Vom Feld in die Höhle – Märkische Spezialitätenbrennerei DeCavo Handcrafted Single Malt Höhlenwhisky & The Mash

Meine Leser wissen es – ich bespreche inzwischen immer abwechselnd Bier und Spirituosen. Manchmal kommt das auch zusammen, insbesondere, wenn ein Brenner aus dem Sauerland dem Genießer die Möglichkeit eröffnet, ein Destillat dadurch besser kennenzulernen und zu verstehen, indem er die Hintergründe zugänglich macht, zum Beispiel in Form der für den Whisky verwendeten Maische. An sowas komme ich natürlich kaum vorbei, ich finde derartige Projekte immer äußerst faszinierend, und will das auch dann teilen. Darum präsentiere ich hier einen Kombiartikel, in dem ich den Märkische Spezialitätenbrennerei DeCavo Handcrafted Single Malt Höhlenwhisky und das Basismaterial dafür, das Edelstahl The Mash Stout zusammen bespreche.

Die Reifung in der sauerländischen Dechenhöhle ist natürlich der Namensgeber dieses Whiskys (lat. „de cavo“ = „aus der Höhle“), und ein einzigartiges Klima ist ja durchaus von Relevanz in all den kleinen Faktoren, die einen fertigen Whisky am Ende ausmachen. Und es ist durchaus ungewöhnlich, dass man den DeCavo ausschließlich als Einzelfassabfüllung anbietet – da merkt man, das ist kein Feld-, Wald- und Wiesenwhisky, wie er in vielen deutschen Destillerien inzwischen hergestellt wird. Entsprechend lobenswert und sinnvoll ist die Fassnummern- und Flaschennummernangabe (L53, 306 auf meiner Flasche). Leider erfährt man selbst über die Website des Brenners nicht mehr über Art der eingesetzten Holzfässer oder sonstige Details. Aber nun genug nachgedacht, schnell ins Glas damit.

Märkische Spezialitätenbrennerei DeCavo Handcrafted Single Malt Höhlenwhisky & The Mash

Von einem Dreijährigen aus vorbelegten Fässern erwarte ich, wenn er nicht gefärbt wird, tatsächlich diese leicht strohige Weißweinfarbe, alles darüber hinaus käme mir verdächtig vor. Entsprechend jung und lebendig bewegt der Whisky sich dann auch im Glas, nach etwas Schwenken zeigen sich auch schöne, dick ablaufende Beine an der Glaswand.

Die Nase ist gerstenbetont, die typische Mischung aus Getreide- und Fruchteindrücken junger Whiskys. Süßlich wirkt das ganze, mit Aromen von Aprikose und reifem Apfel, unterstützt von leicht vanilligen Tönen. Etwas Nussiges schwebt da mit, Mandeln vielleicht. Insgesamt sehr schmeichlerisch, angenehm, rund und fein, allerdings auch wenig komplex.

Nimmt man einen Schluck, setzt sich der milde Eindruck aus der Nase im Mund fort. Der Antrunk ist süß, mildfruchtig, mit viel Aprikose. Kurz danach entsteht eine vorsichtige Medizinalität, wie man sie von Scotch kennt, sie verfliegt aber schnell wieder und macht Platz für ein angenehm texturiertes Mundgefühl, das schön in die Breite, aber nur wenig in die Tiefe geht. Leichte Säure bildet sich aus, und dezente Würzigkeit kommt auf. 47,3% hätte ich nicht vermutet, der Alkoholgehalt sorgt für Volumen, aber ohne jede Form der Kratzigkeit. Ein recht angenehmer Geschmacksbogen, das muss ich sagen, dabei immer zurückhaltend und ohne herausstechende Eigenschaften.

Märkische Spezialitätenbrennerei DeCavo Handcrafted Single Malt Höhlenwhisky Glas

Der Abgang ist kurz, mildherb, sich in eine würzige Wärme steigernd, jedoch aromatisch weiterhin leicht, getragen von Getreide und einer leichten Blumigkeit, die im Nachhall den ganzen Gaumen ausfüllt und lange mit etwas Jasmin nachklingt, angenehm trocken und dabei immer von der durchgängigen Süße unterstützt.

Ein Whisky, der trotz des martialischen Stiers auf dem Etikett eher ein Leisetreter ist, man darf hier nicht nach extremen Aromen oder wilden Effekten suchen, sondern muss sich ihm sachte nähern und sich über die sehr gelungene Rundheit, das schöne Mundgefühl und die Mildheit freuen, die den DeCavo sehr süffig und leicht trinkbar machen.

Single Malts werden heutzutage trotz einer inzwischen erklecklichen Anzahl von Cocktailrezepten immer noch hauptsächlich pur getrunken und oft gar nicht als Zutat wahrgenommen. Dabei ist der Penicillin einer der beliebtesten Whiskydrinks überhaupt geworden, ein moderner Klassiker. Um zu verhindern, dass durch den Monokonsum eines Drinks zuviele Resistenzen entstehen, biete ich hier eine Alternative an: den Amoxicillin. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Bartender, sobald Ihre lokale Bar wieder öffnet.

Amoxicillin Cocktail


Amoxicillin
2 oz Blended Scotch
½ oz Chartreuse jaune
¼ oz Ingwersirup
¾ oz Zitronensaft
Auf Eis shaken. Auf Eis abseihen, mit Peated Scotch besprühen.

[Rezept nach Chris Yamka]


Kommen wir vom Whisky zum Basismaterial, aus dem er hergestellt wurde – Whisky ist ja eigentlich ein Bierbrand. Eine sehr aparte Idee ist es dann natürlich, die Maische (oder besser formuliert das daraus gewonnene Bier) auf Flaschen zu ziehen und dem interessenten Genießer auch zur Verfügung zu stellen. Die Stildeklaration dieses Biers ist „Stout“, und entsprechend schwarz ist die Farbe. Vermeintlich völlig blickdicht, wenn man das Glas gegen das Licht hält, sieht man allerdings schöne rubinrote Reflexe darin. Eine langsame aber ausdauernde Perlage sieht man, sie füttert einen feinblasigen Schaum, der über die Zeit stiltypisch in sich zusammenfällt, aber nie ganz verschwindet.

Märkische Spezialitätenbrennerei The Mash Stout

Der Geruch des The Mash Stout ist malzig, mildherb, leicht bitterhopfig – auch wenn kein Hopfen enthalten ist. Ein Anflug von Röstnoten, etwas Kaffee, dunkler Kakao. Insgesamt getreidig und würzig. Weich und mild, das ist ein Gesamteindruck, der sich durch die ganze Verkostung zieht. The Mash ist malzig, mildherb, definiert süß und erkennbar fruchtig – man könnte durchaus davon sprechen, dass sich diese Eigenschaften auf den späteren Whisky übertragen haben. Viel Volumen, aber nur wenig Tiefe – was mich hier nicht stört, es hat andere Qualitäten; zum Beispiel die schöne Rezenz, die durch die üppige Karbonisierung und eine schöne Säurekante entsteht. Dabei immer mit leichten Röstnoten, wie schon gerochen. Der Abgang ist kurz, malzig, leicht lakritzig, trocken. Der Alkoholgehalt von 7,5% ist nie bemerkbar, was das Ganze sehr süffig trinkbar macht. Ich finde jedoch, wie gesagt, allein schon die Idee großartig und nachahmenswert, das gibt dem Whiskygenuss dann noch eine zusätzliche Tiefe und entwickelt besseres Verständnis für das Produkt.

