In Botucal-Rum getränkte Holzchips. Geröstete Kokosflocken. Vanille. Das allein klingt schon wie das Rezept zu etwas, was ich dringend probieren will, sei es eine südamerikanische Süßspeise, ein philippinisches Heißgetränk – oder eben ein saarländisches Bier. Die Experimentierfreude der Heimbrauer von Saartans Bräu kennt keine Grenzen, und so freue ich mich besonders, dass ich ihre Produkte probieren darf, hier das Saartans Bräu Max Imperial. Kleine Mengen, garantiert hausgemacht, und, wie ich schon in meiner Besprechung des Dolores aus derselben Quelle sagte, mit erkennbarer Leidenschaft konzipiert und durchgeführt – auf manche Dinge darf man ruhig sehr stolz sein, ohne zuviel vorweg nehmen zu wollen.
Die dunkelbraune Standardflasche enthält eine noch viel dunklere Flüssigkeit – schwarz wie ein Tintentopf steht das Bier nach dem Eingießen im Glas. Während des Eingießens konnte man bei leichter Glasdrehung sehen, wie sich ein brauner Film auf das Glas legt. Natürlich ist es am Ende völlig blickdicht. Ein minimaler Anflug von beiger Crema liegt zunächst auf dem Bier, das verschwindet aber direkt und lässt nur eine schmale Reihe von Bierbläschen zurück. Leichte Flocken (Hefereste?) schwimmen oben.
Geruchlich erinnert das Max Imperial etwas an Kaffeepulver, das schon eine Weile oxidiert ist. Neben dem Kaffe entdecke ich schnell würzige Röstaromen, eine Mischung aus Röstmalz und in der Pfanne angewärmte Pinienkerne. Leichte Töne von Melasse und Pflaumenmus. Passend zum optischen Erscheinungsbild fühlt es sich in der Nase süßlich schwer an, aber ein Anflug von Zitrone ist da bereits da.
Manchmal weiß man schon, wie ein Bier nach der Geruchsprobe schmecken wird. Hier hat man im Mund auch alles, was die Nase schon zuvor gefunden hatte – direkt vom Antrunk an sehr würzige Röstigkeit, Kaffeepulver, sehr dunkle Frucht wie getrocknete Pflaumen, Datteln oder alte Rosinen; Radicchio und Artischocken mit ihrem bitteren Gemüseton. Dass das ganze nicht stumpf und schwer wird ist einer knackig-sauren Frische zu verdanken, mit leichtem ätherischem Öl wie aus Orangenschalen. Die Textur ist voll und rund, aber gar nicht so schwer, wie man es vermuten würde, eine schöne Rezenz sorgt für viel Kribbeln auf Zunge und Gaumen. Die 11% Alkoholgehalt des Max Imperial sind durchaus stiltypisch, das muss man aber auch vertragen können.
Natürlich muss man die Bittere erwähnen, bei einem Imperial Stout ist das die Basis von allem, und hier haben sich die Brauer echt aus dem Fenster gelehnt – 50 IBU sind es, ich hätte sensorisch das doppelte vermutet. So richtig vom Gefühl und Aroma her wie ein kräftiger Radicchio. Die Zunge und der Gaumen werden anästhesiert, die Bittere klingt noch wirklich lange nach und hinterlässt einen über Minuten bleibenden Geschmacks- und Gefühlseindruck im gesamten Geschmacksapparat. Kaffeepulver, mit dem alles angefangen hatte, klingt am Ende noch nach – der Bogen schließt sich über ein tolles Bier.
Ein solches Bier trinkt man langsam, bei fast schon Zimmertemperatur, wo es sich komplett entfalten kann. Ich hatte eine halbe Stunde viel Vergnügen damit, an einem regnerischen Tag auf der Couch. Wenn die zwei Saartans wieder etwas brauen, hoffe ich ehrlich, wieder was davon abzubekommen – die verstehen einfach ihr Handwerk.
Was ist japanischer Whisky? Für den Laien mag es erstmal keine ernsthafte Frage sein, da hat man eine Flasche, auf der japanische Schriftzeichen abgebildet sind, ein exotischer Name, klar, das ist japanischer Whisky. Der etwas Skeptischere schaut noch darauf, wo der Whisky abgefüllt wurde, sieht, irgendwo in Japan, nun, dann sollte ja alles klar sein. Doch hier liegt der Hase im Pfeffer – um wirklich als „japanischer Whisky“ gelten zu dürfen, muss er auch komplett in Japan hergestellt worden sein. Und das, so verrückt es klingt, ist bei weitem nicht bei allen Produkten der Fall, die in obige Kriterien passen. Das folgende Schaubild soll zeigen, dass auch in Japan allerlei Schummriges passierte, was Whisky angeht, bevor eine am 1. April 2021 erfolgte Änderung des Herstellerverbands in Japan dies auch wirklich kodifizierte. Details sind hier etwas schwer zu erkennen, die Originalgröße (und eine auf einen neueren Stand gebrachte, noch größere Version) kann bei nomunication.jp direkt angeschaut werden.
Nun nehme ich den hier vorliegenden Suntory Whisky Toki einfach mal als Beispiel, um zu prüfen, ob es echter japanischer Whisky ist, oder „faux“, wie die Ersteller des Schaubilds diese Pseudojapaner nennen. Dazu schauen wir auf die Blendteile – der Toki besteht aus Anteilen von Hakushu Single Malt, Chita Single Grain und Yamazaki Single Malt. Alle drei sind in obigem Schaubild weiß markiert und damit ist das Ergebnis positiv – der Toki ist ein echter Japaner. Es gibt keine genau Angabe der Mischungsverhältnisse, oder des Alters der einzelnen Blendbestandteile, man muss davon ausgehen, dass es eher jüngere Whiskys sind, die hier aufgehen. Was ja nicht per se schlecht ist, Alter ist nicht alles. Probieren wir einfach mal, ob das Ergebnis zu gefallen weiß.
Über das Alter ist erstmal, wie gesagt, nichts auf dem Etikett zu finden, und auch die Flüssigkeit selbst deutet auf ein junges Alter hin. Zumindest scheinen wir, wenn überhaupt, nur dezente Färbung vorzufinden – das helle Gelbgold des Toki wirkt jedenfalls natürlich. Man sieht kaum Viskosität beim Schwenken im Glas, doch der dennoch vorhandene Beinrand ist sehr hübsch anzusehen.
