Holz erzählt Geschichten – Storywood Tequila

Storywood Tequila Titel

Ich gebe es gerne zu, als ich die ersten Produkte von Storywood Tequila gesehen habe, dachte ich mir – was ist denn das. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Spirituosenkategorien extrem durchlässig geworden ist, hatte ich wirklich den Eindruck, dass ich hier eine irre Mischspirituose vor mir habe, in der Tequila und Scotch Whisky miteinander vermischt werden. Die Etiketten haben diese Vorstellung auch irgendwie befeuert, mit gleichwertiger Schriftgröße für die Keywords „Tequila“ und „Speyside“, „Reposado“ und „Single Malt“, und dazu diese farbliche Halbierung des Etiketts – es dauerte etwas, bis ich das Konzept verstanden habe. Hier wird nichts gemischt, sondern Tequila in Whiskyfässern gereift, also viel weniger exotisch, als zumindest ich es auf den ersten Blick vermutet hatte.

Tequila wird eigentlich oft eher in Ex-Bourbon-Fässern gereift, daher ist der ausschließliche Einsatz von Scotch-Fässern durchaus etwas besonderes. Welcher Speyside-Single-Malt vorher genau im Fass war, bevor der Tequila hineinkam, ist natürlich nicht so direkt herauszubekommen, da greifen die Geheimhaltungsmechanismen der Fasshändler ziemlich gut, sogar der Verwender der Fässer weiß oft nicht, welche Brennerei Vorbesitzer war. Der Tequila selbst wird dagegen klar bei La Cofradia (NOM 1137) hergestellt, wo auch Casa Noble und rund zwei Dutzend weitere Marken herkommen. Ganz klassisch läuft das ab: 10 Jahre alte Weberagaven werden traditionell geerntet, deren Herzen 72 Stunden in Steinöfen geröstet und der Saft dann mit Schraubenmühlen extrahiert. Wilde Hefen können dann 7-12 Tage ihre Arbeit tun, bevor dann mit Kupferpotstills zweimal destilliert wird. Und schließlich kommen die Speyside-Fässer zum Einsatz – Storywood Tequila bietet ausschließlich gereifte Tequilas an, keinen Blanco. Das Sampleset, das ich erhalten habe, beinhaltet alle ihre Ausprägungen; da steht uns eine spannende Reise bevor!

Storywood Tequila

In klassischer Vielverkostermanier beginnen wir mit dem leichtesten, jüngsten, und steigern uns dann. Also steht erstmal der Storywood Tequila Speyside 7 Reposado 40% vor mir im Glas. Die Zahl „7“ auf dem Etikett bedeutet hier Monate, nicht Jahre, wie man das vielleicht von Whisky gewohnt ist – bei Tequila ist das durch die Alterskategorie „Reposado“ eigentlich klar, denn dieser ist immer unterjährig gereift. Farblich äußern sich diese 7 Monate in einer strohigen, blassgoldenen Farbe. Beim Gerucht bin ich direkt zuhause; ich hatte in letzter Zeit zuviele Tequilas, die in der Nase praktisch neutral waren, hier findet sich sofort und direkt sehr viel Agave, und unterstütztend etwas Zimt, etwas Vanille, dazu etwas Kies und grüne Blätter. Gefällt mir sehr.

Storywood Tequila Speyside 7 Reposado 40%

Die Nase geht recht übergangslos in den Geschmack über, das setzt sich fort, wie man es erschnuppert hatte. Volle Agave, eine angenehme Balance zwischen Trockenheit und Herbe im Mundgefühl, mit schöner Pfeffrigkeit und Anflügen von Haselnuss, Karamell und Muskatnuss. Das klingt jetzt komplexer, als der Reposado wirklich ist, doch das Geschmacksbild ist einfach sauber und rund, typisch und ohne die Wurzeln aufzugeben, aus denen so ein Destillat entsteht. Das Fass wird zwar groß auf dem Etikett vermarktet, doch es gibt praktisch keine Single-Malt-Aromatik ab, etwas, worüber ich gar nicht böse bin – in Zeiten von Whiskys und Rums, die nur noch nach dem Fassfinish schmecken, ist so ein sauber gebliebener Tequila eine Wohltat. Ich finde das in dieser Form als wirklich gut gemacht, trinkig und leicht, aber nicht banal. Ein Everyday-Sipper, würde ich sagen.


Doppelt so lang wie der Reposado war der Storywood Tequila Speyside 14 Añejo 40% im Scotchfass, und man ahnt das schon anhand der leicht kräftigeren, aber immer noch eher strohigen Farbe. Im Glas liegt er schwer, zeigt schöne Viskosität beim Schwenken. Die Nase ist absolut höchstattraktiv für den Tequilafreund, da erkennt man wunderbar die Agavenfrucht, kombiniert mit ordentlich Zimt und viel Vanille – mit zunehmender Offenstehzeit verfliegt das etwas, bleibt aber typisch und klassisch. Etwas Mineralität übernimmt nun, leicht grünes Holz, würziger und pikanter. Mir fehlt nur etwas Tiefe bei diesem Añejo.

