Qualmende Dickhäuter im Frühling – De Olifant Zigarrensortiment

Es ist seltsam – für mich ist Rauchen eine Jahreszeiten-Angelegenheit. Im letzten Sommer habe ich begonnen, mich wieder, nach langer Abstinenz, für diese Form des Genusses zu interessieren. Nicht wirklich ausgiebig, und nicht mit ganz der Begeisterung, die ich aktuell für Spirituosen aufbringen kann, aber doch mit einer gewissen Konsequenz. Und so hatte ich mir ein stattliches kleines Sortiment an Zigarillos und Zigarren angelegt, und einen kleinen Humidor dazu. Dann kam der Winter; und mit den Sonnenstrahlen verschwand auch meine Lust, mir einen Qualmstengel anzustecken.

Nun ist der Winter wieder vorbei, der Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte, und ich bekomme Lust, dem Band auch den blauen Dunst folgen zu lassen. Also flugs den Humidor aus dem Schrank gekramt, die Hälfte der Zigarren weggeworfen, weil sie vertrocknet waren (Lehre: nie das Nachfüllen des Flüssigkeitsreservoirs vergessen!), und sich einen Überblick verschafft, was vom Rest noch rauchbar ist. Mit Erfreuen habe ich festgestellt, dass die Rauchware eines Herstellers noch vergleichsweise gut in Schuss war: Die Shortfiller-Zigarren und Zigarillos von De Olifant. In diesem Artikel möchte ich, statt ausgiebiger Verkostungsnotizen zu einer einzelnen Sorte von Zigarren, einfach mal vorstellen, was diese holländische Firma so zu bieten hat. Die Aufstellung ist nicht vollständig, aber da mir die Ware von De Olifant immer gut gefallen hat, habe ich doch einen gewissen Umfang davon gesammelt.

De Olifant Zigarren Sortiment Teil

Begeisternd finde ich die Lieferung dieser Zigarren und Zigarillos in schönen, kleinen Zedernholzkisten, mit Metallverschluss und dezentem Markenlogo. So eine Präsentation wertet das Gesamtgenusserlebnis doch deutlich auf: Das Auge raucht mit. Die kleineren Formate werden dabei in der Kiste noch von einem Stück Tabakblatt gruppiert. Leider macht der Warnhinweiswahn auch vor Zedernholzkisten keinen Halt und so werden manche dieser hübschen Behältnisse mit einem nur schwer ablösbaren Sticker verunstaltet.

Von einem Großteil des Sortiments gibt es die Zigarren entweder mit Sumatra– oder mit Mata-Fina-Deckblatt; die beiden sind schon leicht an der Farbe unterscheidbar. Während das Sumatra-Deckblatt in gedecktem Hellbraun daherkommt, weist das Mata-Fina-Deckblatt der „Brasil“-Linie ein dunkles Schokoladenbraun auf. Persönlich mag ich die Brasil-Linie deutlich lieber, die ein sehr würziges, schokoladiges Aroma aufweist.

De Olifant Zigarren Fantje Sumatra

Die kleinste Variante, die De Olifant anbietet, ist die Fantje. Dabei handelt es sich um einen kleinen Shortfiller-Zigarillo. Wie alle Formate mit Sumatra-Deckblatt sind die Fantjes knackig-würzig, tendieren leicht zur pfeffrigen Schärfe und zu helltönigen Geschmäckern. So eine Fantje hat man locker in 10 Minuten geraucht; sie dienen also für Mikropausen, in denen man als Raucher trotzdem nicht zu einer schnöden Zigarette greifen will.

De Olifant Zigarren Softpacks

Für den Snack zwischendurch bietet De Olifant praktische Blechdöschen an, in denen kleinformatige Zigarillos druckgeschützt in der Hemdtasche transportiert werden können. Wer sich nicht entscheiden kann, holt sich das Assorti-Döschen mit gemischtem Inhalt; wer etwas kleines rauchen will, die Fantje aber zu mager findet, greift zu den Giant. Diese Blechdöschen werden als Softpack vermarktet, was darin begründet ist, dass die Dosen eine leicht gummierte, berührungsfreundliche Oberfläche aufweisen. In der Dose findet man ein Hinweisblatt und eine hübsche Innenillustration.

De Olifant Zigarren Giant Brasil

Ein deutliches Stück größer ist da dann schon die V.O.C.. Wie zu erwarten, raucht man daran entsprechend länger; doch das größere Format sorgt daneben natürlich auch für eine gleichmäßigere Brandtemperatur, ein größeres Rauchvolumen und ein dichteres Rauchgefühl. Diese kleinen Señoritas sind dennoch für mich vielleicht das schwächste Produkt aus dem Hause De Olifant; irgendwie empfinde ich sie als nichts halbes und nichts ganzes.

De Olifant Zigarren VOC Sumatra

Die Matelieff ist vom Format her eine Half-Corona, da hat man nun schon was klobigeres in der Hand. Ab dieser Größe beginnt der Hersteller, die Einzelzigarren mit leicht abnehmbaren Banderolen auszustatten. Mit Mata-Fina-Deckblatt ausgestattet bietet die Matelieff ein schönes, rundes, würzig-schokoladiges Raucherlebnis von um die 20 Minuten. Wer sich mit De-Olifant-Zigarren anfreunden will, kann mit dieser Größe viel Freude direkt zu Beginn haben.

De Olifant Zigarren Matelieff Brasil

Holland wäre nicht Holland ohne seine Tüten; selbst bei Zigarren schätzen einige Raucher das Spitzfaçon– oder umgekehrtes Torpedo-Format, in dem die Knakje angeboten wird. Wie bei allen De-Olifant-Zigarren ist der Zugwiderstand auch bei ihr sehr angenehm, nicht zu fest und nicht zu schwach. Man beachte, dass man dieses sehr spezielle Zigarrenformat am spitzen Ende anzündet, nicht wie bei Standardtorpedo-Zigarren am dicken; natürlich kann man sie auch andersrum rauchen, doch das führt dazu, dass die Spitze, wenn sie mit Speichel in Verbindung kommt, den bitteren Tabakgeschmack an die Lippen abgibt, was eher unangenehm ist; raucht man sie „richtig herum“, passiert das nicht.

De Olifant Zigarren Knakje Brasil

Die kleineren Formate verblassen natürlich, wenn man sich die Kiste mit Corona öffnet; das Format Petit Corona sorgt dafür, dass man diese Zigarre in einer knappen halben Stunde durchgeraucht hat. Gegen Ende der Rauchdauer wird das Geschmackserlebnis heiß und scharf, doch das ist bei allen Shortfillern, und auch bei vielen Longfillern, so. Wer das erste Mal Zigarren und Zigarillos raucht, lernt schnell, dass man das letzte Drittel lieber ausgehen lässt.

De Olifant Zigarren Corona Brasil

Wem selbst die Petit Coronas noch zu klein sind, greift halt zum größten Format, das De Olifant meines Wissens anbietet: der Ivory, die ein volles Corona-Format repräsentiert. Auch hier erhältlich in der Sumatra (Vintage Sumatra)- und der Brasil (Bahia Brasil)-Linie. Diese Zigarren werden im Tubo geliefert, und sind aber trotzdem in einem kleinen Keilschnitt vorangeschnitten.

De Olifant Zigarren Tubos

Hin und wieder veröffentlich De Olifant auch Spezialvarianten in sogenannter „Limited Edition“; die Grote Tuitknak ist ein Beispiel dafür. Da hat man wirklich was zu rauchen; ein fettes kleines Aromenpaket für besondere Anlässe. Diese Zigarre ist nicht vorangeschnitten. Auch hier bitte beachten: Das stumpfe Ende ist das, das man anschneiden muss und das spitze das, das man anzündet.

De Olifant Zigarren Limited Edition Grote Tuitknak Brasil

Ich bin zu einem echten Fan dieses Herstellers geworden. Sehr oft hat der Zigarreninteressierte, der nicht wirklich stark raucht, sondern nur zwischendurch, selbst für einen kleinen Longfiller nicht die Zeit oder Muße. Eine gute Zigarre braucht eben eine Weile; wenn man aber flexibel bleiben, und dennoch nicht auf Qualität verzichten will, greife man ohne Gewissensbisse zu einem dieser Shortfiller. Und wenn man dann doch wenigstens stilecht abaschen möchte, nutzt man einfach den entsprechenden, hübsch designeten und funktionalen De-Olifant-Aschenbecher.

