Agnostische Agaven und blinde Bohnen – Herencia de Plata Licor de Café

Blind zu verkosten (also zu probieren, ohne zu wissen, was man im Glas hat) ist ein zweischneidiges Schwert. Es gehört mit zum Handwerk des Kenners, sicherlich, denn hier allein zeigt sich, ohne jede Beeinflussung durch bewusste oder unbewusste Faktoren, was das Produkt am Ende abliefert. Auf der anderen Seite sind mir persönlich Produktionsfaktoren extrem wichtig, die sich nicht immer automatisch im Geschmack äußern – als Beispiel nenne ich mal Biofleisch oder Fairtrade-Kaffee, bei denen es außerhalb des Sensorischen qualitätsbestimmende Merkmale gibt. Ich habe in schmerzhafter Weise in vielen Bereichen gelernt, dass persönlich wahrgenommener „guter Geschmack“ nicht mit Qualität gleichzusetzen ist. Und umgekehrt. Marken, die man mag, können schlechter abschneiden als die, die man hasst, und hin und wieder kommt man in moralische Zwickmühlen, die es aufzulösen gilt, wenn man es ernst mit sich selbst und der Spirituosenwelt meint.

Ein für mich verwirrender Effekt war darum, als ich Anfang des Jahres bei einem umfangreichen Kaffeelikör-Vergleichstasting auf einen Kaffeelikör stieß, der im aggregierten Endergebnis aller Tester auf Platz 3 landete. Damals wusste ich, wie gesagt, noch nicht, was ich da im Glas hatte. Bei einem davon unabhängigen Tasting von Aromas of México wurde mir der Herencia de Plata Licor de Café des Herstellers Tequilas del Señor (NOM 1124) ein paar Monate später nochmals präsentiert, und ich war sehr überrascht, dass sich meine damaligen Verkostungsnotizen und die neuen kaum noch überschnitten. Ich will hier ehrlich sein und diesen Zwiespalt, in dem ich vor dem Schreiben dieses Artikels daher steckte, ansprechen, in der Hoffnung, dass meine Leser verstehen: Die Verkostungswelt ist eine seltsame, man sollte sich nicht auf einen einzelnen Eindruck verlassen. Manchmal hat man zuvor etwas unpassendes gegessen, die Stimmung war schlecht, die Umgebung passte nicht, das Nosingglas war nicht sauber – und ein paar Tage später sieht die Welt wieder fröhlicher aus, ein neutraler Gaumen und professionellere Umgebung sind gegeben, und hoppla, das Sample schmeckt besser; wer glaubt, einen objektiven, absoluten Gaumen zu haben, der lügt sich in die Tasche, zuviele unbewusste Faktoren beeinflussen das. Ja, sogar beim Blindtest. Was ich hier nun wiedergebe, ist darum ein Sammeleindruck, gesammelt also aus 3 unabhängigen Verkostungen aus 3 separaten Quellen an unterschiedlichen Tagen.

Herencia de Plata Licor de Café

Gießt man sich den Herencia de Plata Licor de Café ins Glas, sieht man beim Schwenken schon, dass sich ein dicker bräunlicher Film auf die Glaswand legt. Die Farbe der Flüssigkeit selbst ist tiefdunkelbraun, nur an den Grenzen sieht man bei Gegenlicht ein paar orangebraune Reflexe. Eine gewisse Viskosität ist sicht- und spürbar.

Die Nase wirkt sehr süß, mit vielen Kakao- und Milchschokoladenoten, eher noch als Kaffee. Letzterer taucht am Rande auf, wirkt eher als Beikomponente denn als Hauptaromaträger. Vanille kommt schnell dazu, das ergibt eine süßliche Kaffeemelange, vielleicht so etwas wie Cappuccino eher als reinschwarzer Filterkaffee. Den eingesetzten 100%-de-Agave-Tequila (der hauseigene Blanco von Herencia de Plata wird hierfür natürlich verwendet) rieche ich höchstens als leichte Note, wenn man weiß, wonach man schnuppern muss, selbst dann aber eher mit viel Fantasie.

Herencia de Plata Licor de Café Glas

Ein Likör muss per gesetzlicher Definition mindestens 100g/L süßende Erzeugnisse enthalten, darum wundert es nicht, dass der initiale Geschmackseindruck extrem süß wirkt. Im Mund fühlt sich der Herencia de Plata Licor de Café extrem dicht an, die Textur ist superschwer und ölig, so dass sogar am Ende noch etwas zum Lutschen auf den Lippen verbleibt. Auch am Gaumen nehme ich aber zunächst Schokoaromen wahr, weiche Alpenmilchschokolade, fast schon buttrig. Im Verlauf entsteht deutliche Würze, der Kaffee kommt etwas auf, bleibt aber insgesamt zurückhaltend; das ist zumindest der Hinweis, dass echte mexikanische Arabica-Kaffeebohnen eingesetzt wurden und keine künstlichen Aromastoffe, mit denen man viel leichter und billiger Kaffeegeschmack erzeugen könnte. 30% Alkoholgehalt sind weder spür- noch schmeckbar.

Der Abgang ist mittellang, leicht pfeffrig und auf der Zunge kribbelnd, und sehr blumig, mit vielen Jasmintönen und Erinnerungen an Fruchtkaugummi, und zu guter letzt auch einem Anflug von Agaven. Eine etwas klebrige Süßschicht bleibt auf dem Gaumen, der Zunge, den Lippen bestehen, da hat man dann noch etwas Arbeit, das wieder abzubekommen, was den Genuss noch verlängert.

In dem oben angesprochenen zweiten Tasting mit Tequilaanfängern kam dieser Likör extrem gut an, was für mich darauf hindeutet, dass er mit etwas Eis ein sehr hübscher Dessertersatz sein kann – im Hause Schlimmerdurst ist ein Kaffeelikör aber hauptsächlich eine gern gesehene Cocktailzutat, die Schwere, Süße und leichte Aromatik in einen Drink bringt. La Infidelidad, „die Untreue“ also, kombiniert ihn mit Rum, Amaretto und Gewürzen, und verstärkt damit sogar noch den Nachtischcharakter dieses Likörs – das Ausräuchern des Glases als Ersatz für eine Zigarre ist auch ein gerngesehenes Gimmick in besonderen Drinks.

La Infidelidad


La Infidelidad
1½ oz gereifter Rum
1 oz Kaffeelikör
½ oz Amaretto
3 Nelken
½ Zimtstange
Auf Eis rühren.
In einem mit einer Zimtstange ausgeräuchterten Glas auf Eis servieren.

[Rezept adaptiert nach der El Coro Bar, Santa Clara]


Vorsicht, die Flasche hat einen Plastikschraubverschluss, was man zunächst nicht vermutet – ich hatte in Erwartung eines Korkens an dem dicken Holzstöpsel wild gezogen, zum Glück hat er es trotzdem überlebt. Ansonsten ist die bauchige, runde Flasche ein bisschen unhandlich in einer Heimbar, das hübsche Etikett dagegen gefällt mir in seiner Retro-Gestaltung.

