Kölner Fassabfüllung – Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum

Spirituosenmessen haben den Vorteil, dass man viele Brände probieren kann, ohne sich direkt eine Flasche ins Haus holen zu müssen. Hin und wieder gibt es sogar besondere Ideen, die nur an diesem speziellen Termin zu haben sind – „exklusive Messeabfüllung“, das ist dann immer ein Highlight für den Raritätensammler.

Auf meinem Besuch der Cologne Spirits 2018, dem Jahr, in dem die Messe, die aktuell schon ins dritte Jahr ging, gegründet wurde, gab es genau sowas – und dazu noch von einem Brenner, dessen Arbeit ich sehr schätze; ich denke noch gern an den Tag zurück, den Marcus Stock und ich damals in Simon’s Feinbrennerei in Alzenau verbrachten. Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum trägt schon alles im sehr schön wortspielerischen Namen, was man bekommt. Severin Simon destilliert via Tres Hombres importierte Melasse und lagert das Destillat dann insgesamt 5 Jahre, davon viereinhalb in Spessarteiche, einer Besonderheit dieser Brennerei, und gönnt dem Rum dann noch ein Finish von 5 Monaten im Portweinfass.

Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum

Jenes Portweinfass, das für das Finishing verwendet wurde, gab nicht mehr wirklich viel Farbe zusätzlich ab – die anderen Valkyrie-Rums, die ich besitze, weisen eine sehr ähnliche Farbgebung auf. Severin Simon ist Verfechter sauberen Rums, er süßt weder undeklariert nach noch färbt er, daher ist die rotbraune Tönung natürlichen Ursprungs. Im Glas bleibt der Port Cologne beweglich, Tropfen laufen mit dicken Köpfen langsam ab.

Die Typizität der Rums aus dieser Destillerie ist hoch – man erkennt in ihnen schon im Geruch viel der verwendeten Melasse, die eine markante Pflaumennote aufweist. Der Rum ist in der Nase kantig, unbequem, dadurch aber charakterstark und spannend. Melasse, Marzipan, Pflaumen, vergorene Früchte, ich fühle mich etwas nach Jamaica versetzt. Was das Portweinfass nicht in Farbe veränderte, hat es im Geruch geleistet: Da erkennt man deutlich weinige, tanninige, süßliche Portweinnoten. Eine holzige Komponente bildet den Abschluss.

Natürliche Süße schwappt einem zunächst beim Antrunk entgegen – schokoladig und voll liegt er im Mund. Schnell wandelt sich das Bild aber, und aus dem Schmeichler wird ein Rocker: Süße wandelt sich in Trockenheit, milde Frucht wird zu feuriger Würze, weißer Pfeffer, Zimt und eine mineralische, salzige Algennote kombinieren sich zu einem Bild, das mich in manchen Momenten überraschend deutlich an schottischen Küstenwhisky erinnert.

Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum Glas

Der Abgang ist staubtrocken, glühend heiß, lang und charaktervoll. Hier zeigen sich zu guter letzt die 56,25% Alkoholgehalt, mit denen dieser Rum abgefüllt wurde, dann doch etwas stärker, als gewünscht – etwas längere Ruhezeit im Fass hätte das vielleicht noch etwas abgefangen.

Das ist aber nur ein Detail am Schluss, denn, und das gilt für mich für praktisch alle Rums aus der Destillerie Simon, da ist richtig viel Power, Spannung und Charakter drin, etwas, was ich sehr schätze. Da wird nichts weichgespült durch das Portweinfinish, sondern im Gegenteil, noch etwas Kraft draufgesetzt. Dieser deutsche Rum kann mit vielen karibischen ohne Mühe mithalten, und seine ganz eigene Typizität zeugt von Handwerkskunst und Eigenständigkeit.

Sowas brummt dann natürlich auch in einem Mixed Drink. Der Mulata Daiquiri ist eine kleine Abwandlung auf einen klassischen Rum-Limette-Zucker-Drink, der zusätzlich eingesetzte Kakaolikör ist nur ein feines Detail. Mit den Portweinnoten des Simon’s Valkyrie „Port Cologne“ Bavarian Nordic Rum wird die Variante noch besonders betont.

Mulata Daiquiri Cocktail


Mulata Daiquiri
2 oz gereifter Rum
½ oz Crème de Cacao
½ oz Limettensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Constantino Ribalaigua Vert / Jose Maria Vazquez]


Meine 35cl Flasche wurde von Severin Simon persönlich frisch abgefüllt, damals auf der Cologne Spirits 2018. Er hatte das Fass auf die Messe gekarrt, und jedesmal, wenn ich an seinem Stand vorbeischlenderte, war er voll. Also der Stand, nicht Severin. Keine Ahnung, ob und wenn ja wieviel er von seiner Sonderedition wieder mit nach Hause nahm, ich glaube nicht, dass es viel sein konnte, denn der Rum taugt was.

Cologne Spirits Valkyrie Port Cologne Handabfüllung

Darum bin ich zuhause eigentlich gut ausgestattet mit Rum aus Alzenau. Ab und zu gibt es neue Varianten des Valkyrie-Sortiments; da fällt mir ein, dass ich mal wieder nachschauen muss, ob Severin einen neuen Geistesblitz hatte. Wem sein Rum schmeckt, sollte sicher auch seine anderen Destillate, Whisky, Gin und so weiter, ausprobieren.

Bier am Freitag – Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA

Die niederländische Brouwerij Emelisse bringt unter dem hauseigenen White Label immer wieder experimentelle Biere heraus, die sich durch Fassreifung oder ähnliche Spezialbehandlung von der Masse abgrenzen. Hier habe ich nun als Rumfreund eines gefunden, das ich spannend finde – das Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA. Informationen darüber sind spärlich gesät, das Etikett ist ebenso sehr zurückhaltend mit Details, das einzige, was man erfährt, steht alles bereits im Namen („BA“ ist wohl die Abkürzung für „barrel aged“). Welcher Rum genau da zuvor im Fass war und wie lange, und wie lange das Bier dann die Fassmiete übernahm – man weiß es nicht.

Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA

 Dark Ale, ja, das zumindest ist eindeutig. Espressofarben, nur Andeutungen von Lichtreflexen schaffen es durch die Dunkelheit. Sehr viele, recht große Schwebeteile sind erkennbar, vielleicht Hefeausflockungen. Feiner Schaum bleibt zumindest am Glasrand hängen. „Touched by Tres Hombres“ steht am Rand des Etiketts, das riecht man – das Bier hat klare Fasscharakteristika übernommen, und neben viel Kaffee, Kakaopulver und dunklem Malz riecht man daher auch Holz, Rumsüße und Vanille. Dazu kommt eine Portweinnote.

Dieses White Label ist süßlich im Antrunk, was sich im Verlauf sogar steigert. Sehr malzig, karamellig, dunkelfruchtig. Da meint man darüber hinaus, tatsächlich noch etwas milden Rum herauszuschmecken – auf jeden Fall sind holzige und heuige Töne da. Ein sehr volles, breites, aber nur wenig tiefes Mundgefühl ist kombiniert mit eher vorsichtiger, aber für diese Bierart völlig ausreichender Rezenz – das ist kein Bier zum Erfrischen, sondern zum Dessert (oder zum Rindercarpaccio mit Trüffelkäse, zu dem ich es genossen habe). 8,0% sind gut eingebunden und sorgen für Power. Der Abgang ist lang, sehr floral, dann am Ende überhaupt nicht mehr süß, sondern trocken und feinherb, mit leicht aufkommender Säure. Jasmin hängt sehr lange im Mundraum nach.

Meine aktuelle Reise durch fassgereifte Biere zeigt mir, dass ich diese Art der Veredlung bei Bier einfach sehr mag – und das Brouwerij Emelisse White Label Dark Ale Tres Hombres BA ist erneut für mich der Beweis dafür, dass Bier und Spirituosenfass eine tolle Kombination bilden.

Sterne des Südens – Starward Two-Fold Australian Whisky

Die Verwendung von Ex-Wein-Fässern zur Reifung ist bei verschiedenen Spirituosen Tradition. Vor einiger Zeit hatte Richard Seale, Inhaber der Foursquare Rum Distillery auf Barbados, Fotos veröffentlicht, auf denen eine Menge an leeren Weinfässern zu sehen war, die er für seinen Rum einsetzt. Dazu hatte er die interessante Information geschrieben, dass zumindest auf Barbados Weinfässer eigentlich über Jahrhunderte die traditionelle Methode zur Reifung von Rum waren; erst seit ca. 1950 wurde auch dort auf die inzwischen allgegenwärtigen Ex-Bourbon-Fässer umgestellt. Geschichte wiederholt sich: Heutzutage kommen die etwas in Vergessenheit geratenen Weinfässer wieder in Mode; Rum erinnert sich wieder an sie, für Whisky, der ja immer auf der Suche nach Möglichkeiten des neuartigen Fassfinishes ist, kommen sie ins Blickfeld.

Doch nicht nur für Finishes, auch für die Hauptreifung ist so ein Fass natürlich bestens geeignet. Gerade in Australien, das sich durchaus auf eine sehr lebendige Weinkultur berufen kann, bietet sich die Wiederverwendung eines solchen benutzten Holzgefäßes besonders an. Ein Beispiel dafür ist der Starward Two-Fold Australian Whisky. Für diesen „Double Grain Whisky“, also einem Blend aus separat gereiften Destillaten aus Weizen und Gerstenmalz, durften sich Barriques und Hogsheads, die vorher australische Weine der Rebsorten Shiraz, Cabernet Sauvignon und Pinot Noir beherbergten, eine neue dreijährige Beschäftigung aneignen. Soviele Brände aus Australien kennt man hierzulande ja nicht, also ist es doppelt spannend, diesen Whisky auszuprobieren.

Starward Two-Fold Australian Whisky

Ungefärbt, und nicht kühlfiltriert, das sind Worte, die ich gern in Zusammenhang mit Spirituosen höre. Ich bin mir sicher, kaum jemand würde es merken, wenn alle Whiskys auf der Welt plötzlich nicht mehr gefärbt und kaltfiltriert würden. Um so mehr freue ich mich über den hellen flüssigen Bernstein, den ich da im Glas habe. Die Weinfässer geben genug Tönung ab, um alle Ideen über Färbung eh ad absurdum zu führen. Leicht ölig schwenkt sich der Two-Fold, mit schnell ablaufenden, dicken Beinchen an der Glaswand. Während ich das tue, beginnt sich schon der Geruch ums Glas herum zu verströmen. Honig rieche ich da, Ahornsirup, Vanille, wirklich leicht rotweinige Traubennoten, insgesamt etwas an Bourbon erinnernd. Orange, vielleicht Mandarine. Süßlich, karamellig. Ein gewisses Zwicken in der Nase ist jedoch auch präsent.

Auch süßkaramellig ist der Antrunk, wie ein Sahnebonbon beginnt der Australier. Da sind gewisse Komponenten, die mich an einen Highland Scotch denken lassen, ein Anflug von dieser Medizinalität, die ich dort immer schmecke. Schnell wird das aber von weichen, milden Wein- und Fruchtnoten eingeholt. Im Verlauf ensteht langsam aber sicher Würze, die sich über Pfeffrigkeit zu echtem Feuer am Ende entwickelt. In diesem Zusammenhang: 40% Alkoholgehalt sind heute für Kennerprodukte einfach nicht mehr zeitgemäß, da würde ich gern sehen, wenn ordentlich was draufgelegt wird, obwohl die vorhandene Trinkstärke dem Whisky nicht wirklich schadet. Da geht es mehr ums Prinzip. Der Abgang schließlich hat blumige Jasminnoten, Vanille und dunkle Frucht hängen damit zusammen noch eine schöne Weile am Gaumen und hinterlassen insgesamt ein schönes Mundgefühl mit leichtem Kribbeln auf der Zungenspitze und Adstringenz am Gaumen.

