Bier am Freitag – Rügener Insel-Brauerei German Aviation Beer

Ich glaube, ich hatte sie alle mal durchprobiert – die Biere der Rügener Insel-Brauerei waren vor einigen Jahren ein Trendsetter, was Craftbier im bierkonservativen Saarland anging. Auffällig gestaltet, mit polarisierender Preisgestaltung („3€ für e Bier? Hann die en Knall?“) und einem geschickten Product Placement auch in Supermärkten nicht nur mit Einzelflaschen, sondern direkt mit einem ganzen Regal. Das hat sich bis heute nicht geändert, das Sortiment wird erweitert und verändert, doch der neueste Trend ist, die hochwertigen Biere als limitierte Editionen anzubieten, teils im Geschenkkarton mit einem großen Stielglas, teils als nur auf Rügen (oder per Post) zu erwerbende Spezialsets mit einem durchgängigen Thema. Wie dem Rügener Insel-Brauerei German Aviation Beer, das ich dank meiner Bierfreunde von der Saarbrücker Beer Society mitbestellen konnte.

Rügener Insel-Brauerei German Aviation Beer Set

Trinken wir uns einfach gemächlich von links nach rechts durch das Viererset im passend gestalteten Tragerl (darauf wurde ich nach der Übergabe mitten in der Saarbrücker Fußgängerzone mehrfach neidvoll angesprochen). Beginnen wir also mit dem German Coast Double IPA und seiner dicken, stabilen Schaumkrone, die aus sehr vielen gemischtgroßen Bläschen besteht. Farblich haben wir hier ein trübes, opalisierendes Ockerbraun, mein IPA-Glas bietet genug Mousseuxpunkte, von denen ausdauernd und schnell die Perlage aufsteigt. In der Nase kommt sehr viel marmeladenfruchtigkeit an, Papaya, Mango, süßlich tropenfruchtig wirkend, ohne die Limettenspitzen, die man bei dieser Art Bier oft findet. Eine leichte Essignote, kombiniert mit Sekttrockenheit macht es der Nase aber auch nicht zu einfach. Prägnante Getreideeindrücke sorgen für eine unerwartete, gar nicht unangenehme Abwechslung zu dem sonst üblichen Hopfeneinerlei.

Rügener Insel-Brauerei German Coast Double IPA

Auch im Mund wird das German Coast nicht kratzig oder biestig, sondern überschreitet eine angenehme Schwelle an Bitterkeit nicht. Im Gegenteil, im sehr cremigen Mundgefühl findet sich eine schöne Rundheit, die sich weich an den Gaumen legt. Dazu kommt eine Fruchtsüße, die im Gesamtbild fast schon Anklänge an Fruchtkaugummi, Zuckerwatte oder aber auf jeden Fall große Blumigkeit aufkommen lässt. Im Verlauf bildet sich eine sehr aparte säuerliche Trockenheit aus, auch hier, integriert, ohne zu dominieren. Der Körper wirkt dann leichter, heller, frischer, unterstützt die Rezenz. Die 7,5% Alkoholgehalt sind toll eingebunden.

Ein so richtig süffiges IPA, das sich weder anbiedert, noch den Genießer vor den Kopf stößt. Wer so richtig knallige IPAs mag, ist hier sicher falsch, für mich ist es ein richtig gut komponiertes Bier, das sich verdammt gut trinkt, Schluck für Schluck.

Ein guter Einstieg in die Welt der Deutschen Luftfahrt war das. Heben wir nun von der Küste ab, dampfgetrieben, und schauen uns das German Steam Wood Pale Ale an. Wie bei den Flaschenreifungsbieren der Insel-Brauerei üblich, sollte man beim Eingießen etwas vorsichtig sein – in dieser traditionellen Methode entsteht wie bei Champagner noch ordentlich Kohlensäure in der Flasche, die für Schaum sorgt. Am Ende kommt noch etwas Hefe nach, also sollte man die Flasche wie ein Hefeweizen eingießen. Die Trübung kommt daher, sie macht das Bier in seiner Haselnussfarbe dann blickdicht. Der Schaum sackt schließlich etwas in sich zusammen, ein paar Millimeter feinblasige Crema bleibt aber erhalten.

Rügener Insel-Brauerei German Steam Wood Pale Ale (German Aviation Beer #2)

Die Nase wirkt, der Stilbezeichnung entsprechend, tatsächlich leicht holzig, sehr malzig, ohne Rösttöne allerdings, leicht getreidig. Wer bei einem Pale Ale auf viel Hopfen spekuliert, wird hier überrascht – da sind leicht hopfige Fruchttöne, aber sie prägen das Bier nicht. Im Mund entsteht eine sehr aparte Mischung aus Bockbier und Pale Ale, es erinnert mich etwas an ein belgisches Dubbel, ähnlich in der süßen Basis, doch es grenzt sich durch eine stärkere Trockenheit ab. Die sehr deutliche Karbonisierung („German Steam“ passt wirklich gut, da ist genug Luft drin, um den Ballon auf dem Etikett zu füllen!) sorgt für ein fettes Mundgefühl, man kann auf dem Bier kauen. Es wirkt rezent und frisch, bleibt dabei aber eher dunkeltönig, die Holzkomponenten integrieren sich gut. Man findet hier dann milde Hopfenfrucht, eher in Richtung Aprikose denn in Richtung Zitrus, mit ein paar Anklängen von Ahoj-Waldmeisterbrause, sowohl vom Geschmack als auch vom Effekt her; hier zeigt sich auch schöne Säure. 5,6% Alkoholgehalt passen gut zu diesem Bier. Der Abgang ist kurz, schaumig, nun sich aufs Getreidige konzentrierend, mit einem Nachhall von so richtig trockener Holzigkeit und leichter Rostigkeit, und einem deutlichen Säureeindruck.

Schön zu trinken, sehr süffig, rezent und mit angenehmer Textur. Mir mangelt es etwas an Komplexität, aber nur, weil ich von der Brauerei inzwischen immer etwas Besonderes erwarte, und das ist ungerecht – bei vielen anderen Brauereien wäre ich wahrscheinlich viel enthusiastischer. Man bedenke dies beim Lesen.

So, nun sind wir in der Luft, und darum ist jetzt der ideale Zeitpunkt, sich das dritte Bier vorzuknöpfen: German Sky Bière de Saison, ich hoffe, der Zeppelin auf dem Etikett deutet nicht auf eine historische Gegebenheit hin – ein Absturz ist aber, wenn ich die Produkte der Brauerei betrachte, keine echte Gefahr.

German Sky Bière de Saison

Fast schon ins Rötliche übergehendes Sienabraun liegt im Glas. Volltrüb mit einer minimal gefärbten Crema, die aus einer Schicht gröberer, und darüber liegend einer Schicht feinster Flaumbläschen besteht. Die Nase ist zunächst würzig, nach Nelken und Kardamom, unterlegt mit etwas frecher Limettenzestenfrische. Erinnerungen an Sekt kommen auf; dazu grüner Apfel, milder Essig, darunter dann frisch geerntetes Getreide. Der Antrunk ist direkt sauer und frisch, klar und mit deutlicher Kante, die sich über Zunge und Gaumen zieht. Zitrusfrucht und fast schon minzig im Eindruck. Im Verlauf lässt dies erkennbar nach, eine feine Süßherbe ersetzt die Säure. Zusammen mit der fetten Struktur entsteht ein volles Mundgefühl, ohne dass die Rezenz dafür aufgegeben wird. Kirschen und Nelken stehen vorn in der Aromatik, das hat wirklich was. Im mittellangen Abgang werden dann wieder die Säureeffekte dominant, es kitzelt und prickelt auf Zunge und Gaumen, dass es eine wahre Freude ist, man hört fast das Zischen. Der Nachhall ist fast Zuckerwattig, mittellang, und hinterlässt einen leicht anästhesierten Geschmacksapparat.

Ein toll frisches, leichtes Sommerbier, das sich gerade in der Sonne wirklich toll macht, auch wenn man da mit den 5,6% Alkoholgehalt etwas vorsichtig sein sollte – als Genussbier jedenfalls eine wahre Freude, auch als Sektersatz bei einem Stehempfang kann ich mir das für Bierfreunde wirklich gut vorstellen.

