Von meiner letzten Brüssel-Reise hatte ich so einige Spirituosen und Biere belgischer Provenienz mitgebracht. Leider wohne ich in einer Gegend, in der man keinen Respekt vor der Mühe solcher Beschaffungsarbeit hat – als ich das Auto ausräumte und eine Tasche mit einem belgischen Likör und zwei Flaschen des Corsendonk Agnus Tripel kurz vor der Eingangstür abstellte, um andere Gepäckstücke ins Haus zu tragen, musste ich feststellen, dass jemand die Tasche gestohlen hatte in den wenigen Minuten, in denen ich nicht aufmerksam war. Sehr ärgerlich, und ich verstehe nicht, warum man so wenig Nachbarschaftlichkeit haben kann. Nun, zum Glück hatte ich vor einiger Zeit bereits ein Foto und Geschmacksnotizen des Corsendonk Agnus, im Auftrag gebraut für Corsendonk durch die Brasserie du Bocq, angefertigt. Ich gebe das hier so wie damals geschmeckt wieder und werde die Notizen mit irgendwann zu kaufenden neuen Flaschen anpassen.
Beim Eingießen ins Glas zischt es laut, wie bei vielen Bieren mit Flaschennachgärung. Eher großblasiger Schaum entsteht dabei, der von sehr starker, sichtbarer Perlage am Leben erhalten wird. Das Bier ist hell, farblich weist es ein naturtrübes Ocker auf. Milde, aber durchaus bittere Zitrusnoten sind der erste Geruchseindruck, kombiniert mit Limettenschale und Grapefruitsaft. Etwas Waldmeister entdecke ich, dazu eine direkte Assoziation zu dem bekannten Brausepulver. Ein leichter Eindruck von Hefe.
Cremig und voll wirkt das Agnus im Antrunk, die Süße, die man zu schmecken meint, wird direkt ersetzt durch prägnante, aber nicht derbe Säure und feinherbe Bittere (30 IBU). Auch hier – viel Zitruscharakter der bitteren Art, Limette, Grapefruit. Kandiszucker und Malzigkeit unterbaut das ganze. Sehr rezent und frisch. 7,5% Alkohol sind für ein Tripel wenig, dafür ist der Alkohol schön eingebunden. Der Abgang ist kurz, effektvoll bitter, sehr trocken mit säurebasierter Astringenz. Ein seltsames, rauchig-erdiges Gefühl hallt eine ganze Weile nach, mit erneuter Reminiszenz an Waldmeister.
Im Fazit ein leichtes, interessantes Tripel, das sowohl als Essensbegleiter den Gaumen effektiv reinigen, als auch alleinstehend als Genussbier überzeugt. Die hohe Rezenz und die zitruslastige Frische lassen mich an den Sommer denken – die eine oder andere Flasche wird mir die Sommerhitze erleichtern, da bin ich mir sicher.
„Schnaps“ ist ein Wort aus der Umgangssprache, das nicht klar definiert ist. Manche sehen es als Synonym für „Spirituose“, oft im Zusammenhang mit der Wortherkunft des „Schnappens“, grob gemeint etwas Hochprozentiges aus einem kleinen Glas schnell zu trinken – also eher was, was dem Effekttrinken entstammt und weniger dem Genusstrinken. Das kann man theoretisch sowohl mit einem klaren Obstwasser als auch mit einem dicken Likör machen, mit einem mehr oder weniger ansprechenden Ritual, wie das Glas auf den Tisch zu klopfen, ein bisschen Salz und Limette dazu zu konsumieren oder das Glas danach umgekehrt wieder hinzustellen. Nichts von alle dem will ich aber meinen Lesern empfehlen, aus der Pubertät sind wir schließlich raus.
Umso kniffliger wird es aber, wenn ich das Wort auf einem Etikett lesen kann, wie beim Stedeler’s Heuschnaps (amaro al fieno) von Stedeler’s Stamperl aus Deutschnofen/Nova Ponente in Südtirol. Die deutsche Bezeichnung hier ist „Heuschnaps“, das ist erstmal relativ unspezifisch, was die tatsächliche Spirituosenkategorie angeht – es gibt ja Heugeiste, Heuliköre und Stufen dazwischen. Der italienische Untertitel ist da schon klarer, ein Amaro ist per Definition ein Likör. Und ich nehme es einfach mal vorweg, sensorisch ist das auch ziemlich schnell deutlich, dass wir hier einen Likör vor uns haben. Hergestellt wird er aus einem Grappa-Basisdestillat, das mit Zucker gesüßt und mit Heublumen aromatisiert wird. Die genaue Herstellung hatte ich beim Brenner erfragt, aber noch keine Rückmeldung erhalten – das liefere ich nach, wenn ich mehr weiß. Jedenfalls haben wir 38% Alkoholgehalt im Glas, und schauen uns den Schnaps mal an, bevor wir ihn den Rachen hinunterkippen – langsam und gemütlich, bitte!
Optisch passt das jedenfalls schonmal: eine heuige, nicht strohige, Farbe, kräftig dunkel, mit leichten Eindrücken von braun, gelb und grün, das ist wirklich geerntetes und leicht gelagertes Heu. Die Flüssigkeit bewegt sich etwas viskos, schwappt schwer hin und her, hinterlässt dabei dicke Beine am Glas.
Ich halte die Nase ins Glas, und bin verzaubert. Eine krasse Zeitreise findet plötzlich statt, ich fühle mich versetzt in meine Kindheit, als wir bei meinem Klassenkameraden Josef auf den Bauernhof eingeladen wurden und im Heu gespielt haben. Gerüche sind perfekt passende Schlüssel zu den Schlössern unserer Erinnerungen, kein anderer Sinneseindruck spielt so direkt und auf atavistische Art und Weise mit unserem Gehirn, und Stedeler’s Heuschnaps ist ein ideales Beispiel dafür für mich. Diese wunderbare Mischung aus herben, gereiften Grappa-Aromen, einer Kandiszucker- und Honigwürze, dazu diese grasig-vegetale Kombination aus gelagertem Heu und frisch geschnittenem Rasen im Frühsommer, die darin gefangenen, langsam trocknenden Kornblüten. Leichte Erdigkeit, bunte Trockenfrucht, ganz ehrlich, es ist das Gesamtbild, das aus diesen Komponenten entsteht, das mich begeistert und fasziniert. Ich liebe diese Spirituose schon allein wegen des Dufts von ganzem Herzen.
Ich würde, wie oben schon erwähnt, sagen, das ist geschmacklich dann eher ein Likör als ein Schnaps oder Amaro, obwohl gewisse Bitterkomponenten durchaus da sind. Die initiale Süße macht die Textur schwer und dicht, ist aber gleichzeitig punktgenau und sauber, wirkt nicht pappig oder klebrig, und bildet dann die Basis für die Eindrücke von Heu, Gras, einem Weizenfeld im Spätsommer, über das sanfter, heißer Wind streift. Der Grappa ist als Basisdestillat klar erkennbar, wird nicht durch die Aromatisierung untergebuttert, im Verlauf kommt er mit schönem Feuer und wilder Würze, fast schon etwas Pfefferschärfe noch stärker zum Vorschein. Der Abgang ist lang, herbbitter (also doch vielleicht „amaro“?), voller Heuaromen, mit deutlicher Anästhesie am Gaumen und der Zunge, die durch die Süße und Würze von Honig und Kräuterzucker langsam abgebaut wird. Am Ende bleibt ein krautig-grasiges Gefühl zurück, und ein leichtes Süßegefühl auf den Lippen, die man dann gerne sauberleckt, während das langsam erlöschende Feuer nachglüht.