Starward Two-Fold Australian Whisky Glas

Was ist das Fazit? Erstens, der Starward Two-Fold ist noch ein Beweis dafür, dass Reifungsalter eben nicht immer alles ist. Auch ein vergleichsweise junger Spund kann sehr viel Aromatik aufweisen, und genug Komplexität haben, um mich zu erfreuen. Dann finde ich, dass man die namensgebende Zweiteilung der Getreidesorten schmeckt – dieser Whisky beginnt wie ein Highland Scotch und endet wie ein Ire. Das allein ist für mich schon unterhaltsam genug, um eine klare Empfehlung aussprechen zu können, für Fans beider Kategorien, und sowieso für die, die gern experimentieren.

Der Highland Fling, den ich für diesen Whisky als Cocktailrezept ausgesucht habe, hat mir echt Schwierigkeiten gemacht. Kein Foto, das ich von ihm machte, hat mir am nächsten Tag noch gefallen. Also musste ich ihn an 4 Tagen jeden Abend neu mixen, fotografieren und dann trinken. Durch diese Prozedur ist er mir sehr ans Herz gewachsen, und zu einem meiner neuen Lieblingsdrinks geworden – ein abgewandelter Manhattan, würde ich sagen. Mit dem Two-Fold ein unaufdringlicher, stiller, aber extrem süffiger Drink. Den gibts bei mir in der Zusammenstellung nun noch öfter, bis die Flasche leer ist.

Highland Fling Cocktail


Highland Fling
2 oz Whisky
1 oz roter Wermut
1 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis rühren. Mit grüner Olive servieren.

[Rezept nach unbekannt]


Die Flasche an sich ist unauffällig, das Etikett dagegen hat mich eine ganze Weile beschäftigt – man denkt zunächst, das ist eine Sternenkarte im Hintergrund (passend natürlich zum Namen „Starward“), doch es könnte auch eine Landkarte der Gegend um Melbourne sein, wo der Whisky herkommt. Es ist zu schwer zu erkennen und zu stilisiert, vielleicht findet sich jemand, der mich diesbezüglich aufklärt. Auf dem Rücketikett findet sich noch ein nettes Gimmick – ein Code, mit dem man seine Flasche registrieren kann. Leider ist der entsprechende Teil der Website des Herstellers noch nicht online, das Anmelden meiner Flasche wird daher nachgeholt.

Australien macht sich auf, auch den europäischen Markt mit seinen Spirituosen endgültig zu erreichen. Erhältlich in Deutschland sind inzwischen außergewöhnlich schöne Rumsorten von dort (ich werde bald ein paar davon besprechen), und, wie man sieht, auch Whisky. Nach diesen sehr positiven Erfahrungen freue ich mich auf hoffentlich bald auftauchende weitere Neuigkeiten von down under!

Offenlegung: Ich danke Kirsch Import für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Whiskys.

Bier am Freitag – Heubacher Braukunst Una Cerveza

Ich bin nun schon lange weg aus dem Schwabenländle, aber habe natürlich immer noch enge Beziehungen zu meiner ursprünglichen Heimat. Gerne probiere ich Produkte aus der Region, wenn ich sie bekommen kann (wie beispielsweise Whisky von der Ostalb) – und gerade, was Bier angeht, ist da in der Zeit, in der ich länger abwesend war, offensichtlich viel passiert. So zum Beispiel das Heubacher Braukunst Una Cerveza, ein Bier, das als Bier Edition 007 ein bisschen Zeit zur Reifung im Tequila-Fass verbringen durfte, für den konservativen Schwaben etwas Höchstsuspektes!

Heubacher Braukunst Una Cerveza

Gemischtporiger Schaum entsteht beim Eingießen, der sichtbar beim Betrachten in sich zusammenfällt, da auch praktisch keine Perlage vorhanden ist. Das Bier selbst ist trüb und beinahe blickdicht, ohne milchig zu werden, dennoch sind feinste Partikel erkennbar – man sieht, dass das Bier unfiltriert ist. Zur Nase – für mich persönlich ist das Bier beinahe geruchsneutral. Leichte Fruchtnoten, leichte Hefigkeit, leichtes Malz, aber nichts davon im Vordergrund. Man muss schon etwas wohlwollend Schnuppern, um Aromen zu identifizieren – dann aber tatsächlich noch am ehesten Honig.

Im Mund sieht das dann anders aus. Der Honig ist vom Antrunk an extrem präsent, milde Frucht, die man in der Nase nur erahnte, erobert den Mundraum. Zusammen mit der feinen Cremigkeit liegt das Una Cerveza herrlich breit im Mund, ist dabei rezent und leicht, trotz der 6,4% Alkoholgehalt. Eine fette Süße entsteht im Verlauf, die natürlich und nie pappig wirkt. Ja, Kokos ist etwas da, tatsächlich, wie auf dem Rücketikett angegeben. Tequila? Eher nicht. Der Abgang ist mildbitter (dezente 28 „EBC“ steht als Bittereinheitenangabe auf dem Etikett, das wurde wohl mit „EBU/IBU“ verwechselt), zitronig, frisch, stark am Gaumen perlend, sehr trocken und kohlensäurehaltig – herrlich erfrischend und dabei sehr angenehm im Süße-Bittere-Verhältnis. Das Tequilafass suche ich bis zum Schluss vergeblich, man sollte allerdings vielleicht auch nicht zuviel erwarten, wenn Bier nur vergleichsweise kurz, hier 12 Wochen, in einem Fass reift; in diesem Zeitraum ist nicht unbedingt ein großer Aromenübersprung möglich, mehr ein Hauch.

