Illinois Twisted Whiskey – Koval Single Barrel Bourbon

Für mich ist das eine Premiere – es handelt sich beim Koval Single Barrel Bourbon um einen einfachen Bourbon (also: hergestellt in den USA, mindestens 51% Mais in der Mashbill, in frischen, ausgebrannten Weißeichefässern gereift). Doch ohne die sonst allgegenwärtigen Namenszusätze Kentucky (er wird in Chicago, Illinois hergestellt), oder Straight (er reift unter 4 Jahren, hat aber keine Altersangabe, darf daher dieses Label nicht nutzen). Dennoch ist es ein Single Barrel, also flaschenabgefüllt aus einem einzelnen Fass ohne Blending. Schon allein wegen dieser ungewöhnlichen Kombination ist dieser Bourbon für mich spannend.

koval-bourbon-etikett

Die Farbe ist ein angenehmes Ocker, die Nase überrascht mich auch nicht wirklich: Sehr bourbontypisch, Vanille, Eiche, Lack – beim zweiten Riechen erkennt man die Hirse, wenn man weiß, wonach man riechen muss (ich empfehle zum Training den Millet Whiskey von Koval). Im Mund machen sich erstmal die 47 Volumenprozent breit, und bereiten den Grund für sehr angenehme, aber recht gewöhnliche Bourbonaromen, die man schon gerochen hat. Es ist interessant, dass die verwendete Getreidekombination, Mais und Hirse, sich geschmacklich kaum von den üblichen Bourbonmixturen (Mais, Roggen/Weizen, Gerste) unterscheidet. Der Mais scheint die Hirse glatt an die Wand zu spielen, erst spät schmeckt man die frische Fruchtigkeit der Hirse. Ein relativ kurzer, aber durchaus recht aromatischer und pfeffrig-würziger Abgang komplettiert eine interessante, vielleicht einen minimalen Tick geschmacklich zu konventionelle Spirituose – die für das junge Alter aber überraschend reif und rund ist.

Die 0,1-Liter-Flasche ist dennoch sehr ansprechend und ungewöhnlich. Lang und schlank, mit einem sehr zurückhaltenden, modernen Etikett – hier zeigt der Micro-Distiller mit österreichisch-amerikanischen Wurzeln seine Charakteristik. Entsprechend einem Single Barrel-Whiskey ist die Fassnummer auf dem Rückenetikett handschriftlich eingetragen (bei mir Fass-Nummer 375). Ein Plastikkorken mit Holzaufsatz verschließt die nette, blickfängerische Flasche.

koval-bourbon

Erwähnenswert ist die organic-Zertifizierung dieses Whiskeys. Es ist ein EU-Bio-Logo auf dem Rückenetikett vorhanden, ich bin mir nicht sicher, inwieweit die komplette Vertriebsschiene auch zertifiziert ist, eine Voraussetzung dafür, dass man den Whiskey in Deutschland als „Bio-Whiskey“ vermarkten dürfte. Letztlich aber ist es schon ein Schritt in die richtige Richtung, das Getreide für die Herstellung nur aus zertifizierten Betrieben im Mittelwesten zu beziehen, so dass man zumindest sicher sein kann, keinen Monsanto-Genmais in diesem Schnaps zu konsumieren. Darüber hinaus enthält er nur den Heart Cut, also keine minderwertigen Destillationsartefakte – und ist unfiltriert. Handwerklich also spitze.

koval-rc3bccketikett

Bourbon ist ein Brand, der sich wunderbar in Cocktails einsetzen lässt, und mit vielen anderen Zutaten harmoniert. Zum Beispiel mit den etwas Italien-lastigen Ingredienzien des The Paper Plane.

paperplane-cocktail


The Paper Plane
¾ oz Koval Single Barrel Bourbon
¾ oz Aperol
¾ oz Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro)
¾ oz Limettensaft


Ich mag die Produkte von Koval. Eine kleine Destillerie, die den richtigen Weg einschlägt, und den amerikanischen Whiskey-Riesen vielleicht durch ungewöhnliche Zutaten und Herstellungsweise den einen oder anderen Kunden, der etwas außergewöhnliches, neues ausprobieren will, abspenstig machen kann. Bei mir ist es ihnen auf jeden Fall gelungen – der Hirse- und Viergetreide-Whiskey stehen schon im Regal, bereit, ausführlich verkostet zu werden. Probieren Sie es aus, Sie werden nicht enttäuscht werden. Und Whiskey-Fans müssen eh schon allein aus den oben genannten Gründen zuschlagen.

