Selbst mit Pfefferminz ist er kein Prinz – Olando Pfefferminz Likör

Minze gehört zum Cocktail seit es ihn gibt. In einem der allerersten Cocktailrezepte, dem Mint Julep, ist Minze ein grundlegender Bestandteil; im Whiskey Smash definiert Minze den Geschmack klar mit; in vielen anderen Cocktails wird ein Minzblatt als essbare Dekoration eingesetzt. In Deutschland sind wir bis vor wenigen Jahren kaum aktiv mit verschiedenen Minzvarietäten in Kontakt gekommen. Der Hobbykoch und -bartender hatte einen Topf einer meist nur undifferenziert als „Pfefferminze“ bezeichneten Pflanze auf dem Fensterregal – in den USA war die Unterscheidung zwischen beispielsweise Spearmint und Peppermint schon immer ein Thema (und wenn es nur über die entsprechenden Kaugummisorten von Wrigley’s war).

Diese Zeiten sind vorbei – in meinem Gartenmarkt bekomme ich inzwischen, je nach Saison, unterschiedlichste Minzsorten, von der dickblattigen Bernstein-Minze über die marokkanische und japanische Minze bis hin zur klassischen Spearminze, und sogar aromatisierte Sorten, wie Chocolate Mint. Gerade im Sommer ist ein großer Topf selbstgezogener Minze auf dem Balkon für den Freund frischer Zutaten im Cocktail (und das sollten wir alle sein!) unerlässlich, dabei äußerst pflegeleicht und meistens sogar mehrjährig.

Hin und wieder braucht man aber auch den Minzgeschmack in flüssiger Form. Da kommen dann Liköre ins Spiel, wie der Olando Pfefferminz Likör. Olando (nicht Orlando wie der Schauspieler, die Stadt oder der furiose Ritter!) ist eigentlich die Hausmarke des Großmarkts Metro – man bekommt den Likör aber auch in Supermärkten.

Olando Pfefferminz Likör

Eine süßliche Kombination aus Minze und zuckrigem Sirup zeigt geruchlich schon, dass wir hier keinen puren Minzextrakt vor uns haben – das wäre aber auch schwer herzustellen und zu konservieren. Ein Hauch dunklerer Töne, wie von Schokoloade, lässt die Mischung an Schokominzplättchen erinnern. Ein Tick Spülmittelgeruch dämpft die Freude wieder.

Im Mund findet man all diese Eindrücke wieder, für mich persönlich aber in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst der Spüli-Geschmack (ja, ich habe schonmal einen Tropfen Geschirrspülmittel im Mund gehabt, wenn auch nicht absichtlich), dann die Schokoladensüße, schließlich der Minzeindruck. Letzterer kommt sehr künstlich daher, er hat nichts von der Frische eines von der Pflanze geernteten Minzblatts, und auch nichts von der Schärfe eines Pfefferminzkaugummis; es ist eine unnatürliche, seltsam charakterlose Minzigkeit. Wenigstens der mentholige Hauch ist vorhanden.

Die Farbe selbst ebenso: natürlich künstlich. Also künstlich, natürlich. Selbst wenn man Minze auspresst, ist das ätherische Öl nicht so giftgrün. Mit dieser Färbung kommt man genau uns, den Cocktailmixern, entgegen – für den einen oder anderen Minzcocktail benötigt man halt so eine Farbe. Wem es im Gegensatz dazu darauf ankommt, zwar eine starke Minznote, aber nicht diese grelle Farbe im Glas zu haben, kann auf die ebenso erhältlichen weißen Minzliköre zurückgreifen: Das Stichwort ist statt dem deutschen Begriff Minzlikör oft, beachtenswerterweise besonders auch im englischen Bar-Sprachgebrauch, Crème de Menthe.

Für den Miami Cocktail, den ich hier präsentiere, brauche ich aber tatsächlich beides: Geschmack und Farbe. In belanglos-weiß wäre er nur halb so schrill. Doch es ist nicht nur ein Effektcocktail, wie man deswegen meinen könnte, nein, er schmeckt auch wunderbar erfrischend und minzigsüß. Ein Dessertcocktail, den man statt (oder zusammen mit?) kleinen After-Eight-Minztäfelchen servieren kann.

Miami Cocktail


Miami Cocktail
1½ oz Weißer Rum (z.B. Brugal Titanium)
½ oz Olando Pfefferminz
1 Spritzer Zitronensaft


Der Olando-Likör schlägt mit 20% Alkohol zu Buche, die natürlich völlig im Zucker geschmacklich untergehen, und bewegt sich damit am mittleren bis unteren Ende des Alkoholgehalts dieser Likörgattung. Die Inhaltsstoffe weisen darauf hin, dass dieser Likör kein einziges Minzblatt zu Gesicht bekommen hat.

Ich gebe ja gern zu, dass man diese Art Likör selbst bei ausgiebiger Mixertätigkeit eher seltener braucht, doch die lange Haltbarkeit in Verbindung mit dem sehr niedrigen Preis von rund 4€ macht so ein Kunstprodukt dann zu einem einmaligen Einkauf, der nicht sonderlich weh tut. Ich werde mir, wenn (oder eigentlich eher falls) die Flasche des Olando Pfefferminz leer ist, dennoch lieber mal ein weniger künstliches Produkt aussuchen – was ich auch jedem empfehle, der sich nach Pfefferminzlikören umschaut. Ich selbst wäre für Tips für Pfefferminzliköre, egal ob weiß oder grün, die mehr echten, natürlichen Minzgeschmack aufweisen, sehr dankbar.