Die Nase hat etwas von Sake, das sage ich jetzt nicht aus dem banalen Grund, weil Sake auch aus Japan kommt – mir ist diese Aromatik nur gerade sehr präsent, weil ich mich zum Verfassungszeitpunkt gerade sehr mit dem japanischen Reisbier beschäftige und mir es auffiel. Korn, eine leichte Medizinalität, süßer Kompost. Vorsichtige Frucht, reife Banane und roter Apfel hauptsächlich, etwas Birne, das ist letztlich genau das, was ich als „Sake-ähnlich“ meinte.
Im Mund sind diese Assoziationen dann eher fremd – der Toki hat klare Würze, deutliche Zitronenschale, diesbezüglicher zitrusätherischer als Scotch. Vom Mundgefühl wirkt er leicht, etwas bitter, herb und trocken, auch wenn der Antrunk noch milde Süße aufweist. Auch hier findet sich eine medizinale Komponente, starke Astringenz auf der Zunge, etwas, was ich unter anderem den mittelmäßig eingebundenen 43% Alkoholgehalt zuschreibe. Dabei bleibt der Toki doch einigermaßen rund und breit, hat Kraft und Charakter.
Der Abgang klingt dann wieder etwas fruchtiger, Mango vielleicht. Insgesamt ist er mittellang, eher effektvoll denn aromatisch, mit einem metallischen Nachhall, und einem warmen, sehr hauchigen Gefühl beim Atmen. Bittere Zitronenschale arbeitet lange nach.
Für den Sloane Square empfiehlt die Erfinderin einen Single Malt – das ist für mich persönlich, der die Rezepte gern möglichst generisch hält, schon etwas überdefiniert. Nicht deswegen habe ich den Toki hier eingesetzt, aber zumindest auch: um zu zeigen, dass ein Blend einem Single Malt gerade in Mixed Drinks in nichts nachsteht. Für mich ist japanischer Whisky dem schottischen darüberhinaus so ähnlich, dass ich ohne Gewissensbisse Scotch Whisky als Zutat hinschreibe.
Sloane Square 2 oz Scotch Whisky ¾ oz Tequila reposado ⅔ oz Bénédictine 2 Spritzer Orange Bitters Auf Eis rühren.
[Rezept nach Paige McCune]
Ich mag die quadrige Flaschenform, das hebt sich vom Rest der runden Flaschen in der Heimbar ab. Auch das Etikett ist schön understated, mir liegt ein so zurückhaltender Stil mehr als die plumpe Anbiederei vieler anderer Spirituosen. Bezüglich des Preisleistungsverhältnisses – nun, das ist etwas, was jeder für sich entscheiden muss. Rund 30€ sind jedenfalls keine Summe, über die man sich wirklich groß Gedanken machen muss, wenn man die Qualität berücksichtigt, und das Herkunftsland – bei vielen anderen Spirituosenkategorien würde ich jedoch sagen, dass man an der Obergrenze dessen schwimmt, was ich noch akzeptieren kann für das Gebotene. Ich werde erstmal lieber noch andere japanische Whiskyblends ausprobieren, bevor der Toki eine zweite Chance in meiner Heimbar bekommt.
Entweder habe ich das in den 2010er Jahren komplett übersehen, oder es gab sie kaum – Bierflaschen mit größerem Fassungsvermögen als die üblichen Drittel- oder Halbliter. Heute finde ich sie oft, und greife da auch gern zu, bei belgischem Bier (wo sie noch deutlich häufiger sind) wie bei deutschem Bier aus Qualitätsbrauereien. Die Dreiviertelliterflasche des „World’s Best Brut Beer“ (so zumindest die Meinung der Juroren bei den World Beer Awards 2018) passt da gut in mein neues Beuteschema: Das Rügener Insel-Brauerei Quadriga Bière Brut hat darüber hinaus noch den zusätzlichen Reiz, dass es nicht überall leicht erhältlich und schon dadurch etwas Besonderes ist. Optisch ist es gerade die Größe, die sich in Kombination mit der Papierverkleidung über die gesamte Flasche sehr beeindruckend macht; Sektkorken und Drahtkorb komplettieren das natürlich in bester Weise.
Nachdem ich eben jenen Korken mit einem Korkenzieher gezogen habe (ihn herauszuploppen wie bei einer Sektflasche war nicht möglich), fließt das Bier schwer schwappend ins Glas. Eine leuchtend sonnenblumengelbe Farbe zeigt sich hier, mit starker Trübung, die selbst bei Gegenlicht standhält. An der Glaswand erkennt man dennoch eine sehr starke, schnelle Perlage (gar nicht unüblich für flaschengereifte Biere), die eine ausdauernd beständige, sehr feinblasige Blume speist. Optisch schonmal ein echter Knaller. Die Nase weiß ebenso zu gefallen – ein süßlich-milde Mischung aus tropischen Früchten, grüner Banane, dunkler Pflaume, etwas heller, frischer Orangenzeste, einer leichten Rostigkeit, mit insgesamt einem Marmeladencharakter. Nicht aggressiv drängend, nicht still und leise, das Quadriga findet genau den angenehmen Mittelweg.
Auf der Zunge prickelt das Bière Brut beim Antrunk, es wirkt ausgesprochen frisch und frech zu Beginn. Eine wirksame Säure, die allerdings nicht wie bei einem Sauerbier den Charakter vollständig beherrscht, ist präsent und lässt direkt aufhorchen. Verjus oder milder Weinessig kommt als erster Geschmackseindruck vor, gefolgt von frischer Frucht, Aprikose, Apfel, Pfirsich, alle in eher unreifem Zustand. In der Folge ensteht unter der ganzen Knackigkeit eine feine Süße, die die ganze Säure etwas auffängt. Subtile Würzigkeit mit einem Anflug von Kümmel. Die Textur ist fantastisch ausgewogen, voll, rund, dabei aber immer frisch und höchst rezent.
Gegen Ende bildet sich eine edle Herbe aus, voll integriert in die anderen Eindrücke, die im Abgang sogar eine Trockenheit erzeugt, die an Sekt erinnert. Hier wabert das Quadriga beständig zwischen all dem Geschilderten hin und her, eine Komplexität, die ein besonderes Bier ausmacht. Der Nachhall ist lang, leicht salzig, sehr blumig und hinterlässt ein angenehmes Mundgefühl – und einiges an nicht unangenehmem Aufstoßpotenzial. Die 10,5% Alkoholgehalt darf man dabei gerade mittags in der Sonne nicht unterschätzen.