Man merkt vielleicht, dass mir der amaro al fieno gefällt. Nein, das ist nicht die richtige Beschreibung, es ist eine Spirituose, die etwas in mir auslöst, die Begeisterung und Nostalgie weckt, und dann am Ende eine tiefe Befriedigung zurücklässt. Ich mache ja immer jährlich eine Shortlist der besten Spirituosen, die ich in dem Jahr getroffen habe – Stedeler’s Heuschnaps wird mit hunderprozentiger Sicherheit 2022 dabei sein.
Ich ersetze einfach frech den Aperol im Commedia All’italiana durch den Stedeler’s Heuschnaps, und erhalte dann einen herausragenden Cocktail, den man garantiert rein auch mit südtiroler Zutaten machen kann und ihn dann vielleicht Commedia All’Altoadige nennen darf. Ich stimme bei beiden Varianten aber Simon Difford zu, der diesen Drink auf Eis serviert – etwas eiskalte Verdünnung gleicht die starke Süße aus, die der Cocktail entwickelt. Wer das mag, kann das Eis natürlich weglassen.
Commedia All’italiana 5/6oz / 25ml italienischer Bitterlikör 5/6oz / 25ml süßer Wermut 5/6oz / 25ml Aperol ½oz / 15ml Grappa ½oz / 15ml Maraschino-Likör Auf Eis rühren. Auf Eis servieren. [Rezept nach Seba Atienza]
Wie komme ich eigentlich zu dieser Spirituose? Es war ein sehr unterhaltsamer Arbeitstrip nach Bozen, um für den kommenden Gault&Millau Genussführer Südtirol (2022/2023) lokale, südtiroler Liköre, Grappe und Obstbrände zu verkosten und zu bewerten. Eine kleine, nette, aber sehr fachkundige Jury bestehend aus Mitgliedern aus Südtirol, Österreich und Deutschland setzte sich da im klassischen Parkhotel Laurin unter der Leitung von Jürgen Schmücking zusammen, um diesen neuen Bereich im Genussführer zu füllen.
Neben den zu verkostenden Spirituosen habe ich auch die kulinarische Seite Südtirols etwas kennengelernt, saftige Schlutzkrapfen, Knödeltris in brauner Butter, jeweils mit wunderbar angemachtem Kraut, Vesperplatten mit lokalem Speck, Schinken und Käse, und eine unglaublich hübsche Hotelbar mit sehr gut geschultem Personal, bei dem Perfect Manhattans, Smoky Negronis und andere Drinks sauber zubereitet und unaufgeregt angerichtet über den Tresen gingen. Bozen ist wirklich eine Reise wert, und vielleicht trägt der eine oder andere dann sogar den nächstjährigen Gault&Millau Genussführer Südtirol mit sich, um vielleicht unseren Schnapsempfehlungen darin zu folgen und sich eine der wirklich großartigen Brände aus Südtirol mit nach Hause zu nehmen.
Grundsätzlich nur lokale Zutaten zu verwenden, das ist ein Trend, den immer mehr Hersteller aufgreifen. Natürlich sind es immer noch nur eine Handvoll Mutiger, die das wirklich konsequent durchziehen können (neulich habe ich bei der Fernsehkochshow „Kitchen Impossible“ einen schwäbischen Gastwirt aus der Nähe von Reutlingen gesehen, der selbst auf Pfeffer verzichtet, weil dieser nicht innerhalb von 25km rund um sein Restaurant angebaut werden kann, und stattdessen Senfsaat zum Würzen einsetzt). Die Pax Bräu Rhöner Hopfensonne gehört laut eigener Aussage zu dieser kleinen, aber feinen Gruppe von Produkten, die nur mit in der Rhön örtlich direkt verfügbaren Zutaten hergestellt wird. Heraus kommt eine schwierig zu kategorisierende Bierspezialität, irgendwo zwischen Pale Ale und Lager, mit 5,5% Alkoholgehalt in eine Literflasche mit Bügelverschluss abgefüllt, und wie für Pax Bräu eigentlich üblich unfiltriert, unpasteurisiert und unstabilisiert.
Gold im Glas, mit leichter Blässe und Trübung. Schaum baut sich beim Eingießen auf, ist nach ein paar Minuten auf einen feinen, aber immer noch als Krone bezeichenbaren Flaum zusammengefallen. Deutliche Perlage ist erkennbar. Die Nase ist sehr Pale-Ale-typisch, mit milden, aber effektiven Hopfenfruchtaromen von Mango, Grapefruit und einem Anflug von Gurke.
Deutlich herbe Bittere ist schon im Antrunk vorhanden. Die Fruchtaromen von der Nase sind im Mund sehr zurückgenommen, dafür hat eine getreidige Würze nun Vorrang. Ich finde das ein bisschen unrund, kantig, das wirkt nicht zu hundert Prozent durchkomponiert. Selbst in den ersten Schlucken hat man durch die ungesteuerte Herbe ein gewisses Schalheitsgefühl, das sich bei steigender Trinktemperatur weiter ausbildet. Ein Bier zum richtig kalt trinken, definitiv. Im Abgang kommt nochmal eine Schippe Bittere drauf (23 Bittereinheiten sind gemessen), in Kombination mit der ebenfalls zunehmenden Trockenheit hat man dann schon ordentlich Astringenz am Gaumen – ein richtiger Spuckesauger ist das Ding dann. Der Nachhall ist sehr blumig, von den Aromen aber eher kurz, die Bittere bleibt lange als Effekt vorhanden.
Hier sieht man etwas die Probleme, die auftreten, wenn man in Literbomben abfüllt. Das erste Glas hat mich überhaupt nicht überzeugt, es war nur flach und bitter; die späteren Gläser waren deutlich trüber, mit mehr Hefe, und dadurch mehr Volumen und Körper. Hier zeigt sich die Rhöner Hopfensonne von einer völlig anderen Seite. Ich denke mal, ich erinnere mich lieber an das letzte Glas – und wenn meine Leser so eine Flasche kaufen, sollten sie dran denken, sie vor dem Trinken ein paar mal sanft zu wenden, um eine bessere Durchmischung von Anfang an zu haben.
Man findet ja recht viel Material zweifelhafter Qualität, wenn man sich über Spirituosen, deren Herstellung und Geschichte informieren möchte. Alte Mythen halten sich lang, neue Fantasien breiten sich schnell aus, und oft genug haben Hersteller auch sehr großes Interesse daran, die eigene Variante der Geschichte von Rum und wie man ihn traditionell herstellt als die einzig wahre darzustellen, oder seltsame Praktiken zu rechtfertigen. Man braucht schon etwas Sitzfleisch und Einblick, um manche der Aussagen, die in diesem Geschäft getätigt werden, richtig einordnen zu können. Um so mehr freut es mich, wenn man im Fernsehen auf Arte plötzlich auf eine kleine Minidokumentation stößt, die zwar herstellernah gedreht ist, aber doch mit genug Hintergrundinformation den gesamten Beitrag aufwertet – und hübsche Fernweh-Bilder dazu mitliefert.
Nicht, dass ich den Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum unter den Verdacht stellen wollte, an unstatthaften Praktiken, von denen es im Rumgeschäft mehr als genug gibt, teilzuhaben, im Gegenteil: Den Vorgänger dieses Rums hatte ich oft genug als Beispiel empfohlen, wenn mich jemand nach ehrlichem, sauberen, typischen und hochwertigen Rum gefragt hat. Vorgänger? Ja, denn die hier besprochene Variante ist ein neuer Blend, den die neue Master Blenderin von Mount Gay, Trudiann Branker, als eine ihrer ersten Amtshandlungen vor einigen Jahren einführte. Er ist anders zusammengestellt, und in Deutschland zumindest etwas teurer geworden. Kann ich ihn trotzdem weiter genauso empfehlen, wie ich es früher mit dem Blend ihres Vorgängers Allen Smith getan habe? Ich nehme das Fazit vorweg und sage: Ja. Die Details zu dieser knappen Aussage folgen nun.