Rügener Insel-Brauerei German Pioneer Bière Brut

Wer sich so von Küste mit Dampf in die Luft erhebt, ist wirklich ein Pionier. Die Krönung der Luftreise ist darum das letzte Bier aus dem Mottoset, das German Pioneer Bière Brut. Vom bei der Flaschenreifungsmethode, wie bereits erwähnt, durchaus üblichen üppigen Schaum habe ich während des Eingießens, das etwas Zeit in Anspruch nimmt, immer wieder einen Mundvoll abgesaugt – ein sehr cremiger, feinblasiger, aber bereits auch sehr aromatischer Schaum, der sich am Ende eine ganze Weile auf dem Bier hält. Die Farbgebung ist dabei auch sehr attraktiv: das eidottergelbe, volltrübe Bier im Kontrast zur reinweißen Blume darüber. Im Gegenlicht erkennt man das feine Mousseux an der Glaswand – nicht nur hier eine Nähe zu Schaumwein. Der Geruch ist bitterfruchtig, sehr zurückgenommen, leichte Getreidigkeit, ein bisschen Weinessig – da gibt es nicht viel zu schnuppern und zu berichten. Am Gaumen konkurrieren direkt die zwei definierenden Eigenschaften des German Pioneer: die flauschigweiche Cremigkeit in der Textur, und die mildherbe Säure in der Aromatik. Zitrone, Apfelessig, Verjus, aber nicht wirklich kratzig sauer oder frech werdend. Eine hübsche, dezente Säure, bei der man dieses Bier eher nur mit etwas Fantasie zur Kategorie der Sauerbiere zählen kann, selbst wenn sie ein prägendes Element ist. Mir fällt es schwer, das einzuordnen, ich kann nur sagen, dass es mir gefällt; ein Zwitter aus halbtrockenem Sekt und einem herben Hellen, vielleicht. Man muss hier nicht nach vielen Aromenbeispielen suchen, das Bier steuert sich über die Effekte, klar, sauber: Ein Bier für die Zunge und deren natürliche Fähigkeiten, nicht für die Zusatzarbeit, die die Nase sonst beisteuert. Dahingehend ein wirklich spannendes und interessantes Erlebnis für den aufgeschlossenen Bierfreund. Der Abgang hält sich entsprechend des Verkostungsbogens wieder deutlich zurück, bleibt aromatisch mager, dafür effektvoll und von dem Tanz von Säure, Texturweiche und Zartherbe gesteuert.

Hochinteressant; das German Pioneer ist ein höchst ungewöhnliches, dafür umso feineres und edleres Bier, das mit 5,6% Alkoholgehalt auch nicht überfordert bei der nun nötigen Landung.

Nachdem ich die Reise in die deutsche Bierluftfahrt nun hinter mir habe, bleibt ein etwas melancholisches Gefühl zurück – diese vier German Aviation Beers der Rügener Insel-Brauerei werde ich mit großer Sicherheit vermissen. Sie sind wirklich, ohne zu übertreiben, „seltene Biere“, und auch „besondere Biere“, um zwei der Catchphrases auf den Etiketten zu nutzen. Es freut mich sehr, auch solche Biere in Deutschland inzwischen durchgängig erhalten zu können, wenn auch mit etwas mehr Aufwand – darum danke ich nochmal der Biersommelière Katharina Rolshausen, dass sie die Sammelbestellung angeleiert und durchgeführt hat. Gerne wieder bei Gelegenheit!

Geheimnisse des Amazonas – Muyu Chinotto Nero

Es ist ein Trend, der letztes Jahr begonnen hatte – sogenannte Low-ABV-Drinks begeistern den Trinker, der nicht immer Cocktails haben will, bei denen man nach höchstens zwei Iterationen schon unter dem Tisch liegt. Die Verwendung leichterer Zutaten ist dabei der Schlüssel, denn man will ja nur den Alkoholgehalt reduzieren, nicht durch schlichte Verdünnung die Aromatik gleich mitverwässern. In diesem Zuge haben Wermut, Quinquina, Sherry, Porto und leichte Liköre einen gewissen Aufschwung erfahren – sie eignen sich natürlich durch ihre niedrigprozentige und trotzdem hocharomatische Anlage ideal dafür, Low-ABV-Drinks herzustellen. Ich gebe zu, ich mag meine Cocktails lieber bombenstark, mit Overproof-Rums und BiB-Bourbon, darum finden sich auf meinem Blog verhältnismäßig wenig Rezepte, die dezenter daherkommen, aber manchmal braucht man ja nur einen Anlass, um auf den fahrenden Trendzug noch aufzuspringen.

Der Anlass bei mir ist Muyu Chinotto Nero, der mir vor ein paar Wochen ins Haus geflattert ist. 2019 haben die Cocktaillegenden Berg, Kratena und Caporale (der geneigte Cocktailnerd kennt die Namen) zusammen mit dem niederländischen Likörhersteller De Kuyper ein Trio von Likören designt. Der hier besprochene Vertreter, von Simone Caporale erdacht, scheint mir passgenau in diese Low-ABV-Schiene zu gleiten, und mit einem ungewöhnlichen Aromenprofil gleichzeitig denjenigen ansprechen, der sonst schon alles probiert hat, was das Backboard einer Bar normalerweise zu bieten hat. Die namensgebende Chinotto ist eine Art italienischer Bitterorange, darum herum werden Zutaten wie Curaçao-Orangen, Chinarinde, Eichenmoos („Pflaumenflechte“ ist wohl der hierzulande übliche botanische Name dafür) und Kakao gelegt – man ahnt also schon, dass das nicht einfach nur ein weiterer Orangenlikör in der eh schon gut gefüllten Spirituosenkategorie sein wird. Aber ich greife vor, öffnen wir die Flasche und probieren den Stoff erstmal pur, bevor wir uns für eine Konsumvariante entscheiden.

Muyu Chinotto Nero

Die Farbe jedenfalls gibt die grobe Stoßrichtung schon vor. Ein leuchtendes, kräftiges Orange, lange schon blühende Sonnenblumen, sehr hübsch. Woher sie kommt, kann ich nicht sagen, denn eine Fassreifung findet nicht statt – es ist also wohl Farbstoff, wenn nicht irgendwelche der Zutaten nach der Destillation der Einzelbestandteile noch zugefügt wurden. Jedenfalls passend! Beim Schwenken bewegt sich der Muyu gemächlich mit schönem Glaswandverhalten.

Die Nase ist direkt faszinierend; gewiss ist die Bitterorangenkomponente initial dominierend und leicht erkennbar, doch die Chinarinde springt direkt danach hervor und gibt dem Likör eine krautige Note. Unterschwellig ist unter der Bittersüße und Zitrusfruchtigkeit noch eine weitere, erdig-vegetale Schicht, ich würde das wirklich einem Moos oder Zedernholz zuschreiben. Und, zu guter Letzt, erkennt man ganz spät auch noch sanfte Kakaotöne. Ich muss wirklich sagen, dass das Etikett hier nicht lügt: Hier wurden wirklich linear-klare Aromen ausgewählt und zusammengefügt, auf eine Art und Weise, dass jede noch erriechbar ist, sie aber ein rundes Gesamtgeruchsbild ergeben. Da gibt es für mich nicht viel zu interpretieren, nur bewundernd mit dem Kopf zu nicken.

Muyu Chinotto Nero Glas

Ich wiederhole das immer wieder gern, meine Leser wissen es inzwischen: Ein Likör muss in der EU mindestens 100g/L Zucker aufweisen, und das schmeckt man im Antrunk des Chinotto Nero auch. Schnell wird diese Süße aber ausgeglichen, die Frische und Herbe der Bitterorangen wandelt das Mundgefühl, man hat eine schöne Säureattacke, die sich mit bitterer Kräuterigkeit bestens kombiniert. Im Verlauf beginnt der Likör auf der Zunge zu prickeln. Die Textur ist breit und voll, ohne einem Drang nach Pappigkeit nachzugeben. Blind wäre es schwer für mich, zu definieren, was ich da aromatisch eigentlich im Mund habe – ein Bitterlikör mit Wermut oder Quinquina vermischt? Das wäre meine Vermutung, wahrscheinlich. Gegen Ende kommt die Süße wieder stärker zum Vorschein, während der Muyu mit herbbitterem Frucht- und Mentholnachhall ausklingt und auf den Lippen etwas Orangenzucker hinterlässt.

Der Muyu Chinotto Nero ist sicher eine Art Strukturbrecher, er kombiniert mehrere bekannte Spirituosenkategorien in sich, hat vor allem die Würzigkeit, die viele Bitterorangenliköre wie Campari oder Aperol im Vergleich vermissen lassen. Dahingehend kann ich als bekennender Campari-Fan im Muyu sehr viel Spannendes finden; handwerklich ist das Produkt dazu über jeden Zweifel erhaben, gerade in der Nase erkennt man das sehr deutlich.

