeben und die Nase daran schnuppern lassen, und man bekommt einen Duft serviert, der mich an einen italienischen Amaro erinnert, oder vielleicht sogar Campari. Bittersüß, kräuterig.

Flugs den Löffel mit der Medizin in den Mund gesteckt! Der Name versprach es, tatsächlich wird dieser Teil der Produktbeschreibung anteilig eingelöst: etwas holzig, ein Hauch von Rauch. Natürlich bitter, alles andere hätte mich verwundert, dabei aber auch überraschend süß und mild. Nie beißend oder kratzig erinnert das Drops & Dashes Wood an eine kondensierte Fassung von Campari. Im Vergleich zu anderen Bittern ist diese Variante nicht betäubend auf der Zunge und im Abgang sehr kurz.

Persönlich gefällt mir das, doch eigentlich hätte ich mir aber noch viel mehr Holzcharakter erhofft. In der vorliegenden Form sind es gutgemeinte aromatische Bitter, die allerdings nicht den Effekt erzielen können, den ich mir erhofft hatte – nämlich einem Drink einen klaren, holzig-rauchigen Touch zu geben. Ich hatte mir extra eine Rezeptur dafür ausgesucht, die sich gern dieses Effekts bedient hätte: Dem Revolver hätte ein bisschen Pistolenschmauch und Postkutschenholz den endgültigen Schliff gegeben. Tatsächlich muss ich feststellen, dass die Bitter total untergehen und kaum erkennbar sind im Duell mit Bourbon und Kaffeelikör.

Revolver


Revolver
2 oz Bourbon (z.B. Bulleit Bourbon)
½ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
2 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Wood

[Rezept leicht angepasst nach Jon Santer]


Das Holz hat mich also nur mäßig überzeugt, vielleicht schlägt sich die Blüte besser? Auch den Drops & Dashes Blossom wird erstmal abverlangt, in reinem, alleinstehendem Zustand antreten zu müssen.

The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom Flasche

Etwas heller als der Holzkollege sind die Blütenbitter schonmal, rostrot und etwas weniger blickdicht. Der Geruch ist jedenfalls auch schonmal klarer an der Prämisse der Blumentinktur ausgerichtet: Auch hier erinnert man sich zunächst an Amaro, aber schnell kommen Erinnerungen nach Thymian, Jasmin, Rose und vor allem Lavendel hoch.

Geschmacklich sind die Drops & Dashes Blossom sehr herbal und vegetal, sie schmecken extrem nach Lavendel, dabei deftig sauer-bitter, mit Anklängen von Grapefruit; insgesamt jedenfalls sehr viel aromatischer als das Woods-Pendant. Wenn man sehr genau sein will, sind diese Bitter eigentlich weniger blumig als vielmehr duftkräuterig, wie ein Duftkissen für den Kleiderschrank, und nicht wie ein Blumengarten.

Zum Cocktailtest überlegte ich nicht lange, was sich anbietet. Wenn eine Rezeptur schon „Gänseblümchen“ heißt, ist sie prädestiniert dafür, sich mit Blütenbittern zu vermählen – also rühren wir eine Tequila Daisy an. Wem das Rezept bekannt vorkommt, sollte seine Spanischkenntnisse herauskramen – das spanische Wort für Gänseblümchen/Daisy ist „Margarita“. Die Abwandlung hier besteht darin, dass noch ein Schuss Sprudelwasser das ganze auffrischt. Ich meine hier tatsächlich einen leichten kräuterigen Anflug herauszuschmecken; die leichte Tequila-Orangenlikör-Mixtur macht es den Bittern aber auch einfacher als die oben gezeigte schwere Bourbon-Kaffeelikör-Bombe.