In Deutschland muss, wenn Farbstoff eingesetzt wird, dies auch bei Spirituosen deklariert werden, und entsprechend findet man den Hinweis hier auf dem Rücketikett und der Kartonunterseite (im Gegensatz zu dem ganzen Restetikett verrückterweise in deutsch). Selbst bei hochwertigen Produkten meinen die Hersteller, es sei nötig, auch wenn es nur in kleinsten Mengen zur Chargenangleichung getan wird – irgendwie sollte sich diese Sitte auch irgendwann mal selbst erledigen. Es hinterlässt höchstens ein schlechteres Gefühl, wenn man diese wunderbare, leuchtend bernsteinfarbene Flüssigkeit vor sich hat, die sich mit leichter Viskosität im Glas bewegt und dabei mit erstaunlicher Krummwinkligkeit nach unten strebende Beinchen an der Glaswand hinterlässt.
Die Nase ist für mich persönlich ein kleines Träumchen, eine hübsche Melange aus Kokosfleisch, Marzipan, Nougat, Shortbread und Butter. Eigentlich wie ein leckerer Kuchenteig, dazu ein paar zerdrückte Nüsse und dezente Fruchttöne von Aprikosen, Rosinen und Orangen. Von letzterer ist vielleicht noch etwas Zestigkeit da, die das Gesamtbild etwas auffrischt und nicht zu dunkel werden lässt. Ein gewisser Alkoholhauch sollte nicht unterschlagen werden, schnuppert man zu tief, zwickt es etwas in der Nase, aber bei diesem Duft hat man eh wirklich schnell Lust, den Stoff auch zu probieren.
Ein dazu passendes Mundgefühl begrüßt den Verkoster dann auch, süß und mit all diesen Kuchenteigaromen von Marzipan bis Streusel, aber leicht und luftig von der Textur her, gar nicht so schwer, wie man es vielleicht erwarten würde. Sehr süffig und rund, ganz ohne jede Kante, erst im Verlauf bildet sich ganz vorsichtig etwas Würze heraus, die aus den drei zur Reifung verwendeten Holzsorten stammen könnte – aber gar nicht wirklich holzig wirkt. Etwas Zimtschärfe kommt dazu, wärmt zusammen mit den gut gewählten 43% Alkoholgehalt den Gaumen, und bereitet die Leinwand für die so typischen Barbados-Rum-Aromen von Kokosfleisch und Nougatschokolade, unterfüttert von Trockenobst, Honig und Butterscotch, mit minimalen Anflügen von Ledrigkeit und Tabakblättern. Der Abgang ist leicht und eher kurz, hier kommt diese Kokosnote ganz besonders zum Tragen, und etwas Holz taucht dann auch noch auf. Mit ganz milder Anästhesierung und Astringenz klingt der Mount Gay XO dann aus – ein wirklich archetypischer Barbados-Rum, mit extrem hoher Typizität, einfacher Drinkability und einem sehr schmeichelnden Charakter.
Rum dieser Art funktioniert in praktisch jedem Rumcocktailrezept, da muss man nicht groß überlegen. Ich dachte mir, er könnte in einem December Morn durch seine natürlich Süße den sauren Komponenten etwas zusätzlich entgegenstellen, und, was soll ich sagen, das funktioniert prächtig. Ein wirklich hübscher Drink, der mit dem Mount Gay XO Triple Cask nahezu perfekt wirkt.
December Morn 1½oz / 45ml gereifter Rum ½oz / 15ml Apple Brandy ¾oz / 23ml Grenadine ½oz / 15ml Zitronensaft 1 Eiweiß Auf Eis shaken, dry shake. Mit Zimt bestreuen. [Rezept nach Jane Danger]
Die dem Triple Cask namensgebenden drei Fässer waren vorher mit American Whiskey, Bourbon und Cognac belegt (zum Unterschied zwischen „American Whiskey“ und „Bourbon“ verweise ich gern auf die Bourbon-Artikel bei mir). Es heißt nicht, dass das gesamte Destillat in drei Holzarten gereift wurde – es ist nur ein Teil in der jeweiligen Holzart gelagert worden und die Teile werden dann miteinander verblendet. Die gesamte Reifung fand in tropischem Klima statt und dauerte zwischen 5 und 17 Jahren für die einzelnen Blendteile. Das Destillat dafür entstammt einer Fermentation mit Wild- und Zuchthefen von Melasse aus Barbados und „der Karibik“, d.h. man greift auch auf importierte Melasse zurück, wie in vielen Ländern und bei vielen Herstellern, selbst, wenn selbst noch Zucker hergestellt wird; die eigen hergestellte Menge reicht einfach nicht mehr aus. Vier unterschiedliche Brennapparate kommen zum Einsatz, Pot Stills wie Column Stills. Man sieht: Das ist ein wirklich stark durchmischter Blend, da kommt alles zum Einsatz, was die Brennerei an Material und Technik zu bieten hat.
Zu guter letzt gilt es, noch die Geschenkverpackung und das opulente Design anzusprechen. Neben den unzweifelhaften Qualitäten dieses Brands und der aufwändigen Herstellung weckt dieser letzte Punkt sicherlich auch das Interesse von Präsentsuchern – und mit dem sehr guten Preisleistungsverhältnis in Kombination mit dieser geschenktauglichen Verpackung ist der Mount Gay XO Triple Cask Blend Reserve Rum ganz sicher für viele Käuferschichten interessant und kaufenswert. Ich mag ihn einfach, weil er toll schmeckt, mir reicht das als Anreiz.
Ich habe neulich erwähnt, dass mein lokaler Edeka-Markt eine sprudelnde Quelle toller Biere ist. In der Reihe mit den belgischen Bieren, die man dort findet, steht auch das Duo Grimbergen Blonde und Double Ambrée. Doch auch wenn die Aufmachung, die Sprache und die Regaleinsortierung auf belgisches Bier hindeutet, muss man hier vorsichtig sein. Der Hersteller lässt sich auf dem Etikett genüsslich über die Geschichte eines Klosters aus dem Jahr 1128 aus, nur um dann auf dem Rücketikett den kleinen Hinweis zu platzieren, dass das Bier in Polen gebraut ist, unter der Aufsicht des riesigen Carlsberg-Konzerns. Mit einem belgischen Abteibier hat das hier also nichts mehr zu tun, auch wenn es sich so gibt. Bei mir sammelt man mit so einem Marketingmove schonmal Negativkarma, aber ich will das Bier selbst auch probieren, bevor ich mich allzusehr aufrege.
Fangen wir mit dem helleren der beiden Biere an. Das Grimbergen Blonde ist kristallklar im Glas, mit einem der Flaschenfarbe sehr ähnlichen Ton, einer Mischung aus Haselnussbraun und gehämmertem Messing. Schaum ist eher Mangelware, schon beim Eingießen entsteht kaum welcher, und nach einer Weile ist höchstens noch eine Idee davon da. Ordentlich gekühlt gibt es kaum einen Geruch von sich, leichte Getreidetöne vielleicht, ein Anflug von dunkler Frucht, etwas leicht rostige Stahlnägel. Kein Bier, an dem ich lange schnuppern muss.
