Aus dem Hohen Norden – Bendita Tentación Mezcal Artesanal Joven

Nein, Mezcal wird niemals der Hype werden, den so mancher aufgeregte Journalist ihm aktuell und im letzten Jahr angedichtet hat. Die Spirituose ist zu speziell, zu unangepasst, und auch nicht in entsprechender Menge zu niedrigem Einstiegspreis anbietbar, um die Massen zu ködern. Man muss auch vorsichtig sein, was man einem Brand wünscht – denn zu einem Massenprodukt zu werden ist sicherlich nichts, was irgendeinem, der sich um Qualität und Tradition kümmert, ein Anliegen sein kann. Mezcal ist geradezu die Antithese zur großen Industrialisierung, und ich würde mich freuen, wenn es so bleiben würde.

Wir sind tatsächlich immer noch erst in der Findungsphase, Mezcal ist noch lange nicht mal ansatzweise bei uns in Europa angekommen. Erst so langsam entdecken wir die Bandbreite, die dieser Agavenbrand bietet, zum Beispiel durch unterschiedliche Agavenarten abseits der inzwischen vielleicht am besten bekannten Espadín, oder die starke Regionaliät, oder spezielle Brenn- und Produktionsweisen. Und auch ich stoße ständig auf spannende neue Varietäten, von denen ich zuvor nie etwas gehört hatte – wie der Agave Durangensis (Cenizo), die im Norden Mexikos im Bundesstaat Durango wächst. Die Brenner von der NOM-D55G machen daraus den Bendita Tentación Mezcal Artesanal Joven, natürlich aus 100% Agavenzucker destilliert, in kleinen Auflagen.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal

Der Mezcal ist „joven“, also ungereift, und entsprechend völlig klar und transparent. Im Glas bewegt er sich beim Schwenken sehr lebendig, mit gefühlt höchstens leichter Viskosität – dafür bleibt paradoxerweise an der Glaswand so einiges hängen, ein fetter Film, der in breiten, dicken Tropfen langsam abläuft. Nach einem ersten Test in einem Nosing-Glas dachte ich mir, dass ich auch endlich mal wieder meine handgemachten Caballitos auspacken sollte, und so trinke ich diesen Mezcal dann aus genau so einem mit viel Genuß.

Die Nase ist zunächst dominiert von sehr viel aromatischer, vegetaler, grüner Agave, komplementiert von einer Erdigkeit, die schwere Basis dazu erzeugt. Ein leichter Fehler ist wahrscheinlich die subtile Laktat-Note, die eine gewisse, sehr milde Käsekomponente dazufügt. Weiterhin bleibt der Bendita Tentación aber sehr mineralisch, mit einem Hauch Rauch, und leichten Anklängen von Zitrus, die bei tieferem Schnuppern in Ethanol übergehen. Insgesamt ein ungewöhnlicher, sehr eigener Geruch.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal Glas

Das alles, was man erschnuppert hat, findet sich dann auch im Mund wieder, beginnend mit einem sehr schweren, dunklen und süßen Antrunk voller weißer Schokolade und reife Früchte, Pfirsiche und Mango, die in hellere Fruchttöne wie Zitronen übergehen. Ein sehr ungewohnter Geschmack für einen Mezcal, erinnernd an Obstpechuga, nur mit noch ausgeprägteren Fruchtaspekten. Im Verlauf kommt Agavenfleisch langsam durch, und die mineralisch-rauchige Komponente nimmt etwas zu, der Bendita bleibt aber weiterhin sehr süß, schwer und voll. Im Abgang kommt sehr hübsche Wärme auf, die den gesamten Geschmacksapparat erhitzt, ohne zu kratzen oder zwicken; 45,68% Alkoholgehalt sind wunderbar eingebunden. Schokoladig endet die Verkostung, mittellang, mit sehr blumig-rauchigem Nachklang, der von feinherber Trockenheit und nun doch noch erscheinender Säure mit deutlicher Adstringenz unterstützt wird.

Mir gefällt diese Interpretation eines Mezcal sehr, für manche mag sie untypisch wirken, weil die fruchtige Schwere schon überraschend ist. Doch gerade das macht den Bendita Tentación so apart – man erkennt hier, dass es sich um eine eigene Agavengattung und Herstellungsregion handelt, und wenn ein Produkt es schafft, eine eigene Identität zu zeigen, schätze ich das sehr.

Da passt es nur zu gut, wenn so ein Mezcal zusammen mit anderen eher dunkelaromatischen Komponenten in Verbindung gebracht wird – wie beim El Molino mit Sherry, Allspice und Kakaolikör. Das Ergebnis ist ein Drink, der in seiner Konsistenz gar nicht mehr aus dem Mund heraus will.

El Molino Cocktail


El Molino
1½ oz Mezcal
¾ oz Palo Cortado Sherry
¼ oz Allspice Dram
¼ oz weiße Crème de Cacao
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Jim Meehan]


Vielleicht bin ich etwas beeinflusst, denn zu meiner Freude war es mir möglich, die Markeninhaberin Alejandra Anderson Diaz persönlich kennengelernt zu haben während meines Aufenthalts in China als Juror für Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2019.  Sie tut viel für Mezcal, ist auch Direktorin des Mezcal-Museums in Durango und Ko-Präsidentin des Verbands Mujeres del Mezcal, Maguey y Destilados de México.

Bendita Tentación Mezcal Artesanal Alejandra Anderson

Zum Abschluss die übliche Frage – für wen ist der Bendita Tentación was? Wer auf harte, klar definierte und/oder sehr rauchige Mezcals steht, wird wahrscheinlich eher woanders glücklich. Wer gerne fruchtlastige Pechugas trinkt, oder mal einen schwersüßen Mezcal zur Abwechslung probieren möchte, ja, der könnte sicherlich gut Freund mit diesem Mezcal aus Nordmexiko werden!

