Geheimnisvolle Gefahr – Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery

Australien – das gefährlichste Land der Erde, wie ich immer wieder höre. Spinnen so groß wie Handteller, Giftschlangen, die sich in vor die Tür gestellten Schuhen ausruhen, Dingos, die sich an allem bedienen, was sie finden können, Krokodile in jedem Tümpel und Haie an jeder Küste und sonstiges Grün- und Viehzeug, das sich in den staubigen Wüsten und brennenden Wäldern darauf vorbereitet, den arglosen Besucher ratzeputz von der Oberfläche seiner Heimat zu tilgen. Fehlt nur noch, von einem boxenden Känguruh eine aufs Maul zu bekommen. Und nein, das stammt nicht alles einfach nur aus dem Drehbuch zu Crocodile Dundee.

Aus diesem Land also stammt der Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery. So „secret“ ist die Destille dann doch nicht; wenn man die grundsätzliche Aromatik der Beenleigh Artisan Rum Distillery aus Queensland kennt, fällt einem sofort auf, dass der Brand nur von dort kommen kann – und Steve Magarry, seines Zeichens Distillery Manager dort, hat mir das inzwischen auch in privater Kommunikation ganz offen bestätigt. Die Rohdaten, klar dokumentiert auf den Etiketten der Flasche, lesen sich schonmal gut – ein reines Pot-Still-Destillat aus 08/2007 ist die Basis, das auf 50,4% Alkoholgehalt eingestellt und nach 12 Jahren Fassreifung (08/2019) abgefüllt wurde in eine von nur 497 der 500ml-Flaschen, die sich aus Fass 45 ergeben haben. Nachdem ich den Karton vorsichtig geöffnet habe, um sicherzugehen, dass mir keine Spinne ins Gesicht springt, und der Korken auch keine Schlange in der Flasche gefangen hatte, probiere ich den australischen Rum nun, ohne echtes mulmiges Gefühl.

Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery

Farblich sehen wir das, was wir von 12 Jahren Reifung erwarten – klares, leuchtendes Sonnenblumengelb, ein ehrlicher Ton für dieses Alter. Bei Gegenlicht wirkt der Rum schon fast Orange. Kaum eine Öligkeit ist zu sehen, wenn man ihn im Glas schwenkt; an der Glaswand sieht man dennoch einen Film, der in weit voneinander abgegrenzten, langen Beinen abläuft.

Die Nase beginnt mit vielen Gewürzen, Kardamom allen voran, etwas Vanille, etwas Zimt. Darunter dann aber direkt das, was ich oben als „Destillerie-Typizität“ bereits angesprochen hatte, und was ich in diversen Abfüllungen von Beenleigh immer wieder gefunden hatte – ein fettes, buntes Obstbouquet, das mich in der Ausführung deutlichst an einen klassischen Obstler erinnert, mit Anklängen von Birne, Apfel, Kirsche und Aprikose. Ein bisschen ein buttriger Charakter scheint dabei durch, vielleicht Marzipan und Butterscotch. Da ist auch ordentlich leicht zwickender Lack und Lösungsmittel dabei, das muss ich dazusagen, tiefes Schnuppern prickelt an den Polypen. Alles zusammen ergibt ein ganz eigenes Bild, sehr prägnant und mit hohem Wiedererkennungswert.

Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery Glas

Ein sehr süßer und milder Antrunk kommt dann nicht unerwartet. Sehr cremig legt der Rum sich an den gesamten Innenraum des Mundes, die Frucht expandiert und präsentiert sich erneut mit klarer Reminiszenz an einen gereiften Apfel- oder Birnenbrand, leichte grüne Banane gesellt sich dazu, und eine an Holunderblüten erinnernde Floralität. Später kommen die Gewürze wieder, Zimt, Kardamom, mit einer durchaus ansprechenden prickelnden Pikanz und einer gewissen Anästhesie oben am Gaumen. Trockenheit und ganz vorsichtige Bittere bildet sich aus, ein bisschen medizinisch wird er dabei, etwas, was ich an komplexen Bränden sehr schätze – dabei bleibt der Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery von Anfang bis Ende rund, voll, und so richtig breit in alle Richtungen.

Der Abgang ist eiskalt, sehr mentholisch, mit Eukalyptusaromen und -effekten an Gaumen und Zunge, lang und aromatisch hängt der Rum noch am Geschmacksapparat, erinnert hier an einen alten Calvados, helltönig, fruchtig, aber mit Kraft bis zum Schluss. Ein toller Rum, wirklich, mit eigenständigem Charakter und handwerklich wunderbar ausgeführt, etwas Besonderes für den Rumkenner wie für den Einsteiger, der sich zum ersten Mal mit dieser Rumregion auseinandersetzen will.

Natürlich bietet sich so ein feiner Rum für feine Drinks an, das steht außer Frage. Ich war aber auf der Suche nach einem echten australischen Cocktail, und da findet sich nicht viel „Feines“ – im Sinne von klassischen Rezepturen. Also muss ich auf den ältesten australischen Drink zurückgreifen, den ich finden konnte (immerhin mindestens 1953). Der Diamantina Cocktail klingt im Rezept grausig, aber natürlich habe ich die Mengen auf nichtaustralische Gepflogenheiten reduziert, und das hier nicht erhältliche Emu-Ei durch ein Bio-Hühnerei ersetzt. Auch wenn das laut der Seite dann nicht mehr den wahren Geist des Outbacks einfängt.

Diamantina Cocktail


Diamantina Cocktail
1 ganzes Bio-Ei (im Original vom Emu) schaumig aufschlagen
1½ oz australischer Rum
1½ oz Kondensmilch
Auf Eis gut shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Rum Artesanal hat eine klare Präsentationsstruktur, hübsch und edel wirkend, ohne je in Marketingclownerie und Klischees abzudriften. Um die Marke des unabhängigen Abfüllers Heinz Eggert GmbH aus Bad Bevensen ist gerade in der Szene ein wahrer Wirbel ausgebrochen – einige der (zugegebenermaßen wirklich großartig ausgewählten) Abfüllungen waren Lustziel der Rumnerds dieser Welt, was dafür sorgte, dass auch viele Folgeabfüllungen in Minuten komplett ausverkauft waren, mit dem entsprechenden Echo derer, die nichts mehr abbekommen konnten, wie das immer so ist bei hochbegehrten Produkten. Nun, das ist so, heutzutage – Rum ist aus der Nische, in der er sich lange nicht mit den Problemen, die Whiskykenner schon Jahrzehnte plagen, herumschlagen musste, endgültig heraus. Für mich bedeutet das schon, dass ich weniger an diese gierig gesuchten Abfüllungen herankommen werde, denn ich habe keine Lust, nachts um 3 aufzustehen und im Browser stundenlang F5 zu drücken oder einen Sniperbot zu aktivieren, ich bin einfach kein Jäger dieser Art. Persönlich sehe ich das aber nicht echt kritisch, sondern gönne Dominik Marwede und Rum Artesanal diesen wohlverdienten Erfolg von ganzem Herzen, und auch jedem, der eine Flasche seltenen Rums ergattern kann.