Von Fischen und Wüstenpflanzen – Hacienda de Chihuahua Sotol Silver

Ich bin ein großer Fan von Aquarien. Ich sehe einem naturnah und klug gestalteten Aquarium mit unterschiedlichen Fisch- und Krustentierarten gern zu. Selbst hatte ich auch mal ein Aquarium, doch gerade bei solchen Installationen sind „gern ansehen“ und „besitzen und pflegen“ zwei sehr unterschiedliche Dinge. Ein Aquarium ist eine einfache Sache, denken sich viele, das legt man einmal an, Fisch rein und fertig. Doch so leicht ist es keineswegs: Die Wasserqualität ist um so schwerer zu halten, je kleiner das Aquarium ist, Algen machen einem das Leben schwer, die Fische müssen wohlausgewählt sein (wer einmal einen Barsch tagelang kleinere Fische verfolgen und anknabbern sehen hat, weiß, wovon ich rede), und wenn man die Pflege nur wenige Tage schleifen lässt, rächt sich das langfristig, oft ohne eine Chance, den Schaden wiedergutzumachen.

https://www.youtube.com/watch?v=aZvmuHuVGlI

Ich persönlich stelle mir daher kein Aquarium mehr in die Wohnung, sondern schaue sie mir in Zoos an; oder auf Youtube, wo es eine unendliche Menge an Profiaquarien in guter Streamingqualität zu bestaunen gibt, und das ganze ohne die Mühe des Wasserwechsels, Filterreinigens und Urlaubsfütterungsvertretungsuchens.

Wie komme ich zu diesem zugegebenermaßen etwas seltsamen Einstiegs in diesen Artikel über den Hacienda de Chihuahua Sotol Silver?

Hacienda de Chihuahua Sotol Silver

Mir sprang beim ersten Verkosten sofort eine Erinnerung in den Kopf, aber ich musste lange in meinem Gedächtnispalast nach dem entsprechenden Wortgegenstück zum Geschmackseindruck suchen, bis ich ihn fand. Das mag jetzt wirklich abstrus klingen – wer aber schonmal ein Aquarium hatte, und das nach einiger Zeit gereinigt hat, kennt diesen seltsamen, fischig-algigen Geruch. Genau so schmeckt dieser Sotol – aquariumig.

Beginnen wir aber am Anfang. Farblich ist er natürlich weit davon entfernt, ein brackiges Süßwasserfischbiotop zu sein, im Gegenteil: Jeder Fisch würde sich in so kristallklarer Umgebung gewiss wohlfühlen. Die Flasche macht sich das zu nutzen und präsentiert den Sotol Silver in seiner ganzen Transparenz. Selbst das aufgeklebte Etikett ist großteils durchsichtig. Eine schöne, konsequente und blickfängerische Präsentation.

Geruchlich tauchen dann erste Assoziationen auf. Sehr pflanzlich, vegetal, aber nicht nach Kräutern. Eher gemüsig, dazu ein Anflug des rauchigen Geruchs, den man von Mezcal kennt, aber sehr zurückgenommen und nicht so aggressiv wie bei diesem Landsmann des Sotol. Eine leichte Alkoholnote ist auch da.

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Im Mund passiert dann genau das, was ich oben ansprach: Feuchtes Kies, Algen, Wasserpflanzen. Mineralisch, etwas steinig und Sellerie. Ein außergewöhnliches Geschmacksbild, gewiss in Ansätzen verwandt mit Tequila und Mezcal, aber doch völlig eigenständig. Insgesamt ist der Hacienda de Chihuahua Sotol Silver recht süß, cremig und angenehm zu trinken, mit nur leichtem Alkoholbrand; im Abgang kommt grüner Pfeffer, eine gewisse Schärfe, die sich aber schnell wieder legt, zum Vorschein, und eine stark an Lakritz erinnernde Bitterwürze.

Nochmal zurück zur Flasche: Ein dekoratives Lederband hält durch eine geschickte Knotenkonstruktion den echten Korken auf der Flasche, man kann es zur Seite schieben um den Korken zu lösen, und danach wieder darauf drücken. Ein Siegel hält das Band an der Seite der Flasche, über den Detailangaben, ebenso auf transparentes Plastik gedruckt: 100% Agavacea del Deserto de Chihuahua, hergestellt in Mexiko. Während für Tequila die blaue Weberagave und für Mezcal die Espadín-Agave benutzt werden, ist es für Sotol also keine Agave, sondern Dasylirion, eine Verwandte des Spargels, einer Wüstenpflanze, die äußerlich aber einer stacheligen Agave ähnelt. Die biologische Klassifikation Agavacea auf dem Etikett ist, wenn ich Wikipedia richtig lese, wohl in den letzten Jahren durch neue Forschung aufgelöst worden.

Ich würde einen Sotol Silver in allen Cocktails nutzen, die nach weißem Tequila verlangen, und könnte mir vorstellen, dass er auch spannend als Gin- oder Vodkaersatz wirkt. Ein sehr aromatisches Beispiel dafür ist der eh schon recht flexible Daisy Cocktail, den man mit allem mixen kann, was die Bar hergibt; und mit Hacienda de Chihuahua Sotol Silver erhält man ein sehr vegetales Wüstengänseblümchen, weswegen ich ihn Desert Daisy getauft habe.

daisy-cocktail


Desert Daisy Cocktail
2 oz Hacienda de Chihuahua Sotol Silver
1 oz Zitronensaft
1 Teelöffel Grenadine
½ Teelöffel Gomme Sirup
Auf Crushed Ice servieren und mit eisgekühltem Sprudel aufgießen


Wer seine Hausbar um einen wirklich sehr besonderen, und zugegebenermaßen etwas seltsamen, auf jeden Fall aber unikalen neuen Hausgeist bereichern will, mit dem man Trinkfreunde und Gäste überraschen kann, sollte einen Sotol in Betracht ziehen, und da es in Europa kaum andere Marken gibt, entsprechend dem Hacienda de Chihuahua Sotol Silver eine Chance geben. Ihn gibt es auch als Reposado (also leicht gereift) und als Añejo (also stärker gereift) – ich werde mir eventuell den älteren Sotol noch holen, denn ich bin sehr interessiert daran, wie Fassreifung sich auf eine derart pflanzliche Spirituose auswirkt. Insbesondere Freunde von Tequila und Mezcal kommen um diese neue Geschmacksvariante der mexikanischen Pflanzendestillation aber eh kaum herum.

