Neues von der Esterinsel – Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum

Ich finde es spannend, die tagesaktuellen Hot Topics in Rumkennerkreisen zu verfolgen. Nicht, dass ich mich daran beteiligen will, bestehende Hypes zu fördern, oder mich an der nervenden Suche nach dem „next big thing“ zu beteiligen, nein, mich fasziniert einfach, dass aktuell Extreme in jeder Form viel Zulauf erfahren, seien es Fuseligkeit, Estergehalt, Rauch oder sonst eine Form des Übertreibens von Eigenschaften, die in meiner privaten Aromenwelt ein Detail unter vielen sein sollten und nicht so im Vordergrund, dass alles andere dagegen untergeht. Mit Ausgewogenheit kann man heute kaum mehr Aufsehen erregen; persönlich finde ich das, wie gesagt, etwas schade.

Daher wundert es mich nicht sonderlich, und ich greife damit nur leicht vor, dass der Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum ein doch erkennbar anderes Spektrum aufweist als die Standardausgabe des Herstellers – den Navy Island XO Reserve Rum fand ich schön gelungen, ein milder, ansprechender Jamaikaner ohne all die angesprochenen Extreme. Select Cask, das steht für einen Blend aus 3 Fässern voller 10 Jahre gereiften Hampden-Rums, die für die gesamte Auflage von 1288 Flaschen sorgten. Trauen wir uns mal ran an eine der Flaschen.

Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum

Ein leicht blasses, aber leuchtendes Gold bewegt sich leicht und fast ohne Schwere im Glas. 10 Jahre Reifungsdauer hätten von sich aus eine ehrliche, ansprechende Farbe erzeugt, den zugesetzten Farbstoff hätte man sich bei einer so kleinen Auflage daher ehrlich gesagt wirklich sparen können – was für einen Sinn macht das bei 3 Fässern? Mir fällt außer täuscherischer Kosmetik keiner ein.

Nach diesem kleinen Ärger verströmt sich praktisch sofort weit um das Glas herum ein Geruch nach dunkelbrauner Banane, matschiger Ananas und sich fast schon verflüssigten Erdbeeren. Ein Aroma, das man nicht vergisst, wenn man es kennt – das ist Jamaica-Rum. Marzipan, Nougat, Hefe. Wie bei vielen hochwertigen esterlastigen Spirituosen ist das Geruchsbild sehr komplex und vielschichtig. Etwas Karton und Ethanol klingen bei.

Beginnt der Antrunk noch mild, entwickelt sich der Rum im Mund dramatisch weiter. Von Hampden erwartet der Kenner immer etwas mehr Funk als von den meisten anderen Destillerien, und er wird hier bedient. Teer, Lösungsmittel, Fuseligkeit, dazu Frucht- und vor allem Bananenester en masse, eine schnell einsetzende harte Trockenheit, ein Eindruck, der mich an Baijiu erinnert – je mehr ich mir darüber klar werde, um so deutlicher ist die extreme Verwandschaft von Hochesterrum und chinesischem Baijiu. 51,2% sind doch deutlich erkennbar, ohne Brennen, aber von der reinen Alkoholwucht her. Säure und Bittere, irgendwie muss man diese Kombination mögen, meins ist es ehrlich gesagt nicht so ganz.

Navy Island Select Cask First Edition Hampden 10y Jamaica Rum Glas

Der Ausklang ist heiß und dabei wunderbar rund, sehr schokoladig und cremig, mit viel Fruchtnachhall. Überraschenderweise eher mittellang, er klammert nicht zu sehr, persönlich schätze ich dies bei derartig aromatisch-eigenwilligen Spirituosen.

Ich hatte damals zugegebenermaßen Schwierigkeiten, ein Funkmonster wie den Velier Hampden HLCF in einem Drink so unterzubringen, dass mehr als ein Spritzer direkt die Aromatik voll übernimmt. Mit dem Navy Island Select Cask geht das viel besser – er ist doch deutlich zurückhaltender und weniger Partycrasher. Der Outrigger Tiara aus der Tiki-Feder von Urvater Trader Vic ist ein Beispiel dafür, wieviel Charakter solche Rums einem Drink verleihen können, wenn man sich traut. Dagegen können die leichten Rums, die man sonst so zu Hause hat, nur verlieren, bei allem Sinn, den sie natürlich trotzdem noch haben.

Outrigger Tiara


Outrigger Tiara
1 oz ungereifter Rum
1 oz gereifter Jamaica-Rum
1 oz Orangensaft
1 oz Zitronensaft
1 Spritzer Grenadine
1 Spritzer Orange Curaçao
Auf Crushed Ice blenden.
[Rezept nach Trader Vic]


First Edition, das sollte bedeuten, dass auch weitere Ausgaben folgen, etwas, was ich nicht ablehnen würde. Ein attraktiver, ungesüßter, typischer Rum, präsentiert in einer opulenten Verpackung, einem hübschen Etikett, das sich am Vorgänger orientiert, und einer stabilen Dose – da kann der Kenner, oder der, der es werden will, gern zugreifen.

Wer lieber etwas weniger Frechheit und Wildheit, aber nicht weniger Charakter in einem Rum will, sollte sich die Hausabfüllung von Hampden anschauen, die mir persönlich besser gefällt, weil sie einfach noch runder und etwas weniger aggressiv ist, nicht so sauer und bitter.

Kurz und bündig – Kriek Foudroyante

Ich fühlte mich schon etwas veräppelt – da zieht man den Kronkorken von der Flasche, und freut sich auf den Kirschgeruch des Kriek Foudroyante aus der mir inzwischen schon wohlvertrauten Brouwerij Lindemans in Belgien, und was findet man? Einen Korken! Dieser Doppelverschluss ist wirklich seltsam, aber im Endeffekt unterhaltsam. Die Verpackung des Frucht-Lambics, hergestellt mittels Spontanvergärung, weiß darüber hinaus aber auch sonst mit mäßig begeisternden Effekten aufzuwarten – zum Beispiel mit der Angabe der Verwendung von mindestens 10% Sauerkirschenkonzentrat statt frischen Kirschen – schade, aber für den Preis muss man mit soetwas rechnen.

Kriek Foudroyante

Farblich erwartungsgemäß rubinrot und dunkel, dadurch kaum zu durchschauen, aber ohne Opalisierung. Leichte Perlage besorgt den feinen, rosaroten Schaum. Sehr fruchtig ist es in der Nase, nach Kirsche, Limetten, Himbeeren, Brause. Leicht süßlich.

Milde Frucht ist natürlich der dominante Geschmackseindruck, sehr stark nach Kirschen und Himbeeren – dies überhaupt nicht künstlich, wie das bei so manchen Biermischgetränken vielleicht gewohnt ist, sondern natürlich und echt. Sehr ansprechende süß-sauer-Balance. 3,5% Alkohol sind kaum schmeckbar. Etwas mehr Körper könnte dem Kriek Foudroyante gut tun, ich mag aber das brausig-schaumig-fluffige Mundgefühl sehr. Der Abgang bleibt sehr kurz, etwas malzig, trocken, leicht bitter, Süße legt sich etwas auf die Lippen. Der Nachklang ist dann sehr süß, fast schon pappig.