Um zurückzukommen auf die Einleitung – über den Geschmack haben wir nun geredet, doch hier gibt es eben genau solche Produktionsfaktoren, die man nicht unbedingt direkt im Blindtest schmeckt: Ohne Zusatz von Farb-, Aroma- oder Konservierungsstoffen, und ohne Gentechnik hergestellt, aus qualitativ hochwertigem Tequila und echtem Kaffee. Das sind Faktoren, die man in der modernen Spirituosenwelt sehen will, und ein Wert für sich. Zumindest für mich. Dass der Herencia de Plata Licor de Café dann auch zweimal eine Goldmedaille beim Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles gewonnen hat (wo natürlich konsequent blind verkostet wird), bei dem ich auch seit mittlerweile 4 Jahren als Juror unterwegs bin, setzt dem ganzen dann noch ein kleines goldenes Krönchen auf.

Wer sich übrigens für die Ergebnisse des am Anfang angesprochenen Kaffeelikörtastings interessiert – die Auswertung ist inzwischen verfügbar, und der Organisator Ilja hat ein aussagekräftiges PDF dazu erstellt. Dort findet man auf Platz 3, wie erwähnt, den Herencia de Plata Licor de Café. Man muss sich also nicht allein auf meine Aussagen verlassen.

Offenlegung: Ich danke Aromas of México für die unaufgeforderte, kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Produkts.

Bier am Freitag – Saartans Bräu Dolores NEIPA

1982 bekam Jean Pütz noch richtig Ärger, als er in der Hobbythek zeigte, wie man zu Hause Bier brauen kann. 1952 wurde die Weitergabe des Wissens ums Heimbrauen nämlich gesetzlich praktisch verboten, ohne wirklich Angabe von Gründen – wie so oft sind Abstinenzbewegungen und dirigistische Maßnahmen eines paternalistischen Staats wahrscheinlich der Grund, dass man die jahrtausendealte Tradition des Hausbrauens zerstören wollte. Die beiden Saarländer Carsten Zeiger und Patrick Patton, oder Saartans Bräu, wie sie sich nennen, haben sich davon offensichtlich nicht abschrecken lassen und vor einer Weile begonnen, ihre eigenen Biere zu brauen. Die hergestellte Menge überschreitet nun inzwischen eine Grenze, die es erlaubt, einzelne Flaschen auch an interessierte Bierfreunde weiterzugeben; und so kam ich in den Genuss, das Saartans Bräu Dolores NEIPA probieren zu dürfen. In wiederverwendeten Flaschen wurde mir das Bier unetikettiert übergeben – es war gerade erst gebraut, superfrisch also, ich glaube nicht, dass ich je ein so neues Bier getrunken habe.

Saartans Bräu Dolores NEIPA

NEIPA ist die Abkürzung für „New England IPA“, und stiltypisch volltrüb mit blassem Dottergelb liegt es im Glas, ohne dass störende Schwebepartikel erkennbar sind. Der Schaum ist beim Eingießen üppig und fest, nach kurzer Betrachtezeit bleibt davon ein feiner Flaum mit kleinen Inseln auf der Bieroberfläche übrig. Nur ein Anflug von Perlage ist sichtbar. In der Nase kommt der Bierstil sofort nach vorn – kräftige, fruchtige Hopfenaromen, ohne dabei zu zwicken. Honigmelone, Mandarine, Orangenschale, eine Idee von Banane ist auch da, man sieht, es geht nicht ins kratzig-zitrusige, sondern bleibt mildfruchtig. Darunter liegt eine feine Getreidigkeit.

Im Mund lässt Dolores die Fruchtzügel etwas mehr fahren, da ist zwar immer noch die milde Fruchtsüße als Basis, doch hier zeigt sich eine schöne Säurekante mit frischeren Noten, Limette, vielleicht etwas Grapefruit, alles aber weiterhin eingebettet in eine weiche, volle Textur, die ein schmeichelnd-weiches Mundgefühl erzeugt. Trotzdem wirkt das IPA frisch und knackig, nicht zu anbiedernd, so, wie ich es von diesem Bierstil erwarte, die Rezenz ist auch durch die spürbare Karbonisierung gegeben. 6,8% Alkoholgehalt unterstützen das noch. Im Abgang kommt eine deutliche Bittere zum Vorschein, mit Adstringenz und leichter Betäubung der Zunge, die Säure dominiert nun deutlich – ein sehr gelungener Verlauf. Frische Frucht hängt nach, aber auch eine leise Blumigkeit, die mich an Lavendel und Rosen erinnert.

Na, wenn ich davon mehr bekommen würde, bräuchte ich bei keiner großen Brauerei mehr einkaufen. Den Stil genau getroffen, meinen Geschmack genau getroffen, und man spürt im direkten Gespräch die Passion und die Begeisterung. Ich freue mich sehr auf das Stout und das Imperial Stout von Saartans Bräu!

Gutes Klima für Grünzeug – Idoniko Ouzo (Ηδωνικό ούζο)

Mein Herz hängt an Griechenland. Ich war oft auf Kreta unterwegs, liebe die deutsche, sehr fleischlastige Interpretation des griechischen Essens ebenso wie die eigentlich eher gemüsezentrierte einheimische Küche vor Ort – ich sage immer, nach einer Woche auf Kreta habe ich überhaupt keine Mühe, Vegetarier zu werden, denn eine sonnengereifte Tomate oder eine Gurke auf Kreta hat genausoviel Geschmack wie ein gut gewürztes Steak hierzulande. Und dazu dann ein leckerer, kühler, gut geharzter Retsina und ein paar Ouzos zum Essen und einen Metaxa danach, da fällt es sogar einem eher scheuen Deutschen wie mir leicht, in der Gruppe einen Sirtaki zu tanzen.

Darum habe ich immer mindestens eine Flasche Ouzo zuhause. Die Bandbreite der in Deutschland erhältlichen Ouzos ist doch gar nicht so klein, wir trinken den griechischen Schnaps einfach gerne. Doch auch die Unterschiede sind schmeckbar, wobei hier Preis und Qualität kaum eine Korrelation aufweisen, weil Ouzo grundsätzlich eher billig ist – selbst so richtig guter Stoff ist in der Regel nicht teuer und unter 15€ zu bekommen. Der Idoniko Ouzo (Ηδωνικό ούζο) der Domaine Costa Lazaridi aus Adriani im nordgriechischen Makedonien passt in dieses Muster und gibt jedoch dazu an, nur aus griechischen Rohstoffen hergestellt worden zu sein. Das könnte nach dem oben über das gute Klima für hochwertiges Grünzeug gesagte sicherlich ein Qualitätsmerkmal sein; probieren wir, ob sich das auch geschmacklich so äußert, wie ich es in Erinnerung habe.