Auch wenn das Tequilafass nicht wirklich viel bringt – insgesamt betrachtet ist das Una Cerveza ein wirklich ausgesprochen angenehmes, schön rundes und nahezu perfekt komponiertes Bier. Was für öfter, für meinen Geschmack.

Spiritus sanctus – Siglo Cero Pox

Alkoholische Getränke werden schon immer bei religiösen Zeremonien benutzt. Man muss nicht ins antike Griechenland (Libation mit ungemischtem Wein) oder ins shintoistische Japan (geweihter Sake) gehen, um das zu beobachten – der gute christliche Kirchgänger kennt die Transsubstantiation seit früher Kindheit, auch wenn man dann noch nicht vom Messwein kosten darf. Auch in Mexiko und den es bildenden präkolumbianischen Staatsgebilden war und ist Alkohol Teil vieler heiliger Akte. Ein Beispiel dafür ist Pox (ausgesprochen „Posch“), eine Spirituose gebrannt aus zu Piloncillo eingedampftem Zuckerrohrsaft, verschiedenen Maissorten und Weizen, das früher bei den Maya religiöse Funktion hatte. Im heutigen Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos, wird es noch heute bei Festivals und Zeremonien eingesetzt, ist allerdings auch ein beliebter Freizeitdrink geworden.

Ein Exemplar dieser Spirituosenkategorie hat es nun zu mir ins Glas geschafft: Der Siglo Cero Pox. Die Basiszutaten für diese Marke kommen alle aus kleinen Betrieben in Chiapas selbst, werden dort in Bio-Qualität für den Hersteller produziert. Nach 10 bis 18 Tagen der Fermentation in Holzbottichen durch wilde Hefen wird doppelt in Kupferbrennblasen mit Holzbefeuerung destilliert. Aber was rede ich, wenn man den Prozess in einem sehr atmosphärischen Video des Herstellers selbst anschauen kann.

Ich finde Details des kulturellen, geografischen und historischen Hintergrunds einer Spirituose immer extrem spannend, lasse mich aber dabei nicht beeinflussen, was die Geschmacksbeurteilung angeht. Denn wenn ein heiliges Wasser nicht schmeckt, muss man es auch nicht verkaufen, egal, wie heilig es ist. Im Gegenteil, dann lässt man es lieber für Zeremonien im Schrank und vermarktet es nicht. Schauen wir also mal unter sehr neutralen Gesichtspunkten an, ob der Siglo Cero Pox auch bei Atheisten und Rationalisten eine Chance hat.

Siglo Cero Pox

Der Mischbrand ist ungereift und hat entsprechend keine Farbe, keine Partikel oder andere Fehler sind sichtbar. Beim leichten Schwenken erkennt man eine gewisse Viskosität, die Flüssigkeit bewegt sich überraschend träge im Glas. Dreht man das Glas langsam, bleibt ein Film an der Wand, der sich langsam in dicke Beine aufteilt und dann abläuft. Ich weiß immer nicht, was mich erwartet, wenn ich die Nase an eine vollkommen neue Spirituosengattung halte. Hier mischen sich bekannte und unbekannte Eindrücke, da sind dunkle Beeren, Lavendel, reife Pfirsiche, Getreide, Gras, aber auch eine präsente Lacknote und Ethanolspitzen. Das zwickt etwas direkt nach dem Eingießen, mit etwas Offenstehzeit geht dies zurück, aber verschwindet nicht ganz. Tatsächlich fühle ich mich wie bei einer Mischung aus White Dog und Rum aus Madeira.

Im Mund kommt der Siglo Cero erstmal sehr weich, süß und bequem an. Ein sehr breites, volles Mundgefühl entsteht direkt, mit hauptsächlich diesen beerigen Aromen. Im Verlauf schleicht sich eine bitterschokoladige Würze ein, die sich immer weiter entwickelt, bis sie zur richtig pikanten, minzigen Schärfe wird und an der Zunge und Gaumen kitzelt; das ist nicht den 40,5% Alkoholgehalt (handschriftlich auf dem Etikett nachgetragen!) zuzuschreiben, sondern wahrscheinlich den Basiszutaten, die durchaus für solch ein kaltes Feuer in Spirituosen sorgen können. Getreidige Noten kommen dazu, verdrängen etwas die Frucht. Der Abgang schließlich ist eiskalt, pfeffrig, minzig, feinherb, den ganzen Geschmacksapparat ausfüllend, aromatisch lang und effektvoll.

Siglo Cero Pox Glas

Ich bin sehr angetan gerade von der Entwicklung, die der Siglo Cero im Mund macht – wie vom gesamten Brand an sich. Eine runde, spannende Sache, an der man sich lange abarbeiten kann, ohne dass es langweilig wird. Noch ein Beispiel dafür, dass nicht immer alles lange in einem Holzfass liegen muss, um komplex und rund zu sein.

Für seltene Spirituosen wie Pox ist die Auswahl an bereits vorhandenen Cocktailrezepten natürlich praktisch gleich null, da muss man improvisieren. Ich hatte diesen Pox da, ich hatte eine große Menge frisch handgepflückter Brombeeren da, und die beiden schrien lauthals nach Vermählung wegen der oben erwähnten beerigen Noten. Der Especial Day verlangt normalerweise nach un- oder nur leichtgereiftem Rum, doch ich glaube, der mexikanische Mischbrand ist hier ein mehr als würdiger Vertreter und gibt schöne, zusätzliche Würze und Komplexität in den Drink – und es zeigt, dass man für exotische Spirituosen nicht immer extremexotische Cocktailrezepte haben muss, sie funktionieren oft auch mit sehr europäischen Komponenten.

Especial Day Cocktail


Especial Day
5 Brombeeren im Shaker muddeln
2 oz Pox
½ oz süßer Wermut
¾ oz Crème de Mure
½ oz Ananassaft
3 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis shaken. Doppelt abseihen.

