Jeder Topf hat seinen Deckel – Brauerei Kraus Hausbräu

Wir Biergenießer befassen uns lang und breit mit Bier, in all seinen Aspekten. Wir diskutieren verschiedene Bierstile, jammern über das Reinheitsgebot oder zelebrieren es, arbeiten uns ab am Begriff „Craft“, denken über Konzernstrukturen und Fernsehwerbung nach und diskutieren Sude, Hopfen, Malze und Fermentierungsdauern. Kurz – der Inhalt der Flasche ist das, was für uns zählt.

Es gibt aber einen Aspekt, den ich zumindest beim Biergenuss bisher völlig außen vor gelassen hatte – und das ist der Kronkorken, der auf der Flasche sitzt und dafür sorgt, dass wir kein abgestandenes Bier trinken müssen. Für gewisse Jäger und Sammler ist der Kronkorken über diesen rein funktionalen Zweck hinaus spannend – er ist ein begehrtes Sammelobjekt. Im Kronkorkenforum treffen sich die Freunde des geformten Flaschendeckels – eine eigene Datenbank, der Bottle Cap Index, dient als Referenz für bisherige Funde, in der sowohl breiterhältliches Massenmaterial als auch seltene Raritäten gepflegt werden: über 1 Million Kronkorken aus aller Welt kann man dort suchen und im Foto bewundern, natürlich neben Bier auch von Softdrinks und allem anderen, was so mit Kronkorken verschlossen wird.Die Kronenkorkensammelszene trifft sich jedes Jahr. Der Ort des Treffens ist der Brauerei-Gasthof Kraus, der auch zu Ehren dieses Treffens eine Sonderbekronkorkung seines gesamten Biers durchführt – mit eigens dafür gestaltetem Kronkorken. Persönlich gehöre ich nicht zu dieser Gemeinschaft und war bei keinem dieser Treffen, allerdings habe ich einen Bekannten dort, und er hat mich freundlicherweise mit ein paar Flaschen des dort gebrauten Biers versorgt: das Brauerei Kraus Hausbräu, Hirschen-Trunk und Weißbier hefetrüb. Wollen wir mal schauen, ob die Sammler bei ihrer Jagd nach seltenem Blech ihren Durst auch mit vernünftigem Bier stillen.

Brauerei Kraus Hausbräu 3 Sorten

Begonnen wird hier nun mit dem Hausbräu. Aufgrund der Empfehlung des Spenders habe ich das Bier in ein Pint-Glas eingegossen und daraus getrunken. In diesem Glas wirkt das Bier hell und kristallklar, die sehr starke und ausdauernde Perlage ist schön sichtbar. Nur einzelne Schaumbläschen bleiben allerdings auf der Oberfläche hängen.

Vom Geruch her gefällt mir das Hausbräu schonmal gut – sehr aromatisch, stark hopfig, milde Malzwürze. Sehr typisch (in einer Zeit, in der ich fast ausschließlich moderne Interpretationen von Bieren trinke, die mit Aromahopfen protzen, sind klassische Aromen ja immer eine Erwähnung wert) und attraktiv. Leichte Hefenoten. Frisch und hell.

Brauerei Kraus Hausbräu Flasche und Glas

Im Antrunk enttäuscht das Bier auch nicht – sehr rezent, knackig und hopfig. Etwas metallisch. Sehr körpervoll im Mundgefühl. Bei 4,7% Alkoholgehalt bewegen wir uns im sortentypischen Rahmen. Der Abgang passt sich in das runde Gesamtbild ein. Mildbitter, mittellang und leicht trocken. Mit einem milden Eisenton klingt das Bier aus. Ich verfalle nicht in Begeisterungsstürme, aber das ist dennoch ein solides, bodenständiges Bier für den Alltag – und, gut gekühlt, ein ideales Bürobier fürs „Bier um Vier“ (für die unter uns, die glücklich genug sind, entsprechende Möglichkeiten zu haben).

Franken, insbesondere Bamberg, hat sich um einen ganz besonderen Bierstil verdient gemacht, indem es ihn sozusagen in einer Kulturtasche am Leben erhalten hat: Rauchbier. Das bekannteste und in Restdeutschland verbreitetste Rauchbier ist wahrscheinlich das Aecht Schlenkerla. Der Hirschen-Trunk ist auch ein solches Rauchbier. Bei dieser Art Bier habe ich sowohl extrem gute als auch extrem schlechte Erfahrungen gemacht, der Bierstil polarisiert bei mir immer stark – in welche Kategorie fällt der Hirschen-Trunk?

Brauerei Kraus Hausbräu Hirschen-Trunk

Optik: Kristallklar und kupferfarben. Starke Perlage. Feiner Schaum, dünne Schaumkrone bleibt. Man ahnt schon am Aussehen, dass hier ein etwas deftigeres Bier auf einen wartet. Das wird dann auch direkt durch den Geruch bestätigt – deutlich speckig, leicht metallisch. Malzaromen. Das Räuchermalz dominiert sehr stark.

Im Mund ist der Hirschen-Trunk erwartungsgemäß rauchig, speckig (aber nicht so stark wie im Geruch), metallisch. Eine überraschend extrem hohe Karbonisierung ist vorhanden, dadurch wird das Bier aber nicht unbedingt übermäßig rezent. Auf jeden Fall ist es aber sehr bitter und dunkelwürzig, fast schon etwas salzig. Ich nehme durch die Röstung keine wirklichen Hopfenaromen wahr. 5,5% Alkoholgehalt ebensowenig.

Auch im mittellangen Abgang bleibt das Bier sehr bitter und ebenso trocken. Der leicht rauchige Nachhall sorgt dafür, dass für mich dieses Rauchbier insgesamt einen sehr positiven Eindruck hinterlässt.

Zu guter letzt kommen wir dann zum urbayrischen Bierstil, dem Weißbier. Das Weißbier hefetrüb der Brauerei Kraus wird traditionell mittels Flaschengärung hergestellt. Schönes, kräftiges Gold, opalisierend, schimmert im Glas – unfiltrierte Biere gefallen mir einfach besser als die geklärten Strahlemänner. Mittlere Perlage. Die sortentypische Schaumkrone ist auf meinem Foto leider schon etwas in sich zusammengefallen. Ebenso typisch wie der optische Eindruck ist der Geruch. Banane, Nelke. Muskatnuss. Leicht hefig.

Brauerei Kraus Hausbräu Weißbier

Das Kraus Weißbier ist süß im Antrunk, sehr weich und dabei doch mit einer klaren Linie, die mir bei vielen Hefeweizen fehlt, und die mir oft zu mild sind. Hier ist Charakter da, das gefällt mir. Dabei bleibt es aber sortentypisch rund und schmeichelnd. Schöne Rezenz, mit hoher Karbonisierung, mit ebenso hohem Rülpsfaktor. 5,5% Alkohol sind enthalten.

Der Abgang ist für ein Weißbier recht lang, trocken und mildbitter, nicht zu süß. Ein sehr ausgewogenes, ideales, geradliniges Hefeweizen ohne Sperenzchen. Davon kann ich auch 2 oder 3 trinken, ohne dass es mir zu einseitig wird. Sicher eins der angenehmsten Weißbiere, das ich in den letzten Jahren hatte.

Es dient entsprechend natürlich auch als Cocktailzutat. Man frage mich bitte nicht nach dem Sinn des Namens des The Danube and the Main – vielleicht verweist man mit dem Hinweis auf den Verbindungskanal (der passenderweise bei Bamberg beginnt) zwischen zwei großen deutschen Flüssen auf das Zusammenwachsen der bisher noch oft getrennten Trinkwelten des Biers und des Cocktails. Für mich persönlich ist Bier aus der Cocktailwelt kaum mehr wegzudenken, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis diese Bewegung in der Breite angekommen sein wird.

