Bier am Freitag – Val-Dieu Bière d’Abbaye Triple

Kurz vor Weihnachten war ich bei meinem Freund Dimitri in Belgien eingeladen. Wir kennen uns seit 6 Jahren, sehen uns jedes Jahr als Juroren bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles, haben es aber nie geschafft, das schon seit langem gewünschte private Treffen außerhalb des Wettbewerbs auch mal durchzuführen – bis eben diesmal, und es war ein langer, toller Abend mit vielen Spirituosen, Zigarren, Gesprächen und Bier. Von diesem Tag in Belgien brachte ich ein großzügiges Geschenk von Dimitri mit: eine ganze Kiste voll mit belgischen Bieren, rund 30 Flaschen unterschiedlicher Marken. Stück für Stück trinke ich die nun gemütlich weg. Ich fange an mit dem Val-Dieu Bière d’Abbaye Triple. Das Bier ist ein echtes Abteibier, das in der Brasserie de l’abbaye du Val-Dieu in Aubel also tatsächlich noch in der Zisterzienserabtei gebraut wird, mit Flaschengärung und 9% Alkoholgehalt.

Val-Dieu Bière d'Abbaye Triple

Deutlich trüb, mit klar erkennbaren Hefepartikeln, die im Bier schweben. Safrangelb, mit feinem Schaum, der als dünne Schicht lange erhalten bleibt, und mit kleinen Blaseninseln gefällt. Perlage ist nur in einzelnen Bläschen sichtbar. Die Nase ist sehr malzig und getreidig, mit einem leichten Eisenton, und nur Anflügen von Hopfenfrucht. Pfirsich vielleicht, aber wie gesagt, nur höchst dezent, das Getreide dominiert klar.

Im Mund wirkt es viel süßer, als man das vermutet hätte, mit einem sehr cremigen, superfluffigen Mundgefühl. Hier ist dann auch viel deutlicher Frucht vorhanden, Pfirsich, ja, und getrocknete Aprikosen, und auch etwas Backgewürz. Das wirkt im Vergleich zur Nase sehr aromatisch und voll, wartet dabei gleichzeitig mit knackiger Säure auf, die die Süße im Verlauf dann etwas kontert und für angenehme Rezenz sorgt. Im Nachhall wechselt es zu leicht blumigen Noten, mit Jasmin und Veilchen, während ein kühles, frisches Gefühl lange am Gaumen bleibt und deftige Bittere am Ende übernimmt.

Ein wohlgestaltetes Bier, mit vollem Körper und gleichzeitig Eleganz, schöner Frische und wunderbarer Aromatik. Großartig gemacht, komplex und vielschichtig, erneut ein Beispiel dafür, warum ich belgische Biere so liebe.

Nationalrecycling – Trois Rivières Ambré Finish Whisky Fûts Single Malt

Etwas, was viele gar nicht auf dem Schirm haben: Frankreich ist heutzutage ein großer Produzent von Whisky. Man verbindet Frankreich eher mit Cognac und Champagner, doch die Franzosen selbst trinken einfach gern Whisky; und mit ihrem Selbstverständnis bezüglich Qualität und Nationalstolz ist es eigentlich kein Wunder, dass sie den Stoff dann selbst herstellen wollen, statt ihn von woanders zu importieren. Zumindest zusätzlich. Ein Beispiel für einen französischen Whiskybrenner ist die Familienbrennerei Grallet-Dupic im Örtchen Rozelieures bei Nancy, die den Ortsnamen als Markennamen für sich nutzen. Und wie es dann so ist, geht von hier eine Kette innerhalb der Spirituosenwelt los – die Fässer, die in Rozelieures zur Reifung des französischen Single Malts genutzt wurden, werden dann irgendwann abgegeben und für andere Zwecke benutzt. Zum Beispiel, um Rum den letzten aromatischen Twist zu geben in einem Fassfinish.

Hier kommt dann die karibische Insel Martinique ins Spiel, wo der Brenner Trois Rivières sich diese Fässer von seinen lothringischen Landsleuten gesichert hat, und darin seinen Trois Rivières Ambré Finish Whisky Fûts Single Malt nachreift. Der Rum wird nach dem Destillieren in typischer AOC-Art 12 bis 18 Monate in Großfässern aus Eiche („foudres“) gereift, und bekommt dann das angesprochene Finish für 6 Monate in den viel kleineren Rozelieures-Fässern („fûts“). Er wird noch auf gemütliche 40% Alkoholgehalt herabgesetzt, und landet als „Rhum Ambré“, wie man diese nur leicht gereiften Rums im frankophonen Umfeld nennt, bei uns in der Heimbar!

Trois Rivières Ambré Finish Whisky Fûts Single Malt

Ein recht junger Rum wie dieser hat durch den zweifachen Holzkontakt trotzdem schön Farbe angenommen, ich würde das helles, blasses Gelbgold beschreiben, mit einem Anflug von Trübung, aber ohne Partikel. Lebendigkeit zeigt sich beim Schwenken, nur minimale Öligkeit, klar separierte Beinchen laufen schnell ab.

Im Geruch beherrscht die Agricole-Typizität erstmal alles – und zwar die noch junge, fruchtige Variante. Guave, Aprikose, Ananas, und ganz viel frisch gepresster Zuckerrohrsaft, mit einer leicht karamelligen Beinote. Der Rum wirkt dabei leicht und luftig, vielleicht sogar etwas dünn, wenn man nach etwas hinter diesem Fruchtvordergrund sucht. Weder die Normalreifung noch das Whiskyfassfinish ist wirklich dramatisch erkennbar, leichte Vanillenoten sind eigentlich alles, was darauf hindeuten könnte. Eine milde Floralität klingt in der Kopfnote noch nach.

Trois Rivières Ambré Finish Whisky Fûts Single Malt Glas

Der Antrunk ist sehr weich, süßlich, und wirkt etwas schmal. Initial ist außer der Frucht und der Zuckerrohraromatik kaum etwas da, und sogar diese ist deutlich dünner als in der Nase. Das Mundgefühl ist zunächst zart, eher schon wässrig, nimmt im Verlauf etwas Feurigkeit auf, die unrund und etwas eckig wirkt. Leichte Säure baut sich auf, und unterstützt die undefinierte Würze, während sich gleichzeitig eine unsaubere Trockenheit in Stellung bringt. Das passt alles irgendwie nicht so recht zusammen, und ist im Endeffekt dann im Gesamtbild eher schlampig konstruiert und wenig aufregend; der kurze, eisenhaltige und nur im Anflug florale Abgang passt dazu. Ganz am Schluss klingt noch Zuckerrohrsaft nach, das ist dann ganz schön, aber einfach nicht genug.