Das erste was mir auffällt, ist eine sehr unrunde Süßsauer-Balance, das wirkt künstlich, ist es wahrscheinlich auch: der Zusatz von Glukosesirup und karamellisiertem Zucker dient oft der Flaschengärung, hier halte ich es für Panscherei. Auch die Fruchtigkeit wirkt nicht aus Hopfen entstanden, von vorne bis hinten ist die Aromatik seltsam, das beste ist noch der Nelkenton, der hin und wieder durchscheint. Das Mundgefühl und der Alkoholgehalt von 6,7% retten, was zu retten ist, eine schöne Textur und saubere Frische können aber nur ansatzweise verhindern, dass das Bier bei mir vollständig durchfällt – das wirkt wie ein Biermischgetränk, künstlich, falsch, billig gemacht.
Das war ein herber Dämpfer für meine Bierbegeisterung. Dem GrimbergenDouble Ambrée hat man damit eine heftige Anfangslast aufgebürdet. Farblich grenzt es sich von seinem unschönen Vorgänger jedenfalls mal ab – ein dunkles Espressobraun, mit crèmefarbenem Schaum, der nach kurzer Zeit nur noch als feiner Flaum auf der Bieroberfläche bleibt. Geruchlich merke ich kaum einen Unterschied, leichte Getreidetöne, etwas Malz vielleicht, die Stahlnägel sind auch hier vorhanden. Ein Anflug von Röstaromen, aber nur ein Anflug.
Geschmacklich ist hier jedenfalls mal mehr als beim Blonde zu finden, jedoch ist auch hier die pappige, unangenehme Süße vorherrschend und alles andere zerstörend. Malz und Röstaromen kommen etwas nach vorne, bei einem dunklen Bier verzeiht man irgendwie auch die Süße etwas mehr als bei einem Hellen. Dennoch wirkt auch das Double Ambrée leichtkörperig, insgesamt fehlt es ihm trotz der 6,5% Alkoholgehalt an Tiefe, nur die Süße sorgt für etwas Breite und Mundgefühl, aber das ist ingesamt viel zu wenig. Rostiges Eisen und Getreide, mehr ist da auch geschmacklich nicht. Der Abgang bleibt kurz, adstringierend, fast schon klebrig süß. Oh, das ist vielleicht einen Ticken besser trinkbar als das grausige Blonde, aber nur unwesentlich.
Ardet nec consumitur, „verbrannt aber nicht zerstört“, das ist das Motto dieses Biers, das auf die in der Einleitung angesprochene Erzählung des dreimal abgebrannten Klosters Grimbergen anspielt. Also, wegen des Biers hätten sie die Abtei nicht wieder aufbauen müssen, im Gegenteil – manchmal hat das Schicksal schon seine Wege, jemandem zu sagen, dass das Produkt nichts taugt. Caveat emptor wäre das bessere Motto.
Wir sind es gewohnt, uns Lieblinge zuzulegen. Das Lieblingsessen, das nur bei der Oma so schmeckt, wie es soll, oder der Wein, den man durch viel Ausprobieren gefunden hat. Oder der Whisky dieser speziellen Brennerei aus Schottland, der ist die Krönung, der Geschmack ist einmalig und man freut sich darauf, sich abends ein Gläschen davon einzugießen, in der Erwartung genau dieses Geschmacks. Es ist die Arbeit von Masterblendern und Sensorikern bei den Herstellern, sicherzustellen, dass jede Flasche einer Sorte, die man als Kunde kauft, genau gleich schmeckt, heute, und auch nächstes Jahr und das Jahr darauf.
Nun ist das aber sehr aufwändig, und eigentlich nur leistbar, wenn man mindestens halbindustrielle Anlagen hat, das dafür nötige Destillatlager, und das darauf geschulte Personal sowie den finanziellen Background, so ein Unterfangen durchzuziehen. Und, und das ist das entscheidenste, den Willen dazu. Bei Produkten wie dem Los Danzantes Mezcal Añejo ist wahrscheinlich keines dieser Kriterien erfüllt, und darum muss man damit leben, dass unterschiedliche „Lotes“, neudeutsch Batches oder Chargen, auch recht unterschiedlich schmecken können. Die Brenner sehen sich nicht in der Pflicht, jede Abfüllung einer Geschmacksangleichung zu unterziehen, sie benutzen manchmal sogar unterschiedliche Agavenzusammenstellungen, manchmal unterschiedliche Fasshölzer, da würde es eh schwer sein, den Geschmack vom letzten Jahr zu reproduzieren. Und ich verstehe es – ich als Brenner hätte auch keine Lust, mich dauernd zu wiederholen in meiner Arbeit und Rücksicht auf derartige nostalgische Befindlichkeiten zu nehmen. Ein neuer Lote ist wie ein neues Leben, sang schon Jürgen Marcus in den Siebzigern und drückte damit das Lebensgefühl der Mezcaleros in Oaxaca aus. Naja, beinahe zumindest. Darum sage ich nun vorab klar: Ich beziehe mich bei der nun folgenden Verkostungsnotiz auf Lote 11, Flasche 1400 von 1500.
Für Mezcal gibt es ähnliche Alterskategorien wie bei seiner Unterkategorie Tequila – und die Zeiten sind auch identisch. Ein Mezcal Añejo hat also gemäß dieser Regelungen mindestens 1 Jahr im Fass geruht. Auf dem Etikett ist keine genauere Reifedauer angegeben – recherchiert man kurz auf der hervorragend informativen Seite des Importeurs, findet man aber schnell die Information, dass es sich um „bis zu 16 Monate“ handelt. Das Holz der eingesetzten Nevier-, Limousin- und Weißeichenbäume hat in dieser Zeit bereits ganze Arbeit geleistet, was die Farbe angeht – honigfarben, vielleicht etwas blasser. Im Glas schwenkt sich der Los Danzantes sehr viskos, was dicke Beine an der Glaswand hinterlässt, die schnell ablaufen.
Die Nase ist zunächst mildsäuerlich, aber sehr fruchtig, klar agavenlastig. Apfelessig und -saft, Anflüge von Birnen und eine vorsichtige seifige Blumigkeit, die mich etwas an Weichspüler erinnert, ergänzen das. Nur ganz am Rande riecht man Rauch und Röstung, aber keine speckige Komponente, die sonst bei Rauch oft mitkommt. Dunkle Elemente stützen das ganze, geben Volumen und erinnern an Kakao und Toffee, doch insgesamt bleibt die Aromatik hell und leicht.
Das Mundgefühl ist sehr weich im Antrunk, mit einer süßlichen Note. Auch hier tritt die florale Lavendelkomponente von Anfang an stark in den Vordergrund. Im Verlauf wandelt sich dieser Mezcal dann aber stetig hin zum Trockenen, Feurigen, Würzigen, und der Lavendel verliert dann schließlich auch klar gegen die Espadín-Agave. Letztere gibt dann richtig viel weißen Pfeffer und Ingwerschärfe; 46% Alkoholgehalt sind sehr gut gewählt, sorgen für viel Breite und Tiefe. Holz ist natürlich deutlich schmeckbar, aber unterstützt nur, statt zu überwältigen, wie das leicht passieren kann bei fragilen Agavendestillaten. Eine sehr wirksame Schwarztee- oder Lapsang-Souchongnote ist beständig da und bis zum letzten Hauch erkennbar.
Der Abgang ist lang, mildwarm, sehr trocken, sehr aromatisch nach gekochter Agave, milde, fast grün wirkende Holzaromen und eine extrem dezente, aber wirksame Rauchigkeit. Ganz am Ende kommt Wintergrünöl und Jasmin hervor, und letzterer klingt sehr lange nach. Ein sehr kraftvoller, voluminöser und starker Mezcal, dabei handwerklich gut ausgebaut, hier greifen die Komponenten des frischen Destillats und der Holzreifung wirklich passgenau ineinander – ich bin sehr begeistert.