Jedenfalls freue ich mich, dass es in Deutschland so jemanden gibt, der wirklich guten Stoff abfüllt, ehrlich und ohne Trickserei, unprätenziös und immer für Kommunikation und einen Spaß offen. Und der Rum Artesanal Australia Rum Secret Distillery zeigt mir, dass da nicht einfach nur bereits bekannte Felder abgegrast werden, sondern eine Perspektive auf Neues, wenig Bekanntes eröffnet werden soll. Allein das ist schon lobenswert. Ich hoffe trotz obiger Skepsis, dass möglichst viele Rumfreunde davon profitieren werden können in Zukunft.

Bier am Freitag – Brauerei Zwönitz Rum Bock

Früher war das eine Rarität, ein Experiment. Heute komme ich kaum hinterher, die ganzen fassgereiften Biere, die ich gern probieren würde, anzuschaffen, noch etwas ruhen zu lassen und dann auch in angemessenem Rahmen zu probieren. Mir gefällt, dass die Brauer vieler Brauereien inzwischen diesen Aufwand auf sich nehmen, um dem geneigten Kunden auch mal was sehr außergewöhnliches präsentieren zu können. Mich faszinieren dann Produkte wie der Brauerei Zwönitz Rum Bock ganz besonders, weil er noch besondere Fässer eines anderen Lieblings von mir, dem Rum, dafür einsetzt – 6 Monate wird ein hauseigener Bock mit 10,5% in jamaikanischen Rumfässern gereift, bevor er in sehr knuffige Drittelliterflaschen mit einem attraktiven Etikett abgefüllt wird.

Brauerei Zwönitz Rum Bock

Die Flasche verbirgt es komplett, erst im Glas offenbart das Bier seine haselnussbraune Farbe, mit leichten rostroten Reflexen, die durch die kristallklare Transparenz im Gegenlicht besonders schön zur Geltung kommen. Keinerlei Trübung, keinerlei Perlage – und auch Schaum ist nur als dünne Linie an der Glaswand erkennbar, mit ein paar verstreuten Blasenarchipeln auf der weiten Bierfläche. Schon beim Eingießen kann man die süßliche, melassige Note erschnuppern, die das Malz des Bieres in Kombination mit dem Rumfass ergibt. Ich rieche darüber hinaus extrem viel Honig und leichte Orange. Man ahnt schon, dass man hier ein sehr süßaromatisches Bier vor sich hat, die Nase ist sehr präsent.

Beim Antrunk bestätigt sich diese Vermutung sofort, süß, schwer und fast schon fett im Mundgefühl. Honig und Melasse mit leichten Pflaumentönen beherrschen das Bild, und auch wenn das Bier süß beginnt, entwickelt sich langsam eine gewisse, dezente Säure, auf jeden Fall aber knackige Bittere, die mit adstringierenden Effekten die Mundschleimhäute belegt. Bei einem solchen fassgereiften Bier erwarte ich nicht unbedingt viel Rezenz, und finde sie hier auch nicht – das ist nichts zur Erfrischung, sondern ein Genussbier, das man alleinstehend statt eines Weines trinkt. Tatsächlich sind da auch Reminiszenzen an Primitivo. Das Holz ist sehr deutlich erkennbar; dass es sich um Rumfässer handelt, in denen das Bier reifte, würde ich wahrscheinlich auch erkennen. Wer als Rumnerd jedoch eine echte Jamaikaesterigkeit sucht, muss etwas Fantasie mitbringen, ich will da gar keine Erwartungen schüren. Der Abgang ist lang, sehr aromatisch, bitter und durch die Säure weiterhin leicht anästhesierend. Ein floraler Nachhall hängt lange am Gaumen.

Ein sehr hübsches, ungewöhnliches Bier, voll und rund, mit geradezu gemütlicher Schwere, das man so vor sich hin schlürfen kann, bei Zimmertemperatur natürlich, um die ganze Vielschichtigkeit wirklich genießen zu können, die bei so einer Herstellungsweise entsteht. Nicht ganz einfach, aber sehr befriedigend!

Äpfel mit Birnen vergleichen – Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans

Calvados aus der Region Domfrontais muss zu mindestens 30% aus Birnen bestehen. Das ist eine Klausel, die eingeführt wurde, um die Früchte der Birnenhaine, die in dieser Region Nordfrankreichs heimisch sind und auf der dünnen Erdschicht, die den Granitsockel dort bedeckt, besser wachsen als Apfelbäume, verwenden zu können. Eine weitere Motivation war,  diese durch Naturkatastrophen und falsche EU-Subventionspolitik, die Getreide bevorzugt, gefährdeten Pflanzenkulturen zu schützen. Viele der Calvados, die von dort kommen, nutzen darum aber auch deutlich mehr als diese Untergrenze an Birnenanteil – viele gehen auf die Hälfte, manche sogar auf zwei Drittel. Und so ist es kein Wunder, dass manche den letzten Schritt konsequenterweise auch noch gehen, den eigentlich als Apfelbrand bekannten Calvados uminterpretieren und ihn einfach vollständig aus Birnen herstellen; so wie das beim Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans der Fall ist.

Mindestens 3 Jahre (eins mehr als der Calvados aus anderen Regionen) muss er nach der Destillation in einem Säulenbrennapparat, der mit offenem Feuer beheizt wird, in Eichenholz reifen, um die AOC-geschützte Bezeichnung Calvados Domfrontais tragen zu dürfen; auch hier hat man sich auf der Ferme des Grimaux, dem Stammsitz des Hauses Pacory, dazu entschieden, noch einen Schritt über das Minimum hinauszugehen: 8 Jahre ruht er dort in den Fässern. Für mich eine schöne Dauer, die noch die Frucht erhalten, gleichzeitig aber auch attraktive Holzaromen ins Destillat hineintragen kann. Nun mag man skeptisch sein und denken, hm, das hat doch bestimmt sensorisch nicht mehr viel mit einem frischen, jungen Apfelbrand zu tun, mit dem wir meist den Calvados assoziieren? Probieren wir ein paar Schlucke dieses normannischen Sonderlings, um das zu überprüfen.

Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans

Rein optisch würde ich zunächst mal keinen Unterschied zwischen einem reinen Apfel- und diesem Birnencalvados ausmächen können. Die Farbe ist kräftiges Safran, leuchtet schon in der Flasche, um so mehr im Glas, wo er sich lebendig und fast ohne Schwere beim Schwenken bewegt. An der Glaswand bilden sich viele dicke Beinchen dabei, die in vielen wurzelähnlichen Bahnen kreuz und quer ablaufen.

Die Nase ist sehr fruchtig. So richtig richtig fruchtig. Enorm viel Birne natürlich, allerdings mit einer knackigen, saftigen und frechen Frische, die man einem 8 Jahre alten Brand gar nicht zugetraut hätte – als würde man in eine leicht überreife Birne beißen. Wie das Blattgrün von Pfingstrosen wirkt das teilweise, und hat diesen der Birne etwas verwandten Korianderton, der nicht unangenehm ist. Eine minimale medizinische Note entsteht dabei, würde ich sagen. Das Fassholz gibt etwas Vanille und Zimt dazu, was die Frucht sogar noch etwas betont, statt sie zu überdecken, sie etwas in Richtung frischer Pfirsich bewegt. Schnuppert man sehr tief, piekst ein bisschen Ethanol. Ein höchst attraktiver und vielschichtiger Gesamtduft, der sich über das Glas hinaus schnell einen Meter im Raum verbreiten kann.

Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire 8 Ans Glas

Im Mund beginnt der Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire mild, süßlich, fast schon schal und mit deutlichem Eindruck von Rancio. Die Frucht erblüht dann aber direkt, mit einerseits blumigen Tönen, andererseits einer trockenen Herbe, die an die Schale der Birne erinnert. Der Verlauf ist dann aber ein ganz anderes Kaliber – da ensteht plötzlich starke Bittere, und kräftige, pfeffrige Würze, die auf der Zungenspitze kitzelt, und die Birne voll nach vorne schießt. Zu diesem Zeitpunkt glüht der ganze Geschmacksapparat, man muss kurz Luft holen, und dabei nimmt der Luftstrom die Aromatik der Birne und des Holzes auf und lasst beide geradezu explodieren. Der Abgang ist heiß, mittellang, und anästhesiert über viele Minuten fast die gesamte Zunge, nicht mit den 42% Alkoholgehalt, nein, mit der Kraft der Kombination aus zimtigen Holz und frecher Fruchtsäure. Sehr lange hat man die bitteren Effekte als Nachhall am Gaumen, und der Geschmack hängt extrem lange nach, kräftig, apfelig-birnig, jasminig, vanillig.

Uiuiui, das ist ein radikales, brutales Geschoss, das man vorsichtig kennenlernen muss. Ich bin höchst begeistert, von diesem Spannungsbogen, von dieser Kombination aus Frucht und Holz, das ist grandios kombiniert. Eher zartbesaitete Trinker müssen hier etwas Mut mitbringen, doch wer auf wilde, ungebremste, starkaromatische Spirituosen steht, die sich nicht zurückhalten, der wird am Pacory Calvados Domfrontais 100% Poire garantiert genauso viel Spaß haben wie ich.

Das ist gleichzeitig auch eine Cocktailzutat, die sich gewaschen hat, da besteht keine Gefahr, dass sie gegen irgendwas untergeht. Den Le Pom’Pom habe ich in Christian Drouins Buch „Le livre des Calvados – Des racines normandes, Une ambition mondiale“ gefunden – er wird dort als emblematischer Cocktail für Calvados bezeichnet. Mit der Verwendung eines reinen Birnencalvados stellt sich zwar die Frage, ob der Name noch passt – oder ob ich ihn spontan in Le Poi’Poi umbenennen sollte. Das fände ich aber irgendwie albern, wegen so kleiner Details so ein Fass aufzumachen.

Le Pom'Pom Cocktail


Le Pom’Pom
6 Körner rosa Pfeffer im Shaker muddeln
3 zerrissene Basilikumblätter
1½ oz Calvados
¾ oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. Abseihen, und mit 1 oz Sprudel verlängern.

[Rezept nach Sullivan Doh, Michael Mas und Thomas Girard]


Nach dem Verkostungswunder nehme ich mir etwas Zeit, durchzuschnaufen, um die Präsentation zu begutachten. Mir fällt auf, dass mir nichts auffällt – wir haben hier eine höchstgradig zurückhaltende Gestaltung, das Produkt in der schön gerundeten Halbliterflasche steht voll im Vordergrund. Selbst der Geschenkkarton, in dem die Flasche geliefert wird, ist komplett ohne jede Dekoration und einfach nur braun, nur mit einem fast schon nachlässig aufgedruckten „8 ans“ obenauf – das ist ja schon beinahe fahrlässig, fügt sich aber ins Gesamtbild ein. Die kalligraphische Schrift auf dem Etikett allerdings passt so richtig gut zu diesem Calvados, der nicht freundlich, lieblich, zart oder zivilisiert daherkommt, dass eine ziselierte Schrift passen würde – nein, die wilden Striche geben genau das wieder, was man in der Flasche findet. Und das, glaube ich, ist genau gut so. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage, dass dieser Calvados das Potenzial hat, in meiner Liste der drei besten Spirituosen des Jahres 2021 zu landen, und das schon früh im ersten Quartal!

Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose

Mit das beste an der Renaissance des Bierbrauerhandwerks („Craftbeerwelle“ hört sich für mich immer so hipsterig an) ist, dass alte Bierstile in Deutschland auch wieder eine Chance auf eine Frischzellenkur bekommen. Die Gose beispielsweise war hart an der Grenze des Aussterbens, und moderne Brauer haben nun durch ein grundsätzlich an Vielfalt interessierteres Publikum die Möglichkeit, sie zu fördern – und sogar in mehreren Varianten! Darum muss auf dem Etikett der Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose auch als Stil „(contemporary) Gose“ angegeben werden, schließlich ist es eine Neuinterpretation. Die Grundlagen sind klassisch – obergärig, mit Meersalz gebraut, Einsatz von Gewürzen. Ich mag Gose sehr, und bin daher natürlich begeistert, wenn ich eine Flasche dieses Stils irgendwo finde.