Heißes Zaubereis – Campari-Eiswürfel

Man beginne mit einer Campari-Wasser-Mischung. Dies ist notwendig, da der Campari sonst nur sehr schlecht gefriert. Für meinen Test habe ich 100ml Campari mit 50ml Wasser vermischt.

Campari-Eiswürfel 1Der zweite Schritt ist das Abfüllen in eine Silikon-Eiswürfelform. Ich finde die „Bar Brat“-Form, die vier Kammern hat und schöne runde Eiswürfelkugeln erzeugt, gut in der Handhabung. Die Mischung füllt ca. die Hälfte der Form aus, den Rest gieße ich mit Leitungswasser auf, bis es oben aus den Ausgleichsöffnungen quillt.

Campari-Eiswürfel 2Nun lasse man die Eiswürfel gut durchgefrieren. Durch den Alkoholgehalt des Campari dauert es erstens länger als mit reinem Wasser, und das Ergebnis sind auch weniger feste Eiskugeln. Ich ließ sie daher zur Sicherheit 24 Stunden gut durchgefrieren.

Campari-Eiswürfel 3Raus aus dem Eisfach, und schon beim Öffnen der Silikonform lachen einen die schönen roten Kugeln an. Ein bisschen Reiben und Polieren, um den Ring am Durchmesser, entstanden durch die Nahtstelle der zweiteiligen Eisform, etwas wegzubekommen.

Campari-Eiswürfel 4

Voila! Eine schöne, runde, rote Campari-Eiskugel, bereit zum Einsatz in Getränken!

Campari-Eiswürfel 5

Im Glas wirkt sie wie eine überdimensionierte Kirsche, oder eine Cocktailtomate. Schon allein dieser verwirrende Effekt ist die Arbeit wert.

Campari-Eiswürfel 6In welchen Drink passt sie? Der Klassiker für diese Eiskugel wäre ein klassischer Manhattan. Also flugs 2 oz Rye-Whiskey (Jim Beam Rye), 1 oz roter Wermut (Carpano Antica Formula) und zwei Spritzer Pfirsichbitter angerührt. Ich verzichte dabei ausnahmsweise darauf, den Drink auf Eis zu rühren, da ich das Schmelzen des Campari-Eiswürfels beschleunigen will.

Manhattan-ZutatenUnd dann ohne viel Aufhebens rein mit der Campari-Kugel! Da in einen echten Manhattan auch eine Cocktailkirsche gehört, ist der Effekt auch optisch ein Knaller.

Campari-Eiswürfel im Drink 1Die ersten Schlucke sind noch purer Manhattan, wie man ihn kennt und liebt. Doch mit zunehmendem Abschmelzen des handgemachten Campari-Eises wandelt sich der Manhattan Schritt für Schritt in einen Boulevardier.

Campari-Eiswürfel im Drink 2Ein wirklich spannendes Geschmacksexperiment, und eines, mit dem man sicher seine Gäste überraschen kann – gerade Cocktailfreunde werden begeistert sein von dieser wundersamen Verwandlung!

Sicher kann man ihn auch in anderen Rezepturen einsetzen. Ich stelle mir, ganz einfach, ein Glas kalten Orangensafts vor, der mit diesem Eiswürfel erstmal verziert und schließlich mutiert wird.

CampariOrange

Auch ein Sweet Martini, der sich mit dem Campari-Eis in einen Negroni wandelt, ist bestimmt ein spektakulärer Einsatz.