Nun, das ist ein leckeres, frisches Fruchtbier, das mir durchaus gefällt. „Foudroyante“, also „blitzartig, überwältigend“? Ich finde es eher mild und sanft vom Charakter her. „Servir très frais“ – ja, das tu ich gern, ganz besonders im Sommer, als ich das Bier getrunken habe. Aber auch im Winter ein schönes Zwischendurch.

Sitting down for a drink is the easiest way to get to know someone – „Drunk in China“ by Derek Sandhaus

Derek Sandhaus‘ newest book is riddled with an assortment of anecdotes of how he came to be the leading non-Chinese expert on China’s national spirit, baijiu (though he himself semi-humbly refutes that title). I could cut this review short and summarize his experiences: get stinking drunk for several years while traveling the countryside and meeting shady people. Others have to spend their time in dusty libraries with even more dusty people if they want to become expert in their field, so he obviously found the funnier way of education. Let me copy his approach and start this review of Drunk in China – Baijiu and the World’s Oldest Drinking Culture by telling you an anecdote, like how I got to know him – and baijiu.

Drunk in China Cover

I was really amused by the anecdote about Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles mentioned in the introduction of Drunk in China, as I was for three years also part of this exclusive yet down-to-earth group of people traveling the world in search for new spirits, and we were both judges in the 2019 edition that took place in China. Interestingly, that was not my first contact with Derek. A review on Goodreads, where I wrote about one of his first endeavors as a writer, Tales of Old Peking, got me interested in his work. I was in love with an imaginary China at that time and read anything on that country’s history and culture I could lay my hands on. From there it was still a long way to my appreciation of baijiu – and after half the way it was again Derek who jumped in, with his Baijiu: The Essential Guide to Chinese Spirits, which, by the way, is still the benchmark for any work on baijiu written in a readable language. It was really great finally meeting him in the Shanxi countryside, sitting down for a drink with him (and dozens of other long-nosed foreigners). Well, if you know Chinese customs, or have read his book, you’ll know that „a drink“ is a relatively flexible term there.

Drunk in China - with Foreigners in a Chinese village

Of course, you’ll learn everything you need to know about baijiu in this book. It is even more valuable since the author is not simply caroling away, but also shows us the problems that baijiu faced in the past and today. Health issues, a rampaging drinking culture and severe food safety lapses make baijiu a cultural and societal affair that the government itself now handles. Ludicrous price inflation, loss of interest of the younger generation and indifference towards the future of the own product are home-made concerns as well. Chattily Derek leads us through a broad spectrum of topics that make this book much more than a simple introduction to China’s national spirit: be prepared to get immersed into China’s liquid secrets.

In contrast to his earlier works, Drunk in China is much less relying on pictures, something I miss a bit, but I’m sure the only reason for that lack of images is that it’s difficult to steadily hold a camera while ganbei-ing. Derek’s vivid descriptions actually do their own of planting imagery into your brain, and some of it is not all that pleasant. I’ll supply one image myself now to explain a rather exotic ingredient of baijiu. There is a lot of talk about „qu“ in this book, and if you’ve wondered what it actually looks like, well, here’s Derek handling a block of qu in a distillery museum in Fenyang in his best traveling-salesman manner.

Drunk in China - Derek Sandhaus with Qu

Baijiu might not be the easiest spirit to get into, yet don’t feel bad about it, as even Derek confesses in his book that he „hated“ baijiu at first. One of the many insightful early quotes he unearthed about baijiu is related to its somewhat steep learning curve: „It [baijiu] is not agreeable to the taste of Caucasians“, and what Charles E. Munsell deplored in 1885 is still one of the problems of baijiu today. On the other hand, personally I once hated olives, oysters and licorice, and look at me now, I could live off them alone. But it’s not only the taste buds that might need some training when trying to get acquainted with the Chinese national spirit, it’s also its background which is harder to understand than that of the many Western spirits we’re accustomed to. We need education on baijiu. Two quotes, one from the beginning of the book, the other one from the end, show the Herculean task Derek Sandhaus has set for himself.

„To my surprise and dismay I soon discovered there was precious little information about Chinese spirits available for the casual English reader.
(…)
If baijiu is to find a Western audience, if it is to go mainstream in North America, Europe, and elsewhere, someone has to take on the thankless task of clearing a path.“

Luckily, we now obviously have someone actually doing the pioneering and the educating; and in a very entertaining and eloquent way to boot. I don’t need rose-tinted spectacles coming from my knowing the author to recommend this book to anyone of the following groups – people interested in more-or-less contemporary China, of course spirits aficionados of all kinds, but definitely also those who simply like to read a rip-roaring story about a „short Jewish kid from Kansas“ finding his unexpected vocation in a very foreign land. In parts it reminds me of American Shaolin, and that means I can’t give much higher praise.

Buy it. Read it. Then, most importantly, go out and try to find a decent bottle of baijiu (which nowadays is still not the easiest thing outside of China, but Derek’s own Ming River brand is quite acceptable and should be readily available), get some friends together, order lots of piping hot Sichuan food and kill that bottle with it. Rinse your mouth, repeat several times. After that, you’ll know what the baijiu magic is.

Man schmeckt die Heimat – Spielberger Original Härtsfelder Schwaben Whisky Double Wood 2010

Deutscher Whisky – für mich bisher eine unbekannte Größe. Grundsätzlich spricht für mich persönlich erstmal gar nichts dagegen, denn bei deutschem Rum beispielsweise, auch so etwas eher Exotischem, habe ich durchaus positive (aber auch ein paar negative) Erfahrungen gemacht. Die urdeutsche Obstbrennerkultur hat natürlich Brennereien und Brenner mit viel Erfahrung hervorgebracht, die ihr Können relativ leicht von Obstbrand auf andere Brände zu übertragen vermögen. Die Destillerie Spielberger in Neresheim-Schweindorf auf der östlichen Schwäbischen Alb macht genau das: Hier wird neben allerlei Früchten auch Getreide destilliert, und dadurch der Original Härtsfelder Schwaben Whisky Double Wood 2010 produziert.

Destilliert wurde dieser Whisky im Jahre 2010, danach kam er für knapp 4 Jahre in ein Fass aus amerikanischer Weißeiche. Anschließend erhielt er noch ein sechsmonatiges Finish im Oloroso-Sherryfass. Dieser Whisky ist kein „probieren-wir-es-mal“-Einzelversuch, der gemacht wird, weil deutscher Whisky gerade Aufwind erfährt; schon vor fast 40 Jahren wagte der Großvater des aktuellen Brenners einen ersten Versuch, im doch äußerst konservativen Schwaben einen Whisky herzustellen. Und wer sich die Produktpalette der Brennerei anschaut, findet dort einen zweiten Double Wood, der die Zusatzbezeichnung „Jubiläumsabfüllung“ trägt – dieser wurde ähnlich hergestellt, aber schon ca. 2005 gebrannt, ruhte etwas länger in der Weißeiche, und auch das Finish im Sherryfass war etwas länger. Man sieht, hier wird in kleinen Mengen handwerklich gearbeitet und das Produkt variiert, das gefällt mir sehr. Doch schauen wir uns jetzt einfach mal den Double Wood 2010 an.