Der Kundenfänger im Roggen – Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey

Beam ist so eine seltsame Firma. Einerseits produzieren sie herausragende Small-Batch-Bourbons, die jedem Test ohne Mühe standhalten; andererseits überschwemmen sie den Markt mit minderwertigem White-Label-Sprit, der nur den Wirkungstrinkern mit viel Cola den Hals runterläuft. Wozu gibt es diese Billiglinien in einem Produktportfolio? Für uns Genießer stellt sich diese Frage. Doch die Menge an verkauftem Billigsprit gibt Beam recht: Es sind eben nicht alle Whiskeytrinker automatisch auch Genießer. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf den Rausch aus, und gibt herzlich wenig auf Genuß beim Trinken – knallen muss es, nicht schmecken. Und so versorgt Beam eben beide Gruppen von Trinkern mit Stoff. Ich würde mir wünschen, dass die Effekttrinker zahlenmäßig weniger werden und die Genusstrinker dafür mengenmäßig zulegen könnten; das wird aber ein frommer Wunsch bleiben, denn die Welt ist so wie sie ist. Persönlich freue ich mich dennoch über jeden Whiskeytrinker, den ich zur Hellen Seite der Schnapsmacht bekehren kann.

Es wird vielen wie mir gehen, die sich nicht sicher sind, ob sie ein neues Produkt in dieser Billigproduktlinie wirklich testen wollen – der White-Label-Schatten liegt über allem und schreckte zunächst ab, insbesondere, als früher das Produkt das Beam-bewährte Flaschen- und Etikettendesign mit billigem Blechschraubverschluss nutzte. Beam lernte dazu und das heutige Design ist sehr viel ansprechender. Also dürfen wir mit der Bekehrungsmission direkt bei diesem unerwarteten Kandidaten beginnen: beim Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey kann man als Kenner und Einsteiger in den Roggenwhiskey durchaus einen Blick und Schluck riskieren.

Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey

Farblich ist der Jim Beam Rye relativ blass. Im Glas riecht er wie ein Bourbon – vanillig und mild. Der erste Mundgeschmack ist für mich etwas unangenehm, hefig, zu malzig; das wird schnell abgelöst durch eine angenehme Süße, die am Ende in ein leichtes Brennen übergeht. Von der Würze, die ich mir von einem Rye erwarte, ist nur kaum etwas spürbar. Da muss man wohl der Zielgruppe Eingeständnisse machen, und Würzexperimente passen vielleicht wirklich eher in die Small-Batch-Produktionslinien, bei denen man davon ausgehen kann, dass der Käufer nicht nur möglichst gestreamlinete Produkte verkosten möchte. Nur 51% Roggen in der Mashbill, das absolute Minimum dafür, dass sich dieser Whiskey Rye Whiskey nennen darf, spricht auch dafür.

Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey Glas

Roggenwhiskey-Cocktails sind gerade en vogue. Besonders die amerikanischen Bars entdecken ihren verlorenen Sohn wieder neu, und Rye knabbert ganz gewaltig an der Dominanz des Bourbon als Whiskeyvariante Nummer 1, wenn es um Cocktails geht. Alte Rezepte aus der Zeit vor der Prohibition werden wieder hervorgeholt; neue Rezepte mit den wie Pilze aus dem Boden sprießenden Ryemarken erschaffen. Eines der alten, klassischen Rezepte mit Rye Whiskey, das nun wieder in die Bars Einzug hält, ist das des Ward Eight.

Ward Eight Cocktail


Ward Eight
2 oz Jim Beam Kentucky Straight Rye Whiskey
¾ oz Orangensaft
¾ oz Limettensaft
1 Barlöffel Grenadine
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Es ist keine Altersangabe auf dem Label vorhanden. Man kann daraus in Kombination mit dem Wörtchen „straight“ aber ablesen, dass dieser Rye mindestens 4 Jahre reifen konnte. Was Geschmack angeht und die Art, mit der Beam diesen Whiskey präsentiert, gehe ich davon aus, dass es aber auch nicht viel mehr sein wird als diese 4 gesetzlichen vorgeschriebenen Jahre für einen Straight Whiskey ohne Altersangabe.

Jim Beam Kentucky Straight Rye WhiskeyWer den White Label nie abkonnte, sollte diesem Green / Yellow Label (in alten Abfüllungen war das Etikett gelb, und die Flasche die klassische Beam-Flasche von damals)  trotzdem eine Chance geben. Das ist ein passabler, einfacher Einstieg in die Welt der Rye Whiskeys, preislich durchaus interessant und geschmacklich nicht ganz so wild wie manche andere Ryes. Positiv gesehen als Gebrauchsrye in einer Heimbar, negativ gesehen als Ausstellungsstück dafür, wie unroggig ein Roggenwhiskey sein kann.

Wer aber den vollen Roggengeschmack haben will, muss natürlich zu anderen Sorten greifen, die Beam, wie im Vorwort schon angesprochen, auch anbietet: Ich empfehle als totales Kontrastprogramm den Knob Creek Straight Rye Whiskey.

Beertransparency International untersucht – Köstritzer Kellerbier

Die „neuen alten“ Biersorten kommen in die Gänge. Musste man bis vor ein paar Jahren nach Zwickelbier und anderen Spezialitätenbieren eher mühselig suchen, sind sie nun im Supermarkt angekommen. Das ist ein zweischneidiges Schwert – einerseits ist es natürlich zu begrüßen, dass der geneigte Bierkonsument größere Auswahl nicht nur an Marken, sondern auch an Sorten hat; vielleicht wird der eine oder andere Standardpilstrinker dadurch angeregt, auch mal was anderes auszuprobieren.