The Danube and the Main


The Danube and the Main
2 oz Arrak (z.B. Boven’s Echter Arrak)
1 Spritzer Angostura
½ oz Grapefruitsaft
¼ oz Orangensaft
¼ oz Zitronensaft
¾ oz Zuckersirup
Auf Eis shaken. In ein Glas voll Eis abseihen. Toppen mit…
Weißbier (z.B. Kraus Weißbier hefetrüb)
[Rezept nach Matt Scheller]


Insgesamt gefällt mir die Produktreihe von Kraus sehr gut. Es sind traditionelle Biere mit Charakter, nie langweilig oder oberflächlich – ein Beispiel dafür, wie gut die Bierbasis in Deutschland aufgestellt ist, mit regionalen Spezialitäten in hoher Qualität. Der verwöhnte Genießer würde sich vielleicht ein bisschen mehr Aromenausprägung wünschen, etwas mehr Potenzial zum Explorieren und Verkosten – doch das ist ein Luxusproblem, das ich als Bierblogger habe, das ich nicht zu hoch hängen will.

Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen, Teil 4 – New 2 Oak Barrel Aged Liquor 新②派橡木桶臻藏白酒

Innerhalb eines Kulturkreises neigen wir dazu, ähnliche Vorlieben zu entwickeln. Insbesondere, wenn es um Lebensmittel geht, oder um Spirituosen. Der westliche Genießer präferiert, mal ganz plakativ verallgemeinert, offensichtlich süßliche, milde Brände, wie nachgesüßten Rum, Cognac und Bourbon. Liköre werden immer gern genommen, die teilweise bis zur Hälfte des Flascheninhalts aus Zucker bestehen. Selbst normalerweise härter schmeckende Schnäpse wie Gin oder Vodka werden hinter den Kulissen oft mit Glycerin und/oder Zucker weicher und milder gemacht, um diesem Kleinkindschema „süß-mild-leicht“ gerechter zu werden.

Diese Präferenz für Mildsüße ist aber nicht allernorten fest verankert. Chinesen beispielsweise sind, was starke Alkoholika angeht, ganz andere Kaliber gewohnt – dort sind sehr hochprozentige, charakterstarke und durchaus aggressive Spirituosen beliebt und geschätzt. Was passiert, wenn man normalen Leuten auf der Straße diese andere Welt zeigt, und Chinesen einige Scotches, und Briten ein paar Baijius vorsetzt? Ein spannender Versuch.

Tatsächlich bin ich aber etwas überrascht, wie neutral und eigentlich sogar positiv die britischen Tester auf die ihnen vorgesetzten Baijius reagieren – ich hätte mit verzerrten Gesichtern und ähnlichem gerechnet beim Erstkontakt mit chinesischem Schnaps, der in seiner Aromatik und Stärke doch etwas anders daherkommt als der gewohnte Scotch.

Die Unterschiede sind, und so ehrlich muss man sein, erheblich größer als man bei Betrachten dieses Videos vielleicht denken mag. Aber aktuell ist bei Baijiu eine Bewegung im Gange, diese weite Kluft etwas aufzuschütten – man versucht, dem westlichen Konsumenten etwas entgegenzukommen und die ärgsten Stolpersteine, über die man regelmäßig fällt, etwas abzuschleifen. Der Erfahrung nach sind dies Alkoholstärke und extreme Aromen, und so hat man beim New 2 Oak Barrel Aged Liquor oder 新②派橡木桶臻藏白酒 beides parallel in Angriff genommen. Einerseits ist er mit 38% Alkoholgehalt ein Superfliegengewicht in der Baijiu-Welt, und andererseits wurden durch eine Fassreifung die Fähigkeiten eines Holzfasses genutzt, Ecken und Kanten in der Aromatik weichzuspülen. Für den Baijiu-Freund also eine spannende Sache: Wie schmeckt ein fassgereifter Baijiu denn nun im Vergleich zu ungereiften oder traditionell tonkruggereiften Varianten?

New 2 Oak Barrel Aged Liquor 新②派橡木桶臻藏白酒

Entsprechend seiner für chinesische Verhältnisse unkonventionellen Herstllungsweise passt dieser Baijiu auch in keines der großen Aromenprofile, die wir in dieser Blogreihe schon kennengelernt hatten – von Spirits Selection, wo er beim Wettbewerb Spirits Selection by Concours Mondial de Bruxelles 2016 eine Goldmedaille gewonnen hatte, wurde er recht generisch in die Kategorie „other style“ und „other aroma“ eingeordnet, von der Herstellerfirma Sichuan Tuopai Shede Wine Co, Ltd. wird er sogar als 东方威士忌 „östlicher Whisky“ bezeichnet.

Die Farbe ist ein blasses Strohgold, entstanden durch die Holzfassreifung, hoffte ich zumindest, bis ich auf der lobenswerten Zutatenliste des Rücketiketts den Eintrag 色 fand – Zuckerkulör. Von der Konsistenz unterscheidet er sich nicht von anderen Baijius; kaum viskos, wenig Beine am Glas.

Der Geruch lässt mich zunächst vermuten, dass es sich hier um einen abgewandelten Leichtaroma-Baijiu (清香) handelt – er wirkt sehr typisch dafür, mit dem ausgeprägten Pfirsichferment-Aroma, das mich persönlich so an weiße Gummibärchen erinnert. Tatsächlich sind aber bei genauerem Hinschnuppern deutliche Vanille- und Bananenaromen vorhanden, die den 新②派 davon dann abheben. Etwas Zitrusfrucht rieche ich auch heraus, gattungstypische Lakritz und Anis fehlen natürlich nicht.

Im Antrunk ist eine Kombination aus mildem Süßholz und ebenso zurückhaltendem Anis vorherrschend; auf den zweiten Geschmack kommt eine wunderbare Vanillenote hervor, und ein Anklang an medizinale Aromen, wie man sie von Scotch kennt und schätzt. Anflüge von Holz. Etwas Menthol. Im Vergleich zu vielen anderen Baijius wirkt er fast etwas wässrig, oder besser gesagt: Leichtkörprig. Ich gehe soweit, ihn elegant zu nennen.

New 2 Oak Barrel Aged Liquor Glas

Der Abgang ist mildsalzig, pfeffrig, chili-ig. Mittellang, sehr warm und weich. Wie schon gewohnt bei Baijius ist der Abgang spektakulär, wenn auch nicht ganz so wie bei höherprozentigen Kollegen. Der Nachhall ist dann wieder stark Vanille, dazu Milchschokolade. Etwas anästhesiert bleibt die Zunge zurück.

Ein ausgesprochen attraktiver Tropfen, das muss ich schon sagen: Die Kombination aus traditionellem Baijiu und westlichen Reifungsmethoden (leider aber auch bis hin zur Verwendung von E150a) ergibt einen echten Winner. Damit kann man selbst in deutschen Bars leicht hausieren gehen, da bin ich mir sicher; die erwähnte Bezeichnung „östlicher Whisky“ passt genau und trifft den Charakter dieser Spirituose perfekt.

Wer meine Cocktailempfehlungen auf meinem Blog verfolgt, hat ja schon gesehen, dass man ein Glas ausspülen, aussprühen oder räuchern kann, um kleine Nebenaromen, hauptsächlich für die Nase, mit in den Drink zu bringen. Das hier vorgeschlagene Ausflammen des Gästeglases mit Overproof-Rum soll laut Erfinder des Cocktails Erinnerungen an ein altes chinesisches Armee-Motorrad mit Beiwagen wecken – daher passend auch der Name Beijing Sidecar. Alt und qualmend soll es sein, und das wird durch die ungewöhnliche Vorbereitung für das Gästeglas simuliert. Bitte Vorsicht dabei, es besteht Augenbrauenabsengungsgefahr, und man sollte ein Glas verwenden, das die Hitze auch aushält.