Um auf die Einleitung zurückzukommen: 24% Alkoholgehalt weist dieser Likör auf; das ist auch leider seine (einzige) Schwäche – aber nur, wenn man ihn in Mixed Drinks verwenden will, für den Purgenuss reicht das völlig aus, um Kraft und Volumen zu bieten. Man kann ihn darum eigentlich nicht vergleichbar wie andere Bitterorangenliköre, die oft mit 40% daherkommen, einsetzen, da geht er oft unter, da viele Rezepte auf hochprozentige Produkte ausgelegt sind. Simon Difford empfiehlt, ihn mit Wodka zu pimpen, wenn man den von Produktdesigner Caporale auf dem Rücketikett vorgeschlagenen Highball mit Chinotto Nero und Tonic Water mixt, irgendwie geht mir dabei dann aber die Idee des Likörs selbst verloren. Darum biete ich hier einen Cocktail an, in dem der Muyu Chinotto Nero so genutzt werden kann, wie er abgefüllt wurde: Im seltsam benamten Toffee Negroni. Kein Toffee, kein Negroni, aber was solls. Da habe ich dann auch kein Problem, den geforderten Aperol durch Chinotto Nero zu ersetzen – das Ergebnis: herb, bitter, nussig, unbequem, genau dadurch mein Geschmack.

Toffee Negroni Cocktail

Toffee Negroni
1 oz / 30ml leicht gereifter Rum
1 oz / 30ml Amontillado
1 oz / 30ml Aperol
Auf Eis rühren. Auf Eis servieren.

[Rezept nach Lynette Marrero]


Man muss die Flasche, in die der Likör abgefüllt ist, einfach mögen – mattiertes Schwarz, das sich haptisch toll anfühlt, ein leicht abstrahierter Amazonas-Dschungel auf dem strukturierten Etikett (auch hier kann man mit den Fingern mitfühlen), der Echtkorken auf dem mit einem weiten Rand ausgestattenen Flaschenhals. Irgendwie zurückhaltend und opulent zugleich; ein wirklich gelungenes Design. Wenn man zusammen auf Reisen in exotische Regionen wie das Amazonasgebiet geht, wie das Kratena, Berg und Caporale wohl taten, um sich für diese Likörreihe inspirieren zu lassen, sollte am Ende auch was Ansprechendes rauskommen, und das ist hier der Fall. Vielleicht haben sie auch aus Versehen ein paar der dort in rauhen Mengen vorkommenden bewusstseinserweiternden Pflanzen geschluckt, das könnte die selbst für meine Verhältnisse etwas exaltierte Beschreibung des Likörs auf dem Seitenetikett erklären. Ha, es ist mir gelungen, das Haar in der Suppe zu finden! Ich bitte ehrlich um Verzeihung, denn der Muyu Chinotto Nero ist ein wirklich tolles Produkt, das ich jedem Freund des gehobenen Genusses echt empfehlen kann, selbst (oder gerade!), wenn man zuhause nur pur gern ein feines Likörchen nippen will und überhaupt keine Cocktailambitionen hat.


Offenlegung: Ich danke Trinkabenteuer/jrgmyr für die kosten- und bedingungslose Zusendung einer Flasche dieses Likörs.

Bastelstunde am Freitag – Funky Monkey aus der Kokosnuss

Manchmal habe ich so einen Basteldrang, der seit der Aufgabe meines Warhammer-Tabletop-Hobbies nicht mehr gestillt wird, und den ich jetzt hin und wieder hier auslebe. Als ich neulich im Fernsehen einen Bericht über die karibische Insel Dominica gesehen habe, tranken dort ein paar Reisende einen Cocktail aus Kokosnussschalen. Der erste Versuch war, solche Behältnisse im Internet zu kaufen zu finden – die Erkenntnis, dass die Betreiber der winzigen Bar auf Dominica diese aber sicher auch nicht fertig kaufen, brachte mich dazu, diese selbst zu machen.

Zäumen wir das Pferd von hinten auf – und beginnen mit dem Endergebnis. Ein Cocktailbehältnis ohne Inhalt ist ja langweilig, darum stelle ich hier erstmal einen Drink vor, den ich genüßlich aus der Frucht meiner Arbeit getrunken habe. Der Funky Monkey ist ein vom Alkoholgehalt her sicher leichterer Drink, bezüglich des Kaloriengehalts dagegen… naja, zwei schafft man nur, wenn man dann das Abendessen weglässt. Persönlich habe ich einen kleinen Twist darauf ausprobiert, indem ich die Sahne durch griechischen Joghurt ersetzt habe – dadurch wird er einen Ticken weniger süß, minimal herber und frischer.

Funky Monkey Cocktail


Funky Monkey
1 oz / 30ml leicht gereifter Rum
¾ oz / 25ml Bananenlikör
¾ oz / 25ml Crème de Cacao
1 oz / 30ml Cream of Coconut
1 oz / 30ml Sahne
1 oz / 30ml Milch

1 ganze reife Banane
Auf Eis blenden.

[Rezept nach Tony Abou-Ganim]


Der Hauptgrund für diesen Artikel ist natürlich aber das Trinkgefäß, in dem ich den Funky Monkey serviere. Es ist eigentlich ganz einfach zuhause herzustellen, man braucht nur etwas Werkzeug, ein paar billige Materialien und nur Anflüge von handwerklichem Geschick. Der erste Schritt besteht darin, eine Kokosnuss aufzubohren und das Kokoswasser abzugießen. Das kann man für andere Drinks verwenden, oder, wie ich, in eine große Eiswürfelform gießen, gut gefrieren lassen und dann später in einem Tumbler mit etwas Scotch übergießen, als wunderbaren Sommerdrink.

Die schwerste Aufgabe folgt nun: das Aufsägen der Nuss. Kokosholz ist sehr hart, das merkt man dabei; eine vernünftige Säge und ein Schraubstock, den man idealerweise mit Schaumstoff auspolstert, um die Nuss nicht zu beschädigen, leisten dabei hervorragende Dienste. Der Schnitt muss dabei nicht gerade sein, gerade etwas schräg aufgeschnitten gibt das dem Endprodukt etwas DIY-Charme. Das Fruchtfleisch kratzt man mit einem Löffel heraus, und, wenn das ganze etwas getrocknet ist, geht man noch mit feinem Sandpapier innen durch.

Die Nuss bleibt natürlich nicht von alleine stehen auf dem Tisch – man braucht einen Ständer oder Halter. Ich habe dafür ein altes, handgedrehtes Seil, das ich im Keller gefunden hatte, hergenommen. Beim Zurechtschneiden muss man die Schnittstelle vorher fixieren, damit sich das Seil nicht aufzwirbelt, ich habe dafür Draht genommen und am Ende noch etwas Kerzenwachs. In Kreisform gebracht kann man nun die ausgehöhlte Nuss darauf stellen. Mit etwas Heißkleber bleibt der Seilhalter mit der Nuss dauerhaft verbunden.

Den Deckel der Kokosnuss habe ich aufbewahrt, und mit einem großen Holzbohrer (10mm) das zum Ablassen des Wassers genutzte kleine Loch so vergrößert, dass man einen Strohhalm bequem durchstecken kann, falls man das will. Die Nussmug funktioniert aber, finde ich, offen am Besten. Sie ist wasserdicht, zumindest für die Dauer, die man für einen Cocktail üblicherweise ansetzt, und oft wiederverwendbar, sicherlich ein Spaß für die nächste Cocktailrunde unter Freunden tropischer Drinks. Viel Spaß beim Nachbasteln!

Abbildungsfunktionen von Pilzen – Destillerie Onsen Obstbrände und Geiste

Der deutsche Obstbrand, eine Geschichte voller Tradition und kunstvollem Handwerk, langer Historie und massivster Verbreitung, vor allem im Süden – aber auch voller Missverständnisse. Jeder kennt ihn, jeder mag ihn irgendwie, aber wenn man die Durchschnittstrinker:in fragt, was die persönliche Lieblingsspirituose ist, taucht alles mögliche auf, aber eher selten ein Obstbrand. Eine sehr erstaunliche Unverträglichkeit der Aspekte, finde ich. Die Problematiken, Herausforderungen und Möglichkeiten, die Obstbrand im modernen Spirituosenmarkt überall in Europa begegnen, haben meine geschätzten Spirituosenkollegen Thierry Heins, Cyril Mald und Ulric Nijs in einem sehr lesenswerten Artikel bereits ausführlich zusammengefasst.

Besonders spannend, weil für mich irgendwie augenöffnend, was Obstbrandgeschmäcker angeht, ist die Hervorhebung in obigem Artikel, dass ein gut gemachtes Frucht-Eau-de-Vie eine lineare Geschmacksabbildung der Frucht ist. Ein Zwetschgenbrand schmeckt nach Zwetschge, ein Aprikosenbrand nach Aprikose. Nur leichte Nebenaromen, entstehend noch aus der Fermentation und einer eventuellen Reifung, sollten diese Abbildung Frucht→Brand stören. In diese Gedanken versunken kommen neue Obstbrände aus der Freiburger Destillerie Onsen genau richtig, um die Passgenauigkeit von aufgestellter Theorie und lebendiger Praxis zu prüfen. Das Trio aus Löhrpflaume, Frühe Hauszwetschge (Rumfass) und Geist vom Fichten-Steinpilz ist somit auch, neben dem Genuss, den ich erwarte, eine akademische Kontrollgruppe.