Andererseits sind es meistens die großen Industriebrauereien, die ihre einem angenommenen Massengeschmack angepassten Biere in die Supermärkte transportieren, nicht die kleinen Brauereien, die statt auf Massengeschäft lieber auf Qualität schauen. So hält dann der angesprochene Standardpilstrinker halt ein  Kellerbier einer Industriebrauerei in der Hand, das vom typischen Zwickelcharakter praktisch nichts mehr aufweist, was ihn nicht dazu ermutigt, weiter auszuprobieren. Ich habe nichts gegen Industriebier per se – als Alltagsbier und anspruchsloser Durststiller tut es seine Aufgabe billig und gut; solange es nicht vorgibt, es sei ein Produkt für Genießer.

Das Köstritzer Kellerbier ist inwischen in fast allen Märkten, in denen ich unterwegs bin, erhältlich – vielleicht sind meine Vorurteile gegen die plötzliche industrielle Liebe zu den rareren Biersorten, die ich auch schon bei Beck’s Gehversuchen in dieser Richtung geäußert hatte, wenigstens beim Multimillionen umsetzenden Köstritzer fehl am Platze?

Köstritzer Kellerbier

Das ganze beginnt schonmal sehr vielversprechend: Ein überaus üppiger Schaum beim Eingießen erfreut den barttragenden Biertrinker. Leider wars das aber auch schon mit der Glorie: Ein nicht ganz so erfreuender metallischer Geruch, den man öfters von Bockbier oder anderen starken Biersorten kennt, übertönt alles, was an Aromen sonst vorhanden sein könnte.

Passend dazu ist der stark zurückgenommene Geschmack, leicht bitter, leicht malzig, nix ganzes und nix halbes. Ich finde in diesem Bier außer der schönen Schaumkrone nichts Herausstechendes – ein recht langweiliges Gebrauchsbier, als Beilage zum Essen recht brauchbar, für Genießer auf der Suche nach besonderen Biereindrücken dagegen völlig ungeeignet.

Halt, doch, ich finde doch noch was ansprechendes: Die Flasche selbst. Wirklich schönes Design, schwungvoll und ungewöhnlich. Man bekommt in ihr einen halben Liter mit 5.4% Alkohol.

Oft trinke ich die Reste eines Biers in einem Cocktail. Ich liebe Biercocktails, und selbst ein eher unterdurchschnittliches Bier wie das Köstritzer Kellerbier kann als Teamplayer dann doch Stärken zeigen, die es in einer Einzelsportart nicht hätte. Zum Beispiel in einer Caipbeerinha.

Caibeerinha


Caipbeerinha
2 oz Cachaça (z.B. Velho Barreiro Gold)
2 Viertel Limette, 2 Viertel Zitrone, 6 Blätter Minze muddeln
½ oz Agave-Sirup
1 oz Helles, bitteres Bier (z.B. Köstritzer Kellerbier)


Über eins bin ich mir am Ende unschlüssig. Kellerbier oder Zwickel ist eigentlich unfiltriert. Das Köstritzer Kellerbier strahlt in fast perfekt transparentem Glanz. Entweder ich oder der Hersteller verstehen das Konzept des Kellerbiers offensichtlich nicht. Vielleicht ist das Köstritzer aber auch so industriell perfektioniert, dass gar keine große Trübung auftritt, die man ausfiltern müsste – oder besser könnte.

Für mich ist das erneut, wie so oft bei großen Konzernen, letztlich eine Verkaufsmasche, Hauptsache, man kann eine exotische Bezeichnung aufs Etikett schreiben. Schade, dabei hatte ich das Witbier dieses Herstellers über den grünen Klee gelobt. War das ein Ausrutscher? Ich werde irgendwann noch eine dritte Biersorte von Köstritzer verkosten müssen, die dann das Zünglein an der Waage sein wird.

Man genießt den feinen Geist des Weines – Chantré Weinbrand vs Asbach Urbrand

Wer in den späten 80ern aufgewachsen ist, kennt sie, die Werbungssprüche der großen deutschen Weinbrände. Am Geschmack erkennen soll man sie, fein und weich, mit Geist und was besonderes für besondere Gäste und Anlässe. So massiv wurden sie beworben in Fernsehen und Radio, dass der eine oder andere Spruch es über die Jugendkultur in den deutschen Sprachschatz geschafft hat; meist eher parodierend allerdings, und Asbach beispielsweise ist heutzutage gar nicht mehr wirklich glücklich darüber, dass ihr Produktname herablassend synonym für etwas total veraltetes gebraucht wird.

Chantré wechselte den Werbespruch immer wieder mal, doch das „nicht irgendeinen!“ blieb bei mir am meisten hängen. Man fühlt sich direkt in die Zeiten von „Ich heirate eine Familie“, „Diese Drombuschs“ und den großartigen Adventsvierteilern im Fernsehen versetzt, wenn man sich diese Spots anschaut.

https://www.youtube.com/watch?v=ocFSkrGJfvs

Weg mit der Nostalgie, hin zum aktuellen Produkt. Auf Fernsehwerbung müssen die beiden Platzhirsche des deutschen Weinbrands, Asbach und Chantré, inzwischen verzichten. Sie sind aber immer noch sehr präsent in unserem modernen Blickfeld, nämlich an fast allen Supermarktkassen der Republik in kleinen Dosen. Ich habe mir für diesen Vergleichstest dann an eben so einer Edeka-Kasse jeweils einen 100ml-Flachmann von Asbach Urbrand (man beachte die Namensänderung)* und Chantré Weinbrand geholt.

chantreasbachurbrand-vergleich

Der Asbach Urbrand ist zumindest von außen schonmal etwas aufwändiger aufgemacht. Ein schönes, schwungvolles Flaschendesign wirkt gut selbst bei dieser winzigen Größe. Dazu die Plastikkappe, die wohl neben dem Schutz des echten Korkens, einem wahren Luxus bei dieser Flaschengröße, auch als Trinkbecher dienen kann.