De Olifant Zigarren Aschenbecher

Persönlich muss ich mich nicht weiter auf die Suche nach anderen Marken dieses Zigarren-/Zigarillotyps machen. Meharis, Petit, Moods und andere, die man auch an Tankstellen bekommt, haben auch nicht den Hauch einer Chance gegen diese Qualitätsware aus Holland. Von De Olifant wurde ich noch nie enttäuscht, was man von den meisten anderen hochgelobten Herstellern, selbst aus Kuba oder Nicaragua, nicht sagen kann. Zu bekommen sind De-Olifant-Zigarillos im halbwegs gut sortierten Fachhandel, meist in mehreren Varianten – in Saarbrücken beispielsweise bei Dürninger.

Liebe kann auch weh tun – Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink

Eine sehenswerte BBC-Dokumentation von 1999 zeigt einen Abgesang auf eine Zeit, die zur Veröffentlichung der Doku schon unendlich weit weg schien. Tiki, das wilde Konzentrat aus aus heutiger Sicht schlechtem Geschmack, Faux-Kultur und Träumereien, bot einer Generation, die von Krieg und sozialer wie sexueller Repression gebrandmarkt war, ein Ventil, um all den Wünschen, die man im realen Leben nicht ausleben konnte, endlich freien Lauf zu lassen. Doch so schnell, wie diese Modewelle entstand, starb sie in den 60ern auch wieder.

Heute ist Tiki aber wieder in – zumindest in Cocktailkreisen. Das ganze Drumherum, also verrückte Trinkgefäße, polynesisch angehauchte Architektur und Innenausstattung, Hulamädchen und Feuertänzer, all das findet man heute eigentlich nur noch, weil ein Ableger der Cocktailkultur diese aufrechterhält, namentlich Fackelträger wie Jeff „Beachbum“ Berry. Genauso, wie die moderne Bar wieder an möglichst authentischen Prohibitionsdrinks interessiert ist, sucht sie aber auch bei Tiki-Cocktails wieder die Wurzeln, die durch die oberflächliche Beliebigkeit und „Masse-statt-Klasse“-Unkultur der 80er und 90er Verschütt gegangen waren.

Entsprechend ist man auch wieder an neuen, spezialisierten Zutaten für diese recht spezielle Art von Cocktails interessiert. Rum ist natürlich unersetzlich, der eine oder andere Tikidrink benötigt 3 verschiedene Sorten an Rum im Glas; also kann die Heimbar gar nicht genug an Rumvariationen aufweisen. Und dann passt auch noch der eine oder andere aromatisierte, oder „spiced“, Rum gut dazu, wie der mit Ananasaromen versetzte Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink. Der Name verspricht schon viel – werden Tikifreunde ihm wirklich in Liebe verfallen?

Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink

Ein unglaublicher Duft entströmt der Flasche, sobald man sie aufschraubt. Sehr aromatisch, kräftig, wuchtig. Viel Ananas, mit angenehmer Rumbasis, die es aber schwer hat gegen die Ananas. Typische frech-aggressive Aromen jungen Rums, mit  erkennbarer Alkoholnote. Ich schwelge schon halb auf einer polynesischen Insel…

…doch mit dem ersten Schluck kommt nach dieser Träumerei das böse Erwachen. Das Zeug fackelt den Mundraum aus wie ein Luau-Flammentänzer. Sehr bitter und sauer, stark brennend, fiese Fuselöle, grimmige Ester, Lösungsmittel, Kupfer – die gewählten Jamaica-, Guyana- und Trinidad-Rums waren scheinbar nicht beste Ware, geben nur oberflächliche Rumaromen mit. Vordergründige, klebrige Süße im Abgang. Und am Ende lässt der Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink dann noch ein pappiges, fuseliges, alkoholisches Mundgefühl zurück, sehr unangenehm, man will direkt mit was anderem nachspülen.

Ich sage sowas selten: Das will man einfach nicht pur trinken. Selbst mit viel gutem Willen. Feuerwasser zum Desinfizieren, aber nicht zum Genießen! „Finest Caribbean Dark Rum“? Da müsste ich lachen, wenns nicht zum Heulen wäre.

Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink Glas

Sehr lobenswert sind natürlich die 45% Alkohol, da ist Bumms dahinter, im Gegensatz zu vielen anderen Spiced Rums, die deutlich unter die 40%-Marke gekrochen sind. Doch das Aräometer zeigt mir, gemessen bei 20,1°C, nur 34,5% an –  40-44g/L Zusätze, aller Wahrscheinlichkeit nach Zucker, sind also in diesem Spirit Drink enthalten. Dies könnte Fruchtzucker aus einer Mazeration sein, oder aber einfach Zuckerbeigabe zur Abrundung. Eine Deklaration wäre schön gewesen, vor allem, weil man sonst recht transparent mit der Verwendung der „Spirit Drink“-Kategorie vorgeht und selbst Farbstoffe angibt.

Wenn schon für den Purgenuss schwer erträglich, punktet der Tiki Lovers Pineapple dann wenigstens in seinem Heimterritorium, als Mixer? Auf der Homepage des Herstellers sind zwei recht langweilige Cocktails als Einsatzgebiet angegeben; viel spannender finde ich da, den Tiki Lovers Pineapple in einem Fat Man Running einzusetzen. Und, in der Tat: Das bringts. Und zwar richtig.

Fat Man Running


Fat Man Running
2 oz Spiced Rum (z.B. Tiki Lovers Pineapple)
½ oz Blue Curaçao
½ oz Limettensaft
…mit Ginger Ale (z.B. Thomas Henry Ginger Ale) aufgießen


Letztlich reicht mir aber so eine, wenn auch durchaus ansprechende, Teilleistung eigentlich nicht aus, um eine echte Empfehlung aussprechen zu können. Ich habe mich hier selbst von der äußerst gelungenen Verpackung und einer cleveren Vermarktung, die ganzseitige Anzeigen in Fachmagazinen schaltete, ein bisschen täuschen lassen – doch ich war auch ein williges Opfer, das muss ich eingestehen. Und die Aufmachung ist aber auch echt toll – eine trotz ihrer Einfachheit hübsche Flasche, ein richtig gut gemachtes Etikett mit viel Flair, und eine attraktive, aber künstliche Färbung des Inhalts mittels Zuckerkulör. Macht was her im Mixerregal – schade, dass diese äußere Erscheinung sich nicht wirklich auch ins Glas transportiert.  Man könnte etwas ätzen und lakonisch ein Fazit formulieren, dass der schlechte Geschmack der 1950er-Tiki-Kultur mit dem Tiki Lovers Pineapple Spirit Drink auferstanden ist. Kann auch nicht jede Spirituose von sich sagen, oder?

Beer League of Bayreuth – Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA

Der aktuelle Batman-v-Superman-Film stürzt so einige Filmfreunde, die sich mit der Comicvergangenheit dieser beiden ikonischen Superhelden nicht so recht auskennen, in Verwirrung. „Kennen die beiden sich wirklich? Leben die nicht in unterschiedlichen Universen?“ Diese Fragen bekomme ich, als ausgewiesener Comicexperte, gern gestellt. Wenn man sich nur mit den Filmhistorien der beiden Spandexträger beschäftigt hat, könnte man wirklich denken, dass Superman und Batman zwei voneinander getrennte Welten bewohnen; doch tatsächlich sind sie Arbeitskollegen, Gründungsmitglieder der Justice League of America, enge Freunde, und dabei doch grundsätzlich voneinander verschieden. Batman ist der dunkle Ritter, der Vigilant, der das Recht selbst in die Hand nimmt; Superman der Vertreter der Ordnung, der Paladin, der an das Gute im jedem Menschen glaubt.