Original Härtsfelder Schwaben Whisky Double Wood

Die Reifung sorgt für blasses Gold, das sich flink im Glas bewegt. Am Rand entsteht eine zottelige Linie, aus der Beinchen sehr langsam ablaufen. In der Nase sticht zunächst etwas Alkohol, der mit Offenstehzeit verfliegt. Darunter findet sich eine süßliche Getreidenote – hier entdeckt man deutlich den Weizen, der eingesetzt wurde (die Mashbill besteht zu ca. 85 % aus Weizen und 15% aus hellem Gerstenmalz, alles regional erzeugt). Dieser bringt eine süße Blumigkeit in das Destillat, und etwas weiße Schokolade in die Nase. Karamell und Marzipan – das ist durchaus ansprechend, wenn auch nicht das, was der Whiskyfreund, der bisher bei Whisky immer an Scotch denkt, erwarten würde.

Auch im Mund zeigt sich zunächst im Antrunk eine süße Cremigkeit mit viel Breite. Werther’s-Echte-Karamellbonbons, milde Frucht, Weizenbier, Cappuccino und Vanille – eine wirksame Schwere, die aber schnell von viel Würze und Feuer eingeholt wird. Etwas Pferdestall, Honig, Zimt und Ahornsirup komplettieren ein interessantes, feurig-süßes Gesamtbild.

Spielberger Original Härtsfelder Schwaben Whisky Double Wood Glas

Der Abgang ist glühend heiß, er erzeugt ein Druckgefühl in den Ohren und läuft wie Lava den Hals hinunter, wo er zu jedem Zeitpunkt nachverfolgbar ist – die 47,5% Alkoholgehalt zeigen sich spätestens jetzt mehr als deutlich mit viel Hauch; huiuiui, das muss man so mögen (was ich durchaus tue). Der Nachhall ist getreidig und süß, erinnert an Bourbon und ist mittellang.

Ich setze diesen Whisky in einem Cocktail ein, der ein Problem verdeutlicht, das ich habe. Als gebürtiger Schwabe habe ich nie die Lust gehabt, meinen starken schwäbischen Dialekt abzulegen, und muss mir nun in meiner neuen Wahlheimat von vielen Saarländern anhören, wie schlimm ich rede – und die Aussprache mancher Wörter sind besonders Ziel der Verulkung, zum Beispiel das Wort „Wort“ selbst, über das sich gewisse Personen immer wieder lustig machen, wenn ich es ausspreche. Nun, darum gibt es nun diesen Cocktail: S’ledschde Wort. Der Kenner erkennt den Last Word dahinter.

S'ledschde Wort Cocktail


S’ledschde Wort
1 oz Schwäbischer Whisky
⅔ oz Chartreuse Verte
⅔ oz Maraschino
⅔ oz Limettensaft
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Helmut Barro]


Den Double Wood bekommt man vor Ort in unterschiedlichen Abfüllungsgrößen, etwas, was ich immer sehr schätze – die 0,2l-Flasche, die ich vorsichtig erworben hatte, war allerdings zu schnell aufgebraucht, von dem Nachfolgeprodukt Whisky³ (ein Artikel dazu folgt hier auf diesem Blog) musste es daher auch direkt die Halbliterflasche sein. Ein weiterer Vorteil davon, den Whisky direkt in Schweindorf zu kaufen, ist, dass man im zugehörigen Gasthaus Hirsch einen schönen, traditionellen schwäbischen Zwiebelrostbraten auf den Tisch bekommt. Einfache, bodenständige und gerade darum schmackhafte Küche ohne das Palaver, das heutzutage oft um Essen gemacht wird.

Spielberger Schweindorf Schwäbischer Zwiebelrostbraten

Ich werde im Sommer aller Voraussicht nach die Destillerie besuchen und eine Besichtigung machen, und dann hier beschreiben, was ich gesehen habe. Ich freue mich schon sehr darauf – Heimat ist etwas besonderes. Man spürt, wenn man da ist, und man spürt, wenn man nicht da ist. Immerhin, ein guter Whisky aus der Heimat hilft, das schlimmste Mangelgefühl hin und wieder auszugleichen.

Kurz und bündig – Ikea Öl Mörk Lager und Öl Ljus Lager

Der eine oder andere wird den Effekt kennen – man geht ins Ikea, um nach einem kleinen Küchenschrank zu suchen, und geht mit lauter Kleinkrams aus dem Markt nach Hause. Kissen, Pflanzen, Teller, Gläser und Pfannen. Persönlich bin ich da eigentlich nicht wirklich empfänglich für diese Art von Marktschreierei, doch Ikea hat mich unfair mit Alkohol geködert und gekriegt: Am Ausgang standen lange Reihen des hauseigenen Biers, das mir früher nie aufgefallen war. Was soll man machen, ich habe je zwei Flaschen des Ikea Öl Mörk Lager und des Ikea Öl Ljus Lager mitgenommen, ganz unvoreingenommen, und es kurz danach bereut. Doch lassen wir erstmal die Biere für sich sprechen.

Ikea Öl Mörk Lager und Öl Ljus Lager

Fangen wir an mit der grünen Flasche mit dem weißen Etikett, dem Ikea Öl Ljus Lager, einem hellen Lagerbier aus schwedischer Herstellung. Farblich habe ich nichts auszusetzen, ein kristallklares Bier in schöner Tönung; vom Schaum her könnte ich mir etwas mehr wünschen, einzelne hochsteigende Perlageketten schaffen aber nicht mehr.

Die Nase nimmt beim Eingießen noch leichte biertypische Bitternoten wahr, danach ist es vorbei: das Öl Ljus riecht nach gar nichts. Hm, etwas Bitterhopfen vielleicht, mit viel gutem Willen. Sehr viel gutem Willen. Da es in dieser Beziehung nichts zu beschreiben gibt, hoffen wir etwas skeptisch auf den Geschmack! Leider geschieht kein Wunder, auch im Mund verhält sich dieses „Bier“ wie die Schweiz in der Außenpolitik. Ich könnte nun versuchen, die minimalsten Anflüge von Aromatik in Worte zu fassen, aber wozu – es wäre Fantasie. Immerhin eine leichte Cremigkeit im Mundgefühl unterscheidet dieses Getränk von Mineralwasser. Der Abgang hat wenigstens etwas Bittere, dezente Säure und leichte Betäubungseffekte auf der Zunge.