Kuba ist frei – Ron Arecha Añejo Reserva

Lang genug hat es gedauert – es scheint, als ob Kuba nun langsam aus dem US-Embargo befreit werden würde. Mich interessiert, ehrlich gesagt, die politische Komponente überhaupt nicht. Kuba ist für mich für zwei Dinge interessant, die ich in Europa auch mit US-Embargo bekomme: Zigarren und Rum. Doch ich freue mich für die Amis, dass die endlich auch in den legalen Genuss dieser herrlichen Luxusartikel kommen können. Und vielleicht beendet nun auch das US-Unternehmen Paypal sein Verbot, kubanische Artikel mit ihrem Dienst bezahlen zu können – es hat mich doch bass erstaunt, bei diversen Onlineshops nicht mit Paypal bezahlen zu können, sobald ich eine Flasche Havana Club oder ähnliches mit im Warenkorb hatte.
ron-arecha Doch nun zum Ron Arecha Añejo Reserva. 10 Jahre ist das Durchschnittsalter der Rums in diesem kubanischen Blend. Durchaus respektabel. Man kann ihn gewiss pur trinken, wenn man den kubanischen Rum-Stil mag: Ein bisschen eckig und kantig, aromatisch, zwar süß, aber schon etwas kräftig. Man spürt den Alkohol. Aber im Vergleich zum allgegenwärtigen Havana Club ist der Arecha meiner Meinung nach ein spürbarer Fortschritt. Letztlich habe ich selten einen Cuba Libre getrunken, der vom Preis-Leistungsverhältnis besser war.

Dazu rauche ich an einem lauen Frühlingsabend im Garten eine herrlich milde, aromatische Ashton Estate Esquire und bin für eine gute halbe Stunde im karibischen Exil.

Alternativ ist dieser Rum natürlich ein starker Spieler in einem rumlastigen Cocktail, wie dem 3 Holy Kings.threeholykings-cocktail


3 Holy Kings
1 oz Ron Arecha Añejo Reserva

¾ oz Brandy (z.B. Carlos I. Brandy de Jerez)
¾ oz  Zitronensaft
¾ oz Honigsirup
1 Messerspitze Piment und 1 Nelke


Gerade für die Adventszeit ein idealer Cocktail. Gönnen Sie sich das dann hin und wieder statt dem allgegenwärtigen, überzuckerten Glühwein.

Die Flasche ist streng, sehr gerade, erinnert etwas an die bekannte Ramazotti-Flasche. Ein wirklich ausgesprochen edel designetes Etikett gehört für mich mit zu den anziehendsten Flaschenetiketten.

ron-arecha-etikettDen Rum gab es eine Weile bei Aldi Süd zu kaufen, ich habe noch eine Restflasche für den Klassepreis von knapp 10€ ergattert. Womit bewiesen wäre: Nicht alles, was ein Discounter anbietet, muss automatisch Bottom-Shelf-Ware sein. Es findet sich immer wieder auch eine Perle.

Da ist kein Hopfen verloren – Sierra Nevada Torpedo IPA

Terracotta-farben und nach dem Eingießen praktisch ohne Schaum, und dennoch spürt man beim Trinken die prickelnde Frische des Sierra Nevada Torpedo IPA, die man sich von einem süffigen Bier erhofft. Doch nur ein Teil dieser Frische kommt tatsächlich von der (eigentlich geringen) Kohlensäure – die sehr fruchtig-zitronige Note, verursacht durch den starken Hopfeneinsatz, und der ebenso entstehende äußerst bittere Geschmack sorgen für ein unerwartetes, aber sehr angenehmes Trinkerlebnis.

sierra-nevada-torpedo-ipaIPAs (India Pale Ale, weil sie im 19. Jahrhundert für den Export nach Indien mit den dafür notwendigen Eigenschaften der Halt- und Transportierbarkeit geschaffen wurden) sind vielleicht erstmal gewöhnungsbedürftig. Die extreme Bitterkeit durch den Hopfen und die zusätzliche Trockenhopfung mag nicht jedem munden – doch für mich, der ich normalerweise bittere deutsche Biere wie Jever und andere eher meide, ist diese fast schon adstringierende Bitterkeit dann wieder ansprechend. In Kombination mit der herrlichen, hocharomatischen Fruchtigkeit bleibt der Geschmack, auch dies überraschend für ein Bier, noch eine Viertelstunde lang am Gaumen. Ich habe es sowohl zum Essen (mit kretischem Ziegenkäse, Oliven und Schinkensandwich), als auch pur in der Sonne sitzend ausprobiert – funktioniert beides wunderbar. Im ersteren Fall putzt das Sierra Nevada Torpedo IPA die Geschmacksknospen frei wie kein zweites Bier das kann, und im zweiten Fall tun die Zitronen- und Orangenaromen, rein natürlich entstanden, einfach ihr bestes, meine dürstende Kehle mit wunderbar unsüßem, klarem Kitzeln zu kühlen. Mit 7,2% Alkoholanteil sorgt es dann auch für schnelle, gute Stimmung.