Außerhalb der Justice League trennten sich die Wege von Supes und Bats aber dann doch soweit, dass jeder für sich in seiner Welt vor sich hin werkelt, und bis auf wenige Crossover-Szenarien, wie Frank Millers epochales The Dark Knight Returns oder das großartige Superman/Batman: Absolute Power, halten sich die Helden auch daran.

Dieses Prinzip der sich zwar schätzenden, aber durch unsichtbare Wände voneinander getrennten Protagonisten kennt auch die traditionelle Bierwelt, in der eine Abgrenzung zu Konkurrenzprodukten als wichtiges Element der eigenen Bierpersönlichkeit hochgehalten wird. Doch der moderne Craftbierbrauer will nun kein Isolationist mehr sein, der in seiner Brauerei ein Produkt herstellt, egal, was die Welt um ihn herum macht. Gleich und gleich gesellt sich gern, und so enstand bei Maisel & Friends das Bierpendant zum Superheldenverein JLA – man vergebe mir diese etwas nerdige Einleitung und den Vergleich. Irgendwie passt es aber: Eine informelle Gruppe von Bierbrauern aus ganz Deutschland traf sich in Bayreuth zur Craftbeersession, und sie haben sich einen wahrhaft dramatischen Namen für ihr gemeinsames Erstlingskind ausgesucht: Hopfenreiter Double IPA.

Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA Flasche

Ungewöhnlich dunkel für ein IPA fließt das Hopfenreiter ins Glas. Natürlich naturtrüb, alles andere hätte mich enttäuscht. Zurückhaltende Perlage führt zu einem feinporigen Schaum, der sich schnell abbaut; es bleibt aber ein für obergärige Verhältnisse dicker Rest übrig, der dann auch bis zum letzten Schluck aushält. Für die Menge an unterschiedlichen Hopfen riecht es zunächst etwas un-hopfig: Dominant ist erst dunkle Würze, feine Röstaromen, fast ein bisschen rauchig. Danach schwingen die Hopfentöne aus dem Hintergrund hervor: Pink Grapefruit, Blutorange, Stachelbeeren, Kiwi.

Im Geschmack kommt aber eindeutig das IPA-typische durch. Direkt hinter einem zitronigen Antrunk schießt die wuchtige Bittere vor, als hätte sie nur darauf gewartet, mir eins auszuwischen. Trotzdem bleibt das Hopfenreiter überraschend leicht und luftig, getragen von einem Strauß von Hopfenaromen, wie Orange und Stachelbeeren. Insgesamt vergleichsweise dunkeltönig für ein IPA, mit einem attraktiven, dicht-cremigen Mundgefühl in Kombination mit hoher Rezenz: Sehr überzeugend.

Der Abgang bleibt dann mildtrocken, feinherb, erinnernd an Pils, doch noch einen Tick adstringierender. Ein leicht kratziger Charakter trübt hierbei etwas die Rezensentenlaunenwetterlage. Dass der Abgang eher kurz ist, und statt den Aromen nur Bittere länger übrigbleibt, passt sich dazu ein. So ist der Abgang vielleicht die einzige Schwäche dieses ansonst wirklich spannenden Biers – aber selbst Superman hat schließlich sein Kryptonit.

Maisel & Friends Hopfenreiter Double IPA Glas

Neben den „alten Bekannten“ Amarillo, Columbus, Chinook und Mosaic haben sich auch mir völlig neue Hopfensorten einen Weg in den Braukessel erschlichen: Ella, Wai-iti, Bremling und Spalter Spalt. Man sieht, das Potenzial der Pflanzengattung Hopfen ist noch lange nicht ausgeschöpft, und selbst Stan Lee könnte sich eine Scheibe von der Benamungskunst der Hopfenbauern abschneiden. Die unterschiedlichen Hopfenarten wurden von Gastbrauern der Brauereien Kehrwieder Kreativbrauerei, CREW Republic, Camba Bavaria, AND UNION, Holla die Bierfee und der Bayreuther Bierbrauerei beigesteuert; wir haben also neben einem bunten Hopfentopf auch ein Crossover-Bier quer durch Deutschlands Craftbierszene. Die Brauerei Maisel & Friends macht ihrem Namen somit alle Ehre.

Entsprechend der Herstellungsmethode dieses Biers, die als Freundschafts-Sud bezeichnet wird und aus dieser faszinierenden Kooperation entstand, setze ich es auch in einem Biercocktail ein, der diesem Gedanken Rechnung trägt – dem Brewers Free Class. Der Name soll auf den Berufsstand der Brauer anspielen, und auf die großartige Idee, sich nicht von Firmengrenzen einsperren zu lassen.

Brewers Free Class


Brewers Free Class
6 Minzblätter, ½ kleine Orange und ½ Limette im Shakerglas muddeln
1 oz Marillenschnaps
1 oz Apfelsaft
½ oz Grapefruit-Saft
…mit ordentlich Hopfenreiter Double IPA aufgießen
[Rezept variiert das Originalrezept ‚British Free Class‘ von Francesco Cereillo]


Warum eine Orange im Glas muddeln, statt einfach ausgepressten Orangensaft dazugeben? Die Antwort ist : Durch das Muddeln der Orange inklusive Schale werden auch ätherische Öle, die in der Schale enthalten sind, mitausgepresst, die dem ganzen noch einen kleinen Frischekick geben. Nicht jedes Bier ist in diesem Cocktail vermischbar – es braucht schon einen kräftigen Charakter, um sich gegen die Säfte durchzusetzen. Das Hopfenreiter Double IPA spielt diese Rolle wunderbar.

Das Bier ist in Standard-Longneck-Flaschen zu einem Drittelliter abgefüllt und enthält üppige 8,5% Alkohol. Die Angabe von Bittereinheiten war zu Beginn der Craftexplosion noch sehr beliebt; inzwischen sieht man es seltener; der Hopfenreiter reitet aber stolz mit 70 IBU durch Nacht und Wind, das sind eine Menge Pferdestärken, die man dennoch mehr spürt als schmeckt.

Das Etikettendesign des Hopfenreiter Double IPAs orientiert sich stark in die Comicrichtung, und die Darstellung eines von Pflanzenranken umwickelten, vermummten, umhangtragenden und Hopfendolden als Waffen haltenden Bierbösewichts erinnert mich so sehr an einen klassischen Batman- oder Superman-Villain, dass die Einleitung dieses Artikels im Rückblick daher vielleicht sogar doppelt Sinn macht.

Ich bedanke mich bei Maisel & Friends, dass sie mir 2 Flaschen des Hopfenreiters zur kostenlosen Vorabverkostung zur Verfügung gestellt haben.

Was wirklich wichtig ist – Dale DeGroff’s The Essential Cocktail

Das letzte halbe Jahr war, was Cocktails angeht, für mich ein sehr spannendes. Früher war ich ein Freund des Bekannten; bevor man riskiert, 8€ für einen mir nicht schmeckenden Cocktail auszugeben, habe ich lieber immer dieselben getrunken: Americano, El Presidente, Manhattan, Whiskey Sour oder Sazerac. Heute ist das anders: Es gab in diesen 6 Monaten kaum einen Cocktail, den ich zweimal getrunken hätte. Wie man auf meiner Cocktailwelt-Seite sehen kann, gehe ich nun lieber in die Breite als in die Tiefe. Das einzige Problem dabei: Wo soll ich all die Rezepte nun hernehmen, die ich für diese Art des Genusses brauche?

Wenn man sich die Rezepte über Cocktailbücher wie die von Dale DeGroff, Ted Haigh, David Wondrich oder anderen, Fachmagazine oder Internetseiten besorgt, steht man zumindest als Blogger vor dem nächsten Problem – auch wenn Rezepte in Form von reinen Mengen- und Zutatenangaben nicht copyrightgeschützt werden können, so fordern die modernen, innovativen Bartender dennoch gewisse Rechte für sich ein, und dazu gehört, dass sie gern genannt werden, wenn man ihr Rezept weiterverwendet.