Rügener Insel-Brauerei Baltic Gose

Passend zum Wal auf dem typischen Ganzflaschenetikett der Rügener Insel-Brauerei zischt die Gose laut beim Eingießen ins Glas, wie bei den meisten Flaschengärungsbieren. Der zunächst üppige, großblasige Schaum fällt schnell in sich zusammen und bildet eine eher dünne Schaumtonsur. Das Bier selbst ist stark naturtrüb, mit leichter Perlage. Der Geruch ist, so kenne und liebe ich meine Sauerbiere, sehr wein- oder sektartig. Apfel, Weißwein, etwas milder Essig, Grapefruitschale. Etwas Hefe schimmert durch.

Im Mund ist direkt die schöne Balance zwischen Säure und Süße auffallend. Hier spielen die beiden Komponenten sich sehr schön die Bälle gegenseitig zu, anstatt gegeneinander zu wetteifern. Die Zugabe von Meersalz und Gewürz sorgt für die tolle, aber sehr dezente Würzigkeit. Kandiszucker, ein Hauch von Beeren, Sojasauce, Malz und Hopfen kombinieren sich zu einem sehr attraktiven Gesamtbild. Der Abgang ist trocken, feinherb ohne Kratzen oder Rumpeln. Im Nachhall ist Minze und etwas Fruchtkaugummi da. Die Rezenz ist ideal ausgebaut, was das Bier zusammen mit der Aromatik perfekt erfrischend macht. 6,5% Alkoholgehalt kümmern sich um die Kraft.

Wow, das ist ein sensationell gutes Bier, das ich jedem Freund von schönem Bier empfehlen will – der Sauerbierfreund bekommt darüber hinaus eine herrliche Gosevariante. Das Baltic Gose wird definitiv öfter bei mir im Glas landen.

Der König von Fenyang – Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒)

Ich hatte bei meiner letzten Besprechung eines Baijiu die Videos erwähnt, die mein sehr geschätzter Baijiu-Mitstreiter Ulric Nijs und ich gedreht hatten – sie enthalten grundlegendes Basiswissen zur für die meisten immer noch mysteriösen chinesischen Nationalspirituose. Ich gebe zu, ich hatte mit mehr Reaktionen gerechnet, das Interesse hält sich doch etwas in Grenzen; was uns nicht davon abhält, weiter die Trommel zu rühren für Baijiu. Hier zum Beispiel das Video über Leichtaroma-Baijiu!

Natürlich untermauere ich das mit einer weiteren Besprechung eines Baijius, der eben zu dieser Kategorie der Leichtaromabaijius gehört – des Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒). Fenyangwang (der Name übersetzt sich als „Der König von Fenyang“, daher der Titel dieses Artikels) ist ein großer Produzent in der nordchinesischen Provinz Shanxi, dem Kernland dieser Kategorie. Ich war 2019 zu Besuch bei ihnen, und die Produktionsanlagen sind wirklich traumhaft gelegen in einer Umgebung, die sich wirklich anbietet auch für einen touristischen Besuch. Es gibt dort herrliche Tempel, Konfuziusstatuen, Türme, angelegte Seen und ganze aus der Qing-Dynastie erhaltene Dörfer zu besichtigen, die dem Freund des alten, vergangenen China unglaublich viel zu bieten haben. Kann der Sprit in der auffälligen Flasche mithalten mit den schönen Erinnerungen, die ich an diesen Ausflug habe?

Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒)

Optisch zunächst mal ist er klar, ohne Fehler und sauber, wie von einem Baijiu erwartet, der in Tonkrügen gereift wurde, leider ist hier kein Reifungsalter angegeben. Minimale Öligkeit, die sich an der Glaswand ablegt, und dann in dicken Beinen abläuft. Über eine klare Spirituose gibt es kaum mehr zu sagen.

Die Nase dagegen hat mehr zu sagen. Da ist zunächst eine sehr getreidige Komponente, mit Anflügen von nassem Heu und frisch geschrotetem Korn, das ist typisch für 清香-Baijius. Deutliche Ethanolnoten liegen darüber, das wirkt insgesamt schon recht alkoholisch, trotz der für Baijiu-Verhältnisse sehr moderaten 42% Alkoholgehalt. Mineralische Töne erinnern an feuchte Erde, nasse Steine. Darunter schließlich erscheint nach einer Weile auch eine fruchtige Seite, Pfirsich und Honigmelone, würde ich sagen. Dieser Baijiu erinnert mich geruchlich sehr stark an aromatischen Wodka oder manch weißen Rum.

Fenyangwang Baijiu (汾阳王清香型白酒) Glas

Der Antrunk ist sehr süß, weich, fast schon flauschig, und der Fenyangwang behält sich diesen Aspekt auch über weite Teile der Verkostung bei. Eine cremige Textur wandelt sich dabei allerdings in eine herbe Trockenheit, ohne die extreme Adstringenz, die viele Baijius sonst mit sich bringen. Eine milde Aromatik aus Getreide, süßer Frucht und etwas Blumigkeit lässt alle Alkoholizität, die wir noch gerochen hatten, vergessen – das ist sogar ein sehr angenehmes, warmes und rundes Mundgefühl, das mich tatsächlich begeistert. Eine deutliche Umami-Seite regt den Speichelfluss an, und am Ende entdecke ich noch etwas Süßholz. Auch hier drängt sich mir ein Vergleich zu weißem Rum auf.

Der Abgang ist sehr kurz, hier wirkt dieser Leichtaromabaijiu schokoladig und warm, mit vielen Erinnerungen an Toffee, Vanille und Kokosnuss. Ein mildes und warmes Gefühl verbleibt am Gaumen, ohne Feuer oder übermäßige Aromatik, und mit einem kleinen Eisenton klingt der Fenyangwang aus.

Das ist ein sehr angenehm zu trinkender Baijiu, ohne jede Form von Aggressivität oder Wildheit, sehr zivilisiert, weich und zart, dabei dennoch voll in der Aromatik und der Textur. Mir gefällt er, er könnte ruhig etwas expressiver im Abgang sein, doch diese Weichheit weiß auch zu schmeicheln.