Bier am Freitag – Brauerei Krieger Floriani Bock

Sankt Florian ist der Patron der Feuerwehrleute und Brauer, beide löschen schließlich Brände. Kleiner Kalauer zur Einleitung, ich weiß. Nun, der Zusammenhang ist wohl eher mit dem Schutz vor Wasser- und Feuergefahr verbunden, und Brauer haben schließlich mit beiden viel zu tun. Und so wird der Heilige Florian von Lorch zum Namensgeber für den dunklen Doppelbock der niederbayerischen Familienbrauerei Krieger. Ich bin ein großer Freund dieses Bierstils, und so konnte ich im Getränkemarkt natürlich nicht am Brauerei Krieger Floriani Bock vorbeigehen, als ich ihn das erste Mal entdeckte – und ich nehme nichts vorweg, wenn ich jetzt schon verkünde, dass das dann nicht meine letzte Flasche war.

Brauerei Krieger Floriani Bock

Im Glas wirkt er tatsächlich sehr dunkel, mehr als haselnussbraun, mit rubinroten Reflexen, wenn man ihn gegen das Licht hält. So dunkel jedenfalls, dass man nicht sehen kann, ob Perlage vorhanden ist. Der Schaum, der beim Eingießen noch da ist, fällt schnell in sich zusammen, es bleibt eine feine Schaumfläche, die das ganze Bier bedeckt, mit einzelnen Großblaseninseln. In der Nase kommt er sehr malzig, leicht röstig an. Milde Fruchtaromen, Orangenschale, Pfirsich vielleicht, lockern das Ganze etwas auf. Durchaus erkennbar rostig, nach alten Stahlnägeln, das finde ich eigentlich oft apart bei Starkbieren.

Im Mund ist der Floriani Bock direkt vom ersten Antrunk an extrem voll, cremig und schwer. Dazu eine tolle Breite, da hat man echt was im Mund. Süßlich, malzig, röstig beginnt es, eine tolle Frische kommt dazu, die verhindert, dass das Bier stumpf wird. Perfekte süß-sauer-Balance. Würzigkeit baut sich auf, die Röste wird immer präsenter, bis sie in Kaffeepulver übergeht. Wunderbar karbonisiert und mit 7,5% Alkoholgehalt gut im Rahmen eines Doppelbocks platziert. Der Abgang ist kurz, immer noch voll, hier entsteht erst leichte Bittere, die aber hervorragend eingebunden ist ins Gesamtbild. Leicht trocken, etwas astringierend wie bei Grapefruit – mit etwas Rost und Röste endet das Bier schließlich.

Ich versuche, diesen Bock immer zuhause zu haben. Das ist eines meiner absoluten Lieblingsbiere, ich freue mich immer darauf, ihn einzuschenken. Wer ihn bekommen kann (ich habe ihn in meinem toll ausgestatteten Edeka öfters gesehen), muss zugreifen.

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve

Knud Strand hatte mich bei unserem gemeinsamen Aufenthalt in Brüssel mit seiner mitgebrachten Flasche des ungereiften Mhoba Rum Pot Stilled High Ester 66,2% dazu gebracht, endlich mal die Samples von drei Varianten dieses südafrikanischen Rums auszuprobieren, die ich schon eine geraume Zeit zu Hause stehen hatte. Die ungereifte Variante, die Knud wild und voller dänischem Verve anpries, kann mich bei allem neutralen Qualitätserkennens nicht wirklich zu Jubelstürmen veranlassen, dazu ist mir die Hochesterigkeit zu ungebändigt. Doch als ich dann das kleine Sample des Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve öffnete und verkostete, ja, da kam dann das anerkennende Kopfnicken, das Knud, so leid es mir im Rückblick tut, für die ungereifte Variante nicht von mir erhalten hat. Da musste tatsächlich eine ganze Flasche her!

Steven James hat auf seinem Rum Diaries Blog schon vor einem Jahr eine ganz herausragende Geschichte über Mhoba Rum mit tollen Fotos und Videos verfasst, die ich hier einfach verlinke, statt die Details wiederzukäuen – Nachlesen deutlichst empfohlen! Ein paar Dinge möchte ich hier als Extrakt dennoch wiedergeben. Erstens, Mhoba ist praktisch ein Single Estate Rum, alle Produktionsschritte vom Anbau des Zuckerrohrs bis zur Flaschenabfüllung werden auf dem eigenen Gut durchgeführt. Die Fermentation des von Hand geernteten und mit einfachen Maschinen ausgepressten Zuckerrohrs erfolgt mit einer Mischung aus wilden und gezüchteten Hefen über 7 bis 10, für Hochestervarianten sogar 21 Tage. Destilliert wird mit Edelstahlpotstills, und nach der kurzen Holzreifung (für den vorliegenden Rum mindestens 12 Monate in aufgearbeiteten Ex-Rotweinfässern aus französischer Eiche) werden sie unfiltriert und zum Teil unverdünnt abgefüllt. Man sieht, handwerklich gut gemacht, und für mich persönlich ist das schon die halbe Miete! Ich habe oben leider unvernünftigerweise bereits vorweggenommen, dass sich diese Arbeit gelohnt hat – hier nun meine geschmacklichen Eindrücke.

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve

Die kurze Reifezeit hat dennoch ihre Spuren hinterlassen – ein frischausgeflammtes Fass bietet halt auch in kurzen Perioden ordentlich Charakter, sowohl optisch als auch sensorisch. Ein kräftiges poliertes Kupfer liegt da im Glas, mit ansprechender Schwere beim Schwenken. An der Glaswand laufen Tropfen mit fetten Köpfen langsam ab.

Der erste Eindruck ist geprägt von Klebstoff und Estern. Eine gewisse säuerliche Note von „feuchten Turnschuhe“ kommt dazu. Nach etwas Offenstehzeit kommen weinige Aspekte dazu, und man meint, das feuchte Fassholz im Untergrund herausriechen zu können. Keine Spur von Stechen oder Zwicken. Ein rundes und volles Bouquet!