Storywood Tequila Speyside 14 Añejo 40%

Das bleibt auch der Kritikpunkt im Geschmack – während er aromatisch angenehm leicht und frisch ist, das Holz der Agave noch viel Raum lässt und eine saubere, milde Süße das Geschmacksbild prägt, so bleibt er doch etwas blass in der Ausdrucksstärke. Initial ist da milde Nussigkeit und der Ansatz von dunkler, aber nicht wirklich bitterer Schokolade, und auch die Agave ist noch sehr klar definiert. Besonders im späteren Verlauf verblüht dann aber so einiges an Aromen schneller, als gewünscht, und geht in eine allgemeine, dennoch recht angenehme Floralität über, mit leicht grünen Blättern und Rosenblüten. Insgesamt ist dieser Tequila trocken und am Ende recht herb, vielleicht sogar leicht pfeffrig und holzig, doch dies ist für mich eher ein Qualitätszeichen denn ein Mangel – hier finden sich Single Malt und Tequila auf einer sehr gerechten Ebene zusammen: Elegant und leicht.


Das Etikett des Storywood Tequila Speyside 7 Reposado 53% deutet es an – die blaue Fläche fehlt, das könnte ein cleverer Weg sein, darauf hinzudeuten, dass wir einen Tequila in Fassstärke (also ohne zugesetztes „blaues“ Wasser und mit 53% Alkoholgehalt) vor uns haben. Ich vergleiche diesen stärkeren Tequila in der Nase natürlich mit dem auf Trinkstärke herabgesetzten kleiner Bruder. Erstaunlich, dass sich die Agave hier sehr deutlich zurückzieht, fast verschwindet, und einer schweren, recht allgemeinen, süßen Alkoholnote den Vorrang gibt, das geht schon fast ins Wodkahafte über. Die Mineralität eines Tequila ist noch erkennbar, auch etwas Vegetales, aber im Vergleich ist der Zauber weg.

Storywood Tequila Speyside 7 Reposado 53%

Im Mund kommt er dann aber wieder etwas zurück, zeigt sich hier voluminös und dicht, mit viel Power, sowohl von der alkoholischen als auch der aromatischen Seite. Honig, Nussmischung, Nougatschokolade, verbunden mit der Pflanzlichkeit der Agave, ohne dass diese dramatisch im Vordergrund steht, hier bindet sie sich ins Ensemble ein. Im Verlauf kommt klare Pfeffrigkeit auf, die dann sogar ins Chilihafte übergeht, das kitzelt die Zunge ordentlich und brennt im Rachen, ohne unangenehm zu werden – im Vergleich zum verdünnteren Bruder ist das sehr wuchtig und erwachsen. Die Klarheit und Süffigkeit macht Platz für Kraft und Schwere; statt einem jungen Mustang haben wir hier einen fetten Stier vor uns. Wäre die schwache Nase nicht, würde ich jubeln; so bleibt dennoch ein starker Eindruck.


Die Standardabfüllungen haben wir damit hinter uns, kommen wir zu den auch im Set enthaltenen „Limited Editions“, in denen zum Teil die Idee des Scotchfassreifens aufgegeben wird. Im Storywood Tequila Sherry 7 Reposado 53% hat man stattdessen ein Oloroso-Sherryfass verwendet und nach 7 Monaten in Fassstärke abgefüllt. So ein frisches Sherryfass hat natürlich eine ganz andere Färbungskraft, das sieht man hier – der Tequila wird bernsteinfarben, mit orangenen und goldenen Lichtreflexen. Auch geruchlich findet man hier viel fruchtigere Noten, die die aber immer noch dominierende Agave und nun sehr erkennbare Mineralität mit Rosinen, getrockneten Pflaumen und gedörrtem Apfel unterfüttern. Wie schon bei einem der Vorgänger fällt mir auf, dass die durchaus schönen Aromen schnell verfliegen, leider.

Storywood Tequila Sherry 7 Reposado 53%

Weich und mild, rund und voll, ohne dabei zu zahm zu werden, so zeigt sich der Sherry Reposado dann im Mund. Vanille, Honig, die aufgezählten Trockenfrüchte, etwas holzig-graphitiges Bleistifthaftes dazu, und Nougat definieren den Antrunk und einen großen Teil des Verlaufs, bevor dann gegen Ende kräftiges, leicht bitteres Feuer aufkommt, das vor allem die Zunge ordentlich kneift und zwickt. Hier gehen die Aromen dann schnell, wie auch schon in der Nase, verlustig, es bleibt eine geschmacksarme, trockenbittere Grasigkeit mit viel Beton und Kies zurück, doch schon astringierend und wenig gemütlich. Der Abgang ist wirklich nicht so richtig schön, wirkt sehr unrund und eckig, da passt kaum etwas gut zusammen, und leider ist das der Eindruck, der am Ende übrig bleibt. Da sind die scotchfassgereiften Produkte gefühlt sauberer und feiner.