Ouzo Idoniko

Glasklar, transparent, ohne fehlerhafte Einschlüsse jedweder Art. Im Glas sieht man daneben noch, dass sich der Ouzo schwer und ölig bewegt, man muss große Kreise drehen, um ihn überhaupt in Bewegung zu versetzen, und er bleibt sehr schnell wieder stehen. Viele dicke Beinchen laufen dabei von der Glaswand ab. Bei Zugabe von Wasser entsteht sofort und ohne Verzögerung ein dichter Louche.

In der Nase kommt zunächst die Hauptzutat eines jeden Ouzo nach vorne – Anis. Das wirkt dabei nicht aggressiv, sondern süßlich und tatsächlich etwas kräuterig. Begleitet wird das von fruchtiger Orangenschale, etwas Vanille, Rosinen und Feigen. Eine leicht parfümige Note, eine Mischung aus Bergamotte, Harz und Zeder, liegt als Kopfton dabei. Das ist ein ausgesprochen attraktives Geruchsbild, sehr aromatisch und dennoch irgendwie leicht, sehr süßlich und trotzdem sehr komplex und vielschichtig. Erst, wenn man den Duft sehr tief einatmet, erkennt man etwas von der Alkoholbasis, auch hier allerdings nicht wirklich störend.

Idoniko Ouzo (Ηδωνικό ούζο) Glas

Der Antrunk des Idoniko weckt direkt Erinnerungen – das schmeckt zu 100% genauso, wie wenn man in eine klassische Lakritzschnecke von Haribo in der weißen Packung mit den roten Buchstaben beißt. Die Lakritznote wird im Verlauf noch stärker, bleibt aber eingebunden in das Gesamtbild. Zeder und Harz sind durchweg dabei, liefern etwas sehr dezente holzige Herbe. Ganz milde Frucht erahnt man mehr, als man wirklich schmeckt – auch hier entsteht eine wunderbare Komplexität, bei der man in viele Richtungen schmecken und die Noten auch am Gaumen nachverfolgen kann. Die Textur ist fett und schwer, wie schon an der Glaswand hat man das Gefühl, dass der Ouzo am Gaumen langsam nach hinten abläuft.

Der Abgang ist wieder lakritzig, lang, sehr weich und ohne jedes Kratzen, aromatisch und voll. Eine sehr genehme Trockenheit zeigt, dass hier nicht (wie bei Ouzo in gewissem Maße erlaubt) mit viel Zucker nachgeholfen wurde. Der Nachhall des Idoniko ist von einem sehr langen, weichfloralen Anishauch mit leichter umami-Komponente bestimmt, der die betäubte Zunge kühlt. Ein wirklich ausgesprochen toller Ouzo, der sich durch seine Komplexität und wirklich schöne Rundheit von den meisten Konkurrenzprodukten abgrenzt.

Auf der sinnlosen Suche nach guten Cocktailrezepten für Ouzo, die nicht simple Longdrinks sind, bin ich über das eine Rezept gestolpert, das einfach Ouzo mit Amaretto kombinierte. Eine interessante Sache als Basisidee! Rein für die Komplexität habe ich noch etwas Mastiha dazugegeben, die starke Süße mit einem Löffelchen Zitronensaft ausgeglichen und fürs Mundgefühl einen Spritzer Schaumentwickler dazugegeben. Das Ergebnis ist wirklich süffig, ich bin sehr zufrieden damit. Ich habe dem Drink den Namen Allianz des Südens gegeben, nach einer Phrase auf der Seite, die mir die Inspiration für die Basisidee gegeben hatte.

Allianz des Südens Cocktail


Allianz des Südens
2 oz / 60ml Ouzo
⅔ oz / 20ml Amaretto
⅔ oz / 20ml Mastiha
1 Teelöffel Zitronensaft
1 Spritzer Miraculous Foamer
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Helmut Barro]


Die Flasche ist leicht türkis gefärbt, und mit einem hübschen Glaseinlass des Namens versehen. Der Kontrast zum roten Blechschraubverschluss ist groß, auf dem Etikett werden die Farben wieder miteinander vereint. Ich hatte in einem lokalen Supermarkt in einer „griechischen Ecke“ diesen Ouzo gefunden und erstmal die kleinere 200ml-Flasche eingepackt, man weiß ja nie – inzwischen bedaure ich es, ich hätte direkt die große Flasche holen sollen, vielleicht sogar zwei davon. Daneben stand noch ein Tsipouro desselben Herstellers, auch den hätte ich eigentlich mitnehmen sollen. Nun, ich weiß, dass ich nach ihnen Ausschau halten werde. Denn der Idoniko hat mich voll und ganz überzeugt und ist bereits mit wenigen Schlucken zu meinem neuen Lieblingsouzo herangewachsen.

Premix am Freitag – Lupita Margarita Red Hibiscus

In der Corona-Krise sind Bars geschlossen. Sie werden in bester christlich-asketischer Tradition von der Gesetzgebung als Sündenpfuhl schlechthin betrachtet, denn hier wird getrunken, die Hemmschwellen fallen, und Menschen kommen sich näher, als es erwünscht ist. Sie fallen übereinander her, es wird auf dem Tresen gehurt und danach zieht man durch die Straßen und infiziert Unschuldige und zerstört Eigentum fremder Leute in einem Fanal des Widerstands gegen jede Regel, fast schon dämonisch, was da früher jeden Tag abging. Zum Glück sind diese Zeiten hinter uns! Die Satanspriester Barbetreiber von heute haben darum begonnen, ihr Gift als Premix unter die Leute zu bringen – wie Betty Kupsa aus dem The Chug Club in St. Pauli, einst eine Pilgerstätte für Tequilaverrückte. Ihre Lupita Margarita Red Hibiscus hat entsprechend schon ein Label, das klar macht, auf welche gefährliche Straße wir uns da begeben, wenn wir uns das ins Glas gießen.

Lupita Margarita

Die rote Farbe erinnert an den Hibiskus, der eingesetzt wird. „Wie ein Kuss“, steht auf dem Seitenetikett, und ja, das ist ein richtiger lippenstiftlastiger Kuss. Ich trinke den Drink auf Eis, da ist geruchlich dann natürlich kaum noch etwas da. Riecht man an der etwas wärmeren Flasche, entdeckt man tatsächlich leichte Agave, deutliche Fruchtblütigkeit des Hibiskus, und einen würzigen Unterton.

Im Geschmack dagegen kommt direkt als erstes der Tequila zum Vorschein, und zwar sehr deutlich, aromatisch, eigenständig. Natürlich wurde hier ein 100%-de-Agave-Tequilas verwendet, man schmeckt das. Erst im Verlauf kommen die süßen Orangenfruchtnoten dazu, und es entsteht wirklich ein Eindruck einer klassischen Margarita. Etwas süß für meinen Geschmack, doch nicht übertrieben, denn da ist eine knackige Säure als Ausgleich. Und der Hibiskus taucht noch später auf, bleibt dann bis zum Schluss da. Der Abgang ist kurz, sehr süß, aber mit definierter Säure und nicht pappig.