Das Tripel ist vollständig, ich genieße jetzt ein Dreifachherrengedeck aus Cocktail vor dem Essen, das Maischestout zum Essen, und einen De Cavo im Tumbler nach dem Essen. Das nenne ich wirklich Themenabend!

Bier am Freitag – Maisel & Friends Muscatel IPA Barrel Aged 2020

Ende 2020 hatte Maisel & Friends eine Miniserie mit mehreren fassgereiften Bieren herausgebracht, die sich über ungewöhnliche Fassauswahlen auszeichnete. Ein IPA, „mehrere Monate“ im Muscatel-Dessertwein-Fass nachgereift? Klingt das gut? Ich finde, das klingt ausgesprochen gut. Also direkt bei Erscheinen rein in den Online-Warenkorb mit dem Maisel & Friends Muscatel IPA Barrel Aged 2020, bestellt, und dann nach etwas Ausruhzeit an einem entspannten Wochenendtag ausprobiert. So eine 750ml-Flasche trinkt man ja schließlich nicht mal einfach so, da hat man den ganzen Tag was davon.

Maisel & Friends Muscatel IPA Barrel Aged 2020

Ich gieße mir die erste Hälfte der Dreiviertelliterflasche ins Glas. Farblich sehe ich ein strahlendes Terracotta, mit einem Touch von Pariser Rot, jedenfalls sehr ansprechend, insbesondere im Kontrast zur sehr feinblasigen Blume, die ausdauernd dem Bier erhalten bleibt. Das feine Mousseux sieht man in einem großen Glas besonders gut.

Mit einem entsprechend gewählten Glas erkennt man auch den besonderen Duft dieses IPAs besser. Er erinnert an Erdbeermarmelade, Litschis (diese werden auf dem Rücketikett erwähnt, und sie sind tatsächlich sehr präsent hier) und etwas Honig. Sehr weich und mild für ein IPA, die ganze limettige Kratzigkeit, die man sonst oft bei diesem Bierstil findet, ist durch die Fassreifung stark eingebremst worden. Das Weinfass hat ordentlich für dunklere Töne gesorgt, und auch eine vorsichtige Holzigkeit kann man im Gesamtbild erriechen.

Die Textur ist von Beginn an supercremig, mit sehr viel Kau- und Lutschpotenzial, und sie sorgt für ein voll ausgefülltes und sehr breites Mundgefühl. Eine leichte Salzigkeit gibt Charakter, und Süße und Säure ringen miteinander, wobei die Säure sicherlich etwas Oberhand behält. Die Hopfigkeit geht bei vielen fassgelagerten Bieren schnell verloren, hier findet man sie noch, ihre Spitzen und Ecken wurden allerdings erkennbar abgeschliffen; es ist von der Bittere und Aromatik aber sicherlich immer noch ein IPA. Beeren und Litschis sind das Hauptaroma, man meint, noch dunkles Malz und Pflaumen durchzuschmecken. Die Rezenz hält sich, produktionsbedingt, in Grenzen, ist aber auch kein wirkliches Ziel eines solchen Biers.

Im Abgang erkennt man den Alkoholgehalt von 8,9%, da entsteht ordentlich Wärme und eine milde Glut, die sowohl im Mund als auch in der Speiseröhre bis in den Magen verfolgbar ist. Dabei wird das Bier knackig bitter, mildtrocken, klar holzig und stärker salzig, ohne aber ins wirklich hart Adstringierende oder Kantige zu kippen. Lang und weiterhin voll bis zum Ende, wo würzige und holzige Effekte noch etwas den Gaumen und die Zunge kitzeln und leicht betäuben.

Ah, sowas trinke ich einfach gerne. Es ist anspruchsvoll, ja, und kein Bier für Zwischendurch. Sowas genießt man, wie oben schon gesagt, an einem schönen Sonntagnachmittag in langsamen Schlucken, bei Zimmertemperatur. Ein sehr gelungenes Experiment, schade, dass sowas nur als limitierte Edition erhältlich und nach kurzer Zeit ausverkauft war. Ich rate allen Freunden fassgelagerter Biere, die Augen immer offen zu halten – da muss man schnell und konsequent zuschlagen, langes Überlegen ist da nicht drin. Es lohnt sich jedoch in den allermeisten Fällen!

Nicht erreichbare Wunschreiseziele – Florita Amande-Pays Amer Traditionnel Haïtien

Es ist ein kleines Sehnsuchtsziel für mich geworden. Nachdem ich in Luca Garganos Buch Nomade parmi les fûts viel über seine Sicht auf Haiti gelesen habe, und mich gut in die lokale Spirituosenwelt eingetrunken habe, will ich dort dringend hin. Wie bei vielen Zielen auf der Welt, die mich sehr ansprechen, ist das aber doch leicht problematisch; schließlich ist Haiti, auch wenn Gargano gegen das Image des scheinbar chaotischen, in Unruhen und Armut versinkenden Lands mit viel offensichtlicher Liebe und Energie anschreibt, doch nicht das ideale Ziel für den Alleinreisenden. Nun, vielleicht ergibt sich irgendwann die Gelegenheit – dann werde ich sie ohne Zögern ergreifen.

Bis dahin poliere ich langsam weiter mein Französisch auf, und untersuche, was Haiti neben dem aktuellen Trendsetter Clairin zu bieten hat. Der Rumbrenner Berling, ansässig in der Hauptstadt Port-au-Prince, bietet eine Reihe von ungewöhnlichen Produkten unter dem Markennamen Florita an, die vom klassischen Triple Sec über Cocktailbitter bis zu Likören reicht. Oben erwähnter Gargano importiert sie über seine Firma Velier nach Europa. Zwei davon habe ich mir mal zugelegt; das erste, Florita Amande-Pays Amer Traditionnel Haïtien, will ich hier nun vorstellen. Es handelt sich dabei um einen aromatischen Bitterlikör auf Basis von haitianischen Kräutern, Gewürzen und Pflanzen, zum Beispiel dem namensgebenden Amande-Pays, was scheinbar der haitianische Name für die Terminalia Catappa, deutsch Katappenbaum, ist. Klingt exotisch? Ist es auch, sage ich jetzt schon, während ich mir ein Gläschen davon eingieße.

Florita Amande-Pays Amer Traditionnel Haïtien

Im Glas sieht man die kupferne Farbe, die die Schwarzglasflasche versteckt hatte. Beim Schwenken bewegt sich der Amande-Pays Amer ölig und schwerfällig, hinterlässt an der Glaswand einen fetten Film, der kaum in Beine aufgespalten lange stehen bleibt, bevor er heruntersickert.

