The Cask of Amontillado – Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry

Lange Zeit bevor ich mich überhaupt auch nur ansatzweise für Spirituosen interessiert habe, war ich schon in Kontakt mit Sherry. Nicht, dass ich damals, als ich begeisterter jugendlicher Fan des Alan Parsons Project und deren faszinierender Vertonung der Kurzgeschichte „The Cask of Amontillado“ von Edgar Allan Poe, das wirklich gewusst hätte, oder überhaupt, was Amontillado eigentlich ist. Einen kleinen Hinweis bekam man in einer Liedzeile, weiter hatte ich das nicht verfolgt.

Drinking the wine as we laugh at the time
which is passing incredibly slow…

Sherry ist, so lernte ich erst sehr viel später, verstärkter Weißwein, und Amontillado eine spezielle Version davon, bei der die Deckhefe („flor“) eine Weile auf dem Most verbleibt; nicht so lange wie bei Fino-, aber länger als bei Oloroso-Sherry. Und dass man den Amontillado, wenn man ein ganzes Fass davon zur Verfügung hat, tatsächlich ausgesprochen gut nutzen kann, um verhasste Feinde so besoffen zu machen, dass man sie im Keller einmauern kann, wie in dem Musikstück und der Kurzgeschichte erzählt wird, ist mir heute auch klar: Kaum eine andere Spirituose ist so süffig, fein, süßlich und dabei so hinterhältig im Alkoholgehalt wie Sherry – es hat schon einen Grund, warum in alten, britischen Filmen Sherry immer nur aus einem winzigen Gläschen genippt wird.

Das Konzeptalbum Tales of Mystery and Imagination sprach mich aus zwei Gründen an: bis heute bin ich Edgar Allan Poes Melancholie und Düsterkeit verfallen, und Parsons und Woolfson schafften es wirklich, eine auf den Punkt passende musikalische Atmosphäre auf Basis der Werke Poes zu erzeugen, dazu mit komplexer Struktur und Tiefe. In meinem unendlichen, leicht snobistisch angehauchten Kulturpessimismus dachte ich, dass diese Art guter Musik von der heutigen Jugend nicht mehr rezipiert wird; umso spannender war es zu sehen, dass auch 2016 diese Art der Musik, die nicht so einfach zugänglich ist, der man sich öffnen muss, die nicht im Radio gespielt oder im Fernsehen mit Musikvideos gezeigt wird, die aber so reichhaltig und wertvoll ist, junge Musiker dazu inspiriert, ihre eigene Coverversion zu machen.

Nun aber weg von Progrock, Konzeptalben und musikalischer Nostalgie, hin zum echten Stoff – ein Amontillado sollte also her für meine Heimbar, und nach einigem Abwägen und Hin und Her habe ich mich für den Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry entschieden. Knapp 13€ habe ich für diese 700ml-Flasche im Globus-Supermarkt in Saarbrücken hingelegt.

Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry Flasche

Ein schönes Braungold ist eine recht typische Sherryfarbe, die man auch beim Lustau Los Arcos findet, wenn man ihn aus der edel designeten, zurückhaltend gestalteten Flasche mit dem dezenten Etikett ins Glas gießt. Ich rieche Trauben, etwas Hefe, und sehr viel nussige und salzig-würzige Aromen.

Sherry basiert, wie bereits gesagt, auf Wein, und entsprechend liegen auch Weingeschmäcker im Vordergrund. Deutlich säuerlich, dabei aber gleichzeitig auch eine milde, feine, hintergründige, nicht überwältigende Süße. Erinnert mich etwas an Portwein, und geht definitiv mehr in die Fino– als in die MediumSweet-Richtung.

Im Nachgeschmack explodiert dann unvermittelt ein extremes, herrliches Walnussaroma, der Los Arcos bleibt dabei aber sehr trocken, und behält immer noch die Säuerlichkeit. Diese Walnussigkeit ist sensationell, ein wirkliches Highlight. Im mittellangen Abgang verbleiben die nussigen Aromen lange, ein adstringierendes, trockenes Mundgefühl zeigt, warum man diesen Sherrytyp „dry“ nennt.

Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry Glas

Ein dermaßen dichter Sherry wie dieser ist eine Bereicherung für jeden Cocktail. Doch er scheut auch nicht das Rampenlicht: Im Adonis ist er der König des kleinen Ensembles. Es muss ja nicht immer, um wieder zurück zur eingangs erwähnten Musik zu kommen, das Gegenstück zu einem -Konzert im Glas sein, manchmal bezaubern auch die ruhigeren, alkoholärmeren Aufführungen.

Adonis


Adonis
1½ oz Amontillado Sherry (z.B. Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry)
1½ oz Süßer Wermut (z.B. Punt e Mes)
2 Spritzer Pfirsichbitter
[Rezept nach unbekannt]


In der Saarbrücker Nautilus Bar, meiner neuen Referenz in Saarbrücken was ein breitgefächertes Portfolio angeht, gibt es eine riesige Auswahl an Spirituosen. Von Scotch über Gin über Rum über Vodka über Tequila, von allem ist etwas da, sogar vom sonst in Bars vergessenen Portwein bekommt man zwei Sorten. Nur eins fehlt: Sherry. Und das ist eigentlich der Standardfall in Bars, Sherry lebt dort ein Nischendasein. Dabei, und das zeigt der Lustau Amontillado Los Arcos Medium Dry Sherry auf eine beeindruckende Art und Weise, hat diese Spirituosengattung so viel zu bieten – die moderne Bar, in ihrer aktuellen nostalgischen Rückwärtsgewandheit, sollte diesen Klassiker keinesfalls weiterhin ignorieren. Wir Homebartender sollten voranschreiten und in unserem kleinen Umfeld damit beginnen, Sherry wieder salonfähig zu machen.

Sauer ist das neue Süß – Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau

Wir alle mögen süße Geschmäcker. Der eine vielleicht mehr, der andere weniger, doch insgesamt sind wir auf „süß“ konditioniert. Die Zuckerindustrie lebt davon, dass es kaum noch Produkte gibt, die nicht mehr oder weniger künstlich mit Zucker versehen werden. Oft geht es dabei schon nicht mehr um einen tatsächlich süßen Geschmackseindruck, sondern mehr darum, dass Zucker neben der Süßkraft auch ein Gefühl von Volumen vermitteln kann, und als genereller Geschmacksverstärker bestehende Aromen bekräftigt. Auch kann Zucker dabei helfen, spitzige Beiaromen abzuschleifen. Ein Wundermittel also. Hin und wieder wird es auch in Spirituosen und Bier eingesetzt, hier meistens, um mittelmäßige Produkte etwas aufzupeppen.

Auch im Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau ist Zucker enthalten. Traubenzucker, um genauer zu sein. Soll hier ein neues pappsüßes Pseudobier auf den Markt geworfen werden? Zum Glück nicht. Wir haben hier den Fall, dass das Bier in Flaschengärung hergestellt wird – etwas, das wir gut von Crémant oder Champagner kennen. Damit das Bier in der Flasche weiterhin gärt, benötigen die Hefen natürlich Nahrung, die sogenannte „Speise“. Diese muss zumindest zum Teil aus Zucker, der Lieblingsnahrung dieser kleinen Bierhelfer, bestehen. Letztlich muss der geneigte Biertrinker nicht damit rechnen, dass noch wirklich viel Zucker im Endprodukt enthalten sein wird, dafür sorgen die gefräßigen Hefen, die als Gegenleistung Alkohol und Kohlensäure abgeben.

Rügener Inselbrauerei Meerjungfrau Natursauer Flasche

Farblich ist das Meerjungfrau eher zurückhaltend: blassgolden, mit leichter Trübung. Wie von einer Flaschengärung zu erwarten ist, gibt es zunächst beim Eingießen eine sehr kräftige Schaumentwicklung. Die Schaumhaube baut sich natürlich ab, eine dünne Schicht bleibt, gespeist durch eine starke Perlage.

Die erste handfeste Überraschung kommt, wenn man die Nase ans Glas hält. Säure, Weinessig, Bierwürze und Grapefruit sind doch eher ungewöhnlich für ein Bier.

Extrem sauer ist es dann auch im Geschmack. Nicht mildsauer wie eine Berliner Weisse, oder eine Blanche d’Alsace, sondern wirklich fast in Richtung Essig – wenigstens aber wie ein Brut-Champagner. Die Säure übertönt alles, man nimmt vielleicht noch eine leichte Zitronennote wahr, im Hintergrund dazu eine gewisse Würze, die ihren Kopf hervorstreckt, als die Säure abnimmt.

Im Abgang ist das Meerjungfrau nur leicht bitter, aber dann auch nicht mehr so extrem sauer wie beim Antrunk. Die Würze bleibt eine halbe Minute auf der Zunge, dann ist das Bier weg.

Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau Glas

Hochspannend. Ich habe noch nie ein vergleichbares Bier getrunken, daher allein ist es schon interessant. Im Hochsommer bei starker Hitze kommt so ein Bier bestimmt sensationell an; beim eher kühlen, frischen Frühjahr ist es leicht gewöhnungsbedürftig. Auf dem Etikett wird auf den Bierstil Sour Ale verwiesen. Dieser Bierstil ist auf Bundesebene für Deutschland in der Tat ein „seltenes Bier“, wie der Hersteller einige seiner Biere bewirbt, doch, wenn man in die regionalen deutschen Biergewohnheiten schaut, muss man nicht unbedingt ins Ausland gehen, um ihn zu finden.

Bei diesem Bier steht man vor einem Dilemma. Einerseits möchte man es wirklich auch in Biercocktails einsetzen, andererseits würde es durch seinen sehr eigenen, bieruntypischen Geschmack jedes Rezept sprengen. Doch hier gibt es Abhilfe: Persönlich finde ich, dass das Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau ein Bier ist, das eine große sensorische Nähe zu Sekt oder Champagner aufweist. Als Sektersatz passt es tatsächlich wunderbar in Champagnercocktails, wie den The Sun Also Rises.

The Sun Also Rises


The Sun Also Rises
3 oz Champagner (oder hier: Rügener Insel-Brauerei Meerjungfrau)
¾ oz Sloe Gin (z.B. Boudier Sloe Gin)
¾ oz Zitronensaft
¼ oz Absinthe (z.B. Absinthe Emanuelle)
¼ oz Gomme Sirup
3 Tropfen Peychaud’s Bitters


 5,5% Alkohol, verteilt auf 0,33l gab es zum Erstellungszeitpunkt dieses Artikels im Globus in Saarbrücken für knapp 3€, oder in Dreiviertelliterflaschen für 7€ – da muss man normalerweise eigentlich schon eine gewisse Kaufhemmschwelle überwinden. Doch der Hersteller hat dieses Problem geschickt umgangen: Durch eine opulente, sehr gelungene Verpackung ziehen seine Biere die Augen geradezu an. Ein komplett die Flasche umhüllendes Papieretikett, das angeklebt und nicht abwickelbar ist, erinnert an eine große Version von Underberg-Fläschchen. Dazu kommt ein modernes, freches, und vielleicht sogar künstlerisches Design weit abseits traditionalistisch-altmodischer Biergewohnheiten. Die Leute im Supermarkt haben sich jedenfalls trotz des gehobenen Preises auf die Holzkisten und deren Inhalt gestürzt als gäbe es kein Morgen.

Insel-Brauerei Sortiment Kästen

Die Insel-Brauerei Rügen hat aktuell noch 11 andere Sorten im Angebot – einige davon stehen schon in meinem Regal und warten auf Verkostung. Ich freue mich sehr darauf, denn hier ist sowohl sehr viel Kreativität im Spiel, als auch ein offensichtlich professionelles, gut durchdachtes und geschickt ausgeführtes Konzept als Grundlage. Meiner persönlichen Meinung nach geht das eine ohne das andere nur kurzfristig gut; bei der Insel-Brauerei Rügen habe ich ein recht gutes Gefühl, dass diese Supermarkt-Kistenaktion nicht ein einmaliger Marketinggag war.

Lallende Iren in Frankreich – Hennessy VS Cognac

Mit der Aussprache ist das bei manchen Produkten so eine Sache, insbesondere, wenn mehrere Sprachfamilien aufeinandertreffen. So wurde aus Xeres/Jerez für die zungenfaulen Briten einfach Sherry;  aus dem schottisch-gälischen uisge beatha das uns bekanntere Whisky. Einerseits könnte man sicher argumentieren, dass es sich bei dem Namen des Cognac Hennessy VS um einen anglophonen Familiennamen handelt, und ihn dann entsprechend britisch als Fastgleichklang zu „Tennessee“ auszusprechen; doch tatsächlich ist dieser Firmenname so ins Französische übergegangen, dass man ihn korrekterweise auch mit leichter Zunge „ensi“, mit Betonung auf der letzten Silbe, hervorbringen sollte. Schließlich beginnt die Produktgeschichte des Hennessy VS zwar mit einem irischen Auswanderer, doch über 200 Jahre Aufenthalt in der Region Cognac in Frankreich macht eben selbst aus dem härtesten Iren irgendwann einen Franzosen.

Hennessy VS Flasche

Man riecht, wenn man die Flasche dieses Cognacs öffnet, brandytypisches Trockenobst, etwa Datteln oder Rosinen, und Nüsse, und eine erkennbare Schwefelnote. Man muss aber schon ordentlich Luft durch die Nase holen, um mehr als Anklänge an diese Eindrücke zu riechen, und sich dabei aber vor der Alkoholfahne in Acht nehmen.

Zugegebenermaßen hat der Hennessy VS zunächst ein recht rundes Mundgefühl, mit leisen Fruchtnoten, doch vergleiche ich das mit einem guten Rum oder Whiskey, ist dies hier doch etwas geschmacks-, geruchs- und aromenarm. Ich muss den guten Tropfen lang im Mund hin und her gleiten lassen, um wirklich was zu schmecken, was über die Oberflächlichkeit hinausgeht. Da sind viele andere Weinbrände, die ich kenne und noch im Regal habe, dem Hennessy VS doch einen guten Schritt voraus. Eine recht scharfe Alkoholkante durchzieht das gesamte Geschmackserlebnis, das mit einer nicht wirklich bezaubernden Seifennote in der Mitte aufwartet, und einem vergleichsweise brennenden, dabei aber nichtssagenden, eher kurzen Abgang.

Letztlich habe ich ihn aber auch nicht für den puren Genuss gekauft, sowas ist für mindestens VSOP reserviert, sondern für Cocktails, die nach Cognac verlangen, wie den klassischen Sidecar, oder eine kleine, feine Negroni-Variation wie den Ampersand. In Kombination mit anderen Zutaten macht sich die Milde des Hennessy VS recht gut – und wieder bestätigt sich, dass bei Cocktails das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist.

Ampersand


Ampersand
1 oz Cognac (z.B. Hennessy VS)
1 oz Old Tom Gin (z.B. Hayman’s Old Tom Gin)
1 oz süßer Wermut (z.B. Carpano Antica Formula)
2 Spritzer Orange Bitters


Von der Präsentation bin ich allerdings begeistert – eine sehr schöne, edle Flasche, tolles Etikettendesign und ein sehr repräsentativer, stabiler Karton machen diesen Cognac zu einem passenden Geschenk für jeden, der die zurückhaltende Dezenz dieses Cognacs, im Gegensatz zu mir, würdigen kann.

Hennessy VS Flasche und Karton

Alles in allem muss sich diese Flasche für knapp 30€ mit anderen Spirituosengruppen wie Rum, Whiskey und Gin aus der gleichen Preiskategorie messen – und da bin ich schon etwas enttäuscht. Für diesen Preis kriegt man durchaus schon Spitzenprodukte dieser Spirituosen, und übrigens auch bereits recht ansprechende VSOP-Cognacs anderer Hersteller, während das bei Hennessy offensichtlich erst der Einstiegspreis für ein Basisprodukt und man von der Spitze weit entfernt ist. Ich sehe den Hennessy VS oft im Angebot für rund 23€ – das ist schon eher ein angemessener Preis, und ich rate Interessierten, auf so ein Angebot zu warten.

Zucht und Ordnung – Maisel & Friends (Citrilla) Weizen IPA

Es überrascht uns immer wieder. Da gehen wir durch den Supermarkt, und entdecken hin und wieder seltsame neue Gemüse- und Obstsorten, die wir so noch nie zuvor gesehen hatten. Manchmal erinnern sie uns optisch an eine oder mehrere Früchte, die wir kennen; manchmal, wenn man es riskiert und das Neue ausprobiert, erkennen wir einen Geschmack, den wir irgendwo anders her kennen und nicht mit dem Erscheinungsbild verbinden würden. Mischformen und Hybridzüchtungen sind in; einerseits bringt das Verlangen nach Neuem Züchter dazu, zwei altbekannte Sorten zu kreuzen. Andererseits vereinen Hybride manchmal das beste aus zwei Welten und sorgen für gern angenommene Effekte wie die hypoallergische Eigenschaft eines Labradoodle.

Weitere Beispiele gefällig? Für uns als Spirituosenfreunde ist die Pomeranze oder Bitterorange wohlbekannt – eine uralte Kreuzung aus Mandarine und Pampelmuse, die uns im Triple Sec viel Freude bereitet. Die moderne Gentechnik und Zuchtfreude macht vor nichts halt, und wir können uns darauf einstellen, künftig in Obstabteilungen immer wieder mal etwas zu finden, was wir nicht direkt einordnen können; Romanesco, als zumindest optisches Verwirrspiel zwischen Brokkoli und Blumenkohl, war nur der Anfang.

