Der Don und der Stier – Die Medium Golden Sherrys von Sandeman und Osborne im Vergleich

Man hat das Bild im Kopf: Ein Butler auf Downton Abbey reicht dem Earl ein winziges Gläschen mit Sherry als Aperitif, bevor er den Gong zum Abendessen schlägt. Das ist in etwa das Image, das Sherry aktuell in Deutschland hat: Ein Relikt aus der Vergangenheit, mit dem die Jugendkultur nichts anfangen kann. Wie immer ist mein Bildungsauftrag als Schnapsblogger hier gefragt, denn wer Sherry nicht kennt, hat klar eine Bildungs- und Geschmackslücke, die es dringend auszufüllen gilt. Warum nicht mit einem einfachen Einsteigerprodukt anfangen, etwas süßlich-weichem, wie einem Golden Medium Sweet Sherry?

sherryvergleich-flascheEin Medium Sherry ist ein Mitglied der Sherry-Untergruppe der Vinos Generosos de Licor, also leicht gesüßter Sherrys, die zur Süßung mit anderen Weinen oder Mosten verschnitten werden. Zwei Exemplare aus dieser Gruppe habe ich mir herausgesucht, die beide leicht in Supermärkten zu erschwinglichen Preisen (um die 5€) erhältlich sind, oft eine Voraussetzung dafür, dass man sich überhaupt erstmal an etwas neues wagt. Auf der einen Seite haben wir also den Sandeman Medium Sweet Golden Sherry, und auf der anderen den Osborne Sherry Medium Golden.

Beide Etiketten sind über weltbekannte, traditionsreiche Silhoutten gekennzeichnet: Osbornes wilder Stier, der den Betrachter herausfordernd anschaut, und Sandemans geheimnisvoller Caballero, mit breitkrempigem Hut und weitem Mantel, der ein Glas Sherry prüfend vor die Nase hält.  Die Flasche von Sandeman weist einen Korken mit Plastikschrauber auf, die von Osborne einen Aluschraubverschluss. Insgesamt schenken die beiden Flaschenpräsentationen sich erstmal nichts, Osborne wirkt etwas lebhafter, Sandeman etwas edler.

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Zur Trinktemperatur: Osborne empfiehlt Raumtemperatur, Sandeman Kühlschranktemperatur, sogar Eis. Ich persönlich ziehe, wie bei den meisten Spirituosen, die ich pur trinke, Osbornes Handhabung vor – kalte Spirituosen sperren die Aromen ein.

Farblich unterscheiden sich die zwei Sherrykonkurrenten praktisch nicht. Sandemans Sherry riecht weinig, traubig, etwas herber, Osbornes Produkt dafür fruchtiger, dunkler, mit Anklängen von Whiskeyfasseiche.

Sandeman kommt mir geschmacklich heller und süß vor, mit einem bitteren Nachklang und leicht adstringierender Säure am Gaumen – feiner als sein Konkurrent. Osborne hat meines Erachtens dafür etwas weniger Alkoholnoten, ist fruchtiger mit weniger Bitterkeit und Säure, und von der Konsistenz etwas dicker, dafür etwas spannungsarm. Osborne gewinnt den Geschmackscontest nur im Fotofinish.

sherryvergleich-glasIch habe mir zwei Cocktails gemischt, von unterschiedlicher Natur, um zu prüfen, inwieweit die nur geringen sensorischen Unterschiede zwischen diesen beiden Medium Golden Sherrys sich auch als Cocktailzutat ähnlich ausdrücken. Beginnen wir mit einem Cocktail, der der dunklen Fruchtigkeit des Osborne Medium Golden Sherry sehr entgegenkommt, dem Butchertown Cocktail.

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Butchertown Cocktail
2 oz Rye (z.B. Knob Creek Straight Rye Whiskey)
¾ oz Sherry (z.B. Osborne Golden Medium)
¼ oz Cointreau
2 Spritzer Orange Bitters


Der etwas aggressive Rye Whiskey wird durch den süßen Sherry abgefedert und eingependelt, und ein schönes, samtiges Gesamtmundgefühl entsteht. Ein toller Cocktail, und der Osborne ist wunderbar darin.

Für den Sandeman habe ich mir eine leichtere Rezeptur ausgesucht, passend zum Traubenaroma dieses Sherrys, nämlich einen 30er-Jahre-Drink aus Ted Haighs Cocktailbuch, den Barbara West.

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Barbara West
2 oz Gin (z.B. Bombay Sapphire)
1 oz Sherry (z.B. Sandeman Medium Golden)
½ oz Limettensaft
1 Spritzer Angostura


Die Kombination des weinartigen Dufts des Sandeman mit dem klaren Kräutercharakter des Gin ist sehr ansprechend; in so einer Mischung ist Sandeman ein perfekter Kompagnon für die restlichen Zutaten.

Um zurückzukommen auf den Sherry-trinkenden Earl in Downton Abbey: Sicherlich hat er etwas anderes getrunken als einen Medium. Diese Produkte sind von einfacher Art ohne große Rafinesse und eines Adeligen nicht würdig. Doch ich hoffe, mit diesem Vergleich dem einen oder anderen einen Anstoß gegeben zu haben, sich auch mal diese aktuell sehr vernachlässigte Spirituose anzuschauen; und wenn er oder sie dann vielleicht sogar mal zu einem feineren Oloroso, Amontillado oder Fino greift, wäre die Aufgabe für mich erfüllt.

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6 Gedanken zu “Der Don und der Stier – Die Medium Golden Sherrys von Sandeman und Osborne im Vergleich

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