Erneut habe ich mich bei Robert Simonson und seinem sehr guten Buch „Mezcal and Tequila Cocktails: Mixed Drinks for the Golden Age of Agave“ bedient, und mir daraus mit dem The Last Mechanical Art einen Drink herausgesucht, in dem der gereifte Los Danzantes eine der vier gleichberechtigten Rollen übernimmt und zeigt, dass es nicht immer kratzig-rauchige Ergebnisse sein müssen, wenn man Mezcal in einem Cocktail einsetzt, nein, es kann auch dunkelflauschig-aromatisch sein.
The Last Mechanical Art ¾oz / 23ml gereifter Meczal ¾oz / 23ml Cynar ¾oz / 23ml roter Wermut ¾oz / 23ml Campari Auf Eis rühren. [Rezept nach Maks Pazuniak]
Die Flasche ist sehr ungewöhnlich, mit ihren Dellen und dem Bügelverschluss – vor kurzem hat Axel Huhn, der Importeur von Los Danzantes in Deutschland, ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie die Verschlüsse noch von Hand aus Ton hergestellt werden, interessant und bei Facebook auf seiner Seite nachschaubar. Die Etikettierung wirkt edel und vornehm, hält sich aber leider mit Details zurück, was ein Jammer ist – denn zu verstecken gibt es hier nichts, im Gegenteil, man könnte ruhig ein bisschen angeben mit Details.
Ich habe aber bereits die informative Seite von mezcaleria.de angesprochen, die für ihre Produkte diese Details nachliefert, und so erfährt man dort auch, dass dieser Mezcal sehr traditionell hergestellt wird, was bei mir immer gut ankommt. Eine mit Mesquiteholz befeuerte Erdgrube, wilde Hefen, Vergärung in offenen Pinienholzbottichen, eine echte, vom Pferd gezogene Tahona – da versteht man, warum so eine Spirituosenkultur schützens- und unterstützenswert ist, sie ist der Kontrapunkt zu einer seelenlos gewordenen Industrieproduktion, einer Sackgasse, in die wir uns hineinbewegt haben, weil wir immer mehr und mehr wollen, zu immer niedrigerem Preis. Qualität und Tradition werden weniger wichtig als Preis- und Verteilungsstrukturen gesehen, wir sind da in einer Abwärtsspirale, in der sich Konsument und Hersteller gegenseitig verstärken. Es ist wichtig, dass wir als Genießer aus dieser Spirale aussteigen, und die Hersteller dabei mitnehmen. Mezcal hat noch die Chance, diesen Weg mit uns zu gehen: retten wir ihn, bevor auch er abstürzt, er ist kurz davor.
Nachdem ich vor einigen Monaten sehr viel Gefallen am Brauerei Zwönitz Rum Bock gefunden hatte, wollte ich mir natürlich auch noch anschauen, was die sächsischen Brauer aus dem Erzgebirge sonst so zustande bringen. Ein Probierpaket mit verschiedenen Bierstilen, die dort gebraut werden, fand also schnell seinen Weg zu mir. Fünf Flaschen gehörten dazu, die mir einen groben Überblick über das Portfolio der Brauerei Zwönitz geben sollen: Das Feiromd Bier, der Ziegenbock, das Schwarzbier, das Pilsner und das Natur Radler. Ohne viel Rumgerede gehen wir die einfach mal im Detail durch.
Beginnen wir mit dem Zwönitzer Feieromd Bier, wo mich schon der im Dialekt gehaltene Name sehr anspricht – lokale Produkte, lokale Präsentation, das gefällt mir. Auch der optische Eindruck im Glas ist attraktiv, wird dem Untertitel „Rotblondes“ voll gerecht, mit einem Hennarot, das im Gegenlicht wunderbar kristallklar leuchtet. Der Schaum, zunächst üppig, setzt sich etwas auf einen feinen Flaum mit einzelnen Großblasen ab. Unaufgeregt die Nase – leicht malzig, erkennbar getreidig, etwas metallisch, wirkt im Ganzen schön rund und fein. Auch im Mund setzt sich das fort, weich und mild, mit einer wirksamen, unpappigen Süße, die von leichter Säure eingefangen wird und in vorsichtiger Bittere endet. Malzig, feinherb, voluminös und von der Struktur sehr rund und gelungen, ohne große aromatische Highlights, aber toller Rezenz und mit 4,9% wirklich ein Feierabend-Bier – es erinnert mich an ein Altbier. Man merkt, mir gefällt das Feieromd schon wirklich, in seinem klaren Aufbau von Anfang bis Ende, keine Sperenzchen, ein sauberes, schönes, ehrliches Bier.
Wie man von einem Bier dieses Stils erwartet, präsentiert sich das Zwönitzer Schwarzbier (4,9% Alkoholgehalt) schwarzbraun mit rubinroten Reflexen beim Gegenlicht. Schaum bildet sich in schöner Cremafarbe und -struktur. bleibt ein paar Minuten erhalten. Die Nase wirkt einerseits frisch, andererseits dann aber malzig, mit dezenten Röstaromen und einem Anflug von Rauch, insgesamt aber eher zurückhaltend. Die frische Seite taucht im Mund als erstes auf, schöne Säure setzt sich gegen das Malz durch, ergibt ein Bild, das sich deutlich vom optischen Eindruck absetzt. Das attraktive Mundgefühl des Antrunks kippt etwas im Verlauf hin zum Trocken-Bitteren, und verliert dabei deutlich an Volumen, wirkt dann fast wässrig. Der Abgang ist dann sehr kurz, metallisch, nach wenigen Sekunden bleibt nichts übrig. Das ist ein schönes Erfrischungsbier, zum Essen beispielsweise, alleinstehend bleibt es für mich zu einfach und wenig aromatisch.
Der Zwönitzer Ziegenbock hat schonmal eine Farbe, die mir gefällt – schwarzrot, mit nur leichter Transparenz, ich schätze mehr durch die dunkle Farbe als durch echte Trübe. Schaum ist zunächst üppig, sackt in sich dann stiltypisch zusammen. Eine schön malzige Nase mit leichtem Rostton setzt das Bild fort. Etwas röstig, etwas würzig, eine Idee von Speck, aber nur eine Idee. Es beginnt beim Antrunk und setzt sich über die gesamte Verkostung fort – ein herrlich cremiges, fettes, flauschiges Mundgefühl mit einer sanften und dabei doch vollen Textur. Das ist wirklich begeisternd! Die Aromatik ist trotz der Farbe hell, frisch und leicht, mit milden Zitrusanklängen, die sich mit dem dunklen Malz, dem Karamell und den Eindrücken von Ahornsirup und einer Walnuss-Pflaumen-Mischung wunderbar kombiniert. 7,5% Alkoholgehalt sind einem Bock angemessen. Der Abgang ist kurz, süßlich, mildherb und schmeichlerisch. Ein wirklich höchstattraktives Bier!
Das Zwönitzer Pilsner ist kristallklar im Glas, mit kräftigdunklem Gold. Schaum suche ich vergebens, das bisschen, was zu Beginn da ist, ist direkt praktisch komplett verschwunden. Mousseux ist erkennbar, aber eher vorsichtig. Eine Mischung aus Bitterhopfen und Malz begrüßt die Nase, eine deutliche Hefenote liegt darüber. Etwas metallisch, aber das war es dann schon. Im Mund finde ich ein recht typisches Pils, feinherb, nicht zu bitter, mit einer gewissen Klarheit, was die Aromatik angeht. 4,9% Alkoholgehalt verhalten sich unauffällig. Im Verlauf wird es schnell sehr stumpf und metallisch, die Rezenz ist eher mittel, dies hauptsächlich durch eine kräftige Säure. Im Abgang mittellang, leicht blumig und schnell vom Gaumen verschwunden, etwas Bittere verbleibt. Ein eher mäßig spannendes, wenig begeisterndes Pils ohne jedes Highlight, wobei ich sagen muss, dass ich eh kein großer Freund dieses Bierstils bin.