Persönlich stehe ich dem sehr zwiegespalten gegenüber. Einerseits halte ich die Schöpfungshöhe eines Cocktailrezepts für nicht besonders hoch; viele der Rezepte, die ich lese, sind oft nur leichte Variationen auf bereits altbekannte Mixturen. Auch ist der Schaffungsprozess vergleichsweise kurz, mit sehr begrenztem Aufwand an Ressourcen und Zeit, und nur ein winziger Bruchteil der Rezepte überlebt mehr als den einen Moment im Rampenlicht eines Wettbewerbs oder der Erstkreation. Den Todesstoß für meine Akzeptanz versetzen dann aber Bartenderdivas (oder „Beverage Consultant/Director“, wie manche inzwischen schon genannt werden wollen), die meinen, sie seien bei Barbesuchen der wahre „Star des Abends“, oder halten sich für eine moralische Kniggeinstanz, wie man sich bei ihnen in der Bar zu verhalten hat, und wie man mit dem von ihnen geschaffenenen Drinks umzugehen hat.

Andererseits bin ich selbst mit meinen Blogartikeln Kreativschaffender, und erkenne das Bedürfnis nach Anerkennung einer kreativen Leistung, selbst wenn sie nicht wirklich geschützt werden kann. Ich habe mich daher, trotz meiner Bedenken, dazu entschieden, ab sofort bei Rezepten, die ich verwende und hier auf meinem Blog re-publiziere, den Erfinder des Rezepts mitanzugeben; nicht, weil es jemand fordert, und nicht, weil ich es für wirklich nötig halte, sondern einfach aus Respekt diesen Leuten gegenüber, die mir ermöglichen, öfters mal was Neues im Glas zu haben, ohne selbst diesbezüglich aktiv werden zu müssen.

Der Interessierte, der nicht dieselbe tiefe Begeisterung für Mischgetränke aufbringen kann wie ich, aber dennoch gern unterschiedliche Mixturen ausprobieren möchte, greift eh zu unter einem Namen veröffentlichten Büchern, wie es bei The Essential Cocktail von Dale DeGroff der Fall ist. Das bedeutet nicht automatisch, dass alle Rezepte darin vom Autor selbst erfunden wurden; das wäre bei solchen Büchern auch gar nicht möglich, denn sie zählen auch gern uralte Rezepturen auf, deren wahren Urheber man gar nicht kennt, und die längst in die Public Domain des Cocktailwesens eingegangen sind.

The Essential Cocktail Cover

DeGroffs anderes Buch, The Craft of the Cocktail, hatte ich etwas kritisch beurteilt, denn mir gefiel nicht, dass es sich zum großen Teil nur um eine einfache Aufzählung von Rezepten handelt. Bei diesem Buch dagegen macht DeGroff genau diesen Kardinalfehler mehr als nur wett: Zu jedem Cocktail findet er eine amüsante Anekdote entweder aus seinem eigenen, unglaublich reichen Erfahrungsschatz, oder aus historischen Quellen. Manchmal sind es nur am Rande verknüpfte Gegebenheiten, manchmal ausführliche Hinweise zur Herstellung oder besonderen Zutaten, die sich wirklich unterhaltsam und kurzweilig lesen lassen. DeGroff hat einen feinen Sinn für Humor, und selbst sein größter Fehler, sein hin und wieder etwas selbstgefälliger Narzissmus, wird in diesem Umfeld beinahe liebenswert.

Für einen Hinweis bin ich ihm besonders dankbar, denn auch wenn die moderne Barwelt das längst erkannt hat, so muss auch dem Bargelegenheitskunden, der gern etwas enttäuscht ist, wenn ihm in hochklassigen Bars so scheinbar winzige Portionen vorgesetzt werden, das mal klar gesagt werden: Die Zeit der geschmacksarmen Literportionen ist vorbei! Es lebe der kleine, feine, hocharomatische Drink mit Qualitätszutaten!

And size really does matter, but not in the bigger-is-better sense; I happen to think that today’s giant glasses are not only an abomination, they’re downright dangerous. A martini is not meant to be an 8-ounce drink—that’s simply too much strong spirit. Most drinks are meant to be 3 ounces, maybe 4—that is, 12 to 15 good cold sips.

Mir gefällt die Zusammenstellung, die DeGroff präsentiert; es ist eine gute Mischung aus altehrwürdigen Klassikern, aufgepeppten Klassikervariationen (oft im typischen DeGroff-Muddled-Fruit-Stil) und Eigenerfindungen, da sollte jeder was für seinen Geschmack finden. Auch, dass für praktisch jeden Cocktail ein hochwertiges Foto vorhanden ist, wertet das Buch auf.

Ich habe mir zwei Rezepte herausgesucht, die mir bei der Lektüre besonders ins Auge gefallen sind, einfach aufgrund ihrer etwas seltsamen Verrücktheit. Das erste davon ist ein Beispiel dafür, wie man mit etwas Kreativität aus einem Standarddrink eine höchstluxuriöse, vielleicht sogar etwas dekadente Spezerei machen kann: der Millionaire’s Manhattan.

Millionaire's Manhattan


Millionaire’s Manhattan
1½ oz Bourbon (z.B. Woodford Reserve)
½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier)
1 oz Ananassaft
¼ oz Orgeat
…in einem Glas mit Blattgoldkruste servieren
[Rezept nach Dale DeGroff]


Für dieses Glas habe ich Blattgold im Wert von ca. 3€ verbraucht; beim flockigen Anbringen ist etwas Fingerspitzengefühl erforderlich, da sich das Blattgold sofort fix an alles anhaftet, was mit ihm in Berührung kommt – Finger, Bleistifte, Glasteile. Korrektur unmöglich! Mit 5 Blättchen kann man großzügig zwei Gläser verzieren. Und Vorsicht, Bartträger: Das bleibt beim Trinken auch im Bart hängen!

Das andere Rezept soll demonstrieren, dass sich DeGroff hier nicht nur an die Anfänger der Mixologie wendet, sondern selbst für abgehärtete Veteranen etwas zum Staunen im Angebot hat. Der Friar Briar’s Sack Posset ist etwas, das man heute wahrscheinlich nie in einer Bar angeboten bekommen wird, dadurch wird das Selbstmachen nochmal enorm aufgewertet. Wenn man auf abgefahrene Drinks steht, natürlich.

Friar Briar's Sack Posset


Friar Briar’s Sack Posset
3 oz Vodka (z.B. Green Mark Vodka)
3 oz Dunkles Ale (z.B. Guinness Extra Stout)
1 oz Dunkler Rum (z.B. Gosling’s Black Seal)
¼ oz Bénédictine
3 oz Sahne
2 Eier
1 gehäufter Teelöffel Honig
1 Spritzer Angostura
Alle Zutaten in einem kleinen Topf unter Wärme leicht aufschlagen…
…dann mit einem rotglühenden Schürhaken ankokeln…
…und in einer Tasse servieren.

[Rezept nach Kevin Armstrong]


Nun hatte ich zufällig ausnahmsweise keinen rotglühenden Schürhaken zur Verfügung. Alternativ habe ich einen Stein aus dem Garten auf den Herd gelegt, bis er richtig heiß war, und ihn dann vorsichtig in den Topf zur Zutatenmelange gelegt, so dass es zischte und blubberte. Mit Sicherheit einer der seltsamsten Mixvorgänge, die ich bisher erlebt habe.

Ich empfehle dieses Cocktailbuch ausdrücklich, es enthält für Anfänger noch eine grobe Grundeinführung in Techniken und Zutaten, und ist auch als eBook auf einem Tablet sehr gut lesbar (was man wirklich nicht von allen Koch- und Rezeptbüchern sagen kann). Eine spannende, leichte und lehrreiche Lektüre von einem der wichtigsten und einflussreichsten Bartendern des letzten Jahrhunderts.