Optisch gefällt mir auch der Inhalt, die schöne Schlierenbildung im Glas weiß ich zu schätzen. Ich nehme einen Hauch von Fruchtnote wahr, leicht alkoholisch, insgesamt aber schwach und undefiniert, praktisch kaum riechbar.

Am Gaumen ist der Asbach Urbrand süßlich, zu Beginn sehr weich und cremig, später deutlich brennend auf der Zunge, dann wieder dezenter im Abgang. Geschmacklich ähnlich wie schon in der Nase zurückhaltend fruchtig, etwas schokoladig, ein Touch von Korn. Das Böse kommt zum Schluss: der Weinbrand hinterlässt eine leichte Bittere am Gaumen, und je länger man wartet, um so fuseliger wird er – nach ein paar Minuten ist der Asbach eher unangenehm trocken-bitter, schwefelig, erinnernd an kalten Zigarettenrauch.

Ich fasse zusammen: In der Nase praktisch nichtexistent, im Antrunk sehr angenehm süß, im Abgang fast schon schlimm.

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Der Chantré spart am Äußeren: ein Blechschraubverschluss und ein einfacheres Etikett mit hässlichem Barcode.

Der Geruch: Traubenmost, überreife Ananas, Anis, und eine leicht unangenehme fuselige Note. Keine sehr ansprechende Kombination, da muss ich schon zweimal riechen, um das positive zu erkennen. Der Geschmack dagegen entschädigt für die seltsame Nase: Er schwingt von sehr hell und fruchtig um auf süß, schokoladig, im Abgang trocken, etwas bitter. Im Vergleich zu spanischen Brandys, die geschmacklich ähnlich gelagert sind, hat aber auch der Chantré, wie der Asbach, enttäuschend wenig Körper.

Für den interessanten Geschmack gibt es dann aber wiederum einen Negativausgleich: ein sensationell kurzer Abgang, kaum runtergeschluckt ist der Chantré auch schon aus dem Geschmacksgedächtnis verschwunden. Auch hier verbleibt eine etwas störende bitter-trockene Schwefeligkeit: wie ich vermute ein Kennzeichen der Massenproduktion, das ich auch schon beim Carlos I entdeckt hatte.

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Ich scheue mich davor, einen der beiden für Cocktails zu empfehlen. Ihre körperlose Art bringt nichts für einen Cocktail, in dem dichter Cognac- oder Brandygeschmack gefragt ist, und der Fuselcharakter müsste durch kräftige Mitspieler ausgeglichen werden (die dann aber wiederum den eh schon zurückhaltenden Geschmack völlig übertünchen würden).

Fazit. Eigentlich haben wir hier keinen Gewinner. Der Chantré ist für mich aromatisch etwas vielschichtiger und weicher, aber letztlich enttäuschen beide Produkte. Der Asbach Urbrand hat die klar schönere Verpackung und Farbe, aber der Abgang ist grausig. Der Chantré erlaubt sich keinen ganz so schlimmen Ausrutscher, doch auch keine Eigenschaft, die ihn besonders macht – ein Langweiler vor dem Herrn. Keinen von beiden würde ich einem geschätzten Gast vorsetzen.

Man bekommt, wofür man bezahlt. Zwischen 10€ und 15€ für den Liter bei einem Weinbrand, es ist klar, welche Zielgruppe damit angesprochen wird: Der anspruchslose Effekttrinker, ganz im Gegensatz zu den Werbeversprechen. Auch die Platzierung der kleinen Flaschengrößen an der Supermarktkasse und ihre Flaschenform deutet darauf hin. Ich finde das Angebot dieser kleinen Abfüllmengen grundsätzlich immer gut, man kann dadurch probieren, bevor man die Schnapskatze im Dreiviertellitersack kauft, doch in dem Fall dieser Weinbrände steckt natürlich eine andere Motivation dahinter. Eins muss aber auch gesagt werden: Wir sprechen hier von den absoluten Basisprodukten dieser Hersteller, der niedrigsten Qualitätsstufe. Kein Hersteller bekleckert sich in dieser Qualitätsregion mit Ruhm. Zumindest Asbach hat noch ein paar deutlich attraktivere Weinbrände im Angebot.

Nach diesem etwas enttäuschenden Vergleichstest werde ich mir nun einen erfreulicheren Weinbrand eingießen, um nicht mit negativen Gedanken den Verkostungstag zu beenden. Wie sagt die Werbung doch so schön? Darauf einen Dujardin oder Mariacron, wenn der Tag zur Ruhe kommt!

* Nachtrag 07.01.2016: Ein Leser hat mich darauf hingewiesen, dass der Asbach Urbrand tatsächlich ein vom Asbach Uralt verschiedenes Produkt ist, und es sich nicht um eine Namensänderung handelt. Die Homepage von Asbach bestätigt das: Asbach Urbrand gibt es nur in kleinen Portionsgrößen (0.02l und 0.1l, dazu die „halbe“ Flasche mit 0.35l). Wenn ich die Seite richtig lese, ist der Asbach Urbrand ein einzelner Brand, während der Asbach Uralt ein Blend ist. Was ich über den Geschmack des Urbrands gesagt hatte, lasse ich aber so stehen. Vielleicht bekommt der Uralt noch irgendwann eine Chance; der 15 Jahre gereifte Spezialbrand ganz sicher.