Ikea Öl Ljus Lager

Nicht viel drüber nachdenken, jede Minute ist verschwendet. Maul abputzen, zum nächsten Bier. Kommen wir also zur (noch) dunkleren Seite dieses Reviews. Das Ikea Öl Mörk Lager präsentiert sich als dunkles Lagerbier. In der Zutatenliste des Etiketts haben wir zwei Wörter, die mir direkt auffallen – „E150c“ und „Aromen“. Na, da denk ich mir direkt meinen Teil, während ich mir das bierähnliche Erfrischungsgetränk eingieße.

Dabei entsteht keinerlei Schaum, es zischt etwas beim Eingießen, doch das verpufft direkt. Es bleibt nur eine schwarze (eben mit E150c künstlich gefärbte) Flüssigkeit zurück, die beinahe völlig blickdicht ist, bei Gegenlicht rubinrote Reflexe aufweist. Man sieht am Glasrand eine minimale Perlage. Geruchlich praktisch völlig neutral. Leichte Malznoten, aber nur, wenn man es riechen will. Sonst ist da sensorisch gar nichts – das Glas riecht stärker. Vom Antrunk an ist da eine starke zitronige Säure, die alles dominiert. Leichte Röstmalzaromen, etwas Kaffee. Sehr leicht und schwachbrüstig, 4,7% Alkoholgehalt können das nicht retten. Immerhin schön rezent. Aromen sind zugesetzt, ich frage mich, welche – vielleicht diese leichten Kaffeenoten, da sonst ja kaum Geschmack da ist. Ein Abgang ist nicht vorhanden, alles bleibt aromatisch neutral, besteht höchstens aus leichter Astringenz und Betäubungseffekten durch die Säure.

Ikea Öl Mörk Lager

Das ist einfach kein Bier, das ist alkoholische Zitronenlimo mit künstlichen Bieraromen und Farbstoff. Ich frage mich ernsthaft, wie das in Deutschland die Genehmigung erhielt, das Wort „Bier“ aufs Etikett schreiben zu dürfen. Eine Beleidigung für jeden Bierfreund, in jeder nur denkbaren Beziehung. Sogar die Flaschen wirken billig.

Ich habe sie gefunden – die schlechtesten Biere, die ich je getrunken habe. Selbst der schwedische Brauer will auf dem Etikett nicht genannt werden. Ich verstehe ihn.

Der Teufel kann rudern, meiner Ehr! Ancient Mariner Navy Rum

Die Geschichte von Rum ist reich an seltsamen Anekdoten. Eine davon ist die  um Navy Rum – man hat heutzutage, in diesem neopuritanischen Zeitalter des Selbst- und Fremdoptimierungszwang kaum mehr Vorstellung davon, dass starke Alkoholika ein fast schon notwendiger Hygienefaktor in der harten und brutalen Welt der imperialistischen Ausdehnung der Kolonialmächte waren – so konnten die Matrosen in Zaum und bei Laune gehalten werden, wollten die Kommandanten nicht das Schicksal von Captain Bligh erleiden. Normalerweise ist ein klassischer Navy Rum ein Blend aus diversen Rums der ehemaligen britischen Kolonien – oft enthält er Komponenten aus Guyana, Trinidad, Barbados und Jamaica. Nicht zu verwechseln ist dieser Begriff mit dem der Navy Strength – letzteres bezieht sich nur auf eine spezielle Alkoholstärke – 57% – und ist auch auf andere Spirituosen (hauptsächlich wohl aber Gin) anwendbar.

Der vorliegende Ancient Mariner Navy Rum stammt vom kleinen unabhängigen schottischen Abfüller Hebridean Liqueur Company. Er ist dahingehend ein Sonderling, weil er eben kein Blend ist, sondern ein einzelnes, 16 Jahre lang gereiftes Destillat aus der von vielen Rumfreunden heiß geliebten Caroni-Destillerie. Persönlich kann ich den Drang, die Produkte dieser Destillerie so zu vergöttern, ja nicht wirklich nachvollziehen, mir sind die Caronis-Rums oft etwas zu dreckig und unsauber. Fällt der Ancient Mariner Navy Rum auch diesem Verdikt zum Opfer?

Ancient Mariner Navy Rum

Die Farbe zeigt sich sehr kräftig, aber noch natürlich wirkend. Strahlende Reflexe. Leichte Konsistenz. Vorsichtige Schlierenbildung, extrem langsam ablaufend, sie bleiben fast stehen. Ein erster Versuch des Schnupperns zeigt mir, dass ich dem Rum etwas Zeit lassen muss im Glas – sonst zwickt das enorm. Nach einigen Minuten verfliegt etwas davon, und man nimmt die dominierenden Holzaromen wahr. Darunter liegt eine schöne Fruchtigkeit in Richtung Aprikose und Banane, vielleicht Malz – und eine leichte Rosenblätternote. Darunter wiederum findet man das, was die Caronifreunde begeistert – ein Anflug von Tabak, Torf, verschortem Gummi, Rauch und Teer. Aber wirklich nur ein Hauch davon, mehr eine Andeutung.

Im Mund wird das ganze schon prägnanter, ich würde die Reihenfolge hier eigentlich schon glatt umkehren. Die fuseligen, öligen, teerigen Aromen springen geradezu in den Vordergrund, die Frucht schiebt langsam nach und bildet eine Basis. Im Verlauf taucht dann erst die Vanille und die vorsichtige Holzigkeit auf, die dann an Fahrt aufnimmt und den Eindruck zum Schluss hin wieder dominiert. Da ist richtig viel Süße im Ancient Mariner Navy Rum, schwere, dunkle Süße, im Gegensatz zu künstlich nachgesüßten Rums ist diese aber tief und komplex, cremig und vollmundig.

Ancient Mariner Navy Rum Glas

Der Abgang ist für die eingesetzten 54% weich und angenehm, mit viel Ingwer, aber warm und fühlbar den Rachen hinuntergleitend. Er ist vergleichsweise kurz, Vanille ist das einzige, was länger am Gaumen haften bleibt, mit einer Erinnerung an Teer.

Ein schöner, vielschichtiger und komplexer Rum, dezenter als viele andere Caronis, ohne seine Wurzeln ganz zu verleugnen. Ich mag diese Herangehensweise, sie gleicht die mir persönlich manchmal zu stark ausgeprägte Fuseligkeit der Destillate dieses Herstellers durch eine ausgesprochen gelungene Drinkability aus.

Welcher Cocktail könnte für einen Navy Rum besser geeignet sein als der Jack Tar? So nannte man früher die Soldaten der britischen Kriegsmarine. Der Bezug ist rein namentlich, wobei man schon eine gewisse matrosenhafte Konstitution mitbringen sollte, wenn man sich diesem starken Drink aus diversen hochprozentigen Spirituosen nähern will.