Mhoba Pure Single Sugarcane Juice French Cask Rum Select Reserve Glas

65% Alkohol sind natürlich üppig – unverdünnt wanderte der Rum schließlich vom Fass in die Flasche. Heutzutage gar nicht so ungewöhnlich für derartige Rums. Das wunderbare ist, dass man bei derartiger Qualität nicht verdünnen muss; der Antrunk ist trotz der Alkoholstärke zuerst weich und rund. Viel natürliche, unklebrige Süße spielt am Anfang mit, wuchtige, schwere, vanillige und zimtige Holztöne verbinden sich mit der frischen Helligkeit und Aromatik eines Zuckerrohrsaftbrands. Etwas Kleber ist weiterhin dabei, ja, wird aber deutlich vom Holz aufgefangen. Im Verlauf entsteht feurige Würze, esterige Tropenfrucht kombiniert sich mehr mit den holzigen, ledrigen Tönen als gegen sie anzukämpfen. Sehr schön entwickelt sich dann milde Trockenheit, die sich überall am Gaumen anlegt und ein fettes Mundgefühl erzeugt, das einen den Rum fast schon kauen lässt.

Der Abgang ist sehr warm, eher kurz, mit einem sehr aparten gegenklingenden mentholischen Nachhall, der nach all dem Feuer den Gaumen wieder runterkühlt. Ein leicht floraler Blütennachhall mit langer Wirkung bendet die Verkostung. Das Fazit ist klar und kurz – charaktervoll, stark, schwer und hochkomplex, ohne kompliziert zu werden, für mich rückblickend definitiv eine der Spirituosen meines Schnapsjahres 2020!

Der Embassy Cocktail stammt aus den 1930ern, ich habe ihn in Dale DeGroffs The Craft of the Cocktail gefunden, und er hat mich direkt angesprochen in seiner schon im Rezept erkennbaren Alkohollastigkeit. Durch den Einsatz des Mhoba French Cask bekommt er noch mehr Wucht, und auch eine eigenwillige, zunächst etwas seltsame Aromatik, die für mich aber mit jedem Schluck interessanter wird und in einer herrlichen Jasminblütigkeit endet.

Embassy Cocktail


Embassy Cocktail
¾ oz gereifter Rum
¾ oz Cointreau
¾ oz Brandy
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Dale DeGroff]


Was Geschenkverpackungen angeht bin ich sehr zwiegespalten. Einerseits stellt sich bei mir immer heraus, dass sie direkt nach dem ersten Anschauen entweder auf dem Schrank als Staubfänger landen, oder sogar direkt entsorgt werden. Bei der Bambus-Holzkiste des Mhoba French Cask würde mir das ehrlich wehtun, denn sie ist wirklich hübsch. Dasselbe angeflammte und mit Lasertechnik gravierte Holzmaterial wurde, und das finde ich shockingly cool, auch anstelle eines Papieretiketts auf die Flasche aufgebracht. Dort ist dann sogar die Flaschennummer erkennbar von Hand angebracht, bei mir 284 von 462 des Batches 2019FC2. Sowas zeigt mir dann, dass hier eine echte Limitierung der Flaschenzahl stattfindet – „small batch“ mal in echt.

So ein Rum ist nicht ganz billig, für rund 80€ bekommt man aber auch extrem viel – ein hocharomatischer, spannender Rum in toller Präsentation aus einem ungewöhnlichen Herstellungsgebiet, dazu in kleiner Auflage ehrlich hergestellt. Da muss sich so manch Jamaikaner trotz des Klimas warm anziehen, in Südafrika entsteht gerade Konkurrenz. Man muss sicherlich schon etwas Lust auf Wildheit und Frechheit haben, aber diese Safari lohnt sich!

Neujahrsbier am Freitag – Gulden Draak Calvados Barrel Aged Ale

Von meiner Reise nach Brüssel Ende Oktober 2020 habe ich bereits berichtet. Eines der Mitbringsel von dort war das Gulden Draak Calvados Barrel Aged Ale. Das obergärige Bier aus der Brouwerij Van Steenberge ist ein dunkles belgisches Starkbier, das nach dem Brauvorgang noch 4 bis 6 Monate in einem Ex-Calvados-Fass nachreifen konnte. Nach etwas Internetrecherche habe ich wahrscheinlich etwas überbezahlt mit 29€ für eine Dreiviertelliter-Sektflasche mit Korken und Drahtkorb, doch die Flasche war zu verlockend in dem kleinen, aber feinen Bierfachhandel in Brüssel – die absurd hohe belgische Alkoholsteuer schlägt hier vielleicht auch noch etwas zu. Bin ich nun enttäuscht deswegen?

Gulden Draak Calvados Barrel Aged Ale

Optisch punktet der „goldene Drache“ direkt nach dem Eingießen ins passende Glas, das ich in dem Lädchen gleich noch mit eingepackt hatte – dunkler Bernstein, mit minimaler Trübung. Hält man das Glas gegen Licht, sieht man eine sehr kräftige, schnelle Perlage. Der Schaum ist ein Traum, superfeinblasig, cremig, identisch zu der Crema auf frisch gebrühtem Kaffee. Er ist auch für ein Ale langlebig, wird zwar dünner, aber bedeckt langfristig die gesamte Bieroberfläche. Die Nase findet direkt Fassreifungsnoten, leichte warme Holztöne, etwas Vanille, und auch wirklich etwas das Aroma roter, reifer Äpfel und Birne mit Zimt. Deutliche Malzigkeit liegt darunter, Hopfen bleibt hier außen vor. Eindrücke von Orangenmarmelade und Kirschsaft sorgen für weitere Fruchtigkeit. Ein wirklich tolles Bouquet, das zum langen Schnuppern einlädt.

