Sodastream Blondie Titel

Wie faul darf man sein? Sodastream Blondie Bier-Konzentrat

Sie ist eine der Sieben Todsünden, galt schon immer als Charaktermangel und wird auch heute noch aufs übelste geschmäht: Die Faulheit. Wer sie in sich trägt, gilt als nutzloser Parasit, als Belastung für die Gesellschaft. Doch in Wahrheit muss man sie loben und preisen, denn ohne sie würde unsere Gesellschaft heute anders aussehen. Ein Großteil der Erfindungen, die uns das Leben leichter machen, und die wir heute als selbstverständlich betrachten, entstanden aus einem Faulheitsgedanken – ich will nicht mehr zu Fuß herumlaufen müssen, nicht mehr den schweren Krug zum Brunnen und zurück schleppen, nicht mehr im Winter mich dauernd um Feuerholz kümmern. Faulheit ist für mich daher eine Form der alltäglichen Lebenseffizienz, und ich gebe gern zu, dass ich gerne ein noch viel fauleres Leben führen würde.

Für manche faulen Bierfreunde, die sich das Bier in größeren Mengen auf einmal zulegen, wäre es bereits eine enormer Fortschritt, wenn sie nicht schwere Bierkästen in den dritten Stock schleppen und dann das Leergut zurücktransportieren müssten. Das Gewicht des Biers, plus der Glasflaschen und des Kastens, da muss doch eine elegantere Lösung möglich sein? Sodastream und andere Firmen haben bereits für diesselbe Problematik mit Sprudelwasser und Limonaden eine Lösung parat – Leitungswasser aus dem Hahn, mit einem Gerät aufgesprudelt, und vielleicht nach Geschmack mit Sirup in verschiedensten Geschmacksrichtungen versetzt, ersetzt den Mineralwasserkasten. Von da ist der Sprung zur Idee, das auch aufs Bier zu übetragen, nicht weit – und so kann der moderne Homo Sapiens Prokrastinens sich mit dem Sodastream Blondie Bier-Konzentrat 3 Liter Pils mit einer Hand ins Haus holen. Oder liefern lassen, um den Faulheitsquotienten noch zu erhöhen.

Sodastream Blondie Flasche

Erstmal pur etwas vom Konzentrat ins Glas. Beim Öffnen der Plastikflasche zischt es, denn die sirupartige Flüssigkeit hat etwas Kohlensäure. Die Farbe ist dunkler als das Standardpils, muss ja aber schließlich verdünnt gut aussehen. Im Geruch ist es säuerlich, erinnert etwas an Sekt, leicht bitterhopfig, sehr malzig. Ein Anklang von Rauch, Speck und Muffigkeit sorgt für ein erstes Stirnrunzeln. Eine durchaus schon erriechbare Alkoholnote wischt Zweifel darüber hinweg, ob das Blondie nicht am Ende alkoholfrei sein könnte. Pur genippt schmeckt es wie – Überraschung! – abgestandenes Starkbier. Leicht bitter, sehr süß und mit einem nur extrem kurzen, trockenen, etwas adstringierendem Abgang.

Sodastream Blondie Bier-Konzentrat pur

Doch das ist natürlich nur das Vorgeplänkel eines interessierten Bierfreunds; pur trinkt das niemand, wäre auch nicht dafür geeignet, obwohl ich mir das für Cocktails als Zutat für später im Hinterkopf behalte.

Nun also eines der beigepackten Gläser herangenommen, bis zum unteren Eichstrich mit gut gekühltem Blondie Bier-Konzentrat gefüllt, und dann mit sehr kaltem Gerolsteiner Sprudel aufgefüllt, also gemäß der auf Karton und Flasche aufgedruckten, bebilderten Anleitung. Doch vorsicht dabei! Schnell sprudelt das Bier über. Denkt man erstmal, dass soviel Schaum schon ein gutes Zeichen ist, ist man kurz darauf ernüchtert – der Schaum hält sich vielleicht eine Minute.