Jack Tar


Jack Tar
1 oz Navy Rum
½ oz Bourbon
½ oz Dry Gin
¼ oz Limettensaft
¼ oz Zitronensaft
¼ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach unbekannt]


Auffällig ist natürlich direkt die kleine, knuffige, eckige 50cl-Flasche im Würfeldesign – sehr schwer und etwas unhandlich, aber ein Blickfänger in der Heimbar, wenn man sie entsprechend platziert. Der Anhänger an einer blauen Kordel ist leider nicht besonders informativ, blubbert nur über Coleridges Gedicht, das als Namenspate diente. Das Etikett ist klein, da ist nicht viel Platz, dennoch hätte ich mir wenigstens ein paar kleine Hinweise über das Produkt in der Flasche erhofft. Nun, man findet immer ein Haar in der Suppe. Wenn die Suppe aber so gut zusammengestellt ist, wie die des Ancient Mariner Navy Rum, dann schluck ich auch das Haar.

Aus dem Hochlandtiefbrunnen – Terralta Tequila

Es ist eine der wichtigsten Hilfsmittel für jeden Tequila-Freund – Tequila Matchmaker, eine App, die sowohl zur Bewertung von Agavenbränden dient, als auch als Datenbank zum Nachschlagen zu Herstellungsdetails, die uns als Freunden des gut gemachten Tequilas wichtig sind. Ist dieser Tequila, den ich da gerade zufällig gefunden habe, durch einen Diffusor produziert worden? Wurde die gekochte Agave mit einer Tahona zermahlen? Welche Art von Kochgeschirr kam zum Einsatz? Welche anderen Tequilas wurden unter dieser NOM hergestellt? Fehlkäufe können so in Zukunft nahezu ausgeschlossen werden, und die geschmackliche Durchschnittsbewertung von Laien wird durch ein Panel von Profis ausbalanciert. Tolle Sache, ich nutze die App seit langem und kann sie nur empfehlen.

Schaut man darin nach dem heute hier besprochenen Tequila – also dem Terralta Tequila Blanco, Reposado, Añejo und Extra Añejo – so findet sich eine ganz hervorragende Bewertung für den ungereiften, und sehr gute Punktewerte für die gereiften Varianten. Persönlich halte ich nichts von Punktevergaben, das habe ich ja schon in einem meiner ersten Artikel auf meinem Blog betont, doch ich gestehe zu, dass das aufmerksam macht. Entsprechend groß ist die Vorfreude auf die folgende Verkostung gewesen, und ich greife nicht vor, wenn ich jetzt schon sage, dass die Vorfreude nicht enttäuscht wurde.

Zu den Details dann mehr bei den einzelnen Tequilas selbst, nur drei Worte über technische Details vorab: Erstens, alle diese Tequilas sind mit 40% Alkoholgehalt abgefüllt, einem für Tequila sehr angenehmen Wert, auch wenn auch hier inzwischen ein Trend zu mehr Prozenten auszumachen ist. Zweitens, sie sind alle nach modernen Methoden hergestellt, die sich allerdings an traditionelle Methoden anlehnen, mit Steinöfen und einer Maschine, die einer klassischen Tahona nachempfunden ist (und „Frankenstein“ genannt wird und wirklich aus einem Horrorfilm entsprungen zu sein scheint), was für mich allein schon eine spannende Sache ist. Drittens, das verwendete Wasser; zum grundsätzlichen Thema „Wasser“ hatte ich schon beim G4 Tequila , einem der anderen Tequilas der Destillerie El Pandillo (NOM 1579), gesprochen – im Unterschied zu jenem setzt man hier komplett Brunnenquellwasser ein und lässt das Regenwasser weg. Diskutieren wir nicht lang drüber, ob es was bringen kann, gießen wir uns ein Glas ein und schauen, ob es was bringen tut.

Terralta Tequila Samples

Farblich komplett transparent und ohne Makel bewegt sich der Terralta Blanco mit einer leichten Öligkeit im Glas, hinterlässt dabei einen Fransenrand aus Tränen, die in kleinen Tröpfchen ablaufen. Die Nase ist äußerst würzig und aromatisch – ein richtiger Bums an frisch geschnittener Agave lässt bei mir schon von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass wir hier ein besonders edles Produkt vor uns haben. Sehr erdige Aromen, erinnernd an Leder, grünen Pfeffer und eine sehr ausgeprägte Harzigkeit untermauern das; geröstete Mandeln, Vanille und Honig rieche ich als süße Basis.

Auch im Mund erkennt man das Basisprodukt sofort, und es definiert den gesamten Geschmacksbogen. Da ist kein Chichi, kein Fehler, kein aufgepfropftes Aroma – ein pures, aromatisch sehr reines Agavendestillat, wie ich es selten erlebt habe. Eine sehr vorsichtige, natürliche Süße mit ein paar Nuss- und Vanillearomen spielt mit Pfefferschärfe, die keineswegs aus den 40% Alkoholgehalt stammt. Eine wunderbare Rundheit und sowohl Tiefe als auch Breite lassen mich diesen Brand gerne sehr, sehr lange im Mund behalten und dort hin und her schwappen.

Der Abgang gleicht sich dem an – er ist heiß, lang, pfeffrig-scharf und voll. Ein Hauch aus Agave hängt nach, gepaart mit einem leicht metallischen Ton. Der Terralta Blanco bleibt dabei sehr sauber und direkt, ohne künstlich wirkende Nachklänge oder störende Einflüsse, rein die Agave ist bis zum letzten Schluss da, minutenlang, ein wirklich extrem ausdauernder Tequila: Ein Meisterstück eines wahren Könners, ohne jeden Zweifel.

Terralta Tequila Blanco

Im Terralta Reposado sieht man die Farbe, die 3 Monate in einem „light toast #1“-Ex-Bourbon-Fass, das zum ersten Mal für etwas anderes als Bourbon benutzt wird, erzeugen. Eine leichte Strohigkeit, Pastellgold vielleicht, erkennbar und ehrlich wirkend. Auch hier ist die leichte Viskosität des Basisdestillats erkennbar, mit den entsprechenden Glasrandeffekten.

Während bei manchen Reposados bereits trotz der kurzen Reifezeit das Holz dominiert, ist hier noch die Agave deutlichst im Vordergrund. Sie wird durch milde Vanille- und Gewürznoten nur unterbaut, sehr gelungen, wie ich finde. Leichte Frucht- und Blütenkomponenten, dabei besonders Jasmin und Rose, sorgen für ein wirklich exquisites Aromenspektrum für die Nase.

Im Antrunk kommt zwar eine gewisse Süße als erster Eindruck, doch direkt wird sie von einer trockenen Bittere und milder Salzigkeit übernommen. Der Reposado wirkt leicht holzig, erdig, sehr erwachsen und voll in jeder Richtung. Keine Komponente überwiegt die andere, Agave dominiert zwar, aber das will man genau so haben bei einem guten Tequila, wie das hier ausgeführt ist. Der Abgang ist lang, sehr floral in Richtung Jasmin, mit deutlicher Anästhesie auf der Zunge, warm und voll im Rachen. Eine feine Würzigkeit bleibt bis zum Schluss.