Die Nase ist bezaubernd – eine blumig-fruchtig-nussige bunte Mischung, die mir wirklich sehr gefällt. Da ist Maracujasaft, ein bisschen Rhabarbersirup, reife Erdbeeren und Brombeeren, deren Süße durch eine kräftige Bittermandelnote noch hervorgehoben wird. Darüber schwebt ein Duft wie aus einem tropischen Gewächshaus, Frangipani und Orchideen aller Art. Schnuppert man länger und tiefer, kommt etwas Ethanol zum Vorschein, bei 30% Alkoholgehalt etwas überraschend, da flacht der zauberhafte Eindruck auch etwas ab.

Florita Amande-Pays Amer Traditionnel Haïtien Glas

Im Mund beginnt der Likör sehr süß, leise, mit nur vorsichtigen Anklängen von all dem, was die Nase schon errochen hatte. Hier dominieren die Mandeln, die Maracuja ist nur in Ansätzen da. Eine spannende Stelle entsteht nach einigen Sekunden, wenn die liebliche Süße in so richtig knackige, trockene, holzige Bittere umkippt. Artischocken und Süßholz übernehmen das Kommando, es fühlt sich an, als ob man in einen Radicchio beißt, oder in eine Topinambur-Knolle. Ein leichtes Feuer aus Zimt entsteht, das die Zungenspitze kitzelt. Eine aromatische Nähe zu Allspice oder Pimento Dram meine ich zu erkennen.

Der Abgang ist schließlich noch bitterer, sehr trocken (ohne allerdings kratzig zu werden, da ist noch genug Basissüße als Ausgleich da) und macht seinem Namen „Amer“ alle Ehre, erinnert hier an Underberg, Angostura oder einen kräftigen Amaro. Eine deutliche Adstringenz saugt Spucke aus den Mundschleimhäuten, die Bittereindrücke und -geschmäcker bleiben eine ganze Weile im Mund hängen, mit Anflügen von sehr holzigen, wurzeligen Aromen wie Baumrinde, Süßholz und Kardamom, aber auch eine die fruchtige Nase wieder aufnehmende Grapefruitkomponente klingt deutlich nach.

Sicherlich ist das zwar ein „Bitter“, aber für mich noch kein Cocktailbitter, sondern geht klar in die Richtung von Magenbitter oder trockenem Amaro. Was bedeutet, dass man das schon sehr schön pur genießen kann, in den üblichen Szenarien, in denen man was zur Verdauung trinken möchte. Und entsprechend setze ich den Pays-Amande Amer auch in einem Drink ein, als Ersatz für Cynar in einem Sin Cyn – das macht mit dem haitianischen Bitter und einem australischen Grain Whisky wirklich so richtig Spaß.

Sin Cyn Cocktail


Sin Cyn
1 oz milder Scotch Whisky
1 oz Cynar
1 oz süßer Wermut
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Paul Dellevigne]


Ich gebe gern zu, der erste Impuls, mir diesen Bitterlikör zuzulegen, war aus dem Eindruck der total hübschen Flasche entstanden, als ich sie zum ersten Mal in einem Post eines Rumclubmitglieds neulich sah – die ungewöhnliche Form, das ausgesprochen schön gestaltete Etikett. Ja, ich weiß, ich sage sonst immer, dass der Inhalt zählt und nicht die Verpackung, aber ich bin ja auch nur ein Mensch und habe meine Rückfälle in die optischhaptische Phase, auch wenn das meine Suche nach der erfrischenden Geisteskühle des Schnapsmoksha wieder zurückwirft, besonders, weil es sich hier auch noch ausgezahlt hat, mal auf den Bauch statt den Kopf zu hören. Also zurück ins Samsara.

Wer sich für Bitterliköre begeistern kann, Campari, Aperol, Suze und diverse italienische Amari (insbesondere hier Cynar) mag, der wird am Florita Amande-Pays Amer Traditionnel Haïtien sehr viel Freude haben, da bin ich mir sicher.  Natürlich ist er viel teurer als die vorgenannten, mit 25€ für 35cl legt man schon einen ordentlichen Preis auf den Tisch, doch man bezahlt auch hier erstens die Exotik eines kleinen Brenners auf Haiti, und den Import durch einen Exklusivabfüller LMDW & Velier, der weiß, was seine Ware wert ist. Persönlich bereue ich es kein bisschen!

Bier am Freitag – BrewDog Berliner Rot

Offenlegung: Ich danke BrewDog Deutschland für die kosten- und bedingungslose Zusendung zweier Dosen dieses Biers.

Es war gerade die Zeit vor Weihnachten, als mir ein Paket mit ein paar Dosen Bier unerwartet ins Haus flatterte. Es handelte sich dabei um Saisonbiere, die der Jahreszeit irgendwie entgegen kamen, ein Glühweinbier, ein Kürbisbier, sowas in der Art. Das letzte aus dem Trio musste bis jetzt warten, bis ich es bespreche – das BrewDog Berliner Rot. Die Idee dahinter war, ein Red India Pale Lager (Red IPL) zu kreieren, mit der röstmalzbasierten Farbe des Irish-Red-Stils, aber gleichzeitig der leichten Aromatik eines Lagerbiers. Kann sowas funktionieren?

BrewDog Berliner Rot

Irgendwo zwischen kräftigem Haselnussbraun und leuchtendem Rostrot verorte ich die Farbe dieses Biers nach dem Eingießen. Deutliche Trübung sorgt für noch mehr optische Wucht – zusammen mit dem sehr hübschen, feinblasigen Schaum, der sich für eine Weile auf das Bier legt. Dem Namen macht es jedenfalls alle Ehre. Beim Schnuppern finden sich die Gründe, warum die Brauer von BrewDog es IPL nennen; blind könnte man es jedenfalls für ein Pale Ale, vielleicht sogar ein IPA halten. Da ist viel aromahopfenlastige Frucht, Marmelade aus Aprikosen, Orangen und vielleicht sogar Brombeeren. Mit einigem an Malzunterkörper riecht man sich ein sehr auf die Verkostung gespanntes Bouquet zurecht!

Im Mund beginnt es süß und voll, cremig, fruchtig, wie man das erwartet hat. Im Verlauf allerdings kommt die zweite Komponente des Namens voll zum Tragen – das Lager. Leicht und flüchtig, mit überraschend schmalem Körper und beinahe schon, im Vergleich, dünn wirkendem Charakter. Es bleibt würzig, geht ins Getreidige über, verliert bei diesem Weg die Frucht. Das ist erstmal nicht schlecht, nur sehr unerwartet. Der Abgang ist kurz, sehr trocken, feinherb und erinnert nun klar ausschließlich an ein Pale Lager. Leicht blumig, das ist der Rest des Hopfens, klingt das Bier am Ende aus. Mit 5,0% Alkoholgehalt hat man, zusammen mit der guten Rezenz, eine wirksame Erfrischung am Gaumen.