[Rezept adaptiert nach Tonin Kacaj]


Es ist immer ein Zeichen, wenn Besucher beim Betrachten meiner Heimbar direkt zu speziellen Flaschen greifen – der Siglo Cero ist so eine Flasche. Natürlich kennt kein Mensch diese Spirituose, aber die Aufmachung ist halt ein Blickfang, mit dem bunten Etikett mit indigenen geometrischen Formen und dem sehr attraktiven, in gleichen Farben gehaltenen Stoffstück am unteren Ende der Flasche. Die Schnur, die den Stopfen mit dem Flaschenhals verbindet, kommt natürlich noch dazu, so wirkt das ganze wie aus dem Regal einer kleinen Mezcaleria irgendwo im Nirgendwo.

Vielen wird es sicherlich sehr schwer fallen, rund 50€ für eine Flasche einer Spirituose auszugeben, die ungewöhnlich ist und für die man keine Vergleichswerte hat. Ich rede hier also wohl hauptsächlich mit den Lesern meines Blogs, die offen für Neues sind, die gerne mal etwas Verrücktes ausprobieren, die die kulturelle Komponente bei solchen Bränden zu schätzen wissen, und die vielleicht sogar kleine Hersteller unterstützen wollen, statt den üblichen Großkonzernverdächtigen das hartverdiente Geld in den Rachen zu werfen. Ich würde mich richtig glücklich schätzen, viele derartige Leser zu haben.

Offenlegung: Ich danke dem Importeur Dr. Sours, dem deutschen Vertrieb bei fifteenlions GmbH & Co KG sowie Tequila-Mezcal-Shop für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Siglo Cero Pox.

Bier am Freitag – Maisel & Friends Sour IPA

Bierstile sind heutzutage nicht mehr eindeutig abgrenzbar. Viele Brauer experimentieren mit Grenzgängern, die zwei Stile miteinander vermählen, um etwas Neues zu schaffen, das sich nicht mehr in die althergebrachten Stilmuster einpassen lässt. Das Maisel & Friends Sour IPA ist wohl so ein unangepasster Bursche. Sauerbier und IPA in einem Glas, das klingt jedenfalls spannend für mich, der ich beide Stile sehr liebe. Mit 6,6% Alkoholgehalt, auf Basis von Gersten- und Weizenmalz und mit Mosaic-Hopfen ist es eingebraut; ich hoffe, das Beste von beiden Welten zu finden.

Maisel & Friends Sour IPA

Bei Gegenlicht ist das Bier fast schon Eigelb-gelb, komplett trüb, und weist eher weniger Perlage auf, einzelne große Bläschen rutschen schnell nach oben. Schaum ist kurz da, dann aber direkt weg, aletypisch halt. Sommerlich fruchtig dringt es in die Nase, die üblichen hopfentropischen Früchte, mit allerdings schon einer Andeutung, dass das ganze etwas saurer werden könnte; ein milder Anflug von Milchsäure ist erkennbar.

Im Mund bleibt dann keine Frage mehr – das ist wirklich schön sauer. In die Richtung grüner Apfel, Buttermilch, Naturjoghurt, ein Anflug von mildem Weinessig. Sehr trocken dabei, und effektiv bitter. Die Hopfenfrucht kommt mit, die Stärke eines IPA auch. Der Abgang ist mittellang, mildfruchtig, etwas kratzig von der Säure, das mag ich aber bei solchen Bieren durchaus, es hilft bei der Rezenz- besonders apart finde ich die fast schon holzig-brotig-krautige Endnote, die im Rachen hängen bleibt.

Ein gelungenes, charaktervolles, ungewöhnliches Sauerbier mit IPA-Charakteristik. Das Crossover ist gelungen. In letzter Zeit haben mich die kreativen Maisel & Friends-Biere nicht übermäßig umgehauen, ich erwarte von ihnen immer das hohe Niveau, das ich sehr zu schätzen gelernt habe, was aber echt schwer ist, auf Dauer beständig durchzuhalten, darum bin ich oft etwas ungerecht. Das hier allerdings ist wieder mal ein echter Hauptgewinn.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche des Sour IPA.

Farbe ist kein Kriterium – El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum

Man sieht es auch heute noch überall – „weißer Rum“, „goldener Rum“, „brauner Rum“, im englischen Sprachraum dazu noch „dark rum“. Die Klassifizierung eines Rums anhand der Farbe ist so etwas, worüber man sich früher keine Gedanken machte, Cocktailrezepte sind das prominenteste Beispiel dafür. Optisch ist die Farbe natürlich immer sehr leicht zu identifizieren, und damit doch wohl ideal als Kriterium. Außerdem – je dunkler, desto älter, und damit desto besser, das weiß doch jeder, daher ist die Farbe auch ein Qualitätskriterium, oder? Besser und leichter kann man eine Spirituose doch nicht in unterschiedliche Gruppen einteilen. Doch was sagt uns diese Klassifizierung eigentlich über das wichtigste an einer Spirituose, den Geschmack, wirklich aus?

Nichts. Nada. Überhaupt neischt. Die Farbe ist das nutzloseste Kriterium überhaupt, um eine Spirituose zu beurteilen oder zu gruppieren (das gilt hier wie in anderen Bereichen des Lebens). Erstens gibt es ja kein Schema, mit dem man ernsthaft „golden“ von „braun“ unterscheiden könnte, dazu sind die Begriffe zu schwammig. Zweitens, und viel wichtiger, die durchgängig erlaubte Praxis des Färbens kann durchaus eine Spirituose in eine andere Kategorie rutschen lassen, und das ohne überhaupt auch nur den Ansatz einer Geschmacksveränderung. Und auch in die andere Richtung kann das gehen – Spirituosen werden manchmal wieder entfärbt. Wie zum Beispiel der El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum, den ich heute hier vorstellen will.