Spannend, wie sich hier der Holzausbau tatsächlich in einer wirklich schönen Aromenverschiebung hin zum Gewürz und zur Blütigkeit äußert, und nicht das Holz, wie bei manchen Reposados entweder gar nicht oder übermäßig übernimmt. Auch hier bleibt als Fazit nur – hervorragend. Anders als der Blanco, aber nicht schlechter.

Terralta Tequila Reposado

Für den Terralta Añejo (ebenso wie für die gereiften Varianten von G4 und Pasote, die ja alle aus derselben Destillerie stammen) werden Fässer aus amerikanischer Eiche eingesetzt, stammend von den Herren Beam und Daniel. Hier erkennt man bereits eine zarte Färbung, aber wir bewegen uns immer noch im strohig-pastelligen Bereich.

Die Mischung, die die Nase hier wahrnimmt, hat nun auch Komponenten von zwei Einflüssen – einerseits bleibt die bereits in den jüngeren Varianten dominante Agave auch hier definierend, doch Vanille und Zimt aus den ehemaligen Bourbonfässern ist nun beinahe gleichberechtigt. Das ist eine gute Sache, denn viele andere Añejos riechen schon kaum mehr nach Agave. Etwas Orangenschale, etwas Limette – eine schöne Zitrusseite taucht hier auf. Erfreulicherweise bleibt auch das Blumige des jüngeren Bruders erhalten.

Der Geschmack hat sich dann etwas deutlicher vom Reposado entfernt. Die Frische und Grünheit, die Vegetalität des Destillats ist nun viel zurückgenommener, im direkten Vergleich wirkt der Añejo stumpfer und weicher. Zimt, Vanille, etwas Karamell sind im Vordergrund, eine starke Pfeffrigkeit voller Feuer und adstringierende Trockenheit lassen den Tequila aber nicht zu süß und anbiedernd werden.

Der Abgang ist wieder sehr blumig, hier taucht der Charakter eines Tequila wieder auf, wie ich ihn mag. Sehr lang, heiß, viel Jasmin, Agave und ganz dezente Gewürznoten. Nun, das ist ein Añejo, der mir gefallen kann, dennoch wird diese Kategorie niemals ein echter Favorit für mich werden, denn alles, was ich an diesem Tequila mag, ist bereits in den jüngeren Alterskategorien vorhanden, und er gewinnt nicht viel durchs Reifen, wenn man nicht fragt; im Gegensatz zu vielen anderen Añejos verliert er aber auch nicht viel.

Terralta Tequila Añejo

Kommen wir zum ältesten, was Terralta zu bieten hat – der Terralta Extra Añejo. Vier Jahre, also ein Jahr mehr als die Altersstufe gesetzlich mindestens erfordert, hat dieser auf dem Buckel: hier ein Opa, bei anderen Spirituosen gerade aus dem vorgeschriebenen Mindestalter heraus. Die Fassauswahl ist dieselbe wie beim oben beschriebenen Añejo.

Farblich hat sich nun im Vergleich zum Añejo praktisch nichts mehr getan, der Ton ist der gleiche, es ist ein etwas kräftigerer Schimmer und dunkle Reflexe erkennbar, das ist es aber auch schon. Das Schwenkverhalten ist immer noch lebendig und flüssig, wie bei allen Ausgaben dieses Tequilas. Geruchlich wird es nun sehr mild und vanillig. Die rosige Blumigkeit ist die zweite Komponente, die beiden zusammen überlagern die Agavencharakteristik deutlich, ohne sie aber ganz platt zu kriegen. Mineralische Noten und ein bisschen Zuckerwatte kommen dazu.

Geschmacklich schließlich erreichen wir ein Stadium, wo Milde, Rundheit und Gemütlichkeit die Oberhand gewonnen haben. Die leichte Seifigkeit des Antrunks wird, wie gewohnt, durch Würze im Verlauf ersetzt, doch hier geschieht das gemächlich und erreicht nie die Kraft seiner jüngeren Brüder. Schwarzer Pfeffer, rohe Agave, Zimt. Gegen Ende wird der Extra Añejo eiskalt, ein interessanter Unterschied zum Añejo, und nur sehr leicht holzig, vor allem ohne schwer oder dunkel zu werden – man merkt, dass die eingesetzten Fässer bereits dreimal für den Añejo verwendet wurden, da ist wirklich nur vorsichtige Holzcharakteristik. Der Abgang ist lang, mit viel floralen Qualitäten, Wintergrünöl, Zimt und Lavendel. Kühlender Eukalyptus liegt lange im Mundraum, wenn der Rest schon verschwunden ist.

Die Idee, die Fässer erstmal ein paar Mal für einen anderen Reifungsgrad zu verwenden, bevor sie für den ältesten herangezogen werden, ist genial und sorgt dafür, dass wir hier einen Extra Añejo vor uns haben, der noch viel seiner Frische und Agavenherkunft erhalten hat. Für mich sicherlich einer der besten dieser Stufe, die ich getrunken habe, denn hier spürt man noch den Tequila heraus, und nicht ein generisches Holzlagerungsdestillat.

Terralta Tequila Extra Añejo

Da gibt es nichts zu deuteln, das sind alles absolut erstklassige Tequilas, ich habe rein gar nichts zu meckern. Ich bin begeistert darüber, wie sehr sich die Tequilawelt in Deutschland in den letzten 5 Jahren gewandelt hat, diese Art von Qualität hätte man damals höchstens in Träumen hierzulande erwerben können. Gleichzeitig hat sich aber auch in den Köpfen der Hersteller etwas gewandelt, man sieht, dass sie sich selbst nicht mehr mit Massenproduktion und seelen- und traditionslosen Destillaten zufriedengeben wollen, sondern etwas herstellen wollen, auf das man am Ende des Tages sehr stolz sein kann. Gerade die „modernen Traditionen“ bei Herstellern von Destillaten wie Terralta, G4, Fortaleza und ähnlichen tun sowohl uns als auch der Tequilakultur insgesamt sehr gut.

Für den obligatorischen Cocktail meiner Besprechungen habe ich mir den Terralta Reposado rausgepickt, obwohl alle vier eine ausgesprochen hohe Mixability aufweisen und jeden Drink aufwerten – ich bin mir sicher, wer bisher nur Tequilacocktails mit José-Cuervo-Mixtos kennt, und dann den Pre Siesta mit einem Terralta, wird gar nicht erkennen können, dass das eigentlich dieselbe Spirituosenkategorie sein sollte. Und, das kommt dazu, selbst die meisten anderen 100%-Agave-Tequilas werden ihm weder pur noch in Drinks das Wasser reichen können.