Lupita Margarita Cocktail

Mir gefällt dieser Cocktail in der Flasche sehr. Keine klassische Margarita, das erwarte ich bei der Farbe aber gar nicht, sondern etwas anderes, eigenes – und besonderes. Nicht so herb wie der mexikanische Cocktail; wirklich mehr wie ein Kuss, der Slogan passt wirklich gut. Ein Kuss, an den man sich erinnert. Und den man früher in einer dieser höllischen Bars, die hoffentlich bald wieder öffnen dürfen, von dem süßen Mädel, das allein an der Theke saß und in ihren Drink schaute, zu bekommen versucht hätte. Etwas mehr Unvernunft täte uns allen seelisch schon wieder gut.

Naive Volkskunst – Clairin Sonson

Gut gemachte Spirituosen bringen mich immer wieder dazu, über den Tellerrand des reinen Brands zu blicken. Kaum hatte ich die Flasche des Clairin Sonson zuhause, begann die Illustration auf dem Karton und dem Etikett mich in ihren Bann zu ziehen; ich versuchte, mich etwas mit Naiver Kunst und Volkskunst auseinanderzusetzen. Im Fall dieser Abbildung einer rotgekleideten Meereskönigin mit blauem Halstuch, die von zwei Meerjungfrauen mit Fischunterkörper mit Kerzen beleuchtet wird, vor einem Hintergrund des blauen Meers und einem Himmelsmuster (der Lauf der Sonne?) vermute ich stark, dass eine lokale Mystik oder Religion dahintersteht. Hier gehen wohl die beiden erwähnten Kunstkategorien ineinander über; auch wenn Volkskunst eher gegenständlich oder immateriell definiert wird und mit praktisch im Alltag einsetzbaren Objekten und Kultur verbunden ist, sehe ich hier deutlich einen stark regionalen Bezug, was eine der Abgrenzungen zur im Allgemeinen nicht direkt mit so einem Bezug versehenen Naiven Kunst wäre. Der Verzicht auf die für Rum so abgeschmackten Piraten-, Palmen- und Schifffahrtsmetaphern, und der Einsatz eines Kunstwerks eines ungenannten lokalen Künstlers (es stammt wohl aus Jacmel, ich arbeite daran, herauszufinden, wie der Maler heißt), sollte jedem deutlich machen, dass wir hier ein besonderes Produkt vor uns haben.

Passend zur Illustration haben wir auch in der Herstellung einen sehr natürlichen Prozess vor uns, komplett unindustrialisiert und praktisch ausschließlich von Menschenhand oder Tierrücken durchgeführt. In der Nähe des Dorfs Cabaret, in der Mitte des Landes, ein wenig nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince, finden sich die Zuckerrohrfelder, auf denen auf 25 Hektar die Varietät Madame Meuze angebaut wird. Aus der 2018er Ernte des Zuckerrohrs wurde Saft gepresst, aus dem Saft ein Sirup hergestellt, der dann über wilde/freie Hefen fermentiert wurde. Stephan Kalil Saoud, Brenner bei der Distillerie Clairin Sonson Pierre Gilles, brannte dann diskontinuierlich mit einer Brennblase, die mit offenem Feuer beheizt wird, daraus ein Destillat, das mit 53,2% (pot still proof), also ohne weitere Verdünnung abgefüllt wurde, wie es aus der Destille läuft. Und von dort einige Zeit später in mein Glas, das ich nun in Gedanken über die geheimnisvolle Meereskönigin mit ihren Meerjungfrauen versunken langsam verkoste.

Clairin Sonson

Über eine perfekte, kristallklare Transparenz ist es immer schwer, etwas zu erzählen, sie ist hier die Leinwand für alles folgende. Eine mittlere Viskosität, die sich nicht extrem an die Glaswand klammert, aber dennoch einen schönen Film dort hinterlässt, zeigt sich beim Schwenken.

Bei manchen Spirituosen denkt man, wenn man die Nase ins Glas hält, hoppla, was ist denn das. Der Clairin Sonson ist definitiv so eine Spirituose – eine Sammlung eher ungewöhnlicher Eindrücke schwappt hervor. Grüne Oliven, Salmiakpastillen, Kapern, Fenchel, die maritim-salzigen Aromen eines mit Algen übersäten Sandstrands am Meer, Spargel. Wirklich ausgesprochen grüngemüsig. Eine sehr deutliche Zuckerrohrsaftnote liegt über allem, mehr noch als bei diesbezüglich kräftiger Cachaça. Ein gewisser Acetonton wie von Pinselreiniger ist unverkennbar, und auch dieser gebrauchte-Tennissocken-Geruch, den ich von manch einem Baijiu kenne. Wie gesagt, ungewohnt, und auch gewöhnungsbedürftig, aber sehr interessant.

Clairin Sonson Glas

Eine ebenso maritime Salzigkeit beginnt direkt zu Beginn, den Gaumen zu kitzeln. Eine extrem volle Textur füllt alles aus, mit sehr starkem, fast schon glutamatartigem umami. Die Oliven, inklusive Lake, springen einen regelrecht an, unterlegt mit Sellerie und einer kräftigen Säure, die aber nicht spitzig wirkt, sondern durch die zugrundeliegende, wildaromatische Süße aufgefangen ist. Ein sehr rundes und extrem breites wie tiefes, aber dabei völlig ungezähmtes Gesamtbild entsteht aus der Aromatik und der wirklich spürbaren Kraft des Alkohols, der sich wie eine Farbe in die Palette einfügt. Vom Eindruck fühle ich wirklich das Meer, und mich wundert die Wahl der Flaschenillustration überhaupt nicht mehr, die Königin mit ihren Füßen im Meer trifft den Inhalt der Flasche zu hundert Prozent.

Der Abgang des Sonson ist effektvoll, erneut salzig und mit lang anhaltendem, eukalyptischem Kühlegefühl, das man beim Atmen spürt. Deutliche Gemüsebrühearomen, viel Karotte, etwas Sellerieknolle, hängen lange nach. Vielleicht ist der Brand in der Flasche ebenso als Kunstwerk zu sehen, wie die Illustration auf ihr – so ein multisensorisches, fast schon synästhetisches Erlebnis hebt für mich persönlich den Wert eines Produkts ganz enorm.

Daraus kann man herrlich einen sehr salzigen Ti’Punch machen, der einen umhaut und an den haitianischen Strand bei Cabaret versetzt. Oder man geht einen etwas weiteren Weg, pusht den Ti’Punch noch mit etwas Ananas und Chartreuse, und macht daraus einen Unique Bird. Und das ist dann wirklich ein extrem einzigartiger Drink mit Wowpotenzial, den man nicht so schnell vergisst.