Destillerie Onsen Obstbrände und Geiste Flaschenpräsentation

Fangen wir bei dem Brand aus der Löhrpflaume an. Ich musste erstmal nachschlagen, was diese Pflaumenart eigentlich so ausmacht, und fand in einem Gartenbauforum den Hinweis, dass sie von der Form rundlich ist, mit einer Naht, wie sie die Zwetschge hat, blaurot in der Farbe, recht süß vom Geschmack her. Sie ist wohl im 19. Jahrhundert in der Schweiz entstanden und wird dort gern für die Schnapsherstellung genutzt – Freiburg, der Sitz der Destillerie Onsen, liegt da ja günstig.

Der Brand aus dieser Frucht ist glasklar, ohne jeden erkennbaren Einschluss. Schwenkt man ihn im Glas, muss man weiter ausholen, um ihn aus der Trägheit zu beschleunigen; er legt sich dann auch schnell wieder zur Ruhe, während dicke Beine schnell ablaufen. Die Nase ist sauber, extrem fruchtig, und spiegelt genau die Idee wieder, die ich zu Beginn geschildert hatte – linear, klar auf die Frucht reduziert, die Pflaume ist toll und direkt wiedergegeben. Frische Zwetschgenaromen kombinieren sich mit kräftigen Pflaumentönen. Leichte Zimtnoten rieche ich noch, doch diese eher am Rande. Voll, tief und süßlich, die geruchlichen Eindrücke gehen mit der optischen Schwere Hand in Hand. Die Onsen-Löhrpflaume ist sehr würzig, ohne dass dabei irgendwelches Alkoholpieksen oder Fehltöne das Schnuppern stören, etwas, das mir bei diesem Brand viel Spaß macht.

Auch im Mund zeigt sich vor allem anderen direkt die Pflaume, ohne Umwege, süß im Antrunk, immer würziger werdend im Verlauf, bis gegen Ende schon ein zimtig-weißpfeffriges Feuer aufkommt, das dann im Abgang langsam vom Mund den Rachen hinunter abklingt. Kräftig im Aroma, voll und breit in der Textur – da ist viel Power und Fülle zu finden, auf 41% eingestellt passt auch das. Die Aromatik hält lange durch, selbst im Nachklang bleibt noch Pflaume erkennbar, hier dann zusammen mit einem jasminblumigen und ganz zum Schluss sogar grasigen Beiton.

Die Löhrpflaume gefällt mir als Obstbrand sehr, das trinkt sich süffig und unterhaltsam, sie ist handwerklich sauber gebrannt und lässt sich neben dem Purgenuss auch herrlich in Cocktails einsetzen, weil sie eine hübsche Standfestigkeit aufweist – zu begutachten im oben abgebildeten Intercontinental Sour, wo sie mit Jamaica-Rum so richtig derb gut zusammenspielt. Das Rezept findet man natürlich wie immer auf meiner Cocktailrezeptseite.

Gehen wir über zu einer gereiften Variante eines Obstbrands aus der Destillerie Onsen. Besonders apart finde ich gerade, dass ich mit der Frühen Hauszwetschge (Rumfass) nun einen Obstbrand probieren kann, der von der Frucht der Löhrpflaume ähnelt, und man so die Reifungskompetenz der Brennerei mittesten kann.

Farblich hat die Hauszwetschge jedenfalls schon deutlich etwas aus dem Rumfass gezogen, ein hübsches Messing scheint mir ein vergleichsweise dunkler Farbton für einen 6 Monate im Fass gereiften Brand zu sein. Auch hier, wie schon beim Vorgänger, spürt man bereits beim Schwenken eine gewisse Schwere. Ein schöner Beinteppich legt sich dabei auf die Glaswand, die Beine fließen zusammen und dann in einen dickeren Strom ab. Ich halte das Glas an die Nase, und direkt ist die süßliche Zwetschge da. Sie kombiniert sich sofort mit ebenfalls süßen Gewürztönen, Vanille, Zimt, vielleicht etwas Ahornsirup und Kokosnussfleisch. Die Reifungsnoten sind für mich zweigeteilt – da kommen die klassischen Aromen der Fassreifung zusammen mit minimalen Rumrückständen, die das Fass noch ausgekleidet hatten, bevor es mit dem Obstbrand neu belegt wurde (welcher Rum es war, bleibt bei Onsen leider Betriebsgeheimnis).

Der erste Antrunk kommt einem noch sehr süß vor, ziemlich schnell holt aber eine milde Holzigkeit die Süße ein und wandelt sie in Bittersüße um, einhergehend mit einer vorsichtigen Trockenheit, die im Verlauf noch zunimmt. Dabei bleibt natürlich die natürliche Frucht durchgängig vorhanden und verhindert ein Kippen in kratzige Adstringenz. Die Textur gibt sich ebenfalls keine Blöße, voll und breit zeigt sie sich fast schon schmeichlerisch am ganzen Gaumen und der Zunge, wobei zum Abgang hin sehr feine Pfefferwürze aufkommt, die die Zunge kitzelt. Mit 42% Alkoholgehalt ist dieser Brand leicht höher eingestellt als der eben getestete Vorgänger. Der Abgang ist dann eine Mischung aus Zwetschge, Pflaume, Rosinen und darüber eine jasmin-wintergrünige Blumigkeit, unterstützt von nur noch einem Hauch von Vanille und Zimt. Die Zunge bleibt eine Weile belegt, die Aromen klingen währenddessen nur sehr langsam ab: einige Minuten dauert das bestimmt und macht die Frühe Hauszwetschge (Rumfass) zu einem dauerhaften Genuss.

Tatsächlich hatte ich sogar eine Viertelstunde nach der Probe immer noch Aromen des Brands im Mund, eine gute Leistung, würde ich sagen. Gerade solche Eigenschaften suche ich in Spirituosen, die ich gern in Cocktailrezepten einsetzen würde – die gereifte Zwetschge aus dem Hause Onsen sorgt jedenfalls zum Beispiel für einen herausragend guten Plum Cocktail.

Kommen wir nun zum letzten Produkt des Trios, hier haben wir einen Geist vor uns, keinen Brand – der Unterschied ist, dass ein Brand tatsächlich aus dem Fruchtzucker des Basismaterials fermentiert und dann gebrannt wird, während ein Geist eine Mazeration darstellt – in Alkohol eingelegt geben die Früchte den Geschmack ab. Das macht man gern für Obst, das von sich aus nicht viel Fruchtzucker hat, wie zum Beispiel Himbeeren, oder eben für Basismaterialien, die diesbezüglich gar nichts aufweisen, wie ein Pilz. Der Geist vom Fichten-Steinpilz, abgefüllt mit 40% Alkoholgehalt, wurde aus von Hand vom Brenner selbst gesammelten Steinpilzen aus der Region Freiburg hergestellt – die Menge, die für einen Liter davon benötigt werden, wird leider nicht verraten.

Zur Optik gibt es nicht viel zu sagen. Nach dem Schwenken liegt ein dichter Beinchenwald an der Glaswand, der eine Weile steht, bevor er abfließt. Der Steinpilz ist einer der beliebtesten Speisepilze, unter anderem auch deswegen, weil er seinen intensiven Geschmack auch beim Trocknen und Kochen behält. Und auch beim Vergeisten, wie man hier sieht – kaumt hält man die Nase ans Glas, hat man direkt Eindrücke von frisch geschnittenem Steinpilz, mit all dem, was ich persönlich damit assoziiere: Risotto mit Pilzen, Semmelknödel mit Pilzcremesauce und ähnliche Speisen. Das geht teilweise in eine leichte Chlorbleichenote über, die sich dann schnell wieder in etwas Brotiges wandelt. Ja, ungebackener Brotteig, frisch angesetzt, das ist definitiv da.

Im Mund ist der Pilz zunächst nicht ganz dominant, hier meint man eher, einen modernen Gin im Glas zu haben, kräuterig, frisch, mit leichter Süße und ebensolcher Adstringenz. Im Verlauf entwickelt sich der Pilz, erreicht dann einen Peak in der Aromatik, und verflacht dann wieder etwas (aber ohne dass der Boletus komplett verschwindet), bis die schon geschnupperte Brotteignote übernimmt, und eine schöne Erdigkeit aufkommt, mit der der Geist ausklingt. Pfeffrig und frech wird er am Ende, mit deutlichem Vereisen der Zungenoberfläche. Die Kombination aus Kräutern und wirklich kräftigem Steinpilz ist sehr ungewohnt und für eine Spirituose sicherlich überraschend – ich stelle mir vor, dass soetwas hervorragend als Übergangsdigestif in einer Speisenfolge funktioniert, zum Beispiel von einer Suppe zum Hauptgericht. Food Pairing ist ja durchaus ein Trend, der inzwischen auch Spirituosen im Blick hat, der Geist vom Fichten-Steinpilz hat das Potenzial, hier dem Genießer eine interessante Erfahrung zu bieten.