Tequila Daisy


Tequila Daisy
2 oz Tequila blanco (z.B. Olmeca Altos Plata)

1 oz Limettensaft
1 oz Cointreau
¼ oz Zuckersirup
3 Spritzer The Bitter Truth Drops & Dashes Blossom
Diese Zutaten auf Eis shaken. Am Ende aufgießen mit…

1 Schuss Sprudel
[Rezept nach unbekannt]


Wie schon in der Purverkostung zu erkennen war, haben diese Bitter mehr einen Begleitcharakter. Sie geben dem Getränk etwas Tiefe und einen Hauch von Nuancen; wirklich herausschmecken kann man sie kaum, dazu sind sie zu mild und weich. Ich gebe zu, ich bin etwas enttäuscht – ich hoffte auch wuchtige Aromen, mit denen ich einem Cocktail einen Holztouch oder ein Blumenflair geben kann; beides ist nicht wirklich der Fall – doch, so ehrlich muss man sein, liegt das eigentlich auch auch nicht in der Macht von tropfenweise eingesetzten Bittern. Eventuell bin ich zu ergebnisorientiert an die Sache herangegangen mit einer erträumten Wirkung im Sinn statt den tatsächlichen Produkteigenschaften.

So bleibt eine spektakuläre Produktpräsentation, mit viel Charme und Stil. Die Flaschen geben jeder Bar und auch Heimbar einen Retro-Touch, und sind wiederverwendbar. Mir gefallen sie von außen deutlich besser als die anderen Bitterprodukte von The Bitter Truth; die bittere Wahrheit ist aber leider, dass der Inhalt nicht an die herrlichen Orangen-, Schokoladen-, Zitronen- und Selleriebitter, und schon gar nicht an die brillianten Aromatic, Jerry Thomas‘ Own Decanter und Créole  Bitters heranreicht, die intensiver, kräftiger und im Cocktail wirksamer sind als die „Tropfen und Spritzer“. Eine Ergänzung also für die Heimbar, die schon alles hat, und trotzdem nach neuen Ideen sucht – wer sich hier angesprochen fühlt, kann unbesehen zuschlagen. Bei sehr fairen ca. 12€ pro Fläschchen für eine derartig aufwändig hergestellte Limited Edition ist auch die Hemmschwelle dafür recht niedrig.

Im Märzen der Brauer die Bierchen einbraut – BraufactuM Marzus Märzen

Bei vielen Produkten fragt man sich, woher der Name kommt. Oft sind es seltsame, marketinggetriebene Fantasienamen, die in möglichst vielen Sprachen genehm und politically correct ausgesprochen werden können sollen. Bei anderen Dingen liegt das Gute so nah, dass man fast daran zweifelt, wenn man die Auflösung bekommt – das ging mir so beim Bierstil des Märzen. Ja, es ist tatsächlich so einfach: Märzen heißt Märzen, weil es ursprünglich im März eingebraut wurde. Die ganze Geschichte hinter dem Märzenbier lässt sich bei Wikipedia nachlesen; hier die Kurzfassung: Märzen wird im Frühjahr, weil dort die natürlich niedrigen Temperaturen die untergärige Herstellungsweise befördern, als besonders starkes und haltbares Bier gebraut, dann kühl eingelagert als Notnagel für schlechte Zeiten.

Wir befinden uns gerade in der idealen Zeit, ein Märzen zu trinken, wenn man interessiert am authentisch-saisonalen Genuss ist – klassisch wurde es, wie gesagt, solange aufbewahrt, bis all die anderen, weniger lang haltbaren Biere weggetrunken waren, und dann ausgepackt, meist zum Ende des Sommers und Beginn des Herbsts (ich will hier aber nichts beschreien). Tatsächlich habe ich mir daher schon im Frühjahr 2016 eine der imposanten Großflaschen des BraufactuM Marzus Märzen aus einem der inzwischen breitflächig verfügbaren BraufactuM-Spezialkühlschränke gekauft, dunkel und kühl eingelagert, und nun zur Verkostung geöffnet.

BraufactuM Marzus Flasche

Die gefärbte Flasche verbirgt es, im Glas wird es offensichtlich: man könnte das Marzus für ein Dunkelbier halten. Hennarot würde ich den Ton nennen. Die feine, stabile Schaumkrone, zu Beginn noch dick, bleibt lang als dünne Schicht erhalten,gespeist von einer kräftigen Perlage.