El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum

Dieser Rum, ein Blend aus verschiedenen Destillaten, wurde 3 Jahre in Holzfässern gereift, aber danach dann doppelt durch Holzkohle gefiltert. Dadurch wird die Farbe, die die Holzreifung gebracht hatte, wieder entzogen, um den Rum wieder kristallklar und völlig transparent zu machen – so mancher Hersteller „weißen“ Rums macht das. Man hat damit Reifungsgeschmack, aber nicht Reifungsaussehen, und das zeigt plastisch, wie dämlich Kategorisierungen nach Farbe sind.

Entsprechend sehen wir hier, trotz der großen „3“ auf dem Etikett, eine völlig transparente Flüssigkeit (denn „weiß“ ist sie ja natürlich auch nicht, noch so etwas, was Farben bei Spirituosen etwas sinnfrei macht). Der El Dorado 3 bewegt sich nach dem Eingießen kaum ölig im Glas, hinterlässt aber dennoch fette Beine an der Wand meines Verkostungsglases. Ich rieche zunächst mal, so ehrlich muss ich sein, Ethanol. Un- oder weniggereifter Melasserum hat oft etwas von Vodka an sich, das erkennt man auch hier. Schnell tauchen aber auch Aromen von Schokolade, Vanille, Karamell und Kokosnussfleisch auf. Letzteres wird auch immer stärker, je länger man den Rum offen stehen lässt.

El Dorado Cask Aged 3 Years Demerara Rum Glas

Ein ungereifter Rum aus dem Hause El Dorado – wer den 12-jährigen flüssigen Süßwarenladen dieses Herstellers kennt, hat schon eine erste Ahnung davon, dass auch die „weiße“, junge, 3-jährige Variante wahrscheinlich ein süßes Stückchen sein wird. Und er wird sich dabei nicht täuschen. Im Mund ist das auch sehr deutlich spürbar – Kokosnuss, weiße Schokolade, viel Karamell und ein paar Eindrücke von Melasse. Ein paar Fassaromen haben offensichtlich die Filterung überlebt. Die starke Süße ist wohl natürlich, Hydrometertests haben 0-5g/L ergeben; das ist etwas, was man bei vielen süßenden Herstellern sieht, ihre weniger alten Produkte sind meist auch weniger manipuliert. Das macht diesen Rum zu einem der wenigen El-Dorado-Rums, die nicht gesüßt sind. Man sieht hier aber auch, dass das Destillat das vielleicht gar nicht nötig hat – es ist von Natur aus ausgesprochen süß, alles darüber wäre nur noch pappig. Der mittellange Abgang ist dann sehr kokoslastig, das hängt lange nach. Süß, mild, warm; ein schöner Ausklang.

Der häufigste Einsatzzweck meiner Flasche dieses Rums war das Mixen von Cocktails. Ungereifte Rums haben ein sehr breites Spektrum und können von trockensauer bis süßfett gehen, mit allen Stufen dazwischen. Der El Dorado 3 gehört für mich deutlich in die süße Endausbaustufe, und entsprechend setze ich ihn in Drinks ein. Der Te Anaka beispielsweise soll als Variante auf einen Rum Sour auf Zuckersirup verzichten, entsprechend müssen die anderen Zutaten einspringen. Und der Rum bringt selbst etwas Mildes mit sich, also ein perfektes Match.

Te Anaka


Te Anaka
1½ oz ungereifter Rum
1 oz Honigwasser
½ oz Fino Sherry
½ oz Zitronensaft
1 Eiweiß
Dry shake, auf Eis shaken. Mit Salzlösung besprühen.
[Rezept nach James Crinson]


Um das Paket zu vervollständigen, wurde der Rum in eine romantisch-schwungvolle Flasche, die etwas an griechische Amphoren erinnert, gefüllt. Wäre noch statt dem Blechschraubverschluss ein Korken oder ähnliches da, ich würde dahinschmelzen, diese Flaschenform spricht mich extrem an. Das Etikett verhält sich passend dazu, auch wenn ich heutzutage textuelle Informationen auf Etiketten irgendwelchen Illustrationen vorziehe, so ist das hier wenigstens gut gemacht mit dem verblassten Segelschiff im Hintergrund.

Wer also einen ungereiften Rum hauptsächlich zum Mixen sucht, der schöne karamellige Kokosnoten hat, der ist hier richtig. Als Purgetränk kann man ihn auch genießen, da gibt es aber im ungereiften Bereich sehr viel Spannenderes. Insgesamt hat für mich der El Dorado Cask Aged 3 Years ein sehr zufriedenstellendes Preisleistungsverhältnis, und das muss in die Bewertung irgendwie schon auch mit einfließen.

Heiße Lektüre – 40 Grados Cocktails – Coctelería del Pisco Chileno

Mit Sicherheit war es eines der größten Erlebnisse meines Lebens – die Reise nach Chile, um dort als Juror in einem der größten Spirituosenwettbewerbe weltweit tätig zu werden. Ich habe meine Erlebnisse während Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2017 bereits erzählt, doch ein Mitbringsel hat bis heute warten müssen, um Erwähnung zu finden. Ein Buch, das eines Tages plötzlich auf dem Schreibtisch des Hotelzimmers in La Serena lag; es war wohl ein Geschenk des Organisators an alle Teilnehmer des Wettbewerbs. Natürlich hat es etwas mit der Nationalspirituose Chiles, dem Pisco, zu tun, aber auf eine abgewandelte Weise: 40 Grados Cocktails – Coctelería del Pisco Chileno ist ein Buch über das Mixpotenzial des südamerikanischen Traubenbrands.

40 Grados Cocktails The Chilean Pisco Cocktail Book

Der Untertitel „The Chilean Pisco Cocktail Book“ deutet schon darauf hin, dass es zweisprachig spanisch/englisch verfasst ist, wofür ich trotz rudimentärer Spanischkenntnisse sehr dankbar bin. Denn während Rezepte an sich leicht verständlich wären, egal in welcher Sprache, so sind die kleinen Begleittexte so doch etwas besser und leichter zu verstehen. Die Sammlung von Rezepten ist gruppiert nach den Erfindern der jeweiligen Drinks. Wir finden hier die Kreationen von Daniel Greve, Ricardo Guerrero, Miguel Larraguibel – und auch Chabi Cádiz, unten abgebildet, die ich persönlich während der Zeit in Chile kennenlernen konnte, denn auch sie war Mitglied der internationalen Jury. Jeder Bartender bringt einen eigenen Stil mit ins Buch, das ist deutlich erkennbar.