Im Mund geht das ansatzlos weiter. Fantastische Cremigkeit, der Schaum ist also kein Augenwischer, sondern Verkünder des Mundgefühls. Perfekte Süßsauer-Balance, dadurch ist das Ale gleichzeitig aromatisch voll und mit schöner Rezenz. Schöne Würze, die die Frucht unterstützt – tatsächlich ist milde Apfelfrucht vorhanden. Die Fassreifung gibt Holztöne und Wärme; die 10,5%, die das Bier zu einem Quadrupel machen, fallen nie negativ auf, man schmeckt und fühlt sie aber, und sie geben ordentlich Körper und Kraft. Der Abgang ist lang, mildholzig, feinherb und lässt die Verkostung mit vorsichtiger Jasmin-Blumigkeit ausklingen. Eine angenehme Trockenheit liegt noch eine Weile auf dem hinteren Gaumen.

Für mich ist diese fassgereifte Version des Gulden Draak ein perfektes Bier. Ich habe nullkommanull zu kritisieren, und genieße jeden einzelnen Schluck mit erneuter Überraschung, wie rund und großartig komponiert dieser belgische Traum ist. Wer die Chance hat, es zu probieren, sollte das tun – ich bin froh, die Sektflasche voll zu haben, da ist der Genuß noch verlängert. Und der Preis, nunja, das Bier ist es tatsächlich wert. Besonders zu schönen Angelegenheiten, wie Neujahr, statt dem allgegenwärtigen billigen Sekt.

Sizilianisch für Fortgeschrittene – Averna Riserva Don Salvatore

Die gewöhnliche Heimbar eines typisch deutschen Haushalts ist (wenn überhaupt vorhanden) klein, besteht meist nur aus wenigen Flaschen. Je nach Geschmack findet sich darin ein Whisky, ein Obstbrand oder ein Likör – am häufigsten sehe ich aber einen Amaro, meist dann Ramazotti oder Cynar. Die italienischen Kräuterbitterliköre haben den Vorteil, dass sie sowohl ein bisschen Urlaubsfeeling geben, als auch mit ihrem verrückten sowohl süßen als auch bitteren Geschmacksprofil eine breite Schicht an Interessenten ansprechen.

Es gibt diverse Kategorien von Amaro – eine davon, „Medium“, beinhaltet die großen Marken, die wir alle in Deutschland aus dem Supermarkt und der Fernsehwerbung kennen, darunter auch den sizilianischen Averna. Von dieser Marke wurde 2018 eine Sonderedition herausgebracht, die ihr 150. Jubiläum feiern soll. Nicht nur wurde die „Edizione Riserva“ entsprechend nach dem Gründer der Firma, Salvatore Averna, benannt, sondern ist auch ein vom Standard-Averna deutlich abweichendes Produkt. Der Averna Riserva Don Salvatore hat einen höheren Alkoholgehalt und wurde dazu 18 Monate in kleinen Eichenfässern im sizilianischen Caltanissetta gereift. Das allein klingt für den Spirituosenfreund schon aufregend – hat auch der bescheidene deutsche Heimbarbesitzer was davon, seinen Schrank mit dieser Sonderauflage zu bestücken?

Averna Riserva Don Salvatore

Man ahnt es auf den Fotos, hat man es vor sich, ist es noch frappierender – der Amaro ist beinahe schwarz, völlig blickdicht und nur, wenn man etwas Gegenlicht hat, sieht man braunrote Reflexe in der Tinte. Beim Schwenken legt sich ein bräunlicher Film an die Glaswand, der lange stehen bleibt, selbst wenn der Großteil der dicken und sehr öligen Flüssigkeit schon wieder abgelaufen ist.

Gar nicht unerwartet sind dann die Eindrücke, die man über die Nase sammelt: Süßholz, allerlei aromatische Küchenkräuter; süßliche Komponenten wie Karamell und dunkle Schokolade; aber auch hellere Töne, wie etwas Minze, Eukalyptus, Bitterorange und Mango. Ein leichter Ethanolhauch schwingt noch mit, wenn man tiefer schnuppert. Durchaus vielschichtig und mit Unterhaltungscharakter.

Ein Amaro ist ein Likör, und darum wundert es nicht, wenn sich beim Antrunk erstmal eine fette Zuckerschicht auf Zunge und Gaumen legt. Diese Süße ist teilweise schon pappig, aber auch sehr aromatisch, brauner Kandis, Karamell, schwerer Nougat. Kurz danach entsteht aber die amarotypische, knackige, harzige Bittere, die sich über die Süße legt – Chicoree, Süßholz, Fenchel. Kräuterig, schwer und passend zur Farbe auch sensorisch schwarzbraun. Leichte Bitterorangentöne hellen minimal auf. Die für einen Amaro üppigen 34% geben dem Don Salvatore ordentlich Power und Körper.

Averna Riserva Don Salvatore Glas

Der Abgang ist schwer, bittersüß, recht herb und lang. Man spürt richtig, wie sich Reste im gesamten Mund festgesetzt haben, wie man das schon im Glas mit dem Film gesehen hat. Süße bleibt auf den Lippen, starke Bittere im Rachen, ein leichtes Kitzeln und Betäubung auf der Zunge. Mit deutlichen Holznoten, ja, die anderthalb Fassreifungsjahre schmeckt man wirklich raus, und einem leicht minzigen Nachhall klingt die Verkostung aus.

Manche Dinge, die man früher gekauft, und unter der Kategorie „Kitsch“ nach einer Weile dann doch in den Keller verbannt hatte, sind nahezu ideal dafür geeignet, den überfließenden Exotikdrang von Tikicocktails zu begleiten. Die Tukan-Tasse ist als Kaffeebehältnis grenzwertig, als Tiki Mug genial. Und der Drink mit dem Namen Tuscan Toucan passt dann halt wie die Faust aufs Auge in so eine Tasse; und der Don Salvatore wiederum wie die Faust aufs Auge in diesen Cocktail. Man sieht hier, Amaro ist eine echte Tiki-Sensation.

