Bier am Freitag – Südtondern Brauerei Coastery Coffee Dry Stout Hampden Cask

Südtondern Brauerei Coastery Coffee Dry Stout Hampden Cask, ein Bier mit vielen Namensbestandteilen – diese (Südtondern, Coastery, Hampden) sollten zunächst mal aufgelöst werden. Das Bier selbst stammt von der Südtondern Brauerei. Der Kaffee, der gegen Ende des Hopfenkochens grob geschrotet eingesetzt wurde, aus der Coastery Kaffeerösterei. Es handelt sich dabei um Kaffee aus Guatemala, aus der Region Antigua – eine der ältesten Anbauregionen des Landes, auf rund 1500m Höhe gelegen. Zu guter Letzt landet das obergärig gebraute Bier, zusätzlich noch gestopft mit dem Kaffee, dann mit 5,0% Alkoholgehalt in einem frisch entleerten Rumfass der unter Rumfreunden wohlbekannten und -geliebten Hampden Destillery, darf dort 4 Wochen ruhen, und die Zuliefererrunde ist damit geschlossen – weder Pasteurisierung noch Filtration kommen zum Zuge. Dank des eingesetzten Kaffees ist das Bier koffeinhaltig, dieser Schritt zwingt die Brauer dazu, die Klausel „besonderes Bier“ aufs Etikett zu schreiben, um das Endprodukt in Deutschland mit seinem Reinheitsgebotswahn auf den Markt bringen zu dürfen. Nach der Flaschenbefüllung bin ich das letzte Glied der Kette, und ich beschreibe nun mal das Ergebnis der ganzen Mühe.

Südtondern Brauerei Coastery Coffee Dry Stout Hampden Cask

Fast tintenschwarz und ebenso blickdicht steht das Bier im Glas. Selbst bei Gegenlicht ist nicht zu erkennen, ob da Perlage vorhanden ist – bei fassgereiften Bieren ist das aber eh eher selten. Der Schaum hat etwas helle Cremafarbe, ist zunächst einen Zentimeter dick, fällt mit der Zeit in eine feinblasige Insellandschaft zusammen.

Der Geruch ist überraschend – eine sehr komplexe Mischung aus dunklem Malz, Zitrusaromen, deutlich erkennbarem Kaffeepulver und einer esterigen Fruchtkomponente, die ziemlich sicher dem Rumfass entstammt. Das wirkt fast rotweinartig, hat aber auch einen vegetalen Charakter, der mich an Artischocken erinnert, oder eingelegte Pfefferschoten beim Griechen. Sehr spannend, ganz sicher, die Herstellungsart und eingesetzten Produktionsmittel kann man jedenfalls klar voneinander abgrenzbar wahrnehmen, sie wabern gegeneinander an, und gemeinsam ergeben sie ein wirklich faszinierendes Geruchsbild, an dem ich gar nicht aufhören kann, zu schnuppern.

Im Mund geht es mit dem vegetalen, pflanzlichen Charakter gerade weiter, ich fühle mich aus irgendeinem Grund in mein Lieblingsrestaurant Dimitra versetzt. Feta, eingelegte Peperoni, Kalamata-Oliven, wie ein griechischer Vorspeisenteller. Ein sehr klares Mundgefühl ist da, trocken und sauber von Beginn an, mit einer üppigen Karbonisierung. Säure kontrolliert minimale malzige Süße komplett, was auch für ordentlich Rezenz sorgt. Esterige Jamaicarum-Aromen treten auf, und nur ein Hauch von Kaffeeröstaromen deutet auf den Bierstil „Coffee Stout“ hin. Sehr aromatisch, aber ohne den Gaumen zu belegen, kaum verlässt das Bier den Mund, ist er sauber und frei. Entsprechend kurz ist der Abgang, eine leichte Esterigkeit hängt noch etwas nach.

Ich gebe zu, das ist ein Bier, das komplett anders schmeckt, als ich es erwartet hatte. Es ist klar, trocken, frisch und mit einer wirklich außergewöhnlichen Aromatik. Ich vermute, es wird schon lange ausverkauft sein, wenn ich diesen Artikel veröffentliche, darum klingt es wahrscheinlich wie Hohn – wer an es noch herankommen kann, sollte definitiv keine Aufwände scheuen.

Der Himbeergeisterjäger – Destilerija Zarić Rakija od Malina Opsesija

Gerade bei Früchten, die sich nur schwer brennen lassen, wird der gewichtige Unterschied zwischen Geisten und Bränden wichtig. Im ersteren Fall handelt es sich um einen Fruchtauszug – kleine Früchte mit nur geringem Zuckergehalt werden in eine Neutralalkoholbasis gelegt und geben dadurch ihr Aroma ab. Nach einer Destillation erhält man so zum Beispiel einen Himbeergeist. Gerade für Himbeeren ist dies eine beliebte Vorgehensweise, denn sie haben nur rund 5% Zuckeranteil. Was es schwierig macht, aus ihnen einen klassischen Obstbrand herzustellen, bei dem die Früchte vermaischt und fermentiert werden, wozu Eigenzucker nötig ist; man braucht entsprechend sehr viel mehr Fruchtmasse, um einen Himbeerbrand herzustellen, als einen Himbeergeist.

Im Destilerija Zarić Rakija od Malina Opsesija werden entsprechend 20kg Himbeeren pro Liter verwandt – etwa siebenmal so viel, wie für einen qualitativ guten Himbeergeist angesetzt werden müssten. Der serbische Brenner destilliert in seinen Anlagen dann doppelt, um das Endprodukt zu erhalten. Ich habe eine gewisse Liebe zu Obstbränden entwickelt, sie werden oft unterschätzt, weil wir in Deutschland eine weitverbreitete Brennerkultur dafür haben und, wie es halt so ist, der Prophet gilt im eigenen Lande nichts, und was man überall bekommt kann ja nichts besonderes sein. Nichts ist ferner der Realität, darum freue ich mich immer, einen guten Obstbrand im Glas zu haben – was hiermit geschieht, um Euch mitzuteilen, was ich von dem fruchtigen Serben halte.

Destilerija Zarič Rakija od Malina Opsesija

Kristallklar ist die Flüssigkeit, man sieht das ja schon in der Flasche, und erwartet das auch von einem Obstbrand. Eine gewisse Schwere zeigt sich beim Schwenken, aber keine wirkliche Öligkeit, dazu ist der Brand zu lebendig im Glas. Unabhängig davon verläuft der Film an der Glaswand langsam und in dicken, ineinander übergehenden Beinen.