Das ist ein Festtagsbier, ich habe es zu Mittag an Fronleichnam 2021 geöffnet und über den ganzen Tag verteilt langsam genossen, dazu eine Rocky Patel Vintage 1990 Junior geraucht. Es wurde mir nie langweilig und durch die langsame Erwärmung und Entkarbonisierung über den Tag hat sich noch ein gelungener Spannungsbogen gezeigt, der das Erlebnis noch verbessert hat. Das ist das QuadrigaBière Brut von der Rügener Insel-Brauerei – ein Erlebnisbier. Natürlich kommt zum Eventcharakter noch dazu, dass ich das Bier komplett unerwartet von zwei sehr geschätzten Freunden erhalten habe – ich danke Kristin und Christopher sehr, dass sie mir das ermöglicht haben und bei ihrem Rügenausflug an mich gedacht haben. Ich werde mich irgendwie irgendwann irgendwo revanchieren, wenn wir die nächste Zigarre zusammen rauchen!
Das Verwenden von Pflanzen zur Heilung des geschundenen Körpers ist eine weltweit uralte Praxis – wir brauchen da gar keine anthropologische Kulturanalyse erstellen und darüber diskutieren, ob die alten Griechen oder die alten Chinesen die ersten waren, die sich mit Pflanzenheilkunde auseinandersetzten: schon Tiere essen, wenn das Bäuchlein grummelt, bestimmte Pflanzen. Manche Vögel nutzen antibakterielle Kräuter, um ihr Nest damit auszustopfen, Ameisen bekämpfen Pilzparasiten in ihren Körpern mit hochgiftigen Stoffen, Elefantenmütter erleichtern ihre Geburtswehen durch das Kauen bestimmter Baumblätter, die Hauskatze kotzt viel entspannter, wenn sie Gras frisst. Wir stehen also in bester Tradition, wenn wir mithilfe pflanzlicher Medikamente unsere chronische Wohlstandsverstopfung klären.
Der zivilisierte Homeofficearbeiter will im Gegensatz zum tumben Tier dazu aber natürlich nicht in den Wald gehen und Bäumen ihre Rinde abnagen. Idealerweise wird die meist bittere Arzenei in praktischer und sogar wohlschmeckender Form verabreicht, so dass es Spaß macht, sich um die eigene Gesundheit quasi im Vorübergehen zu kümmern. Und wenn dann noch der Hauptbestandteil hochprozentiger Schnaps ist, wie beim Zhuyeqing Jiu 10 (竹叶青酒10), so sage ich ganz ohne ironisch das Gesicht zu verziehen beim abendlichen Medikamentieren: Zum Wohle! 10 Jahre alter Leichtaroma-Baijiu wird 3 Wochen mit Bambusblättern und einem Dutzend Kräutern, die sonst in der traditionellen chinesischen Medizin Einsatz finden, infundiert. Er wird dann noch mit einer Süßung von 65g/L Rohrzucker versehen, um ihn geschmeidig zu machen. Ich gieße mir jetzt einfach eine erste Dosis ein, um die Therapie zu beginnen.
Die Farbe der Flüssigkeit wirkt schonmal etwas medizinisch – ein kristallklares Grüngelb, das mich zumindest an französische Kräuterliköre oder Absinthe erinnert. Der Zhuyeqing Jiu bewegt sich auch etwas schwerer im Glas, als man das vom typischen Leichtaromabaijiu gewohnt ist, natürlich spielt der Zucker hier auch etwas mit. Das Glaswandverhalten ist unauffällig, es bilden sich Beine, die sehr schnell aber wieder verschwunden sind und kleinen Tröpfchen Platz machen, die wiederum eine Weile stehen bleiben.
Der Geruch ist direkt faszinierend. Ich weiß zunächst gar nicht, in welche Richtung ich schnuppern soll. Der Basisgeruch ist sicher der typische eines Leichtaroma-Baijius, getreidig, nach gedünsteter Hirse, grasig und grün. Darüber liegt aber eine bunte Mischung aus kräuterigen und grasigwürzigen Aromen, Liebstöckel allem voran, Koriander und Petersilie. Fenchelsamen sind deutlich erkennbar, und eine leichte Nussigkeit. Ich weiß leider nicht, wie Bambus genau riecht, das muss ich nachholen, ich nehme aber an, dass dessen Aroma die obigen irgendwie ausmacht. In der Kopfnote liegt etwas Bergamotte, die fast schon in Spülmittel übergeht. Insgesamt ein sehr vielschichtiges Set an Eindrücken, so hätte ich das nicht erwartet, mir gefällt es sehr.
Der Antrunk beginnt süß, der zugesetzte Zucker wird spürbar, ein schön weiches Mundgefühl mit voller Textur bildet sich. Die Kräuteraromen blühen dann auf, tatsächlich aber zunächst die, die wir im Westen wahrscheinlich eher zum Kochen in einer Brühe einsetzen würden. Ich habe es teils schon erwähnt – Liebstöckel und Koriander, Ingwer kommt dazu und gibt neben seinem Geschmack auch etwas Schärfe. Cola und etwas tropische Frucht meint man hier noch zu finden, auch die Bergamotte meldet sich. Eukalyptus und andere grün wirkende Komponenten kann man erahnen, ein insgesamt wirklich komplexes Bild, unterstützt vom sich zwar zurückhaltenden, aber aromatisch schon vorhandenen getreidelastigen Baijiu.
Im Abgang entsteht sogar eine schöne, kandiszuckerbefeuerte aromatische Würze, die sich schnell in Wärme umwandelt und unkompliziert den Rachen hinunterläuft. Insgesamt wirkt das kurz, eine leicht lakritzige und auch hier gartenkräutergesteuerte Hustenbonbonnote klingt noch etwas am Gaumen nach. Der Zhuyeqing Jiu fühlt sich sehr trinkbar und genehm an, gerade die, die schon etwas Baijiuaromen entdecken, aber sich dem harten nordchinesischen Brand nicht ungeschützt aussetzen wollen, finden hier einen gut gemachten und gefälligen Einstieg, insbesondere, wenn man Kräuterliköre mag.
Im Originalrezept des Sleeping Lotus wird als Hauptspirituose Dry Gin eingesetzt. Das auszutauschen gegen den Bambusbaijiu ist ein leichtes – der Unterschied ist dann aber doch groß genug, um mich dazu zu bringen, den Namen des Drinks zu wechseln. Der Sleeping Bamboo wirkt natürlich etwas weicher und süßer als seine Inspirationsquelle mit Gin (darum habe ich auch die Mengen für Orgeat und Zitronensaft getauscht), aber nicht weniger unterhaltsam und hat durchaus mehr Exotik, selbst für einen Tiki-Drink! Ich merke immer mehr, Baijiu und Tiki, das geht echt gut zusammen.