Tränen im Spirituosenhimmel – Mastic Tears Classic Liqueur Mastiha Spirit

Lesbos ist aktuell in aller Munde: Die Flüchtlingskrise sorgt dafür, dass ein Großteil der ersten Google-Suchtreffer bezüglich der griechischen Insel von Themen über Flüchtlinge, Abschiebelager und Papstbesuche annektiert wird. Wäre es nicht so, würde man wahrscheinlich nur über All-Inclusive-Hotels und Strandunterhaltung lesen; die spirituelle (spirituell natürlich im Sinne von alkoholisch) Seite dieser Insel wird selten beleuchtet, und wenn, dann nur unter dem Licht der Ouzo-Produktion, denn 50% allen griechischen Ouzos wird dort hergestellt. Andere lokale Spirituosen fallen da schnell unter den Tisch; der Mastic Tears Classic Liqueur Mastiha Spirit ist eine davon. Mastiha oder Mastika ist der Gattungsname dieser Spirituose.

Die Harz-Tränen des Mastic Baums aus Griechenland werden destilliert und verfeinert, so entsteht ein einzigartiger Likör.

So lyrisch können die Marketing-Abteilungen von Spirituosenherstellern sein, wenn sie was verkaufen wollen. „Tränen“ sind dabei die aus den angeritzten Pistazienbäumen austretenden Harzklumpen (das hört sich im Vergleich zugegebenermaßen nicht besonders verkaufsfördernd an). Ich kann mir vorstellen, dass der Prozess der Ernte nur schwer automatisier- und industrialisierbar ist; eventuell ist das untenstehende Video, das die komplette Produktionskette (allerdings auf der Nachbarinsel Chios) erläutert, daher mehr als nur Folklore – trotz der passend angezogenen Kostüme, die wohl dem Video etwas Authentizität verleihen sollen.

Man erkennt schon in der Flasche, wenn man oben oder unten reinlinst, dass es sich beim Mastic Tears um eine völlige klare, leicht viskose Flüssigkeit handelt; im Glas sieht man beim Schwenken die Dickflüssigkeit noch besser: ein Likör mit ordentlich Zucker.

Wichtiger für diese spezielle Spirituose ist aber die Nase – ein wirklich sehr einprägsamer, einzigartiger Geruch. Dadurch wird es mir aber auch sehr schwer gemacht, ihn zu beschreiben, weil mir die Vergleichsobjekte nicht so leicht zufallen wie bei anderen Schnäpsen. Ich versuche es trotzdem: Grüne Blätter, feuchtes Holz, Pappe; Kunststoff, Mineralöl. Jedenfalls harzig, erdig, leicht modrig, nach Waldpilzen.

Das Ungewohnte setzt sich auch im Geschmack fort. Zunächst erwartetermaßen einfach sehr süß, Anklänge von Vodka; dann aber schon ein bitterer Unterton. Auch hier schnell, wie beim Geruch, sehr speziell und eigen. Grünes Holz, Gras, Kunststoff. Honig. Kerbel. Ein bisschen Jasmin oder Rose. Im kurzen Abgang rutscht etwas Pfeffer auf die Zungenspitze neben die Süße, kombiniert mit einer überraschenden Trockenheit. Ganz am Ende wieder erwartungskonform, eine klebrige Restsüße und einige Aromen verbleiben im Rachen.

Mastic Tears Liqueur Flasche

Auch wenn in Griechenland so etwas wie Mastic Tears vielleicht gern als Digestif getrunken wird: Man müsste sich selbst als Laienspirituosenfreund erstmal dran gewöhnen. So richtig warm werde ich mit dem Geschmack nicht, wenn ich ihn pur trinke; als Zutat dagegen in altbekannten Mischgetränken, denen man einen neuen, unerwarteten, harzig-erdigen Twist geben will, kann ich mir dieses Unikat sehr spannend vorstellen.

Wenn man sich mal nach Cocktailrezepten umschaut, die mit Mastiha arbeiten, so findet man überraschend viele davon mit Tequila und Mezcal. Das Pistazienharz und die Agave scheinen eine gute Kombo zu sein. Wir machen zum Test einfach eine kleine Margarita-Variation damit, genannt Tears in Heaven. Tatsächlich gibt der Mastic Tears diesem Cocktail eine geheimnisvolle, leicht rauchige, harzige Note, die ich sehr ansprechend finde, und die sehr gut zum Kräutercharakter des Corralejo Tequila passt.

Tears in Heaven


Tears in Heaven
¾ oz Mastic Tears Classic
1¾ oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Reposado)
1 oz Limettensaft
…in einem Glas mit Kruste aus zerdrückten ungesalzenen Pistazien servieren.


Mit 24% Alkohol bewegt sich dieser Likör in üblichen Bahnen. Lobenswerterweise ist er in verschiedenen Flaschengrößen erhältlich – ich habe mir erstmal die 200ml-Variante geholt. Wer will schon eine riesige Literflasche im Regal verschimmeln sehen, wenn einem der Inhalt nicht mundet? Ich finde, viel mehr Hersteller sollten das einsehen; nur die, die befürchten, dass nach der Probe kein Nachkauf erfolgt, müssen Angst davor haben. Die Flasche ist hübsch gestaltet, mit einem Metallic-Effekt-Schraubverschluss und einem auffälligen, griechischen Muster in Schwarzweiß mit hellblauen Highlights, ein kleiner Blickfang selbst im vollen Spirituosenregal.

Wie ich schon sagte, hat der Mastic Tears Classic einen sehr individuellen Geschmack, der kaum durch etwas anderes reproduzierbar ist. Er reiht sich damit ein in die Riege der Spezialitätenspirituosen, die man nicht unbedingt haben muss, die aber für den nach neuen Aromen Suchenden ein steter Quell der Freude sind. Experimentierfreudige Trinker sollten definitiv einen Versuch wagen, Tränen werden dabei sicher nicht fließen.

Babo macht blau – Babo Blue Biermischgetränk

In Deutschland wird Bier immer in die Nähe der Nahrungsmittel gerückt. Aufgrund seiner Geschichte kann man Bier durchaus als Grenzfall in der Trennung zwischen Genuss- und Nahrungsmittel sehen; gern wird es etwas blumig als „flüssiges Brot“ umschrieben. Der geneigte Biertrinker hat jedoch nicht immer Lust auf das Äquivalent einer dick geschnittenen Stulle oder eines Pfunds frisch gebackenen Gerstenvollkornbrots; hin und wieder dürstet es ihn auch nach etwas leichterem, das zwar im besten Fall noch etwas Biercharakter aufweist (und den Alkoholeffekt, natürlich, als soziales Gleitmittel), aber halt nicht den erdig-hefig-bitter-malzigen Geschmack.

Trank man früher in solchen Situationen schon gern mal ein kaltes Radler, so wird heute auch sonst oft statt zu Bier direkt zu einem Limo-Bier-Gemisch gegriffen, das die Industrie in inzwischen vielfältigster Weise anbietet. Für jeden Gaumen ist da was dabei – Bier wird aromatisiert mit Tequila- oder Curubaaromen, vorgemischt mit Cola oder Energy-Drinks, oder auf noch kreativere Weise dazu gebracht, mit dem flüssigen Brot kaum mehr etwas gemein zu haben. Eins war bisher meist noch konstant: Die Farbe. Im Gegensatz zu Alkopops, die grellbunt daherkommen, hängen die industriellen Hersteller noch an der goldenen Bierfarbe, hauptsächlich wohl, um sich nicht dem Vorwurf der Panscherei auszusetzen. Das Babo Blue Biermischgetränk geht hier einen anderen Weg: gerade die Farbe soll es von anderen Biermischgetränken dieser Art absetzen. Ist es also nur ein Marketinggag, oder kann das Babo Blue auch andere Qualitäten aufweisen?

Babo Blue Biermischgetränk Flasche

So ein Biermischgetränk trinkt sich stilsicher natürlich direkt aus der Flasche. Nach Entfernen des Kronkorkens bildet sich eine winzige, bläuliche Schaumkrone, die aber in Sekunden wieder verschwunden ist. Natürlich kommt die strahlend himmelblaue Farbe von einem Farbstoff.

Der Geruch nach Beeren und Gummibärchen (wie passend!) liegt im Vordergrund. Leicht zitronig, pfirsichig, ein Hauch, aber wirklich nur ein Hauch von Bier, was vielleicht daran liegt, dass ein mildes Kölsch-ähnliches Bier verwendet wurde (auf dem Etikett steht allgemeiner „rheinische Brauart“, um eventuell drohendem Ärger mit der geschützten geographischen Herkunftsbezeichnung schon vorab aus dem Weg zu gehen).