Da ist es natürlich nur recht und billig, dass sich auch Biersorten untereinander kreuzen lassen. Dazu braucht es dann keine genetischen oder züchterischen Kenntnisse, doch ein tieferes Verständnis von dem, was in einem Bier möglich, interessant und letztendlich auch vermarktbar ist, muss natürlich vorhanden sein. Aktuell ist eine gute Zeit für derartige Experimente; das Interesse an Bier abseits von Pils und Lager ist bei den mittelständischen und kleinen Brauereien gerade groß, deren Kundschaft gleichzeitig auch bereit, sich auf neues einzulassen und auch entsprechend Geld auf den Tisch zu legen. Eines dieser Neukreationen ist das  Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA, das seine beiden Elternteile schon im Namen trägt (inzwischen heißt es nur noch „Weizen IPA“).

Maisel & Friends Weizen IPA

Auch wenn Hersteller Maisel & Friends ein hauseigenes Pint-Glas für den Genuss vorschlägt – wir sind hier schon auf einer experimentellen Schiene, da muss nicht auch noch mit der Glasware gespielt werden. Ein Weizenglas ist ein perfekt geeignetes Behältnis für dieses naturtrübe, blass-strohgelbe Bier; wenig Perlage, ein feiner, zunächst dicker Schaum mit vereinzelten großen Blasen – sehr hefeweizentypisch sieht es zumindest aus. Doch, wie schon bei Hybridfrüchten, das muss erstmal nichts aussagen, denn…

… der Geruch ist dann plötzlich sehr viel mehr IPA als klassisches Weizen. Fruchtig, zitronig, reife Ananas, und dann erst viel später die Weizen-Banane, und etwas Fruchtmarmelade. Besonders ist die Aktivität des Geruch, der schon beim Ziehen des Kronkorkens offensiv verströmt wird. Sowas gefällt mir.

Das Citrilla setzt seinen Crossover-Kurs gnadenlos fort: Mild-cremig ist es im Antrunk, dicht und kräftig, süßlich, sehr frisch, wie ein Hefeweizen halt. Dann springt es um auf die IPA-Komponenten, der Hopfen attackiert mit orangigen Fruchtnoten und schließlich, boom! Eine Bitterexplosion kickt alle süßen Gefühle des Vorspiels in die Weichteile. Ein Männerweizen, wenn man positiv formulieren will; wenn ich kritisieren will, finde ich diesen Übergang etwas brutal – es kommt unerwartet, selbst beim zweiten oder dritten Schluck, und dadurch wirkt das Bier etwas unrund komponiert. Der sehr lange Abgang, bitter-trocken, säuerlich, mit vielen Hopfenaromen, entschädigt dafür.

Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA Flasche

Ein sehr spannendes Experiment. Die Frage ist, ob außerhalb der Craft-Interessierten die Bierwelt bereit ist für so ein Bier. Ich bin ein großer Fan des Herstellers, insbesondere des Pale Ales, und finde auch den Hopfenreiter sehr gelungen. Das Citrilla trifft nicht wirklich meinen Geschmack – da ist ein bisschen zuviel von allem, süß, sauer, bitter, trocken… mir fehlt ein gewisser Geschmackskitt, der all diese Komponenten zusammenhalten könnte.

Der Hefeweizen Summer Beer Cocktail, der, wie der Name schon andeutet, normalerweise mit „normalem“ Hefeweizen gemacht wird, ist ein recht süßer Biercocktail. Für meinen Geschmack, fast schon zu süß, wenn die Orangen für den Saft entsprechend mild sind. Das Citrilla Weizen IPA durchbricht diese Süßewolke, und fügt einen herben, leicht bitteren Unterton ein – persönlich empfunden verbessert das Citrilla den Cocktail also sogar etwas.

Hefeweizen Summer Beer Cocktail


Hefeweizen Summer Beer Cocktail
6 oz Hefeweizen (z.B. Maisel & Friends Citrilla Weizen IPA)
2 oz frischgepresster Orangensaft
1 oz Holunderlikör (z.B. The Bitter Truth Elderflower Liqueur)
[Rezept nach http://www.craftedpours.com]


Das Flaschendesign ist unspektakulär, das Etikett im üblichen, gelungenen Retro-Maisel-Stil gehalten. 330ml in der Longneck-Flasche bekommt man für den äußerst fairen Preis von 1€ – darin enthalten sind 6,0% Alkohol, 37 IBU durch die Hopfensorten Herkules, Citra und Amarillo – die beiden letzteren sind die Paten für das Citrilla; auch im Namen setzt sich also der „Crossover“-Effekt konsequent fort.

Selbst wenn dieses Bier mich nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt, so finde ich es dennoch großartig, dass wir in Deutschland Brauer haben, die was riskieren, herumspielen, Neues schaffen, und sich nicht auf althergebrachten Sorten und Marken ausruhen – und so einige davon, an vorderster Front Maisel & Friends, brauchen sich diesbezüglich hinter keinem britischen oder amerikanischen Bierhersteller zu verstecken, obwohl sich diese, auch wenn sich das verrückt anhört im Bierland Deutschland, mit solcherlei einen leichten Vorsprung erarbeitet hatten.

Ich danke der Brauerei Maisel & Friends für die unaufgeforderte Zusendung von 3 Flaschen des Citrilla Weizen IPAs.

Mein Ohr ist noch dran – Absinthe Emanuelle „Vom Fass“

Es gibt Spirituosen, vor deren Genuss eine gewisse Prozedur der Zubereitung oder Präsentation erforderlich ist, selbst wenn man sie pur oder nur leicht modifiziert trinkt. Der geneigte Gin&Tonic-Freund weiß ja bereits, dass es Regeln zum Bauen eines gelungenen Gin&Tonic gibt, Cask-Strength-Whisky-Trinker haben einen kleinen Krug mit Wasser stets in Griffnähe bereitstehen, und das eigentlich unsägliche Tequila-Ritual mit Salz und Limette macht aus dazu verwendetem unterdurchschnittlichem Agavenschnaps ein Erlebnis. Die Krönung des ganzen stellt aber die traditionelle, professionelle Weise dar, wie man Absinthe vorbereitet.

Das kommt nun dem einen oder anderen vielleicht etwas exaltiert und prätenziös vor, schließlich könnte man das Wasser, das bei einer Alkoholstärke von 50-80% dringend nötig ist, auch einfach so in den Absinthe kippen. Natürlich muss man nicht den Aufwand betreiben und einen tropfenden Wasserhahn installieren; persönlich bin ich aber der Meinung, dass es das Genusserlebnis enorm steigert, wenn man die Zubereitung mit Stil und Eleganz durchführt. Schließlich sind wir hier Alkoholgenießer, und nicht am möglichst schnellen Besäufnis interessiert.

Daher ist auch die Auswahl der verwendeten Spirituose von zentraler Bedeutung. Doch bei Absinthe laufen selbst fortgeschrittene Spirituosenconnaisseure in ein Problem – während es für Whisky, Bourbon, Rum, Tequila und anderes Hochprozentiges viele Ratgeber und Kauftips gibt, man in Supermärkten und Fachhandlungen eine große Auswahl von Produkten zur Verfügung hat, ist es bei Absinthe sehr viel schwieriger, Qualität zu finden. Einerseits mag dies daran liegen, dass das Verbot der Herstellung von Absinthe in Deutschland erst seit 1998 wieder aufgehoben wurde, und 75 Jahre Herstellungsverbot sorgen natürlicherweise für einen gewissen, bis heute nachlaufenden Mangel an Auseinandersetzung mit Absinthe; andererseits ist auch der Geschmack eigenwillig und kaum als Massenprodukt durchsetzbar. Ein Absinthe, der in diversen einschlägigen Absinthe-Internetforen immer wieder mal genannt wurde, und den ich mir nun als Einstiegsprodukt für mich in diese Welt der grünen Fee ausgesucht habe, ist der Absinthe Emanuelle „Vom Fass“.

Vom Fass Absinthe Emmanuelle Flasche

Dieser Absinthe weist eine helle, grasgrüne Färbung auf, die schon leicht ins gelbliche übergeht. Die Flüssigkeit ist kaum viskos. Positiv fällt ein sehr durchdringender, aromatischer Geruch auf, der sich direkt nach Eingießen im Zimmer verbreitet. Deutlich erkennbarer Anis, schon fast Lakritz. Kerbel und Fenchel, aber auch überraschend blumig nach Jasmin. Leichter Beigeruch von Lebkuchengewürzen, trockenem Tabak und verkokeltem Plastik. Sehr angenehm und spannend zu riechen.