Unique Bird Cocktail


Unique Bird
2 oz Clairin / ungereifter rhum agricole
½ oz Limettensaft
¼ oz Ananassirup
¼ oz Chartreuse
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Connor O’Brien]


Die Flasche selbst ist ohne erwähnenswerte Merkmale, höchstens, dass sie vergleichsweise hoch ist und damit nicht in jedes Standardregal passt. Das Etikett muss dagegen schon erwähnt werden – wie schon bei den Vorgängern in der Reihe „Spirit of Haiti“ findet man hier die oben erwähnte, faszinierende Illustration, und dazu einige Informationen zur Produktionsweise, die ich eingangs ebenfalls schon erläutert habe.

Ich konnte kurz vor Release des Clairin Sonson an einem Tasting von Velier/Kirsch Import teilnehmen, und kaum hatte ich den Sonson etwas probiert, wusste ich, dass ich eine ganze Flasche von diesem Clairin haben wollte.

Clairin Sampleset 2021

Der Neuzugang zu der „Spirits of Haiti“-Reihe zeigt sich besonders im Vergleich als spannend; wer denkt, ach, ich habe schon eine Flasche Clairin zuhause, so unterschiedlich können die ja nicht sein, der sollte das überdenken. Es sind allesamt eigenständige Destillate, mit eigenem Charakter. Vielleicht ist der Sonson nicht der idealste Einstieg in die Reihe (dafür empfehle ich weiterhin den Clairin Sajous, oder vielleicht inzwischen auch den Clairin Communal), er ist aber auf jeden Fall für jeden Freund ungereiften Rums eine wertvolle Investition in ein völlig anderes Geschmacksbild.

Bier am Freitag – Braustelle Mega-Blend Sour Ale

Was macht man, wenn nach einem Bierevent noch viel übrigbleibt? Man kann das natürlich einzeln wegtrinken, klar, aber ein paar Verrückten von der Braustelle Köln, der kleinsten Brauerei der Stadt, kam die absolut irre Idee, die „Reste“ vom Festival der Bierkulturen 2014 in Köln-Ehrenfeld zu einem Cuvée zusammenzuführen, und das dann auch noch in einem Fass nachzureifen: Das Braustelle Mega-Blend Sour Ale war geboren.

So unglaublich es klingt, in der unauffälligen Flasche findet sich ein Blend aus Bieren von Ale-Mania, Alzeyer Völkerbräu, Bayerischer Bahnhof, Black Isle, BrauArt, Brasserie Trois Dames, Brauhaus Riegele, BrauKunstKeller, Brouwerij de Molen, Emelisse, Freigeist Bierkultur, Heidenpeters, Helios Braustelle, T’Hofbrouwerijke, Hof Ten Dormaal, Huisstekerij H.ertie, Lahnsteiner Brauerei, Mein Sudhaus, The Monarchy, Siegburger Brauhaus, Truman’s und Vermann Brauerei, also den Teilnehmern des Festivals. Diese Biere wurden dann zusammen in einem Barrique, das vorher mit Süßwein belegt gewesen war, ein zweites Mal vergoren. Mit 6,8% Alkoholgehalt wurde es dann als Sour Ale abgefüllt. Ich liebe Sauerbier sehr, und bin nun ehrlich gespannt, ob „viel viel hilft“.

Braustelle Mega-Blend Sour Ale

Haselnussbraun, durch die Trübung ohne Partikelrückstand völlig blickdicht, und beim Einschenken mit ordentlich Karbonisierung eine hübsche, cremafarbene Blume erzeugend, das Optische ist schonmal gelungen. Noch besser wird es, wenn man die Nase ans Glas hält – oh, das ist ein traumhafter Duft. Erkennbar sind die Noten des Sauerbiers, grüner Apfel, milder Fruchtessig, Verjus, aber direkt auch frische Himbeeren, Johannisbeeren, unreife Ananas, Rhabarber und diverse weitere, säuerlich-frisch-fruchtige Eindrücke. Sehr komplex, denn da kommen ganz vorsichtig und nur im Untergrund noch leichte Holztöne dazu.

Ich kann nicht mehr widerstehen, muss einen Schluck nehmen. Man muss sicherlich Sauerbiere mögen, um diesen Antrunk genießen zu können – es geht von Anfang an knackig sauer und bitter los, Verjus, Rhabarberfrucht, saure Beeren. Dazu ein wunderbar cremiges Mundgefühl mit einer zugrundeliegenden weichen Textur, die die Säure auffängt und ihr eine schöne Umgebung bietet, so dass sie nicht kratzig oder biestig wird. Wir sind hier weit über trockenen Crémant hinaus, trotzdem sind da Erinnerungen daran. Deutlich wird die Holzreifung im Süßweinfass, eine trockene, bitterholzige Note gibt weitere Komplexität. Die vielen einzelnen Biersorten geben wohl jede ihre eigene Komponente dazu, das ist natürlich nicht mehr zu beurteilen, was woher kommt – das Ergebnis ist jedoch ultrarund und spannend gleichzeitig. Ein toller, langer, herbsaurer Abgang mit ordentlich Trockenheit am Zäpfchen, aus dem dann irgendwie plötzlich noch leicht schokoladige Noten entstehen, komplettiert ein grandioses Bier.

Braustelle Mega-Blend Sour Ale auf der Bank

Ach, was soll ich sagen, ich bin so froh, die Gelegenheit genutzt zu haben, eine der letzten Fläschchen dieses Biers schnappen zu können. 6 Jahre zusätzliche Flaschenruhe nach der Abfüllung 2014 haben ihren Teil mehr als deutlich beigesteuert, da ist eine völlige Rundheit entstanden, aus der die einzelnen Biersorten miteinander interagieren, den vollen Sauerbiercharakter trotz der Reifung ohne Mangel erhalten, und diesen unglaublichen Mega-Blend (der Name verspricht nicht zu viel!) zu einem Highlight meines Bierjahres machen. Ein einmaliges Projekt, ein einmaliges Bier. Toll.

Der Winter ist vorbei – Fortaleza Tequila Reposado Winter Blend 2019

Für mich gibt es inzwischen drei Kategorien von Tequila. Die Basisqualität, also gut gemachte Mixtos (ja, die gibt es!) und einfache 100% de Agave Tequilas, die man zwar kaufen kann, aber keine großartige Faszination für mich bieten. Dann den in Deutschland heute glücklicherweise großen Bereich der Tequilas, die gehobene Qualität und oft dazu noch gutes Preisleistungsverhältnis aufweisen, die man pur wie in Cocktails trinken und mit denen man bereits bei einem Tasting Freunde überraschen kann, die nur die erste Kategorie kennen (also eigentlich fast alle Menschen in Deutschland). Und schließlich gibt es den High-End-Bereich, mit Agavendestillaten der Sonderklasse, bei denen ich mit der Zunge schnalze, und an die man auch hierzulande inzwischen gut herankommt, was vor 5 Jahren undenkbar war. Ganz sicherlich gehört der Fortaleza Tequila Reposado Winter Blend 2019 zur letzteren Gruppe.