Tuscan Toucan Cocktail


Tuscan Toucan
1½ oz Amaro
1 oz ungereifter Overproof-Rum
1 oz Limettensaft
¾ oz Zimtsirup
¾ oz Ananassaft
¾ oz Grapefruitsaft
Auf Eis blenden.

[Rezept nach False Idol]


Für den deutlichen Aufpreis (rund 20€ bezahlte ich für die Flasche des Averna Don Salvatore) bekommt man im Vergleich zum Standard-Averna schon eine Packung, die sich rentiert: allein schon die 5% mehr Alkoholgehalt machen sich in jeder Beziehung bezahlt, doch auch die Holzreifung sorgt für ein sehr viel tieferes, komplexeres Trinkgefühl. Die schöne Flasche mit dem edel gestalteten Etikett macht sich auch hübsch in einer Vitrine zuhause. Für mich persönlich eine absolute Empfehlung für Freunde des italienischen Bitterlikörs. Solange die limitierte Auflage erhältlich ist, kann man ohne jeden Gewissensbiss zuschlagen.

Weihnachtsbier am Freitag – Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020

Es sind manchmal die Zufälle, die tolle Gelegenheiten ergeben. So fand ich während eines Besuchs bei meinen Eltern in der Schwäbischen Post beim Durchblättern eine riesige Werbebroschüre des von mir sehr geschätzten schwäbischen Brauers Gold Ochsen aus Ulm. Dort erfuhr ich, dass die Brauerei jedes Jahr ein Jahrgangsbier besonderer Brauart herausbringt, mit sowas fixt man mich direkt an. Das Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020 wurde noch in derselben Stunde in deren Onlineshop bestellt (zusammen mit ein paar weiteren Leckereien, die ich hier bald auch noch besprechen werde). So ein Bier trinkt man nicht zwischendurch, das hebt man sich für eine besondere Gelegenheit auf – bei mir wurde es also Weihnachten, und passend wurde es dann in Schwaben, im Heimatland des Biers und des Autors dieser Zeilen, geöffnet.

Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020

Bevor das passierte, genoss ich erstmal die Präsentation – in einem großen, attraktiv gestalteten Karton wird der Doppelbock geliefert, und auch die bauchige Flasche selbst hat Geschenkpotenzial: schön geschwungen, Dreiviertelliter, schwarz getönt, mit auf die Flasche direkt aufgebrachten Details statt einem Papieretikett, und stilgerecht eingegittertem Sektkorken. Da kommt echt Vorfreude auf!

Und im Glas geht es, nach einem sehr befriedigenden Plopp!, wenn man den Korken mit einem Korkenzieher gezogen hat, grad so weiter: schönes, leuchtendes Gold, kristallklar filtriert, mit sehr ausdauerndem und lebendigem Mousseux, das einen gemischtblasigen Schaum speist. Nach kurzer Zeit halbiert sich die Schaummenge, und dann können wir die Nase ins Glas halten. Leicht gerstig, etwas malzig, mit einem kleinen Metallton, den eingesetzten Tettnanger Aromahopfen und den Citra riecht man höchstens in einer minimal kleinen Zitrusspitze und einem sehr dezent mildfruchtigen Gesamteindruck. Auch hefeweizentypische Aromen muss man eher suchen, da ist nur eine kleine Bananigkeit.

Gold Ochsen Kristallweizen Doppelbock Jahrgangsbier 2020 Glas

Der Antrunk ist unglaublich voll und breit – das ist schon nicht mehr cremig, sondern buttrig fett, man muss regelrecht darauf herumkauen und kann das Bier lutschen wie einen Smoothie. Ein herausragend tolles initiales Mundgefühl, das durch die süßlich-herbe Art aber nicht langweilig wird. Im Verlauf erkennt man schließlich doch den Aromahopfen, leichte Säuerlichkeit und ganz vorsichtige Grapefruit zeigen sich hier, aber wohl integriert ins Gesamtbild, wie auch die 7,8% Alkoholgehalt; einem Bier wie diesem sehr angemessen. Sehr aromatisch wirkt es, ohne, dass eine spezielle Komponente sich in den Vordergrund drängt; hier wirkt es dann auch stiltypisch rund, weich und leicht bananig. Später entsteht aus der flauschigen Wolle dann noch eine leicht pikante Chili- und Ingwerwürze, die die Süße aufpeppt. Tatsächlich entwickelt sich diese Würze am Ende sogar zu einer leichten Chilischärfe, sehr unerwartet, sehr erfreulich. Zu guter letzt klingt das Jahrgangsbier 2020 dann mit leicht blumigen Tönen mittellang aus, am Gaumen bleibt die Flauschedecke noch etwas haften. Wow! Ein grandioses Bier, dem Anlass höchst angemessen, und den gehobenen Preis von rund 15€ ohne auch nur die Andeutung von Zweifeln wert.

Ich habe, wie gesagt, bei der Gelegenheit noch das Jahrgangsbier 2018 und eine Flasche des hauseigenen Single Malts bestellt, und ich freue mich schon darauf. Gold Ochsen hat sich in kurzer Zeit zu meiner Lieblingsbrauerei entwickelt – für die Lücke zwischen den Verkostungen dieser Edelprodukte empfehle ich daher ohne Gewissensbisse das beständig erhältliche und beständig hervorragende Gold Ochsen Dunkle Kellerbier. Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr!