Zunächst ein paar Tropfen pur; bei 55,0% ist das grenzwertig. Im Mund sind die Aromen sehr viel weniger vielfältig. Der Geschmack nach Lakritz ist überwältigend und alles andere überdeckend, als hätte man, wie man das bei schlechtem Tequila mit Limettenvierteln macht, zum Trinken in eine schwarze Haribo-Lakritzschnecke gebissen. Wenn man das Etikett liest, wundert man sich nicht: Süßholz als Zutat sorgt wahrscheinlich für diese Eindeutigkeit. Salzig. Pfeffrig. Sehr aggressiv. Korrodiertes Metall, feuchtes Holz, nasses Laub.

Ein mittellanger bis kurzer Abgang überrascht bei dieser Wucht etwas. Doch man kommt nicht ungeschoren davon: Der Emanuelle ist adstringierend am Gaumen und betäubend auf der Zungenspitze. Im Rachen ist ein interessanter, schwer zu definierender Holzgeschmack zu beobachten. Auch wenn der restliche Abgang eher kurz ist, Anis bleibt noch eine gefühlte Ewigkeit im Mundraum.

Mit ein paar Tropfen Wasserbeigabe setzt ein leichter Louche-Effekt ein; die milchige Flüssigkeit geht noch mehr ins Gelbe über. Der Geruch nimmt eine zitronige Komponente auf, wird ingesamt natürlich schwächer. Auch im Geschmack ist das Süßholz zwar noch klar bestimmend, aber nicht mehr ganz so brutal. Kräuterige Aromen werden stärker, Fenchel und Kerbel vielleicht.

Vom Fass Absinthe Emmanuelle Glas Louche

Abgefüllt ist der Absinthe Emanuelle in ein neutrales Fläschchen mit „Vom Fass“-Einlassung; hervorragend finde ich, dass man ihn in verschiedenen Größen erwerben kann, direkt über die Abfüllerhomepage. 8€ für 100ml ist ein gehobener Preis für Spirituosen im Allgemeinen, Qualitätsabsinthe ist aber eh schon grundsätzlich in höheren Preissphären angesiedelt. Da kein Etikett auf die Flasche geklebt wird, sind einige wenige Details auf einem Flaschenanhänger untergebracht. Mehr Infos wären allerdings sehr wünschenswert, passen aber vielleicht nicht in das Geschäftsmodell von „Vom Fass“, das auf halbanonymisierte Markenprodukte in neutralen Flaschen setzt.

Absinthe Emanuelle Etikett

Absinthe hat es im alltäglichen Cocktailbetrieb nicht ganz leicht. Dabei war es früher, vor dem seltsamen, irrationalen Verbot eine beliebte Zutat; einer der bekanntesten und meines Erachtens besten Cocktails überhaupt, der Sazerac, nutzt Absinthe, um mehr ein einzigartiges Geruchs- als ein Geschmacksbild zu erzeugen, indem man das Glas mit Absinthe nur ausspült.

Der moderne Bartender hat vielleicht nicht mehr die Muße, ein Glas gemütlich auszuschwenken. Für den gestressten Mixer gibt es die Möglichkeit, den Absinthe in eine Sprühflasche zu füllen und mit ein, zwei gezielten Sprühstoßen denselben Effekt zu erzielen. Dazu nimmt man eine Sprühflasche, die auch für Essig geeignet ist und die man normalerweise dazu verwendet, Dressing auf Salat zu sprühen. Auf jeden Fall sollte sie lebensmittelgeeignet sein, man will ja nicht, dass sich Plastik und Gifte in den Absinthe lösen – etwas mehr zu investieren zahlt sich hier aus.

Absinthe Emanuelle Sprühflasche

Eine kleine, aber feine Variation auf den weltbekannten Sazerac ist der Latin Quarter. Die Zubereitung funktioniert aber identisch: Das Glas kühlen, dann mit Absinthe aussprühen oder -spülen, und dann die Mixtur zugeben. Wie man auf dem Foto des Cocktails sieht, kann das Aussprühen einen schönen Schimmereffekt am Glas erzeugen, den das Ausspülen nicht erreicht. Und, wertvoll für den vergesslichen Heimbartender, der Sprühstoß kann auch erfolgen, nachdem der Drink schon im Glas ist. Einreißen lassen sollte man so eine Nachlässigkeit aber natürlich trotzdem nicht.

Latin Quarter


Latin Quarter
2 oz dunkler Rum (z.B. Damoiseau VO)
½ Teelöffel Zuckersirup
3 Spritzer Peychaud’s Bitters (alternativ The Bitter Truth Créole Bitters)

1 Spritzer Angostura
1 Spritzer Xocolatl Mole Bitters
In einem Glas, das mit Absinthe Emmanuelle ausgesprüht wurde, servieren.
Vorher noch eine Zitronenzeste darauf ausdrücken.
[Rezept nach Joaquin Simo]


Leider schafft es kein Absinthe, den ich bisher probiert habe, mich zum Absinthe-Fan zu konvertieren; auch dem Absinthe Emanuelle gelingt dies nicht. Der sehr spezielle Geschmack ist einfach nicht mein Ding, doch erkenne ich nichtsdestotrotz deutliche Qualitätsunterschiede zwischen einzelnen Produkten. Die oft in Supermärkten erhältlichen, industriell hergestellten, grellgrün gefärbten Liköre, die meist mit Absinthe nur die starke Anis-Note gemein haben, ohne den krautig-herbalen Untergrund, lasse ich schon seit längerem im Regal stehen. Der Absinthe Emanuelle ist ein erster Schritt heraus aus diesem Pseudoabsinthe, und gerade für Leute wie mich, die Absinthe ausschließlich als Cocktailzutat nutzen, ein sehr geeignetes Produkt mit gutem Preisleistungsverhältnis.

Zum Vergleich habe ich noch eine Flasche eines Premium-Absinthes im Regal: Der Absinthe Nouvelle-Orléans wird dann bald einen eigenen Artikel mit Verkostungshinweisen bekommen.

Helle Seele in rotem Gewand – Duckstein Rotblondes Original

Das Reinheitsgebot zelebriert seinen 500. Geburtstag. Für mich kein wirklicher Grund zu feiern, denn das Reinheitsgebot ist ein sehr zwiespältiges Thema. Von den Verfechtern als Protektor des deutschen Qualitätsbiers gefeiert und eisern verteidigt, sehen etwas weniger nostalgische, innovative Brauer dieses Gebot, heutzutage in Form der Bierverordnung eingebettet ins Lebensmittelgesetz, inzwischen eigentlich mehr als industriefreundlichen Bremsklotz, der die Produktion uralter, traditioneller Bierstile, die Zusatzstoffe verwenden, erschwert, und die Weiterentwicklung von Bierstilen und die Berufsfreiheit einschränkt; gleichzeitig erlaubt es aber der Industrie, Biermischgetränke in fast beliebiger Form zusammenzupanschen, ohne Furcht vor Repressalien.

Duckstein Rotblondes Original Flasche

Beim Trinken des Duckstein Rotblondes Original fragt sich vielleicht der eine oder andere Fan dieses Gebots, inwieweit die Verwendung von Buchenholzspänen in der Produktion nicht eigentlich dem Reinheitsgebot wiederspricht, das ja nur Wasser, Gerste und Hopfen erlaubt. Nun sagt das Reinheitsgebot nichts über die Lagerung aus; ursprünglich wurde das Duckstein, wie viele Biere, wohl in Holzfässern gelagert und nahm daher seinen Buchenholzcharakter an. All dies ähnelt der Situation bei Spirituosen wie Whisky, der ja auch keine Aromatisierung in der Herstellung erlaubt, die in der Lagerung entstehenden Fassaromen aber unverzichtbar zum endgültigen Geschmackserlebnis dazugehören, und wo auch gern mit unterschiedlichen Aromen aus Fässern gespielt wird, die vorher Bourbon, Sherry, Portwein oder Madeira enthielten. Die Umstellung von Fässern auf die Verwendung von Buchenholzspänen beim Duckstein ist aber wahrscheinlich eine Gratwanderung (bei schottischem Whisky würde hier von der Scotch Whisky Association sicherlich eingegriffen, die schon „inner staves“ ablehnte).

Zu welchem Bierstil kann man das Duckstein eigentlich zuordnen? Auch wenn deutsches, obergäriges Bier heutzutage außerhalb der Craftbeerszene einen schweren Stand hat, würde ich, Wikipedia folgend, das Duckstein, das sich zwar selbst nicht als Altbier bezeichnet, vom degustatorischen Eindruck her am ehesten in diese Kategorie einsortieren.

Duckstein Rotblondes Original Glas

Was erwartet man von einem Bier, das sich „rotblondes Original“ nennt? Genau so etwas, was man hier zu sehen bekommt. Pariser Rot, kräftige Farbe, schöne Reflexe. Zunächst bekommt man einen dicken Schaum, der dann aber schnell abbaut, nach einer Weile bleibt nur noch eine Art Schaumtonsur übrig.