Die immer wieder auftauchenden Erinnerungen an Rum lassen mich ein Rezept, das ursprünglich mit dem Zuckerrohrbrand gemacht wird, abwandeln. Im Four Leaf Clover präsentiert sich ein Leichtaromabaijiu sehr schön – zurückhaltend, nicht den gesamten Drink übernehmend (wie das oft bei Baijiu-Cocktails schnell passiert), aber dennoch erkennbar, sich gut mit Nelke und Apfel arrangierend. Persönlich bisher mein Lieblingsbaijiucocktail.

Four Leaf Clover Cocktail


Four Leaf Clover
1 Nelke im Shaker zerdrücken
2 oz ungereifter Rum (oder Leichtaroma-Baijiu!)
1 oz trüber Apfelsaft
¾ oz Limettensaft
½ oz Honigsirup
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen. Mit einer Physalis dekorieren.

[Rezept nach Denis Broci]


Die Flasche des Fenyangwang selbst ist ganz im Gegensatz zu ihrem Inhalt ausladend gestaltet – knallig rot, in einer Box mit goldenen Applikationen und einer transparenten Plastiksichtscheibe. Natürlich sind die eingesetzten Materialien optisch beeindruckend, bei näherem Hinsehen merkt man allerdings, dass hier nicht ganz so qualitativ gearbeitet wurde wie beim Baijiu selbst; ein Nachfüllstop in der Flasche ist für viele Baijius dagegen üblich, wie in vielen Ländern, wo Schurken leere Flaschen gern mit billigerem Stoff wiederauffüllen.

Spirits Selection 2019 Closing Dinner

Ich habe diesen Baijiu auf dem extrem lebendigen, extrem opulenten, extrem lauten Abschlussdinner (wie es wirklich nur die Chinesen können, mir dröhnte noch drei Tage danach der Schädel) von Spirits Selection 2019 bei Fenyang in China mitgehen lassen – es standen mehr als genug bereit, auf jedem Tisch, wie auf dem Bild oben zu sehen, und sobald sie leer waren (was alle halbe Stunde der Fall war), wurde eine neue hingestellt. Den anderen in der blauen Flasche weiter rechts auf dem Tisch konnte ich mir auch organisieren; der wird auf diesem Kanal auch noch besprochen werden.

Bier am Freitag – Königsbräu Halbe

Ich habe mein erstes Bier mit 18 oder so getrunken. Und viele Jahre danach konnte ich dem bitteren Gerstensaft auch weiterhin nichts abgewinnen, ich war schon lange von der schwäbischen Alb weg, als ich anfing, mich für Bier näher zu interessieren. Entsprechend habe ich die lokalen Biere rund um mein Elternhaus nie richtig kennengelernt – was ich aktuell versuche, nachzuholen. Die Getränkemärkte im Ostalbkreis mit ihrer Grenzgängermischung aus bayerischen und schwäbischen Produkten sind entsprechend wahre Schatzkammern für mich, und das Königsbräu Halbe ist eine dieser Funde, bei denen ich mir denke, na, vielleicht hab ich doch was verpasst, damals. Nun, trinke ich es halt jetzt!

Königsbräu Halbe

Ein guter erster optischer Eindruck hat durchaus seine Wichtigkeit, finde ich – und das Königsbräu Halbe gibt sich hier schonmal keine Blöße. Goldgelb, strahlend, kristallklar und mit schöner, aktiver Perlage. Der Schaum setzt sich aus feinem Flaum mit großblasigen Inseln zusammen; genau so stelle ich mir ein hübsches Helles vor. Auch in der Nase fühle ich mich direkt wohl, getreidig, leicht hefig, mit mildem Bitterhopfencharakter. Nicht so metallisch wie manch anderes Helles, leicht marmeladig-fruchtig, ohne eine Komponente zu überbetonen. Stiltypisch erwarte ich nichts dramatisches im Geruch, und das passt so.

Im Mund werden genau diese Fruchtmarmelade-Eindrücke am Antrunk wieder aufgegriffen, eine herrliche Süßsauer-Balance sorgt für ein tolles, volles und angenehm cremiges Mundgefühl. Frisch, leicht, aber dennoch unterschwellig aromatisch, leicht hefig, mit Jasminblumigkeit von Anfang bis Ende. Die Bittere ist sehr effektiv, und sorgt im Gesamtbild für eine Reinheit und Klarheit, die man schon im optischen Eindruck erwartet hatte, mit ein Grund, warum ich diesen Bierstil so mag. Der Abgang ist kurz, weiterhin beherrscht von Jasmin und Bitterhopfen. Der Gaumen bleibt sauber, hat vielleicht etwas leicht minzig-mentholisches, was der Erfrischung natürlich nicht schadet, im Gegenteil. Mit 5,2% Alkoholgehalt bewegen wir uns im sehr üblichen Rahmen.

Ein wirklich extrem süffiges, rundum angenehmes und handwerklich top eingebrautes Helles, ohne jede Sperenzchen. Ich versuche ja immer, neue lokale Biere zu finden und immer was neues auszuprobieren – zwei, drei Flaschen des Königsbräu Halben landen trotzdem ohne jedes Zögern zusätzlich im Kasten, wenn ich in der alten Heimat bin. Einfach weil es so unkompliziert und gut ist.

Mexiko ist nicht nur Agave – Paranubes Rum Aguardiente de Caña

Neulich hat mich meine Freundin Lala Noguera, die in Mexiko gleichzeitig für Frauenrechte und Agave-Spirituosen kämpft (beides hängt enger zusammen, als man auf den ersten Blick denken mag), mit einem Post bei Facebook überrascht. Unterschiedliche Typen von Agavenbränden, ja, dachte ich mir, auch wenn sie nicht so bekannt sind, so kenne ich doch Mezcal, Tequila, Sotol und Bacanora vom Geschmack her, und Raicilla steht auf der Liste der zu probierenden Unbekannten. Die sechste Spirituose war es, die mich verblüffte: La Charanda, ein GI-geschützter Zuckerrohrbrand aus Michoacán. Da musste ich gleich nochmal auf der Flasche des mexikanischen Rums, den ich zu Hause habe, nachschauen, ob das nicht zufällig ein La Charanda ist.