Wieder mal ein Crossover-Bier, das man schwer einordnen kann. Es täuscht und verwirrt die Sinne, weil man am Ende etwas ganz anderes hat, als man am Anfang vermutet. Dieser Weg ist interessant, sicherlich, aber ob er auf Dauer Sinn macht? Irgendwie ist es keine Kombination der Stile, sondern hat man halt weder das Eine noch das Andere, ein eher subtraktives Design als ein additives; denn insbesondere die Richtung „voll zu Beginn, dünner am Ende“ ist für mich eher unvorteilhafter als die andere Richtung es wäre. Ich bin mir unschlüssig, ob ich das Bier öfters haben wollen würde – es ist gut und ohne Fehler gemacht, aber es wäre mir persönlich zu anstrengend und zu flatterhaft, um es beständig genießen zu können.

Kleine große Flaschen – Foursquare Sassafras Single Blended Rum (VSGB)

Immer wieder mal hatte ich mich über den Sinn und Unsinn von den heutzutage bei allen Spirituosen äußerst beliebten Fassfinishes ausgelassen, hier auf meinem Blog und anderweitig. Ich bin heutzutage skeptisch geworden, viele Hersteller machen ein Finish einfach nur deswegen, „weil sie es können“, nicht, weil eine besondere Idee oder ein Konzept dahinter steht; für mich ist das dann ein klassisches Gimmick und mit nur mäßig viel inhärentem Wert versehen. Das geht oft so weit, dass ein ungefinishter Rum zur Seltenheit wird, ja, ich übertreibe, aber die Liste der Neuveröffentlichungen zeigt schon einen Trend in diese Richtung. Ein besonderer Punkt in dieser Diskussion ist, dass die Definition eines „Finish“ beinhaltet, dass es eine Nachreifung nach der Hauptreifung ist – sobald die Zweitreifung gleich lang oder vielleicht sogar länger als die Erstreifung ist, handelt es sich nicht mehr um ein Finish, sondern um eine Doppelreifung, auf englisch „Double Maturation“, ein Passus, den man zum Beispiel deutlich auf dem Etikett des Foursquare Sassafras Single Blended Rum findet.

Der Sassafras ruht also entsprechend dieser sicherlich eher unüblichen Reifungsvariante zunächst mal 3 Jahre in einem Ex-Bourbon-Fass, dann wird er in ein Ex-Cognac-Fass (laut Aussagen von Richard Seale aus der Region Borderies) transferiert und hält sich dort weitere 11 Jahre auf, von Anfang bis Ende in den Tropen. Durchaus gewohnt für den Hersteller ist allerdings die Gestaltung des Basisdestillats dafür – ein Blend aus den Ergebnissen der Destillation in den bei Foursquare vorhandenen Brennapparaten, einer traditionellen Coffey Still mit zwei Säulen und einer Pot Still mit Doppelretorte. Dann landete es in den angesprochenen Fässern, und wurde zu guter Letzt im November 2020 mit 61% Alkoholgehalt auf Flaschen gezogen – zur kleinen Flaschengröße bei meinem Exemplar (10cl, wie auf dem Foto zu sehen ist) verweise ich auf das Ende des Artikels. Der Name dieses Rums klingt kompliziert, passt sich aber in die Auswahl der Namen für Foursquare-Abfüllungen ein, bei denen Seale sehr kreativ und mit Mut zur Ungewöhnlichkeit vorgeht. Der Sassafrasbaum ist in Nordamerika weit verbreitet; ein direkterer Bezug zum Inhalt der Flasche besteht jedoch nicht.

Foursquare Sassafras Single Blended Rum (VSGB)

Farblich erwartet uns nach der Umfüllung aus der Schwarzglasflasche ein sehr kräftiges Pariser Rot, mit orangefarbenen Reflexen im Licht. Beim Schwenken wirkt der Sassafras sehr schwer, lässt sich nur mit großen Bewegungen an die Glaswand bringen, wo er dann richtig fette Beine hinterlässt, die ölig ablaufen.

Das ist sicherlich ein Rum, den man erstmal ein paar Minuten offen stehen lassen muss, um ihn sich öffnen zu lassen. Bei Whisky hätte ich bei 61% Alkoholgehalt sicherlich ein paar Tropfen Wasser dazugegeben; bei hochwertigen Barrel-proof-Rums ist das in vielen Fällen gar nicht nötig. Lassen wir also die direkt nach dem Eingießen vorhandenen Lack- und Ethanoltöne etwas verfliegen, bevor wir die Nase weiter ins Glas halten. Dann rieche ich Honig, Karamell, deutliches Marzipan, Ahornsirup und weitere Eindrücke dieser Art: der Sassafras wirkt aromatisch dunkel, süßschwer und sehr voll in der Nase. Leichte Kokosnussfleischnoten sind da, sehr typisch für die Herkunft, Vanille und auch leichte Kaffeetöne. Datteln und dunkle Trauben könnten als Aromen aus dem Cognacfass gekommen sein, da ist eine Nähe zu Armagnac. In toto komplex, schwer und aromatisch, da bekommt man Lust, die Zunge reinzuhalten.

Foursquare Sassafras Single Blended Rum (VSGB) Glas

Was wir jetzt tun. Der Antrunk ist nicht ganz so süß und cremig, wie man das von der Nase her erwartet hätte – da ist er nach kurzer Süßattacke direkt trocken, herb und voller Gewürzschärfe, und das steigert sich weiter über den ganzen Verlauf. Unterschwellig kommt eine natürlich süße Basis schon zum Vorschein, doch sie wird von holzig-ledrigen Tönen beherrscht, mit einer leichten Pferdeschweißsäure. Überreife Ananas, dunkle Frucht, geröstete Nüsse, Shortbread, erneut Ahornsirup, und stark gebräuntes Karamell, das mehr in Bittere und Schärfe übergeht als Süße – das hat wirklich viel Wucht, insbesondere, weil die herbe Trockenheit das noch unterstützt. Wie schon angekündigt, braucht man hier eigentlich kein Wasser zuzusetzen – ich probiere es trotzdem. Mit ein paar Tropfen Wasser kommt plötzlich die fruchtige Seite sehr viel deutlicher zum Vorschein, und eine leichte mineralische Kräuterigkeit, die vorher nicht erkennbar war; allerdings wird dann auch die Holzigkeit sehr stark betont.

Der Abgang ist heiß und lang, aber etwas schmal von der Aromatik her, wirkt hier plötzlich fast etwas dünn, bei weitem nicht so breit wie beim Antrunk, der Gaumen ist recht schnell wieder frei von Eindrücken. Für mich sicherlich ein kleiner Schwachpunkt dieses Rums. Die Alkoholstärke sorgt für ordentlich Anästhesie auf der Zunge; die Trockenheit ist hier nun sehr angenehm und nur ganz leicht adstringent. Der Nachhall ist fruchtig und metallisch, und lässt dann etwas Kokosnuss nachklingen.