Ein, meiner Meinung nach, fehlgeschlagener Versuch, in einen zu stark verdünnten Rum etwas Spannung mit einem Whiskyfassfinish zu bringen; der Rum ist zu gelangweilt von sich aus, das Finish kaum erkennbar und damit dann letztlich unnötig. Mit deutlich höherem Alkoholgehalt wäre vielleicht etwas zu retten; so bleibt ein Rum, den man getrost im Regal stehen lassen kann.


Was es auch schwer macht, so etwas in einem Cocktail unterzubringen; da macht selbst eine mittelstarke Konkurrenzzutat ihm schnell endgültig den garaus. Wir orientieren uns daher an einem leichten Drink, in dem der Trois Rivières Ambré Whisky Finish noch eine Chance hat, und vielleicht sogar seine einzige Stärke ausspielen kann: Die ausgeprägten Zuckerrohraromen. Ich habe mich hier für den La Cola Nostra entschieden, in dem das tatsächlich funktioniert.

La Cola Nostra Cocktail

La Cola Nostra
2oz / 60ml gereifter Rhum Agricole
1oz / 30ml Amaro
¼oz / 7ml Allspice Dram
¾oz / 23ml Limettensaft
¼oz / 7ml Zuckersirup
Auf Eis shaken.

In ein Glas geben, das mit Eis und 1½oz / 45ml Prosecco vorgefüllt ist.
[Rezept nach Don Lee]


Die Flasche hat eine schöne, geschwungene Form, das Etikett ist hübsch gestaltet – für mich war diese Präsentation der Grund, den Rum in einem französischen Supermarkt mitzunehmen, teuer war er nicht, da fällt einem so ein Spontankauf dann halt leicht. Ich denke nicht, dass er erneut den Weg in meine Heimbar schafft, wie man auf dem Bild mit dem Glas sieht, ist er aber immerhin doch leer geworden. Für den, der einen einfachen, sehr leicht trinkbaren Rum sucht, der einem am Abend eine gewisse schöne Aromatik zur Verfügung stellt, ohne dass man über irgendetwas nachdenken muss, der kann hier mal reinschauen; ansonsten würde ich eher dazu raten, die kräftigeren, expressiveren Ausprägungen von Trois Rivières in Betracht zu ziehen – der Brenner kann das viel besser, als er hier zeigt.

Bier am Freitag – La Goudale Bière Blonde à la Ancienne und La G de Goudale Bière Grand Cru Rhum Finish

Im Hochmittelalter waren England und Frankreich eng verbunden. Normannische Invasoren, das angevinische Reich der Plantagenets, der Hundertjährige Krieg, die Beziehung war nicht immer ganz freundlich geartet und mündete dann in eine lange Rivalität, die bis heute andauert, zum Glück nur noch auf der humoristischen und nicht mehr der kriegsführenden Ebene. Sprachlich hat sich das so geäußert, dass Englisch extrem viele Lehnwörter und -konstrukte aus dem Französischen übernommen hat, das wiederum sich aus seiner fränkisch-germanischen Wurzel bediente. So erklärt sich der Name des Biers, das ich heute vorstelle – im 14. Jahrhundert war es üblich, gutes Bier als „Goudale“ oder „Goudalle“ (die Verwandschaft zum modernen „good ale“ ist unverkennbar!) zu bezeichnen; und „le goudalier“ war der Bierhändler. Die Brasserie Goudale in Arques nahe des Ärmelkanals bezieht sich darauf, wenn es seine Brauprodukte La Goudale Bière Blonde à la Ancienne und La G de Goudale Bière Grand Cru Rhum Finish tauft.

La Goudale Bière Blonde à la Ancienne und La G de Goudale Rhum Finish

Flandrischer Hopfen und obergärig arbeitende Hefe sowie 7,2% Alkoholgehalt sind die Eckdaten des La Goudale Bière Blonde à la Ancienne. „Blond“ passt, auch wenn es schon ein leichtes Dunkelblond ist. Kristallklar, man sieht ganz leicht Perlage aufsteigen. Der Schaum ist zunächst sehr dick, bleibt dann aber auch lange erhalten und steht schön auch einige Minuten nach dem Einschenken als Blume auf dem Bier. Die Nase ist dezent, eine Mischung aus Blumigkeit und Hopfenfrucht, beides aber zart. Darunter findet man etwas Gerstenwürze, insgesamt drängt sich hier nichts auf, aber es stößt mich auch keineswegs ab – das gefällt in seiner zurückhaltenden, aber wirksamen Art schon.

La Goudale Bière Blonde à la Ancienne

Im Mund fällt dann erstmal die fettcremige Textur auf, zusammen mit einer sauberen Grundsüße liegt das Bier sehr flauschig am Gaumen. Mittlere Rezenz wirkt dagegen, nicht superfrisch, aber doch mit leisem Kitzeln und mildherber Kante im Verlauf, so dass das Bier nicht zu bequem und gemütlich wird. Schöne Hopfenaromen, eher blumig als tropenfruchtig, gehen mit den Getreidetönen zusammen und bilden ein attraktives Gesamtbild.

Der Abgang ist mittellang, die Floralität kommt dann immer stärker zum Vorschein, die Karbonisierung sorgt für Aufstoßpotenzial, und es bleibt ein sehr angenehmes Gefühl von süßer Frische zurück. Sehr hübsch gemacht, handwerklich ohne Mängel, mit einem klaren Stil. Die Franzosen können also doch Bier!


Da ist man direkt aufgeschlossen, wenn ein Brauer mit derartigem Vorschuss auch ein Bier mit einer ungewöhnlichen Veredlung anbietet. La G de Goudale Bière Grand Cru Rhum Finish hat eine lange Zutatenliste, die dem RHG-Fanatiker die Tränen in die Augen treibt, mir aber aufgrund der obigen Erfahrung eher Freudenspannung verursacht: Gerste, Hopfen, Weizen, Reis, Zucker, Glucosesirup, Eichenholzchips, Koriander und Orangenschale. 25% der erwähnten Holzchips sind für 30 Tage in Martinique-Rum eingelegt.

La G de Goudale Rhum Finish

Kristallklar, mit einer Bernsteinfärbung, die fast ins Hennarot übergeht. Man sieht sehr hübsch die Perlage, der Schaum ist sehr attraktiv gemischtblasig, vom feinsten Schäumchen zur großen Blubber, beides in der Blume vereint. Optisch sehr ansprechend. Die Nase ist dafür recht zurückhaltend, man riecht etwas Malz, etwas Gerste, ein Anflug von Bitterhopfenaromen. Der Rum scheint nur minimalst im Geruch durch, wenn ich es nicht wüsste, würde ich nicht darauf tippen. Eher schon riecht man etwas Holz, etwas Rauch, aber beides auch nur sehr dezent.