Sodastream Blondie Bier-Konzentrat gemischt

Auf dem Foto erkennt man ein Problem – eigentlich müsste man das Gemisch umrühren, da sich die Vermischung ungleich verteilt, oben fast nur Wasser, unten das sirupartige Konzentrat. Doch dabei geht natürlich etwas Blubber verloren.

Sollen wir mal am Ergebnis riechen? Malzig, Karamell, dieser abgestandene, muffige Ton. Ich ahne nun schon, wohin mich dieses Mischexperiment führen wird. Doch es kommt schlimmer – das schmeckt nach überhaupt nichts. Ein stark sprudellastiges saures Radler, wenns hoch kommt. Seltsam süß and der Oberfläche, eine minimale, sehr eckige Bittere, etwas metallisch und heuig im Nachklang, praktisch kein Körper; liegt es am Mischverhältnis? Ein zweiter Versuch mit etwas mehr Konzentrat bringt keine wirkliche Verbesserung. Man blickt sehnsüchtig auf das auf der Flasche abgedruckte Bild eines Biers im Glas, das leider so gar nichts mit der Sodastream-Realität zu tun hat. Definitiv hat das Blondie, wenn man überhaupt von Biercharakter sprechen kann, mehr von einem sehr dünnen Lager als von einem Pils (das Etikett preist das Blondie als Pils an), Export oder Märzen – von Ale brauchen wir gar nicht erst anzufangen.

Zutaten sind Brauwasser, Gerstenmalz, Glukosesirup und Hopfenextrakt – durch den Zuckeranteil entspricht das Instantbier natürlich nicht mehr dem Reinheitsgebot. 5,1g Zucker pro 100ml im Konzentrat sorgen dafür, dass fast 3½ Gramm Zucker in der vorgeschlagenen Verzehrgröße von (aufgegossen) 0,2l enthalten sind; das ist in etwa 1 Stück Würfelzucker.

Sodastream Blondie Geschenkpackung

Zu erwerben gibt es das Konzentrat in einem Geschenkkarton mit 1 Literflasche und zwei durchaus dekorativen Gläsern mit Markenaufdruck für 10€ plus Versand; der Liter Konzentrat allein ist auch erhältlich und kommt dann auf 3€ – damit kann man dann nach Adam Riese 3 Liter Bier herstellen.

Doch trotz dieser Ergiebigkeit ist das entstandene Bier ja nicht wirklich genießbar, daher Versuch Nummer 3 – taugt das Blondie Bier-Konzentrat vielleicht als Cocktailzutat? Ich mische mir geschwind einen Hops & Dreams an. Normalerweise müsste man sich den dafür benötigten Biersirup selbst einkochen, aus Bier und Zucker; das Blondie bietet sich nun dafür natürlich direkt an und nimmt einem die Arbeit ab. Ja, so könnte das funktionieren; dennoch glaube ich, dass die Eindimensionalität und Einfachheit des Bier-Konzentrats von Sodastream nicht der Weisheit letzter Schluss für Biersirups ist.

Hops & Dreams


Hops & Dreams
2 oz Rye Whiskey (z.B. Bulleit 95 Rye Frontier Whiskey)
½ oz Zitronensaft
1 oz Biersirup (z.B. Blondie Bier-Konzentrat)
¼ oz Kirschlikör (z.B. Cherry Heering)
¼ oz Amaro (z.B. Fernet Branca)
Alle Zutaten auf Eis shaken, und mit…
2 Spritzer Angostura
…dekorieren.
[Rezept leicht angepasst nach Brian Means]