Beijing Sidecar


Beijing Sidecar
1 oz Cognac (z.B. Hine Rare VSOP)
⅔ oz milder Baijiu (z.B. 新②派)
½ oz Zitronensaft
½ oz Orgeat
2 Spritzer Drops & Dashes Wood Bitters
Auf Eis shaken.
Das Gästeglas mit angezündetem Overproof-Rum (z.B. Old Pascas Jamaica 73%)
und einem Spritzer der Bitters ausbrennen.

[Rezept nach Paul Mathew]


Auch hier gibt es wieder eine spannende kulturelle Eigenheit Chinas als Anekdote zu berichten. Betrachtet man sich den chinesischen Namen dieser Spirituose, 新②派橡木桶臻藏白酒, etwas genauer, fallen dem etwas in chinesischer Schrift bewanderten sofort zwei vielstrichige Zeichen ins Auge: 臻藏. Ich habe alles versucht, herauszufinden, was sie hier auf dem Etikett einer Schnapsflasche bedeuten könnten, und bin selbst bei umfangreichen Wörterbüchern gescheitert. Ein Muttersprachler konnte mir, nachdem er selbst lange recherchieren musste, weiterhelfen (danke, Yide!) – es handelt sich dabei um eine scheinbar gar nicht unübliche Masche in der chinesischen Werbewirtschaft, möglichst komplexe und abstruse Zeichen, die selbst gebildete Chinesen nicht mehr lesen können, zu verwenden, um dem eigenen Produkt einen hochwertigen Anstrich zu verpassen. Folgt man der Erläuterung hier, und schreibt die Wortkombination in der gleich ausgesprochenen aber leicht lesbaren Schreibweise 珍藏 , machen die Zeichen in unserem Kontext sogar Sinn: „sorgsam aufbewahren“. Man liest also alles zusammen: „Neuer Stil – In Eichenholzfässern sorgsam aufbewahrter klarer Schnaps“. Eine alternative Bedeutung der Zeichenkombination wäre „wertvolle Sammlung“, wahrscheinlich gemeint im Sinne der bei anderen Spirituosen oft gelesenen Bezeichnungen wie „Privatbrand“, „Rare Selection“ oder „Reserva de la Familia“. Man ahnt jedenfalls, dass es ein sehr spezieller Begriff ist, der schon durch sein fremdartiges, ungewohntes Aussehen eine Besonderheit ausstrahlen soll.

Die Flasche des New 2 an sich hält sich an die aufgestellten Regeln, um nicht nur dem westlichen Gaumen, sondern auch dem westlichen Auge zu gefallen – keine Spielereien (Baijiu ist, wie wir in dieser Reihe schon mehrfach gesehen haben und auch noch weiter sehen werden, ein Kandidat für die flippigsten Flaschendesigns der Welt), ein einfaches Etikett auf einer einfachen, eckig gehaltenen Flaschenform, dazu ein einfacher Blechschraubverschluss.

Bis nächsten Monat, liebe Freunde des chinesischen Schnapses, dann zum schon 5. Teil der Reihe „Mit einem Krug Wein zwischen den Blumen“!

Offenlegung: Ich danke erneut der belgischen Firma Vinopres SA und Spirits Selection für die kostenlose Bereitstellung einer Flasche dieses Baijius. Vinopres SA und Spirits Selection haben mir ganz enorm geholfen, und mich mit einer Reihe von Qualitäts-Baijius versorgt, denn die Beschaffung dieser chinesischen Spirituosen ist in Deutschland sonst sehr schwierig – ohne sie wäre diese Reihe nicht möglich gewesen.

Das trinkt man so – Grand Marnier Cordon Jaune und Cordon Rouge

Eine der wenigen Sendungen, die ich noch immer wirklich gern im Fernsehen anschaue, ist das „Perfekte Dinner“, und im Besonderen das „Perfekte Promi-Dinner“. Diese Sendung hat die richtige Mischung aus Humor, Koch- und Einkaufsverhalten und Einblick ins private Leben fremder Leute, die mich an den Bildschirm fesseln kann. Neulich aber hat sich das Format selbst übertroffen; am 08.01.2017 um 20:15 wurde bei VOX „Das perfekte Profi-Dinner: Spitzenköche unter sich“ ausgestrahlt. Die Idee: Sterneköche bekochen sich privat gegenseitig, und was sich erstmal recht langweilig und konventionell anhörte, explodierte fast vor Charme und Unterhaltungsfaktor. Insbesondere 2-Sterne-Koch Christian Lohse sorgte beim Publikum für eine hochfaszinierende Mischung aus Entsetzen und Lauthalsmitlachen.

Das Highlight dieses Fernsehabends war dann das Getränk zum Dessert, das Lohse seinen hochdekorierten Gästen kredenzte – Grand Marnier auf Eis im Wasserglas. Auf die etwas irritierte und schon vom reichlichen Voralkohol angedüselte Nachfrage seiner Kollegen, wie das eigentlich gehe, antwortete Lohse in seiner unnachahmlichen Art nur trocken: „Das trinkt man so“.

Das perfekte Promi-Dinner "Spitzenköche unter sich"

Darüber ließe sich natürlich trefflich streiten, insbesondere, wenn man sich unsicher ist, was das goldene Gebräu eigentlich ist, was da im Glas landete. Nachdem ich hier auf meinem Blog bereits drei Orangenliköre vorgestellt hatte – in aufsteigender Qualität den Chadess Liqueur d’Orange, den Le Favori sowie Clément Créole Shrubb – kommt nun ein Doppelfeature, das die zwei Ausprägungen des französischen Edellikörs vorstellen soll – Grand Marnier Cordon Jaune einerseits, und Grand Marnier Cordon Rouge andererseits. Was ist der Unterschied, außer dem schon im Namen enthaltenen Farbunterschied des Bändchens um die Flasche? Beginnen wir mit dem gelben Bändchen, dem Cordon Jaune, das noch den Untertitel Triple Sec trägt.

Grand Marnier Cordon Jaune Flasche

Wer sich nochmal daran erinnern lassen möchte, was Triple Sec ist, den verweise ich gern auf meinen oben verlinkten Artikel zu Le Favori. Der Grand Marnier Cordon Jaune ähnelt diesem und den meisten anderen Triple Secs zumindest schonmal dahingehend, dass auch er mit neutralem Alkohol hergestellt wird, ist also etwas vodkaähnlich. Die Farbe dieses Likörs, das ahnt man schon durch die braungetönte, markante Flasche, ist komplett klar. Im Glas ist er dann erkennbar ölig und viskos, so dass Beine am Glasrand haften bleiben und langsam ablaufen.

Der Geruch enttäuscht die Erwartungen nicht – natürlich vordergründig Orange, dazu etwas Zitrone, und ein Anklang an Mandeln. Die klar erkennbare Ethanolnote deutet auf die Entstehung mit Neutralalkohol hin. Insgesamt in der Nase süßlich, und man ahnt schon, worauf man sich einlässt – oberflächlich, dafür mit Wumms. Das bestätigt sich dann auch im Mund. Dieser Gelbband-Grand Marnier ist sehr süß, mild orangig, fast schon eher mandarinig. Im Vergleich zu den anderen bereits erwähnten Orangenlikören ist er dann aber doch noch etwas orangiger und aromatischer, und auch etwas weniger süß. Den Neutralalkohol kann aber keine Orangennote verdecken. Der Abgang schließlich ist warm und mittellang, leicht klebrig. Orangenaromen bleiben lange, aber auch das Gefühl des zuckrigen Overkills.