Das eben besprochene Pils findet dann hälftig auch seinen Weg in das Zwönitzer Natur Radler, das zur anderen Hälfte aus einer vielzutatigen Zitronenlimonade besteht – 2,4% Alkoholgehalt bleiben dadurch übrig. Die Limo sorgt wohl für etwas Trübung und Aufhellung im Vergleich zum Pils. Ein sehr grobblasiger, knisternder Schaum zerplatzt schnell auf eine dünne Schicht. Sowohl geruchlich als auch geschmacklich dominiert klar die Limonade, da ist viel Zitrone, schöne Bittere, ein insgesamt frisch und sauerbitter wirkendes Radler – sowas schätze ich, denn die meisten Fertigradler aus Flasche und Dose sind mir viel zu süß, da ist das Zwönitzer eine echte Wohltat. Im Abgang erkennt man noch schön ein hopfiges Bier. Ein wirklich gelungenes Radler, das allerdings für meinen Geschmack doch noch etwas mehr vom Pils erhalten könnte.
Man sieht, das Paket hat mich zwiegespalten, aber von einem Brauer zu verlangen, dass jedes Bier, das er macht, meinem persönlichen Geschmack entspricht, ist natürlich viel zu viel verlangt. Mir bleibt im Gedächtnis, dass der Ziegenbock, das Feiromd Bier und natürlich der früher schon besprochene Rumbock richtig gute Biere sind, die mir viel Freude gemacht haben, und die ich gerne weiterempfehle.
Wir sind in Europa lange Zeit auf eine Standard-Trinkstärke von 40% getrimmt worden. Das war für viele Whiskies, Rums, Wodkas und andere Spirituosen völlig normal, alles drüber wurde schon mit Argwohn betrachtet und mit einem „huihuihui, der ist aber stark“ kommentiert. Heute ändert sich das selbst für Massenmarktprodukte, da sieht man immer häufiger 42%, und im Kennermarkt hat aktuell alles unter 46% einen schweren Stand, da ist die Alkoholstärke das erste, was angemeckert wird, oft noch bevor das Produkt selbst probiert wird, der eine oder andere nimmt inzwischen zu oft einfach an, dass etwas mit 40% ganz selbstverständlich nichts taugen kann. Was nicht wirklich stimmt.
Für ungereiften Rhum agricole gibt es zwar auch Abfüllungen mit einer Trinkstärke von 40% (das Minimum, das zum Beispiel auf Martinique und Guadeloupe erlaubt ist), doch der Standard ist eigentlich 50%. Man sieht das deutlich in französischen Supermärkten, die meistens eine erkleckliche Auswahl des Zuckerrohrsaftrums aus den eigenen DOM/TOMs aufweisen – die Literflasche mit Rum mit 50% gibt es überall, meist von verschiedenen Herstellern, alles schwächere und stärkere ist eher die Ausnahme. Ich habe mir in so einem Supermarkt zwei Standardabfüllungen guadeloupischer Brenner ausgesucht: Rhum Bologne 50% und Montebello Rhum Agricole 50°. Die beiden sollen mir als erste Baseline dienen, um meinen Gaumen langsam für die Reise nach Guadeloupe, die Ende Juni 2022 für mich mit dem Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles ansteht, vorzubereiten – ich finde es immer gut, eine gute Grundlage mit Basisprodukten aus der Region zu haben, einfach um aufwändigere und seltenere Bottlings besser einordnen und wertschätzen zu können. Und gerade bei Rhum agricole sind Basisprodukte meist bereits von erstaunlicher Qualität. Lassen wir die beiden Destillierien, die ich dann auch besuchen werde, mal durch ihre Destillate sprechen.
Fangen wir mit dem Rhum Bologne 50% an. Die Distillerie Bologne befindet sich im Südwesten Basse-Terres, der Hauptinsel Guadeloupes – noch, sie ziehen demnächst, nach 300 Jahren am Ursprungsort, um. So zumindest die Meldung, die die Destillerie vor kurzem auf Facebook veröffentlichte. Ja, es war der 1. April, und ich bin drauf reingefallen. Auf den Schreck hin betrachte ich den Brand besonders genau, doch da gibt es nichts zu mäkeln: glasklar, mittlere Viskosität beim Schwenken, eine dünne Linie bleibt dauerhaft an der Glaswand stehen, selbst nachdem die entstandenen Beine nach unten abgelaufen sind.
Die Nase ist sehr attraktiv, fruchtig und frisch, expressiv und kraftvoll, ohne dabei zu stechen oder zwicken. Tropische Früchte, reife Ananas, etwas grüne Banane, Guaven und Mango rieche ich da, in angenehmem Maß – da wird man nicht von Fruchtestern erschlagen, sondern mit einem runden, weichen, sauberen Duft beglückt. Volle Zuckerrohrpower, trotz der Fruchtigkeit klar und pointiert, ohne schmutzige Destillationsartefakte, gemacht von einem Brennmeister, der die Tails klar abschneidet.
Die wunderbare Tropenaromatik geht auch im Mund direkt weiter, ein bunter Obstsalat aus Ananas, Mango, Banane und anderen Früchten, mit einer sehr ausgeprägten, aber dazu passenden, natürlichen Süße. Dass die Textur schön weich und voll ist, trägt zusätzlich zu einem initialen Mundgefühl bei, bei dem man den Sprit eigentlich gar nicht mehr aus dem Mund lassen will – 50% Alkoholgehalt sind zu keiner Sekunde auch nur erahnbar. Im Verlauf kommt ganz milde Würze auf, die sich gegen Ende zu einem leise wallenden Feuer steigert, aber auch hier ohne jede Kratzigkeit. Der Abgang ist mittellang, sehr sauber, mit einem Anflug von einem floralen Abstecher in den Tropengarten, mit Jasmin, Frangipani und Orangenblüte. Ganz dezente Bittere zusammen mit der Blumigkeit liegt noch lange auf der Zunge. Ein Rum, der wirklich richtig viel Spaß macht, komplett unkompliziert, unterhaltsam, mit aromatischer Wucht und ohne Ecken und Kanten. Wirklich richtig gut gemacht, muss ich sagen.
Gehen wir über zum zweiten Kandidaten des Tages, dem Montebello Rhum Agricole 50°. Es findet sich hier auch die Alkoholgehaltangabe in Prozent auf dem Etikett, doch die frankophonen Guadelouper bezeichnen ihren Sprit normalerweise mit der in Frankreich üblichen „°“-Notation („degrés“). Rein optisch unterscheiden sich die Brände hier nicht, dieselbe dezente Schwere beim Schwenken, das leuchtende Kristall, höchstens das Beinlaufen ist minimal anders, aber nicht weniger hübsch zu betrachten.
Geruchlich kann man aber beim Montebello etwas ganz anderes wahrnehmen, er wirkt sehr viel weniger fruchtig, hat dafür eine leicht kräuterige Note, mit einem Touch von getrockneten Gewürzen. Wassermelonenschale, oxidiertes Kaffeepulver, ein Anflug von Ethanol – insgesamt wirkt dieser Rum sehr viel zurückhaltender und stiller, im direkten Vergleich klar aromatisch ärmer, ohne ins Neutrale zu gehen dabei.