Ich zähle nur einfach mal die Stichworte auf, die einem produktionsinteressierten Tequilafreund direkt das Wasser im Maul zusammenlaufen lässt – „estate bottled“ (auf der eigenen Hazienda abgefüllt), „stone ground“ (die Agaven werden mit einer Tahona, einem großen Mühlstein, gemahlen), „brick oven“ (das Kochen findet in einem echten Steinofen statt). Diese Wörter bedeuten für mich Tradition und Handwerk. Und wenn dann alle drei auf einem Label zusammenkommen, dann ist das schon die halbe Miete für Qualität im Endprodukt. Basis für diesen Blend ist der hauseigene Still-Strength Blanco mit 46% Alkoholgehalt, der einzige der Fortaleza-Reihe, der mir in meiner Heimbar noch fehlt. Er wird nach der Reifung (dazu weiter unten mehr) unverdünnt, mit nur minimalem Verdunstungsverlust, mit 45,7% abgefüllt. So ein Produkt ist dann natürlich limitiert, weltweit auf 5184 Flaschen, habe ich Nummer 4778 bekommen. Das ist nicht viel, aber auch nicht superwenig – ihn zu bekommen ist damit leichter als viele der aktuell in Sekunden durch den Markt geschossenen limitierten Rumabfüllungen. Sollte man es versuchen, statt einem Rum einem Tequila hinterherzulaufen?

Fortaleza Reposado Winter Blend 2019

Für einen Reposado ist die Farbe durchaus als kräftig zu bezeichnen, das geht sicherlich zurück auf die zweite Hälfte des Blends, der 11 Monate in brandneuen Fässern aus französischer Eiche reifte; die erste Hälfte, 6 Monate geruht in gebrauchten amerikanischen Eichenfässern, war sicherlich deutlich heller. Man merkt eine gewisse Schwere der Flüssigkeit beim Schwenken, an der Glaswand entsteht ein fast durchgängiger Film, der sich erst sehr spät in Beinchen aufspaltet und dann abläuft.

Eine herrliche Nase erwartet den Verkoster, da gibt es nichts zu rütteln; die Mineralität der Agave, immer noch wahrnehmbar, wird durch die Fasseinflüsse der zwei Hölzer aufgepolstert und rund gemacht. Vanille, Zimt und etwas Kokosnussfleisch geben Volumen, die Agave sorgt für Helligkeit, Charakter und eine tolle vegetale Prägnanz, die Tequila für mich so einzigartig macht. Leichte Frucht, Weintrauben, Aprikosen, gesellt sich zu einem milden Kräutersäckchen aus Thymian, Rosmarin und Lavendel. Zum Schluss entdecke ich noch eine kühle Minzkomponente, die dem Winter Blend 2019 eine wunderbare Frische verleiht.

Fortaleza Tequila Reposado Winter Blend 2019 Glas

Der Antrunk überrascht dann etwas – er ist sehr viel trockener und herber, als die Nase es hätte vermuten lassen. Ja, da ist eine unterschwellige, natürliche Süße, mit Anklängen von Butterscotch, doch der dominierende Eindruck ist eine mineralische, vegetale Herbe, oder, um das etwas unprofessioneller zu formulieren: volle Pulle Agavenattacke. Die Textur ist rund und voll, legt sich im gesamten Mundraum an jede Stelle. Chilischärfe entsteht im Verlauf, das prickelt ganz schön, und eine Fruchtwucht aus Physalis, reifem Pfirsich und bittersüßer Kumquat stürmt den Geschmacksapparat, immer eingebremst von einer strengen Trockenheit. Der Abgang ist sehr lang, heiß, wild, voller scharfem Zimt und gekochter Agave, kitzelt am ganzen Gaumen und klingt dann mit einer vollkommen gegensätzlichen Mentholkälte aus, bei der man noch lange nachwirkend beim Atmen ein feines Frischegefühl verspürt.

Mannomann, was für ein Brand! Grandios. Grandios. Grandios. Ich mag ihn, man merkt es. Wer Tequila liebt, muss ihn probieren, ich sage das nicht oft, weil es übertrieben wirkt, aber: man verpasst als Tequilafreund etwas, wenn man den Fortaleza Tequila Reposado Winter Blend 2019 nicht kennt.

Der Desert Trio ist ein Cocktail, den ich im Buch „American Cocktail“ gefunden hatte, mit der charmanten Erklärung, dass das namensgebende Wüstentrio die drei wichtigsten Wüstenpflanzen in Nevada, der Heimat des Erfinders des Drinks, sind – Agave, Aloe und Salbei. Den Aloe-Vera-Saft bekommt man in Drogeriemärkten, er ist wohl ein moderner Superfood. Ich halte nichts davon, pur schmeckt er gräulich, aber in diesem Drink macht er sich superfaszinierend mit seiner Bitterkeit und exotischen Aromatik.

Desert Trio Cocktail


Desert Trio
4 Salbeiblätter im Shaker muddeln
1½ oz Tequila reposado
½ oz Chartreuse verte
1½ oz Aloe-Vera-Saft
½ oz Limettensaft
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.

[Rezept nach Sean Bigley]


Man hält sich bei Los Abuelos (wie der Brenner mit der NOM 1493 in Mexiko heißt) an die gewohnte Formel – handgemachter Inhalt, handgemachte Flasche, handgemachte Stöpsel mit Echtkorken und einer Agavenpiña oben drauf. Wenn ich alle meine Fortaleza-Flaschen nebeneinander stelle, sieht man, dass keine zur anderen identisch ist, da sind teilweise richtig deutliche Unterschiede. Sowas zeigt, dass hier keine Supermarktware erzeugt wird, wo eine Flasche der anderen identisch gleichen muss, und das gibt mir auch direkt mehr Vertrauen in den Inhalt.

Es scheint, als ob Guillermo Erickson Sauza, der Inhaber der Brennerei, nun jedes Jahr einen Winter Blend herausbringen will – der 2020er steht schon in meinem Regal, wird demnächst auch hier vorgestellt werden. Ich nehme nichts vorweg, wenn ich sage, dass er deutlich anders ist als der 2019er; das passt in das just zuvor gesagte: Ein Tequilero, der keine Dauer- oder Massenware produziert. Und für mich ist das sehr viel wert, und unterstütztenswert, auch wenn die Preise natürlich mit über 100€ für die Flasche erstmal finanziert werden müssen. Jedoch: es lohnt sich wirklich. So richtig wirklich.

Bier am Freitag – Wettelsheimer Bier Hell

Ich treffe sie selten, meine Brüder, aber wenn, dann tauschen wir immer ein bisschen Alkohol aus – ich bringe einen guten Schnaps mit, und sie sorgen für gutes, oft ungewöhnliches Bier aus der Region. Letztes Mal gab es zwei interessante Biere für mich, ich bespreche natürlich beide, das erste davon heute: das Wettelsheimer Bier Hell. Es stammt aus der seit 1797 aktiven Brauerei Strauß aus Wettelsheim, einem Ort mit 1400 Einwohnern, ein Zeichen für die so lebendige und wertvolle Brauereikultur in Franken. Das Bier ist als Brauereiabfüllung mit 4,9% Alkoholgehalt erhältlich.