Springen wir direkt weiter zum großen Bruder des Cordon Jaune, zur Edelvariante, dem Grand Marnier Cordon Rouge, der im Gegensatz zur gelbbebandeten Version mit 51% Cognac hergestellt wird.

Grand Marnier Cordon Rouge Limited Edition

In meiner „Limited Edition“ wird der Likör in einer intransparenten, weißen Flasche ausgeliefert – der Standardfall ist die identische Flasche zum Cordon Jaune, nur dann eben mit einem roten Bändchen. Die Ähnlichkeit der Präsentation ist aber eigentlich auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten.

Im Glas zeigt sich der Cordon Rouge in kräftiger Bernsteinfarbe, fast schon dunkle Orange. Eine leichte Viskosität ist vorhanden, aber nicht ganz so wie beim klaren Verwandten. Der Geruch mag in den ersten Eindrücken ähnlich sein, hauptsächlich natürlich Orange, auch die Zitrone, dann kommt aber schon eine klar erkennbare Weinbrandbasis zum Vorschein. Ein sehr anderes, sehr viel feineres und weniger aufdringliches Aroma, das ergänzt wird durch Anklänge von Nelken und anderen Gewürze. Komplex und spannend.

Auch wenn der Geschmack immer noch sehr süß ist, schmeckt man doch tiefere Schichten heraus – Nüsse, Trockenobst, Nussschokolade, etwas schwarzer Pfeffer. Orange kommt hier erst als nachgelagerte Komponente, die im Verlauf dann aber immer stärker wird. Ganz im Hintergrund schweben Holz- und Rauchnoten. Hellfruchtig, sehr warm und lang ist der Abgang, mit milder Süße, ebenso mildem Brennen, und deutlichen Weinbrandnoten.

Grand Marnier Cordon Jaune und Cordon Rouge Vergleich

Sehr witzig ist die farbliche Gegenüberstellung, wenn man die „Limited Edition“ in der weißen Flasche besitzt – die weiße Flüssigkeit in der braunen Flasche, die braune Flüssigkeit in der weißen Flasche.

Insgesamt kann man sehr schnell ein Fazit ziehen, was den Vergleich der beiden Grand Marniers angeht: Im Purgenuss ist der Cordon Rouge klarst überlegen; er ist eigentlich ein ganz anderes Getränk mit viel mehr Charakter, Volumen und Komplexität. Letztlich spricht der Hersteller mit den beiden Produkten aber natürlich auch unterschiedliche Zielgruppen an. Cordon Rouge für Purtrinker (wie Christian Lohse und seine Gäste), Cordon Jaune als typische Cocktailzutat.

Wie zum Beispiel beim Orange Brulée, hier gezeigt in der Variation, die J&C’s auf ihrem Blog vorgestellt hatten. Ein toller After-Dinner-Cocktail mit viel Frucht und Süße. Allerdings wage ich es, Grand Marnier Cordon Rouge auch in Cocktails zu wählen, insbesondere wenn, wie hier, der Orangenlikör eine wichtige (oder gar die Haupt-)Rolle spielt.

Orange Brulée


Orange Brulée (J&C’s Variation)
1½ oz Orangenlikör (z.B. Grand Marnier Cordon Rouge)
1¼ oz Bourbon Whiskey (z.B. Evan Williams BiB)
½ oz Amaretto (z.B. Disaronno)
Auf Eis shaken.
Einen Hauch Sahne floaten und mit Kakao bestäuben.

[Rezept nach Xavier Laigle und J&C’s]


Tatsächlich muss man ihn also nicht unbedingt wie Christian Lohse gleich aus dem Wasserglas trinken, um Grand Marnier stilecht genießen zu können – ich kann mir aber gut vorstellen, dass auch das bei einem lustigen Abend mit Gleichgesinnten durchaus gut ankommen kann, wie man im Fernsehen ja sehen konnte. Und sowieso, wer wäre denn ich, mit einem frankophilen 2-Sterne-Koch disputieren zu können, wenn es um Genuss geht?

Kurz und bündig – Maisel & Friends Hopfenreiter 2017 und Hopfenbock

Ich hatte eine kleine Phase die letzten paar Wochen, in denen aromahopfenbetonte Biere kaum eine Rolle spielten – malzige Biere und klassische Bitterhopfenbiere waren mein täglich Brot. Um so erfreulicher, dass nun mit dem Maisel & Friends Hopfenreiter 2017 sowie dem Hopfenbock zwei Exemplare einen Weg in mein Glas gefunden haben, die diese schmerzliche Lücke füllen könnten. Ohne große Vorrede schauen wir uns die Biere mal detailliert an.

Maisel & Friends Sondersude 2017 Flaschen

Beginnen wir mit dem Hopfenreiter 2017. Das Double IPA mit 8,5% ist der zweite sogenannte Freundschaftssud, der bei Maisel & Friends mit Hilfe anderer Brauer hergestellt wird. Diesmal beteiligt sind Hoppebräu (mit dem Aromahopfen Vic Secret), Schanzenbräu (Callista), Brewage (Chinook), Brlo (Comet), Jopen (HBC431) sowie die Hausherren (Mosaic). Den ersten Hopfenreiter 2016 fand ich schon sehr trinkbar, wie siehts aus mit Version 2017?

Sehr starke, ausdauernde Perlage im schönen, opalisierenden Senfgold sorgt für feinen Schaum, der sich ebenso langlebig zeigt. Die Nase erinnert an ein Marmeladenglas. Sehr mild, üppig und dicht. Mildes Fruchtbouquet, Himbeeren, Mango, Banane, Birne. Leichter Kräuterunterbau, Thymian und Lavendel. Sehr rund und attraktiv.

Maisel & Friends Hopfenreiter 2017

Der Antrunk weist eine gelungene süß-sauer Balance mit vielen Fruchteindrücken auf. Wie zu erwarten: Aromahopfen in allen Schattierungen. Einerseits ein supercremiges, extrem dichtes Mundgefühl, andererseits eine etwas zurückhaltende Rezenz. Abgang erwartungsgemäß sehr trocken, sehr bitter, lang und malzig. Säure übernimmt etwas. Leicht pfeffrig.

Fazit: Gefällt mir sehr gut, vor allem die Nase ist höchstspektakulär. Auch ein idealer Essensbegleiter für thailändisches Essen, kann dem gut Paroli bieten und ergänzt die Aromatik, was man nicht von jedem Bier behaupten kann.

Nächster Schritt: Der Hopfenbock. Ein Bockbier mit 7,6% Alkoholgehalt und 35 Bittereinheiten. Die verwendeten Aromahopfen sind Bravo und Ella. Nur leicht trüb, starkes Mousseux, feiner, aber dünner Schaum. Fast schon Sonnenblumengelb.

Maisel & Friends Hopfenbock

Zitrus ist der erste Eindruck beim Riechen. Der erste Duft verfliegt aber, und dann neutralisiert sich der Geruch der ersten Attacke etwas. Es bleibt eine angenehme, dezente Hopfigkeit. Blumig, kräuterig.

Weich und rund im Antrunk, im Verlauf schlagen die 35 IBU dann zu, ohne aber eckig zu wirken. Süß, aber sehr angenehme Rezenz durch die Kombination aus hohem Karbonisierungsgrad und frischen Hopfenaromen. Schmeckt insgesamt sehr obertönig, es ist zwar sicher genug Körper da, aber die Hopfenbetonung scheint mir  dem stiltypisch erwarteten Malz etwas die Möglichkeit zu rauben, eine profunde Tiefe zu geben. Der Abgang ist kurz, adstringierend, knackig. Ich muss mir ins Gedächtnis rufen, dass wir hier kein IPA vor uns haben – es geht aber aromatisch schon deutlich in diese Richtung.