Ein italienischer Traum – Martini & Rossi Martini Rosso Wermut

Der Titel ist etwas klobig, das gebe ich zu. Letztlich ist das aber der korrekte Name eines Getränks, das die allermeisten von uns irgendwoher kennen. Martini Rosso (italienisch für „roter“ Martini) ist der Name des Produkts, Martini & Rossi der Name der Firma, die diesen süßen Wermut seit mehr als 150 Jahren in Turin herstellt. Zusammengesetzt: Martini & Rossi Martini Rosso. Ein moderner Namensdesigner hätte sich vielleicht nicht unbedingt so einen Hirnverschwurbler ausgesucht, aber so ist das halt mit organisch gewachsenen Unternehmen und deren Produkten. Und dann gibt’s ja auch noch einen Cocktail, der auch Martini heißt… was hat der denn nun damit zu tun?

Dem Ursprung des Martini-Cocktails hat Cocktailhistoriker David Wondrich in seinem Buch Imbibe! ein komplettes Anhangkapitel gewidmet. Der „King of the Cocktails“ hat wie kaum ein anderer eine Legendenbildung um Herkunft und Namen erzeugt, und, wie üblich, ist das meiste davon zumindest unwahrscheinlich. Wondrich legt sich selbst nach extensiver historischer Forschung nicht fest; spannend zu lesen sind die möglichen Varianten auf jeden Fall, ich lege dieses Kapitel in Wondrichs Buch jedem Cocktailfreund ans Herz. Man kann nur festhalten: Der Name des Cocktails ist geheimnisumwittert, hat aber definitiv nichts mit dem Wermut zu tun – es ist reiner Zufall, dass der Wermut und der Cocktail gleich heißen.

Ich gieße nun noch ein bisschen Öl ins Feuer: Im Extremfall ist Martini-Wermut, z.B. Martini Extra Dry, hergestellt bei der Firma Martini & Rossi, dann sogar Bestandteil eines Martini-Cocktails. Man muss schon mit beiden Beinen fest in der Spirituosenwelt stehen, um das einem Laien dann noch auf die Schnelle in einer Bar, mit zwei, drei Drinks intus, verständlich erklären zu können.

Martini Rosso

Zurück aber zum roten Wermut. Die Flasche ist klassisch, ikonisch, hat sehr hohen Wiedererkennungswert. Italienisch schwungvoll und mit großer Halsöffnung. Das Logo ist allgegenwärtig in der Barwelt – kaum ein Laden kommt ohne die großartigen, künstlerisch hochwertigen Werbeplakate vergangener Zeiten aus.

Farblich geht der Martini Rosso dann ins braunrot, fast schon bernstein. Eine wirklich ausgesprochen schöne Farbe, mit herrlichen Reflexen. Wie Name und Farbe schon andeuten, gehört der Martini Rosso zur Gruppe der italienischen/roten/süßen Wermuts, im Gegensatz zu den französischen/weißen/trockenen Wermuts. Diese Gruppierungen schließen sich nicht gegenseitig aus, es gibt beispielsweise auch weiße italienische Wermuts, doch letztlich ist das die Sprechweise im Cocktailbetrieb, wenn man eine der beiden Spirituosen meint.

Martini Rosso im Glas

Wenn man die Nase ins Glas hält, riecht man den typischen, unverkennbaren Wermutgeruch, der aus dem Wermutkraut und der (natürlich geheimen) Kräuterkombination entsteht. Es erinnert mich an Sherry, vielleicht auch einen milden Tawny-Porto – die Verwandschaft (alles sind verstärkte Weine) ist also sensorisch erkennbar.

Die Weinbasis ist dann auch beim Verkosten deutlich schmeckbar. Die Ähnlichkeit zum Sherry ist auch hier vorhanden, die Geschmacksfarbe wird aber durch eine deutliche Bittere am Gaumen und die Trockenheit abgeändert – die Kräuter würzen das ganze schließlich auf eine sehr eigene Art. Auch ist eine leichte Säure vorhanden, die der Kräuter-Wein-Mischung eine gewisse Frische gibt. Im Gegensatz zu einem anderen roten italienischen Wermut, dem Carpano Antica Formula, ist der Martini Rosso leichter, fruchtiger, heller.

Der rote Martini ist  einfach so, mit einem Spritzer Zitrone, ein herrliches Getränk: Nicht zu stark, dennoch aromatisch, ein idealer Aperitif. Aber auch der Cocktail The New Fig Leaf lässt den Wermut glänzen. Hier ist Martini Rosso der Hauptbestandteil und wird durch andere Zutaten unterstützt, ein herrlich dichtes Gesamtbild zu erzeugen – Wermut at its best, sozusagen.

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The New Fig Leaf
1½ oz Martini & Rossi Martini Rosso
¾ oz Dunkler Rum (z.B. Ron Mulata 7 Años)
¾ oz Limettensaft
½ oz Zuckersirup
1 Spritzer The Bitter Truth Aromatic Bitters


zubehc3b6rweinpumpeWermut ist eine vergleichsweise verderbliche Spirituose. Idealerweise kauft man sich daher möglichst kleine Flaschen, und bewahrt diese dann im Kühlschrank auf. Wer auf Nummer Sicher gehen will, versiegelt die Flasche sogar mit einer Weinpumpe – allerdings benötigt man eine, die auch mit der großen Flaschenöffnung umgehen kann, die deutlich größer als die einer Standardweinflasche ist.

Martini & Rossi hat natürlich noch andere Wermuts im Angebot. Martini Bianco, und Extra Dry gibt es schon seit längerem; vor einiger Zeit wurden dann noch Sondervarietäten eingeführt, wie Martini d’Oro und Rosato, sowie die Edelvariante des gereiften Gran Lusso. In Kürze (erstes bis zweites Quartal 2016) wird das Portfolio noch um die Sorten Ambrato und Rubino ergänzt. Man sieht, der Wermut ist nicht totzukriegen.