Die Nase wird ebenso betört wie das Auge: Süß und würzig, klar malzig, Anflüge von Röstkaffee, nur minimalste Fruchtanklänge. Das wird dann auch vom Gaumen bestätigt – das Marzus wirkt sehr süß und ist vom Malz dominiert, Röstmalz, um genau zu sein, auch der Kaffee taucht auf, aber nicht so präsent wie bei einem Stout, mehr als feines Komplement. Erfrischung ist kein Problem für dieses Märzenbier, die hohe Rezenz sorgt dafür, dabei bleibt es aber gleichzeitig wunderbar cremig und voluminös im Mund.

Im Abgang kommt eine leichte Trockenheit zum Vorschein, sowie die zurückhaltende, aber effektive Bitterkeit durch den Hopfen, der bei einem Märzen weniger der Aromatik als, ganz klassisch, der Haltbarkeit dient. Sehr lange bleiben Aromen am hinteren Gaumen zurück.

BraufactuM Marzus Glas

Der Lebenszyklus eines Märzen wird, wie eingangs gesagt, von der Kälte dominiert; man sollte das Marzus dennoch nicht zu kalt trinken, sonst entgehen einem ein Großteil der Aromen. Für mich persönlich ist es definitiv kein Kühlschrank-, sondern mehr ein Kellerbier (also im Sinne eines Biers, das man aus dem Keller holt, nicht eines Zwickels). Aber ich mag Bier grundsätzlich eigentlich am liebsten knapp unter zimmertemperiert.

Ein zweifelsfrei gutes, interessantes und lohnenswertes Bier – keine Sensation allerdings (man wird als Vielbierverkoster schon irgendwie frech anspruchsvoll), und vielleicht etwas zu teuer für das Gebotene: Für die geforderten 6€ kriegt man schon 2 Liter des Weltenburger Barock Dunkel, das, obwohl es kein Märzen ist, sehr ähnliche Charakteristika aufweist, dabei vielleicht noch einen Tick runder und delikater ist.

Trotz dieser leisen Kritik ist das BraufactuM Marzus natürlich auch eine wunderbare, wenn auch etwas exklusive Cocktailzutat. Doch warum sollen wir bei der Mixologie sparen, wo es auf die Qualität der einzelnen Zutaten ankommt? Ich hatte oft angepriesen, wie gut Whiskey und Bier zusammenpassen, der Kingston 52 ist der Beweis dafür, dass auch Rum und Bier beste Kumpels sein können. Wenn man genau hinschaut, sieht man auf dem Foto des Cocktails die gefloatete dünne Schicht, die dem Drink eine interessante, separate Note verleiht.

Kingston 52


Kingston 52
1½ oz Dunkler Rum (z.B. Zacapa 23)
¾ oz Zitronensaft
½ oz Ingwersirup
¼ oz Honigsirup
1½ oz Dunkles Bier (z.B. BraufactuM Marzus)
Alle Zutaten auf Eis shaken und
am Ende…
1/8 oz Jamaica-Rum (z.B. Hampden Estate Gold)
…auf die Mixtur floaten.
[Rezept nach Brandon Ristaino]


Vom Innenleben zum Außenrum: Neben dem ungewöhnlichen Format von 650ml bietet das Marzus das gewohnte BraufactuM-Flaschen- und Etikettendesign im Briefmarkenstil. Auch wie üblich lobenswert sind viele Informationen zum Bier, wie dass Herkules-Hopfen verwendet wurde, und 50% Karamellmalz. Über das „einmalige Maischverfahren“ hätte ich gern noch mehr erfahren, ein Bierflaschenetikett ist aber vielleicht nicht der richtige Platz für derartige Details. Mit 5,5% Alkohol kann man auch die ganze Flasche in einer Session aufbrauchen, und sich dabei in der Hitze des Spätsommers bierselig an den frischen Frühling erinnern, in dem das Bier in weiser Voraussicht für genau solche Situationen hergestellt wurde.