Die Himbeere riecht man natürlich schon beim Eingießen über das Glas hinaus. Da gibt es nichts zu deuten, sie dominiert das Geruchsbild total, und lässt nur leichte, säuerliche Johannisbeerennoten neben sich bestehen. Eine gewisse Grünheit, die an unreife Äpfel und frisch geschnittenes, vollsaftiges Blatt erinnert, gesellt sich im Verlauf dazu, und Eindrücke von Waldhonig etwas Mineralität wie von feuchtem Beton. Da kann man lange dran schnuppern, ohne dass es langweilig wird – aber man merkt schon in der Nase, dass man hier einen stringenten, klaren, unabgelenkten Brand vor sich hat.

Der Antrunk ist süß und hat eine gewisse Stumpfheit, die ich nicht erwartet hatte. Im Mund wirkt der Opsesija gar nicht so frisch und säuerlich, wie man es von der Nase her vermutet hätte, er ist eher schwer, beinahe dunkel, voll von der Fruchtsüße beherrscht, nicht von der Fruchtsäure. Nach dem stumpfen Antrunk entwickelt sich aber eine traumhafte, dichte Himbeeratmosphäre, der Brand hellt sich auf, entfaltet sich, man entdeckt ein fast schon sahneartiges Mundgefühl und auch aromatisch meint man, Himbeeren in Sahne getunkt im Mund zu haben. Eine leichte Pikanz und Salzigkeit beginnt, die sich zum Abgang hin immer stärker zeigt. 40% Alkoholgehalt spürt man gegen Ende, obwohl sie gut eingepasst sind und am Ende für Abwechslung sorgen.

Destilerija Zarič Rakija od Malina Opsesija Glas

Der Abgang ist extrem lang und sehr warm, mit einem hocharomatischen Nachklingen von Himbeeren mit Pfeffer. Etwas Adstringenz ist da, begleitet von herber Bittere, und die Zungenoberfläche wird anästhesiert. Ganz zum Schluss kommt die zuvor erschnupperte grüne Komponente immer deutlicher zum Vorschein, wie ein tiefer Atemzug in einem dicht bewachsenen, feuchten Gewächshaus. Selbst nach 20 Minuten und einer Tasse Kaffee verbleibt der Opsesija noch im Mund erkennbar, das ist schon sehr beeindruckend.

Ein sehr aromatischer, voller und schwerer Brand, der das beste aus der Himbeere in sich trägt und mit nur Beikomponenten unterstützt, statt von dem Hauptdarsteller abzulenken. Ich liebe ihn, das ist komplex, ohne dies mit vielen unterschiedlichen Aromen zu erreichen, sondern nur unterschiedlichen Nuancen der einen Frucht. Wer Himbeeren mag, wird diesen Rakiya lieben, da bin ich mir sicher.

Ich hatte vor einer Weile mal einen Raspberry Sour gemacht, mit einem italienischen Himbeergeist, und vor kurzem habe ich erfahren, dass man einfach durch Aufgießen mit Sprudel aus so einem Sour einen Himbeer Silver Fizz macht. Der Drink wird dadurch leichter und frischer, er verträgt aber auch dann einen stärkeren Himbeerbrand – ein ideales Einsatzgebiet für den serbischen Rakiya.

Himbeer Silver Fizz Cocktail


Himbeer Silver Fizz
2 oz Himbeerbrand
1 oz Zitronensaft
⅔ Zuckersirup
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Mit Soda toppen.
[Rezept nach Thorsten Pannek]


Die Destillerie Zarić füllt viele ihrer Produkte in diese ungewöhnliche Flaschenform ab – und versieht sie dann mit einem Nachfüllstopp, der bei derartig hochwertigen Produkten in Ländern, in denen Produktfälschung durchaus an der Tagesordnung ist, dabei hilft, dass man das „echte“ Destillat bekommt, und nicht ein ins Leergut wiederaufgefülltes Billigprodukt.

Diesen Rakiya hatte ich von meiner Reise nach Plovdiv (Bulgarien) mitgebracht, wo ich 2018 mit dem wandernden Spirituosenwettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles als Juror unterwegs war. Svetlin Mirchev, der Godfather of Rakiya, hatte ihn in einer kleinen Verkostungsrunde abends dabei, und mich sofort damit geködert; er erwähnte, dass er die Destillerie für eine der besten hält, die der Balkan in Bezug auf Obstbrand zu bieten hat. Nach diesem Brand glaube ich das ohne jeden Zweifel.

Bier am Freitag – Orval Trappist Ale

Wir saßen in Brüssel im Bedford Hotel abends zusammen – meine geschätzten italienischen Spirituosenexpertenkollegen Davide Terziotti, Marco Callegari und ich, und die beiden hatten von einem kurzen Spaziergang außer Haus (das einzige, was zu dem Zeitpunkt im ausgangsgesperrten Brüssel erlaubt war) ein paar Flaschen belgischen Biers mitgebracht. Gastfreundlich, wie sie waren, ließen sie mich auch teilhaben, und so kam ich zum ersten Mal in den Genuss des Orval Trappist Ale. Selbst habe ich auch dann noch zwei Flaschen am nächsten Tag erworben. Auf dem Etikett finde ich die lobenswerte Angabe, dass die sehr hübsch geschwungene Flasche am 09.06.2020 abgefüllt worden ist, nur 3 Monate vor meinem Kauf in Brüssel. Die Zutatenliste enthält „Zucker“, dieser ist natürlich für die traditionelle Methode der Flaschengärung unverzichtbar und nicht als Aromastoff zu sehen. Zuhause gibts nun ein weiteres Glas, auf das ich mich mehr konzentriere.

Orval Trappist Ale

Haselnussbraun mit voller Trübung – selbst bei Gegenlicht sieht man nicht durch dieses Bier. Man kann kräftige Perlage geradeso noch erkennen; die Flaschengärung sorgt dafür, dass man beim Eingießen vorsichtig sein muss, denn die Schaumentwicklung ist enorm. Ein Großteil des Schaums besteht aus extrem großen Blasen, die beim Platzen beinahe spinnenwebartige Gebilde hinterlassen und das Bier von oben betrachtet fast wie ein in sich zusammensackendes Mousse aussehen lassen.

Der Geruch wirkt säuerlich, erinnert an Verjus, milden Apfelessig, grüne Äpfel und Joghurt. Johannisbeeren und Nelken, eine interessante Kombination, unterfüttern. Die empfohlene Trinktemperatur ist 12-14°, da riecht man das Orval nach dem Eingießen durchaus schon einen ein paar Zentimeter vom Glas entfernt.