Ich habe mir darum zunächst überlegt, mit dem Steinpilzgeist etwas Verrücktes zu machen. Letztlich aber ist so ein Geist ja schon an sich aromatisch ungewöhnlich genug – wenn man da dann noch überdreht, kommt er nicht mehr wirklich zur Geltung. Also ist der Porcino Sour ein einfacher Gin Sour mit reduziertem Gin und dafür dem Steinpilzgeist. Er schafft es immer noch, sich sensorisch zu zeigen, kombiniert sich sehr hübsch mit der Zitrone und dem Gin, und ergibt damit einen erdig-süffigen Drink, bei dem besonders im Nachgeschmack ein zarter Steinpilzgeschmack nachklingt – für mich als Pilzfreund etwas richtig Unterhaltsames.

Porcino Sour Cocktail

Porcino Sour
1 oz / 30ml Geist vom Fichten-Steinpilz
1 oz / 30ml Dry Gin
1 oz / 30ml Zitronensaft
½ oz / 15ml Zuckersirup
1 Eiweiß
Auf Eis shaken.

[Rezept nach Helmut Barro]


Reden wir zu guter Letzt noch über die äußere Erscheinung – die kleinen „halben“ Flaschen (ein Trend, den ich voll unterstütze – grundsätzlich lieber kleine Mengen abfüllen, liebe Hersteller!) im eckigen Design lassen sich in der Heimbar gut platzieren, gerade weil das Etikett die Hauptinformationen auf der schmalen Seite platziert. Schöne, durchdachte Idee! Auch der Rest überzeugt, früher kannte ich diese hier verwendeten Glasstöpsel als etwas schwierig zu öffnen, doch hier klappt das ganz einfach und ohne Mühe, und es sieht einfach gut aus.

Insgesamt haben mich diese drei Produkte der Destillerie Onsen aus Freiburg überzeugt – die Reihe zeigt mir, dass sie dort gute Fruchtbrände machen können, wissen, wie man sie überzeugend reift, und auch genug Kreativität dafür da ist, ungewöhnliche Basismaterialien in hoher Qualität zu verarbeiten. Gerade die Ausdauer im Abgang ist ein echtes Merkmal dieser Produkte, da hat man wirklich lange was von jedem einzelnen Schluck. Schön zu sehen, dass das Handwerk des Obstbrennens trotz der anfangs geschilderten Probleme in Deutschland weiterhin Zukunft hat!

Offenlegung: Ich danke der Destillerie Onsen für die kosten- und bedingungslose Zusendung der drei Flaschen ihrer Brände/Geiste.

Zigarre am Freitag – Rocky Patel Vintage 1990 Juniors

Ich rauche wirklich nicht viel, Zigaretten habe ich mal im Studium probiert und schnell wieder abgelegt, die eine oder andere Zigarre dagegen kommt mir schon hin und wieder ins Haus. Also nicht ins Haus direkt, denn ich rauche nur im Freien, ich mag den Duft einer Zigarre für eine Weile, aber danach will ich in einem Zimmer ohne Qualm weiterwohnen. Darum sind Zigarren für mich entweder mit Freunden, die ich an Events treffe, ein Thema, oder aber im heißen Sommer, wenn man abends lange draußen sitzen kann. Nicht, dass der Sommer 2021 diesbezüglich wirklich viel zu bieten gehabt hätte, weder vom einen noch vom anderen, aber immerhin: Ich habe mich nach langer Abstinenz mal wieder umgeschaut, was die Tabakwelt so gerade zu bieten hat. Und die Rocky Patel Vintage 1990 Juniors konnten mich sowohl von der Aufmachung als auch von hier und da gelesenen Beschreibungen überzeugen. Und so landete der Inhalt der sehr attraktiv aufgemachten 5er-Blechbox in meinem Minihumidor, der genau meine Menge von maximal 8 Zigarren in dem von mir präferierten Kleinformat fasst.

Rocky Patel Vintage 1990 Juniors Aschenbecher

Die Juniors, das sind Perlas, ein Kleinformat, das eine gute halbe Stunde Vergnügen bereitet – alles, was diesbezüglich darüber hinausgeht, ist mir als Wenigraucher zuviel. Die Doppelbanderole ist im selben Design wie die kleine Blechdose, ich lasse sie fürs erste dran, während ich die Zigarre mit einem Doppelklingencutter anschneide und langsam entzünde.

Der Tabak der 5-7 Jahre alten Einlage stammt aus der Dominikanischen Republik und Nicaragua und wird von einem Umblatt aus Nicaragua zusammengehalten; das Deckblatt kommt aus Honduras und wurde 12 Jahre gereift (die Reihe wurde 2003 auf den Markt gebracht, daher auch der Titel „Vintage 1990“). Dieses ist glatt, aber leicht geadert, mit einem mittleren Braunton. Kalt riecht die Zigarre würzig, dunkel, leicht brotig, nach lang gelagertem Heu. Sie gibt auf Druck deutlich nach. 

Nach dem Anzünden sind die ersten Züge direkt angenehm, mit nur leichtem Zugwiderstand, das fühlt sich richtig gut an. Man sieht im Ruhezustand die Durchlüftung der Zigarre, toll a mano gewickelt. Von Anfang an ensteht üppiges Rauchvolumen, selbst der nicht gezogene Rauch riecht angenehm mild. Vom Geschmack her ist die Vintage 1990 sehr aromatisch, würzig, heuig, mit unterschwelligem Kakao; dennoch bleibt sie eher trocken, herb, leicht nussig, mit Eindrücken von Zedernholz, das könnte an der Ligero-Einlage liegen. Keinerlei Bittere oder Säure an der Anschnittstelle – insgesamt ein sehr rundes, volles Geschmacksbild, nicht zu süß, nicht zu würzig. Ich fühle kein Kratzen im Rachen, und selbst im letzten Drittel wird die Zigarre nie heiß. Einfach gut, und passt ideal zu einem Hefeweizen. Zu guter Letzt erwähne ich noch den geraden Abbrand, mit leicht abfallender Asche, wobei sie auch bei zwei, drei Minuten Rauchpause nicht ausgeht. Eine für meinen Geschmack nahezu ideale Zigarre. Da gibt es für mich nichts zu verbessern. 

Wie gesagt, eine gute halbe Stunde (die 20 Minuten, die in vielen Shops genannt werden, halte ich für hektisch!) raucht man daran, ich sitze dabei auf der Terasse und „genieße“ dazu meine oft etwas komplizierte Nachbarschaft – es hat hin und wieder etwas von sozialanthropologischer Fallstudie, so arrogant das klingt; da muss man durch, wenn man in einem klassischen Arbeiterviertel mit sehr hohem Migrationsanteil wie Saarbrücken-Burbach wohnt, wo die Gentrifizierung wahrscheinlich niemals ankommen wird. Nun, man sieht das „echte Leben“ hier, eine Lektion, die auch ihr Gutes hat. Ein schönes hopfiges IPA oder das erwähnte Hefeweizen dazu, und die Entspannung setzt am Ende doch ein.

Ich bin nicht böse, direkt die 5er-Dose dieser Juniors geholt zu haben – sie machen Spaß, sind unkompliziert und treffen meine Vorlieben, was Dauer und Geschmack angeht. Es gibt noch andere Vintage-Zigarren von Rocky Patel, diese werde ich mir nach dieser Box sicher auch noch anschauen.

Familienzusammenführung – Booker’s Bourbon

Der verlorene Sohn – endlich kommt er heim. Der Booker’s Bourbon ist ein weiterer Verwandter aus der Jim-Beam-Small-Batch-Serie; das fehlende Element der Familie für mich, denn ich hatte bereits den Basil Hayden’s, Knob Creek und Baker’s Bourbon verkostet, die die anderen Mitglieder dieser Serie sind. Seit neuestem ist allerdings noch der Knob Creek Rye dazugekommen, irgendwie werde ich also nicht fertig mit dieser Verwandschaft. Aber eins nach dem anderen, jetzt erstmal zum Booker’s, von dem ich mir eine Flasche aus dem „Batch 2014-06“ geschnappt hatte.

