Zwischen den Welten – The Alchemist Mavrud

The Alchemist Mavrud Titel

Wir saßen abends in der Lobby des Bedford Hotel mitten in Brüssel, und unterhielten uns über Rakiya, Glasflaschenknappheit und alte Freunde, die leider nicht mit uns hier sein konnten. Svetlin Mirchev ist der Mann, den man fragen muss, wenn es um Rakiya geht, sei es aus seiner bulgarischen Heimat, oder aus Serbien oder sonstwo her. Er packte dann eine Flasche aus, die er mitgebracht hatte, und über die er diskutieren wollte. Ein Weinbrand aus Bulgarien, von der kleinen Clemans DistilleryThe Alchemist Mavrud ist dahingehend besonders, dass er die uralte und dort sehr beliebte bulgarische Rebsorte Mavrud einsetzt.

Im Gegensatz zu vielen Branntweinen wird hier ein vollwertiger, trinkfertiger Rotwein aus den Mavrud-Trauben hergestellt, der in Fässern für einige Zeit gereift wird. In einer hybriden Brennanlage (Potstill mit integrierter kleinen Säule, wie wir sie in Deutschland gut kennen) wird der Wein dann destilliert, und, das ist ein schöner Twist, dann in demselben Fass, das vorher den Wein beinhaltete, kurz weitergereift – das ergibt eine rein natürliche zusätzliche Färbung durch die Weinpigmente. Aufgrund dieser besonderen Vorgehensweise nennt der Brenner das Ergebnis auch „Wine Spirit“. Auf 40% Trinkstärke eingestellt kommt der Brand dann ungefiltert in die Flasche, 350 Stück gab es davon, Nummer 55 ist durch Svetlin bei mir gelandet. Probieren wir mal, was man sensorisch entdecken kann bei dem Alchemisten aus Bulgarien!

The Alchemist Mavrud

Neulich habe ich einen Rosenlikör besprochen, der Weinbrand hier könnte auch so etwas sein – rosé mit einem leicht gelblich-orangen Farbeinschlag. Lachsrosa würde man vielleicht sagen, aber das hier ist heller und völlig transparent. Leicht und schnell schwappt es hin und her beim Schwenken, die Beinchen, die sich dabei bilden, laufen in ungewohntem Eiltempo ab.

Die Nase des The Alchemist Mavrud ist erstmal eine Mischung aus Grappa und Traubenrakiya, mit vielen sehr ausgeprägten Eindrücken von feuchtem Holz (man glaubt wirklich, ein gerade geleertes Weinfass vor sich zu haben!) und Gerstenmaische, Hefe, Brotteig und Anflügen von Rotwein. Ein bisschen nussig, minimalst blumig, deutlicher mineralisch und erdig, besonders holzig und grasig. Da ist auch eine etwas chlorige Note dabei, insgesamt ergibt das ein sehr ungewöhnliches Geruchsbild, etwas ganz eigenes, das ich höchstens mit einem herben Grappa vergleichen könnte.

The Alchemist Mavrud Glas

Im Mund wirkt das etwas konventioneller, aber immer noch individuell. Initial findet sich schöne, natürliche Süße, der holzig-grasige Eindruck eines gereiften Grappa setzt sich darauf. Eine gewisse Kräuterigkeit kombiniert sich mit weiniger Fruchtigkeit, ohne dass man eine bestimmte, eindeutige Komponente festmachen könnte. Im Verlauf entsteht Würze, Tannine und Harze erscheinen immer deutlicher, begleitet von Vanille und Muskatnuss. Die Textur ist leicht, dennoch gibt es genug Volumen, um ein schönes Mundgefühl zu erzeugen. Der Abgang ist mildbitter, mit guter, pikanter Schärfe versehen, die die Zunge lange zum Prickeln bringt. Leicht metallisch und aromatisch mittellang hat man noch eine ganze Weile mehr einen Hauch der Aromatik im Mund als ein echtes Geschmacksgefühl, die Blumigkeit hält sich dabei am längsten und nimmt dann mit Nachsinnzeit sogar noch zu.

Der The Alchemist Mavrud ist eindeutig ein Grenzgänger, sensorisch nicht hunderprozentig einer Spirituosenkategorie zuzuordnen, es sammelt Ideen von mindestens drei Kategorien auf und verbindet sie auf ungewöhnliche Weise zu einem luftig-leichten, dabei aber effektiven Gesamtbild mit ganz eigenem Charakter. Schön gemacht und ungewöhnlich!


Man kann sich vorstellen, dass es nicht trivial war, eine Cocktailrezeptempfehlung dafür zu eruieren. Nach einigem Hin und Her habe ich mich für ein Rezept entschieden, das eigentlich auf Grappa basiert. Die weiteren Zutaten unterstützen hier die Eigenschaften des The Alchemist Mavrud, wie blumiger Veilchen- und herbfruchtiger Kirschlikör. Der Name des Drinks, Rosina Ferrario No. 203, ist darüber hinaus genau so individuell wie die hier vorgestellte Basisspirituose. Schön an dem Drink ist auch die Farbgestaltung – durchs Shaken kommt viel Luft rein, was erstmal den lilaweißen Farbverlauf ergibt, nach einer Weile wird er komplett blau.

Rosina Ferrario No. 203 Cocktail

Rosina Ferrario No. 203
1½oz / 45ml Grappa
½oz / 15ml Maraschino-Likör
½oz / 15ml Crème de Violette
½oz / 15ml Zitronensaft
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Joerg Meyer]


Die Flasche selbst hat im Gegensatz zur in ihr gesammelten Flüssigkeit keine Alleinstellungsmerkmale, der Glasstopfen ist schon toll, ich erinnere mich an die ersten dieser Art, die nur schwer zu öffnen waren – inzwischen ist das System ausgereift und hoch funktionsfähig, und nahezu ideal für Spirituosen, wie ich finde, mit einem sehr befriedigenden, gläsernen „Klick“ kann man die Flasche leicht öffnen und schließen. Das Etikett wirkt etwas amateurhaft, das ist gewiss der kleinen Brennerei zuzuschreiben, da muss man nicht überkritisch sein.

Ich bin mir nicht sicher, wem ich so eine Spirituose weiterempfehlen würde. Das ist nichts für den Gelegenheitstrinker oder Freund gemütlicher Brände, hier muss man etwas investieren und explorieren, sich mit dem Glasinhalt sensorisch und gedanklich erstmal auseinandersetzen, verstehen und kann dann allerdings mit viel Freude genießen. Eine Herausforderung für den ambitionierten Connoisseur, der sonst schon alles vor sich hatte. Wer eine Chance hat, einen Schluck davon zu bekommen (was wahrscheinlich schon für sich eine Herausforderung ist), sollte etwas Geduld und Zeit mitbringen, ich garantiere, die Mühe lohnt sich am Ende.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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