40 Grados Cocktails The Chilean Pisco Cocktail Book Innenseiten 2

Die Cocktails werden in einer hübschen Großaufnahme auf der einen Seite präsentiert, und das Rezept folgt auf der gegenüberliegenden Seite, mit Mengenangaben und Hinweisen zur Zubereitung und Dekoration. Selbstverständlich habe ich schon diverse der Mixturen ausprobiert und auf meiner Cocktailseite präsentiert – viele der Rezepte sind allerdings durchaus recht aufwändig, und, das vielleicht größere Problem, verwenden hin und wieder sehr lokale südamerikanische Zutaten, immer aber hübsche Garnierungen. Beim Blättern in dem Buch findet sich praktisch immer etwas, was das Herz des Mixologen höher schlagen lässt, insbesondere, da man außerhalb solcher Ressourcen nach qualitativ hochwertigen Drinks mit Pisco schon etwas suchen muss und nicht überflutet wird, wie das bei Gin, Whisky, Rum und Wodka der Fall ist.

40 Grados Cocktails The Chilean Pisco Cocktail Book Innenseiten 1

Die Papierqualität ist hoch, die Bindung hält gut, auch wenn ich persönlich bei Cocktail- wie Kochbüchern es lieber mag, wenn sie von allein offen liegen bleiben, denn wer hat schon eine Hand frei beim Mixen, Eingießen, Shaken und Dekorieren. Nun, so legt man halt einen Finger oder einen schweren Gegenstand auf die Seite, das Buch hält es jedenfalls aus (immerhin hat es auch eine Reise von über 16000km in knapp bemessenem Gepäck überstanden).

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es mit der Erhältlichkeit dieses Buchs in Deutschland aussieht – sicherlich muss man sich etwas strecken, will man es besitzen. Wer sich mit chilenischem Pisco etwas näher beschäftigen will, sollte trotz erhöhtem Beschaffungsschwierigkeitsgrads definitiv versuchen, es in die Finger zu bekommen, denn hier finden sich viele kreative Anregungen und vor allem Hinweise, wie in Chile aktuell mit der Spirituose auf moderne Weise in Bars gearbeitet wird, und das ist so viel mehr als nur Pisco Sour und Chilcano.

Durch die Marketingmühle gedreht – Noah’s Mill Small Batch Boutique Bourbon

In Thomas Domenigs Bourbon-Buch kann man einige interessante Details darüber nachlesen, dass viele Hersteller gar nicht mehr selbst brennen, sondern ihren Bourbon bei einer Destillerie einkaufen und ihn dann unter eigenem Namen weitervermarkten. „Sourced spirits“ nennt sich das auf englisch, ist eine weitverbreitete und gar nicht verwerfliche Praxis, außer, dass sie die Transparenz oft etwas reduziert. Wahrscheinlich ist die Bezeichnung „Boutique Bourbon“ einfach ein etwas fetzigeres Synonym dafür – man findet es auf dem Etikett und im Namen des Noah’s Mill Small Batch Boutique Bourbon. Die „Small Batch Boutique Bourbon“-Reihe des Herstellers Kentucky Bourbon Distillers, Ltd. hat neben dem hier vorgestellten Brand noch weitere derartige Produkte im Portfolio, Kentucky Vintage, Rowan’s Creek und Pure Kentucky. Obwohl die Firma inzwischen wieder auch selbst destilliert (man kennt sie dabei dann hauptsächlich unter dem Alternativnamen „Willet“, wo auch der sehr schöne Willet Pot Still herstammt), sind doch viele Produkte weiterhin gesourced.

Insgesamt passt dieses völlig undurchschaubare Dickicht zu der Präsentation dieses Whiskys: Selten findet man dermaßen viele Worthülsen auf einem Etikett. Der Noah’s Mill wird gereift „until fully matured“ (wie lang ist das?), dazu die informationslosen Wortkombinationen „genuine Bourbon“, „handmade in the hills of Kentucky“, das fast schon witzige „wooden barrels“ und so weiter. Das ist für mich als gestrengen Verfechter von Transparenz natürlich höchst unzufriedenstellend. Etwas mehr echte Informationen hätten es schon sein können, da kriege ich direkt eine gewisse Abneigung. Ich lasse mich davon jetzt aber erstmal nicht beeinflussen, und gieße mir einen Tropfen ein.

Noah's Mill Small Batch Boutique Bourbon Flasche

Dunkles, kräftiges, üppiges Hennarot. Bei nicht-Straight-Bourbon ist Färben gesetzlich nicht verboten, daher kann sich jeder selbst überlegen, ob er dem Hersteller vertraut, dass diese schöne Farbe rein aus den Fässern stammt, in denen der Noah’s Mill auf undeklarierte Zeit, aber immerhin „until fully matured“ (ich komme nicht drüber weg, man sieht es), lagerte. Sehr süß ist er jedenfalls in der Nase, vanillig, leichte Fruchtnoten, Apfel, Rosinen, Zuckerwatte. Eine deutlich stechende Lacknote. Erinnert mich geruchlich etwas an Armagnac.