Kein einfacher Rum, sicherlich komplex und spannend, und für den Freund herber Rums eine lohnenswerte Sache. Persönlich finde ich, dass er Tendenzen zur Unrundheit hat, aber dennoch mag ich ihn – einfach, weil ich diese wilde Kraft in Spirituosen schätze. Das hat mit Mainstream nicht mehr viel zu tun, und man muss sich in diesen Brand einarbeiten; er bietet jedoch genug Potenzial dafür, das steht fest. Kein Rum zum gemütlichen Trinken beim Fernsehen, sondern etwas für die Abende, an denen man Nachdenken will und still ins Feuer starrt.

Auch hier opfere ich ein paar Schlucke für einen Cocktail, obwohl ich nur 10cl habe – ich hoffe darauf, dass es das wert ist. Und welcher Drink wäre besser geeignet als ein Richard Sealebach, gefunden in Martin Cates Buch „Smuggler’s Cove“, gewidmet dem Vater dieses Rums. Die Variante auf den Seelbach bekommt durch den Sassafras eine deutlich herbe Kante und, ja, das wertet den Drink erkennbar auf. Die hübsche rote Farbe kommt von den Peychaud’s Bitters.

Richard Sealebach Cocktail


Richard Sealebach
1 oz gereifter Rum
½ oz Triple Sec
7 Spritzer Angostura Bitters
7 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren. Mit 4 oz Champagner toppen.

[Rezept nach Rebecca Cate]


Der eine oder andere wird sich wundern, was es mit der kleinen Flasche auf sich hat. Diese stammt direkt von Velier, die mit dem Projekt Velier Small Great Bottles (VSGB) dem aktuellen, wohl unaufhaltsamen Trend entgegenwirken wollen, dass neue, sehr begehrte Abfüllungen zu einem nicht zu unterschätzenden Anteil in den Händen von Bottle Flippern landen, die die Flaschen nie öffnen, sondern direkt mit einem ordentlichen Aufschlag zum offziellen Ausgabepreis weiterveräußern – der Rum soll zumindest ansatzweise wieder zurück zu den Rumfreunden, als Genuss- und nicht als Spekulationsobjekt. Entsprechend bekommt man diese Kleinflasche nur über eine spezielle Gruppe, bei der man sich registrieren muss, und wo die Flasche dann einer Person zugeordnet wird unter der Bedingung, sie nicht weiterzuverkaufen, sondern zu öffnen und mit anderen Rumfreunden darüber zu reden (was ich hiermit tue). Meine Flasche ist Nummer 621 von der auf 1100 Stück limitierten Reihe.

Die kleine Flasche ist wirklich mit Liebe zum Detail gemacht, spiegelt die große Version wunderbar wieder. Ein Plastikkorken schützt den Inhalt. Und dass dann auch noch ein kleiner Karton dazugehört, nun, das zeigt, dass Luca Gargano hier wirklich ein kleines Herzensprojekt durchgeführt hat. Er selbst meinte, dass es so unendlich viel einfacher gewesen wäre, einfach statt der VSGB-Samples zu je 18€ mit all den Mühen der Organisation, Gestaltung und Verteilung ein paar Hundert Vollflaschen zu verkaufen, und das gleiche Geld einzunehmen. Ich freue mich sehr, dass ich zeitnah dabei war, mich für das Projekt zu registrieren, denn inzwischen kommt man nur noch über eine Warteliste dazu. Immerhin: durch diese Samples kommen statt ein paar Dutzend über 1000 Rumfreunde dazu, diese Abfüllungen probieren zu können. Das ist ein wirklich schönes und freundliches Projekt. Ich bin gespannt, was die nächste Abfüllung sein wird.

Bier am Freitag – Südtondern Brauerei Coastery Coffee Dry Stout Hampden Cask

Südtondern Brauerei Coastery Coffee Dry Stout Hampden Cask, ein Bier mit vielen Namensbestandteilen – diese (Südtondern, Coastery, Hampden) sollten zunächst mal aufgelöst werden. Das Bier selbst stammt von der Südtondern Brauerei. Der Kaffee, der gegen Ende des Hopfenkochens grob geschrotet eingesetzt wurde, aus der Coastery Kaffeerösterei. Es handelt sich dabei um Kaffee aus Guatemala, aus der Region Antigua – eine der ältesten Anbauregionen des Landes, auf rund 1500m Höhe gelegen. Zu guter Letzt landet das obergärig gebraute Bier, zusätzlich noch gestopft mit dem Kaffee, dann mit 5,0% Alkoholgehalt in einem frisch entleerten Rumfass der unter Rumfreunden wohlbekannten und -geliebten Hampden Destillery, darf dort 4 Wochen ruhen, und die Zuliefererrunde ist damit geschlossen – weder Pasteurisierung noch Filtration kommen zum Zuge. Dank des eingesetzten Kaffees ist das Bier koffeinhaltig, dieser Schritt zwingt die Brauer dazu, die Klausel „besonderes Bier“ aufs Etikett zu schreiben, um das Endprodukt in Deutschland mit seinem Reinheitsgebotswahn auf den Markt bringen zu dürfen. Nach der Flaschenbefüllung bin ich das letzte Glied der Kette, und ich beschreibe nun mal das Ergebnis der ganzen Mühe.

Südtondern Brauerei Coastery Coffee Dry Stout Hampden Cask

Fast tintenschwarz und ebenso blickdicht steht das Bier im Glas. Selbst bei Gegenlicht ist nicht zu erkennen, ob da Perlage vorhanden ist – bei fassgereiften Bieren ist das aber eh eher selten. Der Schaum hat etwas helle Cremafarbe, ist zunächst einen Zentimeter dick, fällt mit der Zeit in eine feinblasige Insellandschaft zusammen.

Der Geruch ist überraschend – eine sehr komplexe Mischung aus dunklem Malz, Zitrusaromen, deutlich erkennbarem Kaffeepulver und einer esterigen Fruchtkomponente, die ziemlich sicher dem Rumfass entstammt. Das wirkt fast rotweinartig, hat aber auch einen vegetalen Charakter, der mich an Artischocken erinnert, oder eingelegte Pfefferschoten beim Griechen. Sehr spannend, ganz sicher, die Herstellungsart und eingesetzten Produktionsmittel kann man jedenfalls klar voneinander abgrenzbar wahrnehmen, sie wabern gegeneinander an, und gemeinsam ergeben sie ein wirklich faszinierendes Geruchsbild, an dem ich gar nicht aufhören kann, zu schnuppern.

Im Mund geht es mit dem vegetalen, pflanzlichen Charakter gerade weiter, ich fühle mich aus irgendeinem Grund in mein Lieblingsrestaurant Dimitra versetzt. Feta, eingelegte Peperoni, Kalamata-Oliven, wie ein griechischer Vorspeisenteller. Ein sehr klares Mundgefühl ist da, trocken und sauber von Beginn an, mit einer üppigen Karbonisierung. Säure kontrolliert minimale malzige Süße komplett, was auch für ordentlich Rezenz sorgt. Esterige Jamaicarum-Aromen treten auf, und nur ein Hauch von Kaffeeröstaromen deutet auf den Bierstil „Coffee Stout“ hin. Sehr aromatisch, aber ohne den Gaumen zu belegen, kaum verlässt das Bier den Mund, ist er sauber und frei. Entsprechend kurz ist der Abgang, eine leichte Esterigkeit hängt noch etwas nach.