Im Geschmack setzt Babo Blue andere Akzente als viele andere Biermischgetränke, die versuchen, Nichtbiertrinker über Süße und Tarnaromen zu ködern. Der blaue Mix ist nicht übermäßig, aber noch erkennbar süß. Beim Geschmack tritt das Bier dann doch stärker nach vorn, die Beerenaromen ziehen sich etwas zurück. Durchaus angenehm zu trinken, wenn auch etwas dünn und körperlos. Der Abgang ist erwartungsgemäß recht kurz, die Fruchtaromen bleiben noch eine Weile Gast am Gaumen, dazu etwas Bittere vom Bier. Ein zuckriges, leicht klebriges Restgefühl nimmt mir ein kleines bisschen von der aufgebauten Laune.

Das Babo Blue geht insgesamt betrachtet sensorisch dann aber doch mehr in Richtung Limonade oder Brause, und spricht damit mehr Spaßtrinker an als Biergenießer. Mit 2,9% ist es somit ein leichter, erfrischender Sommerdrink, der tatsächlich auch Spaß macht und witzig-frech daherkommt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nun handelt es sich beim Babo Blue ja schon um ein Mischgetränk – kann man das auch in Cocktails verwenden? Die Antwort ist klar: warum nicht! Ich wandele ein ursprünglich Himbeeren und belgisches Bier nutzendes Getränk einfach etwas ab, und schon ist es fertig, das Misch-Misch-Getränk La Babotina.

La Babotina


La Babotina
6-8 Heidelbeeren im Shakerglas muddeln
1½ oz Tequila blanco (z.B. Don Julio Blanco)
1 oz Grapefruitsaft
¾ oz Limettensaft
¾ oz Zuckersirup
…aufgießen mit Babo Blue Biermischgetränk…
…und in einem Glas mit dünner Salzkruste servieren.

[Rezept inspiriert nach dem Original „La Valentina“ von Thomas Waugh]


Ich habe das versandkostenfreie Angebot genutzt, und mir 9 Flaschen für zusammen knapp 15€ direkt von der Herstellerhomepage zuschicken lassen. Mit rund 1,70€ pro Flasche bewegen wir uns im durchaus üblichen Rahmen für diese Art Getränke, ein Experiment in diese Richtung macht einen also nicht arm – ich kann mir vorstellen, dass dieses Getränk auf einer Party als witziger Ersatz für die altbekannten Radler und Desperados sehr gut ankommen könnte.

Babo Blue Biermischgetränk Kühlschrank

Zwei Fläschchen habe ich mir für diesen Bericht zurückbehalten, den Rest in den Firmenkühlschrank gelegt und für die Kollegen zum Sturm freigegeben. Die Urpilsfanatiker des Saarlands sind natürlich nur schwer von einem anderen Bier zu überzeugen, geschweige denn von einem Mischgetränk. Witzig war es allerdings schon, denn der starke Farbstoff im Babo Blue sorgt für blaue Lippen und Zungen, wie man das vielleicht von Schlumpfeis und ähnlichem kennt. Wer also immer mal schon wissen wollte, wer von den Kollegen sich am privaten Biervorrat im Firmenkühlschrank bedient, legt einfach eine Flasche Babo Blue dazu, und lässt sich am Ende des Tages von Verdächtigen die Zunge vorzeigen…

Heart of Darkness – The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters

Früher gab es einfach Schokolade. Keiner hat sich groß Gedanken drum gemacht. Doch eines Tages liefen plötzlich wundersame Werbespots im Fernsehen, bei denen nicht die alpenwiesenabgrasenden Kühe und die praktische Konsumhandhabung gewisser Schokoladenformate im Vordergrund standen, sondern die aufwändige Herstellung in Confiserie-Manufakturen, in denen offensichtlich vom Kakao highe Männer in weißer Kochkleidung feinste Schokolade orgiastisch zelebrierten. Seitdem ist auch Schokolade im Uhrwerk der Premiumisierung, einem der wichtigsten aktuellen Trends im Lebensmittelbereich, angekommen; und wir haben ein neues Wort gelernt, nämlich „conchieren“.

Man denkt aber in die falsche Richtung, wenn man das Wort „Schokolade“ auf dem Etikett  des heute vorgestellten Produkts liest. Es geht hier nicht um pappsüße Alpenmilch und conchierte Dekadenz, sondern um dunklen, kraftvollen Kakao, eher bitter als süß, eher würzig und scharf. Die The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters sind nichts, was man Kindern in die Milch tun würde.

Schon der Geruch ist schwer und würzig. Dunkler Kakao, Sojasauce, verbrannter Karamell. Ein einzelner Tropfen ist bereits stark zungenbetäubend, ultrabitter und ebenso trocken. Die man schmeckt die schwarze Seele Mittelamerikas, und fühlt den Dschungel, die Kakaoplantagen. Ich meine noch Ingwer herauszuschmecken, ein Hauch einer Zitrusnote, Grapefruit. Ein einzelner Tropfen, wie gesagt, enthält eine ganze Welt.

The Bitter Truth Xocolatl Mole Bitters

Der Manhattan ist ein idealer Experiment-Cocktail für Bitters, wenn man immer dieselbe Mischung aus Whiskey und Wermut nimmt; unterschiedliche Bitter zeigen hier sehr unterschiedliche Wirkung. Normalerweise nehme ich gern für den Manhattan Pfirsichbitter; andere bevorzugen Orangenbitter. Wenn man die überraschende und gleichzeitig dezente Wirkungskraft dieser Schokoladenbitter ausprobieren möchte, empfehle ich daher zunächst mal die Manhattan-Variante namens The Sidney Poitier.

The Sidney Poitier


The Sidney Poitier
1½ oz Bourbon (z.B. Maker’s Mark)
¾ oz roter Wermut (z.B. Martini Rosso)
2 Spritzer The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters


So wird aus einem allbekannten Drink eine feine, würzige, leicht bittere Spezialität – man schmeckt die The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters erst gaaaanz spät, wenn der Schluck schon wieder aus dem Mund ist, und dann gaaaaanz hinten am Zäpfchen, dort aber dann richtig. Letztlich wirkt so ein Bitter aber selbstverständlich auch in komplexeren Drinks (was die Zutatenliste angeht, natürlich) – ein Beispiel dafür ist der Loose Noose.

Loose Noose


Loose Noose
2 oz Bourbon (z.B. Elijah Craig 12 Years Kentucky Straight Bourbon)
½ oz Süßer Wermut (z.B. Martini Rosso)
½ oz Fino Sherry (z.B. Sandeman Fino Sherry)
½ Teelöffel Allspice Dram (z.B. The Bitter Truth Pimento Dram)
2 Spritzer The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters


Eins muss aber aufgeklärt werden: Auf den Cocktailbittern, die ich vor einiger Zeit gekauft hatte, steht, wie auf dem Foto zu sehen, The Bitter Truth Bittermens Xocolatl Mole Bitters. Nun ist Bittermens ja eine eigene Firma, die selbst Schokoladenbitter herstellt; und inzwischen gibt es von The Bitter Truth auch andere Schokoladenbitter, die The Bitter Truth Spiced Chocolate Bitters heißen. Was geht denn da ab? Glücklicherweise lässt sich das Chaos leicht aufklären: Bittermens hatte seine Produktion an The Bitter Truth ausgelagert und lizensiert, und diese haben nach den Bittermens-Rezepten Bitter hergestellt. Seit 2010 aber stellt Bittermens wieder selber her, und daher musste The Bitter Truth ein eigenes Rezept in ein neues Produkt gießen.

Völlig unabhängig von dieser verrückten Produkthistorie ist dieser Schokoladenbitter erneut eine fantastische Zutat aus dem Alchemielabor der Zauberer von The Bitter Truth, bedingungslos empfehlenswert wie alles, was die Jungs herstellen.