Erwartungsgemäß ist der Whisky dann auch süß im Antrunk. Viel Vanille, Eichenholzeffekte, Rosinen, Feigen, etwas Karton. Im Verlauf immer stärker und wuchtiger werdend, mit viel Chili, Holz, Karotte. Sehr ölig und schwer, dicht und breit, das erzeugt ein wirklich schönes Mundgefühl. Der mir vorliegende Batch weist 57,15% Alkoholgehalt auf, das sorgt für ordentlich Wumms und Aromenpower; ich muss erneut den Vergleich zu Armagnac ziehen. Im Abgang schließlich wird er heiß und feurig, trocken und adstringierend, lang und charaktervoll, mit Tönen von Reis und Kohle. Karottennoten hängen noch sehr lange nach, ebenso leichte Eisenaromen nach Blut. Ein bisschen kratzt er am Ende und hinterlässt eine rauhe Kehle; andere Whiskys werben mit „Smoothness“, das kann der Noah’s Mill beim besten Willen in keiner Phase der Verkostung tun.

Noah's Mill Small Batch Boutique Bourbon Glas

Ein paar Tropfen Wasser gebe ich nun dazu – der Geruch ändert sich noch stärker in Richtung Armagnac, das Chili aus dem Verlauf verschwindet fast, eine milde Schärfe ist aber immer noch da. Die Aromen werden flacher und dumpfer, die Süße wird stärker betont. Vielen starken Whiskys schadet Wasser nicht, nutzt ihnen sogar; hier aber sorgt es für eine erkennbare Verblühung und Ausschwemmung, der Bourbon ist nun weniger prägnant und definiert. Man bleibe hier also beim unverwässerten Produkt, so meine Empfehlung.

Die Stärke ist dann auch ein großes Plus, wenn man den Noah’s Mill in einem Cocktail unterbringt. Auch wenn er als Detail sicher noch viel Prägnanz mitbringen würde, gebe ich so einem schönen Bourbon auch gern die Hauptrolle in einem Drink, wie beim passend benamten Bourbon Dynasty. Die anderen Zutaten unterfüttern und betonen hier eher noch, und das Gesamtbild ist äußerst komplex und vielschichtig.

Bourbon Dynasty Cocktail


Bourbon Dynasty
2 oz Bourbon
1 oz Lillet Blanc
1 Teelöffel Crème de Cassis
2 Spritzer Peychaud’s Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept nach Jamie Boudreau]


Die grünliche Flasche weist außer dem Naturkorken keine Besonderheit auf, die Etiketten sind für meinen Geschmack etwas zu blass in hellbraun auf noch hellerem braun gedruckt. 4 Einzeletiketten plus ein Kartonumhänger an einer Schnur sollen wohl für eine nostalgisch-handgemachte Atmosphäre sorgen – ich kann mit derartigem Pseudodesign nichts anfangen; es sieht nicht handgemacht aus, sondern amateurhaftgemacht. Für manche ist das wohl das gleiche, für mich nicht.

Ein so schöner Whiskey hat es nicht verdient, von einem Marketingblabla und seltsamen Designentscheidungen in diesem Umfang und dieser leicht erschreckenden Konsequenz zugemüllt zu werden. Wer auf starke, wilde und so gar nicht smoothe Bourbons steht, sollte jedoch dringend einen Blick auf den Noah’s Mill werfen und sich nicht davon abschrecken lassen.

Bier am Freitag – Sierra Nevada Sidecar Orange IPA

Der Sidecar ist ein klassischer Cocktail, gemixt mit Cognac, Orangenlikör und Zitronensaft. Ein toller After-Dinner-Drink, er gehört durchaus zu meinen Favoriten. Entsprechend blieben meine Augen beim entspannten Biereinkauf an dem Etikett des Sierra Nevada Sidecar Orange IPA hängen – schon allein die Art-Deco-Retrogestaltung dieses Etiketts, passend zur wahrscheinlichen Entstehungszeit des Cocktails, konnte mich begeistern. Ein kurzes Nachlesen, was dieses Bier besonders macht, zwang mich dann endgültig dazu, es in meinen Einkaufskorb zu legen: es ist mit Orangenschale gebraut, und trägt darum die Stilbezeichnung „Orange IPA“, auch wenn es in dieser Pseudokategorie wahrscheinlich nicht viele Partner hat. Umso spannender, es auszuprobieren!

Sierra Nevada Sidecar Orange IPA

Farblich passt alles zum Namen – Bernstein mit Tendenz zur Orange. Leicht opalisierend und trüb. Extrem starke Perlage, so viele winzige Bläschen auf einmal habe ich noch selten in einem Bier gesehen, sie bilden schon fast eine durchgängige Fläche. Der feste, feinblasige Schaum wird entsprechend lange dick gehalten. Die Nase ist zunächst IPA-typisch mit vielen fruchtigen Hopfennoten, durchaus säuerlich und limettig. Bei tieferem Schnuppern erkennt man aber dann sehr deutlich die Schale einer frisch geschälten Orange. Leicht getreidig im Unterbau.

Voll und fett im Antrunk, süßlich, mildfruchtig. Schnell dann aber bitter, wirklich die Bittere und Aromatik von Orangenschale; man riecht sie nicht nur, man schmeckt sie, und hat auch den Effekt von Orangenöl, der aus einer Zeste gepresst wurde, Cocktailfreunde kennen das. Geschmacklich finde ich noch eine Idee von Marihuana, so verrückt es klingt. Dank 6,8% Alkoholgehalt hat man auch viel Kraft. Im Abgang kommt die milde Komponente der Orange stärker in den Vordergrund, die feine Süße von Orangensaft. Der Hopfen gibt hier etwas nach, auch ist der Bittereffekt dann leicht zurückgenommen. Der Nachhall ist letztlich doch hopfig, und ein gewisser Kühlungs- und Betäubungseffekt liegt an Gaumen und Zunge.

Ein sehr unterhaltsames Bier, sensorisch klar ein IPA, doch mit diesen feinen Orangenschalennuancen, die das Bier niemals überwältigen oder in die Richtung eines Mixgetränks kippen lassen. Das ist sehr gut gemacht, wer handwerkliche Craftbiere mit einem Twist mag, muss das Sierra Nevada Sidecar Orange IPA probieren.