Sleeping Bamboo 2 oz / 60ml Zhuyeqing Jiu 10
1 oz / 30ml Orgeat
¾ oz / 25ml Zitronensaft
2 Spritzer Orange Bitters
10 Minzblätter
Auf Eis shaken. Mit crushed ice servieren.
[Rezept basiert auf dem Sleeping Lotus von Sierra Kirk]
Bei der Verpackung schlägt der Hersteller voll in die Opulenzschiene – das ist auf den ersten Blick beeindruckend, auf den zweiten Blick allerdings schon sehr kitschig, ehrlich gesagt. Wie bei vielen Produkten dieser Präsentationsart wirkt die Keramikflasche mit Plastikausgießer und dem plastikgoldenen Schraubverschluss nur auf die Ferne betrachtet edel, dahinter bröckelt der Charme schnell. Immerhin ist der üppige Geschenkkarton wirklich sehr stabil, innen ausgelegt mit goldenem Samt; diese Details sorgen dann am Ende in toto doch für einiges an Geschenkpotenzial.
Um den Bogen auf die Einleitung zurückzuschlagen – natürlich ist dieser Kräuterschnaps keine Hilfe, um die eigene Gesundheit zu pflegen, sondern ein ebenso uralter Marketingtrick, wie bei allen hochprozentigen Kräuterkonkoktionen, die angeblich das Leben verlängern, bei denen letzlich aber der schädliche Effekt des Alkohols alle Mühe der gesundheitlich eventuell tatsächlich sehr wirksamen Pflanzenwirkstoffe zunichte macht. Darum weise ich hier nochmal gesondert darauf hin: Zu Risiken und Nebenwirkungen einer ausgedehnten Therapie mit derartigen Produkten frage man bitte nicht Schnapsblogger, sondern den Arzt oder Apotheker.
Französische Supermärkte haben oft eine schöne Auswahl an Basis-Rums des französischen Stils, da muss ich mich oft bremsen, nicht allerlei Zeug in den Warenkorb zu legen. Einmal ging das schief, ich griff zu der prominent platzierten Flasche des Dillon Punch Planteur, einfach um mal zu wissen, wie sich so ein Premix-Cocktail aus dem Hause eines der größten Agricole-Produzenten der Insel Martinique so schlägt. Die Rumbasis besteht zu 86% aus ungereiftem und zu 10% aus gereiftem Rhum Agricole, was am Ende zu 18% Alkoholgehalt im Endprodukt führt; neben Orangen- und Zitronensaft sind noch diverse E-Zusatzstoffe enthalten, man sieht, man geht hier eher in die industrielle Richtung als in ein wirklich handwerklich wertvolles Getränk. Unabhängig davon – probieren wir es!
Hat man es in ein Glas mit Eis gegeben, ist die Nase völlig neutralisiert, kein Scherz, man riecht praktisch nichts. Darum gehe ich direkt über zum Geschmack. Das Mischgetränk ist pappsüß, mit viel Orangenaroma, etwas Zimt und Vanille scheinen durch, und natürlich die Agricole-Basis, die durchaus grasigen und malzigen Charakter mitbringt. Insgesamt war es das aber auch schon, da ist nicht viel an Spannung oder Komplexität – naja, was will man erwarten, es bleibt oberflächlich und schmeckt auch etwas künstlich.
An einem heißen Tag trinkt sich das, eisgekühlt und mit einer Orangenspalte mit im Glas, allerdings zugegebenermaßen schon süffig und angenehm, wenn man zu faul oder unfähig ist, sich einen echten hausgemachten Planter’s Punch zu mischen. Mehr aber auch nicht, und ich werde mich auch nicht wirklich strecken, um weitere Flaschen oder Varianten dieser Produktreihe von Dillon zu organisieren. Da lege ich mir zukünftig lieber noch eine Flasche des hauseigenen sehr vernünftigen weißen Agricoles, oder des wirklich guten und mit einem grandiosen Preisleistungsverhältnis ausgestatteten Dillon X.O. 7 Ans, in den Einkaufswagen. Oder aber den in jeder Beziehung besseren On Ti Dousè.
Blind zu verkosten (also zu probieren, ohne zu wissen, was man im Glas hat) ist ein zweischneidiges Schwert. Es gehört mit zum Handwerk des Kenners, sicherlich, denn hier allein zeigt sich, ohne jede Beeinflussung durch bewusste oder unbewusste Faktoren, was das Produkt am Ende abliefert. Auf der anderen Seite sind mir persönlich Produktionsfaktoren extrem wichtig, die sich nicht immer automatisch im Geschmack äußern – als Beispiel nenne ich mal Biofleisch oder Fairtrade-Kaffee, bei denen es außerhalb des Sensorischen qualitätsbestimmende Merkmale gibt. Ich habe in schmerzhafter Weise in vielen Bereichen gelernt, dass persönlich wahrgenommener „guter Geschmack“ nicht mit Qualität gleichzusetzen ist. Und umgekehrt. Marken, die man mag, können schlechter abschneiden als die, die man hasst, und hin und wieder kommt man in moralische Zwickmühlen, die es aufzulösen gilt, wenn man es ernst mit sich selbst und der Spirituosenwelt meint.
Ein für mich verwirrender Effekt war darum, als ich Anfang des Jahres bei einem umfangreichen Kaffeelikör-Vergleichstasting auf einen Kaffeelikör stieß, der im aggregierten Endergebnis aller Tester auf Platz 3 landete. Damals wusste ich, wie gesagt, noch nicht, was ich da im Glas hatte. Bei einem davon unabhängigen Tasting von Aromas of México wurde mir der Herencia de Plata Licor de Café des Herstellers Tequilas del Señor (NOM 1124) ein paar Monate später nochmals präsentiert, und ich war sehr überrascht, dass sich meine damaligen Verkostungsnotizen und die neuen kaum noch überschnitten. Ich will hier ehrlich sein und diesen Zwiespalt, in dem ich vor dem Schreiben dieses Artikels daher steckte, ansprechen, in der Hoffnung, dass meine Leser verstehen: Die Verkostungswelt ist eine seltsame, man sollte sich nicht auf einen einzelnen Eindruck verlassen. Manchmal hat man zuvor etwas unpassendes gegessen, die Stimmung war schlecht, die Umgebung passte nicht, das Nosingglas war nicht sauber – und ein paar Tage später sieht die Welt wieder fröhlicher aus, ein neutraler Gaumen und professionellere Umgebung sind gegeben, und hoppla, das Sample schmeckt besser; wer glaubt, einen objektiven, absoluten Gaumen zu haben, der lügt sich in die Tasche, zuviele unbewusste Faktoren beeinflussen das. Ja, sogar beim Blindtest. Was ich hier nun wiedergebe, ist darum ein Sammeleindruck, gesammelt also aus 3 unabhängigen Verkostungen aus 3 separaten Quellen an unterschiedlichen Tagen.