Ein ungewöhnliches Geschmackserlebnis erwartet einen – das ist von Anfang an sehr trocken, sehr bitter, erinnert mich etwas an Schorle aus Grapefruitsaft. Tatsächlich ist Grapefruit für mich der dominierende Eindruck, etwas Naturjoghurt kommt dazu, die Säure ist gar nicht so ausgeprägt, wie man nach der Riecherfahrung hätte denken können. Leicht beerige Frucht entsteht, und die süßliche Malzbasis wird erkennbar. Erstaunlich ist das überraschend schale Mundgefühl, das dem Schaum spottet; durch die Helltönigkeit und die Säure wirkt das Bier dennoch rezent, wenn auch nicht prickelnd. Der Abgang ist kurz, erneut mit deutlicher Grapefruit in Bezug auf Bittere und Säure, und auch leichter Adstringenz; ein sehr frisches, klares Gefühl verbleibt eine ganze Weile am Gaumen.

Hm, da bin ich überrascht, das ist schon ein belgisches Bier, das sich nicht in die Dubbel-Tripel-Schiene einpassen lässt. Es wirkt auf mich etwas eindimensional und schmal, etwas arg dünn und leicht. In dieser Form begeistert es mich nicht wirklich – doch mir wurde von belgischen Freunden nahegelegt, eine Flasche etwas im Keller nachreifen zu lassen, denn Biere dieser Art profitieren von langer Lagerzeit. Ich denke, in 3 bis 4 Jahren werde ich die zweite Flasche dann hervolholen und diesen Artikel mit den neuen Eindrücken ergänzen. Bis dahin!

Echt stark – Siembra Valles High Proof Tequila Blanco

High-proof, mindestens 46%, Navy strength, Fassstärke – das ist eine Gruppe von Buzzwords, die den Spirituosenfreund seit einiger Zeit umtreibt. Man gibt sich nicht mehr mit dem mutmaßlich „verwässerten“ oder „verdünnten“ Zeug zufrieden, man will richtig Hochprozentiges – denn, und so weit sind sich alle einig, Alkohol ist ein Geschmacksträger und entsprechend hat man einfach mehr im Mund, wenn das Label nicht nur läppische 40% Alkoholgehalt aufweist, sondern der Wert über die Fünfzigermarke oder noch höher steigt. Verdünnen kann man ja schließlich selbst noch, wenn es zu stark wird.

Für Rum und Whisky aus vielen Ländern ist das eigentlich problemlos, und man fand früher schon mehr als genug derartige Produkte. So manche Spirituosen haben jedoch Regelungen oder Gewohnheiten, die es etwas schwerer machen, sich an diesen Trend anzupassen – chilenischer Pisco beispielsweise begnügt sich in manchen Varianten schon mit 35%, peruanischer Pisco darf maximal 48% haben, kubanischer Rum darf gesetzlich eigentlich mit maximal 41% abgefüllt werden (dafür gibt es Ausnahmen). Und Tequila, da sind wir auch niedrigere Prozentwerte gewohnt, oft unter 40% sogar. Darum ist es aktuell noch eher ungewöhnlich, einen Agavenbrand wie den Siembra Valles High Proof Tequila Blanco zu finden, der schon im Namen verrät, dass er sich von der Gewohnheit lösen will und dem Sucher nach im Ethanol gebundenen Aromen mit 48% mehr anbietet als seine Konkurrenten. Wirkt es?

Siembra Valles High Proof Tequila Blanco

Kristallklar und ohne Fehleinschlüsse schwappt der High Proof Blanco im Verkostungsglas schwer hin und her. Es bildet sich ein durchgängiger Film an der Glaswand, der zunächst en bloque abläuft, und sich erst sehr spät in einzelne Beine aufteilt.

Ich bin vorbelastet, ich gebe es ja gerne zu, denn ich liebe den Duft von ungereiftem Tequila mehr als den jeder anderen Spirituose der Welt. Und der Duft des Siembra Valles Blanco hier gehört selbst darunter mit zu den hübschesten seiner Art. Herrliche Floralität, Rosenblätter, Jasmin, richtig viel Lavendel, frisch geschnittene Agave, da will ich gar nicht aufhören, dran zu schnuppern. Milde Orangenschale, Birne, ein Touch von Ananas, es kommt eine dezente Fruchtigkeit dazu. Unter all dem findet sich leichte Mineralität, aber nur ein Tick, in Richtung Tee und Harz. Hält man die Nase tief ins Glas, erkennt man einen Anflug von Alkohol und Motoröl, später auch etwas Apfelessig, aber nicht stechend oder störend. Fantastisch im Gesamtbild.

Siembra Valles High Proof Tequila Blanco Glas

Der Antrunk ist süß, mild, voller Eindrücke von gerösteter Agave und der dazugehörigen Blumigkeit und Mineralität. Ein superflauschiges Mundgefühl mit einer tollen, fetten Textur lässt einen auf dem Tequila herumkauen. Lavendel und Jasmin explodieren geradezu im Mund, Vanille, grüne Banane und Pfirsich bilden die süße Basis, das wirkt fast schon schokoladig in der Zusammensetzung. Dann aber entsteht auch eine sehr feurige Würze, weißer Pfeffer, Ingwer, vielleicht sogar etwas Chili. Hier könnten sich die 48% Alkoholgehalt auch zeigen.

Der Abgang ist mittellang, aber extrem effektvoll, mit viel Kraft und Fortführung der starken Aromatik. Agave setzt sich nun durch, feinherb, umami und den gesamten Gaumen belegend und leicht prickelnd. Grüne Eindrücke aus Aquariumkies und mineralisch-feuchter Beton kommen hervor. Der Nachhall ist dann plötzlich eiskalt, mit Kardamom, Minze und Eukalyptusfrische, die beim Atmen mit offenem Mund einen Kältehauch erzeugen. Sehr lange bleibt der Gaumen und die Zunge belegt, betäubt, bezaubert. Wow.

Für mich ist und bleibt ein gut und ehrlich gemachter Blanco die Krönung der Spirituosenwelt. Soviel Aroma, soviel Spannung, und trotzdem so lieblich, und das ohne Bearbeitung des Destillats. Das bekommt keine andere Kategorie so hin. Das trinke ich echt gern pur, oder aber in Drinks, in denen die Aromatik noch ein bisschen weiter aufblühen kann – zum Beispiel im Tequila Basil Smash. Das Basilikum passt herrlich zur Blütigkeit des Siembra.