Im Mund ist das dann anders, hier kommen Zitrus- und andere helle Fruchtnoten zum Vorschein, direkt mit kräftiger Würze, die fast schon salzig wirkt, mit einer meiner Ansicht nach deutlich höheren Komplexität als der Bologne, und mehr Feuer und Charakter. Zimt und Leder, Vanille und Mandeln, alles nur in höchst subtilen Anflügen, mit starker Papaya- und Guavenfrucht. Der Abgang ist wieder leicht blumig, mit Nachklängen von getrockneten Gewürzen und einer aparten Mischung aus Bittere und Trockenheit. Ganz anders, aber in keiner Form schlechter – spannend!
Ungereifter Rum ist eigentlich die Cocktailzutat schlechthin, der Archetyp aller Mixspirituosen. Meist ist Melasserum das Mittel der Wahl, doch diese kräftigen Zuckerrohrsaftrums von Guadeloupe können in einem Drink so richtig „Alarm machen“, wie man heutzutage scheinbar sagt. Im Tropic of Cancer gibt der Montebello 50° beispielsweise richtig Feuer und Würze, da muss sogar der sonst so dominante Campari sich warm anziehen, dass der Rum ihm noch Chancen lässt, durchzukommen.
Tropic of Cancer 1½ oz / 45ml ungereifter Rhum Agricole 1 oz / 30ml Campari ½ oz / 15ml Passionsfruchtlikör 1 Prise Salz Auf Eis rühren. [Rezept nach Chad Austin]
Da wir schon beim Mixen sind – rhum arrangé ist eine sehr beliebte Spezialität vieler französischsprachiger Gebiete. Dazu legt man einfach Obst und/oder Gewürze in ungereiften rhum agricole ein und lässt das ganze eine ordentliche Weile ziehen. Ich habe das mit Guaven gemacht, Rhum Bologne wegen der Fruchtigkeit des Destillats hergenommen, und das ganze für 6 Wochen stehen lassen. Keine Angst, da wird nichts schlecht, im Gegenteil, der Rum nimmt diese supertropischen Aromen und den rosa Farbton der Guave an, kombiniert mit der eh schon tollen Struktur ergibt das einen herrlichen Drink für den Sommer. Nur darauf achten, dass die Guaven reif sind (die Schale ist dann gelb und riecht sehr stark nach einer Mischung aus Teer und Frucht).
Die Flaschenformen an sich sind völlig unspektakulär, bei diesem Preisgefüge (ich habe ungefähr grob 18€ pro Literflasche bezahlt) auch voll verständlich, dass da kein überflüssiger Cent reinfließt – Blechschraubverschluss inklusive. Ich finde es unterhaltsam, dass beide Brennereien ein Segelschiff als Logo auf die Etiketten drucken, das ist schon etwas klischeehaft, aber gut, es ist so ein feel-good-Bild, das bei Kunden wahrscheinlich einfach gut ankommt.
Es ist einfach interessant zu sehen, dass diese zwei Rums, die auf derselben Insel und unter derselben ggA hergestellt werden, doch so unterschiedlich sind, aber beide auf ihre jeweilige Art und Weise sehr gut hergestellte, aromatische und dabei süffige Rums sind, die viel Spaß machen, insbesondere wenn man dazu in Betracht zieht, was sie kosten. Ich für meinen Teil habe nun eine gute Basis für die kommende Reise nach Guadeloupe, und werde natürlich nach der Rückkehr über die Destillerien und Menschen berichten, die ich dort getroffen haben werde!
Hier in Saarbrücken ist es inzwischen überraschend einfach geworden, qualitativ hochwertige Nischenbiere in Supermärkten zu bekommen – besonders Edeka tut sich da hervor, die Märkte hier sind besser ausgestattet als viele auf Bier spezialisierte Läden. Manches kriege ich da aber noch nicht, da greife ich dann bei Auslandsausflügen gern zu, wie hier beim Straffe Hendrik Brugs Tripel Bier und Brugs Quadrupel, das ich bei meiner letzten Brüsselreise flugs eingepackt hatte. Ich erwähne es aus Bildungsauftragsgründen gern öfters bei der Besprechung belgischer Biere: der Reinheitsgebotsfreund liest „Kandiszucker“ als Zutat und ist vielleicht verschreckt – muss er nicht sein, das dient der Flaschengärung, die Hefen, die diese Arbeit tun sollen, dürfen schließlich nicht direkt verhungern sondern brauchen einen Snack. Ich jetzt auch und gieße mir das erste Bier ins Glas.
Wie man es lernt, trinkt man von leichter nach schwerer, also fangen wir mit Straffe Hendrik Tripel an (das ist dann natürlich sehr relativ zu sehen, ein leichtes Bier ist auch das nicht). Volltrüb mit einer fast schon Terracotta-ähnlichen Farbe steht das Bier im Glas. Der Schaum, der sich beim Eingießen bildet, ist stabil und eher großblasig, er setzt sich nach ein paar Minuten leicht ab, bleibt aber zentimeterdick über die ganze Trinkdauer. Die Nase ist mildhopfig, hefig, leicht getreidig. Belgische Biere haben oft eine Trinktemperaturempfehlung, die verhindert, dass unser Riechkolben viele Aromen wahrnimmt. Man ahnt aber schon, in welche Richtung das Bier gehen wird.
Und ja, es trifft zu. Deutlich säuerlich, ohne wirklich in die Sauerbierrichtung zu gehen, mit kräftiger Herbe direkt von Beginn an. Leicht getreidig, mild süßsauer, jedenfalls ohne Zweifel ein Bier mit Charakter, das sich nicht anschmiegt. Eine sehr hübsche Textur lässt ein bisschen „Kauen“ auf dem Bier zu, cremig und voll, und das in Kombination mit der sehr ausgeprägten Frische macht das Straffe Hendrik Tripel komplex in seinen Effekten. Leicht blumige Jasmintöne und würzige Nelken tauchen im Verlauf auf, der Nachhall bleiben diese erhalten und werden durch Getreidenoten ergänzt.
Das Tripel ist ein recht kantiges Bier, das mich in seiner Vielschichtigkeit erfreut – jedenfalls etwas, an dem sich ein Verkoster eine Weile abarbeiten kann. Mit 9% Alkoholgehalt hat man einen weiteren Grund, beim Trinken langsam zu machen. Hm, davon hätte ich doch mehr als eine Flasche mitbringen sollen. Naja, beim nächsten Mal!
Aber ich habe ja noch das Straffe Hendrik Quadrupel, um diese Zeit zu überbrücken. Ein paar Wochen später landete es dann auch in meinem Glas. Da es ja keine offizielle Regelung dafür gibt, mit welchem Alkoholgehalt welche Bezeichnung aufs Etikett muss, nennt man das Bier „Vierfach“, um den sehr üppigen 11 Volumenprozent Rechnung zu tragen. Das ist sicher nichts für jeden und auch nicht für jede Gelegenheit, sondern eher was für die ruhigen Minuten für den Freund des Starkbiers.
Optisch ist das ein herbstliches Bier – dunkelbraun und blickdicht, das erinnert mich an das Laubhaufen im Garten, insbesondere, weil der leicht bräunliche, cremafarbene Schaum auch so dazupasst. Letzterer hält sich lang und ist superfein. Die Nase wehrt sich nicht gegen die Herbstassoziationen, dunkles Malz dominiert, reife Mango und eine Mischung aus Ananas und Banane zeigt die sehr milde, aber hochgradig wirksame Hopfung. Sehr aromatisch und zum Trinken einladend!
Auch beim Quadrupel ist eine Säure vorhanden, die aber im Vergleich zum Tripel deutlich milder daherkommt, einfach, weil sie in eine richtig fette süße Cremigkeit eingebettet ist. Die Textur ist fast wie ein griechischer Joghurt, dabei aber durch die hohe Karbonisierung immer noch frisch. Das Malz beherrscht den Geschmack, leichte Röstaromen, Milchkaffee, Walnüsse, aber mit einer erkennbaren Dunkelschokoladebittere, die sich verdammt gut mit der Süße kombiniert. Hier hat man fast alles, was die Zunge schmecken kann, süß, sauer, bitter, und sogar einen Touch umami. Der Abgang ist frisch, frech, hier gewinnt die Säure ein bisschen, aber bleibt rund und fein.