Bei manchen Spirituosen muss man froh sein, wenn man überhaupt eine grobe Richtung erfährt, wie alt das Produkt ist – auf dem Etikett dieses Whiskys findet sich die Altersangabe „7 Jahre, 2 Monate, 14 Tage“, da steigen mir als Freund der Transparenz Freudentränen in die Augen. Ich lasse mir dadurch allerdings nicht die Sicht verschwurbeln darauf, dass „Small Batch“ bei derartigen Produkten ein extrem relativer Begriff ist und auch bei den kleinen Abteilungen im Hause Jim Beam eher amerikanische Größenverhältnisse als Maßstab anzulegen sind denn der Ausstoß eines kleinen Handwerksbetriebs. Nun, das muss ja aber auch nicht schlecht sein – meine persönliche Meinung: ein gut gemachtes Mengenprodukt ist einem schlechten aus einem kleinen Betrieb vorzuziehen. Schauen wir mal, was wir hier haben.

Booker's Kentucky Straight Bourbon Whiskey

Farblich sehen wir ein dunkles, leuchtendes Kupfer, das sich sehr schwer und dick im Glas bewegt. Am Glasrand entsteht ein öliger Film, der lange haften bleibt und sich dann nur langsam in Beinchen aufteilt, die träge ablaufen.

Die Nase muss man nicht ins Glas halten, nach einem vorsichtigen Schwenken riecht man die Aromen bis einen halben Meter entfernt ohne Mühe – reife Früchte, frisch geschnittene Karotte, Karamellbonbons, warmer Schokoladenkuchen, Vanille und einen Hauch von Lack. Ein Geruch, der jedem ohne viele Worte direkt erklären sollte, warum ich guten Bourbon so liebe.

Nehmen wir einen Schluck, zunächst ohne Verdünnung – bei 63,85% Alkoholgehalt oder 127,7 Proof ist das durchaus noch möglich, wenn für mich persönlich auch nicht so wirklich sinnvoll und erstrebenswert. Was passiert, wenn man so einen starken Bourbon pur trinkt? Erstmal kommen durchaus Aromen durch; doch sehr schnell fängt dann die Zunge, das Zahnfleisch und der Gaumen an zu kitzeln, die Alkoholschärfe betäubt mit lautem Brummen alle Geschmacksknospen, man schmeckt nur noch einen kleinen Teil dessen, was dieser Whiskey liefern kann. Eine Verschwendung! Eine Spirituose in Fassstärke unverdünnt zu trinken, führt nach meiner persönlichen Meinung nur dazu, dass man sie nicht wirklich würdigen kann, denn die vordergründigen Geschmacksaspekte überdecken alles an Komplexität und Tiefe.

Booker's Bourbon Glas

Entsprechend wirkt der Booker’s Bourbon unverdünnt im Antrunk zunächst flach und schal. Der Verlauf ist zwar süß, aber die Hitze des Alkohol sorgt für kaum Aromen, außer den typischen, die Bourbon ausmachen – Vanille, reife, dunkle Früchte und Karotte. Der Abgang ist mittellang und unspannend. Man merkt, dass da etwas ist, aber der Geschmacksapparat kann es nicht wirklich auseinanderdividieren.

Ich gebe ein paar Tropfen Wasser aus einer Pipette dazu, in etwa soviel, um vielleicht ein Dutzend Prozente wegzunehmen. Der geruchliche Eindruck verändert sich, wirkt saurer und würziger. Im Mund denkt man, etwas ganz anderes zu haben – der Booker’s ist nun plötzlich sehr dicht, unglaublich voluminös, prachtvoll; und das, obwohl er „verdünnt“ wurde. Er zeigt nun, was in ihm steckt: Kraft, Wucht, Stärke, sehr breite Aromenspektren vor allem in Richtung Würze und Umami-Eindrücken, fast schon salzig. Tabak und Röstaromen entstehen, Espresso und geröstete Nüsse fliegen mit. Das Mundgefühl ist grandios, ölig, cremig, schwer. Es geht bei diesem Whiskey weniger um die Breite an Aromen: das Mundgefühl ist es, was den Booker’s für mich so besonders macht. Darunter liegt immer eine starke, natürliche Süße. Der Abgang ist nun lang, Aromen kleben fast schon am Gaumen und am Zungenrand, Karotte und Vanille bleiben minutenlang aktiv, hauchige Eukalyptuskälte spürt man bei jedem Atemzug im Mund. Der Nachhall ist im Rachen und Magen dagegen sehr warm, rund und befriedigend; man kann einen Schluck fünf oder sechs Minuten danach noch nachfühlen und genießen.

So eine Wuchtbrumme übernimmt natürlich dann auch ohne jede weitere Aufforderung die Hauptrolle in einem Mixed Drink. Braucht man mal einen Bourbon, der sich gegen richtig schwere Zutaten durchsetzen kann, wie die gemuddelten Erdbeeren im Bourbon Blush, dann ist der Booker’s Bourbon genau die Waffe, die der Cocktailkämpfer braucht.

Bourbon Blush


Bourbon Blush
3 Edbeeren muddeln
2 oz Bourbon
¾ oz Himbeerlikör
¼ oz Ahornsirup
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Simon King]


Selbst von der Präsentationsseite sorgt dieser Whisky für großen Spaß bei mir – auch wenn ich inzwischen weg davon bin, die ganzen Kartons und Gimmicks, in denen Spirituosen ausgeliefert werden, aufzubewahren, so wird der Holzkasten mit transparentem Plastik als verschiebbarem Sichtfenster noch einen guten Verwendungszweck in meiner Heimbar finden. Die Weinflasche mit den vielen Etiketten, die mit sehr viel Pseudohandschrift befüllt sind, und dem Wachsverschluss gibt darüberhinaus dem Auge einiges zu tun. Ein tolles Produkt, von vorne bis hinten.

Bier am Freitag – Stone White Geist Berliner Weisse

„Gebraut in Berlin“ steht auf der Dose, man sieht daran, dass sie etwas länger in meinem Kühlschrank lag, versteckt vor dem Blick und deshalb etwas vergessen hinter diversen anderen Dingen, die man halt so im Kühlschrank hat. Ich müsste häufiger aufräumen da drin! Seit April 2019 hat sich Stone Brewing aus Berlin zurückgezogen, ein sehr ambitioniertes Projekt, den Deutschen das amerikanische Craftbier näherzubringen, scheiterte aus vielerlei Gründen. Der Stone-Freund, zu denen ich mich durchaus zähle, ich mag ihre frechen, oft sehr wuchtigen Biere, kann natürlich weiterhin auf die Brauerei zählen, es wird nur halt nicht mehr in Deutschland gebraut. Mit leichtem Seufzen öffne ich darum die Dose des Stone White Geist Berliner Weisse, gebraut in Berlin, der Heimat dieses Sauerbierstils.

Stone White Geist Berliner Weisse

Ich sehe: sehr grobblasigen, hohlen Schaum, der sich zunächst zwar wild auftürmt, dann aber sehr schnell in sich zusammenfällt. Nach kurzem Warten bleibt nur ein grober Rand am Glas zurück. Die Flüssigkeit selbst ist hefetrüb, blassgold. Die Nase nimmt direkt Zitrone, grünen Apfel, milden Weinessig und Grapefruit wahr. Fruchtkaugummi- oder Zuckerwattesüße und Mango liegen darunter.

Man spürt direkt beim Antrunk die stiltypische Säure, die das Geschmacksbild wie erwartet dominiert, und durch den Verlauf bis zum Abgang sogar noch zunimmt. Ein schöner Körper und eine unterschwellige Süßlichkeit balancieren das ganze aus. Deutliche Fruchtnoten nach Ananas, Apfel und Limette kommen dazu. Die Rezenz ist gut, die Karbonisierung ebenso wie der Alkoholgehalt von 4,7% fühlen sich sauber eingebettet an. Der Abang ist aromatisch dann eher kurz, durchaus noch fruchtig-blumig, mit vielen länger andauernden Säureeffekten im ganzen Rachen und am Gaumen.

Eine schöne fruchtige Berliner Weisse, für Stone-Verhältnisse rund und ausbalanciert und fast schon zurückhaltend, dabei nicht aufdringlich oder wild. Ein schöner Mittelweg für ein Sauerbier – eine Weisse für Einsteiger.

Das Goldene Zeitalter – Ron Libertad Dorado

Der moderne, leicht nerdig angehauchte Rumfreund wird immer wissbegieriger. Vor einigen Jahren war es noch das höchste der Gefühle, herauszufinden, aus welcher Destillerie ein Rum überhaupt stammt – die Hersteller übten sich in, sagen wir es positiv, Diskretion, und gaben auf Etiketten praktisch nichts über die Produktionsweise ihres Produkts preis. Das änderte sich Schritt für Schritt, irgendwann wurde auch der Unterschied zwischen Pot Still und Column Still interessant, dann die Art der Holzreifung und Fasshölzern, irgendwann Marks und chemische Zusammensetzungen, schließlich noch Fermentationsdauern und -methoden, und im Moment gehen wir sogar runter bis auf die Arten des Zuckerrohrs, die für den Rum jeweils eingesetzt werden. Das interessiert natürlich nur noch eine Handvoll Menschen, das ist mir klar, gerade in einem Bereich, der sich mit Genuss beschäftigt: zuviel Kopf ist dem Genuss oft abträglich.