Gießt man sich den Herencia de Plata Licor de Café ins Glas, sieht man beim Schwenken schon, dass sich ein dicker bräunlicher Film auf die Glaswand legt. Die Farbe der Flüssigkeit selbst ist tiefdunkelbraun, nur an den Grenzen sieht man bei Gegenlicht ein paar orangebraune Reflexe. Eine gewisse Viskosität ist sicht- und spürbar.
Die Nase wirkt sehr süß, mit vielen Kakao- und Milchschokoladenoten, eher noch als Kaffee. Letzterer taucht am Rande auf, wirkt eher als Beikomponente denn als Hauptaromaträger. Vanille kommt schnell dazu, das ergibt eine süßliche Kaffeemelange, vielleicht so etwas wie Cappuccino eher als reinschwarzer Filterkaffee. Den eingesetzten 100%-de-Agave-Tequila (der hauseigene Blanco von Herencia de Plata wird hierfür natürlich verwendet) rieche ich höchstens als leichte Note, wenn man weiß, wonach man schnuppern muss, selbst dann aber eher mit viel Fantasie.
Ein Likör muss per gesetzlicher Definition mindestens 100g/L süßende Erzeugnisse enthalten, darum wundert es nicht, dass der initiale Geschmackseindruck extrem süß wirkt. Im Mund fühlt sich der Herencia de Plata Licor de Café extrem dicht an, die Textur ist superschwer und ölig, so dass sogar am Ende noch etwas zum Lutschen auf den Lippen verbleibt. Auch am Gaumen nehme ich aber zunächst Schokoaromen wahr, weiche Alpenmilchschokolade, fast schon buttrig. Im Verlauf entsteht deutliche Würze, der Kaffee kommt etwas auf, bleibt aber insgesamt zurückhaltend; das ist zumindest der Hinweis, dass echte mexikanische Arabica-Kaffeebohnen eingesetzt wurden und keine künstlichen Aromastoffe, mit denen man viel leichter und billiger Kaffeegeschmack erzeugen könnte. 30% Alkoholgehalt sind weder spür- noch schmeckbar.
Der Abgang ist mittellang, leicht pfeffrig und auf der Zunge kribbelnd, und sehr blumig, mit vielen Jasmintönen und Erinnerungen an Fruchtkaugummi, und zu guter letzt auch einem Anflug von Agaven. Eine etwas klebrige Süßschicht bleibt auf dem Gaumen, der Zunge, den Lippen bestehen, da hat man dann noch etwas Arbeit, das wieder abzubekommen, was den Genuss noch verlängert.
In dem oben angesprochenen zweiten Tasting mit Tequilaanfängern kam dieser Likör extrem gut an, was für mich darauf hindeutet, dass er mit etwas Eis ein sehr hübscher Dessertersatz sein kann – im Hause Schlimmerdurst ist ein Kaffeelikör aber hauptsächlich eine gern gesehene Cocktailzutat, die Schwere, Süße und leichte Aromatik in einen Drink bringt. La Infidelidad, „die Untreue“ also, kombiniert ihn mit Rum, Amaretto und Gewürzen, und verstärkt damit sogar noch den Nachtischcharakter dieses Likörs – das Ausräuchern des Glases als Ersatz für eine Zigarre ist auch ein gerngesehenes Gimmick in besonderen Drinks.
La Infidelidad 1½ oz gereifter Rum 1 oz Kaffeelikör ½ oz Amaretto 3 Nelken ½ Zimtstange Auf Eis rühren. In einem mit einer Zimtstange ausgeräuchterten Glas auf Eis servieren. [Rezept adaptiert nach der El Coro Bar, Santa Clara]
Vorsicht, die Flasche hat einen Plastikschraubverschluss, was man zunächst nicht vermutet – ich hatte in Erwartung eines Korkens an dem dicken Holzstöpsel wild gezogen, zum Glück hat er es trotzdem überlebt. Ansonsten ist die bauchige, runde Flasche ein bisschen unhandlich in einer Heimbar, das hübsche Etikett dagegen gefällt mir in seiner Retro-Gestaltung.
Um zurückzukommen auf die Einleitung – über den Geschmack haben wir nun geredet, doch hier gibt es eben genau solche Produktionsfaktoren, die man nicht unbedingt direkt im Blindtest schmeckt: Ohne Zusatz von Farb-, Aroma- oder Konservierungsstoffen, und ohne Gentechnik hergestellt, aus qualitativ hochwertigem Tequila und echtem Kaffee. Das sind Faktoren, die man in der modernen Spirituosenwelt sehen will, und ein Wert für sich. Zumindest für mich. Dass der Herencia de Plata Licor de Café dann auch zweimal eine Goldmedaille beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles gewonnen hat (wo natürlich konsequent blind verkostet wird), bei dem ich auch seit mittlerweile 4 Jahren als Juror unterwegs bin, setzt dem ganzen dann noch ein kleines goldenes Krönchen auf.
Wer sich übrigens für die Ergebnisse des am Anfang angesprochenen Kaffeelikörtastings interessiert – die Auswertung ist inzwischen verfügbar, und der Organisator Ilja hat ein aussagekräftiges PDF dazu erstellt. Dort findet man auf Platz 3, wie erwähnt, den Herencia de Plata Licor de Café. Man muss sich also nicht allein auf meine Aussagen verlassen.
Offenlegung: Ich danke Aromas of México für die unaufgeforderte, kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Produkts.