Tequila Basil Smash Cocktail


Tequila Basil Smash
Eine Handvoll Basilikumblätter mit Stielen und ½ Zitrone muddeln.
2 oz Tequila blanco
½ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. In ein Gästeglas voll Eis abseihen.

[Rezept nach Helmut Barro]


Normalerweise erzähle ich hier noch etwas über die Flasche, das ist hier jedoch recht sinnfrei, die Flasche selbst ist völlig unauffällig, einfach und ohne irgendwelche Details, höchstens der schwarze Kunststoffstopfen könnte Erwähnung finden. Was ich jedoch dringend ansprechen will ist das Rücketikett: Was hier an Information geboten wird ist sensationell und in seiner Konsequenz das spannendste, was ich je auf einem Spirituosenetikett gefunden habe. Mit allen Details der Produktion, von der Ernte (Pflanz- und Erntedatum der Agave, Art der Jima – das ist das Werkzeug, mit dem die Agavenernter die Pflanze ernten) über Röstung der Agave (Kapazität der Öfen! Röstdauer!) und Fermentation (Größe und Art der Tanks! Bezeichnung der Hefe!) bis hin zur Destillation (Aufbau des Brennapparats! Kapazität!), findet der interessierte Tequilafreund alles, was er nur wissen können will. Das ist fantastisch, ein Vorbild für alle Hersteller, und es zeigt, dass man mit einem Rücketikett so unendlich viel mehr anfangen kann als es für dümmliche Marketingfantasien und Hirngespinste eines Illustrators zu verschwenden.

Der Kopf trinkt bei mir einfach mit. Wenn ich spüre und sehe, dass ein Produkt mit Herzblut und Ernsthaftigkeit gemacht wird, verzeihe ich sogar manche Mängel im Geschmack. Hier muss ich natürlich aber nichteinmal das, der Siembra Valles High Proof Tequila Blanco ist ein großartiger Tequila in jeder Beziehung, die man sich nur vorstellen kann.


Bier am Freitag – BrewDog ALD IPA Easy India Pale Ale

Der Discounter Aldi hat immer wieder mal nette Abwechslungsbiere im Programm, keine große Brauerkunst, aber hin und wieder die leichten Pale Lager von Heineken, Estrella oder Asahi oder Weizenbiere aus bayerischer Herkunft. Das sind für mich Biere, die ich zum Essen trinke, oder in der Badewanne, wenn ich nicht groß drüber nachdenken will, was ich da eigentlich im Glas habe. Die Produkte von BrewDog gehören für mich eher in die Kategorie der Art von Bieren, die ich für mich erschmecken und entdecken will, Genussbiere oft genug, Experimentalbiere manchmal sogar. Um so erstaunter ist man, wenn man das BrewDog ALD IPA Easy India Pale Ale im Regal von Aldi sieht – sogar gestaltet in den Discounterfarben und mit einem durchaus witzigen Wortspiel (ich hätte auch fast Aldi PA gelesen) als Namen.

BrewDog ALD IPA Easy India Pale Ale

Man denkt sich, hübsch, wenn man das Bier ins Glas gießt – kristallklar, mit schöner Blume obenauf, gelbgold leuchtend. Die Nase ist dann aber direkt verwundert; das soll ein IPA sein? Keinerlei Aromahopfennoten, keinerlei Frucht, nur eine mäßige Getreidigkeit und ein stark metallischer Ton.

Das Mundgefühl ist dünn, wirklich schon wässrig, ohne jede Textur oder Charakteristik eines Ales, selbst für 4,2% erwarte ich da mehr. Leicht zitronig, das war es schon, ansonsten schmecke ich nur Getreide, Hefe und ein bisschen Malz. Rezenz ist vorhanden, wenn das Bier gut gekühlt wird. Der Abgang ist sehr kurz, zwar durchaus bitter, aber nicht genug, dass ich spontan an IPA denken würde, und dazu dann ohne jeden Charme, sehr metallisch und extrem gelangweilt.

Ich hatte schon reisbasierte Lagerbiere aus Japan und China, die aromatischer waren, als dieses Pseudo-IPA. Sogar wenn man es direkt als „Easy IPA“ deklariert, ist das für mich falsch – dies ist ein leichtes Session Lager. Als solches trinkt es sich in der Tat „easy“ und als Durststiller, aber keinesfalls auch nur ansatzweise als IPA und/oder Genussbier. Wer ist die Zielgruppe? Die, die noch nie ein IPA getrunken haben und herangeführt werden sollen? Da könnte man auch sagen, mit den Kastelruther Spatzen wird man an Mozart herangeführt. Irgendwie ja schon, aber eigentlich nicht. Die, die sich auskennen und ein IPA beim Discounter schnell mitnehmen wollen? Da können sie genauso gut ein Pils der Hausmarke für ein Viertel des Preises mitnehmen, da ist genausoviel IPA drin.

Keine Ahnung, was sich BrewDog mit diesem Bier gedacht hat – einen Gefallen haben sie sich damit nicht getan, finde ich, und mir auch nicht. Das ist mit Abstand eines der langweiligsten Biere, die ich seit langem im Glas hatte.

Geheimnisvolle Gefahr – Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery

Australien – das gefährlichste Land der Erde, wie ich immer wieder höre. Spinnen so groß wie Handteller, Giftschlangen, die sich in vor die Tür gestellten Schuhen ausruhen, Dingos, die sich an allem bedienen, was sie finden können, Krokodile in jedem Tümpel und Haie an jeder Küste und sonstiges Grün- und Viehzeug, das sich in den staubigen Wüsten und brennenden Wäldern darauf vorbereitet, den arglosen Besucher ratzeputz von der Oberfläche seiner Heimat zu tilgen. Fehlt nur noch, von einem boxenden Känguruh eine aufs Maul zu bekommen. Und nein, das stammt nicht alles einfach nur aus dem Drehbuch zu Crocodile Dundee.

Aus diesem Land also stammt der Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery. So „secret“ ist die Destille dann doch nicht; wenn man die grundsätzliche Aromatik der Beenleigh Artisan Rum Distillery aus Queensland kennt, fällt einem sofort auf, dass der Brand nur von dort kommen kann – und Steve Magarry, seines Zeichens Distillery Manager dort, hat mir das inzwischen auch in privater Kommunikation ganz offen bestätigt. Die Rohdaten, klar dokumentiert auf den Etiketten der Flasche, lesen sich schonmal gut – ein reines Pot-Still-Destillat aus 08/2007 ist die Basis, das auf 50,4% Alkoholgehalt eingestellt und nach 12 Jahren Fassreifung (08/2019) abgefüllt wurde in eine von nur 497 der 500ml-Flaschen, die sich aus Fass 45 ergeben haben. Nachdem ich den Karton vorsichtig geöffnet habe, um sicherzugehen, dass mir keine Spinne ins Gesicht springt, und der Korken auch keine Schlange in der Flasche gefangen hatte, probiere ich den australischen Rum nun, ohne echtes mulmiges Gefühl.

Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery

Farblich sehen wir das, was wir von 12 Jahren Reifung erwarten – klares, leuchtendes Sonnenblumengelb, ein ehrlicher Ton für dieses Alter. Bei Gegenlicht wirkt der Rum schon fast Orange. Kaum eine Öligkeit ist zu sehen, wenn man ihn im Glas schwenkt; an der Glaswand sieht man dennoch einen Film, der in weit voneinander abgegrenzten, langen Beinen abläuft.

Die Nase beginnt mit vielen Gewürzen, Kardamom allen voran, etwas Vanille, etwas Zimt. Darunter dann aber direkt das, was ich oben als „Destillerie-Typizität“ bereits angesprochen hatte, und was ich in diversen Abfüllungen von Beenleigh immer wieder gefunden hatte – ein fettes, buntes Obstbouquet, das mich in der Ausführung deutlichst an einen klassischen Obstler erinnert, mit Anklängen von Birne, Apfel, Kirsche und Aprikose. Ein bisschen ein buttriger Charakter scheint dabei durch, vielleicht Marzipan und Butterscotch. Da ist auch ordentlich leicht zwickender Lack und Lösungsmittel dabei, das muss ich dazusagen, tiefes Schnuppern prickelt an den Polypen. Alles zusammen ergibt ein ganz eigenes Bild, sehr prägnant und mit hohem Wiedererkennungswert.

Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery Glas

Ein sehr süßer und milder Antrunk kommt dann nicht unerwartet. Sehr cremig legt der Rum sich an den gesamten Innenraum des Mundes, die Frucht expandiert und präsentiert sich erneut mit klarer Reminiszenz an einen gereiften Apfel- oder Birnenbrand, leichte grüne Banane gesellt sich dazu, und eine an Holunderblüten erinnernde Floralität. Später kommen die Gewürze wieder, Zimt, Kardamom, mit einer durchaus ansprechenden prickelnden Pikanz und einer gewissen Anästhesie oben am Gaumen. Trockenheit und ganz vorsichtige Bittere bildet sich aus, ein bisschen medizinisch wird er dabei, etwas, was ich an komplexen Bränden sehr schätze – dabei bleibt der Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery von Anfang bis Ende rund, voll, und so richtig breit in alle Richtungen.

Der Abgang ist eiskalt, sehr mentholisch, mit Eukalyptusaromen und -effekten an Gaumen und Zunge, lang und aromatisch hängt der Rum noch am Geschmacksapparat, erinnert hier an einen alten Calvados, helltönig, fruchtig, aber mit Kraft bis zum Schluss. Ein toller Rum, wirklich, mit eigenständigem Charakter und handwerklich wunderbar ausgeführt, etwas Besonderes für den Rumkenner wie für den Einsteiger, der sich zum ersten Mal mit dieser Rumregion auseinandersetzen will.

Natürlich bietet sich so ein feiner Rum für feine Drinks an, das steht außer Frage. Ich war aber auf der Suche nach einem echten australischen Cocktail, und da findet sich nicht viel „Feines“ – im Sinne von klassischen Rezepturen. Also muss ich auf den ältesten australischen Drink zurückgreifen, den ich finden konnte (immerhin mindestens 1953). Der Diamantina Cocktail klingt im Rezept grausig, aber natürlich habe ich die Mengen auf nichtaustralische Gepflogenheiten reduziert, und das hier nicht erhältliche Emu-Ei durch ein Bio-Hühnerei ersetzt. Auch wenn das laut der Seite dann nicht mehr den wahren Geist des Outbacks einfängt.

Diamantina Cocktail


Diamantina Cocktail
1 ganzes Bio-Ei (im Original vom Emu) schaumig aufschlagen
1½ oz australischer Rum
1½ oz Kondensmilch
Auf Eis gut shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Rum Artesanal hat eine klare Präsentationsstruktur, hübsch und edel wirkend, ohne je in Marketingclownerie und Klischees abzudriften. Um die Marke des unabhängigen Abfüllers Heinz Eggert GmbH aus Bad Bevensen ist gerade in der Szene ein wahrer Wirbel ausgebrochen – einige der (zugegebenermaßen wirklich großartig ausgewählten) Abfüllungen waren Lustziel der Rumnerds dieser Welt, was dafür sorgte, dass auch viele Folgeabfüllungen in Minuten komplett ausverkauft waren, mit dem entsprechenden Echo derer, die nichts mehr abbekommen konnten, wie das immer so ist bei hochbegehrten Produkten. Nun, das ist so, heutzutage – Rum ist aus der Nische, in der er sich lange nicht mit den Problemen, die Whiskykenner schon Jahrzehnte plagen, herumschlagen musste, endgültig heraus. Für mich bedeutet das schon, dass ich weniger an diese gierig gesuchten Abfüllungen herankommen werde, denn ich habe keine Lust, nachts um 3 aufzustehen und im Browser stundenlang F5 zu drücken oder einen Sniperbot zu aktivieren, ich bin einfach kein Jäger dieser Art. Persönlich sehe ich das aber nicht echt kritisch, sondern gönne Dominik Marwede und Rum Artesanal diesen wohlverdienten Erfolg von ganzem Herzen, und auch jedem, der eine Flasche seltenen Rums ergattern kann.

Jedenfalls freue ich mich, dass es in Deutschland so jemanden gibt, der wirklich guten Stoff abfüllt, ehrlich und ohne Trickserei, unprätenziös und immer für Kommunikation und einen Spaß offen. Und der Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery zeigt mir, dass da nicht einfach nur bereits bekannte Felder abgegrast werden, sondern eine Perspektive auf Neues, wenig Bekanntes eröffnet werden soll. Allein das ist schon lobenswert. Ich hoffe trotz obiger Skepsis, dass möglichst viele Rumfreunde davon profitieren werden können in Zukunft.