Dennoch finde ich als Genießer, der gleichermaßen mit dem Magen wie mit dem Hirn genießt, es immer sehr angenehm, wenn ich derartige Details heutzutage nachlesen kann, und dahingehend sind wir wirklich in einem goldenen Zeitalter für den interessierten Rumfreund angekommen. Beim einjährig gereiften Ron Libertad Dorado (das spanische Wort für „vergoldet“ spielt auf die Farbe, die der Rum bei seinem Jahr im Fass aufsammelt, an) kann man zum Beispiel schnell herausfinden, dass dieser „Ron de Caña“ aus dem südmexikanischen Bundesstaat Chiapas aus dem ausgepressten Saft der drei Zuckerrohrarten Criolla, Vetada und Violeta hergestellt wird. Hier zeigt sich dann aber, dass manche Fakten aber für die allermeisten unter uns keine Information mehr darstellen, sondern eben nur noch Fakten sind: Hand aufs Herz, wer von meinen Lesern hat je den Unterschied zwischen verschiedenen Zuckerrohrarten tatsächlich selbst geschmacklich probiert und kann etwas über die Vor- und Nachteile dieser Sorten sagen? Nun, immerhin, wir wissen es jetzt, und mit diesem Wissen machen wir uns ans Probieren.

Ron Libertad Dorado

Ein blasses Messing erwartet uns im Glas, das entspricht durchaus dem, was ich beim Reifungsalter dieses Rums erwarte. Er schwenkt sich auch recht lebendig, mit einem Anflug von Widerstand, und der Film, der sich dabei an der Glaswand bildet, läuft schnell in dicken Beinen ab.

Wenn man die Nase ins Glas hält, ist man zunächst etwas verblüfft – ein durchaus eigener Geruch findet sich da. Sehr grün, sehr pflanzlich, erinnernd an geschnittene grüne Blätter, frisch geerntetes Heu und Algen, unterstützt von einer deutlichen Mineralität, die Reminiszenzen an feuchten Kies und Lehm erzeugt. Etwas Vanille sorgt für Süße, und im Hintergrund meine ich, eine leichte Blumigkeit zu finden, die mich an blühende Kräuter und tropische Blüten denken lässt. Da ist eine leichte Ethanolnote, nicht stechend allerdings, mehr ein alkoholischer Hauch. Irgendwie fühle ich mich wie bei einem Zwischending, das Tequila reposado und ungereifte Cachaça verbindet. Ungewohnt, aber interessant.

Ron Libertad Dorado Glas

Auch im Mund geht die Reise ins Unbekannte weiter. Der Antrunk wirkt zunächst sehr von der mineralischen Feuchtkieskomponente beherrscht, hat Anflüge von Lakritz, Fenchel und beinahe schon erbsig-gemüsige Töne, Gurkenwasser und Senfsamen, das erwartet man so gar nicht. Im Verlauf wird die zu Beginn leicht vorhandene Süße komplett durch wildes, pfeffriges Feuer ersetzt, da ist mehr Wucht drin, als die 44% Alkoholgehalt andeuten, das gefällt mir sehr. Und ich finde dann auch viele Holzeffekte und -aromen, trotz der kurzen Reifung. Zuckerrohraromen entwickeln sich langsam aber stetig, um gegen Ende dann wieder in die vegetale Mineralität zurückzugleiten, die dann schon durchaus salzig wirkt. Der Abgang ist trocken und bitter, sehr pikant, jugendlich scharf eigentlich schon, kitzelt die gesamte Zunge und hinterlässt einen leichten Alkoholhauch im Mund. Aromatisch ist er eher kurz, hinterlässt einen metallischen Ton, der sich aus der Mineralität entwickelt.

Insgesamt empfinde ich den Ron Libertad Dorado als ein interessantes Zwitterwesen zwischen Spirituosen, die ich kenne; die Kombination ist ungewöhnlich und hat durchaus ihren Reiz, letztlich wirkt der Rum dadurch aber gewöhnungsbedürftig. Man kann jedenfalls nicht über ihn sagen, dass es „halt noch ein Rum“ ist – im Gegenteil, er ist sehr markant und eigenständig im breiten Spektrum der Rumwelt in einem ganz eigenen, kleinen Segment verortet.

So einen Rum würde ich nicht in Rezepten einsetzen, bei denen man auf ein bestimmtes, bekanntes, gewohntes Geschmacksbild hingerichtet sind. Der Sand Dollar ist allerdings ein gutes Beispiel dafür, wie der Ron Libertad Dorado einem Rezept seinen Stempel aufdrücken kann; die restlichen Komponenten geben Körper dazu und ergänzen die Aromatik.

Sand Dollar Cocktail


Sand Dollar
1½ oz leicht gereifter Rum
¾ oz Holunderblütenlikör
1 oz Zitronensaft
¾ oz Orgeat
3 Spritzer Zitronenbitter
Auf Eis shaken. In einem Glas mit Lavendelzuckerrand servieren.

[Rezept nach Max Solano]


Mir gefällt das Flaschendesign mit der groben Stoffumhüllung, bunt bedruckt, am Rand apart ausgefranst; die Präsentation passt wirklich zum Inhalt. Die kleinen Miniaturen, die ich dazu erhalten habe, haben ein Papieretikett mit demselben Design. Ich probiere die ungereifte Variante immer gern dazu, um zu vergleichen, wie die Reifung die Spirituose verändert; dank der Miniaturen kann ich das hier unkompliziert tun.

Ron Libertad Blanco

Schon der Unterschied im Geruch ist frappierend – der weiße Rum ist sehr viel fruchtiger, aromatischer in Richtung gewohnter Zuckerholzsaft-Brände, offensichtlich nimmt die Eichenholzfassreifung diese Komponente etwas weg. Sie betont dafür die Vegetalität und Mineralität, die bereits im ungereiften Produkt klar vorhanden, wenn auch deutlichst weniger ausgeprägt ist. Im Geschmack verschwimmt der Unterschied etwas, doch auch hier gilt, dass der weiße Rum süßer und zuckerrohrfruchtiger ist. Vanilletöne aus dem Holz sind vielleicht die größte Veränderung, die den Dorado betreffen. Gleich bleibt die Pikanz und die Effektivität am Gaumen und der Zunge, und die leichte Salzigkeit. Ein spannender Vergleich jedenfalls, der mich dem Ron Libertad in Gänze noch mehr zugetan macht.

Wer sich für ungewöhnliche Spirituosen interessiert, die man durchaus pur trinken kann, die aber auch in Cocktails einen gewohnten Rezept einen Twist geben können, der darf sich hier bedienen!

Offenlegung: Ich danke tequila-kontor.de für die kosten- und bedingungslose Zusendung eines Samples des Ron Libertad Dorado und des Ron Libertad.

Bier am Freitag – Ayinger Celebrator Doppelbock

Die Helden des Radsports fahren gerade zum Cormet de Roselend auf knapp 2000m hoch, an einem sehr regnerischen Tag, und nicht nur in den französischen Alpen regnet es, auch hier in Saarbrücken schüttet es den ganzen Tag wie aus Eimern. Anfang Juli hatte ich eigentlich auf besseres Wetter gehofft, die Radlerprofis bei der Tour de France 2021 sicher auch, aber im Gegensatz zum Hochenergie-Gel, das die Sportler während ihrer Quälerei den Berg hoch essen, trinke ich lieber beim Zuschauen auf der Couch ein gemütliches Bier, für das Wetter passt ein dunkler Doppelbock einfach gut, und der Ayinger Celebrator Doppelbock lag schon eine ganze Weile in Kühlung bei mir – manchmal muss man die Chance ergreifen, die sich bietet!

Ayinger Celebrator Doppelbock

Es ist, wie gesagt, ein trüber Tag, darum kann ich das Bier kaum ins Gegenlicht halten, um zu prüfen, ob die schwarzbraune, dicke Flüssigkeit auch da keinerlei Durchschaubarkeit bietet. Ein bisschen Rubinrot schimmert durch. Der Schaum ist dünn, cremafarben, bedeckt nur wenig der Bieroberfläche. Die Nase gefällt dem Starkbierfreund durch dunkle Malztöne, röstig, kräftig, nussig. Ein bisschen Holzkohle, leichte Rauchigkeit, ohne dabei speckig zu werden. Ein Anflug von Hopfen bietet aufhellende Frische, dezente Frucht, doch die Stoßrichtung des Celebrators ist klar – eine schwarze Seele liegt da im Glas.