Ein weiteres Experiment ist die begrenzte Abfüllung des Storywood Tequila Double Oak Añejo 53%. Hier hat man den Mittelweg gewählt – halb Speyside-Whisky-Fass und halb Oloroso-Sherry-Fass, man sieht, es wird viel mit Holz herumgespielt bei Storywood, da macht man dem Namen alle Ehre. Auch hier landet der Tequila dann nach 14 Monaten gemischter Reifung in cask-strength bei uns. Das ist durch den Sherryteil natürlich schon sehr dunkel selbst für einen Añejo, geht farblich fast schon ins Terracotta über. Ansprechende Viskosität zeigt sich beim Schwenken. Die Nase findet sofort die gekochte Agave, mit klarer Mineralität und leichte Vegetabilität. Eine Zuckerwatteschicht liegt darunter, gemischt Vanille, Erdbeer und Pfirsich, immer noch natürlich wirkend, nicht künstlich aufgemotzt, wie das für Tequila ja leider durchaus erlaubt ist. Ein insgesamt angenehmes Duftbild!

Storywood Tequila Double Oak Añejo 53%

Im Mund zeigt sich eine sehr schöne Strukur, die Mischung aus schwerer Süße, klarer Mineralität und pikanter Würze wirkt durchdacht und konsequent, das liegt wirklich gut im Mund, während die Agaven- und Holzaromen gleichberechtigt miteinander spielen. Der Kritikpunkt der rein sherryfassgereiften Version ist verschwunden, hier wirkt alles aus einem Guss und rund. Sowohl Breite und Tiefe zeigen sich, Bittere und Säure sind wunderbar balanciert, Körper und Leichtigkeit kann man beide fühlen. Man merkt – das gefällt mir sehr. Ein leicht grüner, leicht floraler Nachhall ist auch von ansprechender Länge, so dass man eine Weile was von jedem Schluck hat: Der Double Oak überzeugt mich einfach auf ganzer Linie.


Was bleibt? Erstmal die klare Feststellung, dass meine anfängliche Skepsis bezüglich einer Spirituosenmischform keinerlei Berechtigung hatte, der Storywood Tequila ist genau das, was er ankündigt: Ein Tequila mit Reifung im Single-Malt-Fass. Ersterer dominiert die Aromatik ganz klar, letzteres liefert höchstens Anflüge von Aromatik, dient eher zur Ausdefinierung, eigentlich so, wie es sein soll. Gerade das Fehlen der oft von einem Bourbonfass mitgelieferten Schwere und Süße zugunsten einer klareren Würzigkeit macht den Storywood Tequila besonders, leicht, frisch, elegant und sauber. Ja, mir fehlt in einem Teil der Abfüllungen etwas an Komplexität und Expressivität (ich nehme den Double Oak davon aus), dennoch trinkt sich das spaßig und unaufgeregt – ein gut gemachter, sehr professionell gereifter und süffiger Tequila.

Die Etiketten sind hübsch im Retro-Stil gemacht, aber, wie zu anfang schon erzählt, etwas schwer zu verstehen, da muss man wirklich oft draufschauen, um zu wissen, was man da vor sich hat, und vor allem auch, was der Unterschied zwischen den Ausprägungen ist. Optisch gefällt mir das zwar, aber ein Rücketikett mit klarer strukturierten und besser lesbaren Fakten würde ich mir wünschen (vielleicht ist das bei der Großflasche ja der Fall, dann nehme ich das zurück). Das Set ist in Anthrazit gehalten, und man hat sich beim beiliegenden Booklet für einen Schiefer-Look entschieden – auch das passt gut ins grundsätzliche Design. Dass überhaupt so ein Booklet vorhanden ist, empfinde ich schon als wirklich schöne Sache; da merkt man, dass Profis am Werk sind, die wissen, wie man Kunden mit kleinen Gimmicks ködern kann, ohne sie übers Ohr zu hauen. Wer Lust auf einen Tequila hat, der Spaß macht, und dabei typisch bleibt und der Agave die ihr zustehende Ehre zukommen lässt, der kann zugreifen – sie sind nicht superbillig, für die gelieferte Leistung aber ehrlich bepreist, denn einen guten Tequila bekommt man halt einfach nicht nachgeworfen.

Offenlegung: Ich danke Tequila Kontor für die kosten- und bedingungslose Zusendung dieses Sample-Kits.

Veröffentlicht von schlimmerdurst

Hüte dich vor denen, die nur Wasser trinken und sich am nächsten Tag daran erinnern, was die anderen am Abend zuvor gesagt haben.

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