Ein Vorurteil muss gepflegt werden – Asbach Privatbrand 8 Jahre gereift Weinbrand

Seit ich mich mit Spirituosen auf tieferer Basis auseinandersetze, habe ich gemerkt, wieviele Vorurteile ich gepflegt hatte. Ich bin seit einiger Zeit mit der Frage beschäftigt, ob sich neben Schnapsvorurteilen, die sich fast allesamt durch Immersion in ein Thema schnell erledigen, auch andere Ressentiments, die ich nur noch nicht als solche identifiziert habe, in meinem Kopf befinden. Das gute am Niederschreiben von Gedanken zu hochgeistigen Getränken, wie auch zu Büchern und anderen Artikeln, ist, dass man sich nochmal explizit mit dem Konsum auseinandersetzt, und man zu Introspektion angeregt wird. Dabei purzeln die Engstirnigkeiten hin und wieder wie die Dominosteine. Ich würde das gern jedem mal ans Herz legen.

Eines dieser Vorurteile, die ich hegte und pflegte, war das gegen deutsche Weinbrände. Die Werbung versprach immer so viel, und legte sich als Zielgruppe die älteren Herren zurecht, die im Lehnstuhl aus dem elitären Cognacschwenker den ach so besonderen Geist nippten – für junge Leute nicht wirklich ansprechend. Meine Experimente in dieser Richtung waren dann auch erstmal passend-ernüchternd: Ich habe den Asbach Urbrand, und seine direkte Konkurrenz Chantré probiert und ziemlich runtergemacht. Zwei Produkte probiert, zwei Totalausfälle – das ist der Stoff, aus dem die Befangenheit für die Zukunft gemacht ist. Soviel besser können die anderen Brände von Asbach dann ja nicht sein, oder?

Ich bin über meinen Schatten gesprungen, und habe mir eine Flasche des Asbach Privatbrand 8 Jahre gereift zugelegt. Und was soll ich sagen? Das Vorurteil hat sich als genau solches herausgestellt, wie in den allermeisten Fällen, in denen wir diese Präjudizien auf die Prüfstation führen.

Asbach Privatbrand 8 Jahre gereift

Schon farblich ist der Asbach Privatbrand ausgesprochen attraktiv. Dunkles Hennarot, mit glühenden, orangenen Reflexen. Da hat man schon was allein vom Anschauen – auch wenn natürlich berücksichtigt werden muss, dass zumindest ein Teil der Farbe von der zugesetzten Zuckerkulör stammt.

Das Auge hat genug geschwelgt, nun ist die Nase dran, und sie findet Datteln und reife Banane; viel Schokolade und Karamell sowie Butter. Etwas Lösungsmittel ist da, aber praktisch nichts von dem meist etwas unangenehmen Schwefel, den ich bei vielen Weinbränden zu entdecken meine.

Tatsächlich schafft es ein Großteil der Aromen auch auf die Zunge: Der Asbach Privatbrand wirkt buttrig, süß, schokoladig, mit Anklängen von Karamellbonbons. Leichte Fruchttöne nach Banane, Aprikose, Dattel. Das sehr angenehme, weiche, runde Mundgefühl überzeugt in jeder Beziehung, wie auch der Abgang – trocken, leicht bitter, etwas Ingwerschärfe auf der Zunge. Insgesamt lang und süß, warm und weich.

Asbach Privatbrand Glas

Ich bin baff – das ist vielleicht einer der besten Traubenbrände, die ich bisher getrunken habe, auf jeden Fall runder und weicher als alle spanischen Brandys, und dabei aromatischer als viele französische Cognacs, die ich kenne. Mich wundert es nicht, dass die Herstellerfamilie das als Privatreserve für sich behalten wollte (das ist natürlich nur eine dieser von Schnapsbrennern so geschätzten Fantasiehintergrundgeschichten).

