Der moderne, leicht nerdig angehauchte Rumfreund wird immer wissbegieriger. Vor einigen Jahren war es noch das höchste der Gefühle, herauszufinden, aus welcher Destillerie ein Rum überhaupt stammt – die Hersteller übten sich in, sagen wir es positiv, Diskretion, und gaben auf Etiketten praktisch nichts über die Produktionsweise ihres Produkts preis. Das änderte sich Schritt für Schritt, irgendwann wurde auch der Unterschied zwischen Pot Still und Column Still interessant, dann die Art der Holzreifung und Fasshölzern, irgendwann Marks und chemische Zusammensetzungen, schließlich noch Fermentationsdauern und -methoden, und im Moment gehen wir sogar runter bis auf die Arten des Zuckerrohrs, die für den Rum jeweils eingesetzt werden. Das interessiert natürlich nur noch eine Handvoll Menschen, das ist mir klar, gerade in einem Bereich, der sich mit Genuss beschäftigt: zuviel Kopf ist dem Genuss oft abträglich.
Dennoch finde ich als Genießer, der gleichermaßen mit dem Magen wie mit dem Hirn genießt, es immer sehr angenehm, wenn ich derartige Details heutzutage nachlesen kann, und dahingehend sind wir wirklich in einem goldenen Zeitalter für den interessierten Rumfreund angekommen. Beim einjährig gereiften Ron Libertad Dorado (das spanische Wort für „vergoldet“ spielt auf die Farbe, die der Rum bei seinem Jahr im Fass aufsammelt, an) kann man zum Beispiel schnell herausfinden, dass dieser „Ron de Caña“ aus dem südmexikanischen Bundesstaat Chiapas aus dem ausgepressten Saft der drei Zuckerrohrarten Criolla, Vetada und Violeta hergestellt wird. Hier zeigt sich dann aber, dass manche Fakten aber für die allermeisten unter uns keine Information mehr darstellen, sondern eben nur noch Fakten sind: Hand aufs Herz, wer von meinen Lesern hat je den Unterschied zwischen verschiedenen Zuckerrohrarten tatsächlich selbst geschmacklich probiert und kann etwas über die Vor- und Nachteile dieser Sorten sagen? Nun, immerhin, wir wissen es jetzt, und mit diesem Wissen machen wir uns ans Probieren.

Ein blasses Messing erwartet uns im Glas, das entspricht durchaus dem, was ich beim Reifungsalter dieses Rums erwarte. Er schwenkt sich auch recht lebendig, mit einem Anflug von Widerstand, und der Film, der sich dabei an der Glaswand bildet, läuft schnell in dicken Beinen ab.
Wenn man die Nase ins Glas hält, ist man zunächst etwas verblüfft – ein durchaus eigener Geruch findet sich da. Sehr grün, sehr pflanzlich, erinnernd an geschnittene grüne Blätter, frisch geerntetes Heu und Algen, unterstützt von einer deutlichen Mineralität, die Reminiszenzen an feuchten Kies und Lehm erzeugt. Etwas Vanille sorgt für Süße, und im Hintergrund meine ich, eine leichte Blumigkeit zu finden, die mich an blühende Kräuter und tropische Blüten denken lässt. Da ist eine leichte Ethanolnote, nicht stechend allerdings, mehr ein alkoholischer Hauch. Irgendwie fühle ich mich wie bei einem Zwischending, das Tequila reposado und ungereifte Cachaça verbindet. Ungewohnt, aber interessant.