Doch nein, der Paranubes Rum Aguardiente de Caña gehört nicht zu dieser Kategorie, denn er kommt aus Oaxaca (noch genauer Huautapec, noch genauer Río Tuerto) und nicht aus Michoacán. Es ist also ein Rum, oder ein Aguardiente (so bezeichnet man in verschiedenen Ländern einen Proto-Rum oder aber ein generisches „Feuerwasser“, das man nicht unbedingt deutlicher kategorisieren will), das Etikett will sich diesbezüglich nicht festlegen. Das Produkt passt zumindest besser in die Rumkategorie als viele Spirituosen, die sich nicht drum kümmern, was einen Rum eigentlich ausmacht. Man macht also nicht nur Agavenbrände in Mexiko, das hätte mich auch irgendwie überrascht. Man sieht, immer wieder neue, spannende Themen – die Vernetzung lässt einem kaum Ruhe beim Entdecken, man muss nur offenen Auges durch die Welt gehen. Und mit interessiertem Gaumen, dem ich diesen Zuckerrohrbrand nun zuführen werde.

Paranubes Rum Oaxaca Aguardiente de Caña

Der mexikanische Rum ist ungereift, völlig klar und ohne Einschlüsse oder Trübung. Im Glas ist eine leichte Viskosität erkennbar, mit dadurch dick und langsam ablaufenden Beinchen. In einer Blindverkostung hätte ich vermutet, dass es sich hier um eine Cachaça handelt – sehr fruchtig, schwersüß, grünaromatisch mit vielen Noten von frisch gemähtem Heu, Gewächshaus und vergorener Frucht. Etwas Kalk, und eine aufs zweite Riechen doch deutlich erkennbare und auch leicht zwickende Methanolkomponente.

Im Antrunk sehr süß, auch hier entsteht zunächst die Assoziation zu Cachaça. Die Süße ist natürlichen Ursprungs, eine Hydrometermessung meinerseits hat 0g/L Zusätze ergeben. Cremig und sehr schwer, mildbitter, im Verlauf entsteht dazu eine gewisse Säure. Viele Aromen von Zuckerrohr, Gras, Kandiszucker, Honig. Beeren und etwas Ananas, dazu ein Anflug von Dill und Kümmel. Die Blaubeerennote wird gegen Ende stärker, auch der Wandel hin zu einer fast schon staubigen, astringierenden Trockenheit. Trotz der bissigen Nase ist im Mund der Alkoholgehalt von 54% zwar spürbar, aber viel runder eingebettet. Eine fette Textur mit einiges an Salzigkeit ergibt ein tolles Mundgefühl mit viel Volumen.

Paranubes Rum Oaxaca Aguardiente de Caña Glas

Der Abgang ist sehr trocken, dennoch süß auf der Zunge. Heiß, eher kurz, mit einem nachhallenden Eisenton. Das Feuer bleibt vom Effekt her lange an Gaumen, Zunge und im Rachen. Ein hochinteressantes Produkt. Es passt sich in die kleine Lücke zwischen Rhum Agricole und Cachaça ein, ist für mich aromatisch näher an letzterem. Wäre der etwas enttäuschende Abgang etwas interessanter, könnte der Paranubes mich voll überzeugen. Dennoch einer der wenigen ungereiften Rums, die ich mir auch pur eingießen würde.

Letztlich wird dieser Mexikaner aber wohl hauptsächlich in Cocktails landen, die nach weißem Rum verlangen. Oder nach Cachaça. Gerade diese Spannbreite, die der Paranubes aufmacht, sorgt für interessante Twists in Drinks, die von etwas mehr Charakter profitieren können – ich denke hier hauptsächlich an Tiki-Drinks, die mit laschem Rum ansonsten verkümmern. Der Three Dots and a Dash ist ein Beispiel dafür.

Three Dots and a Dash


Three Dots and a Dash
1½ oz ungereifter Rhum Agricole
½ oz gereifter Demerara-Rum
1 oz Orangensaft
1 oz Limettensaft
½ oz Honig
½ oz Falernum
¼ oz Allspice Dram
4 Spritzer Bitters
Auf Eis shaken. Auf Crushed Ice und mit 3 Cocktailkirschen am Spieß servieren.

[Rezept adaptiert nach Don the Beachcomber]


Ungewöhnlich ist neben dem Produkt selbst auch die Verpackung – eine Literflasche mit Plastikschraubverschluss sieht man nicht allzu häufig. Als besonders angenehm empfinde ich das dezente Etikett, das statt auf billige Protzigkeit auf Informationen setzt. Hier erfährt man beispielsweise den Namen des Master Distillers, dass der Rum aus Saft der Zuckerrohrarten Típica, Dura, Negra und Criollo hergestellt wird, indem er in einem Gefäß aus Pinienholz mit wilden Hefen fermentiert und dann in einer Column Still mit 6 Platten destilliert wird. Soviele Infos findet man höchst selten auf Etiketten, das finde ich extrem lobens- und nachahmenswert. Ich habe sogar noch weitere Informationen gefunden, nämlich dass vom Baum abgeschälte Mesquite-Rinde in einem Erdloch zu einem „Tee“ gekocht wird, was Enzyme freisetzt, die dann als Fermentationsstarter für die 2-tägige Fermentation, die nur alle 4 Monate neu gestartet wird und in der Zwischenzeit vor sich hin fermentiert und aus der immer nur die Hälfte für einen Destillationsbatch entnommen wird, dienen.

Die Erfahrung mit dem Paranubes Rum macht mich neugierig auf weitere typische Spirituosen aus Mexiko, die man hierzulande nichtmal vom Namen her kennt. Vielleicht gelingt es mir, irgendwie an einen La Charanda heranzukommen, um ihn dann mit dem Paranubes zu vergleichen. Wenn das gelingt, sind die Leser meines Blogs die ersten, die davon erfahren.

Paranubes Añejo

Nachtrag 08.04.2021: Ich habe das Glück gehabt, von tequila-kontor.de, meinem Tequiladealer der Wahl in Deutschland, ein Sample des extrem limitierten (220 Flaschen weltweit!) Paranubes Añejo bekommen zu können. Dem Rum wurden 18 Monate Ruhedauer in Fässern aus französischer Eiche spendiert, danach hat man ihn mit 54,8% abgefüllt. Alles, was ich über den ungereiften Paranubes gesagt habe, trifft auch hier zu – eine tolle Salzigkeit, viel Kümmel und Gewürze, eine attraktive Textur und, das ist das Spannende, die Trockenheit und Wildheit des Rums wurde durch die Fassreifung tatsächlich etwas eingebremst. Während man immer noch die Struktur des Originaldestillats erkennen kann, wird sie durch feine, würzige Vanille- und Zimtnoten etwas sanfter gemacht. Ich bin echt schwer beeindruckt, was aus diesem Brand durch die Reifung geworden ist. Ich hoffe auf mehr davon aus Mexiko!