Anzünden und in Deckung gehen – Rittenhouse Straight Rye Whiskey 100 Proof Bottled in Bond

Es folgt eine weitere Lehrminute in Sachen „Begriffe, die auf Spirituosenetiketten verwendet werden“. Heute: Proof. Ein Begriff, den man heutzutage eigentlich nur noch in zwei Kontexten findet – auf amerikanischen Whiskey-Flaschen, und im Zusammenhang mit besonders starkem Rum, sogenanntem Overproof-Rum. Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Proof ist eine veraltete Maßeinheit für den Alkoholgehalt. In dem Umfeld, in dem wir uns bewegen, wird proof noch redundant verwendet, wahrscheinlich aus nostalgischen Gründen; denn die Umrechnung von proof nach Volumenprozenten ist simpel. Man teile den proof-Wert durch 2 und erhält dadurch den Prozentwert. Die Historie dieses Begriffs ist bei Wikipedia schön beschrieben, auch, woher der Name proof kommt; aber den namensgebenden Schießpulvertest in bewegten Bilder zu sehen, ist doch noch spektakulärer. Nachahmung nur bedingt empfohlen.

Da die Länder, die diese Maßeinheit früher nutzten, Großbritannien, die USA und Kanada, inzwischen auch gesetzlich auf die Angabe von Volumenprozenten umgestiegen sind, zeigt sich durch diesen Begriff auch, wie schwer man sich von einer liebgewonnenen Tradition trennt, selbst, wenn sie eigentlich keinen Sinn mehr macht. Der Rittenhouse Straight Rye Whiskey 100 Proof Bottled in Bond ist eine der wenigen modernen Marken, die den Begriff des proof sogar zentral als Namensbestandteil nutzt und sehr prominent auf dem Etikett platziert.

Rittenhouse Rye BiB Flasche

Ein hoher Alkoholanteil in einer Spirituose ist allerdings, so ehrlich muss dann schon sein, absolut kein Marketinggag, das schlägt sich im Geschmack nieder. Das ist übrigens nicht nur bei Whiskey, sondern bei fast allen Spirituosen so – wenn Sie also das nächste mal vor dem Likörregal stehen und überlegen, ob Sie die Amaretto-Billigmarke für 5€ mit 21% nehmen, oder den Disaronno für 10€ mit 28%, greifen Sie sich den mit mehr Alkoholgehalt.

Auch beim Rittenhouse Rye ist das spürbar. Vanille dominiert die Nase, dabei ist aber auch schon eine hintergründige, mentholige Würze erkennbar. Etwas Plastikkleber. Bis hierher könnte man denken, dass man einen Bourbon vor sich hat.

Im Mund glaubt das dann keiner mehr. Die Roggenwürze schlägt mit Karacho ohne Vorwarnung zu, viel Pfeffer, noch etwas Vanille und Karamell, dazu erkennbar Eiche aus dem Fassholz. Dabei immer noch mildsüß und feinherb, vielleicht dunkelschokoladig. Im Abgang fantasiere ich mir dann Kokosnussfleisch, Holznoten und Studentenfutter zusammen. Sehr deftig, etwas salzig, insgesamt stark und adstringierend. Langanhaltend.

Rittenhouse Rye Glas

50%, das kann man meines Erachtens geradenoch unverdünnt trinken. Gibt man aber einen kleinen Schuss Wasser dazu, öffnet sich der Whiskey – die Nase wird milder, mit weniger Klebernoten, die Vanille kommt wieder stärker zum tragen, eine kleine, gar nicht unangenehme Seifennote entsteht, Fruchtaromen nach Pfirsich oder Aprikose drängen in den Vordergrund. Die Würze ist reduziert. Ich empfehle, das mal auszuprobieren, selbst wenn man grundsätzlich stärkere Aromen mag; ich bin ein Fan leichterer, volatilerer Gerüche und Geschmäcker, und diese bietet ein verdünnter Rittenhouse Rye en masse. So wird aus dem wuchtigen Bomberpiloten ein eleganter Segelflieger, der seine Roggenwurzeln ganz besonders im Abgang aber nicht vergisst: Eine sehr gelungene Melange.

Ganz besonders in Cocktails kommen die üppigen 50 Volumenprozent schön zur Geltung. Sobald Saft oder Likör in einer Rezeptur auftauchen, wird es für die Hauptspirituose immer etwas schwierig, sich gegen diese Rabauken der Cocktailwelt durchzusetzen. Da schadet eine gewisse Wehrhaftigkeit nicht, die der Rittenhouse Rye 100 Proof ganz gewiss aufweist: zu begutachten beispielsweise in einem New Brunswick Cocktail.

newbrunswick-cocktail


New Brunswick Cocktail
2 oz Pink-Grapefruit-Saft
1 oz Rittenhouse Rye 100 Proof Bottled in Bond
1 Teelöffel Limettensaft
1 Teelöffel Zuckersirup
…mit 1 oz Carpano Antica Formula
…und 2 Spritzer Lemon Bitters toppen


Wenn Sie im Leben nur einen einzigen Rye Whiskey kaufen wollen, dann würde ich Ihnen diesen hier empfehlen; und wenn Sie ihn dann noch für Cocktails suchen, gilt die Empfehlung sogar noch mehr. Auch wenn die etwas gewöhnliche Flasche und das vergleichsweise langweilige Etikett auf Billigware hindeuten – der Inhalt ist spitze.

Die neue Bierinkarnation des Götterkönigs – BraufactuM Indra Weizen India Pale Ale

Die Benennung von modernen Produkten wird immer schwieriger. Griffige, passende, inhaltlich mit dem Produkt verbundene Namen sind oft schwer zu finden, bereits von anderen Firmen geschützt oder vielleicht sogar nicht schützbar. Wenn man nicht den Weg der multinationalen Konzerne gehen und sich Kunstworte aus den Fingern saugen will, die in möglichst vielen Sprachen und Kulturen akzeptabel aussprechbar und dabei noch politically correct sind, greift man halt auf gar nicht mehr semantisch mit dem Produkt verknüpfte Begriffe zurück und bedient sich beispielsweise in der reichhaltigen Welt der Mythologie.

Man fragt sich, warum man auf den Götterkönig, oder, wie eben gelernt, auf den Deva-König, als Namenspatron für ein Weizenbier zurückgreift; letztlich ist es vielleicht Indras Schwäche für Soma, den Göttertrunk, und seine Position als göttlicher Gourmand, die die Verbindung zu Bier gar nicht so abstrus macht, wie sie zunächst scheinen mag. Wahrscheinlich überinterpretiere ich aber wieder mal, und man suchte doch einfach nur nach einem exotischen Namen für ein exotisches Produkt, was das BraufactuM Indra Weizen India Pale Ale sicherlich ist.

Indra Weizen India Pale Ale Flasche

Überrascht ist der Verkoster schon zu Beginn von einem sehr festen, dicken, stabilen Schaum. Noch nie habe ich einen derart ausdauernden, dichten Schaum auf einem Bier gesehen. Selbst nach 20 Minuten ist noch ein Zentimeter davon vorhanden, der Vergleich zu Bauschaum muss hier einfach fallen. Eine bronzene Farbe, blickdicht weil unfiltriert, begeistert zusätzlich.

Der Geruch schließt sich an: Sehr fruchtig, hopfig (Cascade und Magnum werden verwendet), deutlich an ein IPA erinnernd, dabei aber nicht unbedingt an die eckige Hopfigkeit eines IPA, diese wird durch die Weizenzartheit ausgeglichen. Sehr aromatisch und erfreulich.

Dicht und cremig im Mund, das Indra Weizen India Pale Ale vereint wirklich das beste aus IPA und Hefeweizen. Die Bittere ist mild, aber wirksam. Eine überraschende Würze ergänzt das Geschmacksbild. Die Fruchtigkeit ist dabei nicht spitz à la Zitrone, sondern gedämpft und süß, mehr in Richtung Orange oder Ananas. Sehr rund und ausgewogen, dabei immer noch spannend.

Indra Weizen India Pale Ale Glas

Im Abgang etwas salzig, speichelanregend, trocken. Ein extrem langer Abgang für ein Bier; die Aromen bleiben noch minutenlang am Gaumen vorhanden. Es erinnert mich im Abgang etwas an Franziskaner Hefeweißbier.