Bier am Freitag – Brauerei Zwönitz Rum Bock

Früher war das eine Rarität, ein Experiment. Heute komme ich kaum hinterher, die ganzen fassgereiften Biere, die ich gern probieren würde, anzuschaffen, noch etwas ruhen zu lassen und dann auch in angemessenem Rahmen zu probieren. Mir gefällt, dass die Brauer vieler Brauereien inzwischen diesen Aufwand auf sich nehmen, um dem geneigten Kunden auch mal was sehr außergewöhnliches präsentieren zu können. Mich faszinieren dann Produkte wie der Brauerei Zwönitz Rum Bock ganz besonders, weil er noch besondere Fässer eines anderen Lieblings von mir, dem Rum, dafür einsetzt – 6 Monate wird ein hauseigener Bock mit 10,5% in jamaikanischen Rumfässern gereift, bevor er in sehr knuffige Drittelliterflaschen mit einem attraktiven Etikett abgefüllt wird.

Brauerei Zwönitz Rum Bock

Die Flasche verbirgt es komplett, erst im Glas offenbart das Bier seine haselnussbraune Farbe, mit leichten rostroten Reflexen, die durch die kristallklare Transparenz im Gegenlicht besonders schön zur Geltung kommen. Keinerlei Trübung, keinerlei Perlage – und auch Schaum ist nur als dünne Linie an der Glaswand erkennbar, mit ein paar verstreuten Blasenarchipeln auf der weiten Bierfläche. Schon beim Eingießen kann man die süßliche, melassige Note erschnuppern, die das Malz des Bieres in Kombination mit dem Rumfass ergibt. Ich rieche darüber hinaus extrem viel Honig und leichte Orange. Man ahnt schon, dass man hier ein sehr süßaromatisches Bier vor sich hat, die Nase ist sehr präsent.

Beim Antrunk bestätigt sich diese Vermutung sofort, süß, schwer und fast schon fett im Mundgefühl. Honig und Melasse mit leichten Pflaumentönen beherrschen das Bild, und auch wenn das Bier süß beginnt, entwickelt sich langsam eine gewisse, dezente Säure, auf jeden Fall aber knackige Bittere, die mit adstringierenden Effekten die Mundschleimhäute belegt. Bei einem solchen fassgereiften Bier erwarte ich nicht unbedingt viel Rezenz, und finde sie hier auch nicht – das ist nichts zur Erfrischung, sondern ein Genussbier, das man alleinstehend statt eines Weines trinkt. Tatsächlich sind da auch Reminiszenzen an Primitivo. Das Holz ist sehr deutlich erkennbar; dass es sich um Rumfässer handelt, in denen das Bier reifte, würde ich wahrscheinlich auch erkennen. Wer als Rumnerd jedoch eine echte Jamaikaesterigkeit sucht, muss etwas Fantasie mitbringen, ich will da gar keine Erwartungen schüren. Der Abgang ist lang, sehr aromatisch, bitter und durch die Säure weiterhin leicht anästhesierend. Ein floraler Nachhall hängt lange am Gaumen.

Ein sehr hübsches, ungewöhnliches Bier, voll und rund, mit geradezu gemütlicher Schwere, das man so vor sich hin schlürfen kann, bei Zimmertemperatur natürlich, um die ganze Vielschichtigkeit wirklich genießen zu können, die bei so einer Herstellungsweise entsteht. Nicht ganz einfach, aber sehr befriedigend!

Äpfel mit Birnen vergleichen – Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans

Calvados aus der Region Domfrontais muss zu mindestens 30% aus Birnen bestehen. Das ist eine Klausel, die eingeführt wurde, um die Früchte der Birnenhaine, die in dieser Region Nordfrankreichs heimisch sind und auf der dünnen Erdschicht, die den Granitsockel dort bedeckt, besser wachsen als Apfelbäume, verwenden zu können. Eine weitere Motivation war,  diese durch Naturkatastrophen und falsche EU-Subventionspolitik, die Getreide bevorzugt, gefährdeten Pflanzenkulturen zu schützen. Viele der Calvados, die von dort kommen, nutzen darum aber auch deutlich mehr als diese Untergrenze an Birnenanteil – viele gehen auf die Hälfte, manche sogar auf zwei Drittel. Und so ist es kein Wunder, dass manche den letzten Schritt konsequenterweise auch noch gehen, den eigentlich als Apfelbrand bekannten Calvados uminterpretieren und ihn einfach vollständig aus Birnen herstellen; so wie das beim Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans der Fall ist.

Mindestens 3 Jahre (eins mehr als der Calvados aus anderen Regionen) muss er nach der Destillation in einem Säulenbrennapparat, der mit offenem Feuer beheizt wird, in Eichenholz reifen, um die AOC-geschützte Bezeichnung Calvados Domfrontais tragen zu dürfen; auch hier hat man sich auf der Ferme des Grimaux, dem Stammsitz des Hauses Pacory, dazu entschieden, noch einen Schritt über das Minimum hinauszugehen: 8 Jahre ruht er dort in den Fässern. Für mich eine schöne Dauer, die noch die Frucht erhalten, gleichzeitig aber auch attraktive Holzaromen ins Destillat hineintragen kann. Nun mag man skeptisch sein und denken, hm, das hat doch bestimmt sensorisch nicht mehr viel mit einem frischen, jungen Apfelbrand zu tun, mit dem wir meist den Calvados assoziieren? Probieren wir ein paar Schlucke dieses normannischen Sonderlings, um das zu überprüfen.

Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans

Rein optisch würde ich zunächst mal keinen Unterschied zwischen einem reinen Apfel- und diesem Birnencalvados ausmächen können. Die Farbe ist kräftiges Safran, leuchtet schon in der Flasche, um so mehr im Glas, wo er sich lebendig und fast ohne Schwere beim Schwenken bewegt. An der Glaswand bilden sich viele dicke Beinchen dabei, die in vielen wurzelähnlichen Bahnen kreuz und quer ablaufen.

Die Nase ist sehr fruchtig. So richtig richtig fruchtig. Enorm viel Birne natürlich, allerdings mit einer knackigen, saftigen und frechen Frische, die man einem 8 Jahre alten Brand gar nicht zugetraut hätte – als würde man in eine leicht überreife Birne beißen. Wie das Blattgrün von Pfingstrosen wirkt das teilweise, und hat diesen der Birne etwas verwandten Korianderton, der nicht unangenehm ist. Eine minimale medizinische Note entsteht dabei, würde ich sagen. Das Fassholz gibt etwas Vanille und Zimt dazu, was die Frucht sogar noch etwas betont, statt sie zu überdecken, sie etwas in Richtung frischer Pfirsich bewegt. Schnuppert man sehr tief, piekst ein bisschen Ethanol. Ein höchst attraktiver und vielschichtiger Gesamtduft, der sich über das Glas hinaus schnell einen Meter im Raum verbreiten kann.

Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans Glas

Im Mund beginnt der Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire mild, süßlich, fast schon schal und mit deutlichem Eindruck von Rancio. Die Frucht erblüht dann aber direkt, mit einerseits blumigen Tönen, andererseits einer trockenen Herbe, die an die Schale der Birne erinnert. Der Verlauf ist dann aber ein ganz anderes Kaliber – da ensteht plötzlich starke Bittere, und kräftige, pfeffrige Würze, die auf der Zungenspitze kitzelt, und die Birne voll nach vorne schießt. Zu diesem Zeitpunkt glüht der ganze Geschmacksapparat, man muss kurz Luft holen, und dabei nimmt der Luftstrom die Aromatik der Birne und des Holzes auf und lasst beide geradezu explodieren. Der Abgang ist heiß, mittellang, und anästhesiert über viele Minuten fast die gesamte Zunge, nicht mit den 42% Alkoholgehalt, nein, mit der Kraft der Kombination aus zimtigen Holz und frecher Fruchtsäure. Sehr lange hat man die bitteren Effekte als Nachhall am Gaumen, und der Geschmack hängt extrem lange nach, kräftig, apfelig-birnig, jasminig, vanillig.

Uiuiui, das ist ein radikales, brutales Geschoss, das man vorsichtig kennenlernen muss. Ich bin höchst begeistert, von diesem Spannungsbogen, von dieser Kombination aus Frucht und Holz, das ist grandios kombiniert. Eher zartbesaitete Trinker müssen hier etwas Mut mitbringen, doch wer auf wilde, ungebremste, starkaromatische Spirituosen steht, die sich nicht zurückhalten, der wird am Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire garantiert genauso viel Spaß haben wie ich.

Das ist gleichzeitig auch eine Cocktailzutat, die sich gewaschen hat, da besteht keine Gefahr, dass sie gegen irgendwas untergeht. Den Le Pom’Pom habe ich in Christian Drouins Buch „Le livre des Calvados – Des racines normandes, Une ambition mondiale“ gefunden – er wird dort als emblematischer Cocktail für Calvados bezeichnet. Mit der Verwendung eines reinen Birnencalvados stellt sich zwar die Frage, ob der Name noch passt – oder ob ich ihn spontan in Le Poi’Poi umbenennen sollte. Das fände ich aber irgendwie albern, wegen so kleiner Details so ein Fass aufzumachen.

Le Pom'Pom Cocktail


Le Pom’Pom
6 Körner rosa Pfeffer im Shaker muddeln
3 zerrissene Basilikumblätter
1½ oz Calvados
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. Abseihen, und mit 1 oz Sprudel verlängern.

[Rezept nach Sullivan Doh, Michael Mas und Thomas Girard]


Nach dem Verkostungswunder nehme ich mir etwas Zeit, durchzuschnaufen, um die Präsentation zu begutachten. Mir fällt auf, dass mir nichts auffällt – wir haben hier eine höchstgradig zurückhaltende Gestaltung, das Produkt in der schön gerundeten Halbliterflasche steht voll im Vordergrund. Selbst der Geschenkkarton, in dem die Flasche geliefert wird, ist komplett ohne jede Dekoration und einfach nur braun, nur mit einem fast schon nachlässig aufgedruckten „8 ans“ obenauf – das ist ja schon beinahe fahrlässig, fügt sich aber ins Gesamtbild ein. Die kalligraphische Schrift auf dem Etikett allerdings passt so richtig gut zu diesem Calvados, der nicht freundlich, lieblich, zart oder zivilisiert daherkommt, dass eine ziselierte Schrift passen würde – nein, die wilden Striche geben genau das wieder, was man in der Flasche findet. Und das, glaube ich, ist genau gut so. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage, dass dieser Calvados das Potenzial hat, in meiner Liste der drei besten Spirituosen des Jahres 2021 zu landen, und das schon früh im ersten Quartal!

Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose

Mit das beste an der Renaissance des Bierbrauerhandwerks („Craftbeerwelle“ hört sich für mich immer so hipsterig an) ist, dass alte Bierstile in Deutschland auch wieder eine Chance auf eine Frischzellenkur bekommen. Die Gose beispielsweise war hart an der Grenze des Aussterbens, und moderne Brauer haben nun durch ein grundsätzlich an Vielfalt interessierteres Publikum die Möglichkeit, sie zu fördern – und sogar in mehreren Varianten! Darum muss auf dem Etikett der Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose auch als Stil „(contemporary) Gose“ angegeben werden, schließlich ist es eine Neuinterpretation. Die Grundlagen sind klassisch – obergärig, mit Meersalz gebraut, Einsatz von Gewürzen. Ich mag Gose sehr, und bin daher natürlich begeistert, wenn ich eine Flasche dieses Stils irgendwo finde.

Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose

Passend zum Wal auf dem typischen Ganzflaschenetikett der Rügener Insel-Brauerei zischt die Gose laut beim Eingießen ins Glas, wie bei den meisten Flaschengärungsbieren. Der zunächst üppige, großblasige Schaum fällt schnell in sich zusammen und bildet eine eher dünne Schaumtonsur. Das Bier selbst ist stark naturtrüb, mit leichter Perlage. Der Geruch ist, so kenne und liebe ich meine Sauerbiere, sehr wein- oder sektartig. Apfel, Weißwein, etwas milder Essig, Grapefruitschale. Etwas Hefe schimmert durch.

Im Mund ist direkt die schöne Balance zwischen Säure und Süße auffallend. Hier spielen die beiden Komponenten sich sehr schön die Bälle gegenseitig zu, anstatt gegeneinander zu wetteifern. Die Zugabe von Meersalz und Gewürz sorgt für die tolle, aber sehr dezente Würzigkeit. Kandiszucker, ein Hauch von Beeren, Sojasauce, Malz und Hopfen kombinieren sich zu einem sehr attraktiven Gesamtbild. Der Abgang ist trocken, feinherb ohne Kratzen oder Rumpeln. Im Nachhall ist Minze und etwas Fruchtkaugummi da. Die Rezenz ist ideal ausgebaut, was das Bier zusammen mit der Aromatik perfekt erfrischend macht. 6,5% Alkoholgehalt kümmern sich um die Kraft.

Wow, das ist ein sensationell gutes Bier, das ich jedem Freund von schönem Bier empfehlen will – der Sauerbierfreund bekommt darüber hinaus eine herrliche Gosevariante. Das Baltic Gose wird definitiv öfter bei mir im Glas landen.