Im Mund kommen plötzlich viele Aromen auf, die man so gar nicht erwartet hätte. Erstmal wirkt es sehr süß, ein bisschen pappig fast schon, dann taucht der Rum ganz vorsichtig auf. Sehr viel deutlicher drängt sich dann aber der Koriander auf, sehr viel mehr, als zum Beispiel in einem typischen Witbier, und die Bittere und freche Frucht von Orangenschale. Gegen Ende wird das Bier dann doch etwas trockener, herber, mit Gewürznoten in Richtung Nelke, bleibt aber vom Grundcharakter eigentlich süß. Die Textur ist cremig, die Rezenz eher mäßig, die 7,9% Alkoholgehalt fallen nicht auf. Interessant, sehr ungewöhnlich, und gar nicht schlecht durch diese ungewöhnliche Kräuter-Rum-Würze. Manchem wird es zu süß sein, für mich und für hin und wieder wird das sicherlich seinen Platz in meinem Kühlschrank finden.


Zwei Biere, sehr unterschiedlich, beide haben mir auf ihre eigene Art sehr gefallen. Nach vielen Reinfällen, was französisches Bier angeht, hier nun zwei Volltreffer, die mich darin bestätigen, dass meine Suche in Frankreich nicht umsonst ist.

Schwarze Orchidee – Dendrobe Black Liquor Tianyun (石斛黑酒天韵) und Xianniang (石斛黑酒仙酿)

Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) hat den Ruf, durch den starken Einsatz natürlicher Ingredienzien, insbesondere Pflanzen- und Tierbestandteile, sanfter zu wirken als die moderne Labormedizin. Persönlich bin ich dem nur mäßig aufgeschlossen, mir sind wissenschaftlich belegte Wirkungen lieber als oft durch Placebo-Effekte ausgelöste Heilungen in vielen alternativen Medizinansätzen. Grundsätzlich ist die TCM immerhin dadurch für mich besser gestellt als zum Beispiel Homöopathie oder Geistheilung, weil hier wenigstens echte Wirkstoffe zum Einsatz kommen, und nicht der Glaube allein heilen soll. Schließlich sind auch in vielen Produkten der pharmakologischen Industrie auch Pflanzeninhaltsstoffe als Grundlage verwendet; der Unterschied ist für mich aber trotzdem noch der, dass bei der TCM immer noch eher in mittelalterlichen Ursache-Wirkung-Konzepten gedacht wird, hauptsächlich dem Yinyang-Prinzip, bei dem bei Krankheit zwei Kräfte im Ungleichgewicht sind und ausgeglichen werden müssen.

Auch bei Genussmitteln greifen die Chinesen gern auf den Zusatz von Pflanzen zurück, denen man heilsame Wirkung unterstellt (ich verweise diesbezüglich auf meine Besprechung des Zhuyeqing Jiu). Beim Dendrobe Black Liquor Tianyun (石斛黑酒天韵) und Xianniang (石斛黑酒仙酿) des südchinesischen Brenners Hunan Black Liquor Industry CO.,LTD wird einem Baijiu Dendrobium zugesetzt, eine Orchideenart, auf chinesisch „shihu“ (石斛) genannt. Ihr wird zugeschrieben, Körperflüssigkeiten auffüllen zu können, den Magen und die Lunge zu befeuchten, als Tee getrunken fehlendes Yin in der Niere zu ersetzen. Trockener Mund, Magenschmerzen, Mundentzündungen, Hitzschlag und andere Symptome sind Einsatzgebiete für Dendrobium. Inwieweit diese Heilkräfte dann auch in hochprozentigem Lösemittel noch wirken (sowohl der Tianyun als auch der Xianniang sind mit 52% Alkoholgehalt durchaus im Rahmen dessen, was Baijiu im Üblichen aufzuweisen hat), lasse ich mal dahingestellt, aber persönlich trinke ich Baijiu ja nicht, um gesundheitliche Effekte zu erreichen, sondern zum Genuss, und da erhoffe ich mir eine spannende Erfahrung – insbesondere, wie sich Orchideen als Zusatz in Spirituosen sensorisch äußern, das ist etwas komplett neues für mich.

Dendrobe Black Liquor Tianyun (石斛黑酒天韵) und Xianniang (石斛黑酒仙酿)

Fangen wir mit dem Dendrobe Black Liquor Tianyun (石斛黑酒天韵) an. Mit meinem radebrechenden Chinesisch übersetze ich den Beinamen Tianyun als „Himmlischer Klang“. Optisch fällt natürlich erstmal das gebrannte Siena auf, das ich als Farbwert angeben würde. Beim Schwenken sieht man dann noch ordentliche Viskosität, die Flüssigkeit schwappt schwer hin und her, und lässt einen Fransenteppich an der Glaswand, der in Beinen abläuft.

Geruchlich ist initial definitiv der typische Starkaroma-Baijiu-Duft da, mit viel überreifer Frucht, verrottender Ananas und matschigem Pfirsich. Ein Anflug von Teer und angekokeltem Gummi gehört mit dazu. Etwas Blumigkeit klingt mit, aber nur in Anflügen.

Dendrobe Black Liquor Tianyun (石斛黑酒天韵)

Der Antrunk ist definiert vom verbrannten Kabel und Gummi, eine schwere Süße liegt mit im Mund. Schnell kommen dann weiße Gummibärchen und zerlaufende Aprikosen dazu, mit einer gewissen Zitruskante und feuriger Chiliwürze. Das Mundgefühl ist passend dazu sehr trocken und astringierend, im Verlauf sogar immer stärker. Gegen Ende klingt das dann ab, eine Ahornsirup- und Aniswürze entsteht, und diese verflüchtigt sich schließlich langsam aber effektiv.

Außer anhand der Farbe spürt man den Orchideenzusatz nicht, das ist sensorisch ein klassischer Starkaroma-Baijiu, vielleicht einen Ticken süßer als viele andere.


Ich bin gespannt, wie sich der Dendrobe Black Liquor Xianniang (石斛黑酒仙酿) im Vergleich dazu präsentiert. Auch hier versuche ich, frei den Namen zu übersetzen: Getränk der Unsterblichen, zumindest ansatzweise ist klar, in welche Richtung die Namensgebung des Brenners geht. Die Farbe ist fast identisch zum Tianyun, auch hier ein dunkles, beinahe ins rötliche übergehendes, leuchtendes Braun. Der Xianniang wirkt einen Hauch lebendiger im Glas, etwas eleganter vielleicht, das ist aber vielleicht nur eine Einbildung.

Dendrobe Black Liquor Xianniang (石斛黑酒仙酿)

Definitiv milder und feiner ist der Geruch, da ist fast nichts von dem etwas stinkigen Plastikschmoren, und entsprechend können sich die Ananas- und Pfirsicharomen zusammen mit etwas grüner Banane, frischem Anis und grünem Blattschnitt besser entfalten. Da ist auch ein schwer fassbarer dunkler Seitenaspekt, den ich vielleicht der Dendobrium zuschreiben möchte.