Wettelsheimer Bier Hell

Kristallklar ohne Einschlüsse, leuchtende, gelbgoldene Farbe, feiner, dünner Schaum – dieses Bier ist optisch schonmal ein archetypisches Helles. Erst im Gegenlicht sieht man einzelne Bläschchen gemächlich aufsteigen.

Die Nase ist metallisch, getreidig und hefig. Eine leichte Pferdestallnote kombiniert sich mit dunkel wirkendem, aber nur dezent sich anmeldendem Malz. Manch ein Helles biedert sich heutzutage beim Hopfen (ein paar schamlose Gesellen sogar am Aromahopfen!) an, das Wettelsheimer Hell tut das in keiner Form. Sehr würzig und ohne auch nur den Anflug von Frucht.

Im Mund bekommt man was zu kauen. Eine sehr cremige Textur füllt ihn ganz aus, mit leichter Süße. Diese wird im Verlauf aber schnell aus dem Dorf gejagt, Würze – fast schon eine Spur Salzigkeit – tut sich mit prägnanter Säure zusammen und lässt das Bier in eine ganz andere Richtung drehen. Getreide und rostige Nägel dominieren das Geschmacksbild, wie von einem Hellen zu erwarten ist, hält es sich aromatisch zurück und konzentriert sich auf tolle Rezenz, Helltönigkeit und Klarheit. Entsprechend kurz ist der Abgang, feinherb, trocken, die Getreidenoten mit sich führend bis zum Schluss. Mit schöner Würze, die noch etwas am Gaumen hängen bleibt, endet es schließlich.

Ja, das ist ein Bier, das sich nicht anbiedert oder besonders gefallen will. Es steht stolz da und lässt sich nicht von Wünschen nach Geschmeidigkeit und Easydrinking einlullen. Ein kräftiges Produkt seiner fränkischen Landschaft, mit Charakter und Wumms. Schade, dass es so schwer zu bekommen ist, das würde ich sehr gern öfters im Glas haben!

Mission Armagnac® – Castarède Bas Armagnac XO

Ich bin wirklich kein Weinkenner, doch selbst mir ist verständlich, dass bei einem Weinbrand der dafür verwendete Wein eine natürlich große Rolle spielt. Für viele Weinbrände ist klar geregelt, welche Rebsorten für die Produktion eingesetzt werden dürfen; bei Armagnac sind es genau zehn, vier davon machen den Löwenanteil aus: Ugni Blanc, Colombard, Baco und Folle Blanche. Die klassische Armagnac-Rebsorte ist letztere Folle Blanche, die erst nach ihrer praktischen Vernichtung in der Phylloxerakatastrophe 1878 durch andere Rebsorten ersetzt oder ergänzt wurde. Heute gewinnt sie wieder an Beliebtheit – ich hatte 2019 in einer Masterclass mit Marc Darroze (rechts im Bild) und Olivier Chapt (ganz links) eine spannende Vergleichsreihe, in der ein junger, rein auf Folle Blanche basierender Cognac mit einem ebensolchen Armagnac verglichen werden konnte. Das gleiche gab es dann auch für Ugni Blanc und Colombard.

Spirits Selection 2019 Folle Blance Chapt vs Darroze

Warum reite ich so auf dieser seltenen Rebsorte herum? Für die meisten Armagnacs wird eine Rebsortenmischung eingesetzt, es sind aber auch, wie gerade gezeigt, auch Einzelrebsortenbrände verfügbar. Manche Anbieter des Castarède Bas Armagnac XO schreiben in ihren Shopbeschreibungen, dass dieser Armagnac aus dem ältesten Maison für Armagnac (Gründungsjahr 1832) zu 100% aus Trauben dieser Weißweinvarietät hergestellt wird; das ist aber nicht der Fall. Das macht diesen Armagnac keinesfall schlechter, man sollte einfach nur wissen, was man trinkt – und nicht den Bekundungen der Shops glauben, die sich meist selbst nicht wirklich mit den Spirituosen, die sie verkaufen, auskennen.

Die gesetzlichen Regelungen schreiben für einen französischen Weinbrand mit der Alterskennzeichnung „XO“ eine Holzfassreifungsdauer von mindestens 10 Jahren vor, seit der Änderung vor einigen Jahren, als das Mindestalter von 6 Jahren angehoben wurde. Wie Whisky auch ist Armagnac durchaus vom Fass definiert, darum gönnt Maison Castarède seinem XO auch ein bisschen mehr als die gesetzliche Mindestdauer. Hier lässt man den Brand 20 Jahre in Eichenfässern liegen; das Abfülldatum ist auf dem Rücketikett als 22.02.2021 vermerkt. Das ist gar nicht so weit von meinem Verkostungszeitpunkt im April 2021 entfernt; ein frischer Eindruck also, den ich hier nun schildere!

Castarède Bas Armagnac XO

Die dunkle, terracottabraune Färbung überrascht mich bei einem so alten Brand nicht. Die schwerschwappende, träge Konsistenz passt sehr dazu, wie auch die vielen dicken Beine, in denen die Flüssigkeit langsam an der Glaswand abläuft.

In der Nase kommt der Castarède XO zunächst sehr süßfruchtig an. Pflaumen, Kirschen, reife Banane, ganz leicht nur Ananas und Aprikosen. Traubigkeit und Tresterigkeit kommt danach. Nach leichtem Schwenken kommen dann die würzigen Aromen zum Vorschein, unterstützt von Zimt, Kokos und Karamell, und auch eine leichte Nussigkeit, Mandeln vor allem. Nur ein milder Anflug von Rancio lässt den Brand jünger wirken, als er ist. Eine gewisse Erinnerung an Bourbon stelle ich fest, das sind wahrscheinlich die Holzreifungsnoten aus Vanille, Zimt und trotz des hohen Alters nur leichter Holzigkeit.

Der Antrunk wirkt zunächst erst unauffällig und süßlich, doch dann mit einer sich schnell über den ganzen Gaumen auswirkenden Breite. Die Textur ist entsprechend groß und voll, mit öliger Konsistenz und viel Volumen. Im Verlauf wirkt der Castarède XO dann leicht schokoladig, mit Erinnerungen an Toffee, Nougat und Traubennussschokolade. Milde und ausdauernde Pfeffrigkeit kitzelt an der Zungenspitze, sicherlich nicht den 40% Alkoholgehalt entstammend, mehr eine der Würze zuzuschreibende Pikanterie. Zugrunde liegt beständig eine schwere, aber nie klebrige Fruchtsüße, die gegen Ende in eine knackig bittere Trockenheit übergeht.

