Das Stevia des Jerry Thomas – Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange

Wer heute ein Getränk süßen möchte, nimmt wie selbstverständlich raffinierten weißen Zucker; wer auf die Linie achten will, Süßstoff wie Aspartam oder neuerdings Stevia. Das gilt für Tee, Kaffee und Limonaden – in Cocktails ist der Zusatz von reinem Zucker auf einige Rezepte beschränkt, wie den Old Fashioned und ähnliche alte Libationen. Ansonsten setzt man gern Liköre ein, um den Süßungseffekt zu erzielen, wie zum Beispiel Maraschino-Likör oder Bitterorangenlikör.

Letzterer hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung vieler Cocktailrezepte in den frühen Jahren der Mixologie, denn, während Zucker nicht in der praktischen Form, wie wir ihn heute kennen, leicht erhältlich war, konnte man Curaçao, wie der Bitterorangenlikör damals landläufig genannt wurde, gut aufbewahren und in abmessbaren Dosen einsetzen. Doch neben diesem recht praktischen Grund war es auch der Wunsch nach einer feineren, edleren und ganz nebenbei noch zusatzaromatischen Art der Süßung, der diese Art Likör raketengleich emporschießen ließ – schon damals waren die Kunden angezogen vom Höherwertigen, um sich von der Masse der langweiligen Zuckerverwender abzugrenzen, wenigsten bei Cocktails.

Triple Sec, noch ein Name für dieses Süßungsmittel der Wahl der frühen Cocktailwelt, hat sich bis heute gut erhalten, und die Methode, Süße durch Liköre in ein Rezept zu bringen statt über banalen Zucker, ist immer noch das Mittel der Wahl für moderne, neue Drinks. Daher ist Triple Sec auch so leicht erhältlich, selbst kleine Supermärkte führen eine Sorte davon im Angebot. Vielleicht mit die verbreitetste Marke in Deutschland (neben den großen Marken wie Cointreau oder Grand Marnier natürlich), zumindest in meinem Einzugsbereich, ist Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange.

Le Favori Triple Sec Liqueur à l'Orange Flasche

Die Flasche selbst ist ansprechend und sehr orangig gestaltet, voll mit einem Plastiketikett umklebt, das in verschiedenen Orangetönen und einem die poröse Schale von Zitrusfrüchten nachahmenden Muster optisch überzeugt. Die Flaschenform selbst erinnert etwas an die weltbekannte Cointreau-Flasche.

Die Farbe ist völlig klar, die Konsistenz nur minimal viskos. Beine entstehen beim Schwenken. Der Geruch ist süß und angenehm fruchtig, natürlich nach Orangen, mit Anklängen von Zitrone. Ein Hauch Lakritz liegt in der Luft. In Kombination erinnert Le Favori mich an den Geruch, der einem aus einer Tüte Fruchtgummi entgegenschlägt. Wenn man genau hinriecht, erkennt man die Neutralalkoholbasis. Soweit, so ausgesprochen gut.

Le Favori Glas

Geschmacklich erfreut zunächst eine bitterorangige Fruchtigkeit die Zunge. Sehr aromatisch, aber vielleicht etwas oberflächlich. Die Süße kommt mit der Verweildauer im Mund immer stärker nach vorne, bis sie am Ende das klar dominierende Element ist. Der Gaumen ist nach einem winzigen Schluck direkt mit Zucker belegt. Eine wohlige Wärme, die in ein mildes Alkoholkitzeln übergeht, ist der einzige Zeuge der hier enthaltenen 40% Alkohol. Wüsste man es nicht, man würde es nicht vermuten.

Der Abgang ist, wenn man von der überwältigenden Süße absieht, überraschend bitter und trocken. Faszinierend, dass sich das nicht unbedingt gegenseitig ausschließt. Die Lippen erhalten einen Zuckergloss, der Gaumen ein adstringierendes Bittergefühl, die Zungenspitze eine leichte Betäubung und den leicht mentholigen Eindruck, den man nach Genuss von Lakritze hat, der Rachen wirkt zuckerverpappt.

Bitterorangenlikör ist also, wie wir gehört haben, eine Standardzutat bei Cocktails. Daher findet man klassische Rezepte, die Triple Sec einsetzen, wie Sand am Meer. In diesem Sand sind unter viel wertlosem Strandgut manchmal die Perlen etwas verborgen; daher danke ich David Wondrich für seinen eloquenten Hinweis auf den Savoy-Klassiker Dream, in dem der Le Favori eine gute Figur macht.

Dream


Dream
2 oz Armagnac (z.B. Comtal Armagnac)
1 oz Orangenlikör (z.B. Le Favori Triple Sec Liqueur à l’Orange)
1 Spritzer Absinthe (z.B. Absinthe Emanuelle)
[Rezept nach Harry McElhone]


Persönlich gefällt mir der Le Favori deutlich besser als sein Discounter-Konkurrent Chadess. Bei 8€ pro 0,7l sind wir dabei nichtmal viel teurer, was für ein sehr gutes Preisleistungsverhältnis sorgt. Wer Orangenlikör allerdings pur trinken will, zum Beispiel als Aperitiv auf Eis, ist vielleicht dann doch mit den Edelvarianten Cointreau, Grand Marnier Cordon Rouge oder Clément Créole Shrubb besser bedient, die noch eine gewisse Feinheit aufweisen, die dem Le Favori etwas abgeht; als Cocktailzutat macht man aber selbst mit gehobenem Anspruch mit dem Le Favori nichts falsch.

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