Im Mund denkt man zunächst auch, dass der Xianniang feiner und zurückhaltender ist, doch schnell wird klar, dass sich der Gummi und der Teer nur vor der Nase versteckt hatten, um dann im Verlauf um so massiver aufzutreten. Hier verdrängen diese Schmornoten dann fast die ganze Frucht, etwas Komposthaufen bleibt mit besonders alter Ananas. Im Nachklang entsteht dann aber ein sehr angenehmes Mundgefühl und ein richtig schönes, fruchtig-würziges Geschmacksbild, mit Anklängen von Kaffee und Kakao, an denen ich gerne noch etwas herumlutsche.

Wie bei vielen Baijius sollte man sich hier nicht zu lange mit einem Geschmacksbild aufhalten, während der Brand im Mund ist – guter Baijiu zeigt sich meist erst im Nachklang von seiner besten Seite, und der Xianniang ist ein perfektes Beispiel dafür.


Da die Aromatik gar nicht so exotisch im Vergleich zum Benchmark-Starkaroma-Baijiu ist, sehe ich keinen Grund, mit dem Atomic Dog nicht einen Cocktail hier zu präsentieren, der mit vielen Varianten dieses chinesischen Brands gut funktioniert; vielleicht eher mit dem Xianniang als dem Tianyun. Jedenfalls scheint sich Baijiu eine kleine Nische in der Tiki-Welt zu erkämpfen, in der starke Aromen gesucht werden, um sich gegen viel Saft und Likör durchzusetzen.

Atomic Dog Cocktail

Atomic Dog
1oz / 30ml Starkaroma-Baijiu
1oz / 30ml Blackstrap Rum
½oz / 15ml Jamaica-Rum
¾oz / 23ml Limettensaft
1oz / 30ml Ananassaft
½oz / 15ml Zimtsirup
½oz / 15ml Orangenlikör
2 Spritzer Angostura
2 Spritzer Absinthe
Auf Eis shaken. Auf frisches Eis abseihen.

[Rezept nach Erick Castro]


Wie üblich ist die Gestaltung der Flaschen üppig und opulent, da wird sich nicht zurückgehalten in China. Die Flaschen haben, trotz ihrer unterschiedlichen Form, dasselbe Design mit dem Farbverlauf auf der Flasche von Schwarz nach Transparent und goldenen Schriftzeichen. Der zweite Blick ist, auch dies ist nicht ungewöhnlich, dann ernüchtert von viel billigem Plastik am Schraubverschluss und dem Nachfüllstop. Dennoch, das gefällt dem westlichen Auge sicherlich aufgrund der Exotik.

Beide Brände haben 2021 bei Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles Medaillen gewonnen – der Tianyun eine goldene, der Xianniang eine silberne. Was nicht heißen soll, dass die Erhältlichkeit hierzulande gegeben ist, selbst Details über die Herstellung sind nur äußerst schwer zu recherchieren, sogar auf chinesischen Seiten wird darüber praktisch nichts erzählt. Wer Starkaroma-Baijiu mag, dem würde ich persönlich sicher den Xianniang als interessante Variante empfehlen. Und vielleicht hilft es auch gegen kleine Zipperlein, wenn man mit dem Flüssigkeitshaushalt kämpfen muss!

Rakiya am Freitag – Slap Spirits Aqua Ardens Schwarzbirne (Crna Kruška)

Wir saßen zwei Tage beim ISW-Januar-Tasting in einer Jury direkt nebeneinander, gingen gemeinsam durch Höhen (tolle Armagnacs und Rhums agricoles!) und Tiefen (alkoholische Sahnepuddings und blaue Minzliköre), sowas schweißt zusammen. Die Schlachtplatte „Pfälzer Liebling“ am Abend bei Zwockelsbrück in Neustadt/Weinstraße war auch etwas, das man nicht mit jedem beliebigen Gegenüber so durchziehen kann. Ich freue mich, Branko Drljača von Slap Spirits persönlich kennengelernt zu haben, und fühle mich geehrt, dass er mir nach dem ISW noch zwei Samples seiner Obstbrände/Rakiyas in die Hand gedrückt hat. Sein grandioser Šljivovica aus der Pflaume ist eh schon medaillengekrönt gewesen, besonders spannend fand ich allerdings seinen Brand aus der in Bosnien regional wachsenden Schwarzbirne, den er auf seinem 2010 wiederbelebten Familiengut brennt. Entsprechend aufgeregt bin ich, hier den Slap Spirits Aqua Ardens Schwarzbirne (Crna Kruška) vorstellen zu dürfen!

Slap Spirits Aqua Ardens Schwarzbirne (Crna Kruška)

Kristallklar, ohne Fehler oder Partikel, mit einer hübsch anzusehenden Öligkeit im Glas beim Schwenken. Es bildet sich eine Filmkante dabei, bei der man zusehen kann, wie sich ein Tropfen daraus gemütlich löst und dann abfließt.

Die Nase ist intensiv, verbreitet sich schnell auch außerhalb des Glases, mit vielen erdig-vegetalen Komponenten, geht dabei schon erkennbar ins Tresterige über. Die Frucht ist herb und würzig, mit Eindrücken von herber Birne, oxidiertem Apfel, Quitte und sogar etwas Himbeere und Kirsche. Sehr angenehm zu schnuppern, mit genug Komplexität, dass man sich damit auch eine Weile aufhalten kann.

Im Mund expandiert sofort ein sehr breite Textur über den gesamten Gaumen, mit feiner Süße, die die oben schon geschilderten Fruchtnoten unterstützt, ohne sie daran zu hindern, im Verlauf wunderbar aufzublühen. Dabei kommt die Tresterigkeit auch hier zum Vorschein, fügt gut eingebundene Herbe dazu, und aromatische Spannung, die sich dann aus an der gleichzeitig sich entwickelnden Tiefe speist. Durchgängig weich und rund, ohne jede Kante, und einem herrlich floralen, sehr langen und haftenden Finish, an dem Wintergrün, Jasmin und Veilchen beteiligt sind.

Ein Brand, der mir wirklich richtig viel Freude macht, und Lust darauf, die zugrundeliegende Frucht einmal irgendwo zu probieren. Handwerklich top, aromatisch spitze, mit einem eigenen Geschmacksbild – hervorragend! Mich wundert überhaupt nicht, dass dieser Brand beim ISW 2023 nun auch noch eine Goldmedaille gewonnen hat.