Die Flasche selbst ist nichts ungewöhnliches. Sie ist mit einem uns bekannten Kronkorken verschlossen, und hat ein hübsch gestaltetes, aber nicht übermäßig hippes Etikett.

Dies ist eines der exklusiven Biere, die in einem kleinen Regal in meinem lokalen Galeria Kaufhof zu haben sind (dort gibt es auch das Stout des gleichen Herstellers), für den erstmal etwas abschreckenden Preis von knapp 3€ die Flasche – doch, so finde ich, ist das für die Qualität durchaus angemessen. Für den Dauerkonsum für mich eh zu bitter, bleibt so ein starkes IPA eben etwas Besonderes für einen besonderen Anlass.

Smoke on the Water – San Cosme Mezcal

Meine Kollegen im Büro grillen gern. Nein, das ist nicht richtig – sie sind BBQ-Fanatiker, die sich stundenlang über ausgefallene Fleischsorten, Rubs, Ribs, Kohlenanordnungen und Apfelsaftbesprayung des Grillguts unterhalten können. Ich bin mir sicher, für diese Kerle ist Mezcal wie gemacht – auch der San Cosme Mezcal.

san-cosmeWer Spirituosen, die einen schon beim Öffnen der Flasche mit ultra-rauchigen Aromen anspringen, interessant findet, ist beim Mezcal genau richtig. Jeder Islay-Whisky, den man kennt, ist ein zartes Pflänzchen gegen die qualmende Wucht des Mezcal. Dabei ist er glasklar – aber nur von der Farbe her. Im Mund ist er tiefdunkel, ölig, massiv. Fat Washing (also das Übertragen von fettgebundenen Aromen, wie Pfannkuchen-, Entenfett- oder Walnussgeschmäckern, auf Spirituosen) ist gerade in bei Mixologen, doch das bringt Mezcal schon von sich aus mit: Speck, angebranntes Fleisch, gegrillte Heuschrecken.

Ich bin mir sehr sicher – das polarisiert, das ist nichts für jeden. Es gibt Kenner, die den San Cosme als einen „milden“ Mezcal beschreiben; diesen muss ich  meinen Respekt zollen: Mehr Tabak, Leder, Qualm und brennende Autoreifen könnte ich nur mit Mühe verkraften. Vielleicht riskiere ich noch einen Blick auf einen anderen Mezcal, wie den Del Maguey Vida, aber zwei Flaschen dieses mexikanischen Räucherwerks im Haus… na, da bleib ich doch lieber erstmal beim duftig-floralen Tequila, mit dem ein Mezcal geschmacklich nur am Rande etwas zu tun hat, obwohl sie aus derselben Pflanze (aber unterschiedlichen Arten: Tequila aus der Blauen-Weber-Agave, Mezcal aus der Espadín-Agave) hergestellt werden.

Persönlich finde ich den bacon-rauchigen Geschmack des Mezcals etwas drängelnd, Purtrinken ist zwar durchaus möglich und in gewissen Situationen auch ansprechend, aber dazu muss man „in the mood“ für solche starken, strengen Mundgefühle sein. Weswegen der Cocktail Los Muertos es genau richtig macht, und mit den Fruchtaromen von Zitronensaft, Cointreau und Absinth das Geschmacksbild etwas aufhellt – so trinkt sich der San Cosme Mezcal sehr süffig und, überraschenderweise, erfrischend.losmuertos-cocktail


Los Muertos
1 oz San Cosme Mezcal
½ oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
½ oz Cointreau
½ oz Zitronensaft
1 Spritzer Zuckersirup
1 Barlöffel Absinth (z.B. Absinthe Emanuelle)


Eine unauffällige Flasche wird durch ein sehr auffälliges Etikett aufgehübscht. Der Korken war bei meiner Flasche etwas undicht, und das hätte fast das Auto meines Kollegen in einen amerikanischen Smoker verwandelt, auf dem Rückweg vom Großhandel Metro, in dem es diesen Mezcal für 28€ zu kaufen gab.
san-cosme-etikett Eine hochinteressante, spannende, starke, erdige, bodenständig-unraffinierte Spirituose – ich hoffe, in Zukunft auch in Cocktailbars davon zu hören. Natürlich wird sie es dabei schwer haben, mit all den Rauchverboten.

