Schokofondue mit Früchten – Ron Botucal Reserva Exclusiva

Es folgt nun aus gegebenem Anlass eine kleine Lehrstunde in Sachen Markenschutz. Es genügt heutzutage nicht, sich eine Marke schützen zu lassen; man muss sie auch verteidigen, denn schnell kann ein Mitbewerber, der einen ähnlichen Namen verwendet, sich diese ebenfalls schützen lassen. Und dann, wenn der Markeninhaber mit älterem Recht die Frist zum Einspruch verpasst, muss er damit leben, dass seine Marke nicht mehr viel wert ist, weil die Kunden den Unterschied nicht mehr deutlich erkennen.

Ein Beispiel? Im Discounter Aldi Süd kann man, meist relativ nah am Eingang, einen Weinbrand erwerben. Diplomat heißt er, und ist eine seit vielen Jahren geschützte Aldi-Hausmarke. Als nun ein venezuelanischer Rumhersteller in Deutschland sein Produkt anbot, das Ron Diplomático hieß, wurde Aldi hellhörig – der Name ist ähnlich, die Produktkategorie ähnlich.

diplomatweinbrand

Letztlich befürchtete bei Aldi wahrscheinlich niemand, dass Kunden den Aldi-Billigweinbrand mit dem fünfmal so teuren Premium-Rum verwechseln könnten, doch darum geht es, wie erzählt, nicht. Um die eigene Diplomat-Marke zu verteidigen, musste Aldi gegen den Namensvettern vorgehen. Für den Laien hört sich das albern an; doch schnell kann ein dadurch eventuell entstehender Rechtsstreit sehr teuer und langwierig werden.

Das Ergebnis sehen wir hier: Der Rumhersteller aus Venezuela musste klein beigeben, und, obwohl sein Produkt überall auf der Welt als Ron Diplomático bekannt und geschätzt ist, es für den deutschen Markt umbenennen. Darum finden wir die höchste Kategorie von Rum dieses Herstellers im deutschen Spirituosenregal als Ron Botucal Reserva Exclusiva.

botucalreservaexclusiva-flascheEine unglaublich schöne Farbe, ein dunkles orange-braun, fast wie ein Whiskey. Schon in der Nase sticht dann das hervor, was für mich das definierende Kriterium dieses Rums ausmacht – Obst in Hülle und Fülle. Als hätte man einen exotischen Fruchtkorb vor sich: Orangen, Aprikosen und Maracuja. In dieser extremen Form habe ich das noch nie bei einem Rum erlebt. Die Klebstoffnote, die man bei vielen guten Rums findet, ist hier völlig abwesend, nur minimal riecht man den Alkohol.

Im Mund dann mild, aber mit schwach erkennbarem, leichtem Brennen. Vanille, Karamell, Schokolade. Das Obst ist immer noch vorhanden, aber schwächer – die dunkle Schokolade überwiegt nun, eine entsprechend leichte Bitterkeit dann im Abgang. Ich mag so einen trockenen, leicht bitteren Rachengeschmack sehr. Insgesamt ein schon eher süßer Rum, aber nicht so süß und vergleichsweise eindimensional wie ein Vizcaya oder Zacapa. Der Hauptunterschied ist die Fruchtigkeit – für einen Rum finde ich den Geschmack wirklich, wie gesagt, überragend bunt, und der Trumpf ist dann die ganz klar erkennbare, kräftige Bitterschokoladennote. Ehrlich gesagt, ich bin überrascht, wie gut und gleichzeitig vielschichtig dieser Rum ist: Da ist was für jeden Geschmack dabei.

Die Flasche, mit ihrer mattierten Oberfläche und dem sehr edel gestalteten Etikett in Briefmarkenmanier, ist natürlich eine Sensation für sich. Selbst ohne Geschenkdose ein Geschenk, über das sich jeder Rumkenner, aber auch jeder Rumanfänger, sehr freuen wird.

So ein Rum macht sich extrem gut in einem Chocolate Martica, in dem er alle seine Stärken voll ausspielen kann und die anderen Zutaten nach besten Kräften unterstützt.

chocolatemartica-cocktail


Chocolate Martica
1 oz Botucal Reserva Exclusiva
1 oz Brandy (z.B. Carlos I Brandy de Jerez)
1 oz Süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
1/6 oz Kirschlikör
2 Spritzer Schokoladenbitter (z.B. The Bitter Truth Xocolatl Mole Bitters)


Eines muss man dann aber doch ansprechen – woher zumindest ein Großteil der Süße, der Komplexität und des Qualitätsempfinden dieses Rums kommt. Er wird mit Zucker nachträglich gesüßt, und zwar in einem nicht unbeträchtlichen Maße. 29g Zucker pro Flasche, das entspricht etwa 5½ Stück Würfelzucker, ist schon eine Hausnummer, die nur von sehr wenigen anderen Rums übertroffen wird. Es sind wohl auch noch andere Geschmacks- und Aromastoffe enthalten, früher wurde dies vom Hersteller sogar beworben. Leider ist heute nichts davon auf dem Etikett vermerkt.