Schritt für Schritt – El Dorado Finest Demerara Rum Aged 15 Years

Die Firma DDL (Demerara Distillers Limited) hat einen besonderen Platz in meinem Herzen. Der erste Qualitätsrum, den ich willentlich und aktiv bestellt hatte, war der El Dorado 12, der Startpunkt für alles, was bei mir bezüglich Spirituosen danach passiert ist, und damit auch der Gründungsmythos für diesen Blog. Darüber hinaus hat der Brenner in Guyana über die Jahrzehnte eine legendäre Sammlung an Brennapparaten zusammengesammelt, die einzigartig auf der Welt sind, und mit denen dort eine theoretische Bandbreite an Produkten hergestellt werden können wie kaum woanders – ich erwähne nur einfach stellvertretend für viele ungewöhnliche Apparate die Port Mourant Double Wooden Pot Still, die allein für feuchte Träume bei vielen Rumfreunden sorgt. Wer sich für derartige Themen interessiert, dem lege ich weiterhin das epochale Essay über Guyana-Rumhistorie von Marco Freyer ans Herz.

Die Marke El Dorado stammt von dort, und vor der Hydrometerrevolution Mitte der 2010er Jahre galt diese Marke als mit die Krönung der Rumkunst. Durch das Aufdecken des systematischen, üppigen Zuckerzusatzes (die alte Abfüllung hatte in unterschiedlichen Messungen 31-38g/L!) litt der Ruf deutlich, und mit der Änderung der EU-Spirituosenverordnung wird seit ein paar Jahren auch DDL rechtlich schließlich dazu gezwungen, sich entweder zu entscheiden, ihren Brand nicht mehr als „Rum“, sondern als „Spirituose“ zu kennzeichnen, oder eben den Zuckergehalt zu reduzieren, wenn man weiterhin am großen, lukrativen europäischen Markt teilhaben will. Man hat sich für letzteres entschieden, und ich will nun anhand des El Dorado Finest Demerara Rum Aged 15 Years herausfinden, was das für den Geschmack bedeutet!

El Dorado Finest Demerara Rum Aged 15 Years

Farblich geht die Flüssigkeit schon ins Rost- oder Hennarote über, über die Natürlichkeit lässt sich bei derartigem Rum natürlich streiten, ich will es hier nicht überbewerten. Hübsch ist es jedenfalls, wie auch die lebendige Beweglichkeit im Glas, mit leichter Viskosität, die sich in breiten, dicken Beinen an der Glaswand zeigt.

Die Nase ist initial durchaus alkoholisch, mehr, als es bei 43% Alkoholgehalt sein müsste, schnuppert man zu tief, piekst es sogar ein bisschen auf der Nasenschleimhaut. Geht man darüber hinweg, finde ich eine Mischung aus Trockenfrucht und Nussigkeit, Melasse, Orangenzeste und Pflaumen verbinden sich mit Mandeln und Macadamia, und das tröstet sehr über die alkoholische Note hinweg – ein sehr angenehmer Duft an dieser Stelle. Angebranntes Karamell, Kokosnuss, eine gewisse Ledrigkeit und dunkle Tabakblätter, ohne dabei wirklich selbst dunkel zu wirken, denn ein Ticken Kardamom bringt leicht mentholische Frische als Konter.

El Dorado Finest Demerara Rum Aged 15 Years Glas

Im Mund setzt sich dieser zuletzt erschnupperte, positive Eindruck nahtlos fort, Melasse, Pflaumenkompott, Karamell und Ahornsirup wirken natürlich süß und schwer, Orangenzeste und Kardamom frischen auf. Eine leicht phenolische Note kommt dazu. Das Mundgefühl kann dabei nicht so wirklich mithalten, es wirkt etwas dünn im Vergleich zur schweren Aromatik. Im Verlauf entsteht pikante, feurige Würze und auch leicht alkoholische Hitze, die dann wieder abklingt und ein angenehmes, leicht kitzelndes Prickeln auf Zunge und Gaumen hinterlässt. Der Nachklang ist dann fruchtigfloral, mit einer Mischung aus Pfirsich und Jasmin.

Insgesamt muss ich sagen, dass die Entscheidung, sich vom starken Zuckerzusatz zu lösen, eine gute war – der Rum funktioniert sehr gut auch ohne den Zucker. Mit etwas mehr Volumen und Kraft wäre das sogar ein richtiger Spitzenrum, in der vorliegenden Form fehlt ihm nur eben diese Dichte, die ihn in die Höchstklasse befördern würde (ich wage zu behaupten, dass dies auch der Grund für die ursprüngliche Süßung war, denn der Zucker hat diese Schwächen zweifelsfrei ausgeglichen).


Aromatisch kann er jedenfalls überzeugen, und der eigene Guyana-Geschmack macht ihn besonders interessant für Cocktails, die von Spirituosen mit eigenem Charakter profitieren: weniger Tiki, mehr klassische Pre-Prohibition-Drinks. Wie der Kennedy Manhattan. Gerade der Löffel Süße bringt dann die Dichte, die der Rum allein nicht schafft, dazu, und Ahornsirup passt meines Erachtens sehr gut zum El Dorado 15.

Kennedy Manhattan Cocktail

Kennedy Manhattan
2 oz gereifter Rum
⅔ oz süßer weißer Wermut
4 Spritzer Boker’s Bitters
1 Teelöffel Ahornsirup
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Carl Wrangel]


Die Flasche ist archetypisch, für viele der Ausprägungen des Rums gleich, nur mit unterschiedlichen Etiketten versehen – optisch gefällt es mir sehr, und sie liegt auch gut in der Hand. Will man die ungesüßte Variante kaufen, muss man etwas aufpassen – leider steht nichts vom Zuckergehalt auf diesem Etikett, obwohl gut Platz dafür wäre. Alle neuen Abfüllungen sind ungesüßt, doch es gibt noch genug alte Abfüllungen auf dem Markt: man sollte darauf achten, dass der Randstreifen des Etiketts nur goldfarben ist, nicht rot-und-gold. Und zuguterletzt hat sich DDL auch noch den Spaß erlaubt, den Zucker schrittweise zu reduzieren. Ich habe, wie unten gezeigt, zwei Flaschen mit unterschiedlichem Zuckergehalt zuhause.

Die Hydrometermessung der einen Flasche bei mir hat ~21g/L ergeben (43% vs. 37% bei 21,5°C), und nachdem meine geschätzten Bloggerkollegen Ivar und Artur gemeldet hatten, dass ihre Flaschen bei fast 0g/L gemessen wurde, habe ich mir eine zweite aus einem anderen Abfülljahr gekauft, und diese dann auch mit praktisch ~0g/L gemessen. Der einzig nach außen erkennbare Unterschied ist der auf den Flaschenhals aufgedruckte Code mit einem Datum – 2019 hat noch Süßung, 2020 nicht mehr. Ich empfehle, darauf zu achten, wenn möglich; keine gute Situation, aber das Problem wird sich über die Zeit wohl selbst erledigen. Immerhin hat DDL ungewollt damit die spannende Situation geschaffen, dass der geneigte Rumfreund sehr unterschiedliche Versionen desselben Rums probieren kann, und selbst nachvollziehen, was Süßung alles ausmacht. „Bildungstrinken“ nenne ich das gerne.