Eher Charlton Heston als Cary Grant – Old Grand-Dad Bourbon 40%

In medias res, passend zum Charakter dieses Bourbons aus dem Hause Beam: Einleitungslos, zumindest vom Geruch her, springt einen dieser alte Großvater ohne viel Federlesen an. Das ist mit weitem Abstand der fruchtigste Whiskey, den ich bisher riechen konnte. Leicht zitronig, stark aprikosig, wie ein Früchtekorb. Im Hintergrund ist aber auch eine weiche, hefige Note erkennbar. Insgesamt für die Nase eine Sensation.

old-grand-dad-11

Ein Großteil dieser Fruchtigkeit kann sich dann auch in den Mund transportieren, aber erst im zweiten Anlauf, und selbst dann dezent. Die ersten Eindrücke sind eher von einem neutral schmeckenden Alkoholbrand geprägt, den der Old Grand-Dad mitbringt – und das, obwohl er 2012 sogar von 43% auf 40% reduziert wurde. Etwas bitter ist er auch, und hinterlässt ein trockenes Mundgefühl, ist eindeutig eher würzig als süß. Insgesamt überhaupt kein Vergleich zur herrlichen Geruchsexplosion, die einem das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Bis auf die lange betäubte Zunge bleibt auch wenig Aroma im mittellangen, eher in Richtung kurz tendierenden Abgang am Gaumen. Ganz spät kommt zum Schluss dann die Frucht wieder durch. Man merkt die üppigen rund 30% Roggenanteil in der Mashbill, ein hoher Wert für einen Bourbon.

Ein gnadenloses Spiel mit den Emotionen also. Riesige Freude, gefolgt von Enttäuschung, mit ein bisschen Happy-End. Ein amerikanisches Melodrama mit einem trotz des Namens eher jugendlich-frechen Hauptdarsteller. Von einem Whiskey mit so einem Namen hätte ich ein gesetzteres, weicheres, gebildeteres Wesen erwartet; aber es gibt ja auch diese grantigen alten Säcke, die immer am schimpfen sind und denen man es nie recht machen kann: der Old Grand-Dad ist so ein alter Sack. Beim Trinken sehe ich immer Charlton Heston mit dem Gewehr in der Hand vor mir.

Wer auf kräftige, würzige Old-School-Whiskeys mit klarem Geschmacksprofil ohne Tirili steht, macht hier nichts falsch. Ein geschmacklich etwas langweiliger, aber von den Aromen recht typischer Bourbon, der mit seiner Nase auftrumpfen kann – schon allein für dieses Geruchsspektrum lohnt sich die Anschaffung für Whiskey-Freunde. Sonst empfinde ich ihn eher als Mixer für Cocktails; ich denke, dass er in allen Cocktails gute Dienste leistet, durch seine Art vielleicht aber eher in einem Whiskey Sour als in einem Manhattan. Zum Test habe ich mir eben einen Prospector mit ihm gemischt: Für andere Cocktails, die vom feinen Whiskey leben, kann er als einen Tick zu kratzbürstig empfunden werden.

prospector-cocktail


The Prospector
2 oz Old Grand-Dad Bourbon
¾ oz  Amaro (z.B. Villa Rillago Amaro)
½ oz Sherry (z.B. Sandeman Medium Sweet)
2 Spritzer The Bitter Truth Old Time Aromatic Bitters


Die Flasche ist sehr ansprechend, ich mag diese wuchtigen, runden Flaschen. Ein riesiger Korkstopfen rundet das Äußere perfekt ab, hier habe ich wirklich nichts zu meckern.

old-grand-dad-21old-grand-dad-31

Ich denke aber, dass ich den 114-Proof dieser Sorte doch noch probieren muss, und erhoffe mir von ihm dann die gewisse Rundheit, die dieser einfache 80-proof des Old Grand-Dad vermissen lässt, und eine weniger sprunghafte Persönlichkeit. Interessant, dass Beam sowohl diesem deftigen Whiskey als auch dem sehr viel zarteren Basil Hayden’s denselben Paten gegeben haben (denn genau Basil Hayden ist es, der als „alter Opa“ mit seinem Konterfei auf dem Etikett zu sehen ist); unterschiedlicher können Whiskeys kaum sein.