Auch im Mund geht die Reise ins Unbekannte weiter. Der Antrunk wirkt zunächst sehr von der mineralischen Feuchtkieskomponente beherrscht, hat Anflüge von Lakritz, Fenchel und beinahe schon erbsig-gemüsige Töne, Gurkenwasser und Senfsamen, das erwartet man so gar nicht. Im Verlauf wird die zu Beginn leicht vorhandene Süße komplett durch wildes, pfeffriges Feuer ersetzt, da ist mehr Wucht drin, als die 44% Alkoholgehalt andeuten, das gefällt mir sehr. Und ich finde dann auch viele Holzeffekte und -aromen, trotz der kurzen Reifung. Zuckerrohraromen entwickeln sich langsam aber stetig, um gegen Ende dann wieder in die vegetale Mineralität zurückzugleiten, die dann schon durchaus salzig wirkt. Der Abgang ist trocken und bitter, sehr pikant, jugendlich scharf eigentlich schon, kitzelt die gesamte Zunge und hinterlässt einen leichten Alkoholhauch im Mund. Aromatisch ist er eher kurz, hinterlässt einen metallischen Ton, der sich aus der Mineralität entwickelt.
Insgesamt empfinde ich den Ron Libertad Dorado als ein interessantes Zwitterwesen zwischen Spirituosen, die ich kenne; die Kombination ist ungewöhnlich und hat durchaus ihren Reiz, letztlich wirkt der Rum dadurch aber gewöhnungsbedürftig. Man kann jedenfalls nicht über ihn sagen, dass es „halt noch ein Rum“ ist – im Gegenteil, er ist sehr markant und eigenständig im breiten Spektrum der Rumwelt in einem ganz eigenen, kleinen Segment verortet.
So einen Rum würde ich nicht in Rezepten einsetzen, bei denen man auf ein bestimmtes, bekanntes, gewohntes Geschmacksbild hingerichtet sind. Der Sand Dollar ist allerdings ein gutes Beispiel dafür, wie der Ron Libertad Dorado einem Rezept seinen Stempel aufdrücken kann; die restlichen Komponenten geben Körper dazu und ergänzen die Aromatik.

Sand Dollar
1½ oz leicht gereifter Rum
¾ oz Holunderblütenlikör
1 oz Zitronensaft
¾ oz Orgeat
3 Spritzer Zitronenbitter
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Lavendelzuckerrand servieren.
[Rezept nach Max Solano]
Mir gefällt das Flaschendesign mit der groben Stoffumhüllung, bunt bedruckt, am Rand apart ausgefranst; die Präsentation passt wirklich zum Inhalt. Die kleinen Miniaturen, die ich dazu erhalten habe, haben ein Papieretikett mit demselben Design. Ich probiere die ungereifte Variante immer gern dazu, um zu vergleichen, wie die Reifung die Spirituose verändert; dank der Miniaturen kann ich das hier unkompliziert tun.

Schon der Unterschied im Geruch ist frappierend – der weiße Rum ist sehr viel fruchtiger, aromatischer in Richtung gewohnter Zuckerholzsaft-Brände, offensichtlich nimmt die Eichenholzfassreifung diese Komponente etwas weg. Sie betont dafür die Vegetalität und Mineralität, die bereits im ungereiften Produkt klar vorhanden, wenn auch deutlichst weniger ausgeprägt ist. Im Geschmack verschwimmt der Unterschied etwas, doch auch hier gilt, dass der weiße Rum süßer und zuckerrohrfruchtiger ist. Vanilletöne aus dem Holz sind vielleicht die größte Veränderung, die den Dorado betreffen. Gleich bleibt die Pikanz und die Effektivität am Gaumen und der Zunge, und die leichte Salzigkeit. Ein spannender Vergleich jedenfalls, der mich dem Ron Libertad in Gänze noch mehr zugetan macht.
Wer sich für ungewöhnliche Spirituosen interessiert, die man durchaus pur trinken kann, die aber auch in Cocktails einen gewohnten Rezept einen Twist geben können, der darf sich hier bedienen!
Offenlegung: Ich danke tequila-kontor.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples des Ron Libertad Dorado und des Ron Libertad.








Ein grüner Cocktail in einem grünen Glas mit grüner Deko – man merkt, ich mag die Farbe bei Drinks. Die passend grüne Flasche des Tanqueray hat natürlich extrem hohen Wiedererkennungswert, sie wird auch auf Merchandising übertragen, wie den Cocktailshaker, den ich vor vielen Jahren zufällig auf einem Flohmarkt in Saarbrücken entdeckt hatte, und der mir bis heute beste Dienste leistet, auch wenn er inzwischen ein paar Macken und sehr deutliche Kratzer hat. So ein Boston Shaker (also mit Blechdose und Glas) ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig, ich würde aber niemals mehr auf einen anderen Typ wechseln.