Bier am Freitag – Hövels Original Feinherbes Rotgold

Ich weiß heute gar nicht mehr so recht, wo ich es mitgenommen hatte – ich glaube, es stand als Sonderaktion in einem Getränkemarkt. Die große Halbliter-Bügelflasche mit dem für meinen Geschmack ausgesprochen ansprechenden Etikett zieht jedenfalls selbst in einem großen Sortiment ohne Zweifel jeden Blick auf sich, die Hövels Hausbrauerei in Dortmund hat diesbezüglich alles richtig gemacht. 5,5% Alkoholgehalt und die Mischung aus Gersten- und Weizenmalzen sind dagegen fast unaufregend, aber, das passiert mir bei Bier oft, es sind oft nicht die grellknalligen Zutatenlisten und besonderen Zubereitungsverfahren, die die besten Biere erzeugen, also lasse ich mich gerne überraschen, was die Dortmunder mir da mit dem Hövels Original Feinherbes Rotgold ins Glas zaubern.

Hövels Original Feinherbes Rotgold

Der Name sagt es aus – das Bier liegt dunkelrostrot im Glas. Es ist recht klar, nur ein Ansatz von Trübung ist erkennbar, vielleicht ist es aber einfach auch nur die dunkle Farbe. Im Gegenlicht erkennt man in der Mitte des Glases ein paar Bläschen, die schnell aufsteigen – sie erhalten den Schaum, der zunächst üppig, dann in einer feinen, gemischtblasigen Decke endet.

Sehr malzig, holzig und leicht metallisch riecht das Bier. Intensiv, mit einer gewissen Getreidebasis. Eingebraut wurde es laut Etikett mit 4 Edelmalzen, ja, diese Betonung auf Malz statt der aktuell weitverbreiteten Hopfenliebe gefällt mir sehr. Cremig, aber mit einer gewissen Säurekante im Antrunk, eine gelungene Süßbitterbalance, sehr malzig, leicht würzig werdend im Verlauf. Eine ganz milde Salzigkeit gibt Charakter, ebenso wie der Anflug von Rauchigkeit. Ein wirklich voluminöser Körper wird durch eine zitronige Fruchtsäure aufgehellt. Sehr rezent, erfrischend, dabei aber malzig aromatisch. Die empfohlene Trinktemperatur halte ich gerne ein, sie gibt dem ganzen noch etwas Frischekick. Der Abgang ist relativ lang, sauersalzig, dezent adstringierend.

Ein spannendes Bier, das mir extrem gefällt – voll, aber frisch; herb, aber nicht kratzig; aromatisch, aber nicht übertrieben. Könnte wirklich eines meiner Lieblingsbiere werden, ich komm nur so schwer an es auf verlässlicher Basis heran.

Der gemeine Vogel – Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years

Zum zweiten Mal fand der Robin Redbreast Day Ende letzten Jahres statt, Redbreast Irish Whiskey lud zusammen mit Birdlife International Gäste in den Killykeen Forest Park ein, um die Zusammenarbeit des Brenners mit der Vogelschutzorganisation zu feiern, unter dem Motto „Keep the common Birds common“ – der „gemeine“ (im Sinne von alltäglich) Vogel soll schließlich, will man eine Landschaft schützen, wie sie ist, nicht immer nur hinter den „besonderen“ Vögeln zurückstehen müssen, im Gegenteil: er definiert sie, und für Irland ist der wichtigste alltägliche Vogel wohl das Rotkehlchen. Das ist dann natürlich auch die direkte Verbindung zum irischen Whiskey Redbreast. Ein toller Tag war das in Cavan County, mitten im ländlichen Irland, im Resort Cabü by the Lakes am Loch Oughter – tagsüber eine Vogelführung und Erklärungen über die Flora, abends eine fantastische, fantasievolle Vorführung der Artisten von Fidget Feet Aerial Dance und schließlich einem wundervollen Fünfgänge-Verkostungsmenü mit Redbreast 12 bis 27 als Zwischengängen in grandioser Atmosphäre.

Ich habe noch nie so wunderbares, aromatisches Schweinefleisch gegessen wie das von Richard Corrigan, das er uns am Abend vorsetzte; als ich ihm das im Gespräch danach sagte, merkte man den Stolz, den selbst ein vielfach ausgezeichneter Sternekoch noch für so belanglose Komplimente empfindet, wenn es um seine Arbeit geht.

Doch genug vom Robin Redbreast Day, hin zum eigentlich Star dieses Artikels, dem Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years in der limitierten, extra für dieses Event aufgelegten „Bird Feeder“-Edition (dazu am Ende mehr). Es handelt sich dabei um einen irischen Klassiker, ein auf 40% Alkoholgehalt eingestellten Single Pot Still Whiskey, dreifach destilliert in der Midleton Distillery in Cork in Südirland, der danach 12 Jahre in Eichenfässern gereift wird.

Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years

Ganz klassisches Whiskeybernstein sieht man, wenn man die Flüssigkeit aus der bauchigen Grünglasflasche in ein angemessenes Verkostungsgefäß umgießt. Sie bewegt sich schwungvoll, mit leicht erkennbarer Viskosität, ohne dabei wirklich ölig zu erscheinen; an der Glaswand bleiben die Beinchen lange haften und fließen in dicken Tropfen ab.

Mir gefällt der Duft, der diesem Glas dann entströmt, extrem – eine richtig angenehme Mischung aus getrockneten Früchten und Nüssen. Da ist auch einiges an vanilligem Holzeinfluss, erinnert mich eher an Bourbon als an Scotch. Getrocknete Aprikosen gehen eine höchst angenehme Verbindung mit zartem Getreide ein, das auch eine leicht mentholische Frische dazu liefert. Erst, wenn man sehr tief schnuppert, kommen leicht ethanolische Noten zum Vorschein, die aber nie pieksen.

Redbreast Single Pot Still Irish Whiskey Aged 12 Years Glas

Im Mund kommt dann zu der grundliegenden Süßfruchtigkeit direkt eine phenolischeNote dazu, die dem ganzen initial einen leicht medizinalischen Effekt gibt, ohne dabei dies in den Vordergrund zu stellen. Im Verlauf wird der Redbreast 12 würziger, pikanter, die Süße bleibt höchstens als Grundgefühl erhalten, und wird durch eine deftige Trockenheit ersetzt. Das Getreide scheint nun stärker durch, das Holz wirkt prägnanter und dominiert dann den Abgang zusammen mit minimalsten Anflügen von Backgewürzen – auch hier aber in ein rundes, weiches Gesamtbild eingebettet, ohne dass es stört oder heraussticht. Im Nachklang findet man dann noch mildflorale Eindrücke, irgendwo zwischen Jasmin und Wintergrün. Das durchgängig volle Mundgefühl klingt dann langsam mit hauchiger Frische und milder Salzigkeit aus.