Ich gebe zu, das ist ein Bier, das komplett anders schmeckt, als ich es erwartet hatte. Es ist klar, trocken, frisch und mit einer wirklich außergewöhnlichen Aromatik. Ich vermute, es wird schon lange ausverkauft sein, wenn ich diesen Artikel veröffentliche, darum klingt es wahrscheinlich wie Hohn – wer an es noch herankommen kann, sollte definitiv keine Aufwände scheuen.

Der Himbeergeisterjäger – Destilerija Zarić Rakija od Malina Opsesija

Gerade bei Früchten, die sich nur schwer brennen lassen, wird der gewichtige Unterschied zwischen Geisten und Bränden wichtig. Im ersteren Fall handelt es sich um einen Fruchtauszug – kleine Früchte mit nur geringem Zuckergehalt werden in eine Neutralalkoholbasis gelegt und geben dadurch ihr Aroma ab. Nach einer Destillation erhält man so zum Beispiel einen Himbeergeist. Gerade für Himbeeren ist dies eine beliebte Vorgehensweise, denn sie haben nur rund 5% Zuckeranteil. Was es schwierig macht, aus ihnen einen klassischen Obstbrand herzustellen, bei dem die Früchte vermaischt und fermentiert werden, wozu Eigenzucker nötig ist; man braucht entsprechend sehr viel mehr Fruchtmasse, um einen Himbeerbrand herzustellen, als einen Himbeergeist.

Im Destilerija Zarić Rakija od Malina Opsesija werden entsprechend 20kg Himbeeren pro Liter verwandt – etwa siebenmal so viel, wie für einen qualitativ guten Himbeergeist angesetzt werden müssten. Der serbische Brenner destilliert in seinen Anlagen dann doppelt, um das Endprodukt zu erhalten. Ich habe eine gewisse Liebe zu Obstbränden entwickelt, sie werden oft unterschätzt, weil wir in Deutschland eine weitverbreitete Brennerkultur dafür haben und, wie es halt so ist, der Prophet gilt im eigenen Lande nichts, und was man überall bekommt kann ja nichts besonderes sein. Nichts ist ferner der Realität, darum freue ich mich immer, einen guten Obstbrand im Glas zu haben – was hiermit geschieht, um Euch mitzuteilen, was ich von dem fruchtigen Serben halte.

Destilerija Zarič Rakija od Malina Opsesija

Kristallklar ist die Flüssigkeit, man sieht das ja schon in der Flasche, und erwartet das auch von einem Obstbrand. Eine gewisse Schwere zeigt sich beim Schwenken, aber keine wirkliche Öligkeit, dazu ist der Brand zu lebendig im Glas. Unabhängig davon verläuft der Film an der Glaswand langsam und in dicken, ineinander übergehenden Beinen.

Die Himbeere riecht man natürlich schon beim Eingießen über das Glas hinaus. Da gibt es nichts zu deuten, sie dominiert das Geruchsbild total, und lässt nur leichte, säuerliche Johannisbeerennoten neben sich bestehen. Eine gewisse Grünheit, die an unreife Äpfel und frisch geschnittenes, vollsaftiges Blatt erinnert, gesellt sich im Verlauf dazu, und Eindrücke von Waldhonig etwas Mineralität wie von feuchtem Beton. Da kann man lange dran schnuppern, ohne dass es langweilig wird – aber man merkt schon in der Nase, dass man hier einen stringenten, klaren, unabgelenkten Brand vor sich hat.

Der Antrunk ist süß und hat eine gewisse Stumpfheit, die ich nicht erwartet hatte. Im Mund wirkt der Opsesija gar nicht so frisch und säuerlich, wie man es von der Nase her vermutet hätte, er ist eher schwer, beinahe dunkel, voll von der Fruchtsüße beherrscht, nicht von der Fruchtsäure. Nach dem stumpfen Antrunk entwickelt sich aber eine traumhafte, dichte Himbeeratmosphäre, der Brand hellt sich auf, entfaltet sich, man entdeckt ein fast schon sahneartiges Mundgefühl und auch aromatisch meint man, Himbeeren in Sahne getunkt im Mund zu haben. Eine leichte Pikanz und Salzigkeit beginnt, die sich zum Abgang hin immer stärker zeigt. 40% Alkoholgehalt spürt man gegen Ende, obwohl sie gut eingepasst sind und am Ende für Abwechslung sorgen.

Destilerija Zarič Rakija od Malina Opsesija Glas

Der Abgang ist extrem lang und sehr warm, mit einem hocharomatischen Nachklingen von Himbeeren mit Pfeffer. Etwas Adstringenz ist da, begleitet von herber Bittere, und die Zungenoberfläche wird anästhesiert. Ganz zum Schluss kommt die zuvor erschnupperte grüne Komponente immer deutlicher zum Vorschein, wie ein tiefer Atemzug in einem dicht bewachsenen, feuchten Gewächshaus. Selbst nach 20 Minuten und einer Tasse Kaffee verbleibt der Opsesija noch im Mund erkennbar, das ist schon sehr beeindruckend.

Ein sehr aromatischer, voller und schwerer Brand, der das beste aus der Himbeere in sich trägt und mit nur Beikomponenten unterstützt, statt von dem Hauptdarsteller abzulenken. Ich liebe ihn, das ist komplex, ohne dies mit vielen unterschiedlichen Aromen zu erreichen, sondern nur unterschiedlichen Nuancen der einen Frucht. Wer Himbeeren mag, wird diesen Rakiya lieben, da bin ich mir sicher.

Ich hatte vor einer Weile mal einen Raspberry Sour gemacht, mit einem italienischen Himbeergeist, und vor kurzem habe ich erfahren, dass man einfach durch Aufgießen mit Sprudel aus so einem Sour einen Himbeer Silver Fizz macht. Der Drink wird dadurch leichter und frischer, er verträgt aber auch dann einen stärkeren Himbeerbrand – ein ideales Einsatzgebiet für den serbischen Rakiya.

Himbeer Silver Fizz Cocktail


Himbeer Silver Fizz
2 oz Himbeerbrand
1 oz Zitronensaft
⅔ Zuckersirup
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Mit Soda toppen.
[Rezept nach Thorsten Pannek]


Die Destillerie Zarić füllt viele ihrer Produkte in diese ungewöhnliche Flaschenform ab – und versieht sie dann mit einem Nachfüllstopp, der bei derartig hochwertigen Produkten in Ländern, in denen Produktfälschung durchaus an der Tagesordnung ist, dabei hilft, dass man das „echte“ Destillat bekommt, und nicht ein ins Leergut wiederaufgefülltes Billigprodukt.