Bier am Freitag – Fuller’s London Black Cab Stout

Ein Kollege fragte mich neulich nach einer Empfehlung für ein Stout. Ich trinke Stouts, Extra Stouts und Imperial Stouts eigentlich sehr gern, sie kommen mangels einfacher Kaufmöglichkeiten aber doch eher selten bei mir zu Hause an. Die Anfrage, die ich erfolgreich beantworten konnte, führte deshalb dazu, dass ich mal wieder Ausschau nach einem der schwarzen Gebräue hielt. Und das Fuller’s London Black Cab Stout war das erste, das ich fand und noch nicht kannte. Es handelt sich dabei um ein klassisches britisches Stout. 5 Malzsorten werden eingesetzt, erwähnenswert ist dabei vielleicht gesondert der Hafer, ein Getreide, das ich inzwischen in vielen Bieren finde.

Fuller's London Black Cab Stout

Komplett blickdicht und nachtschwarz, selbst wenn man es gegen das Licht hält – seinem Namen macht es schonmal alle Ehre. Wie ein Tintenfass präsentiert sich das Stout, mit dem einzigen Unterschied der gemischtblasigen Crema, die sich leicht beige auf der Oberfläche bildet, nachdem der Schaum sich gelegt hat. Die Nase ist dagegen überraschend helltönig, mit leichten Zitrus- und Fruchtnoten, einem Hauch von Verjus vielleicht sogar. Diese Frische wird dann aber doch untermauert von röstigen, malzigen Kaffeeeindrücken. Gerade die Kombination aus hell und dunkel ist für mich sehr reizvoll. Aprikose mit Espresso, Johannisbeeren mit Malzsirup, das klingt verrückt, funktioniert aber geruchlich ausgesprochen gut.

Auch das Mundgefühl des Fuller’s London Black Cab Stout ist gar nicht so schwarz, wie der optische Eindruck vermuten lassen könnte. Frisch und sehr rezent, säuredominiert, und dabei doch durch üppige Karbonisierung und den eingesetzten Hafer mit einem gewissen Kaufaktor. Ungewohnt vielleicht auch hier, doch ebenso wie in der Nase klappt es einfach. Die Röstmalzkomponenten sind im Mund stärker, tendieren fast zum Kaltrauchigen hin, werden aber immer noch durch beerige Frucht und Steinobst eingefangen. Der Körper ist leicht, mit 4,5% Alkoholgehalt haben wir, so will ich das mal einschätzen, ein schönes Erfrischungsbier, das sich ideal auch zu leichterem Essen eignet. Der Abgang ist entsprechend passend kurz, knackig sauerbitter, hinterlässt deutliche Trockenheits- und Adstringenzeffekte am ganzen Gaumen und der Zunge.

Mir gefällt das, die Spannung zwischen Farbe und Sensorik ist bei diesem Bierstil halt frappierend – vielleicht auch einer der Reize eines Stouts. Sicherlich sollten Freunde dieses urbritischen Bierstils es sich mal anschauen; und wer noch nicht so viel Erfahrung mit Stouts hat, kann hier sehr genehm und leicht einsteigen.

Pappy Lite – Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey

In letzter Zeit hat die Renaissance von Rye Whiskeys dafür gesorgt, dass auch Bourbons mit hohem Roggenanteil in der Rezeptur beliebt sind. Sie sind etwas würziger als das Gegenstück, die Bourbons mit höherem Weizenanteil, die im Gegensatz dazu mit der Weichheit und Drinkability werben, die der Weizen mit sich bringt (dem geneigten Bierfreund ist das Phänomen sehr bekannt). Das hierzulande wahrscheinlich bekannteste Beispiel für diese „wheated Bourbons“ ist Maker’s Mark, ein anderes Beispiel ist der hier besprochene  Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey – und es besteht ein Konkurrenzkampf darüber, wer das Recht an der „Erfindung“ von weizenlastigen Bourbons hat. Buffalo Trace, der Hersteller von Old Weller Antique, präsentiert sich mit dem selbstbewussten Spruch „The Original Wheated Bourbon“ auf dem Etikett – Maker’s Mark versichert, dass die Idee auf ihrem Familienmist gewachsen sei.

Der Bourbonexperte Chuck Cowdery klärt in einem lesenswerten Artikel auf seinem Blog darüber auf, dass wahrscheinlich beide Unrecht haben, und sich in Marketingfiktion ergehen. Die Geschichte darüber sollte jeden Genusstrinker interessieren, nicht nur Spirituosenhistoriker, denn es betrifft einen Aspekt, der gerade in der sehr von Blabla und Blubbblubb gesteuerten Welt des Hochprozentigen aktuell ist: Das Gelaber und Zusammenfantasieren von Geschichten über die eigenen Produkte ist ein beliebter Zeitvertreib vieler Hersteller in allerlei Spirituosenkategorien. Der moderne, interessierte Schnapsfreund will Transparenz und nicht derartige Täuschungsmanöver. Wollen wir mal sehen, ob der Inhalt der Flasche wenigstens was taugt? Schreiten wir zur Verkostung.

Old Weller Antique Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Es ist keine Altersangabe auf dem Etikett vermerkt, „Antique“ ist hier wohl eher als Markenname als als echte Altersangabe zu verstehen. Die Farbe wirkt aber sehr antik, geht fast schon ins Haselnussbraun über; da bei Straight Bourbon verboten, ist keine Nachfärbung vorhanden. Im Glas schwenkt sich dieser Bourbon leicht ölig, mit schönen Überresten am Glasrand.

Dabei nehmen wir auch schon direkt den Geruch wahr, der sich schnell weit ums Glas herum verbreitet. Aprikose, Erdbeere, Malz, das sind die Eindrücke, die man schon von weit entfernt riecht; geht man mit der Nase ins Glas kommen die holzigen und würzigen Komponenten zum Tragen. Vanille ist bei Bourbon immer da, eine leichte Karottennote, und eine milde, aber präsente Lösungsmittelnote. Insgesamt höchstattraktiv.

Weizenlastige Bourbons sind immer sehr genehm im Antrunk, der Old Weller Antique macht hier keine Ausnahme. Sehr süß, cremig, weich, rund und dabei trotzdem sehr breit. Zunächst fruchtig und leicht milchig im Geschmack, im Verlauf wird er immer würziger und wuchtiger, pfeffriger. Ein gelungener Spannungsbogen, der von den üppigen 53,5% (107 proof in der amerikanischen Sprechweise) perfekt getragen wird, ohne dass diese auch nur ansatzweise negativ auffallen.