Let’s have a hefeweizen in the beer garden – Sierra Nevada Kellerweis Hefeweizen

Viele beschweren sich immer darüber, dass Anglizismen unseren Sprachgebrauch inzwischen dominieren. Ich will wirklich kein fingerpointing betreiben, aber bei mir im Beruf ist es oft besonders schlimm: Im Endgame liegen die Nerven blank, und selbst tolle Achievements werden dann schnell geskippt, weil der Forecast auch nicht so awesome ist. Bullshit Bingo ist dann der liebste Zeitvertreib während so manchem Meeting.

Manchmal geht es aber auch in die andere Richtung. Neben den Germanismen, die die englische Sprache schon seit langer Zeit aufweist, wie Kindergarten, Gesundheit, Sauerkraut, Poltergeist oder Rucksack, hat sich auch eine urdeutsche Biergattung ins Herz und die Bezeichnung dafür in die Sprache der Amerikaner geschmuggelt: Das leckere Wort Hefeweizen.

Wie man auf dem Etikett des kalifornischen Sierra Nevada Kellerweis Hefeweizen erkennen kann, haben die Amis mit solchen Übernahmen herzlich weniger Probleme als wir, sie mögen solche Wörter, die sie an ihre Ursprünge erinnern (immerhin 50 Millionen Amerikaner können sich auf deutsche Wurzeln berufen) scheinbar sogar so sehr, dass sie das Bier mit einem seltsamen anglizierten Deutsch benennen.

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Auch wenn man sich in exotischen Herstellungsgefilden, was Hefeweizen angeht, wähnt: Die Farbe dieses Biers ist, wie man es von einem Hefeweizen gewohnt ist: ein strahlendes Saftgold. Man hört auch das sehr kräftige Blubbern im Glas.

Die Nase ist schön fruchtig und frisch, leicht blumig und leicht hefig. Ein wirklich ansprechender Anfang – von dieser Aromatik können sich ein Großteil der deutschen Hefeweizen eine Scheibe abschneiden. Im Mund kommt dann die amerikanische Interpretation des Weizen zum Vorschein: eine gute Bittere, kein Wunder bei den hopfenverliebten Amis, und eine knackige Frische. Ein deutlich erkennbarer Touch von Cognac oder Brandy gibt dem Kellerweis eine edle Note. Eine ungewöhnliche, aber sehr gelungenene und spannende Variante des altbekannten Biergartengetränks!

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Die sehr starke und ausdauernde Perlage weiß zu gefallen und ist einem Hefeweizen auch würdig, aber leider ist von Anfang an praktisch kein Schaum auf dem Bier, die herrliche Schaumkrone, die man vom deutschen Hefeweizen kennt, fehlt komplett (mit dem Eingießen von Hefeweizen kenne ich mich aus und schließe eine Fehlbehandlung daher aus).

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Die kleine 330ml-Flasche enthält natürlich nicht genug Bier für ein Standard-Halbliter-Hefeweizenglas, da kommt endlich mal das süße kleine Hacker-Pschorr-Weizenglas, das ich damals aus München mitgebracht hatte, zum Einsatz, das sonst ein tristes Dasein im Glasschrank fristet. Mit 4.8% Alkohol bewegen wir uns im sortentypischen Rahmen.

Erneut enttäuscht Sierra Nevada nicht. Bereits deren IPA, Stout und Barleywine waren Kronen der Bierbraukunst; das Kellerweis gesellt sich dazu. Wäre da nicht die leidige, vom weiten Import getriebene Preisfrage (3,50€ habe ich für das kleine Fläschchen latzen müssen), ich würde es zu meinem Haus- und Hofbier machen. So spare ich mir dieses tolle Bier für besondere Gelegenheiten auf – ich hoffe, es bald mal meiner etwas standardbierseligen Verwandschaft vorsetzen zu können.

Die ganze Karibik in einer Flasche – The Bitter Truth Golden Falernum Spiced Rum Liqueur

Selten findet man eine noch allgemeinere Definition dessen, was ein Getränk ausmacht als bei Falernum: Es ist ein aromatisierter Sirup, usrprünglich stammend aus Barbados. Mehr Einigkeit gibt es erstmal nicht. Es gibt ihn mit und ohne Alkohol, mit den verschiedensten Gewürzen und Zutaten. Seine Farbe schwankt zwischen weiß und gold, er kann aber auch transparent sein. Nicht nur die Form, auch der Ursprung dieses karibischen Gebräus ist vielgestaltig und heutzutage kaum mehr auch nur ansatzweise verlässlich nachvollziehbar. Es ranken sich Legenden, Anekdoten und rationalistische Erklärungsversuche um den Namen, die wahrscheinlich alle falsch sind. Nur eins scheint klar: wie man den Namen ausspricht.

In der modernen Cocktailwelt, vor allem getrieben durch die Tiki-Welle, hat sich eine gemein gebräuchliche Form herauskristallisiert, die aus Rum, Aromaten (Mandeln, Ingwer, Nelken, Limette und andere) und Zucker besteht und eigentlich nun mehr ein Likör als ein Sirup ist. Das Golden Falernum Spiced Rum Liqueur von den Cocktailzutatenexperten von The Bitter Truth ist ein Paradebeispiel dafür, wie diese moderne Version eines Falernums aussieht und schmeckt.

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Ingwer, Nelken, Orangen. Selten hat man ein derart intensives Aroma nach diesen Ingredienzien in der Nase, nachdem man eine Flasche öffnet. Der Duft, der schon vor dem Öffnen leicht erahnbar ist, durchströmt direkt den ganzen Raum. Eine herrliche goldene Farbe glänzt und glitzert dann beim Einschenken, und alle Gerüche übertragen sich tatsächlich dann auch auf den Mund.