Ein würziger Geruch verströmt, malzig, etwas nussig, etwas metallisch, leichte Röstaromen – erinnernd an Porter. Klar würziger als das Alt, das ich zur Zeit als einziges zum Vergleich habe: Diebels. Liegt das an der Buchenholzreifung?

Auch geschmacklich hat das Duckstein etwas porterhaftiges, doch lang nicht so dicht und kompromisslos. Mehr eine Mischung aus Porter und Schwarzbier: helle Seele in rotem Gewand. Im Mund ist es also erstmal süß und mild, mit zurückgenommener Bittere, dabei aber gleichzeitig mit sehr ausgeprägter Frische und Rezenz. Im Abgang wird es dann sehr trocken, würzig, stärker bitter; ein herrlicher Geschmacksbogen. Ich lehne mich etwas aus dem Fenster: Das könnte mein Lieblingsbier überhaupt werden.

Duckstein Rotblondes Original Detail

Ich bin ein großer Fan von hübsch anzusehenden Flaschen – und das Duckstein ist in einer wirklich spektakulären Flasche abgefüllt, eine der schönsten Bierflaschen, die ich kenne, wenn nicht sogar die schönste. Ein eingelassenes Wappen, eine schwungvolle Form, ein gelungen designtes Etikett; und schließlich ein Zusatzetikett am Kronkorken mit Chargennummer.

Selbstverständlich ist so ein Bier auch in einem Cocktail gut unterzubringen. Ich habe mir für dieses Bier den Gentleman’s Shandy ausgesucht, der im Original nach Red Ale verlangt – und das „rotblonde“ Duckstein passt da dann eben hervorragend. Die erkennbare Schichtung gelingt recht einfach, und ist sehr stabil – ein wunderschöner Effekt, wenn das rote Bier über der gelblichen Ginmixtur wabert, gekrönt von festem, weißem Eiklarschaum.

Gentleman's Shandy


Gentleman’s Shandy
¾ oz Gin (z.B. Beefeater London Dry Gin)
¾ oz Zuckersirup
¾ oz Zitronensaft
1 kleines Eiweiß
…mit etwas Ginger Beer (z.B. Fever-Tree) aufgießen…
…und dann wiederum mit Duckstein Rotblondem Original aufgießen.


Der einzige Knackpunkt für den Massenerfolg könnte der Preis sein; knapp über 2€ pro halbem Liter ist leicht gehobenes, aber ganz klar noch nicht abgehobenes Niveau, doch der unschlüssige Bierkäufer könnte sich davon abgeschreckt fühlen. Persönlich finde ich jedoch, dass dieses Bier jeden Cent des Preises auch wirklich wert ist, da gibt es ganz andere Kandidaten, die im Zuge der Craftbierbewegung mitschwimmen, deutlich teurer sind und dabei an das Duckstein in keiner Form heranreichen können.

Fazit: Ein tolles Bier mit toller Präsentation. Zugreifen wird empfohlen, gern auch im praktischen Vierer-Karton-Tragerl (ich liebe dieses süße und dabei so praktische österreichisch-bayerische Wort, und musste es daher einfach in diesen Artikel mitaufnehmen), denn wer das Duckstein Rotblonde Original einmal probiert hat, wird mehr davon wollen!

Qualmende Dickhäuter im Frühling – De Olifant Zigarrensortiment

Es ist seltsam – für mich ist Rauchen eine Jahreszeiten-Angelegenheit. Im letzten Sommer habe ich begonnen, mich wieder, nach langer Abstinenz, für diese Form des Genusses zu interessieren. Nicht wirklich ausgiebig, und nicht mit ganz der Begeisterung, die ich aktuell für Spirituosen aufbringen kann, aber doch mit einer gewissen Konsequenz. Und so hatte ich mir ein stattliches kleines Sortiment an Zigarillos und Zigarren angelegt, und einen kleinen Humidor dazu. Dann kam der Winter; und mit den Sonnenstrahlen verschwand auch meine Lust, mir einen Qualmstengel anzustecken.

Nun ist der Winter wieder vorbei, der Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte, und ich bekomme Lust, dem Band auch den blauen Dunst folgen zu lassen. Also flugs den Humidor aus dem Schrank gekramt, die Hälfte der Zigarren weggeworfen, weil sie vertrocknet waren (Lehre: nie das Nachfüllen des Flüssigkeitsreservoirs vergessen!), und sich einen Überblick verschafft, was vom Rest noch rauchbar ist. Mit Erfreuen habe ich festgestellt, dass die Rauchware eines Herstellers noch vergleichsweise gut in Schuss war: Die Shortfiller-Zigarren und Zigarillos von De Olifant. In diesem Artikel möchte ich, statt ausgiebiger Verkostungsnotizen zu einer einzelnen Sorte von Zigarren, einfach mal vorstellen, was diese holländische Firma so zu bieten hat. Die Aufstellung ist nicht vollständig, aber da mir die Ware von De Olifant immer gut gefallen hat, habe ich doch einen gewissen Umfang davon gesammelt.

De Olifant Zigarren Sortiment Teil

Begeisternd finde ich die Lieferung dieser Zigarren und Zigarillos in schönen, kleinen Zedernholzkisten, mit Metallverschluss und dezentem Markenlogo. So eine Präsentation wertet das Gesamtgenusserlebnis doch deutlich auf: Das Auge raucht mit. Die kleineren Formate werden dabei in der Kiste noch von einem Stück Tabakblatt gruppiert. Leider macht der Warnhinweiswahn auch vor Zedernholzkisten keinen Halt und so werden manche dieser hübschen Behältnisse mit einem nur schwer ablösbaren Sticker verunstaltet.

Von einem Großteil des Sortiments gibt es die Zigarren entweder mit Sumatra– oder mit Mata-Fina-Deckblatt; die beiden sind schon leicht an der Farbe unterscheidbar. Während das Sumatra-Deckblatt in gedecktem Hellbraun daherkommt, weist das Mata-Fina-Deckblatt der „Brasil“-Linie ein dunkles Schokoladenbraun auf. Persönlich mag ich die Brasil-Linie deutlich lieber, die ein sehr würziges, schokoladiges Aroma aufweist.

De Olifant Zigarren Fantje Sumatra

Die kleinste Variante, die De Olifant anbietet, ist die Fantje. Dabei handelt es sich um einen kleinen Shortfiller-Zigarillo. Wie alle Formate mit Sumatra-Deckblatt sind die Fantjes knackig-würzig, tendieren leicht zur pfeffrigen Schärfe und zu helltönigen Geschmäckern. So eine Fantje hat man locker in 10 Minuten geraucht; sie dienen also für Mikropausen, in denen man als Raucher trotzdem nicht zu einer schnöden Zigarette greifen will.

De Olifant Zigarren Softpacks

Für den Snack zwischendurch bietet De Olifant praktische Blechdöschen an, in denen kleinformatige Zigarillos druckgeschützt in der Hemdtasche transportiert werden können. Wer sich nicht entscheiden kann, holt sich das Assorti-Döschen mit gemischtem Inhalt; wer etwas kleines rauchen will, die Fantje aber zu mager findet, greift zu den Giant. Diese Blechdöschen werden als Softpack vermarktet, was darin begründet ist, dass die Dosen eine leicht gummierte, berührungsfreundliche Oberfläche aufweisen. In der Dose findet man ein Hinweisblatt und eine hübsche Innenillustration.

De Olifant Zigarren Giant Brasil

Ein deutliches Stück größer ist da dann schon die V.O.C.. Wie zu erwarten, raucht man daran entsprechend länger; doch das größere Format sorgt daneben natürlich auch für eine gleichmäßigere Brandtemperatur, ein größeres Rauchvolumen und ein dichteres Rauchgefühl. Diese kleinen Señoritas sind dennoch für mich vielleicht das schwächste Produkt aus dem Hause De Olifant; irgendwie empfinde ich sie als nichts halbes und nichts ganzes.

De Olifant Zigarren VOC Sumatra

Die Matelieff ist vom Format her eine Half-Corona, da hat man nun schon was klobigeres in der Hand. Ab dieser Größe beginnt der Hersteller, die Einzelzigarren mit leicht abnehmbaren Banderolen auszustatten. Mit Mata-Fina-Deckblatt ausgestattet bietet die Matelieff ein schönes, rundes, würzig-schokoladiges Raucherlebnis von um die 20 Minuten. Wer sich mit De-Olifant-Zigarren anfreunden will, kann mit dieser Größe viel Freude direkt zu Beginn haben.