Wie der Name schon sagt, ruht der Asbach Privatbrand mindestens 8 Jahre in Limousin-Eichenfässern, eine reife Leistung im wahrsten Sinne des Wortes für einen Brand. 40 Volumenprozent weist er bei Abfüllung auf, und man bezahlt um die 18€, zum Beispiel im Real-Supermarkt. Ein wirklich überraschend gutes Preisleistungsverhältnis. Dabei erhält man zum Brand selbst noch einen Kunstkorken, eine etwas altmodisch gestaltete Flasche mit dem durchaus schon als ikonisch bezeichenbaren Etikett und eine repräsentative Dose.

Laut Dale DeGroffs Rezept für den Bull’s Blood gehört spanischer Brandy in diesen Cocktail. Der Asbach Privatbrand kann es mit jedem Spanier aufnehmen, und er passt wunderbar als Ersatz dafür. Ein herrlich süß-lieblicher Cocktail ohne Ecken und Kanten; DeGroff sagt über ihn, dass er durch seine „Freundlichkeit“ punktet. Dem kann ich nur zustimmen.

Bull's Blood


Bull’s Blood
¾ oz Asbach Privatbrand 8 Jahre gereift Weinbrand
¾ oz Weicher Rum (z.B. Vizcaya Cask 23)
¾ oz Orange Curaçao
1½ oz frisch gepresster Orangensaft
[Rezept nach Dale DeGroff]


Vor einer Weile wurde die Flaschenform und Verpackung geändert; die Dose und die etwas hässliche neue Flasche sind für meinen Geschmack ein Rückschritt im Vergleich zur alten Version. Nun, das sind Äußerlichkeiten.

Asbach Privatbrand Flasche

Nach dem Probieren und Schätzen lernen weiß ich, was ich bei diesem Weinbrand verpasst hätte, hätte ich mich von meinen Vorurteilen leiten lassen. Ich mag mir einfach nicht vorstellen, was ich bereits verpasst habe, weil ich es in Vergangenheit getan hatte. Selbstverständlich haben solche Geisteseinstellungen, dass man von einer Erfahrung auf die Zukunft schließt, ihren Sinn; wir lernen durch diesen Mechanismus schließlich auch, dass man, wenn man einmal von einem speziellen Hund gebissen wird, sich allen Hunden gegenüber vorsichtig verhalten sollte – das ist in uns tiefer verankert als unser Bewusstsein. Aber müssen wir uns wirklich komplett davon steuern lassen? Natürlich nicht. Für mich ist der Asbach Privatbrand ein perfektes Beispiel dafür.

Surf’s Up! Kona Brewing Longboard Island Lager

Was macht das Surfen zu so einer beliebten Sportart? Ist es die Technik, die man benötigt, um auf einem dünnen Holzbrett auf einer wackligen Oberfläche zu balancieren, die so begeistert? Ist es der Wagemut, ohne Schutz einer wilden Welle zu trotzen? Ist es die Exotik einer Sportart, die an traumhaften Stränden mit herrlichen Wetterbedingungen von hübschen Frauen und Männern mit gestählten, sonnengebräunten Körpern betrieben wird?

Persönlich habe ich die Begeisterung ums Surfen, was die sportliche Komponente angeht, nie so wirklich verstanden. Was ich sehr nachvollziehen kann ist das, was ich als letztes angesprochen hatte – das Surfen hat ein Flair, das nach Freiheit, Wildheit und guter Laune riecht, nach ungeregelter Auslebung, nach einem Lebensgefühl. Nicht umsonst sind die musikalischen Begleiter der Surfwelt, die Beach Boys, trotz inzwischen durchaus gehobenen Alters selbst 2012 noch mit Surfin‘ U.S.A. beliebt wie damals in den 60ern, als sie mithalfen, die USA in einen „endlosen Strand“ (so Luis Sanchez im Buch The Beach Boys‘ Smile) zu verwandeln – auch wenn sie heute lieber im Sitzen performen und gemütlich wippen statt selbst auf einem Brett zu stehen.