Ja, das ganze ist extrem süß, furchtbar süß, das gebe ich zu, doch diese Süße trägt den Ingwer, die Nelken und die Zitrusfrüchte wie eine Sänfte. Man kann das gewiss pur trinken, gekühlt, und Gäste werden überrascht ins Glas schauen, wenn sie das zum Dessert serviert bekommen.

Doch das Haupteinsatzgebiet ist die Mixologie. Ein Cocktail, in dem dieses Falernum die seine nicht zu unterschätzende Kraft zeigt, ist der herrlich körpervolle Port Antonio. Schon der wenzige Schlock einer Viertelunze reicht aus, um den gesamten Cocktail mit geheimnisvollen Gewürznoten und üppiger Süße auszustatten.

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Port Antonio
1 oz Heller Rum (z.B. Hampden Estate Gold Jamaica Rum)
½ oz Dunkler Rum (z.B. Havana Club Añejo 7 Años)
½ oz Limettensaft
½ oz Kaffeelikör (z.B. Kahlúa)
¼ oz The Bitter Truth Golden Falernum


Wie auch bei den anderen „Großflaschen“ von The Bitter Truth (relativ gesehen zu ihren Bitterflaschen mit 200ml oder weniger) erhält man hier ein fantastisches Produkt, das seinesgleichen sucht, und mit einer dezenten, aber wirkungsvollen Präsentation in einer eleganten Halbliterflasche mit üppig designtem Etikett. 18% Alkohol weist das Falernum des Münchner Herstellers auf; die Menge ist ausreichend für eine enorme Anzahl an Cocktails.

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Wer Tiki-Drinks mag, kommt um dieses wunderbare Getränk, was auch immer es sein mag, nicht herum; es featured in gefühlten 90% aller Cocktails der großen Tiki-Cocktailikonen Beachbum Berry, Trader Vic oder Don the Beachcomber und ist damit sozusagen das für Cocktails, was Samuel L. Jackson für Kinofilme ist.

Zapfhahn No. 6 tropft – Schneider Weisse TAP6 „Unser Aventinus“ Weizendoppelbock

Bayern ist in Bezug auf Bier ein erzkonservativer Staat. Innovativen Bierkünstlern wird jeder auch nur ansatzweise erdenkliche Stein in den Weg gelegt, um den Popanz des Reinheitsgebots aufrecht zu erhalten (und ganz nebenbei die bestehende Industriebierproduktion zu schützen). Es ist ein Wunder, dass es dennoch immer wieder neue, kreative Ideen im bajuwarischen Bierbereich gibt, die aus dem engen Spielraum, den das Lebensmittelgesetz bietet, das beste herauszuholen vermögen.

Die bayerische Brauerei Schneider Weisse beispielsweise stellt diverse Interpretationen von Weißbier her. Jede Sorte wird mit dem Begriff „Tap“ und einer Kardinalzahl versehen, eine Anspielung auf eine Abfüllmethode per Zapfhahn (engl. „tap“). Gemeint ist damit natürlich eine Rezeptur – wie man an Jack Daniel’s Old No. 7, George Dickel No. 12 oder auch Chanel N°5 sieht, ist das eine beliebte Vorgehensweise bei rezeptbasierten Produkten. Mit dem Untertitel „Aventinus“ des Schneider Weisse TAP6 „Unser Aventinus“ widmet die Brauerei dieses Spezialitätenweißbier, das offensichtlich dem sechsten Zapfhahn entflossen ist oder, wahrscheinlicher, die sechste Rezeptur im Brauerkatalog darstellt, dem bayrischen Geschichtsschreiber Johannes Aventinus.

Schneider Weisse Tap 06 Aventinus Weizendoppelbock

Nach dem Eingießen in mein schönes Spiegelau-Witbier-Glas freue ich mich normalerweise über das Strahlen der Farbe des Biers. Beim TAP6 gefällt mir ehrlich gesagt die Farbe nicht so sehr – eine etwas undefinierte braune Brühe, es erinnert mich an Colaweizen. Den anfangs vorhandenen Schaum hört man laut zischen, doch sehr schnell ist er vom Bier verschwunden. Die Resthefe aus der Flaschengärung war bei mir schon etwas bröckelig und landete, wie auf dem Foto zu sehen, unten im Glas.

Ein nussig-malziger Geruch mit leichte Hopfennote, minimal blumig, ist ungewohnt für ein Weizen. Kaffee- und Röstaromen erkenne ich, aber bei weitem nicht so stark wie bei einem Stout. Der Antrunk ist blumig, leicht fruchtig. Schnell drängen sich aber die Hauptkomponenten in den Vordergrund: Malzig, süß, cremig, etwas speckig, deutlich rauchig. Mit Verweildauer im Mund kommt eine dezente Bitterkeit, die im Abgang dann immer stärker wird. Etwas holzig, am Ende recht trocken. Im Vergleich zu einem Hefeweizen ist die Malzigkeit stark ausgeprägt. Der Erfrischungseffekt ist ein ähnlicher, der Geschmack ist aber insgesamt nicht so helltönig wie bei einem hellen Hefeweizen.

Bei 8,2% wird das TAP6 als Weizendoppelbock eingestuft. Mit Hallertauer Tradition und Magnum wird gehopft, so dass es 16 IBU erreicht. Abgefüllt sind 500ml in einer Standard-Bierflasche mit konventionell gehaltenem Etikett.

Ein Bier, das experimentierfreudige Biertrinker auf jeden Fall ausprobieren sollten. Doch nach dem Probieren steht zumindest für mich fest: Die anderen Zapfhähne (wie zum Beispiel TAP7, das in meinem Bier-Adventskalender enthalten ist) werden eine Chance bekommen, und Hahn No. 6 wird sich andere Gläser suchen müssen als meins.