De Olifant Zigarren Matelieff Brasil

Holland wäre nicht Holland ohne seine Tüten; selbst bei Zigarren schätzen einige Raucher das Spitzfaçon– oder umgekehrtes Torpedo-Format, in dem die Knakje angeboten wird. Wie bei allen De-Olifant-Zigarren ist der Zugwiderstand auch bei ihr sehr angenehm, nicht zu fest und nicht zu schwach. Man beachte, dass man dieses sehr spezielle Zigarrenformat am spitzen Ende anzündet, nicht wie bei Standardtorpedo-Zigarren am dicken; natürlich kann man sie auch andersrum rauchen, doch das führt dazu, dass die Spitze, wenn sie mit Speichel in Verbindung kommt, den bitteren Tabakgeschmack an die Lippen abgibt, was eher unangenehm ist; raucht man sie „richtig herum“, passiert das nicht.

De Olifant Zigarren Knakje Brasil

Die kleineren Formate verblassen natürlich, wenn man sich die Kiste mit Corona öffnet; das Format Petit Corona sorgt dafür, dass man diese Zigarre in einer knappen halben Stunde durchgeraucht hat. Gegen Ende der Rauchdauer wird das Geschmackserlebnis heiß und scharf, doch das ist bei allen Shortfillern, und auch bei vielen Longfillern, so. Wer das erste Mal Zigarren und Zigarillos raucht, lernt schnell, dass man das letzte Drittel lieber ausgehen lässt.

De Olifant Zigarren Corona Brasil

Wem selbst die Petit Coronas noch zu klein sind, greift halt zum größten Format, das De Olifant meines Wissens anbietet: der Ivory, die ein volles Corona-Format repräsentiert. Auch hier erhältlich in der Sumatra (Vintage Sumatra)- und der Brasil (Bahia Brasil)-Linie. Diese Zigarren werden im Tubo geliefert, und sind aber trotzdem in einem kleinen Keilschnitt vorangeschnitten.

De Olifant Zigarren Tubos

Hin und wieder veröffentlich De Olifant auch Spezialvarianten in sogenannter „Limited Edition“; die Grote Tuitknak ist ein Beispiel dafür. Da hat man wirklich was zu rauchen; ein fettes kleines Aromenpaket für besondere Anlässe. Diese Zigarre ist nicht vorangeschnitten. Auch hier bitte beachten: Das stumpfe Ende ist das, das man anschneiden muss und das spitze das, das man anzündet.

De Olifant Zigarren Limited Edition Grote Tuitknak Brasil

Ich bin zu einem echten Fan dieses Herstellers geworden. Sehr oft hat der Zigarreninteressierte, der nicht wirklich stark raucht, sondern nur zwischendurch, selbst für einen kleinen Longfiller nicht die Zeit oder Muße. Eine gute Zigarre braucht eben eine Weile; wenn man aber flexibel bleiben, und dennoch nicht auf Qualität verzichten will, greife man ohne Gewissensbisse zu einem dieser Shortfiller. Und wenn man dann doch wenigstens stilecht abaschen möchte, nutzt man einfach den entsprechenden, hübsch designeten und funktionalen De-Olifant-Aschenbecher.

De Olifant Zigarren Aschenbecher

Persönlich muss ich mich nicht weiter auf die Suche nach anderen Marken dieses Zigarren-/Zigarillotyps machen. Meharis, Petit, Moods und andere, die man auch an Tankstellen bekommt, haben auch nicht den Hauch einer Chance gegen diese Qualitätsware aus Holland. Von De Olifant wurde ich noch nie enttäuscht, was man von den meisten anderen hochgelobten Herstellern, selbst aus Kuba oder Nicaragua, nicht sagen kann. Zu bekommen sind De-Olifant-Zigarillos im halbwegs gut sortierten Fachhandel, meist in mehreren Varianten – in Saarbrücken beispielsweise bei Dürninger.

Liebe kann auch weh tun – Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink

Eine sehenswerte BBC-Dokumentation von 1999 zeigt einen Abgesang auf eine Zeit, die zur Veröffentlichung der Doku schon unendlich weit weg schien. Tiki, das wilde Konzentrat aus aus heutiger Sicht schlechtem Geschmack, Faux-Kultur und Träumereien, bot einer Generation, die von Krieg und sozialer wie sexueller Repression gebrandmarkt war, ein Ventil, um all den Wünschen, die man im realen Leben nicht ausleben konnte, endlich freien Lauf zu lassen. Doch so schnell, wie diese Modewelle entstand, starb sie in den 60ern auch wieder.

Heute ist Tiki aber wieder in – zumindest in Cocktailkreisen. Das ganze Drumherum, also verrückte Trinkgefäße, polynesisch angehauchte Architektur und Innenausstattung, Hulamädchen und Feuertänzer, all das findet man heute eigentlich nur noch, weil ein Ableger der Cocktailkultur diese aufrechterhält, namentlich Fackelträger wie Jeff „Beachbum“ Berry. Genauso, wie die moderne Bar wieder an möglichst authentischen Prohibitionsdrinks interessiert ist, sucht sie aber auch bei Tiki-Cocktails wieder die Wurzeln, die durch die oberflächliche Beliebigkeit und „Masse-statt-Klasse“-Unkultur der 80er und 90er Verschütt gegangen waren.

Entsprechend ist man auch wieder an neuen, spezialisierten Zutaten für diese recht spezielle Art von Cocktails interessiert. Rum ist natürlich unersetzlich, der eine oder andere Tikidrink benötigt 3 verschiedene Sorten an Rum im Glas; also kann die Heimbar gar nicht genug an Rumvariationen aufweisen. Und dann passt auch noch der eine oder andere aromatisierte, oder „spiced“, Rum gut dazu, wie der mit Ananasaromen versetzte Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink. Der Name verspricht schon viel – werden Tikifreunde ihm wirklich in Liebe verfallen?

Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink

Ein unglaublicher Duft entströmt der Flasche, sobald man sie aufschraubt. Sehr aromatisch, kräftig, wuchtig. Viel Ananas, mit angenehmer Rumbasis, die es aber schwer hat gegen die Ananas. Typische frech-aggressive Aromen jungen Rums, mit  erkennbarer Alkoholnote. Ich schwelge schon halb auf einer polynesischen Insel…

…doch mit dem ersten Schluck kommt nach dieser Träumerei das böse Erwachen. Das Zeug fackelt den Mundraum aus wie ein Luau-Flammentänzer. Sehr bitter und sauer, stark brennend, fiese Fuselöle, grimmige Ester, Lösungsmittel, Kupfer – die gewählten Jamaica-, Guyana- und Trinidad-Rums waren scheinbar nicht beste Ware, geben nur oberflächliche Rumaromen mit. Vordergründige, klebrige Süße im Abgang. Und am Ende lässt der Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink dann noch ein pappiges, fuseliges, alkoholisches Mundgefühl zurück, sehr unangenehm, man will direkt mit was anderem nachspülen.

Ich sage sowas selten: Das will man einfach nicht pur trinken. Selbst mit viel gutem Willen. Feuerwasser zum Desinfizieren, aber nicht zum Genießen! „Finest Caribbean Dark Rum“? Da müsste ich lachen, wenns nicht zum Heulen wäre.

Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink Glas

Sehr lobenswert sind natürlich die 45% Alkohol, da ist Bumms dahinter, im Gegensatz zu vielen anderen Spiced Rums, die deutlich unter die 40%-Marke gekrochen sind. Doch das Aräometer zeigt mir, gemessen bei 20,1°C, nur 34,5% an –  40-44g/L Zusätze, aller Wahrscheinlichkeit nach Zucker, sind also in diesem Spirit Drink enthalten. Dies könnte Fruchtzucker aus einer Mazeration sein, oder aber einfach Zuckerbeigabe zur Abrundung. Eine Deklaration wäre schön gewesen, vor allem, weil man sonst recht transparent mit der Verwendung der „Spirit Drink“-Kategorie vorgeht und selbst Farbstoffe angibt.

Wenn schon für den Purgenuss schwer erträglich, punktet der Tiki Lovers Pineapple dann wenigstens in seinem Heimterritorium, als Mixer? Auf der Homepage des Herstellers sind zwei recht langweilige Cocktails als Einsatzgebiet angegeben; viel spannender finde ich da, den Tiki Lovers Pineapple in einem Fat Man Running einzusetzen. Und, in der Tat: Das bringts. Und zwar richtig.