Frisch und fruchtig – Yuhe Laojiu (御何老酒)

Die Informationslage, was Baijiu angeht, ist immer noch sehr mäßig. Ich versuche mein bestes, über meinen Blog hier ein bisschen Wissen über die chinesische Nationalspirituose zu streuen, doch da geht natürlich noch viel mehr. Mein sehr geschätzter Baijiu-Mitstreiter Ulric Nijs und ich haben uns darum zusammengetan und ein paar Videos zu den unterschiedlichen Stilen, die es bei Baijiu gibt, gedreht – keine Expertenvideos, aber zumindest mit klarem Grundlagenwissen, die gegen die auf Youtube wild kursierenden Fehlinformationsquellen angehen sollen. Hier zum Beispiel das Video über Starkaroma-Baijiu!

Früher war die Bezeichnung „Luzhou-Aroma“ durchaus verbreitet, heute versucht man, neutraler zu definieren – während Luzhou eine Marke ist, ist das Wort „Starkaroma“ eben nicht markengebunden und damit auch für andere Hersteller wie Cangzhou Dongsu Group Yuhe Liquor Marketing Co, Ltd für den hauseigenen Yuhe Laojiu (御何老酒) besser nutzbar. Darüber hinaus hat der Stil somit eine Bezeichnung erhalten, die dem sensorischen Eindruck gerecht wird und auch von Anfängern direkt zugeordnet und verstanden werden kann. Woher der Name kommt, wird jedem auch noch so unerfahrenen Verkoster sofort klar, wenn er oder sie sich ein Gläschen des chinesischen Sprits eingießt – was wir hiermit tun wollen.

Yuhe Laojiu (御何老酒)

Optisch wie erwartet kristallklar und ohne Einschlüsse, was, das betone ich hier mal erneut, nicht bedeutet, dass die Spirituose ungereift ist – da Baijiu in Tonkrügen gelagert wird, die keine Farbe abgeben, sagt die Farblosigkeit nichts über das Alter aus. Selbst an meinem Minishotglas bleibt an der Glaswand allerdings ein öliger Film.

Die Nase ist superfruchtig, die üblichen Verdächtigen springen einen sofort an – reife Ananas, überreife Banane, verrotteter Pfirsich. Darunter liegt eine mildkäsige Sojasaucenkomponente, die Volumen und Weichheit dazuliefert. Eine leichte, fast mentholige Frische lockert alles auf, und da praktisch null Alkoholstechen vorhanden ist, schnuppert man da gern und lang daran. Lässt man das Verkostungsglas eine Weile stehen, duftet nach kurzer Zeit der ganze Raum danach – gar nicht unangenehm, muss ich sagen.

Yuhe Laojiu (御何老酒) Glas

Auch im Mund beginnt der Yuhe Laojiu mit einem weichen Antrunk. Schnell entsteht der Eindruck einer Maschinenwerkstatt, mit dreckigen Tönen aus Öl, Metall und Rost. Die Kompostfrucht kommt dazu, allerdings nicht so stark, wie bei anderen Vertretern des Stils. Eine kantige Trockenheit wehrt sich im Verlauf gegen die durchweg vorhandene starke Süße, und eine feine Bittere hilft später auch dabei. Sehr aromatische Getreidenoten bilden den Ausklang. Der Abgang schließlich ist mild, sehr würzig aber nicht scharf, und eher kurz. Leicht getreidige und ganz vorsichtig laktische Noten hängen noch kurz nach, dann ist der Baijiu vom Gaumen wieder komplett verschwunden.

Ein balancierter und weicher Starkaroma-Baijiu, der sich allerdings nicht anbiedert – die dreckigen Noten geben Charakter, das volle Mundgefühl sorgt für wohlige Wärme am Gaumen. Und, und das ist durchaus bemerkenswert, der für Baijiuverhältnisse sehr niedrige Alkoholgehalt von 39% macht das Ding dann sogar sehr kompatibel mit dem westlichen Gaumen, der die hochprozentigen Verwandten nur mäßig verkraftet.

Gerade die Milde macht den Yuhe Laojiu zu einer für Baijiuverhältnisse attraktiven Cocktailzutat – denn auch wenn man im Allgemeinen sagt, dass höhere Alkoholprozente gerade für Mixturen sehr vorteilhaft sind, weil sie aromatisch dann mehr Durchschlagskraft haben, so ist das für Baijiu vielleicht eher unerwünscht, die Aromatik ist selbst bei niedereren Prozentzahlen schon arg kräftig genug. Darum wirkt der Green Asia in dieser Kombo auch nicht extrem, sondern ausbalanciert – genug anderes an Zutaten wirkt ausgleichend.

Green Asia Cocktail


Green Asia
1 oz Starkaroma-Baijiu
⅓ oz Wassermelonen-Likör
¾ oz Grünteekonzentrat
⅔ oz Limettensaft
Auf Eis shaken. In ein Glas mit Eis geben.
Mit Bionade Litschi aufgießen, und 4 Tropfen Lemon Bitters toppen.

[Rezept nach Dominic Loße]


Kurz zur Flasche – die ist natürlich ausgesprochen hübsch. Chinesische Destillerien geben sich so richtig Mühe, ihren Stoff in attraktive, verspielte und manchmal schon übermäßig opulente Gefäße zu verpacken – hier wurde genau der goldene Mittelweg zwischen Kitsch und Kultur getroffen, finde ich. Die goldene Schrift auf dem Milchglas der geschwungenen Flasche leuchtet toll, und man sieht erst auf den zweiten Blick, dass der Verschluss nur vergoldetes billiges Plastik ist.

Sehr präsent auf meiner Flasche ist der Aufkleber mit der Goldmedaille des internationalen Spirituosenwettbewerbs Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles – mich wundert es ehrlich nicht, dass die Juroren sich dafür entschieden haben. Der Yuhe Laojiu kommt dem westlichen Markt sehr entgegen, und hat darüberhinaus auch inhärente Qualitäten. Wer das Zeug bekommen kann, und sich an Starkaromabaijiu herantasten will, der findet kaum einen einfacheren Einstieg als diesen Brand.