Süßlich, nussig, röstig mit milden Kaffeearomen, man sieht, der Gaumen bestätigt die vorherigern Eindrücke. Eine grandios schwere Textur legt sich auf den gesamten Mundinnenraum, prickelt da leicht beim Ablaufen, die Süßlichkeit wird komplementiert durch eine deftige, aber grundsätzlich gut integrierte Bittere. Im Verlauf wird das Bier sogar immer herber, kaffeelastiger, hier meint man zwischendurch auch immer wieder, eine helle Zitrus- und Aprikosennote rauszuschmecken; jedenfalls ist trotz der dunklen Eindrücke der Bock durch eine hübsche Säure immer frisch und rezent. Der Abgang ist mittellang, rundet sich hier dann, fügt all die gesammelten unterschiedlichen Aromen und Effekte zusammen, und endet schließlich süßbitter, erhält dabei die Gaumeneffekte der Bittere und Säure lange aufrecht im Nachhall.

Ein wuchtiger Doppelbock, da steckt in dem kleinen 33cl-Fläschchen ein echter Kerl, ohne dabei zum Krawallbruder zu mutieren – eine sehr gelungene Komposition, die uns das Traditionsbrauhaus Ayinger da serviert. Nicht für jeden Tag, sicher, aber nach der Anstrengung der Bergankunft an einem so feuchtkalten Tag eine lohnenswerte Belohnung für den Couchsportler.

Fasern und Ton – Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey

Man sieht es im Titel – da haben wir schon wieder so eine Spirituose, bei der man erstmal gar nicht weiß, was die ganzen Namensbestandteile bedeuten. Es gehört natürlich mit zu meinem Leserservice, dies aufzuschlüsseln, schließlich hat man als Schnapsblogger, ich wiederhole mich gerne, auch einen Bildungsauftrag. Was verbirgt sich also hinter dem unhandlichen Namen Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey?

„Mezcal Vago“ ist natürlich erstmal der Markenname, so weit, so gut. „Ensamble“ bedeutet, dass hier eine Mischung von Agavensorten als Rohmaterial eingesetzt wurden. Das lässt sich hier sogar sehr genau auf dem Etikett nachvollziehen – 80% Espadín, 20% Coyote. Es werden für jeden Batch die eben reifen, verfügbaren Agaven genutzt, kein Batch gleicht darum dem anderen. Gekocht werden die Agaven 2 bis 3 Tage in einer Erd- oder Steingrube, befeuert mit Eichenholz. Danach werden sie von Hand in einem Trog zerkleinert. Die Fermentation holt sich die Hefen aus der lokalen Luft, während sie in 1000l-Pinienholzfässern und ausgehöhlten Zedernholzstämmen („Canoa de Sabino“) vor sich hin brodelt. Zu guter letzt erfolgt die doppelte Destillation direkt auf einen Zielalkoholgehalt von 48,3% hin (es findet kein Zusatz von Wasser statt), und die ist das sehr Spezielle hier: Brennmeister Salomón `Rey „Tío Rey“ Rodriguez verwendet dafür in seiner Palenque in Gulerá, Sola de Vega/Oaxaca (NOM 0188X), kleine 50l-Potstills aus Ton („olla de barro“ – hier also das letzte Namensdetail). Entsprechend dieser sehr aufwändigen Produktionsmethode entstehen auch nur winzige Abfüllmengen – nur knapp über 500 Liter sind für diese Abfüllung 2019 hergestellt worden.

So, damit sollten wir alle Fragezeichen geklärt haben! Dem Genuss steht nichts mehr im Weg!

Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey

Ungereifter Mezcal ist natürlich klar, idealerweise brilliant und ohne jeden Fehleinschluss von Partikeln oder ähnlichem. All das sieht man bereits in der Flasche, im Glas kann man zusätzlich beim Schwenken noch die leichte Öligkeit wahrnehmen, die dafür sorgt, dass die Flüssigkeit nach dem Drehen des Glases ziemlich schnell wieder still steht. An der Glaswand laufen klar voneinander abgrenzbare Beine dick und langsam ab.

Die Nase beginnt mit einer klaren Rauchkomponente, nicht speckig oder dreckig, sondern sauber, wie von einem Stück frisch angezündeter Holzkohle. Nur initial riecht man das im Vordergrund, schnell geht dieser Rauch in die paradoxerweise oft verwandte dunkle Fruchtnote von Pflaume und reifem Pfirsich über. Im Verlauf wandelt sich das sogar in frischere tropische Frucht, Papaya und Ananas. Gegen Ende finde ich darüber hinaus noch Rosenblüten und eine dazu überraschend orthogonale Note von Leder und Kaffee. Man sieht, ein buntes Aromenspiel in viele Richtungen, komplex und spannend. Ein leichter Alkoholhauch lässt das ganze dann aber doch erwachsen und nicht überschmeichelnd erscheinen.

Mezcal Vago Ensamble en Barro by Tío Rey Glas

Ein sehr weicher Antrunk läutet die Geschmacksverkostung ein, süß, rund. Hier spielen Rauch und Frucht weiter miteinander; während bei der Nase letztere gewann, behält hier ersterer über lange Zeit die Oberhand. Ein ledriger, trockener, warmer Rauch, wie aus einer würzigen Zigarre, und nicht wie ein speckiger Braten. Kakao entdecke ich als dunklen Unterbau, mit Eindrücken von Vanille, vielleicht etwas Kokos und gebräunten Zucker. Im Verlauf entsteht Stück für Stück immer mehr Wärme und Pikanz, gegen Ende ist das dann sogar feurig und heiß, ohne alkoholisch zu wirken – dazu wächst die Agavenaromatik mit jeder Sekunde. Trotz der deutlich adstringierenden Trockenheit bleibt eine feine, süßlichcremige Textur; im langen, sehr warmen und hocharomatischen Nachhall kommen wieder ein bisschen Blüten und grasig-grüne Komponenten dazu.

Tío Rey hat mit diesem Mezcal den für mich perfekten Punkt zwischen Rauch und Agavenfrucht getroffen, die beiden kombinieren sich hier aufs Angenehmste, und es entsteht ein extrem komplexes Destillat, das alles zeigt, was guten Mezcal ausmacht. Hier fehlt einem auch kein Fass, man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, einen ungereiften Brand vor sich zu haben – er ist schlicht und ergreifend „reif“, ohne „gealtert“ zu sein.

Laut Robert Simonson, aus dessen neuem (und übrigens sehr empfehlenswerten!) Cocktailbuch „Mezcal + Tequila Cocktails“ ich den Ztinger hier wiedergebe, gehen Mezcal und Minzlikör immer gut zusammen. Er ist natürlich eine mexikanische Variante auf den klassischen Stinger, so schon ein Cocktail, den ich sehr mag – und mit dem Vago hier wird daraus ein erdiger Drink mit einer coolen Frischekante am Schluss.

Ztinger Cocktail


Ztinger
2¼ oz Mezcal
¾ oz Crème de Menthe (weiß)
Auf Eis rühren.

[Rezept nach Robert Simonson]


Natürlich, da bin ich ehrlich, habe ich mir diese Abfüllung zugelegt, weil mein Nachname so prominent auf dem Etikett steht. Das ist ja fast wie eine personalisierte Flasche, auch wenn es reiner Zufall ist, dass mein Nachname im Spanischen eine Bedeutung hat. Auf das Etikett will ich aber trotzdem noch separat eingehen: Die grobe Struktur und die fühlbare Dicke des Etiketts stammt daher, dass es vollständig aus recycleter Agavenfaser besteht. Eric Rodriguez von El Artesano Taller de Papel stellt kunstvolle Papiere aus den Resten der Mezcalproduktion her, eine nachhaltige und traditionelle Weise der Wiederverwendung, die neben diesen schon für sich allein wertvollen Eigenschaften auch einfach sehr cool aussieht. Ich bin auch dankbar, dass so ein hochwertig hergestelltes Etikett nicht mit irgendeinem Marketinggelaber zugemüllt wird, sondern stilistisch reduziert ebenso wertvolle Informationen zum Flascheninhalt liefert – die ganze Präsentation konzentriert sich darauf, den Mezcal selbst zu betonen, statt irgendwelcher Luftschlösser. Damit punktet man bei mir schon; und da der Mezcal an sich auch alle Erwartungen noch übertrifft, kann ich jedem Agavenfreund nur dazu raten, die zugegebenermaßen hohen Investitionskosten von rund 90€ zu tragen. Hier bezahlt man neben einem tollen Geschmack einfach wirklich auch Tradition, Handwerk und Nachhaltigkeit. Da ist jeder Cent gut angelegt.