Fat Man Running


Fat Man Running
2 oz Spiced Rum (z.B. Tiki Lovers Pineapple)
½ oz Blue Curaçao
½ oz Limettensaft
…mit Ginger Ale (z.B. Thomas Henry Ginger Ale) aufgießen


Letztlich reicht mir aber so eine, wenn auch durchaus ansprechende, Teilleistung eigentlich nicht aus, um eine echte Empfehlung aussprechen zu können. Ich habe mich hier selbst von der äußerst gelungenen Verpackung und einer cleveren Vermarktung, die ganzseitige Anzeigen in Fachmagazinen schaltete, ein bisschen täuschen lassen – doch ich war auch ein williges Opfer, das muss ich eingestehen. Und die Aufmachung ist aber auch echt toll – eine trotz ihrer Einfachheit hübsche Flasche, ein richtig gut gemachtes Etikett mit viel Flair, und eine attraktive, aber künstliche Färbung des Inhalts mittels Zuckerkulör. Macht was her im Mixerregal – schade, dass diese äußere Erscheinung sich nicht wirklich auch ins Glas transportiert.  Man könnte etwas ätzen und lakonisch ein Fazit formulieren, dass der schlechte Geschmack der 1950er-Tiki-Kultur mit dem Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink auferstanden ist. Kann auch nicht jede Spirituose von sich sagen, oder?

Beer League of Bayreuth – Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA

Der aktuelle Batman-v-Superman-Film stürzt so einige Filmfreunde, die sich mit der Comicvergangenheit dieser beiden ikonischen Superhelden nicht so recht auskennen, in Verwirrung. „Kennen die beiden sich wirklich? Leben die nicht in unterschiedlichen Universen?“ Diese Fragen bekomme ich, als ausgewiesener Comicexperte, gern gestellt. Wenn man sich nur mit den Filmhistorien der beiden Spandexträger beschäftigt hat, könnte man wirklich denken, dass Superman und Batman zwei voneinander getrennte Welten bewohnen; doch tatsächlich sind sie Arbeitskollegen, Gründungsmitglieder der Justice League of America, enge Freunde, und dabei doch grundsätzlich voneinander verschieden. Batman ist der dunkle Ritter, der Vigilant, der das Recht selbst in die Hand nimmt; Superman der Vertreter der Ordnung, der Paladin, der an das Gute im jedem Menschen glaubt.

Außerhalb der Justice League trennten sich die Wege von Supes und Bats aber dann doch soweit, dass jeder für sich in seiner Welt vor sich hin werkelt, und bis auf wenige Crossover-Szenarien, wie Frank Millers epochales The Dark Knight Returns oder das großartige Superman/Batman: Absolute Power, halten sich die Helden auch daran.

Dieses Prinzip der sich zwar schätzenden, aber durch unsichtbare Wände voneinander getrennten Protagonisten kennt auch die traditionelle Bierwelt, in der eine Abgrenzung zu Konkurrenzprodukten als wichtiges Element der eigenen Bierpersönlichkeit hochgehalten wird. Doch der moderne Craftbierbrauer will nun kein Isolationist mehr sein, der in seiner Brauerei ein Produkt herstellt, egal, was die Welt um ihn herum macht. Gleich und gleich gesellt sich gern, und so enstand bei Maisel & Friends das Bierpendant zum Superheldenverein JLA – man vergebe mir diese etwas nerdige Einleitung und den Vergleich. Irgendwie passt es aber: Eine informelle Gruppe von Bierbrauern aus ganz Deutschland traf sich in Bayreuth zur Craftbeersession, und sie haben sich einen wahrhaft dramatischen Namen für ihr gemeinsames Erstlingskind ausgesucht: Hopfenreiter Double IPA.

Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA Flasche

Ungewöhnlich dunkel für ein IPA fließt das Hopfenreiter ins Glas. Natürlich naturtrüb, alles andere hätte mich enttäuscht. Zurückhaltende Perlage führt zu einem feinporigen Schaum, der sich schnell abbaut; es bleibt aber ein für obergärige Verhältnisse dicker Rest übrig, der dann auch bis zum letzten Schluck aushält. Für die Menge an unterschiedlichen Hopfen riecht es zunächst etwas un-hopfig: Dominant ist erst dunkle Würze, feine Röstaromen, fast ein bisschen rauchig. Danach schwingen die Hopfentöne aus dem Hintergrund hervor: Pink Grapefruit, Blutorange, Stachelbeeren, Kiwi.

Im Geschmack kommt aber eindeutig das IPA-typische durch. Direkt hinter einem zitronigen Antrunk schießt die wuchtige Bittere vor, als hätte sie nur darauf gewartet, mir eins auszuwischen. Trotzdem bleibt das Hopfenreiter überraschend leicht und luftig, getragen von einem Strauß von Hopfenaromen, wie Orange und Stachelbeeren. Insgesamt vergleichsweise dunkeltönig für ein IPA, mit einem attraktiven, dicht-cremigen Mundgefühl in Kombination mit hoher Rezenz: Sehr überzeugend.

Der Abgang bleibt dann mildtrocken, feinherb, erinnernd an Pils, doch noch einen Tick adstringierender. Ein leicht kratziger Charakter trübt hierbei etwas die Rezensentenlaunenwetterlage. Dass der Abgang eher kurz ist, und statt den Aromen nur Bittere länger übrigbleibt, passt sich dazu ein. So ist der Abgang vielleicht die einzige Schwäche dieses ansonst wirklich spannenden Biers – aber selbst Superman hat schließlich sein Kryptonit.

Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA Glas

Neben den „alten Bekannten“ Amarillo, Columbus, Chinook und Mosaic haben sich auch mir völlig neue Hopfensorten einen Weg in den Braukessel erschlichen: Ella, Wai-iti, Bremling und Spalter Spalt. Man sieht, das Potenzial der Pflanzengattung Hopfen ist noch lange nicht ausgeschöpft, und selbst Stan Lee könnte sich eine Scheibe von der Benamungskunst der Hopfenbauern abschneiden. Die unterschiedlichen Hopfenarten wurden von Gastbrauern der Brauereien Kehrwieder Kreativbrauerei, CREW Republic, Camba Bavaria, AND UNION, Holla die Bierfee und der Bayreuther Bierbrauerei beigesteuert; wir haben also neben einem bunten Hopfentopf auch ein Crossover-Bier quer durch Deutschlands Craftbierszene. Die Brauerei Maisel & Friends macht ihrem Namen somit alle Ehre.

Entsprechend der Herstellungsmethode dieses Biers, die als Freundschafts-Sud bezeichnet wird und aus dieser faszinierenden Kooperation entstand, setze ich es auch in einem Biercocktail ein, der diesem Gedanken Rechnung trägt – dem Brewers Free Class. Der Name soll auf den Berufsstand der Brauer anspielen, und auf die großartige Idee, sich nicht von Firmengrenzen einsperren zu lassen.

Brewers Free Class


Brewers Free Class
6 Minzblätter, ½ kleine Orange und ½ Limette im Shakerglas muddeln
1 oz Marillenschnaps
1 oz Apfelsaft
½ oz Grapefruit-Saft
…mit ordentlich Hopfenreiter Double IPA aufgießen
[Rezept variiert das Originalrezept ‚British Free Class‘ von Francesco Cereillo]


Warum eine Orange im Glas muddeln, statt einfach ausgepressten Orangensaft dazugeben? Die Antwort ist : Durch das Muddeln der Orange inklusive Schale werden auch ätherische Öle, die in der Schale enthalten sind, mitausgepresst, die dem ganzen noch einen kleinen Frischekick geben. Nicht jedes Bier ist in diesem Cocktail vermischbar – es braucht schon einen kräftigen Charakter, um sich gegen die Säfte durchzusetzen. Das Hopfenreiter Double IPA spielt diese Rolle wunderbar.

Das Bier ist in Standard-Longneck-Flaschen zu einem Drittelliter abgefüllt und enthält üppige 8,5% Alkohol. Die Angabe von Bittereinheiten war zu Beginn der Craftexplosion noch sehr beliebt; inzwischen sieht man es seltener; der Hopfenreiter reitet aber stolz mit 70 IBU durch Nacht und Wind, das sind eine Menge Pferdestärken, die man dennoch mehr spürt als schmeckt.

Das Etikettendesign des Hopfenreiter Double IPAs orientiert sich stark in die Comicrichtung, und die Darstellung eines von Pflanzenranken umwickelten, vermummten, umhangtragenden und Hopfendolden als Waffen haltenden Bierbösewichts erinnert mich so sehr an einen klassischen Batman- oder Superman-Villain, dass die Einleitung dieses Artikels im Rückblick daher vielleicht sogar doppelt Sinn macht.

Ich bedanke mich bei Maisel & Friends, dass sie mir 2 Flaschen des Hopfenreiters zur kostenlosen Vorabverkostung zur Verfügung gestellt haben.