botucal-sugar-border

Viele Premium-Rums machen das, wenn auch oft nicht ganz so extrem wie der Botucal. Persönlich ziehe ich daraus meine Konsequenzen – und die bestehen hauptsächlich darin, dass die Flasche, aktuell noch halbvoll, nicht mehr ersetzt wird, wenn sie denn dann leer ist. Andere Rums, die ein faszinierendes Geschmackserlebnis auch ohne heimliche Nachsüßung und Kundentäuschung bieten, bekommen dafür eine Chance.

Meine Einstellung zum heimlichen Nachsüßen, und dass ich sie auch offensiv und laut vertrete, hat bereits zu Irritationen geführt – „es kommt doch drauf an, wie es schmeckt, egal, wie es hergestellt wird“ ist dabei das am häufigsten angeführte Gegenargument. Dass so eine Einstellung für Genusstrinker, die sich mit dem, was sie zu sich nehmen, auch auf Produktions- und Vertriebsebene auseinandersetzen, statt blind zu konsumieren, keinerlei Gewicht hat, wird dann nicht mehr wahrgenommen. Man fragt sich, ob diese Leute dann auch Käfighaltungseier, Kinderspielzeug mit Weichmacher und Bleifarbe oder Cornflakes, die nur aus Zucker bestehen, kaufen, oder sich nicht beschweren, wenn sich das teuer bezahlte Restaurantessen als Tütenprodukt herausstellt, oder ob das selektive Wahrnehmung beim Rum ist. Gerade, wer sich als Rumfreund bezeichnet, sollte mehr Interesse an der Art der Herstellung seiner Lieblingsspirituose zeigen.

Der ansonsten von mir hochgeschätzte Spirituosenblogger Arctic Wolf denkt, dass das mit dem Zucker und den Geschmacksstoffen schon OK ist, weil man es angeblich schon immer so gemacht hat, und er den Herstellern nicht vorschreiben will, wie sie ihren Rum zu machen haben. Das mag schon sein, bei kleinen Mengen bin ich sogar geneigt, ihm zuzustimmen (mit dem caveat im folgenden Absatz). Doch wenn fast 5% des Rums in meiner Flasche aus Zucker besteht, und sich der Rum damit hinterlistig ein Geschmacksprofil aneignet, gegen das Produkte ohne Trickserei und das sensorische Wundermittel Zucker konkurrieren müssen, finde ich das schon schal. Man stelle sich vor, Puddingproduzenten in Deutschland müssten Zucker nicht mehr deklarieren, weil Pudding ja schon immer mit Zucker hergestellt wird, und man als Verbraucher das zu akzeptieren hat. Es gibt schon zuviel Produkte mit verstecktem Zuckerzusatz, der nirgends aufgeschlüsselt wird.

Wie ich schon anderweitig sagte: Von mir aus können die Hersteller gern Zucker in den Rum tun, solange sie dann ihre Spirituose nicht mehr „Rum“, sondern „Spirituose auf Rumbasis“ oder ähnlich nennen, wie das Captain Morgan für manche seiner Produkte tut. Eventuell würde es auch schon reichen, wenn die EU endlich ihre eigenen Vorgaben für Rum konsequent durchsetzen würde – die verbietet nämlich den Zuckerzusatz explizit. Daher: Stimmt mit ab für die entsprechende EU-Petition!

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11 Gedanken zu “Schokofondue mit Früchten – Ron Botucal Reserva Exclusiva

  1. Vielen Dank für diesen guten Beitrag zu meinem Lieblings-Rum. Ich hatte schon lange befürchtet, das hier mit Zucker nachträglich geschummelt wird und ich muss sagen, dass meine Enttäuschung sehr groß ist ob der Bestätigung meines Verdachtes. Inzwischen steigt der Preis für mein Lieblings-Boots-Gesöff ja immer mehr in die Höhe und da man ja auch den Gästen gern mal ein Schlückchen des heiligen Skippergebräus serviert, überlege ich mir wirklich mich umzuorientieren. Ich fühle mich tatsächlich betrogen, den Zucker kann ich mir ja auch in jeden anderen Rum kippen, damit er mir so schmeckt.
    Viele Grüße von der Elbe

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Elbskipper, probieren Sie mal den preislich identisch gelagerten Foursquare Port Cask Finish, einen HSE VSOP oder einen Barbancourt 15. Die sind alle wunderbar süß, haben aber keinen Zuckerzusatz, und weisen statt dessen noch einen schönen Charakter auf. Es gibt viele Alternativen, Rumliebhaber müssen nicht auf Rumliköre zurückgreifen, wenn sie mal was süßeres mögen.

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