Bier am Freitag – Ladenburger Helles

Ich halte absolut nichts von der ganzen Pseudomedizin. Ich will keine Globuli, Bach-Blüten oder Kristalle, wenn ich krank bin, sondern was Reelles, entwickelt nach wissenschaftlichen Standards, das erwiesenermaßen über den Placebo-Effekt hinausgeht. Um so skeptischer werde ich, wenn ich auf einem Bieretikett lese: „gebraut mit belebtem Wasser nach Grander“. Nun, glücklicherweise dürfen Genussmittelhersteller nicht mit therapeutischen Wirkungen ihrer Zutaten werben, darum nehme ich das einfach als etwas überflüssige Zusatzinformation war. Dennoch hat das Ladenburger Helles damit erstmal einen kleinen Negativvorsprung bei mir – doch wir wollen, um mit Indiana Jones zu sprechen, unser Urteil ja nicht präjudizieren.

Ladenburger Helles

Optisch jedenfalls mal ein Knaller – leuchtendes, strahlendes Herbstlaubgold. Dazu ein attraktiver, gemischtblasiger Schaum, der schnell auf eine Krone an der Glaswand reduziert. Feine aber ausdauernde, schnelle Perlage macht was her. Wie auch die sehr herbe, gerstige, leicht hefige Nase. Das gefällt mir sehr, abseits all des aktuell überall eingesetzten Aromahopfens eine Wohltat. Sehr intensiv und mit großer Fülle, dabei typisch und nicht übertrieben. Ich mag diesen Duft.

Klar und sauber im Mund, allerdings doch mit einiges an Cremigkeit, gerade im initialen Antrunk. Schnell kommt deutliche Herbe dazu, ohne wirklich je bitter zu werden. Frisch und klar gebraut, mit schöner Rezenz und einem extrem ausgewogenen Gesamtbild – besonders gefällt mir aber die knackige Kante, die den Gaumen freimacht. Der Abgang ist mittellang, herb, leicht salzig, voller Getreide und einem Hauch von Blumigkeit. 4,9% Alkoholgehalt halten sich genehm zurück.

Das Ladenburger Helle ist ein tolles Helles, unaufgeregt, sauber und frisch. Das zieht ohne Mühe an vielen Bieren dieser Brauart vorbei und setzt sich nahe an die Spitze dessen, was ich diesbezüglich kenne. Man sieht, man muss auch ab und zu mal in die direkte Umgebung (Neuler ist praktisch um die Ecke meines Geburtsorts) schauen, um die Perlen zu finden – sie sind oft nicht fern. Und das belebte Wasser, naja, wenn es auch keinen medizinischen Effekt hat, vielleicht macht es was am Geschmack.

Elegante Agave – Pasote Añejo Tequila

Meine bisher äußerst unterhaltsame Reise durch die mexikanische Agavenbrandproduktwelt des Felipe Jorge Camarena geht weiter. Die Destillerie El Pandillo (NOM 1579) hat für den Freund des hochwertigen, handwerklich und ehrlich hergestellten Tequila so einiges zu bieten, und nach den Marken G4 und Terralta kommt zu guter letzt noch der Dritte im Bunde in mein Glas – der Pasote Añejo. Tatsächlich muss ich sagen, dass die zwei Vorerwähnten natürlich bei mir die Latte sehr hoch anlegen und klare Erwartungen setzen; alles andere als „hervorragend“ würde mich nun enttäuschen. So ein Ruf kann also Fluch und Segen sein! Letztlich sind mir aber diese positiven Vorerfahrungen natürlich sehr viel lieber als wenn ich schon von vornherein eher skeptisch an eine Spirituose herangehen muss.

Das Etikett gibt ein paar Details wieder, die diesen Tequila erklären – der Einsatz der Agavenart Blue Weber ist natürlich selbstverständlich, was anderes darf in einen Tequila nicht hinein. Der Produktionsort ist Jesús María, Jalisco, dort steht die oben erwähnte Destillerie El Pandillo. Das örtliche Regen- und Quellwasser werden im Verhältnis 40-60 eingesetzt (die anderen Tequilas dieser Destillerie verwenden ein anderes Verhältnis); wobei ich mir recht sicher bin, dass nach einer Reifung von mindestens 18 Monaten im amerikanischen Weißeichenfass, das vorher Bourbon enthielt, das eher in die Kategorie „nett zu wissen“ fällt. Klären wir, um auf die Erwartungen zurückzukommen: Kann der Pasote mit seinen Geschwistern mithalten?

Pasote Añejo

Farblich ist der Tequila blass, strohig, geht ins Pastellgold. Im Glas schwenkt er sich lebendig, mit nur sehr leichter Viskosität, und er will auch nicht so richtig an der Glaswand haften. Ein leichter Film entsteht, der sich schnell in Beine aufteilt und dann zügig abläuft.

Die Nase ist sehr frisch, leicht, mit richtig viel Agavencharakter und -fruchtigkeit. Leichte Pfefferwürze beginnt man direkt zu schnuppern, darunter liegt eine kleine Ethanolnote. Milde Holztöne, insbesondere Vanille, scheinen mehr durch als richtig opulent im Vordergrund zu wirken. Zwischendurch erscheint eine angenehme, frische Mineralität, erinnernd an feuchten Beton. Am Ende duftet der Tequila noch etwas floral, wie eine Blüte einer Heckenrose. Leicht, frisch und zurückhaltend.

Pasote Añejo Glas

Im Antrunk beginnt der Pasote Añejo süß, fruchtig und sehr mild. Die Zurückhaltung der Nase bleibt auch am Gaumen erhalten. Leichte Zitronigkeit. Im Verlauf kommt eine leicht pfeffrige Würzigkeit auf, die Agavenfrucht meldet sich etwas stärker, wirkt fast parfümierend, und dezente Vanille und Zuckerwatte aromatisieren die Zunge. Deutliches umami! Eine leichte Weintraubennote begleitet uns, bis zum immer wärmer wirkenden Finish – das dann etwas enttäuschend kurz wirkt, auch wenn eine milde Bittere schöne, vorsichtige Adstringenz erzeugt, die anhält. Auch hier klingt schließlich noch eine blumige Komponente mit, Jasmin und ein Hauch von Menthol bleibt noch extrem lange am Gaumen. 40% Alkoholgehalt sind ein runder Wert für so einen Tequila.