Castarède Bas Armagnac XO Glas

Der Abgang schließlich ist mittellang, weiterhin leicht pfeffrig, wirkt aber trotz dessen mentholisch kühl, mit sehr gelungener Süßtrockenbalance. Er wird gegen Ende dann plötzlich überraschend blumig und dabei immer kälter, die anästhesierte Zunge friert es fast, und klingt mit sehr angenehmen, prachtvollen Trauben- und Fruchtnoten dann sehr langsam über viele Minuten aus.

Viele Traubenbrände haben das Problem, dass die Nase grandios ist, der Geschmack danach vergleichsweise enttäuscht. Hier ist das definitiv nicht der Fall. Ein entspannter Brandy, die 20 Jahre haben viel des typischen Feuers eines jungen Armagnacs gelöscht, alle Ecken und Kanten ausgeglichen und eine Rundheit und sanfte Feinheit, die allerdings trotzdem nie flach oder langweilig wird, daraus erzeugt. Das trinkt sich mühelos, allerdings nicht unkomplex, gemütlich, aber nicht seniorenhaft. Aufregung ist diesem Armagnac inzwischen fremd, doch er hält die Erinnerung an die wilden Tage noch aufrecht.

Der Froupe Cocktail ist wieder mal ein alter Klassiker aus der Craddock-Schmiede des Savoy Hotels. Im Original wird Cognac verwendet; ich sehe keinen Grund, diesen nicht durch Armagnac zu ersetzen, im Gegenteil – das Volumen und das sanfte Feuer des Castarède XO gibt diesem Drink sogar eine kleine Extrawürze, die in so einer süßlastigen Rezeptur gar nicht schadet.

Froupe Cocktail


Froupe Cocktail
1½ oz Armagnac
1½ oz süßer Wermut
1 Teelöffel Bénédictine
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Harry Craddock]


Wie für ein bodenständiges Destillat wie den Armagnac durchaus üblich, ist die Präsentation zurückhaltend bis fast schon asketisch – eine einfache Halbliterflasche, Echtkorken, Etiketten mit nur wenigen Worten darauf, und einem charmant mit Schreibfehlern versehenen Versprechen des Maisons auf der Rückseite, dass alle Angaben (viele sind es ja nicht) stimmen. Das oben bereits erwähnte Abfülldatum ist jedenfalls sehr lobenswert. Es scheint, dass es auch einen Geschenkkarton dafür gibt, dieser wurde bei meiner Onlinebestellung leider auch auf Anfrage nicht mitgeliefert.

Ich hatte meine grundsätzliche Meinung zu Armagnac und dessen Positionierung in der Weinbrandwelt ja bereits vor ein paar Jahren in meinem Artikel über den Comtal VS kundgetan – und daran hat sich nichts geändert. Ich freue mich, dass sich auch in Deutschland nun mit Nicolas Kröger jemand mit gutem Ruf und Netzwerk der Spirituose unter dem Motto „Mission Armagnac“ annimmt und die moderne Trinkerschaft auf der Suche nach hochwertigem Schnaps dafür begeistern will – da bleibt mir nur, so richtig viel Erfolg dabei zu wünschen!

Premix am Freitag – Havana Club Verde

Man entkommt der Fernsehwerbung für den Havana Club Verde aktuell ja kaum. Ich finde sie etwas überdreht und künstlich, ein Grund mehr, ihr nachzugehen und zu schauen, was das Zeug taugt. Meine Erwartungshaltung ist trotz einer vorsichtigen Skepsis gegenüber derartigen Partyprodukten schon neutral, denn ich weiß, dass Havana Club einen vernünftigen kubanischen Basisrum machen kann, womit schonmal die Frage nach der grundlegenden Qualität eines solchen aromatisierten Rums geklärt ist.

Die Kommunikation auf dem sehr hübsch gestalteten Etikett ist erfreulich deutlich – weißer Rum mit „Botanicals“ (also Kräutern und Gewürzen) und Zitrusfrüchten versetzt, auf 35% Alkoholgehalt eingestellt und wegen diesen beiden Eigenschaften als „Spirit Drink“ und nicht als „Rum“ deklariert, da wird also niemand verschaukelt. Eine eigene Zusatzmessung hat rund 16g/L Zusätze ergeben, das hält sich für so ein Produkt sehr im Rahmen.

Havana Club Verde

Geruchlich sticht direkt die Grapefruit und bittere Orangenzeste hervor. Sehr fruchtig wirkt das, unterbaut von einer milden, sehr dezenten Kräuterigkeit, die mich an Rosmarin erinnert. Durch die Aromatisierung kann man den Rum aber weiterhin erkennen, insgesamt ist das ein sehr ansprechendes und gar nicht unkomplexes Geruchsbild. Im Mund setzt eine Bittersüße vom Antrunk an ein, auch hier sind Grapefruit und Rosmarin die aromatischen Hauptkomponenten. 35% Alkoholgehalt geben doch einiges an Kraft, sorgen auch für eine gute Textur und ein angenehmes Mundgefühl. Der Abgang ist mittellang, dominiert von der Bittere der Zitrusfrucht, leicht trocken und warm. Er klingt mit einem leicht kräuterigen Hauch aus.

Natürlich ist diese Spirituose nicht als Purgetränk für den Highend-Genießer oder Rumnerd gedacht, sondern als einfache Mixzutat für Longdrinks. Ich schütte mir schnell rein nach Augenmaß das Rezept auf der Flaschenrückseite zusammen (folge also dem, was die meisten Käufer auch tun werden, ersetze nur die Grapefruitscheibe durch ein paar Limettenviertel). Und ich werde auch hier gar nicht unangenehm überrascht – tatsächlich entsteht aus der einfachen Mischung mit Tonic Water, ein paar Limettenspalten, einem Minzbusch und viel Eis ein leichter, sehr trinkbarer Longdrink, nicht zu süß, dafür aromatisch und erfrischend. Spannend sicher für alle, die gern Gin and Tonic trinken, und mal ne fruchtige Abwechslung suchen.

Havana Club Verde & Tonic Cocktail

Nun, ich lehne solche Experimente nicht grundsätzlich ab, auch wenn ich normalerweise eher Genießerspirituosen bespreche. Es gibt außer Leuten wie mir, die sich mit einem Cocktail eine halbe Stunde beschäftigen können, auch die, die einfach nur unterhalten werden wollen und bei einem Drink nicht viel drüber nachsinnieren, was drin ist – eine völlig verständliche Einstellung. Für jene ist die Anschaffung einer Flasche Havana Club Verde, zusammen mit einem Liter Tonic Water, eine Garantie für ein paar schöne Nachmittage in der Sonne, bei denen man sich nicht mit Rezepten von Mojitos oder Daiquiris und Messbechern rumschlagen muss, sondern direkt und ohne Mühe lostrinken kann und trotzdem was vernünftiges im Glas hat. Unkompliziert und unterhaltsam!