Man sieht auf dem Foto, dass das Bier milchig trüb wird, wenn man es ganz eingießt – das liegt an einem fetten Hefesatz, den man eventuell nicht mit eingießen muss. Die Farbe jedenfalls ist haselnussbraun, am Boden liegen Hefepartikel, man sieht Perlchen aufsteigen trotz der durch die Trübung vollkommenen Blickdichte. Der Geruch ist metallisch, hefig, leicht malzig, insgesamt zurückhaltend. Diese metallische Note ist auch im Geschmack deutlich vorhanden, sie bleibt vom Antrunk bis zum Abgang. Dazwischen gibt es leicht malzige Erfrischung, sehr rezent ist das Kiek An ganz sicher, mit einer der Färbung spottenden Helltönigkeit und dezenter Hopfung, guter Süßsäurebalance und netter Textur. Der Abgang ist sehr kurz, da ist kaum was zu erwähnen, außer einer etwas unrunden Bittere. Im Fazit ein sehr leichtes Bier, wenig aufregend, aber sehr erfrischend – gut zum Essen, mehr leider nicht.
Das Lüddsche Een, ein Bier nach Pilsener Brauart mit 5,1% Alkoholgehalt, ist das nächste, das wir uns anschauen. Beim Eingießen fällt auf, dass auch hier ein deutlicher Hefesatz am Boden der Flasche liegt – wer sein Pils kristallklar will, muss vorsichtig eingießen, ich mag gern etwas Trübung, man sieht dann nachher aber auch deutlich Partikel im Bier schwimmen. Die Blume ist feinblasig und liegt schön auf dem Bier. Eine leicht zitronige Note begrüßt die Nase, auf dem Etikett wird der eingesetzte Hopfen aus der Hallertau erwähnt, dabei handelt es sich aber wohl hauptsächlich um Bitterhopfen. Leicht metallisch und stiltypisch zurückhaltend bleibt der Geruch entsprechend. Im Mund entsteht direkt beim Antrunk ein weiches, sanftes Mundgefühl, mit unterschwelliger Süße, aber auch sofort vorhandener Bittere, die effektiv ist, aber nicht kratzig oder kantig. Ein erkennbar norddeutsches Pils, kräftig und herb, mit einigem an Säure und fast schon limettiger Aromatik. Der Abgang ist mittellang, frisch und rezent, leicht am Gaumen prickelnd. Gefällt mir gut, obwohl ich kein wirklich begeisterter Pilstrinker bin.
Kommen wir zu Nummer drei, nein, entschuldigung, zu Nr. Een. Das Pale Ale der Brauerei kommt mit 4,9% ins Glas und hat, wie auch schon die Biere zuvor, diesen stückigen Hefesatz, der eine milchige Trübung erzeugt und das Bier beinahe schon dottergelb macht. Eine tolle Schaumkrone ist da, sie reduziert sich nach einiger Zeit, bleibt aber hübsch gemischtblasig lange vorhanden. Sehr stiltypisch wirkt die Nase, da riecht man das Pale Ale, wie es für mich sein soll – deutlich aromagehopft, aber nicht krass kantig. Schöne, dezente Zitrusnoten, aufgefangen von einer kräftigen Malzigkeit darunter. Und so fühlt es sich dann auch im Mund an, hopfig, aber weich in der Textur, mit attraktiver Süßsauerbalance und gelungener Rezenz, vielleicht leicht überkarbonisiert für meinen Geschmack. Ein prägnant blumiger Jasminnachhall beendet ein gut gemachtes, stilsicheres Pale Ale.
Das letzte ist schließlich das Ebb un Flot, ein IPA mit 6,8% Alkoholgehalt – ich warne mal, vorsicht beim Öffnen und Eingießen, bei mir kam es zu starkem Gushing! Sympathisch finde ich die Aussage auf dem Etikett, dass „Rohstoffe kommen und gehen“, und man sich hier nicht auf ein einheitliches Geschmacksbild zwischen den Brauvorgängen festlegen will. Wie gesagt, die Schaumentwicklung ist enorm, wirklich enorm, das kann dauern, bis das Bier endgültig im Glas ist; der Schaum ist fest und beständig. Eine leichte Trübung unterstützt die goldgelbe Farbe, man sieht sehr starke Perlage. Die Nase bekommt eine Mischung aus Aromahopfen und schon hier erkennbaren Bitternoten ab, das ist hier schon erkennbar, dass wir kein weichgespültes Pseudo-IPA vor uns haben. Der Geschmack ist dann erwartungsgemäß so richtig knackig bitter, wie ich das von einem IPA erwarte, mit vielen fruchtigen Hopfennoten, in Richtung Grapefruit – sowohl vom Aroma, als auch vom Effekt her. Da ist einiges an Anästhesie auf der Zunge durch die Bitterstoffe. Schöne Rezenz und Helltönigkeit sorgen für den Erfrischungsfaktor. Ein langer, effektvoller Abgang lässt mich das Fazit fällen: Ein IPA für die, die so richtig Hopfenbittere erleben wollen, ein charaktervolles, frisches IPA der klassischen Schule.