Diesen Rakiya hatte ich von meiner Reise nach Plovdiv (Bulgarien) mitgebracht, wo ich 2018 mit dem wandernden Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles als Juror unterwegs war. Svetlin Mirchev, der Godfather of Rakiya, hatte ihn in einer kleinen Verkostungsrunde abends dabei, und mich sofort damit geködert; er erwähnte, dass er die Destillerie für eine der besten hält, die der Balkan in Bezug auf Obstbrand zu bieten hat. Nach diesem Brand glaube ich das ohne jeden Zweifel.

Bier am Freitag – Orval Trappist Ale

Wir saßen in Brüssel im Bedford Hotel abends zusammen – meine geschätzten italienischen Spirituosenexpertenkollegen Davide Terziotti, Marco Callegari und ich, und die beiden hatten von einem kurzen Spaziergang außer Haus (das einzige, was zu dem Zeitpunkt im ausgangsgesperrten Brüssel erlaubt war) ein paar Flaschen belgischen Biers mitgebracht. Gastfreundlich, wie sie waren, ließen sie mich auch teilhaben, und so kam ich zum ersten Mal in den Genuss des Orval Trappist Ale. Selbst habe ich auch dann noch zwei Flaschen am nächsten Tag erworben. Auf dem Etikett finde ich die lobenswerte Angabe, dass die sehr hübsch geschwungene Flasche am 09.06.2020 abgefüllt worden ist, nur 3 Monate vor meinem Kauf in Brüssel. Die Zutatenliste enthält „Zucker“, dieser ist natürlich für die traditionelle Methode der Flaschengärung unverzichtbar und nicht als Aromastoff zu sehen. Zuhause gibts nun ein weiteres Glas, auf das ich mich mehr konzentriere.

Orval Trappist Ale

Haselnussbraun mit voller Trübung – selbst bei Gegenlicht sieht man nicht durch dieses Bier. Man kann kräftige Perlage geradeso noch erkennen; die Flaschengärung sorgt dafür, dass man beim Eingießen vorsichtig sein muss, denn die Schaumentwicklung ist enorm. Ein Großteil des Schaums besteht aus extrem großen Blasen, die beim Platzen beinahe spinnenwebartige Gebilde hinterlassen und das Bier von oben betrachtet fast wie ein in sich zusammensackendes Mousse aussehen lassen.

Der Geruch wirkt säuerlich, erinnert an Verjus, milden Apfelessig, grüne Äpfel und Joghurt. Johannisbeeren und Nelken, eine interessante Kombination, unterfüttern. Die empfohlene Trinktemperatur ist 12-14°, da riecht man das Orval nach dem Eingießen durchaus schon einen ein paar Zentimeter vom Glas entfernt.

Ein ungewöhnliches Geschmackserlebnis erwartet einen – das ist von Anfang an sehr trocken, sehr bitter, erinnert mich etwas an Schorle aus Grapefruitsaft. Tatsächlich ist Grapefruit für mich der dominierende Eindruck, etwas Naturjoghurt kommt dazu, die Säure ist gar nicht so ausgeprägt, wie man nach der Riecherfahrung hätte denken können. Leicht beerige Frucht entsteht, und die süßliche Malzbasis wird erkennbar. Erstaunlich ist das überraschend schale Mundgefühl, das dem Schaum spottet; durch die Helltönigkeit und die Säure wirkt das Bier dennoch rezent, wenn auch nicht prickelnd. Der Abgang ist kurz, erneut mit deutlicher Grapefruit in Bezug auf Bittere und Säure, und auch leichter Adstringenz; ein sehr frisches, klares Gefühl verbleibt eine ganze Weile am Gaumen.

Hm, da bin ich überrascht, das ist schon ein belgisches Bier, das sich nicht in die Dubbel-Tripel-Schiene einpassen lässt. Es wirkt auf mich etwas eindimensional und schmal, etwas arg dünn und leicht. In dieser Form begeistert es mich nicht wirklich – doch mir wurde von belgischen Freunden nahegelegt, eine Flasche etwas im Keller nachreifen zu lassen, denn Biere dieser Art profitieren von langer Lagerzeit. Ich denke, in 3 bis 4 Jahren werde ich die zweite Flasche dann hervolholen und diesen Artikel mit den neuen Eindrücken ergänzen. Bis dahin!

Echt stark – Siembra Valles High Proof Tequila Blanco

High-proof, mindestens 46%, Navy strength, Fassstärke – das ist eine Gruppe von Buzzwords, die den Spirituosenfreund seit einiger Zeit umtreibt. Man gibt sich nicht mehr mit dem mutmaßlich „verwässerten“ oder „verdünnten“ Zeug zufrieden, man will richtig Hochprozentiges – denn, und so weit sind sich alle einig, Alkohol ist ein Geschmacksträger und entsprechend hat man einfach mehr im Mund, wenn das Label nicht nur läppische 40% Alkoholgehalt aufweist, sondern der Wert über die Fünfzigermarke oder noch höher steigt. Verdünnen kann man ja schließlich selbst noch, wenn es zu stark wird.

Für Rum und Whisky aus vielen Ländern ist das eigentlich problemlos, und man fand früher schon mehr als genug derartige Produkte. So manche Spirituosen haben jedoch Regelungen oder Gewohnheiten, die es etwas schwerer machen, sich an diesen Trend anzupassen – chilenischer Pisco beispielsweise begnügt sich in manchen Varianten schon mit 35%, peruanischer Pisco darf maximal 48% haben, kubanischer Rum darf gesetzlich eigentlich mit maximal 41% abgefüllt werden (dafür gibt es Ausnahmen). Und Tequila, da sind wir auch niedrigere Prozentwerte gewohnt, oft unter 40% sogar. Darum ist es aktuell noch eher ungewöhnlich, einen Agavenbrand wie den Siembra Valles High Proof Tequila Blanco zu finden, der schon im Namen verrät, dass er sich von der Gewohnheit lösen will und dem Sucher nach im Ethanol gebundenen Aromen mit 48% mehr anbietet als seine Konkurrenten. Wirkt es?

Siembra Valles High Proof Tequila Blanco

Kristallklar und ohne Fehleinschlüsse schwappt der High Proof Blanco im Verkostungsglas schwer hin und her. Es bildet sich ein durchgängiger Film an der Glaswand, der zunächst en bloque abläuft, und sich erst sehr spät in einzelne Beine aufteilt.

Ich bin vorbelastet, ich gebe es ja gerne zu, denn ich liebe den Duft von ungereiftem Tequila mehr als den jeder anderen Spirituose der Welt. Und der Duft des Siembra Valles Blanco hier gehört selbst darunter mit zu den hübschesten seiner Art. Herrliche Floralität, Rosenblätter, Jasmin, richtig viel Lavendel, frisch geschnittene Agave, da will ich gar nicht aufhören, dran zu schnuppern. Milde Orangenschale, Birne, ein Touch von Ananas, es kommt eine dezente Fruchtigkeit dazu. Unter all dem findet sich leichte Mineralität, aber nur ein Tick, in Richtung Tee und Harz. Hält man die Nase tief ins Glas, erkennt man einen Anflug von Alkohol und Motoröl, später auch etwas Apfelessig, aber nicht stechend oder störend. Fantastisch im Gesamtbild.