Wie der Surfer auf dem Brett durch den Wellentunnel steuert – meist in Superzeitlupe gedreht und mit dramatischer Musik unterlegt – ist wahrscheinlich eines der meistgebrauchten Fernsehklischees geworden, wenn es um Wasser und Erfrischung geht. Wie sieht es nun mit dem Erfrischungsgehalt eines Inselbiers aus, das sich die klassische, orginiale Form des Surfbretts, das Longboard, aufs Etikett geschrieben hat? Kann das Kona Brewing Longboard Island Lager als leichtes Getränk für Surfer punkten oder ist es mehr ein Schwergewicht für hawaiianische Sumoringer?

Das Longboard ist, wie viele Lager, filtriert und dadurch sehr hell. Kräftige Perlage führt zu einer grobkörnigen Schaumkrone, die lange erhalten bleibt. Auch die Nase wird nicht überlastet: Der leicht fruchtige Geruch, mit Anklängen von Beeren, wird gefolgt von einem lagertypischen Hefeschwall. Sonst ist da nicht viel zu Schnuppern.

Kona Brewing Longboard Island Lager

Deutlich fruchtig ist dafür der Geschmack, mit einem freundlichen Charakter ohne aggressive Ecken und Kanten, auch bei der äußerst dezenten, aber spürbaren Bitterkeit. Eine starke Süße ist im Vordergrund. Mit 4,6% ist das Longboard Island Lager auch alkoholtechnisch ein leichteres Bier.

Man kann als Bierverkoster etwas das Gesicht ob der mangelnden Komplexität verziehen, aber das ist unangebracht. Mein Fazit würde eher lauten: Sehr leicht und frisch, zurückhaltend in allen Belangen, dabei aber charmant unkompliziert.

Die tolle Flasche mit der eingelassenen hawaiianischen Inselkarte, dem Firmenslogan („Liquid Aloha“) und dem stimmungsvollen Strandleben-Etikett haben mir schon bei einem anderen Bier dieser Reihe gefallen, dem Big Wave Golden Ale. Auch das Fire Rock Pale Ale steht schon auf meinem Regal, bereit zur Verkostung – mir gefallen die Produkte von Kona Brewing einfach sehr.

Vom langen Longboard zum langen Gemüse – ich bin ein großer Freund von Gurken in Cocktails. Im Cool Cucumber Lager bietet die gemuddelte Gurke einen netten Gemüsetouch ans Bier, während die Zitrone und die Minze das ganze auffrischen. Ein leichter Cocktail, mit einem leichten Lager gemacht – ideal für den Sommer. Und wenn man ihn in einem zum hawaiianischen Bier passenden Glas serviert, passt auch die Stimmung.

Cool Cucumber Lager


Cool Cucumber Lager
1 oz Zitronensaft
4 Scheiben Gurke
3 Blätter Minze
…diese Zutaten im Glas muddeln, dann abfiltern und mit…
8 oz Lager (z.B. Kona Brewing Longboard Island Lager)
…aufgießen.
[Rezept leicht abgewandelt von craftedpours.com]


Was hindert mich daran, dieses schöne Lager regelmäßig zu trinken, besonders, wenn ich es durchgängig in der Spirituosenabteilung des lokalen GaleriaKaufhof in Saarbrücken kaufen kann? Es sind die Zahlen auf dem Preisschild. Rund 3€ für 330ml machen aus einem Strandbier einen Luxusartikel, den man sich nur hin und wieder gönnt; da bekommt man schon mehr als einen Liter anderer ganz hervorragender Lager.

Nun, vielleicht ist es auch nicht schlecht, wenn nicht jedes gute Bier automatisch auch zu einem Alltagsbier wird. So bleibt der Besonderheitseffekt erhalten, man freut sich jedesmal neu auf einen Schluck eines exotischen Importbiers, und säuft sich nicht satt daran beim gedankenlosen Trinken zur reinen Durststillung oder zum Essen, wie das bei vielen anderen Bieren, insbesondere Lagerbier, passiert. Und es transportiert so ganz nebenbei noch dieses Surfer-Lebensgefühl, wenn man es zulässt.