The Good, the Bad and the Ugly – Urlaub auf Kreta

Mein wenige Tage zurückliegender Kreta-Urlaub hat mich aus der ein bisschen eingefahrenen Cocktail-Routine gerissen. Dennoch konnte ich natürlich nicht ablassen, mich auch im Urlaub ein bisschen nach den lokalen Gegebenheiten auf Kreta für Freunde hochprozentigen Genusses umzuschauen.

The Ugly

Das hässlichste Erlebnis war mehr persönlich – ich musste leider entdecken, dass ich selbst zu einem der dicken, schwammpansigen halbalten Männer geworden bin, die kaum mehr in die Badebuxe passen und sonnenbrandrot-bleichweiß-gestreift nur mit Hut bekleidet durch die Hotellobby laufen. Was solls – ich bin zu sehr hedonistisch veranlagt, die kalorienreichen alkoholischen Genüsse abzustellen, nur um für ein paar Touristen und Hotelangestellte einen hübscheren Anblick zu bieten. Ein bisschen kneifts mich aber schon.

The Bad

Die Lage für uns Qualitäts-Sprittis ist in „all-inclusive“-Hotels auf Kreta aber dann doch so schlimm, dass ich diese Gewissensbisse direkt wieder beiseite wischen konnte. Praktisch keine Markenware wird verwendet, alles ersetzt durch billige Ersatzprodukte minderer Qualität – man muss sich also mit Campari-Substitut, Wermut-Aroma, weißem Fuselrum und, das schlimmste von allem, mit Limetten- und Zitronensaftersatz zufriedengeben. Gerade letzteres führt dazu, dass alle Cocktails, selbst ein Gin Fizz, klebrig süß werden, ein Tequila Sunrise zum untrinkbaren Wettbewerb zwischen stark gezuckertem Orangensaftimitat, Zuckergrenadine und Supermarkttequila entartet. Die Piña Colada besteht aus einem seltsamen dünnen Sahneimitat ohne Konsistenz, und so weiter. Mein persönliches Highlight war der Manhattan, hergestellt aus Vat69-Scotch und weißem, italienischem Noname-Wermut.

manhattan-in-kretaLetztlich ist die Situation aber erklärbar. Erstens, die meisten Leute scheint es nicht zu stören. Die kriegen ihren Stoff umsonst, haben von Anfang an kaum eine Vorstellung davon, wie diese klassischen Cocktails zu schmecken haben, und sind nach dem dritten Mojito (hergestellt mit der seltsam gelbgefärbten Mojitomischung von Pampero aus der Flasche) eh weg vom Fenster. Am nächsten Tag lässt der Kater grüßen, nach all dem Billigfusel kein Wunder.

Den zweiten Grund entdeckt man, wenn man sich die Spirituosenpreise in einem kretischen Supermarkt, in dem auch „normale Kreter“ einkaufen, ansieht: Das 1,5- bis 2-fache der deutschen Preise. Bei gefühlten 1500 Drinks an einem Abend in einem größeren Hotel ist es nicht mehr wirtschaftlich mit dem „all-inclusive“-Konzept vereinbar, würde man hier auf teure Markenware zurückgreifen müssen.