1982 bekam Jean Pütz noch richtig Ärger, als er in der Hobbythek zeigte, wie man zu Hause Bier brauen kann. 1952 wurde die Weitergabe des Wissens ums Heimbrauen nämlich gesetzlich praktisch verboten, ohne wirklich Angabe von Gründen – wie so oft sind Abstinenzbewegungen und dirigistische Maßnahmen eines paternalistischen Staats wahrscheinlich der Grund, dass man die jahrtausendealte Tradition des Hausbrauens zerstören wollte. Die beiden Saarländer Carsten Zeiger und Patrick Patton, oder Saartans Bräu, wie sie sich nennen, haben sich davon offensichtlich nicht abschrecken lassen und vor einer Weile begonnen, ihre eigenen Biere zu brauen. Die hergestellte Menge überschreitet nun inzwischen eine Grenze, die es erlaubt, einzelne Flaschen auch an interessierte Bierfreunde weiterzugeben; und so kam ich in den Genuss, das Saartans Bräu Dolores NEIPA probieren zu dürfen. In wiederverwendeten Flaschen wurde mir das Bier unetikettiert übergeben – es war gerade erst gebraut, superfrisch also, ich glaube nicht, dass ich je ein so neues Bier getrunken habe.
NEIPA ist die Abkürzung für „New England IPA“, und stiltypisch volltrüb mit blassem Dottergelb liegt es im Glas, ohne dass störende Schwebepartikel erkennbar sind. Der Schaum ist beim Eingießen üppig und fest, nach kurzer Betrachtezeit bleibt davon ein feiner Flaum mit kleinen Inseln auf der Bieroberfläche übrig. Nur ein Anflug von Perlage ist sichtbar. In der Nase kommt der Bierstil sofort nach vorn – kräftige, fruchtige Hopfenaromen, ohne dabei zu zwicken. Honigmelone, Mandarine, Orangenschale, eine Idee von Banane ist auch da, man sieht, es geht nicht ins kratzig-zitrusige, sondern bleibt mildfruchtig. Darunter liegt eine feine Getreidigkeit.
Im Mund lässt Dolores die Fruchtzügel etwas mehr fahren, da ist zwar immer noch die milde Fruchtsüße als Basis, doch hier zeigt sich eine schöne Säurekante mit frischeren Noten, Limette, vielleicht etwas Grapefruit, alles aber weiterhin eingebettet in eine weiche, volle Textur, die ein schmeichelnd-weiches Mundgefühl erzeugt. Trotzdem wirkt das IPA frisch und knackig, nicht zu anbiedernd, so, wie ich es von diesem Bierstil erwarte, die Rezenz ist auch durch die spürbare Karbonisierung gegeben. 6,8% Alkoholgehalt unterstützen das noch. Im Abgang kommt eine deutliche Bittere zum Vorschein, mit Adstringenz und leichter Betäubung der Zunge, die Säure dominiert nun deutlich – ein sehr gelungener Verlauf. Frische Frucht hängt nach, aber auch eine leise Blumigkeit, die mich an Lavendel und Rosen erinnert.
Na, wenn ich davon mehr bekommen würde, bräuchte ich bei keiner großen Brauerei mehr einkaufen. Den Stil genau getroffen, meinen Geschmack genau getroffen, und man spürt im direkten Gespräch die Passion und die Begeisterung. Ich freue mich sehr auf das Stout und das Imperial Stout von Saartans Bräu!
Mein Herz hängt an Griechenland. Ich war oft auf Kreta unterwegs, liebe die deutsche, sehr fleischlastige Interpretation des griechischen Essens ebenso wie die eigentlich eher gemüsezentrierte einheimische Küche vor Ort – ich sage immer, nach einer Woche auf Kreta habe ich überhaupt keine Mühe, Vegetarier zu werden, denn eine sonnengereifte Tomate oder eine Gurke auf Kreta hat genausoviel Geschmack wie ein gut gewürztes Steak hierzulande. Und dazu dann ein leckerer, kühler, gut geharzter Retsina und ein paar Ouzos zum Essen und einen Metaxa danach, da fällt es sogar einem eher scheuen Deutschen wie mir leicht, in der Gruppe einen Sirtaki zu tanzen.
Darum habe ich immer mindestens eine Flasche Ouzo zuhause. Die Bandbreite der in Deutschland erhältlichen Ouzos ist doch gar nicht so klein, wir trinken den griechischen Schnaps einfach gerne. Doch auch die Unterschiede sind schmeckbar, wobei hier Preis und Qualität kaum eine Korrelation aufweisen, weil Ouzo grundsätzlich eher billig ist – selbst so richtig guter Stoff ist in der Regel nicht teuer und unter 15€ zu bekommen. Der Idoniko Ouzo (Ηδωνικό ούζο) der Domaine Costa Lazaridi aus Adriani im nordgriechischen Makedonien passt in dieses Muster und gibt jedoch dazu an, nur aus griechischen Rohstoffen hergestellt worden zu sein. Das könnte nach dem oben über das gute Klima für hochwertiges Grünzeug gesagte sicherlich ein Qualitätsmerkmal sein; probieren wir, ob sich das auch geschmacklich so äußert, wie ich es in Erinnerung habe.
Glasklar, transparent, ohne fehlerhafte Einschlüsse jedweder Art. Im Glas sieht man daneben noch, dass sich der Ouzo schwer und ölig bewegt, man muss große Kreise drehen, um ihn überhaupt in Bewegung zu versetzen, und er bleibt sehr schnell wieder stehen. Viele dicke Beinchen laufen dabei von der Glaswand ab. Bei Zugabe von Wasser entsteht sofort und ohne Verzögerung ein dichter Louche.
In der Nase kommt zunächst die Hauptzutat eines jeden Ouzo nach vorne – Anis. Das wirkt dabei nicht aggressiv, sondern süßlich und tatsächlich etwas kräuterig. Begleitet wird das von fruchtiger Orangenschale, etwas Vanille, Rosinen und Feigen. Eine leicht parfümige Note, eine Mischung aus Bergamotte, Harz und Zeder, liegt als Kopfton dabei. Das ist ein ausgesprochen attraktives Geruchsbild, sehr aromatisch und dennoch irgendwie leicht, sehr süßlich und trotzdem sehr komplex und vielschichtig. Erst, wenn man den Duft sehr tief einatmet, erkennt man etwas von der Alkoholbasis, auch hier allerdings nicht wirklich störend.
Der Antrunk des Idoniko weckt direkt Erinnerungen – das schmeckt zu 100% genauso, wie wenn man in eine klassische Lakritzschnecke von Haribo in der weißen Packung mit den roten Buchstaben beißt. Die Lakritznote wird im Verlauf noch stärker, bleibt aber eingebunden in das Gesamtbild. Zeder und Harz sind durchweg dabei, liefern etwas sehr dezente holzige Herbe. Ganz milde Frucht erahnt man mehr, als man wirklich schmeckt – auch hier entsteht eine wunderbare Komplexität, bei der man in viele Richtungen schmecken und die Noten auch am Gaumen nachverfolgen kann. Die Textur ist fett und schwer, wie schon an der Glaswand hat man das Gefühl, dass der Ouzo am Gaumen langsam nach hinten abläuft.