Was mag ich an diesem Whiskey? Er ist einfach durchgängig rund, aromatisch, voll und charakterstark, ohne dabei aber je mit diesen guten Eigenschaften anzugeben. Das passt alles ineinander, man erkennt trotz der Einheitlichkeit einen Verlauf, der genug Spannung liefert, um die Idee von Komplexität zu bringen, die man genießen kann, aber nicht muss – ideal für mich. Handwerklich herausragend, wunderbar trinkig, ein Whiskey, wie er sein soll.


Wenn ein Drink für diesen Whiskey geeignet ist, ist es natürlich der Birdman Cocktail. Er hat irischen Whiskey als großzügige Hauptzutat, und einen Namen, der sowohl zum Redbreast als auch zu dem Robin Redbreast Day passt, und dann konnte ich dafür auch noch die Eulen-Tikimug einsetzen, die ich von dort mitgebracht hatte. Was will man mehr als ambitionierter Blogger, der einen inhaltlichen Bogen durch seinen Artikel schlagen will!

Birdman Cocktail

Birdman Cocktail
2oz / 60ml irischer Whiskey
¾oz / 23ml Limettensaft
¾oz / 23ml Grapefruitsaft
½oz / 15ml Falernum
½oz / 15ml Honigsirup
2 Spritzer Angostura Bitters
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Erick Castro]


Die Flasche an sich ist bauchig und liegt gut in der Hand, wenn man sich ein Glas eingießt; das Etikett ist dezent gestaltet, man sieht den Professionalismus hier, da wird nichts dem Kitsch oder Zufall überlassen. Eine sehr schöne Idee ist die Umverpackung mit dem Vogelfutterspender aus Aluminium, der genau um die Flasche passt, und ohne große Umbauten auch direkt mit Vogelfutter gefüllt (600g passen gut rein) und am Lederbändchen sofort draußen aufgehängt werden kann. Bei mir in der Umgebung gibt es keine Rotkehlchen, aber Meisen und Spatzen haben sich nach einer gewissen Eingewöhnungsphase schon daran zu schaffen gemacht. So hat eine Umverpackung auch wirklich echten Mehrwert und landet nicht im Müll, wenn man sich nach ein paar Tagen daran sattgesehen hat. Und wer diese Edition kauft, spendet automatisch auch für Birdlife International.

Wer seinen Whiskey gern etwas stärker hat, dem kann ich auch den Redbreast Cask Strength sehr empfehlen, den ich schon vor ein paar Jahren hier auf meinem Blog besprochen hatte – die Typizität dieser Marke ist hoch, die oben geschilderten Geschmackseindrücke sind auch bei jenem ähnlich zu finden, nur mit etwas mehr Wucht und Stärke. Beide machen mir richtig viel Spaß und zeigen, dass Irland mit seinem Whiskey hinter keinem anderen Land zurückstehen muss.

Offenlegung: Ich danke Redbreast Irish Whiskey und Pernod Ricard für die Bereitstellung der Flasche dieses Whiskeys, und für die Einladung nach Irland zum Robin Redbreast Day 2022.

Bier am Freitag – Rodenbach Grand Cru Red Ale

Ich hatte es zu einem gemütlichen Abend zu meinem Bruder mitgebracht, und dort im Kühlschrank vergessen – ein paar Wochen später bekam ich die entsetzte Nachricht, dass das Bier, das ich mitgebracht hatte, schlecht geworden ist, komplett sauer, nicht mehr trinkbar. Ja, man muss wohl wissen, was man da trinkt, wenn man das Rodenbach Grand Cru Red Ale der belgischen Brouwerij Rodenbach öffnet. Der Stilname ist offiziell „Red Ale“, doch ich warne direkt vor, dass man hier scheinbar etwas anderes unter diesem Bierstil versteht als viele andere Regionen der Welt. Ein Teil junges Bier wird dabei mit zwei Teilen in großen Eichenfässern („Foeders“) gereiften Biers verschnitten, und Milchsäurebakterien helfen dabei, ein besonderes Geschmackserlebnis zu erzeugen – wer Sauerbier kennt, weiß, in welche Richtung ich mit dieser Aussage leiten will.

Rodenbach Grand Cru

Rotbraun, sehr trüb, fast komplett blickdicht. Entsprechend kann man selbst bei Gegenlicht keine Perlage erkennen. Schaum bildet sich dünn beim Eingießen, dieser verfällt aber schnell in einen cremafarbigen Rand und ein paar sehr dünne Inseln. Die Nase ist rotweinig, mit Anklängen von mildem Weinessig oder Verjus, und etwas Naturjoghurt – deutlich säuerlich jedenfalls. Ein bisschen Malz könnte man mehr erahnen als wirklich stark riechen.

Ja, das ist ein Sauerbier, das war mir vom Etikett her jedenfalls nicht deutlich geworden. Limettensaft, Verjus, der Saft, der oben auf Naturjoghurt schwimmt, Molke – in diese Richtung geht das. Anklänge mehr von Crémant als von Bier, und von etwas weißem, trockenem Wein. Die Säure wird durch schöne Würze unterstützt, und von knackiger Bittere gefördert, ohne allerdings ins eckig-kratzige abzugleiten. 6% Alkoholgehalt ist für belgische Biere eher typisch denn ungewohnt. Extrem frisch und rezent. Der Abgang ist kurz, sauer, doch deutlich astringierend. Etwas Süße zeigt sich am Schluss noch. Fasstöne klingen zuguterletzt noch auf, leichte Holzigkeit äußert sich in Aroma und Effekt.

Ein interessantes, unerwartetes Geschmacksbild. Persönlich mag ich ja Sauerbiere jeder Couleur sehr, darum ist die Überraschung positiv gelungen. Wer auf ein typisches belgisches Dubbel gewartet hat, wie ich ursprünglich, wird aus den Socken gehauen. Ich laufe jedenfalls los, um mir mehr davon zu holen – gute Sauerbiere sind bei mir immer gern gesehen, und das Rodenbach Grand Cru gehört für mich dazu.

Moderne Blends für die Welt – Rum Artesanal Burke’s Seamaster Blended Rum

Einzelfassabfüllungen sind die Domäne von Rum Artesanal – in regelmäßigen Abständen veröffentlicht die Marke von HEB Heinz Eggert in Bad Bevensen in der Lüneburger Heide ausgewählte Rums, darunter oft kleine Juwelen, die dann in Minuten ausverkauft sind. Ich bin froh, immer wieder Samples dieser Rums bekommen zu können, denn ich habe weder den Jägerinstinkt für nächtliche Klickbot-Aktionen noch das Budget, mir die meist dreistellig bepreisten besonderen Rums, für die ich mich theoretisch sehr begeistern könnte, leisten zu können. Letztlich aber ist das für mich als Rumfreund dennoch ein gutes Szenario, denn derartige Abfüller sorgten in den letzten Jahren dafür, dass sich auch Spitzenqualitäten im Rum endlich in Deutschland voll durchgesetzt haben, auch mit dem Bewusstsein, dass die Preise diese Qualität wiederspiegeln.