The Good

Im Urlaub vergibt man so manches, und ich gebe zu, dass ich mich nicht wirklich aktiv nach echten Cocktailbars  umgesehen habe – mir fiel aber auch auf meinen Perambulationen durch die Gegend keine ins Auge. Ich habe mich dann im Hotel mit dem weißen, scotchbasierten Manhattan angefreundet, und einen leckeren Longdrink in einer kleinen Taverne entdeckt, der aus (echtem!) Orangensaft und Metaxa hergestellt wird (mehr dazu in einem zukünftigen Beitrag). Der lokale Raki ist ähnlich dem Grappa, aber milder und mehr nach meinem Geschmack – insbesondere, wenn er mit Honig und/oder Kräutern wie Thymian versetzt wurde. Und wenn alle Stricke reißen, hat Griechenland doch ein paar sehr süffige, erfrischende und sehr gut trinkbare Biere im Angebot, in eisgefrosteten Gläsern serviert. Gerade Mythos hat es mir angetan.

mythos-bier-in-kretaUnd wenn man dann nach einem harten Tag voller Nichtstun in der Taverne der Wahl das Meer betrachtet, die Brandung und das allgegenwärtige Brüllen der Zikaden belauscht, ein paar Oliven, kretischen Zwieback mit Olivenöl und Tomatensalat vor sich stehen hat, ist so ein kühles Bier vielleicht eh das Beste, was einem passieren kann.

Mein Bewertungssystem

Es gibt Leute, die meinen, ein Bewertungssystem müsse quantifizieren. Man muss klar unterscheiden, ob das bewertete Produkt nun 3 oder 4 Sterne, 86 von 100 oder 92 von 100, drei von zehn oder sechs von zehn oder die „Doppelte Goldmedaille“ wert ist.

Persönlich finde ich das fuppes. Ich wage nicht mit ausreichender Sicherheit zu sagen, das dieser Schnaps 87,3 Punkte auf einer Skala von 40 bis 135 wert ist. Das hat zwei Gründe.

Erstens sind diese Bewertungssysteme zu starr. Manchmal habe ich Lust auf einen kratzigen Whiskey, dem ich zuvor, als ich gerade in meiner süßen Phase war, nur 80 Punkte gegeben hatte – und ich habe keine Lust, dauernd an den Zahlen drehen zu müssen. Darüber hinaus: Wie vergleiche ich einen 80-Punkte-Whiskey mit einem 80-Punkte-Tequila? Sind die gleichwertig? Ich sehe meinen persönlichen Geschmack nicht als so objektiv-ideal an, dass ich das behaupten könnte oder wollte. Wenn man einige der Bewerter, die dies tun, mal statistisch analysieren würde, käme eh heraus, dass sie sich trotz der möglichen Bewertungspunkte immer im selben Bereich bewegen – auf einer Skala von 1 bis 100 muss eine Spirituose schon extrem schlecht sein, um, sagen wir, 10 Punkte zu bekommen. Das kommt dann entsprechend auch so gut wie nie vor. Warum braucht man dann diesen Bereich, wenn eh alles im letzten Drittel oder Viertel der Skala liegt?

Zweitens habe ich einfach das Gefühl, dass man in Worten und Formulierungen einen genaueren Eindruck über ein Geschmackserlebnis mitteilen kann als in strengen, emotionslosen Zahlen. Die Farbe ist umgebungslichtabhängig, der Geruch von der Temperatur, der Geschmack von der Stimmung – das ist oft nicht messbar, und schon gar nicht reproduzierbar, eine der Grundvoraussetzungen für eine Quantifizierung. Ich will es aber auch den Lesern nicht allzu leicht machen: Wer nur auf den höchsten Punktwert schielt, verpasst oft das eine oder andere tiefbepunktete Schmankerl. Ich halte es da mit Dave Broom, der in seinem Buch „Rum: The Manual“ für sein Bewertungssystem, das er nur für Spirituosenmixturen, nicht aber auf die reinen Spirituosen anwendete, festhielt:

„These scores are for the mixes and not for the rum, each of which was chosen for its inherent quality, so read the tasting note to glean how that manifests itself.“

Letztlich will ich damit sagen: Wer von mir eine absolute Zahl des Werts einer Spirituose möchte, wird sie nicht kriegen. Wer einen Eindruck darüber erhalten möchte, wie sich eine Spirituose anfühlt, wie sie im Vergleich zu Peers abschneidet, wozu sie im Purtrinker- und Mixbereich taugt: Der ist hier richtig, und ich hoffe, diese zweite Gruppe von Interessenten ansprechen zu können.