Auch hier zeigt sich, warum Maisel & Friends eine Bank sind, wenn es um unprätenziöse aber dennoch leckere Biere geht: Ein wirklich schönes Getränk, ideal für den Frühling und den Sommer.

Offenlegung: Ich danke Maisel & Friends für die kostenlose, unaufgeforderte Zusendung von je einer Flasche des Hopfenreiters 2017 und des Hopfenbocks.

Die Venus von Chiemgau – Camba Oak Aged Probierpaket

Bei einem meiner letzten Aufenthalte in der bayerischen Landeshauptstadt München wurde ich beim Schlendern in einer engen Straße beinahe von einem Pferdegespann überfahren. Nicht, dass die gerast wären wie die arabischen Vollbluthengste, nein, die eher gemütlich veranlagten Pferde zogen nur einen riesigen Bierkarren hinter sich her und hatten einen entsprechend langen Bremsweg. Man sieht sie in München immer wieder – die Bierkutscher, die Bier von einer Brauerei zu den Biergärten transportieren. Heute nur noch aus folkloristischen Gründen mit Holzverkleidung, vor einiger Zeit wohl wirklich noch in Holzfässern.

bierfuhrwerk-muenchen

Dass Lebensmittel in Holzfässern eine ganz spezielle Eigendynamik entwickeln, unerwünschte Aromen abgeschliffen und neue, erwünschte hinzugefügt werden, ist uns von Whisky, Rum und anderen Spirituosen bestens bekannt. Doch selbstverständlich kann auch Bier, statt nur in Holzfässern transportiert zu werden, auch in speziellen Hölzern gelagert und gereift werden, um genau diese Effekte auszulösen. Dass Holz nicht gleich Holz ist, was die Aromatikänderungen angeht, können wir dank der bayerischen Brauerei Camba Bavaria nun aus erster Hand direkt erfahren – mit dem Camba Oak Aged Probierpaket, das die vier holzgereiften Sorten Heller Bock – Limousin, Doppelbock Bourbon, Milk Stout – Bourbon und Imperial Stout – Cognac enthält.

Camba Oak Aged Holzfassgereifte Biere Set Flaschen

6 bis 9 Monate liegen Biere der Brauerei in Eichenholzfässern unterschiedlichster Herkunft. Beginnen wir mit der Verkostung dieses exklusiven Sets bei der hellsten Sorte – dem Oak Aged Heller Bock – Limousin. Französische Eichenfässer dienen hier also als Veredler für einen Bock mit 8,1% Alkoholgehalt.

Die Limousineiche hat erstmal kaum einen Einfluss auf das optische Erscheinen des Biers. Naturtrüb, feine Perlage, dünne Schaumkrone. Bernsteinfarben. Vorsicht ist geboten beim Öffnen des Kronkorkens – da sprudelt es etwas mehr als gewohnt.

Camba Oak Aged Heller Bock Limousin

Entsprechend schnell verbreitet sich dann auch der Geruch. Süßlich, fruchtig nach Apfel und Ananas, etwas metallisch. Das Gesamtbild erinnert mich etwas an Calvados. Geschmacklich beweist sich dann, dass meine Nase mich nicht täuscht: Sehr fruchtig, ganz stark nach Apfel und Calvados, vielleicht auch Cidre, letzteres hauptsächlich wegen der kräftigen, wilden Säure, die der Bock zeigt, ausgeglichen durch eine hintergründige Süße. Dabei bleibt das Bier ordentlich trocken und bitter, und sehr erfrischend zum Teil dank der kräftigen Kohlensäure. Der Abgang bleibt trocken, lang, und leider eher unangenehme adstringierende Effekte bleiben lang am Gaumen.

Das wirkt in dieser Sauer-bitter-Kombination unruhig und unrund. Die starke Nähe zu Apfelwein zwingt mich fast zu glauben, dass die Vorbelegung des Fasses (auf dem Etikett nur als „Holzfassobstbrand“ der Destillerie Lantenhammer bezeichnet) ein Apfelbrand war.

Steigen wir um und greifen nun zum Doppelbock Bourbon. Vielleicht hat das Ex-Bourbon-Fass einen gemäßigteren Einfluss auf den Doppelbock? Zumindest die Farbgebung ist schonmal extremer, wobei man natürlich nicht weiß, ob der Doppelbock nicht eh schon von sich aus dunkler wäre. Die dunkelbraune Farbe ist in etwa wie die von Altbier. Praktisch keine Schaumbildung erscheint, trotz der feinen und starken Perlage.

Camba Oak Aged Doppelbock Bourbon

Überreife Mandarine, leichter Kompostgeruch. Etwas Malz, ein Hauch Zitrone. Das sind die Eindrücke, die ich durch Schnuppern zu erkennen denke. Erstmal wenig Bourbonhaftes. Ist das im Geschmack anders? Ja, wow, da schmeckt man den Bourbon tatsächlich raus. Die typischen Vanille- und Eichennoten sind sofort beim Antrunk präsent. Leichtes Karamell, trotz der süßen Eindrücke aber eine klare, präsente Säure, die immer stärker wird im Verlauf der Verkostung. Mandarine, rote Trauben, braune Äpfel und anderes, leicht schon überfälliges Obst – das hört sich schlimmer an, als es ist. Schöne Rezenz, die leider durch die aktive Säure dann im Gesamtbild etwas übersteigert wirkt. 10,5% Alkoholgehalt wirken gut eingebunden.

Der Abgang ist mir zu süß und fast schon klebrig; er hinterlässt ein pappiges Gefühl am Gaumen. Schade, dass so ein toller Ansatz so mäßig enden muss. Doch in Kombination mit einem guten Essen, wie dem knusprig gegrillten Entenschenkel, den ich dazu hatte, ist das trotzdem ein Gewinner.

Doch wir halten uns nicht lang damit auf, gehen direkt über zum nächsten Kandidaten, dem Milk Stout – Bourbon. Hier wird spannend sein, ob sich das Bourbonfass auf einen anderen Bierstil anders auswirkt. Klären würde ich aber zunächst gern die Frage nach dem verwendeten Milk Stout – sind das die Reste des Milk Stouts, das vernichtet werden musste? Dass dem reinheitsgebotfanatischen bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit neben der Bezeichnung „Milk Stout“ auch die Zutaten, nämlich Hafer- und Gerstenflocken sowie der Milchzucker, aufstößt, ist von meiner Perspektive aus nur noch als lächerlich zu bezeichnen und zeigt die gesamte Sinnlosigkeit des RHG. Aber halten wir uns nicht damit auf, die Geschichte ist gegessen, sondern kommen zum Bier selbst.

Camba Oak Aged Milk Stout Bourbon

Das Foto sagt schon das meiste bezüglich des Aussehens: Schwarz, blickdicht, höchstfeine Perlage, aber praktisch kein Schaum. Dieser ist, solange vorhanden, crema-farben. Seine Herkunft kann das Bier allein schon aufgrund des Geruchs nicht verleugnen: sehr milchsauer, mit ganz hervorspringender Bourbonnote – Vanille, Eiche und die sonstigen üblichen Verdächtigen, was amerikanischen Whiskey angeht.