Mark Twain hätte seine Freude dran – Jim Beam Kentucky Dram Whiskey

Vor kurzem gab es bei Facebook eine Diskussion, die der allseits geschätzte Serge von Whiskyfun.com anstieß – die unerträgliche Situation bei Rum, die es ehrlichen, traditionell arbeitenden Brennern schwer macht, sich gegen all die manipulierenden, nachsüßenden und aromatisierenden Pseudorumhersteller durchzusetzen, die den Ruf des Rum für den schnellen Dollar ruinieren, ließ ihn sich fragen, ob es nicht möglich wäre, dies Problem über eine Etikettenkennzeichnung zu lösen: Sauberer Rum solle den Zusatz „straight“ bekommen, in Analogie zur Kennzeichnung bei amerikanischem Whiskey. „Straight Rum“ wäre definiert als unmanipulierter Rum; „Rum“ ohne diesen Zusatz der Rest.

Ob dies für Rum in seiner multinationalen Herstellersituation durchsetzbar wäre, ist eine Frage; die andere, ob nicht trotz einer solchen Regel weiterhin getrickst werden würde. Was meiner Meinung nach wahrscheinlich passieren würde, sieht man exemplarisch am Whiskey, den ich heute vorstellen will: Dem Jim Beam Kentucky Dram Whiskey. Wir haben hier den Fall eines Blends vor uns, und zwar eines besonderen – hier wird amerikanischer Bourbon mit schottischem Whisky vermählt. Da das Reglement für Bourbon sehr streng ist, darf sich das Kentucky Dram nun natürlich aufgrund der schottischen Zugaben nicht Bourbon, und auch nicht Straight Whiskey nennen; dennoch sieht man prominent auf dem Label die Worte „Kentucky Straight Bourbon Whiskey“ – wer es nicht besser weiß, könnte hier auf die Idee kommen, dies auch in der Flasche zu finden. Der Grat ist schmal.

Weg von den Problemen von Kategorien, Etiketten und Tricksereien hin zum eigentlichen Produkt. Das Wunschziel des Kentucky Dram ist wahrscheinlich, den vollen, süßen Körper eines Bourbons mit dem besonderen Rauch- und Torfaroma eines schottischen getorften Single Malts (doch vorsicht: Single Malt wird nirgends erwähnt, nur „peated whisky“) zu verbinden. Gelingt das?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Flasche

Der Ursprung der Farbe ist hier eine interessante Fragestellung. Für amerikanische Bourbonproduzenten ist Farbstoff kein Thema, weil verboten. Für Scotchhersteller ist Zuckerkulör als Färbemittel dagegen erlaubt. Da wir laut Beschreibung eine Mischung aus beiden haben, die nicht mehr als Bourbon vermarktet wird, könnte Farbstoff sowohl über die Scotch-Zusetzung als auch durch den Wegfall des Farbstoffverbots in diesen Whiskey kommen. Auf dem Label wird nichts diesbezüglich erwähnt – jeder soll je nach Gemütslage seine Schlüsse daraus ziehen. Ob nun natürlich entstanden oder durch Farbstoffhilfe: Das Kentucky Dram strahlt mit Bernstein in Reinkultur. Beim sanften Schwenken entstehen dünne Beinchen.

Begleitet wird der optische Eindruck durch einen sehr bourbontypischen Geruch. Süß nach Vanille, würzig nach Eiche, eine leichte Lösungsmittelskomponente. Dazu kommt allerdings eine etwas stechende Alkoholfahne, die ein tieferes Schnuppern verbietet. Ich lasse ihn daher eine Weile offen stehen. Doch selbst nach 10 Minuten bleibt dieser stechende Geruch und macht mir den Genuss schonmal schwierig. Den angekündigten schottischen Torfrauch vermag ich persönlich geruchlich nichtmal zu erahnen.