Pre Siesta Cocktail


Pre Siesta
2 oz Tequila Reposado
¾ oz Triple Sec
½ oz Aperol
3 Spritzer Orange Bitters
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Little Rich Hunt]


Es ist dem Importeur fifteenlions sehr zu danken (und das sage ich nicht, weil ich kostenlose Samples bekommen habe), dass hier nicht nur ein paar Alibiflaschen importiert wurden, die in einem obskuren Onlineshop vor sich hin dümpeln. Bei dem Ruf, den Tequila trotz allem oben gesagten in Deutschland immer noch hat, muss zwar über ihn aufgeklärt werden – wozu ich hoffentlich etwas beitrage -, doch alle Aufklärung hilft nicht, wenn man die entsprechenden Produkte in Deutschland gar nicht bis nur schwer bekommt. Zur Aufklärung gehört auch ein engagierter Importeur, der weitreichend Werbung betreibt und den Tequila in ausreichenden Mengen zu einem vernünftigen Preis anbietet. Und fifteenlions leistet dahingehend sehr gute Arbeit, die auch mir das Agavenleben in Deutschland angenehmer macht.

Offenlegung: Ich danke fifteenlions für die bedingungslose Zusendung der vier 10cl-Samples dieses Tequilas.

Kurz und bündig – Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Der Hobbybrauerwettbewerb von Maisel & Friends geht in die nächste Runde – Kellerbiere galt es zu brauen. Während der Home Brew Bayreuth im September 2019 wurden die Einreichungen verkostet, und der Gewinner war Heiko Müller mit seinem Kaminfeuer Kellerbier, das nun als Gewinn in limitierter Auflage statt im heimischen Keller auf den professionellen Anlagen bei Maisel nachgebraut werden konnte.

Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller

Sehr schöne safranfarbige Opalisierung, durch die das Bier im im Glas leuchtet. Hält man es gegen das Licht, sieht man kleine Bläschen sehr langsam aufsteigen. Der Schaum, schon zu beginn eher dezent, bleibt als feine aber dünne Decke eine Weile auf dem Bier liegen. Geruchlich sehr würzig, mildrauchig, fast schon etwas nach Grill duftend. Auf jeden Fall passt hier der Name sehr gut. Starkmalzig, leicht speckig, etwas brotig – eine sehr prägnante Duftkomposition insgesamt.

Auch im Mund schmeckt das Maisel & Friends Kaminfeuer Kellerbier by Heiko Müller, wenn man mich fragt, zunächst wie ein Schinkenbrot. Die Würze bleibt erhalten, wird nur durch zurückhaltende Hopfenfrucht in der Zitrusrichtung ergänzt. Leicht salzig, erkennbar rauchig, ein Anflug von Kümmel; sehr rezent und kantig-bitter im Mund, ohne dafür eine üppige Cremigkeit aufzugeben. Eine gewisse Unrundheit muss man allerdings auch attestieren, gegen Ende entsteht im Mund eine leichte Schalheit. Der Abgang hat fast schon einen Eukalyptushauch, ist frisch und langanhaltend deftig bitter (23 IBU, ich hätte mehr vermutet), fast schon hin zum Kratzenden, was bei diesem Bier gar nicht stört, sondern zum Gesamtkonzept passt. 5,6% Alkoholgehalt passen sich hier gut ein.

Ohne Schwierigkeiten kann ich hier sagen – dieses Bier hat seinen Gewinn verdient, und ich finde es ausgesprochen toll, dass Maisel & Friends sich der Hobbybrauer annimmt und diesen so eine Möglichkeit gibt, der Welt zu zeigen, dass Bier ein derart vielseitiges Getränk ist.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kosten- und bedingungslose Bereitstellung einer Flasche „Kaminfeuer“.

Der Boden macht den Wein – Courvoisier VSOP Cognac

Über Alter redet man immer viel bei Spirituosen. Über die Herkunft der Basismaterialien bleibt einem oft nicht viel zu sagen, denn man kennt sie selten. Bei Whisky scheint es für die Hersteller und deren Marketing oft völlig irrelevant zu sein und wird höchstselten diskutiert, wo das Getreide wächst, bei Melasse-Rum wird die Melasse ebenso oft eingekauft und nicht dauernd selbst aus lokalem Zuckerrohr produziert. Bei Tequila wird gern zwischen Hochland und Tequila-Tal unterschieden, doch bei Blindtests konnte der Unterschied kaum wahrgenommen werden; das aktuell beliebte Wort „Terroir“ ist bei Spirituosen definitiv anders zu interpretieren als bei Wein, wo beispielsweise der Boden, auf dem die Trauben wachsen, wirklich extremen Einfluss auf das Endprodukt hat.

Entsprechend wichtig ist auch für Cognac-Hersteller, wo der Wein, auf dem sie aufsetzen, gewachsen ist. Man findet auf den meisten Cognac-Flaschen das Weinanbaugebiet, französisch „cru“, von dem die Trauben stammen, die eingesetzt wurden. In der Region Cognac gibt es 6 crus, absteigend in der Wahrnehmung der Wertschätzung – Grande Champagne, Petite Champagne, Borderies, Fins Bois, Bons Bois und Bois Ordinaires. Beim Courvoisier VSOP findet sich erstmal auf dem Etikett allerdings keine direkte Angabe darüber – es handelt sich um einen Blend, wie es bei Cognac eigentlich Tradition ist, aus Destillaten der Weine verschiedener crus, hier Grande Champagne, Petite Champagne und Fins Bois.

Courvoisier VSOP Cognac

Die Farbe ist ein schönes, leuchtendes Kupfer, mit Tendenz zu Orangefarbe. Eine vorsichtige Schwere macht sich im Glas beim Schwenken bemerkbar, die Beine laufen zwar schnell ab, hinterlassen aber einen dicken Wandteppich an der Glasfläche.

In der Nase nimmt man erstmal eine leichte Blumigkeit, die typisch für Weinbrände ist, wahr. Dazu kommt schnell eine feine Nussigkeit, und Aromen nach Rosinen und Pfirsichen. Etwas Vanille durch die mindestens 4 Jahre Holzfassreifung sorgt für Unterbau, und eine leicht alkoholische Note für einen kleinen, minimalen Misston.

Sehr weich im Antrunk, da ist viel Cremigkeit und Flauschigkeit. Im Verlauf kommt milde Würze dazu, ein bisschen schwarze Pfeffrigkeit. Die Rosinen und Pfirsiche sind auch hier präsent und dominieren das Geschmacksbild. Breit im Mundgefühl, aber nicht sehr tief. Man schmeckt gegen Ende etwas den Alkohol, das müsste bei 40% Alkoholgehalt eigentlich nicht sein.

Courvoisier VSOP Glas

Der Abgang des Courvoisier VSOP schließlich ist warm, leicht kitzelnd an Zunge und Backeninnenseite, eher kurz, schlägt dabei aber den Bogen zurück zur initialen Floralität – eine wirklich extrem prägnante Jasminnote hängt noch lange Minuten am Gaumen nach. Sicherlich das schönste an diesem Weinbrand; für mich etwas, was alle Mängel zuvor wieder ausgleicht.