Am Ende wird es heiß und schokoladig, trocken und noch fruchtiger, Aprikose und Pfirsich dominieren den Abgang. Sehr komplex und spannend, langanhaltend und beeindruckend. Im Nachhall ist sehr lange reife Banane und Vanille am Gaumen. Ein Bourbon, der sowohl dem Einsteiger als auch dem Experten viel zu bieten hat.

Ich erwähne es oft und gern – Bourbon ist die Cocktailspirituose schlechthin. Für mich schlägt er selbst den vielseitigen Rum in diesem Bereich. Nicht nur, dass die Bourbonaromatik großartig in süßen und schweren Drinks ankommt wie in frischen und leichten – man muss sich echt wirklich dumm anstellen, um einen Cocktail mit Bourbon zu versauen. Die ideale Einsteigerspirituose für Cocktailfreunde also. Und er arbeitet freundlich und kollegial mit praktisch allen anderen Zutaten zusammen, seien sie auch noch so verschieden – wie man gut im sehr bunt zusammengesetzten Beelzebub sehen kann. Old Weller Antique ist selbst in dieser gehobenen Gesellschaft ein feiner Gentleman und darum als Hausbourbon für die Heimbar perfekt geeignet.

Beelzebub


Beelzebub
1½ oz Kentucky Straight Bourbon Whiskey
¾ oz Zitronensaft
½ oz Orgeat
½ oz Amaro
½ oz Mezcal
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Blade and Bow]


Pappy Van Winkle – ein Name wie ein Donnerhall in der Bourbon-Welt. Unbezahlbar und nicht erreichbar für die allermeisten Bourbonfreunde ranken sich Gerüchte und Legenden um diesen Tropfen, der wie der Old Weller Antique bei Buffalo Trace hergestellt wird, und, verknappt und beweihräuchert, regelmäßig absurde Preise in Zuweisungslotterien und Versteigerungen erzielt. Ich gehe tatsächlich davon aus, dass viele sich diesen Bourbon kaufen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie dieser legendäre Schnaps schmeckt. Was ist der Unterschied in der Herstellung? Eigentlich, von der Destillation her, keiner. Die Mashbill, also die Rezeptzusammensetzung, ist bei allen Wheaters von Buffalo Trace identisch. Es ist ausschließlich die Fassauswahl, die entscheidet.

Die Van-Winkle-Abfüllungen kommen aus den besten, handausgewählten Fässern und erfahren eine entsprechende Vorzugsbehandlung, was die Reifungsdauer und Platzierung im Lagerhaus angeht. Aus dem, was diesen hohen Ansprüchen nicht gerecht wird, macht man Van Winkle Lot B, und dem, was da nicht verwendet wird, den Weller 12 Years. Dasselbe Material geht schließlich in den Old Weller Antique, der einfach weniger gereift wird – man sieht, es ist trotzdem Qualität, die man in der Flasche findet, keineswegs Ausschuss.

Einen letzten Tip noch. Wenn man sich dann mal ein Glas des Old Weller Antique eingegossen und genossen hatte, das Glas ungespült einfach über Nacht stehen lassen. Am nächsten Morgen wird einen ein gar herrliches Bouquet, das weit über das Glas hinausströmt, begrüßen. Das kann guter Bourbon wie keine andere Spirituose auf der Welt, und ich genieße das immer wieder erneut.

Geschenkbier am Freitag – A Tottu Fua Birra Pale Ale

Curre, curre, o caddu ispanu, | curre, curre, a tottu fua,
como ch’isolta in sa giua | tenes sa brìglia in sa manu.
Pèsalas reas umpare | sas orijas che bandelas,
e in sas ruzas carrelas | faghe sos ferros sonare!

Dieses hübsche Gedicht von Giorgio Pinna, verfasst in der auf Sardinien beheimateten logudoresischen Sprache, findet sich auf dem Etikett des A Tottu Fua Birra Pale Ale. Das gesamte Design bezieht sich auf das Vollblutrennpferd, das poetisch an uns vorbeirennt, darüberhinaus optisch festgehalten im dynamischen Bild. Die Brauerei Luppolo & Birra hat ihr obergäriges Bier also ganz dieser unglaublichen, energiegeladenen und faszinierenden Wundermaschine der Natur gewidmet (seit der Lektüre von Seabiscuit bin ich ein Pferdefan) – kann das Bier selbst mit soviel Vorschuss auch ins Ziel laufen?

A Tottu Fua Birra Pale Ale

Im Glas sieht man herrliches Sonnenblumengelb und eine starke Naturtrübe, durch die man mit etwas Mühe bei Gegenlicht eine kräftige Perlage erkennen kann. Der Schaum verhält sich palealetypisch, hat sehr hübsche großblasige Inseln auf der ansonsten feinblasigen Oberfläche, die einige Minuten nach Eingießen immer noch da ist. Die Nase – feinfruchtig, dezente Orangenschale, nur ein Hauch von Grapefruit, etwas Aprikosenmarmelade. Das gefällt mir, wirkt nicht so aggressiv wie manch andere Craftbierales.

Die Weiche, die man im initialen Antrunk spürt, geht schnell über in eine mildsaure Bittere, aber auch hier, nicht wirklich mit der Faust ins Gesicht, eher ein sanfter Klapser. Die Karbonisierung fühlt sich an, als hätte man etwas Aufgeschäumtes im Mund – das ist ein seltsames Mundgefühl, nicht unangenehm, aber mit sehr hohem Aufstoßpotenzial. Getreidige Süße kommt zur Hopfenfrucht dazu. Mit 4,5% hat man für ein Pale Ale einen eher niedrigen Alkoholgehalt gewählt. Der Abgang ist blütig, voller Hopfeneindrücke, auch hier aber doch leider etwas stark bestimmt vom Effekt der Karbonisierung.

Ein wirklich ausgesprochen süffiges Pale Ale mit einem eigenen Twist auf den Stil. Ein bisschen weniger Gas, und es wäre perfekt; aber auch so macht das Lust auf mehr. Zum Glück habe ich noch ein weiteres Bier dieser Brauerei von einem netten Leser meines Blogs geschenkt bekommen, der mir mit seinem Paket eine ganz neue Bierregion eröffnet hat – nochmals vielen Dank dafür, Uwe!