Ein vorsichtiger, dezenter und dadurch sehr elegant wirkender Tequila, gar nicht wuchtig oder schwer, wie das Etikett und die schwere Flasche andeuten möchten, sondern leicht und luftig, dennoch sehr typisch und aromatisch und garnicht wässrig, und mit einer sehr interessanten Entwicklung im Mund. Toll gemacht, und doch völlig anders als viele Qualitätstequilas aus den Schmieden der Camarenas.

Der Nouveau Carré, eine PDT-Hommage an den Vieux Carré, spielt diese Stärken des Pasote aus. Die Floralität wird noch weiter betont, und Kräuterlikör gibt etwas süße Basis. Bittere und Süße, Säure und Salzigkeit sind in tollem Gleichgewicht, ohne sich anzubiedern. Ein sehr komplexer Drink, der mit vielen Aspekten spielt, und sich ähnlich wie der Tequila selbst mit jedem Schluck ändert und immer besser wird über die Zeit.

Nouveau Carré Cocktail


Nouveau Carré
1½ oz Tequila Añejo
¾ oz Lillet Blanc
¼ oz Bénédictine
3 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Jonny Raglin]


Ich finde, dieser Tequila wurde in eine extrem tolle Flasche abgefüllt – das Glas mit unregelmäßigen Dellen und kleinen Luftbläschen hier und da sieht sehr handgemacht aus. Dazu das tolle Bild, das statt eines Etiketts direkt auf die Flasche gedruckt ist. Farblich sehr passend das orangene Halsetikett, das noch ein paar oben bereits erwähnte Informationen enthält. Der Kunststoffkorken, der unter dem dunkelbraunen Stopfen steckt, scheint problematisch zu sein und löst sich leicht von jenem. Dennoch eine wirklich tolle Präsentation.

Passend zu einem sehr spannenden Tequila, jedenfalls. Ich gebe zu, beim ersten Glas war ich etwas enttäuscht, weil ich ein wildes Agavenbrummen erwartet hatte, und das liefert der Pasote Añejo jedenfalls nicht. Doch mit etwas Geduld und offenem Geist entdeckt man, wie wunderbar elegant und fein dieser Tequila ist. Ich empfehle ihn denen, die vielleicht schon etwas fortgeschritten im mexikanischen Agavendestillat sind, und hin und wieder auch die pure Finesse im Glas haben wollen.

Bier am Freitag – BrewDog Pflicht und Kürbis

Die Jahreszeiten schreien geradezu nach Spezialbieren, scheint mir. Zumindest hören das die Brauer, die immer auf der Suche nach neuen Interpretationen für den durstigen Bierfreund sind. Im Sommer Zitrone, im Winter Kürbis – das klingt nach einer klaren Arbeitsteilung für die Fruchtzusätze. Im BrewDog Pflicht und Kürbis kommt zumindest letzterer zum Einsatz, echtes Kürbismus wurde in dieses Pumpkin Ale (die offizielle Deklaration lautet „IPA Vollbier“) eingebraut. Hab ich noch nie probiert, so ein Pumpkin Ale, obwohl es inzwischen ein amerikanisch-englischer Klassiker ist, da wird es Zeit, und die Jahreszeit stimmt ja auch gerade.

BrewDog Pflicht und Kürbis

Die Farbe hat schonmal was von einem Kürbis, etwas dunkler als die leuchtenden, die man so als Dekoartikel im Herbst überall sieht. Sehr klar, mit nur einem Hauch von Trübung. Der zunächst sehr üppige Schaum zerfällt schnell, es bleibt eine feinblasige Insel und eine Schaumtonsur übrig.

Hält man die Nase ins Glas, wird man irgendwie an das BrewDog Glühgut erinnert, das ich neulich probieren konnte. Die Gewürze dominieren den Geruch, Zimt, Sternanis, Nelke, Ingwer, Piment und Muskatnuss sind halt die typischen Glühweingewürze, und entsprechend riecht das Bier. Der Zimt ist etwas stärker als die anderen, aber insgesamt schaffen es praktisch keine Bieraromen dagegen anzukommen. Eine dunkle Fruchtigkeit, es könnte der Kürbis sein, ahnt man höchstens.

Beim Antrunk überrascht direkt die knackige Karbonisierung, die direkt die Zunge kitzelt. Frisch und rezent wirkt das Bier da, und Kürbis, Bitterhopfen und Malz sind hier sehr viel prägnanter als in der Nase. Cremigkeit entwickelt sich erst im Mittel, und sie verschwindet gegen Ende wieder, wird dann durch eine starke Anästhesie der Zunge und der Backeninnenseiten ersetzt. Ein ungewohnter Verlauf, aber interessant. Die Stilbezeichnung IPA verdient sich das Pflicht und Kürbis dann aber doch noch, mit viel blumigen Hopfenaromen, die dann auch den Abgang bestimmen; mit zunehmender Trinktemperatur kommen hier auch nochmal die Gewürze zum Vorschein. 5,4% Alkoholgehalt machen das Ding dann rund.

Ja, das macht Spaß, ein sehr abwechslungsreiches Bier, das seine ungewöhnliche Zusammensetzung nicht angeberisch vor sich her trägt, sondern sie in einen Spannungsbogen einbaut. Wer in der Adventszeit jetzt Alternativen für den ausgefallenen Straßenglühwein sucht, kann sich hier beim BrewDog Pflicht und Kürbis amüsieren.

Offenlegung: Ich danke BrewDog für die kosten- und bedingungslose Zusendung zweier Dosen dieses Biers.