Was wirklich wichtig ist – Dale DeGroff’s The Essential Cocktail

Das letzte halbe Jahr war, was Cocktails angeht, für mich ein sehr spannendes. Früher war ich ein Freund des Bekannten; bevor man riskiert, 8€ für einen mir nicht schmeckenden Cocktail auszugeben, habe ich lieber immer dieselben getrunken: Americano, El Presidente, Manhattan, Whiskey Sour oder Sazerac. Heute ist das anders: Es gab in diesen 6 Monaten kaum einen Cocktail, den ich zweimal getrunken hätte. Wie man auf meiner Cocktailwelt-Seite sehen kann, gehe ich nun lieber in die Breite als in die Tiefe. Das einzige Problem dabei: Wo soll ich all die Rezepte nun hernehmen, die ich für diese Art des Genusses brauche?

Wenn man sich die Rezepte über Cocktailbücher wie die von Dale DeGroff, Ted Haigh, David Wondrich oder anderen, Fachmagazine oder Internetseiten besorgt, steht man zumindest als Blogger vor dem nächsten Problem – auch wenn Rezepte in Form von reinen Mengen- und Zutatenangaben nicht copyrightgeschützt werden können, so fordern die modernen, innovativen Bartender dennoch gewisse Rechte für sich ein, und dazu gehört, dass sie gern genannt werden, wenn man ihr Rezept weiterverwendet.

Persönlich stehe ich dem sehr zwiegespalten gegenüber. Einerseits halte ich die Schöpfungshöhe eines Cocktailrezepts für nicht besonders hoch; viele der Rezepte, die ich lese, sind oft nur leichte Variationen auf bereits altbekannte Mixturen. Auch ist der Schaffungsprozess vergleichsweise kurz, mit sehr begrenztem Aufwand an Ressourcen und Zeit, und nur ein winziger Bruchteil der Rezepte überlebt mehr als den einen Moment im Rampenlicht eines Wettbewerbs oder der Erstkreation. Den Todesstoß für meine Akzeptanz versetzen dann aber Bartenderdivas (oder „Beverage Consultant/Director“, wie manche inzwischen schon genannt werden wollen), die meinen, sie seien bei Barbesuchen der wahre „Star des Abends“, oder halten sich für eine moralische Kniggeinstanz, wie man sich bei ihnen in der Bar zu verhalten hat, und wie man mit dem von ihnen geschaffenenen Drinks umzugehen hat.

Andererseits bin ich selbst mit meinen Blogartikeln Kreativschaffender, und erkenne das Bedürfnis nach Anerkennung einer kreativen Leistung, selbst wenn sie nicht wirklich geschützt werden kann. Ich habe mich daher, trotz meiner Bedenken, dazu entschieden, ab sofort bei Rezepten, die ich verwende und hier auf meinem Blog re-publiziere, den Erfinder des Rezepts mitanzugeben; nicht, weil es jemand fordert, und nicht, weil ich es für wirklich nötig halte, sondern einfach aus Respekt diesen Leuten gegenüber, die mir ermöglichen, öfters mal was Neues im Glas zu haben, ohne selbst diesbezüglich aktiv werden zu müssen.

Der Interessierte, der nicht dieselbe tiefe Begeisterung für Mischgetränke aufbringen kann wie ich, aber dennoch gern unterschiedliche Mixturen ausprobieren möchte, greift eh zu unter einem Namen veröffentlichten Büchern, wie es bei The Essential Cocktail von Dale DeGroff der Fall ist. Das bedeutet nicht automatisch, dass alle Rezepte darin vom Autor selbst erfunden wurden; das wäre bei solchen Büchern auch gar nicht möglich, denn sie zählen auch gern uralte Rezepturen auf, deren wahren Urheber man gar nicht kennt, und die längst in die Public Domain des Cocktailwesens eingegangen sind.

The Essential Cocktail Cover

DeGroffs anderes Buch, The Craft of the Cocktail, hatte ich etwas kritisch beurteilt, denn mir gefiel nicht, dass es sich zum großen Teil nur um eine einfache Aufzählung von Rezepten handelt. Bei diesem Buch dagegen macht DeGroff genau diesen Kardinalfehler mehr als nur wett: Zu jedem Cocktail findet er eine amüsante Anekdote entweder aus seinem eigenen, unglaublich reichen Erfahrungsschatz, oder aus historischen Quellen. Manchmal sind es nur am Rande verknüpfte Gegebenheiten, manchmal ausführliche Hinweise zur Herstellung oder besonderen Zutaten, die sich wirklich unterhaltsam und kurzweilig lesen lassen. DeGroff hat einen feinen Sinn für Humor, und selbst sein größter Fehler, sein hin und wieder etwas selbstgefälliger Narzissmus, wird in diesem Umfeld beinahe liebenswert.

Für einen Hinweis bin ich ihm besonders dankbar, denn auch wenn die moderne Barwelt das längst erkannt hat, so muss auch dem Bargelegenheitskunden, der gern etwas enttäuscht ist, wenn ihm in hochklassigen Bars so scheinbar winzige Portionen vorgesetzt werden, das mal klar gesagt werden: Die Zeit der geschmacksarmen Literportionen ist vorbei! Es lebe der kleine, feine, hocharomatische Drink mit Qualitätszutaten!

And size really does matter, but not in the bigger-is-better sense; I happen to think that today’s giant glasses are not only an abomination, they’re downright dangerous. A martini is not meant to be an 8-ounce drink—that’s simply too much strong spirit. Most drinks are meant to be 3 ounces, maybe 4—that is, 12 to 15 good cold sips.

Mir gefällt die Zusammenstellung, die DeGroff präsentiert; es ist eine gute Mischung aus altehrwürdigen Klassikern, aufgepeppten Klassikervariationen (oft im typischen DeGroff-Muddled-Fruit-Stil) und Eigenerfindungen, da sollte jeder was für seinen Geschmack finden. Auch, dass für praktisch jeden Cocktail ein hochwertiges Foto vorhanden ist, wertet das Buch auf.

Ich habe mir zwei Rezepte herausgesucht, die mir bei der Lektüre besonders ins Auge gefallen sind, einfach aufgrund ihrer etwas seltsamen Verrücktheit. Das erste davon ist ein Beispiel dafür, wie man mit etwas Kreativität aus einem Standarddrink eine höchstluxuriöse, vielleicht sogar etwas dekadente Spezerei machen kann: der Millionaire’s Manhattan.

Millionaire's Manhattan


Millionaire’s Manhattan
1½ oz Bourbon (z.B. Woodford Reserve)
½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier)
1 oz Ananassaft
¼ oz Orgeat
…in einem Glas mit Blattgoldkruste servieren
[Rezept nach Dale DeGroff]


Für dieses Glas habe ich Blattgold im Wert von ca. 3€ verbraucht; beim flockigen Anbringen ist etwas Fingerspitzengefühl erforderlich, da sich das Blattgold sofort fix an alles anhaftet, was mit ihm in Berührung kommt – Finger, Bleistifte, Glasteile. Korrektur unmöglich! Mit 5 Blättchen kann man großzügig zwei Gläser verzieren. Und Vorsicht, Bartträger: Das bleibt beim Trinken auch im Bart hängen!

Das andere Rezept soll demonstrieren, dass sich DeGroff hier nicht nur an die Anfänger der Mixologie wendet, sondern selbst für abgehärtete Veteranen etwas zum Staunen im Angebot hat. Der Friar Briar’s Sack Posset ist etwas, das man heute wahrscheinlich nie in einer Bar angeboten bekommen wird, dadurch wird das Selbstmachen nochmal enorm aufgewertet. Wenn man auf abgefahrene Drinks steht, natürlich.

Friar Briar's Sack Posset


Friar Briar’s Sack Posset
3 oz Vodka (z.B. Green Mark Vodka)
3 oz Dunkles Ale (z.B. Guinness Extra Stout)
1 oz Dunkler Rum (z.B. Gosling’s Black Seal)
¼ oz Bénédictine
3 oz Sahne
2 Eier
1 gehäufter Teelöffel Honig
1 Spritzer Angostura
Alle Zutaten in einem kleinen Topf unter Wärme leicht aufschlagen…
…dann mit einem rotglühenden Schürhaken ankokeln…
…und in einer Tasse servieren.

[Rezept nach Kevin Armstrong]


Nun hatte ich zufällig ausnahmsweise keinen rotglühenden Schürhaken zur Verfügung. Alternativ habe ich einen Stein aus dem Garten auf den Herd gelegt, bis er richtig heiß war, und ihn dann vorsichtig in den Topf zur Zutatenmelange gelegt, so dass es zischte und blubberte. Mit Sicherheit einer der seltsamsten Mixvorgänge, die ich bisher erlebt habe.

Ich empfehle dieses Cocktailbuch ausdrücklich, es enthält für Anfänger noch eine grobe Grundeinführung in Techniken und Zutaten, und ist auch als eBook auf einem Tablet sehr gut lesbar (was man wirklich nicht von allen Koch- und Rezeptbüchern sagen kann). Eine spannende, leichte und lehrreiche Lektüre von einem der wichtigsten und einflussreichsten Bartendern des letzten Jahrhunderts.