Der König von Fenyang – Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒)

Ich hatte bei meiner letzten Besprechung eines Baijiu die Videos erwähnt, die mein sehr geschätzter Baijiu-Mitstreiter Ulric Nijs und ich gedreht hatten – sie enthalten grundlegendes Basiswissen zur für die meisten immer noch mysteriösen chinesischen Nationalspirituose. Ich gebe zu, ich hatte mit mehr Reaktionen gerechnet, das Interesse hält sich doch etwas in Grenzen; was uns nicht davon abhält, weiter die Trommel zu rühren für Baijiu. Hier zum Beispiel das Video über Leichtaroma-Baijiu!

Natürlich untermauere ich das mit einer weiteren Besprechung eines Baijius, der eben zu dieser Kategorie der Leichtaromabaijius gehört – des Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒). Fenyangwang (der Name übersetzt sich als „Der König von Fenyang“, daher der Titel dieses Artikels) ist ein großer Produzent in der nordchinesischen Provinz Shanxi, dem Kernland dieser Kategorie. Ich war 2019 zu Besuch bei ihnen, und die Produktionsanlagen sind wirklich traumhaft gelegen in einer Umgebung, die sich wirklich anbietet auch für einen touristischen Besuch. Es gibt dort herrliche Tempel, Konfuziusstatuen, Türme, angelegte Seen und ganze aus der Qing-Dynastie erhaltene Dörfer zu besichtigen, die dem Freund des alten, vergangenen China unglaublich viel zu bieten haben. Kann der Sprit in der auffälligen Flasche mithalten mit den schönen Erinnerungen, die ich an diesen Ausflug habe?

Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒)

Optisch zunächst mal ist er klar, ohne Fehler und sauber, wie von einem Baijiu erwartet, der in Tonkrügen gereift wurde, leider ist hier kein Reifungsalter angegeben. Minimale Öligkeit, die sich an der Glaswand ablegt, und dann in dicken Beinen abläuft. Über eine klare Spirituose gibt es kaum mehr zu sagen.

Die Nase dagegen hat mehr zu sagen. Da ist zunächst eine sehr getreidige Komponente, mit Anflügen von nassem Heu und frisch geschrotetem Korn, das ist typisch für 清香-Baijius. Deutliche Ethanolnoten liegen darüber, das wirkt insgesamt schon recht alkoholisch, trotz der für Baijiu-Verhältnisse sehr moderaten 42% Alkoholgehalt. Mineralische Töne erinnern an feuchte Erde, nasse Steine. Darunter schließlich erscheint nach einer Weile auch eine fruchtige Seite, Pfirsich und Honigmelone, würde ich sagen. Dieser Baijiu erinnert mich geruchlich sehr stark an aromatischen Wodka oder manch weißen Rum.

Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒) Glas

Der Antrunk ist sehr süß, weich, fast schon flauschig, und der Fenyangwang behält sich diesen Aspekt auch über weite Teile der Verkostung bei. Eine cremige Textur wandelt sich dabei allerdings in eine herbe Trockenheit, ohne die extreme Adstringenz, die viele Baijius sonst mit sich bringen. Eine milde Aromatik aus Getreide, süßer Frucht und etwas Blumigkeit lässt alle Alkoholizität, die wir noch gerochen hatten, vergessen – das ist sogar ein sehr angenehmes, warmes und rundes Mundgefühl, das mich tatsächlich begeistert. Eine deutliche Umami-Seite regt den Speichelfluss an, und am Ende entdecke ich noch etwas Süßholz. Auch hier drängt sich mir ein Vergleich zu weißem Rum auf.

Der Abgang ist sehr kurz, hier wirkt dieser Leichtaromabaijiu schokoladig und warm, mit vielen Erinnerungen an Toffee, Vanille und Kokosnuss. Ein mildes und warmes Gefühl verbleibt am Gaumen, ohne Feuer oder übermäßige Aromatik, und mit einem kleinen Eisenton klingt der Fenyangwang aus.

Das ist ein sehr angenehm zu trinkender Baijiu, ohne jede Form von Aggressivität oder Wildheit, sehr zivilisiert, weich und zart, dabei dennoch voll in der Aromatik und der Textur. Mir gefällt er, er könnte ruhig etwas expressiver im Abgang sein, doch diese Weichheit weiß auch zu schmeicheln.

Die immer wieder auftauchenden Erinnerungen an Rum lassen mich ein Rezept, das ursprünglich mit dem Zuckerrohrbrand gemacht wird, abwandeln. Im Four Leaf Clover präsentiert sich ein Leichtaromabaijiu sehr schön – zurückhaltend, nicht den gesamten Drink übernehmend (wie das oft bei Baijiu-Cocktails schnell passiert), aber dennoch erkennbar, sich gut mit Nelke und Apfel arrangierend. Persönlich bisher mein Lieblingsbaijiucocktail.

Four Leaf Clover Cocktail


Four Leaf Clover
1 Nelke im Shaker zerdrücken
2 oz ungereifter Rum (oder Leichtaroma-Baijiu!)
1 oz trüber Apfelsaft
¾ oz Limettensaft
½ oz Honigsirup
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen. Mit einer Physalis dekorieren.

[Rezept nach Denis Broci]


Die Flasche des Fenyangwang selbst ist ganz im Gegensatz zu ihrem Inhalt ausladend gestaltet – knallig rot, in einer Box mit goldenen Applikationen und einer transparenten Plastiksichtscheibe. Natürlich sind die eingesetzten Materialien optisch beeindruckend, bei näherem Hinsehen merkt man allerdings, dass hier nicht ganz so qualitativ gearbeitet wurde wie beim Baijiu selbst; ein Nachfüllstop in der Flasche ist für viele Baijius dagegen üblich, wie in vielen Ländern, wo Schurken leere Flaschen gern mit billigerem Stoff wiederauffüllen.

Spirits Selection 2019 Closing Dinner

Ich habe diesen Baijiu auf dem extrem lebendigen, extrem opulenten, extrem lauten Abschlussdinner (wie es wirklich nur die Chinesen können, mir dröhnte noch drei Tage danach der Schädel) von Spirits Selection 2019 bei Fenyang in China mitgehen lassen – es standen mehr als genug bereit, auf jedem Tisch, wie auf dem Bild oben zu sehen, und sobald sie leer waren (was alle halbe Stunde der Fall war), wurde eine neue hingestellt. Den anderen in der blauen Flasche weiter rechts auf dem Tisch konnte ich mir auch organisieren; der wird auf diesem Kanal auch noch besprochen werden.