Der Abgang ist wieder lakritzig, lang, sehr weich und ohne jedes Kratzen, aromatisch und voll. Eine sehr genehme Trockenheit zeigt, dass hier nicht (wie bei Ouzo in gewissem Maße erlaubt) mit viel Zucker nachgeholfen wurde. Der Nachhall des Idoniko ist von einem sehr langen, weichfloralen Anishauch mit leichter umami-Komponente bestimmt, der die betäubte Zunge kühlt. Ein wirklich ausgesprochen toller Ouzo, der sich durch seine Komplexität und wirklich schöne Rundheit von den meisten Konkurrenzprodukten abgrenzt.
Auf der sinnlosen Suche nach guten Cocktailrezepten für Ouzo, die nicht simple Longdrinks sind, bin ich über das eine Rezept gestolpert, das einfach Ouzo mit Amaretto kombinierte. Eine interessante Sache als Basisidee! Rein für die Komplexität habe ich noch etwas Mastiha dazugegeben, die starke Süße mit einem Löffelchen Zitronensaft ausgeglichen und fürs Mundgefühl einen Spritzer Schaumentwickler dazugegeben. Das Ergebnis ist wirklich süffig, ich bin sehr zufrieden damit. Ich habe dem Drink den Namen Allianz des Südens gegeben, nach einer Phrase auf der Seite, die mir die Inspiration für die Basisidee gegeben hatte.
Allianz des Südens 2 oz / 60ml Ouzo
⅔ oz / 20ml Amaretto
⅔ oz / 20ml Mastiha
1 Teelöffel Zitronensaft
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Helmut Barro]
Die Flasche ist leicht türkis gefärbt, und mit einem hübschen Glaseinlass des Namens versehen. Der Kontrast zum roten Blechschraubverschluss ist groß, auf dem Etikett werden die Farben wieder miteinander vereint. Ich hatte in einem lokalen Supermarkt in einer „griechischen Ecke“ diesen Ouzo gefunden und erstmal die kleinere 200ml-Flasche eingepackt, man weiß ja nie – inzwischen bedaure ich es, ich hätte direkt die große Flasche holen sollen, vielleicht sogar zwei davon. Daneben stand noch ein Tsipouro desselben Herstellers, auch den hätte ich eigentlich mitnehmen sollen. Nun, ich weiß, dass ich nach ihnen Ausschau halten werde. Denn der Idoniko hat mich voll und ganz überzeugt und ist bereits mit wenigen Schlucken zu meinem neuen Lieblingsouzo herangewachsen.
In der Corona-Krise sind Bars geschlossen. Sie werden in bester christlich-asketischer Tradition von der Gesetzgebung als Sündenpfuhl schlechthin betrachtet, denn hier wird getrunken, die Hemmschwellen fallen, und Menschen kommen sich näher, als es erwünscht ist. Sie fallen übereinander her, es wird auf dem Tresen gehurt und danach zieht man durch die Straßen und infiziert Unschuldige und zerstört Eigentum fremder Leute in einem Fanal des Widerstands gegen jede Regel, fast schon dämonisch, was da früher jeden Tag abging. Zum Glück sind diese Zeiten hinter uns! Die Satanspriester Barbetreiber von heute haben darum begonnen, ihr Gift als Premix unter die Leute zu bringen – wie Betty Kupsa aus dem The Chug Club in St. Pauli, einst eine Pilgerstätte für Tequilaverrückte. Ihre Lupita Margarita Red Hibiscus hat entsprechend schon ein Label, das klar macht, auf welche gefährliche Straße wir uns da begeben, wenn wir uns das ins Glas gießen.
Die rote Farbe erinnert an den Hibiskus, der eingesetzt wird. „Wie ein Kuss“, steht auf dem Seitenetikett, und ja, das ist ein richtiger lippenstiftlastiger Kuss. Ich trinke den Drink auf Eis, da ist geruchlich dann natürlich kaum noch etwas da. Riecht man an der etwas wärmeren Flasche, entdeckt man tatsächlich leichte Agave, deutliche Fruchtblütigkeit des Hibiskus, und einen würzigen Unterton.
Im Geschmack dagegen kommt direkt als erstes der Tequila zum Vorschein, und zwar sehr deutlich, aromatisch, eigenständig. Natürlich wurde hier ein 100%-de-Agave-Tequilas verwendet, man schmeckt das. Erst im Verlauf kommen die süßen Orangenfruchtnoten dazu, und es entsteht wirklich ein Eindruck einer klassischen Margarita. Etwas süß für meinen Geschmack, doch nicht übertrieben, denn da ist eine knackige Säure als Ausgleich. Und der Hibiskus taucht noch später auf, bleibt dann bis zum Schluss da. Der Abgang ist kurz, sehr süß, aber mit definierter Säure und nicht pappig.
Mir gefällt dieser Cocktail in der Flasche sehr. Keine klassische Margarita, das erwarte ich bei der Farbe aber gar nicht, sondern etwas anderes, eigenes – und besonderes. Nicht so herb wie der mexikanische Cocktail; wirklich mehr wie ein Kuss, der Slogan passt wirklich gut. Ein Kuss, an den man sich erinnert. Und den man früher in einer dieser höllischen Bars, die hoffentlich bald wieder öffnen dürfen, von dem süßen Mädel, das allein an der Theke saß und in ihren Drink schaute, zu bekommen versucht hätte. Etwas mehr Unvernunft täte uns allen seelisch schon wieder gut.
Gut gemachte Spirituosen bringen mich immer wieder dazu, über den Tellerrand des reinen Brands zu blicken. Kaum hatte ich die Flasche des Clairin Sonson zuhause, begann die Illustration auf dem Karton und dem Etikett mich in ihren Bann zu ziehen; ich versuchte, mich etwas mit Naiver Kunst und Volkskunst auseinanderzusetzen. Im Fall dieser Abbildung einer rotgekleideten Meereskönigin mit blauem Halstuch, die von zwei Meerjungfrauen mit Fischunterkörper mit Kerzen beleuchtet wird, vor einem Hintergrund des blauen Meers und einem Himmelsmuster (der Lauf der Sonne?) vermute ich stark, dass eine lokale Mystik oder Religion dahintersteht. Hier gehen wohl die beiden erwähnten Kunstkategorien ineinander über; auch wenn Volkskunst eher gegenständlich oder immateriell definiert wird und mit praktisch im Alltag einsetzbaren Objekten und Kultur verbunden ist, sehe ich hier deutlich einen stark regionalen Bezug, was eine der Abgrenzungen zur im Allgemeinen nicht direkt mit so einem Bezug versehenen Naiven Kunst wäre. Der Verzicht auf die für Rum so abgeschmackten Piraten-, Palmen- und Schifffahrtsmetaphern, und der Einsatz eines Kunstwerks eines ungenannten lokalen Künstlers (es stammt wohl aus Jacmel, ich arbeite daran, herauszufinden, wie der Maler heißt), sollte jedem deutlich machen, dass wir hier ein besonderes Produkt vor uns haben.