Leicht milchig ist auch der Geschmack (obwohl natürlich keine Milch enthalten ist in einem Milk Stout!), dann kratzig-sauer, aber dann – wumms! – Bourbon. Das schmeckt sehr stark nach Vanille und anderen Bourbonaromen. Die süß-sauere Komponente erinnert mich an die Schweizer Limonade Rivella, sehr interessant. Für ein Stout ein recht dünner, dafür aber sehr aromatischer Körper. Röstaromen und dunkles Malz sind selbstverständlich in einem Stout. Die Säure dominiert das Gesamtbild, wird aber durch kräftige Süße ausgeglichen, anders als bei vielen Sauerbieren. 9% Alkohol entdeckt man höchstens durch einen schwummrigen Kopf nach dem Genuss.

Der mittellange Abgang ist sehr würzig, sauer, sehr salzig, etwas Sojasauce. Die Effekte von Milchsäure und Vanille bleiben darüber hinaus noch ausgesprochen lang. Supertrocken im Mundgefühl hat das Milk Stout Bourbon schon etwas Wein-Charakter; definitiv etwas für überzeugte Weintrinker, die mal von einem Bier überrascht werden wollen.

Nach diesem positiven Eindruck hoffen wir auf eine Krönung der Verkostungsreihe beim letzten Bier aus dem Set, dem Imperial Stout – Cognac. Optisch sehen wir zumindest schon beim Eingießen ein sehr typisches Imperial Stout: schwarz, blickdicht, brauner Schaum, praktisch keine sichtbare Perlage.

Camba Oaked Aged Imperial Stout Cognac

Der Geruch ist einfach umwerfend. Starke Kaffee-, Kakao- und Röstmalznoten kennt man ja von einem Imperial Stout, aber in dieser Form ist das noch herrlicher als sonst. Dazu kommt eine attraktive, fruchtige Süße, tatsächlich nach Cognac und Traubenmost. Holunder spielt auch noch mit.

Im Antrunk superweich und süß, dann aber sofort sehr starke Kaffeearomen. Würzig nach Sojasauce, stark geröstetem Malz und schwarzer Schokolade. Die Cognac-Fassreifung zahlt sich in milden Fruchtaromen aus, Rosinen, Feigen und reifer Ananas. Eine milde Säure gleicht die schwache Karbonisierung gut aus. 10% Alkohol sind ohne Mangel eingebunden, in keiner Form schmeck- oder spürbar. Ich trinke es in Zimmertemperatur.

Abgang ist lang und sehr bitter, nochmal ein wuchtiger Schub Kaffee und Maggi, dabei schmeichelnd süß und gleichzeitig würzig. Für mich persönlich das ansprechendste der vier Biere: Hier hat alles genau richtig funktioniert und spielt ineinander in Perfektion. Ein Traumbier, wie man es selten findet.

Camba Oak Aged Holzfassgereifte Biere Set Tragerl

Die Flaschen sind natürlich supersensationell gestaltet. Sie erinnern mich in ihrer femininen, schwungvollen Form an die Venus von Willendorf. Dazu das milchige Glas mit dem dezent aufgetragenen Firmennamen, den Verzicht auf Etiketten (bis auf das kleine, quer angebrachte Rücketikett mit den wichtigsten Infos) und dem netten kleinen Umhänger – rundum gefällt das. Das Kartontragerl des Probierpakets fällt dagegen natürlich etwas ab.

25€ bezahlt man für 4 Viertelliterfläschchen. Da mag es so manchen gehen wie dem Kunden bei Globus, neben dem ich neulich vor dem Craftbierregal stand, und der fast schon wütend ausrief: „Wer gibt denn soviel Geld für Bier aus?!?“ Interessant, dass sich solche Leute nie in die Weinabteilung stellen und ähnlich perplex ob der Preise sind. Wir sind noch lange nicht so weit, dass Bier einen ähnlichen, fast schon mystischen Stellenwert hat, den man nicht mehr hinterfragt, sondern akzeptiert, dass Qualität ihren Preis hat. Aber wenn die Brauereien so weitermachen, und auch weiterhin so spannende Produkte wie die Camba Oak Aged-Reihe herausbringen, dann sind wir auf einem guten Weg, dass auch die breite Masse im Billigbierland Deutschland sich derartige Fragen nicht mehr stellen wird.

Auto waschen oder Rum trinken? Velier Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years

Rum ist ein Getränk für Piraten, wir kümmern uns nicht um die Herstellung, es muss einfach nur schmecken. Es muss Spaß machen. Es ist ein lockeres Getränk für lockere Leute, die sich nicht für die verknöcherten Regeln von Whisky interessieren. Es wird Zeit, dass all die Süßungskritiker endlich kapieren, dass sie uns den Spaß am Rum rauben! Bringt den Spaß zurück!

So und ähnlich hört es sich ab und zu an, was einem entgegenschallt, wenn man als Botschafter für sauberen, ehrlichen Rum unterwegs ist. Desinteresse für die Herstellung, oft etwas arme Ironie und Ad-Hominem-Angriffe sind die Hauptwaffen der Verteidiger der manipulierten Rums – und eben die oben zitierten Spaßbremsen-Vorwürfe. Dieses Argument, wir Verteidiger des Rums würden das ganze zu ernst nehmen, kontere ich mit einem leicht abgewandelten Zitat von Stephen King, das er in seinem Buch On Writing: A Memoir of the Craft für die parat hat, die meinen, eine Sache nur halbherzig und ohne Engagement machen zu können und trotzdem erfolgreich zu sein. Er bezieht sich aufs Schreiben von Romanen; ich ändere das nur in wenigen Wort ab.

But it’s RUM, damn it, not washing the car or putting on eyeliner. If you can take it seriously, we can do business. If you can’t or won’t, it’s time for you to close the bottle and do something else. Wash the car, maybe.

Irgendwie entgeht mir der Sinn der Argumentation, man könne Rum nur genießen, wenn man ihn nicht ernst nimmt. Eine der vielen Sonderregelungen, die es scheinbar für Rum gibt, die sich andere Spirituosengattungen nicht erlauben. Aber letztlich beziehe ich mich in meiner Ernsthaftigkeit auch halt nicht auf dieselben Produkte wie die Zuckerfreunde – sondern auf Dinge wie den Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years. Und der verdient es auf jeden Fall, ernst genommen zu werden und nicht nur als Spaßdroge für Happy Shiny People, die gern im Piratenslang reden, betrachtet zu werden.

Velier Caroni 100% Trinidad Rum Aged 15 Years

Da man durch das dunkle Braunglas der Flasche die Farbe des Rums nicht erkennen kann (lobenswert! Hersteller sollten alle undurchsichtige Flaschen verwenden und sich dann entsprechend auch das dadurch unnötig gewordene Färben der Spirituose sparen, so wie der Abfüller Velier das hier wunderbar vormacht), muss man sich schon ein Gläschen eingießen, um sie beurteilen zu können – Kupfer, mit fast weißen Reflexen. Ungefärbt, um das nochmals zu betonen. Von der Konsistenz her fast schon etwas viskos.

Auch der Geruch kann sich riechen lassen – sehr buttrig-süß, weich und voller Rumester. Einen halben Meter vom Glas entfernt riecht man ihn schon. Banane, Ananas, Minze. Muskatnuss. Plastikkleber.

Wer Rum dann doch nur zum Spaß trinkt, wird vom Antrunk dieses Rums begeistert sein. Superweich und zart im Mund. Süß, Kandiszucker, Shortbread, weiße Schokolade. Ein leichtes, angenehmes Kribbeln, das diesem „Extra Strong“-Rum mit 104 Proof (entsprechend 52% Alkoholgehalt) natürlich zusteht. Dann kommt aber doch der Charakter dieser leider seit einiger Zeit geschlossenen Destille zum Vorschein: Ingwer. Piment. Ein Anflug von Diesel und Teer. Hier steigen die Spaßtrinker meist aus.

Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years Glas

Warm im Abgang, auch hier süß und mild. Eine kurze Ingwerflamme entsteht langsam, und verklingt dann aber auch schon, bevor sie den Rachen erreicht; insgesamt ist der Abgang eher kurz. Einige der Ester bleiben am Gaumen, und ein kühlendes Gefühl beim Abklingen der Hitze. Fazit? Ein ganz hervorragender Rum. Supersüß, aber ohne jede Form der Pappigkeit, den viele gesüßte Rums aufweisen.

Dieselbe der Qualität angemessene Ernsthaftigkeit, die ich diesem Rum als Purgetränk entgegenbringe, ist natürlich auch dann angebracht, wenn ich ihn mir in einem Cocktail zu Gemüte führe. Nicht jeder Feld-, Wald- und Wiesencocktail bekommt den Caroni, doch so etwas wie der Foreign Legion ist ein Paradebeispiel dafür, dass man mit hochwertigen Zutaten ein herrlich tiefes, komplexes und, ja, unterhaltsames Gesamtbild erzeugen kann. Wer meint, ab einer bestimmten Kategorie sei Rum nicht mehr als Mixer erlaubt, sollte dies überdenken.

Foreign Legion


Foreign Legion
1½ oz Rum (z.B. Caroni 100% Trinidad Rum 15 Years)
½ oz Aperol
½ oz Dubonnet Rouge
½ oz Fino Sherry (z.B. Sandeman Fino)
1 Teelöffel Crème de Cacao (z.B. Giffard Crème de Cacao Blanc)
1 Spritzer The Bitter Truth Lemon Bitters
Auf Eis rühren.
[Rezept leicht adaptiert nach Greg Sanderson, PDT]


Die Flasche wirkt wuchtig im Regal – die breiten Schultern und der verdickte Hals machen sie fast schon zu einem NFL-Rum. Das hübsch designte Etikett hat dagegen schon fast etwas besinnliches mit nostalgischem Seemanns-Flair.

Wäre da nicht der Preis und die Seltenheit, dann gäbe es keine Existenzberechtigung mehr für die unheilige Dreifaltigkeit des manipulierten Rums, Botucal, Plantation XO und Don Papa. Doch letztere sind letztlich auch nicht billig, sondern bewegen sich schon im Preisrahmen der Hälfte dieses Rums; daher sollte sich jeder Rumfreund fragen – lieber zwei Flaschen manipulierten Pseudorum, oder eine eines hervorragenden, seltenen und in allen Belangen überlegenen Rums? Mir persönlich fällt es nicht schwer, eine Wahl zu treffen. Ich will Rum trinken – Auto waschen sollen andere.

Kurz und bündig – Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum

Ich gebe zu, ich habe ein kleines Faible für das martinikanische Rumhaus La Mauny, denn bis heute stammt einer meiner Lieblings-Agricole (ungereift) von dort – der La Mauny 50°. Um so erfreuter war ich, dass mir Rumfreund Benoît Bail eine Kostprobe des diesjährigen Confrérie-du-Rhum-Rums (dazu weiter unten mehr) zukommen ließ – den Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum. Ich hoffe, ich kann mich in dieser Verkostung zurückhalten und meine Vorliebe in Zaum halten.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Flasche

Es ist nur eine kleine Probe, die ins Glas kommt, aber sie bezaubert trotzdem direkt alle Sinne. Noch bevor man die herrliche rostrote Farbe mit ihren orangefarbenen Reflexen bewundern kann, springt einem der Geruch mitten ins Gesicht. Eine wahre Wucht – dominant sind direkt von Anfang an Holzreifungsnoten: Eiche, Vanille, Karamell, dazu eine leichte Klebernote. 11 Jahre im Eichenfass zeigen ihre Wirkung eindrucksvoll. Rosinen, Thymian und Lavendel geben dem Rum Körper.

Der Antrunk ist zunächst sehr süß (ohne aber zuckrig zu wirken), mit viel Honig, wirkt zurückhaltend, sparsam und mild, weich und bequem, erinnert mich an Cognac. Aber, oh! Der Abgang! Wer bei diesem Abgang nicht ins Schwärmen gerät, den bedaure ich etwas. Denn eine volle Breitseite an Aromen explodiert nun am Gaumen – da kommt ein kaum beschreibbares Bouquet zum Vorschein, mit Anklängen von Lavendel, Nelken, Zitronenschale, Himbeeren, grüner Pfeffer, Ingwer und eine ordentliche Dosis Eukalyptus. Die enthaltenen 49,7% Alkohol verstecken sich nie – in diesem Rum ist lebendes Feuer, Energie und Kraft. Der Nachhall schließlich ist lang, warm, trocken, mit einem Hauch feuchtem Kies, Gras und grünem Holz, und dabei perfekt rund.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Glas

Ja, ich bin nun doch ins Schwelgen geraten, obwohl ich es nicht wollte. Egal, Ehre wem Ehre gebührt – das ist ein Traum von einem Rum. Die Confrérie du Rhum, eine Facebook-Gruppe mit knapp 25000 Rumfreunden hauptsächlich aus dem frankophonen Raum, hat in dieser Zusammenarbeit mit La Mauny zur Feier des vierten Jahrestags des Bestehens der Gruppe einen echten Treffer gelandet. Wenn ich mir irgendwo eine ganze Flasche davon schnappen kann (bei einer Limitierung auf 1000 nummerierte Flaschen wird das nicht so ganz einfach werden), werde ich nicht zweimal nachdenken müssen.

Nachtrag: Tatsächlich habe ich mir dann eine Flasche davon besorgt (Nummer 184 von 1000). Grob die Hälfte davon habe ich im Rum-Club geteilt, den Rest für Weiterverkostung für mich behalten.

Maison La Mauny Millésime 2005 Cuvée de la Confrérie du Rhum Details

 

Spätzünder mit Biosiegel – Passarinho Cachaça Organica

Die geschätzten Bloggerkollegen von eyeforspirits.com veröffentlichten vor einiger Zeit einen Artikel mit Tipps, die von Startups beherzigt werden sollten, die eine neue Spirituosenmarke aufbauen wollen. Am Ende dieses lesenswerten Artikels wird noch ein kleiner Satz hingeworfen, der mir zu denken gegeben hat.

„An einer Stelle kann man am Ende aber doch sparen. An etwas, das in der Spirituosenindustrie nachweislich keinen Mehrwert bringt: ein Bio-Zertifikat.“

Mir ist das in seiner Allgemeinheit etwas zu ökonomisch-absatzorientiert betrachtet – ein Bio-Zertifikat mag vielleicht (obwohl ich den erwähnten Nachweis dafür erst noch sehen will) nichts bringen, was Verkaufszahlen in einer Bar angeht, für uns Endverbraucher ist es eine sehr wertvolle Sache. Gerade in der Spirituosenbranche, bei der so viel geschummelt, getrickst, gelogen und betrogen wird, wo die Herstellungsbedingungen manchmal an Grausamkeit grenzen und auf die Kurzsichtigkeit der Konsumenten gesetzt wird, sind solche Auszeichnungen nachprüfbare, sehr wertvolle Hinweise auf ein Umdenken und nachhaltige, transparente Produktion.

Passarinho Cachaça Organica Biosiegel

Der Passarinho Cachaça Organica trägt es schon im Namen, und ist stolz darauf, dass er biozertifiziert ist. Vegan ist er auch noch, wie man der Dokumentation auf der Flasche entnehmen kann. Man denkt sich bei dieser Aussage vielleicht: was soll an einer Spirituose tierischen Ursprungs sein? Wie üblich muss man tief graben, um Details wie die Verwendung von Fischblase zur Filterung oder Kuhmilch im Etikettenkleber ausschließen zu können.