Wie soll man so ein Bier einordnen? Rein optisch und vom Mundgefühl ist es ein Hefeweizen, sensorisch ein IPA. Der Weizen gibt geschmacklich nicht viel dazu, er ist mehr eine aromatische Tönung. Ich habe es zu einem Chili-Huhn, im Ofen auf einer Pilsdose gebacken, getrunken – ein perfektes Pairing. Aber das Indra ist auch alleinstehend ein Genießerbier, wenn auch im Hochsommer für den Biergarten vielleicht etwas zu schwer; 6,8% werden nicht geschmeckt, aber besonders dann schnell gespürt. Zu solchen Gelegenheiten trinke ich lieber leichtere Varianten und hebe mir dieses Schwergewicht für besondere Momente auf.

In einem Cocktail dagegen ist das Indra immer ein echtes Pfund. Im Orange Hop-sicle zeigt der Biergott seine volle überirdische Kraft und setzt sich selbst gegen den ansonsten unüberwindbaren französischen Antillenengel Créole Shrubb durch. Ingesamt ein supersüßer Cocktail, den man unbedingt gut gekühlt trinken muss, wie der Name, ein Wortspiel mit den Komponenten „hop“ für Hopfen und „popsicle“ für Eis am Stiel, schon andeutet!

Orange Hop-sicle


Orange Hop-sicle
2 oz Orangenlikör (z.B. Clément Créole Shrubb)
¼ oz Gomme Sirup
3 Spritzer The Bitter Truth Créole Bitters
… shaken und mit 3 oz BraufactuM Indra Weizen India Pale Ale aufgießen


Das BraufactuM Indra Weizen India Pale Ale gibt es in 330ml für rund 7€, und in der großen Dreiviertelliter-Sektflasche für 13€, mit Kronkorken. Mir gefällt diese Flaschenart sowohl im großen als auch im kleinen Format außerordentlich. Ich bevorzuge aber, wie eigentlich fast immer bei Getränken dieser Qualitätsstufe, die kleine Größe mit einer Einzeldosis dieses wahrhaft göttlichen und mystischen Biers.

Gelbes Gold und falscher Freund – Mellow Corn Kentucky Straight Corn Whiskey

An anderer Stelle hatte ich schon erwähnt, dass Amerika andere Größenverhältnisse kennt als wir. Die Weite des Landes, die stellenweise hauchdünne Besiedlung und der gleichzeitig riesige Bedarf sorgen manchmal für für uns im engen, kleinen Deutschland unglaubliche Ausmaße in vielen Bereichen. Ein Beispiel dafür ist die für mich als Freund amerikanischer Spirituosen sehr relevante Maisproduktion. Was die Amerikaner unter Maisanbau verstehen, sieht man an diesem Video über die Maisernte in Carrington, North Dakota.

Warum interessiert mich die Maisernte? Bourbon muss zu mindestens 51% aus Mais bestehen. Wenn einem das nicht genug ist, greift der geneigte Whiskey-Trinker dann zu Corn Whiskey, der dann zu mindestens 80% aus dem gelben Gold destilliert wird. Man beachte diesen false friend, der in der deutsch-amerikanischen Kommunikation hin und wieder zu Missverständnissen führt: „Corn“ bedeutet übersetzt „Mais“, nicht „Korn“.

Der Mellow Corn Kentucky Straight Corn Whiskey aus dem Hause Heaven Hill geht noch einige Schritte weiter. Erstens setzt er sogar 90% Mais in der Mashbill ein (die restlichen 10% sind Roggen und Gerste), und zweitens handelt es sich beim Mellow Corn um einen Bottled in Bond Straight Corn Whiskey, der neben den Grundanforderungen weitere Qualitätskriterien erfüllen muss: Er muss beispielsweise unter Regierungsaufsicht mindestens 4 Jahre reifen, und mit mindestens 50% Alkoholgehalt abgefüllt werden. Wir haben hier also einen gereiften Maiswhiskey vor uns, der mit rohem Moonshine, wie man ungereiften, unkontrolliert hergestellten Maiswhiskey auch gern umgangssprachlich nennt, nicht mehr viel zu tun hat.

Mellow Corn Flasche

Entsprechend bezaubert uns schon in der Flasche die Farbe: Es sind keine Farbstoffe erlaubt, also kann man sicher sein, dass diese strahlende Goldfarbe aus dem Reifungsprozess in neuen oder bereits benutzten Fässern (letzteres wäre für Bourbon nicht gestattet) entstammt. Ungereifte Corn Whiskeys wären völlig weißtransparent.

Man erkennt hier ganz klar einen typischen Bourbon-Geruch, allerdings mit deutlich weniger Würze. Der Mellow Corn riecht nach Vanille und Marshmallows, und tatsächlich, für diesen Hinweis muss ich einem amerikanischen Rezensentenkollegen danken, extrem nach dem auch in Deutschland beliebten Juicy-Fruit-Kaugummi.

Zunächst sehr süß und weich im Mund, dann platzt die Bombe und setzt eine brennende Flamme frei. Das beißt und zwickt auf der Zunge, und kratzt etwas im Rachen beim Schlucken. Einerseits mag das an den 50% Alkohol liegen, denn auch die vergleichsweise kurze Reifungsdauer konnte dieses Feuer halt nicht löschen, was bei einem Bourbon durch die Kohleschicht der ausgebrannten Fässer optimiert wird. Trotzdem erzeugt dieser Maiswhiskey ein dichtes, cremiges Mundgefühl. Dabei erkennt man im Hintergrund eine medizinische Note, die mich an Küstenscotch erinnert. Spannenderweise schmecke ich keinen Mais heraus – aber oft erkennt man die Quelle nicht in einem Destillat.

Der Abgang ist sehr kurz, es bleibt einiges an Süße auf der Zunge und am Gaumen zurück. Die Karottennote, die scheinbar nur ich bei Bourbons regelmäßig erschmecke, ist auch hier vorhanden.

In einem zweiten Versuch, einige Zeit später, mit etwas Wasser auf schätzungsweise 30% verdünnt, rieche ich fruchtige Aromen und deutlich weniger Vanille; nicht so spektakulär wie unverdünnt. Dafür kann man nun die medizinische Note klarer wahrnehmen. Interessant:  das Brennen ist trotz Verdünnung noch fast genauso stark.

Die Aromen eines Corn Whiskeys sind im Vergleich zu einem Bourbon oder Rye Whiskey doch zurückgenommen, und dadurch wird es schwieriger, sie in Cocktails unterzubringen. Den Mellow Corn kann man sicherlich nicht in jedem Cocktail verwenden, der nach Bourbon verlangt; doch einem Francis the Mule beispielsweise, benannt nach einer beliebten amerikanischen Fernsehfigur, gibt der Maiswhiskey einen originellen, ungewöhnlichen Touch.

Francis the Mule


Francis the Mule
2 oz Mellow Corn Kentucky Straight Corn Whiskey
½ oz Orgeat (oder Mandelsirup mit zusätzlich etwas Orangenblütenwasser)
½ oz Zitronensaft
½ oz starker, gekühlter Kaffee
2 Spritzer Angostura


Maiswhiskey gilt grundsätzlich als eher unraffinierter, oberflächlicher Schnaps – ein Kommentator auf Amazon bezeichnete den Mellow Corn sogar als schlimmen Fusel: „Absoluter amerikanischer Bauern-Schnaps für Hartgesottene, die einen Blindenhund zuhause haben!“ Nun, ich kann mir nicht vorstellen, dass derjenige den Mellow Corn tatsächlich mal im Mund hatte, sondern nur Vorurteile wiederkäut, wie wir das oft tun, wenn wir etwas nicht kennen oder mögen. Gewiss ist der Mellow Corn Kentucky Straight Corn Whiskey kein Spirituosenkunstwerk; einen Versuch ist er aber für jeden Whiskey-Freund wert, der seinen Gaumen weiterbilden und nicht ein Hinterwäldler bleiben will.