Ein einfacher, nicht wirklich komplexer, aber dafür gut trinkbarer Cognac ohne große Stärken, gleichzeitig aber auch ohne große Schwächen. Für mich ist er pur zwar durchaus akzeptabel, aber nicht wirklich spannend – in Cocktails dagegen halte ich ihn für sehr schön einsetzbar, weil er hohe Typizität aufweist und dabei noch etwas Wumms mitbringt und nicht zu mild ist.  Im Dolores #2 zeigt sich dies – ein Drink, der absolut vom Mundgefühl und dem Gesamtbild und weniger von einzelnen Geschmacksspitzen lebt.

Dolores #2


Dolores #2
1½ oz Cognac
¾ oz Kirschlikör
¾ oz Crème de Cacao
1 Eiweiß
Auf Eis shaken. Mit Muskatnuss bestäubt servieren.

[Rezept nach unbekannt]


Der Courvoisier VSOP ist ein gut erhältliches Produkt, ich will jetzt nicht negativ werden und ihn als „Supermarktcognac“ bezeichnen – auch wenn man ihn an solchen Ort leicht und oft auch in Angeboten erwerben kann, sogar der Discounter Aldi hat ihn ab und zu, wo ich ihn mir dann auch geschnappt hatte. In einer schön schwungvollen Flasche, mit üppig gestalteten Etiketten, dazu einem gleich aufgemachten Karton – das hat Geschenkpotenzial.

Courvoisier VSOP Flasche

Ich wechsele regelmäßig die Cognacs, die ich in meiner Hausbar für Drinks bereit halte. Da kommen diverse Hersteller abwechselnd zum Zuge – der Courvoisier VSOP hat sich über einige Iterationen einen Platz gesichert.

Dampfplauderer – Grappa Nonino Barriques Aged Selection

Die Modernisierung macht vor nichts halt. Wer früher Alkohol brennen wollte, hatte kaum eine Wahl – man legte sich eine Brennblase zu und befeuerte sie mit Holz. Die klugen Köpfe der Schnapsindustrialisierung hatten für derart altmodisch-begrenzende Technik natürlich schnell Abhilfe gefunden; der erste Schritt war das kontinuierliche Brennen, das eine größere, effizientere Menge an Maische nutzen konnte. Die Erfindung der Säulendestille sorgte dann für höhere Zieldestillationsmöglichkeiten bis weit über 90%. Der Konsens scheint letztlich dabei zu liegen, dass durch Pot-Still-Destillation mehr der aromentragenden Congener überleben; Brände aus Brennblasen sind daher oft aktiver, lebendiger, vielschichtiger und aber auch funkiger, unruhiger und weniger „rein“. Zwei Extreme sollen dies plastischer darstellen: Der klassische Jamaika-Rum ist ein Pot-Still-Destillat – der moderne Western Style Premiumvodka ein Multikolonnen-Destillat. Es hängt also stark davon ab, was man erreichen will, welche Brenntechnik als geeigneter herangezogen wird, vor allem, da es auch noch Zwischenformen gibt, wie eine Brennblase mit Rektifikationskolonne und ähnliches.

Welches System setzt man, um nun endlich zum Thema dieses Artikels zu kommen, beim Grappa ein? Keines davon! Reingelegt! Ein drittes System, das der Wasserdampfdestillation, trägt einer Besonderheit der Grappaherstellung Rechnung. Weil bei einem Tresterbrand wie Grappa viele Fruchtteile und auch Stängel und ähnliches Fremdmaterial in der Maische enthalten sind, die bei Erhitzung durchaus starktoxische Substanzen freisetzen (Methanol beispielsweise), muss hier vorsichtiger vorgegangen werden. Dampfbrennkolben oder Bain-Maries kommen zum Einsatz, die nicht die Maische direkt befeuern, sondern ein Wasserbad, über dem die Maische hängt und so den Alkoholanteil mittels Dampf entzieht. Ganz verhindern lässt sich das Mitkommen von unerwünschten Stoffen auch so nicht, doch für Grappa ist streng geregelt, wieviel Methanol noch enthalten sein darf – wir können also davon ausgehen, dass wir bei exportierten Grappe auf der sicheren Seite sind, was die giftigen Destillationsartefakte angeht. Daher können wir uns ab sofort von diesen technischen Details abwenden und überprüfen, ob der sichere Rest geschmacklich was taugt – der Grappa Nonino Barriques Aged Selection fließt allerdings nicht direkt aus der Destille ins Glas, sondern darf erstmal eine gewisse Zeit in Holzfässern verbringen.

Grappa Nonino Barriques Aged Selection Flasche

Die Fassreifung besorgt die blasse, strohige Farbe; eine sehr leichte Viskosität, nur mild ausgeprägt, macht einen schönen optischen Eindruck im Glas. Der sehr typische Geruch eines gereiften Grappa ist hier im Vordergrund, nach Stroh, Holzmehl, Schokolade und Schwarztee. Man kann eine Note von Haselnuss erkennen. Er hat aber auch eine dezente Alkoholfahne, die aber nicht wirklich stört.

Im Mund ist der Tresterbrand schön süß und rund. Sehr schokoladig und nussig, erinnernd an Neapolitaner-Waffeln. Parallel dazu findet sich aber auch würziger Kümmel. Da ist außerdem noch eine blumig-blütige Note, nach Lavendel vielleicht, die ich von meinen bisherigen Grappe nicht kenne. Sie liegt über der dunklen Kakaobasis und sorgt für ein Aha-Erlebnis. Gleichzeitig hat der Grappa Nonino aber auch eine etwas störende Beinote in Richtung Shampoo, die schwer zu fassen ist; insgesamt sorgen diese Komponenten dafür, dass der Grappa einen klaren Anklang an Brandy hat. Nicht zu unterschätzen ist seine Schärfe – trotz der Fassreifung hat er noch ein deftiges Ingwerfeuer, das auf Zunge und Gaumen kitzelt, und auch nach dem Abgang noch erhalten bleibt.

Grappa Nonino Barriques Aged Selection Glas

Jener ist kurz bis mittellang, hauptsächlich die holzigen Aromen sind es, und der Kümmel, die im Mund noch eine Weile herumgeistern. Trotz des Zungenbrands ist im Rachen nichts von der Schärfe mehr spürbar, was für mich darauf hindeutet, dass die enthaltenen 41% Alkoholgehalt nicht für das Feuer verantwortlich sind, sondern es aromatischen Ursprungs ist. Was ich immer gut finde.

Die Schwarztee-Komponente dieses Grappas lässt sich leicht noch etwas unterstützen in einem Reserve Cocktail. Tee macht sich überraschend gut in vielen Drinks, die Herbe und Würzigkeit, die ein guter Schwarz- oder Oolong-Tee mit sich bringt, sorgt für eine ungewohnte Exotik, seltsamerweise, so gut man Tee eigentlich kennt. Grundsätzlich finde ich Tee und Grappa eine hochinteressante Kombination.

Reserve