Siembra Valles High Proof Tequila Blanco Glas

Der Antrunk ist süß, mild, voller Eindrücke von gerösteter Agave und der dazugehörigen Blumigkeit und Mineralität. Ein superflauschiges Mundgefühl mit einer tollen, fetten Textur lässt einen auf dem Tequila herumkauen. Lavendel und Jasmin explodieren geradezu im Mund, Vanille, grüne Banane und Pfirsich bilden die süße Basis, das wirkt fast schon schokoladig in der Zusammensetzung. Dann aber entsteht auch eine sehr feurige Würze, weißer Pfeffer, Ingwer, vielleicht sogar etwas Chili. Hier könnten sich die 48% Alkoholgehalt auch zeigen.

Der Abgang ist mittellang, aber extrem effektvoll, mit viel Kraft und Fortführung der starken Aromatik. Agave setzt sich nun durch, feinherb, umami und den gesamten Gaumen belegend und leicht prickelnd. Grüne Eindrücke aus Aquariumkies und mineralisch-feuchter Beton kommen hervor. Der Nachhall ist dann plötzlich eiskalt, mit Kardamom, Minze und Eukalyptusfrische, die beim Atmen mit offenem Mund einen Kältehauch erzeugen. Sehr lange bleibt der Gaumen und die Zunge belegt, betäubt, bezaubert. Wow.

Für mich ist und bleibt ein gut und ehrlich gemachter Blanco die Krönung der Spirituosenwelt. Soviel Aroma, soviel Spannung, und trotzdem so lieblich, und das ohne Bearbeitung des Destillats. Das bekommt keine andere Kategorie so hin. Das trinke ich echt gern pur, oder aber in Drinks, in denen die Aromatik noch ein bisschen weiter aufblühen kann – zum Beispiel im Tequila Basil Smash. Das Basilikum passt herrlich zur Blütigkeit des Siembra.

Tequila Basil Smash Cocktail


Tequila Basil Smash
Eine Handvoll Basilikumblätter mit Stielen und ½ Zitrone muddeln.
2 oz Tequila blanco
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. In ein Gästeglas voll Eis abseihen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Normalerweise erzähle ich hier noch etwas über die Flasche, das ist hier jedoch recht sinnfrei, die Flasche selbst ist völlig unauffällig, einfach und ohne irgendwelche Details, höchstens der schwarze Kunststoffstopfen könnte Erwähnung finden. Was ich jedoch dringend ansprechen will ist das Rücketikett: Was hier an Information geboten wird ist sensationell und in seiner Konsequenz das spannendste, was ich je auf einem Spirituosenetikett gefunden habe. Mit allen Details der Produktion, von der Ernte (Pflanz- und Erntedatum der Agave, Art der Jima – das ist das Werkzeug, mit dem die Agavenernter die Pflanze ernten) über Röstung der Agave (Kapazität der Öfen! Röstdauer!) und Fermentation (Größe und Art der Tanks! Bezeichnung der Hefe!) bis hin zur Destillation (Aufbau des Brennapparats! Kapazität!), findet der interessierte Tequilafreund alles, was er nur wissen können will. Das ist fantastisch, ein Vorbild für alle Hersteller, und es zeigt, dass man mit einem Rücketikett so unendlich viel mehr anfangen kann als es für dümmliche Marketingfantasien und Hirngespinste eines Illustrators zu verschwenden.

Der Kopf trinkt bei mir einfach mit. Wenn ich spüre und sehe, dass ein Produkt mit Herzblut und Ernsthaftigkeit gemacht wird, verzeihe ich sogar manche Mängel im Geschmack. Hier muss ich natürlich aber nichteinmal das, der Siembra Valles High Proof Tequila Blanco ist ein großartiger Tequila in jeder Beziehung, die man sich nur vorstellen kann.


Bier am Freitag – BrewDog ALD IPA Easy India Pale Ale

Der Discounter Aldi hat immer wieder mal nette Abwechslungsbiere im Programm, keine große Brauerkunst, aber hin und wieder die leichten Pale Lager von Heineken, Estrella oder Asahi oder Weizenbiere aus bayerischer Herkunft. Das sind für mich Biere, die ich zum Essen trinke, oder in der Badewanne, wenn ich nicht groß drüber nachdenken will, was ich da eigentlich im Glas habe. Die Produkte von BrewDog gehören für mich eher in die Kategorie der Art von Bieren, die ich für mich erschmecken und entdecken will, Genussbiere oft genug, Experimentalbiere manchmal sogar. Um so erstaunter ist man, wenn man das BrewDog ALD IPA Easy India Pale Ale im Regal von Aldi sieht – sogar gestaltet in den Discounterfarben und mit einem durchaus witzigen Wortspiel (ich hätte auch fast Aldi PA gelesen) als Namen.

BrewDog ALD IPA Easy India Pale Ale

Man denkt sich, hübsch, wenn man das Bier ins Glas gießt – kristallklar, mit schöner Blume obenauf, gelbgold leuchtend. Die Nase ist dann aber direkt verwundert; das soll ein IPA sein? Keinerlei Aromahopfennoten, keinerlei Frucht, nur eine mäßige Getreidigkeit und ein stark metallischer Ton.

Das Mundgefühl ist dünn, wirklich schon wässrig, ohne jede Textur oder Charakteristik eines Ales, selbst für 4,2% erwarte ich da mehr. Leicht zitronig, das war es schon, ansonsten schmecke ich nur Getreide, Hefe und ein bisschen Malz. Rezenz ist vorhanden, wenn das Bier gut gekühlt wird. Der Abgang ist sehr kurz, zwar durchaus bitter, aber nicht genug, dass ich spontan an IPA denken würde, und dazu dann ohne jeden Charme, sehr metallisch und extrem gelangweilt.

Ich hatte schon reisbasierte Lagerbiere aus Japan und China, die aromatischer waren, als dieses Pseudo-IPA. Sogar wenn man es direkt als „Easy IPA“ deklariert, ist das für mich falsch – dies ist ein leichtes Session Lager. Als solches trinkt es sich in der Tat „easy“ und als Durststiller, aber keinesfalls auch nur ansatzweise als IPA und/oder Genussbier. Wer ist die Zielgruppe? Die, die noch nie ein IPA getrunken haben und herangeführt werden sollen? Da könnte man auch sagen, mit den Kastelruther Spatzen wird man an Mozart herangeführt. Irgendwie ja schon, aber eigentlich nicht. Die, die sich auskennen und ein IPA beim Discounter schnell mitnehmen wollen? Da können sie genauso gut ein Pils der Hausmarke für ein Viertel des Preises mitnehmen, da ist genausoviel IPA drin.

Keine Ahnung, was sich BrewDog mit diesem Bier gedacht hat – einen Gefallen haben sie sich damit nicht getan, finde ich, und mir auch nicht. Das ist mit Abstand eines der langweiligsten Biere, die ich seit langem im Glas hatte.