Im Mund kommt er dann, wenn man genau weiß, worauf man zu achten hat, zum Vorschein. Nur ein kurzes Aufblitzen allerdings: Schnell holt die etwas generische Vanille-Eiche-Übermacht alles andere ein und macht es platt. Ein darüberhinaus etwas salziger Charakter mit Anflügen von Lakritz ergibt eine spannende Kombination für alle Freunde des deftigeren Whiskeys; man glaubt kaum, dass er nur 40% Alkohol aufweist, denn die unausgeglichene Schärfe verschreckt schon etwas. Der Abgang ist kurz und leider sehr belanglos. Die bourbontypische Karotte steht noch eine Weile im Mund, dann ist alles enttäuschend schnell wieder weg.

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Glas

Vielleicht bin ich sensorisch zu eingeschränkt, aber ich empfinde die Produktprämisse als sehr gewagt. Wenn wenigstens angegeben würde, welcher und wieviel schottischer Peated Whisky hier enthalten ist, könnte man trefflich diskutieren, wie sehr er die Bourbonbasis beeinflusst – in der vorliegenden Form vermute ich, dass die Formulierung „a touch of peated Scotch whisky“ auf der Dose tatsächlich so gemeint ist. Ein paar Tropfen Scotch pro Flasche. Kaum spürbar. Dazu kommt, dass der verwendete Bourbon ein recht scharfer, harter ist, wahrscheinlich aus Beams unteren Qualitätskategorien; weniger der Geschmack als vielmehr der Geruch leidet sehr darunter.

Wir wollen nun einen Cocktail finden, der der Mixtur aus amerikanischem Bourbon und schottischem Whisky, zwei Titanen der Spirituosenwelt, gerecht wird. Und, siehe da, es gibt einen, von dem man unterschiedliche Varianten findet, einerseits mit dem europäischen und andererseits mit dem amerikanischen Getreidebrand. Mark Twain war so begeistert von ihm, dass er seiner Frau auftrug, die Zutaten bereitzustellen, wenn er von seiner London-Reise zurückkommt. Und ihm zu Ehren ist dieser Cocktail dann auch benannt – wir nutzen hier den schottisch angehauchten Bourbon, um beide Spirituosen zu ehren. Ich bin mir sicher, in dieser Form hätte Mark Twain dieser Cocktail noch besser geschmeckt als mit Scotch (zumindest geht es mir so).

Mark Twain Cocktail


Mark Twain Cocktail
2 oz Scotch (oder hier: Kentucky Dram Whiskey)
¾ oz Zitronensaft
1 oz Zuckersirup
2 Spritzer Angostura
Alles auf Eis shaken.
[Rezept leicht modifiziert nach Mark Twain]


Lohnt sich der Kauf? Persönlich würde ich Interessierten lieber raten, die 40€ in einen guten Bourbon oder einen guten Scotch zu investieren statt in diesen etwas marketinggetriebenen Mischmasch – für das Geld kriegt man in beiden Kategorien ganz hervorragende Produkte. Der Komplettist und Beam-Fan kann aber, wenn er mal etwas anderes probieren will, zugreifen, denn, und das sollte man nicht unterschätzen, das Kentucky Dram ist ein Whiskey, der das Flair des Exklusiven mit sich bringt. Warum?

Jim Beam Kentucky Dram Whiskey Dose

Zunächst ist die Aufmachung gelungen – große, eckige Blechdose in einem sehr genehmen Design. Dann die große, wuchtige Literflasche mit Etikett im selben Metallic-Blau-Stil. Darüberhinaus wird er auch noch künstlich verknappt: Gekauft habe ich diesen Whiskey im Duty-Free-Shop des Flughafens Saarbrücken, vor der Abreise nach Kreta – dankenswerterweise bietet der Shop dort einen Hinterlegungsservice an, so dass man die Flasche nicht mit in den Urlaub nehmen muss, sondern bei der Rückkehr bequem am Informationsschalter abholen kann. 41€ kostete der Liter dort, hätte ich zwei mitgenommen, sogar nur 30€. Ähnlich wie beim Metaxa with Greek Honey ist das Kentucky Dram anderweitig als im Travel Retail aktuell etwas kompliziert erhältlich; bei einem großen ehemaligen Buchversender bekommt man ihn zwar, aber für einen im Vergleich deutlich erhöhten Preis.