Das ist ein Bier! Wow! Mir bleibt nichts als jedem Leser dringendst zu empfehlen, das mal auszuprobieren, an dem stimmt einfach alles. Das Straffe Hendrik Quadrupel rutscht ohne Mühe nach ganz weit oben in meiner persönlichen Liste der Lieblingsbiere.
Ich für meinen Teil weiß, dass ich bei der nächsten Belgienreise weitere Varianten und noch ein paar Ersatzflaschen des Tripels und Quadrupels aus dieser Brauerei suchen werde.
Ich musste zweimal hinschauen, und dann nachschlagen. Die offizielle, moderne Schreibweise für sowohl die Pflanze als auch den aus den Früchten der Pflanze gebrannte Schnaps ist „Wacholder“, mit einem „h“. Dass auf dem Etikett des Eversbusch’s Doppelwachholder „66“ diese Bezeichnung mit zwei „h“ geschrieben wird, liegt daran, dass man es so in Westfalen als Zeichen der Tradition mit der Rechtschreibung von vor 1908 beibehalten will, nun, wems gefällt. Die eigentlich viel wichtigere, große Frage, die sich viele stellen werden: Was ist der Unterschied zu Gin? Zunächst ist es der Alkoholgehalt, der gesetzlich bei einem Wacholderdestillat nur mindestens 30% betragen muss – bei Gin sind es 37,5%. Während einer Verkostungsrunde beim ISW 2021 musste ich klar feststellen, dass niedrigprozentige Produkte dieser Kategorie es schwer haben, im direkten sensorischen Vergleich mit Hochprozentigem standzuhalten, Alkohol ist einfach ein Geschmacksträger. Beim vorliegenden Brand besteht diese Gefahr aber nicht – mit 66% Alkoholgehalt hat man ordentlich was vorgelegt.
Noch ein kleiner Unterschied besteht: Beim Eversbusch’s Doppelwachholder „66“ legt man sich toskanische Wacholderbeeren in einen neutralen Roggenbrand ein und destilliert dies nach etwas Mazerationszeit in Kupferbrennanlagen. Ganz ohne Kardamom, Zitronenzeste, Koriandersaat und Fenchelblätter, nur Wacholder eben. Bei beiden, Wacholderdestillat und Gin, sollte der Wacholder die vorherrschende Aromatik liefern, es sind aber rechtlich bei beiden auch andere Kräuter erlaubt; bei einer „Spirituose mit Wacholder“ ist zumindest der Drang gefühlt etwas größer, sich mit Alternativaromen zurückzuhalten, im Gegensatz zu Gin, bei dem es heutzutage ja sogar Pflicht zu sein scheint, den Wacholder unter all den Bergamotte-, Salbei-, Enzian-, Kamille- und Sonstwelchenkräutern (je mehr, desto besser, meinen viele Hipsterbrenner) komplett untergehen zu lassen. Genug geschimpft, raus mit den negativen Gedanken aus dem Kopf, rein mit dem sauberen Destillat ins Glas!
Klar und rein, farblich gibt es zum Glück nichts Unerwartetes zu berichten. Das schwappt sich gut hin und her, man erkennt leichte Viskosität, bei diesem Alkoholgehalt ist das nicht ungewöhnlich. Der Film, der dabei an der Glaswand entsteht, fließt gemächlich in dicken Beinen ab.
Die Nase ist das, was man sich von Gin erwartet – und es ist nichtmal ein Gin, aber von einem Wacholderdestillat erwarte ich mir eben auch genau das. Wacholder, en masse, die helle Säure frischer Beeren, aber auch die Würze getrockneter, die man zum Braten gibt. Leichte Harzigkeit, und dazu der Geruch der Zweige, diese nasse Holzigkeit, die auch Thymian- oder Rosmarinzweige haben. Eine leichte Alkoholspitze ist da, die sich mit etwas frecher Zestigkeit verbindet und in der Nase kitzelt. Dazu kommt noch etwas Frucht, Birne, Heidelbeere, Kirsche, und ein Anflug von Nelken und etwas Heu. Und das alles nur aus dem Destillat und Wacholder! Man sieht, wenn man sein Handwerk beherrscht, werden viele Botanicals, die modernen Gin durchfluten, unnötig.
Im Mund ist diese holzig-trockene Note direkt von Anfang an da. Die Textur ist schmeichelnd und weich, flauschig schon, sehr breit und tief. Leicht salzig fühlt es sich an, wenn man den Eversbusch’s 66 durch den Mundraum gleiten lässt, trotz der 66% ist das ohne Schwierigkeit machbar. Wacholder ist natürlich aromatisch sofort dominant, die Beeren, aber auch die Äste, an denen sie wachsen, man meint wirklich, in einen frisch geernteten Wacholderzweig mit ein, zwei Beeren daran zu beißen. Diese milde Harzig- und Holzigkeit ist sehr charaktervoll, wird durch die Eindrücke von ätherischen Zitrusölen und attraktiver Bittere ergänzt. Im Verlauf baut sich immer stärker Würze und Feuer auf, da glüht der Gaumen, aber völlig ohne Kratzen oder Beißen.
Der Abgang ist dann von einem frischen Eiseshauch beherrscht, das zuvor vorhandene Feuer kehrt sich in angenehme Kühle um, die Zungenspitze ist anästhesiert und friert regelrecht. Wacholder klingt lange mit, leicht holzig, leicht würzig, man kann das alles, was man zuvor schon hatte, nun nochmal revue passieren lassen. Mit einem Anflug von Hyazinthen-Floralität endet die Verkostung.
In den Diamond Head gehört normalerweise Dry Gin. Mit dem 66er-Eversbusch wird aus dem netten Aperitiv-Drink ein Knaller, der schnell zu Kopf steigt, aber man kann einfach nicht aufhören zu trinken. Diese tolle Mischung aus Zitrus (wer noch nie Amalfi-Zitronen probiert hat – in diesem Drink explodieren sie geradezu!) und Kräuter wird nur vorsichtig durch die Aprikose gebremst. Höchstkomplex und aufregend – mit den richtigen Zutaten ein Hammer.
Diamond Head 2oz / 60ml Dry Gin 1oz / 30ml Zitronensaft ½oz / 15ml Apricot Brandy 1 Teelöffel Zuckersirup 1 Eiweiß Auf Eis shaken. [Rezept nach unbekannt]
Besonders ist das Behältnis, in dem man den Doppelwachholder 66 bekommt – ein hübscher Steingutkrug macht in der Heimbar immer was her. Man kann unterschiedliche Größen davon bekommen, 35cl und 70cl hat der Hersteller im Angebot, beides jeweils auf 666 Exemplare limitiert, erkennbar an der von Hand eingetragenen Nummerierung (117 bei mir). Da dies bereits die zweite Auflage ist (die erste erschien 2019, diese zweite 2020), muss man nicht völlig verzweifeln, wenn man gerade nichts davon bekommen kann, ich gehe davon aus, dass es auch eine dritte Auflage geben wird, wenn die zweite ausverkauft ist. Und zugreifen sollte der Wacholderfreund hier ganz sicher, die Klarheit und Sauberkeit ist ganz besonders für den Ginfreund von Wert, der mal prüfen will, was das Kraut so ganz alleine kann, ohne Unterstützung von anderen Botanicals. Ich verspreche, die Flasche wird nicht einstauben!