Rum Artesanal nutzt den dadurch gewonnenen Ruf, um auch selbstgemachte, moderne, wertige Blends unter die Leute zu bringen, die im Gegensatz zu vielen Konkurrenten mit hochwertigen Zutaten punkten sollen. Vor einiger Zeit wurde die Marke „Burke’s“ als Name für diese Blends wiederbelebt, unter ihr findet der geneigte Rumtrinker einen ungereiften Rum (Burke’s White Blend Rum mit 61%), und auch einen gereiften: Der Burke’s Seamaster Blended Rum ist ein Blend aus Rums aus Barbados und Jamaica, 8 und 11 Jahre respektive, die in Säule und Potstill gebrannt wurden. Ungefärbt und ungesüßt ist heutzutage für ambitionierte Abfüller selbst für einfachere Rums Standard, so wie es eigentlich immer sein sollte. Die 50% Alkoholgehalt sprechen auch eine klare Sprache, dass hier kein Pappelriedchen in der Flasche zu finden sein wird – schauen wir uns es mal an.

Rum Artesanal Burke’s Seamaster Blended Rum

Das klare Kupfer des Blends ist natürlich in der Fassreifung entstanden, er ist, wie gesagt, ungefärbt. Die Flüssigkeit schwenkt sich leicht, zeigt nur etwas Öligkeit, aus der Kante, die am Glas dabei entsteht, entwickeln sich langsam Tropfen, die als Beine langsam aus ihr herausfransen wie Zotteln an einem Teppich.

Geruchlich ist der Rum von Säulendestillaten geprägt, und man würde ihn vielleicht eher Barbados zuordnen als Jamaica – da ist viel Nougat, Kokos und Marzipan vorne, etwas grüne Banane, leichte Steinobstnoten, Melasse und Pflaume. Ein leichtes Pieksen ist da, und eine Ahnung, mehr aber nicht, von Ethanol und Lack. Grundsätzlich im Gesamtgeruchsbild eher nichts, woran ich lange schnuppern wollen würde, aber auch nichts, das mich komplett langweilt. Ein Ticken Plastikhandschuh kommt noch irgendwie durch, auch das aber nie störend, sondern später dann eher in Floralität übergehend.

Rum Artesanal Burke’s Seamaster Blended Rum Glas

Die ersten Eindrücke im Mund sind die grundliegende Süße, sehr natürlich wirkend, und das gut dazu passende, weiche und runde Mundgefühl. Die Textur gefällt, bleibt aber leicht, entwickelt nur mittleres Volumen, das im Verlauf sogar noch etwas zurückgeht. Aromatisch ist auch hier die Barbados-Komponente im Vordergrund, mit den dafür typischen Aromen von Kokos, Marzipan und Banane, der Jamaica-Anteil liefert eher Wumms und Würze, bildet eine Basis, die sich nur langsam herausarbeitet. Der Alkoholgehalt ist erkennbar, das prickelt etwas auf der Zunge, und lässt sie leicht anästhesiert zurück. Während der Zeit im Mund fühlt sich das ingesamt angenehm und gut gemacht an, der Abgang ist dagegen dann leicht enttäuschend kurz, aromatisch schnell verflogen und nur mit einem Eisenton nachklingend.

Der Burke’s Seamaster bleibt mir als stabiler, sauber geblendeter Mixrum in Erinnerung, gerade der erhöhte Alkoholgehalt macht ihn gut einsetzbar für Drinks, in denen man zumindest Rum schmecken will, auch wenn viele andere Zutaten da sind. Zum gemütlichen Purtrinken ist er mir zu einfach gestrickt, aromatisch dann doch zu unkomplex, und zu kurz. Doch das ist meines Erachtens auch nicht die Aufgabe eines derartigen Blends.


Vielleicht kennt Ihr das – ich habe immer so ein undefinierbares Fernweh, insbesondere, wenn ich auf einem Globus oder in einem Atlas mit dem Finger über all die fernen, geheimnisvollen Inseln und Länder streife, und mir vorstelle, wie es dort wohl ist. So kam mir auch der Gedanke zur Molucca Cola: Die Molukken waren die Gewürzinseln, insbesondere Nelken und Muskatnuss wurden doppelt mit Gold aufgewogen, vor gar nicht allzu langer Zeit. Ein Gewürzsirup mit exotischen Gewürzen und eine gute Cola macht aus einer schnöden Rum-Cola einen sehr süffigen, aromatischen Fernwehdrink, in dem der Burke’s Seamaster wunderbar passt.

Molucca Cola Cocktail

Molucca Cola
⅔ oz Molukkensirup (s.u.)
1 Orangen- und 1 Limettenzeste darin etwas andrücken
2 oz gereifter Rum
Glas mit Eis füllen. Aufgießen mit Cola.

[Rezept nach Helmut Barro]

Molukkensirup (für 2 Drinks)
1 Sternanis
3 Nelken
2 Piment
3 angedrückte Schoten Kardamom
je eine gute Prise frisch gemahlener Zimt und geriebene Muskatnuss
…in 1½ oz Zuckersirup für ein paar Stunden mazerieren.


Ausgesprochen gut gefällt mir jedenfalls die Präsentation – die Flasche hat was, und auch das Etikett ist richtig gut gelungen. Zwei sehr schöne Momente verbinde ich darüber hinaus noch mit dem Seamaster. Das erste ist der wunderbare Abend, den ich mit der Familie meines Bruders eines Sommers in seinem Garten verbringen durfte, mit Feuerschale, Gitarrenmusik und tiefen Gesprächen. Es ist wunderbar, wie einfach gute Gefühle sein können; der Seamaster war als Begleitung dabei.

Das zweite Ereignis war der kleine Cocktailwettbewerb, den Rum Artesanal veranstaltete, und an dem ich aus einer Laune heraus teil nahm. Zwei Drinks reichte ich ein, die obenstehende Molucca Cola, und eine Variante des Benjamin Barker Daiquiri. Letzterer schaffte es, in die Auswahl für das Cocktailbuch zu kommen, das den Wettbewerb begleitete, und einen dekorativen Becher gabs noch als Zugabe drauf. Das sind so kleine Details, die einem Freude bereiten – und wenn man eine Spirituose mit derartigen Erlebnissen verbindet, schmeckt sie am Ende nochmal doppelt so gut, finde ich.