Ist das Bierkonzentrat nun eine echte Alternative für Bierfreunde? Nein. Schon allein der Zuckerzusatz macht es für mich zu einem No-Go, aber auch sensorisch ist das Blondie kein Konkurrent für selbst das billigste Discounterbier. Gewiss könnte man noch mit unterschiedlichen Mischverhältnissen und Sprudelsorten experimentieren, um zu schauen, ob sich dadurch der Geschmack verbessert – allein, mir fehlt die Lust dazu. Und grundsätzlich, von allen geschmacklichen und transportlogistischen Aspekten unabhängig, muss man sich die Frage stellen, ob man wirklich ein dermaßen hochindustrialisiertes Kunstprodukt völlig ohne Seele konsumieren will, wenn gerade auf dem Craftbiermarkt so unglaublich fantastische Biere jeder Couleur zu haben sind, die handwerklich hergestellt werden und Charakter aufweisen. Für mich ist es das Bieräquivalent zu Tütenbolognese – ein künstliches Produkt, das kein Mensch braucht, und das nur verwendet, wer kein Interesse an natürlichen Aromen hat.

Die Lieferzeit wird aktuell auf der Homepage von Sodastream, der gerade einzigen Bezugsquelle, mit 10 Tagen „aufgrund der hohen Nachfrage“ angegeben. Ich gehe sehr stark davon aus, dass diese Nachfrage fast nur aus experimentierfreudigen Bierfreunden besteht, die kein zweites Mal bestellen werden. Für mich war es ein spannender Versuch – aber nicht alles, was man probiert, muss man auch ein zweites Mal versuchen. Das Blondie ist ein Gag für eine Party prokrastinierender Pilsfreunde, mehr nicht.

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9 Gedanken zu “Wie faul darf man sein? Sodastream Blondie Bier-Konzentrat

    1. Die Antwort bietet der „Bierpapst“ Conrad Seidl im Biermagazin Meiningers Craft 04-2016: IPA wurde zwar für die Haltbarkeit während des Transports stärker eingebraut, doch es wurde nicht wieder rückverdünnt. Indisches Wasser wäre problematisch gewesen, und der Aufwand zu groß, wenn man es auch so trinken konnte. Das „Konzentrat“ ist also eine urbane Legende.

      Gefällt 1 Person

  1. Hübsch zu lesen. Nicht dass ich Interesse gehabt hätte an Sirup Bier, aber um die Geschichte von Anfang aufzudröseln, an diesem lauschigen Sommerabend bin ich über einen Kommentar von Dir zu einem dem Beam Red Stag Foto bei einer Amazon Rezension, gestoßen, schließlich über Dein Profil auf Deinen Blog geraten und mein Mann, der Deinen Blog regelmäßig liest, sagte: „Du musst den Beitrag über das Bier Sirup lesen!“
    Here we go!
    Nebenbei noch das ORF Video angeschaut, das so richtig sinnlos ist. Und nebenbei ein Gläschen El Dorado zu Ende genossen. (Man(n) trinkt bzw. trank Stag und meint Du sollsollteen ruhig auch mal probieren. Und einen Fotolehrgang empfiehlt er Dir…ja, soisser. Herzlich nordisch.)

    Ich grüße ganz herzlich und bedanke mich für die unterhaltsame Lektüre.

    Sabine aka Apicula

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sabine!
      Vielen Dank für diesen Kommentar! Freut mich, dass Deinem Mann mein Blog gefällt! Was stört ihn an den Fotos? Ich bin beileibe kein Profi, aber ich hoffe, man sieht in der Historie dieses Blogs, dass ich mich deutlich verbessert habe in einem Jahr… :-). Da ich das ganze immer noch als Hobby betreibe, habe ich nicht so sehr die Energie dazu, ein Studio und eine Profikamera anzuschaffen.

      Den Red Stag habe ich tatsächlich auch immer in meiner Heimbar. Auch wenn das ein Zuckermonster ist, hat er was sehr interessantes an sich – und er war eine der ersten Spirituosen, die mich zum Cocktail hinbrachten. Allein dafür hat er schon immer einen kleinen Seitenaltar in meiner Gedächtniskirche. 🙂

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