Passend zur Illustration haben wir auch in der Herstellung einen sehr natürlichen Prozess vor uns, komplett unindustrialisiert und praktisch ausschließlich von Menschenhand oder Tierrücken durchgeführt. In der Nähe des Dorfs Cabaret, in der Mitte des Landes, ein wenig nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince, finden sich die Zuckerrohrfelder, auf denen auf 25 Hektar die Varietät Madame Meuze angebaut wird. Aus der 2018er Ernte des Zuckerrohrs wurde Saft gepresst, aus dem Saft ein Sirup hergestellt, der dann über wilde/freie Hefen fermentiert wurde. Stephan Kalil Saoud, Brenner bei der Distillerie Clairin Sonson Pierre Gilles, brannte dann diskontinuierlich mit einer Brennblase, die mit offenem Feuer beheizt wird, daraus ein Destillat, das mit 53,2% (pot still proof), also ohne weitere Verdünnung abgefüllt wurde, wie es aus der Destille läuft. Und von dort einige Zeit später in mein Glas, das ich nun in Gedanken über die geheimnisvolle Meereskönigin mit ihren Meerjungfrauen versunken langsam verkoste.
Über eine perfekte, kristallklare Transparenz ist es immer schwer, etwas zu erzählen, sie ist hier die Leinwand für alles folgende. Eine mittlere Viskosität, die sich nicht extrem an die Glaswand klammert, aber dennoch einen schönen Film dort hinterlässt, zeigt sich beim Schwenken.
Bei manchen Spirituosen denkt man, wenn man die Nase ins Glas hält, hoppla, was ist denn das. Der Clairin Sonson ist definitiv so eine Spirituose – eine Sammlung eher ungewöhnlicher Eindrücke schwappt hervor. Grüne Oliven, Salmiakpastillen, Kapern, Fenchel, die maritim-salzigen Aromen eines mit Algen übersäten Sandstrands am Meer, Spargel. Wirklich ausgesprochen grüngemüsig. Eine sehr deutliche Zuckerrohrsaftnote liegt über allem, mehr noch als bei diesbezüglich kräftiger Cachaça. Ein gewisser Acetonton wie von Pinselreiniger ist unverkennbar, und auch dieser gebrauchte-Tennissocken-Geruch, den ich von manch einem Baijiu kenne. Wie gesagt, ungewohnt, und auch gewöhnungsbedürftig, aber sehr interessant.
Eine ebenso maritime Salzigkeit beginnt direkt zu Beginn, den Gaumen zu kitzeln. Eine extrem volle Textur füllt alles aus, mit sehr starkem, fast schon glutamatartigem umami. Die Oliven, inklusive Lake, springen einen regelrecht an, unterlegt mit Sellerie und einer kräftigen Säure, die aber nicht spitzig wirkt, sondern durch die zugrundeliegende, wildaromatische Süße aufgefangen ist. Ein sehr rundes und extrem breites wie tiefes, aber dabei völlig ungezähmtes Gesamtbild entsteht aus der Aromatik und der wirklich spürbaren Kraft des Alkohols, der sich wie eine Farbe in die Palette einfügt. Vom Eindruck fühle ich wirklich das Meer, und mich wundert die Wahl der Flaschenillustration überhaupt nicht mehr, die Königin mit ihren Füßen im Meer trifft den Inhalt der Flasche zu hundert Prozent.
Der Abgang des Sonson ist effektvoll, erneut salzig und mit lang anhaltendem, eukalyptischem Kühlegefühl, das man beim Atmen spürt. Deutliche Gemüsebrühearomen, viel Karotte, etwas Sellerieknolle, hängen lange nach. Vielleicht ist der Brand in der Flasche ebenso als Kunstwerk zu sehen, wie die Illustration auf ihr – so ein multisensorisches, fast schon synästhetisches Erlebnis hebt für mich persönlich den Wert eines Produkts ganz enorm.
Daraus kann man herrlich einen sehr salzigen Ti’Punch machen, der einen umhaut und an den haitianischen Strand bei Cabaret versetzt. Oder man geht einen etwas weiteren Weg, pusht den Ti’Punch noch mit etwas Ananas und Chartreuse, und macht daraus einen Unique Bird. Und das ist dann wirklich ein extrem einzigartiger Drink mit Wowpotenzial, den man nicht so schnell vergisst.
Unique Bird 2 oz Clairin / ungereifter rhum agricole
½ oz Limettensaft
¼ oz Ananassirup
¼ oz Chartreuse
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Connor O’Brien]
Die Flasche selbst ist ohne erwähnenswerte Merkmale, höchstens, dass sie vergleichsweise hoch ist und damit nicht in jedes Standardregal passt. Das Etikett muss dagegen schon erwähnt werden – wie schon bei den Vorgängern in der Reihe „Spirit of Haiti“ findet man hier die oben erwähnte, faszinierende Illustration, und dazu einige Informationen zur Produktionsweise, die ich eingangs ebenfalls schon erläutert habe.
Ich konnte kurz vor Release des Clairin Sonson an einem Tasting von Velier/Kirsch Import teilnehmen, und kaum hatte ich den Sonson etwas probiert, wusste ich, dass ich eine ganze Flasche von diesem Clairin haben wollte.
Der Neuzugang zu der „Spirits of Haiti“-Reihe zeigt sich besonders im Vergleich als spannend; wer denkt, ach, ich habe schon eine Flasche Clairin zuhause, so unterschiedlich können die ja nicht sein, der sollte das überdenken. Es sind allesamt eigenständige Destillate, mit eigenem Charakter. Vielleicht ist der Sonson nicht der idealste Einstieg in die Reihe (dafür empfehle ich weiterhin den Clairin Sajous, oder vielleicht inzwischen auch den Clairin Communal), er ist aber auf jeden Fall für jeden Freund ungereiften Rums eine wertvolle Investition in ein völlig anderes Geschmacksbild.