Über diese marketingwirksamen Details hinaus betont der Hersteller aber auch die Tradition, in der sich der Passarinho Cachaça sieht. Er wird nach eigener Aussage nach traditionellen Verfahren produziert, dazu gehören Dinge wie das Destillieren in Alambik-Brennapparaten, das Weglassen von Zusatzstoffen ebenso wie Zucker. Eine Lagerung in  Holzfässern des brasilianischen Jequitibá-Baums komplettiert ein durchaus rundes Bild einer nichtindustrialisierten Herstellung.

Passarinho Cachaça Organica

Da die Flasche auf dem Foto nicht leer, sondern voll ist, muss über die Farbe nicht mehr viel gesagt werden. Die Konsistenz ist mittelschwer, leicht viskos. Beim Schwenken laufen aus dem Film am Glas die Beine schmal und träge ab.

Die enge Verwandschaft zu weißem rhum agricole ist sofort erkennbar – die grasig-blumigen Noten dominieren den Naseneindruck. Süßliche Tropenfrucht, aufgehellt durch Limettenschale. Aber auch eine dunkle Seite ist vorhanden; Kakao vielleicht. Sehr körpervoll und durchdringend, charaktervoll. Eine minimale Ethanolnote schwingt am Ende etwas mit.

Im Antrunk ist der Passarinho noch aromatisch vergleichsweise neutral, aber schon sehr süß, wie Milchschokolade. Im Mund liegt er weich und ohne Ecken oder Kanten, 39% Volumenprozent Alkohol sind nicht erkennbar. Eine leichte Säure entsteht. Soweit ist er bis auf die angenehme Milde, ehrlich gesagt, geschmacklich eher unbeeindruckend.

Die spektakuläre Seite zeigt er erst im Abgang – hier kommt Pfeffer und Ingwer zum Vorschein, eine sehr angenehme Wärme und ein ganz schwaches Kribbeln. Eine herrliche Bitterkeit entsteht, die Aromen von Gras, Lavendel, Nelken und Kardamom explodieren plötzlich. Der Abgang ist lang und höchstaromatisch, eine wahre Freude, die alles ausgleicht, was zuvor vielleicht unspannend wirkte. Der Passarinho braucht also eine Weile, bis er zündet, dann entsteht aber ein Feuerwerk.

Tatsächlich ist das dann doch im Gesamtbild eine Cachaça, die ich problemlos zum Purtrinken empfehlen kann. Doch selbstverständlich bedeutet das dann auch automatisch, dass sie damit gleichzeitig eine hervorragende Mixspirituose ist. Wozu verwendet man sie am besten? Ja, Cachaça, damit macht man in Deutschland im Allgemeinen kaum etwas außer Caipirinha. Ich habe nichts gegen eine Caipirinha, wenn sie gut gemacht ist (leider passiert das selbst bei einem so einfachen Rezept zu selten), ist sie ein toller Drink. Wenn man ein bisschen kreativ an die Sache herangeht, kann man aber noch mehr aus Cachaça herausholen. Der Pearl Button beispielsweise ist ein perfekter Cocktail für einen heißen Sommertag – leicht bitter, zitronig, supererfrischend.

Pearl Button


Pearl Button
2 oz Cachaça (z.B. Passarinho Cachaça Organica)
¾ oz Lillet Blanc
½ oz Limettensaft
4 oz Zitronenlimonade (z.B. San Pellegrino Limonata)
In einem Glas voller Eis bauen und kurz umrühren.
[Rezept nach John Deragon, PDT]


Passarinho Cachaça Organica Halsbanderole

Die Flasche ist von der Form her unaufgeregt, um so zappeliger wird dann aber die Etikettierung. Da alle Beschriftung volltransparent direkt aufs Glas aufgebracht ist, muss man sich etwas Mühe geben, wenn man die Texte auch lesen will, da alles von der Rückseite und der Seite durchscheint und das Gesamtprodukt etwas nervös wirken lässt.

Ich bin immer sehr dankbar, wenn man merkt, dass man keine Massenspirituose in der Hand hat. Abgesehen vom Inhalt wird das bei Passarinho Cachaça Organica auch klar in der Präsentation durch oben schon erwähntes Biosiegel kommuniziert, und die auf dem Flaschenhals angebrachte Banderole enthält für uns Kenner so wichtige Informationen wie die Batch-Nummer (hier: 1), das Abfülldatum (hier: 23.08.2016) und die handschriftlich eingetragene Flaschennummer innerhalb des Batches (hier: 502). Die Batchgröße selbst wird nicht erwähnt; eine Nachfrage beim Hersteller liefert aber schnell das Ergebnis: 850 Flaschen wurden abgefüllt. Diese vergleichsweise winzige Menge passt durchaus zu den Aussagen über die handwerkliche Tradition.

Passarinho Cachaça Organica Umhänger

Zu guter letzt kommen wir noch zu einem kleinen Detail, das die erfreuen wird, die sich doch statt dem von mir empfohlenen Pearl Button eine klassische Caipirinha mixen wollen. An einem Umhänger wird ein kleines Papierbeutelchen mitgeliefert, das dabei hilft, den meistgemachten Fehler bei einer Caipirinha zu vermeiden – nämlich braunen Rohrzucker zu verwenden statt weißen. Das Beutelchen enthält feinkörnigen brasilianischen weißen Zucker in ausreichender Menge für ca. 2 Cocktails, und das richtige Rezept dazu.

Offenlegung: Ich danke Passarinhos für die Kooperation für diesen Artikel und die kostenlose Zusendung einer Flasche ihres Bio-Cachaças.

Quo vadis, taberna? Was erwartet uns 2017 hinter der Bar? Blogparade

Gegen Ende des Jahres sind sie sehr beliebt, jeder Fernsehsender hat sein eigenes Format und strahlt es über Stunden aus – der Jahresrückblick. Was hatte uns das noch nicht ganz vergangene Jahr gebracht? Wer waren die Menschen des Jahres? Welche Ereignisse haben uns bewegt? Und – welche Trends haben sich rückblickend betrachtet entwickelt?

Der Rückblick ist leicht. Schwieriger wird es, soll man in die Zukunft blicken. Anhand bestehender Informationen ermitteln, welcher Trend, der aktuell nur aus diffusen, unverbundenen, unterschwelligen Strömungen in einem Mikroklima besteht, sich verfestigt und tatsächlich einen Einfluss auf unser Leben hat – um hier einen Treffer zu landen, braucht man vor allem Glück, mit Riecher kann man sich zwar vorbereiten, doch der Blick in die Kristallkugel bringt immer das Risiko mit sich, von der gnadenlos folgenden Realität eins auf die Hellsehernase zu bekommen.

Natürlich riskieren wir es trotzdem, schließlich haben wir Spirituosenblogger einen unschätzbaren Vorteil vor anderen Bloggern und Wahrsagern: Wir können uns den fehlenden Mut dafür einfach antrinken. Mit einem guten Tropfen chinesischen Baijius (meinem rein persönlichen Spirituosentrend, dem ich seit Anfang des Jahres eine 12-teilige Reihe auf meinem Blog widme) vor mir stehen werfe ich also die Frage in den Raum: Was erwartet uns 2017 in der Spirituosenwelt? Ich schließe mich hier den anderen Bloggern an, die im Bartrends-2017-Projekt ihre Eindrücke sammeln.

2017 Schriftzug

Rum als „the next big thing“ wurde 2016 schon vorhergesagt, im ersten Quartal habe ich davon noch nichts gespürt. Wird es dann doch vielleicht Brandy? Da müsste noch extrem viel passieren, bevor ich daran glaube. Oder doch eher Kümmel? Mezcal wurde ja schon seit einiger Zeit als Geheimtipp gehandelt, der kommt aber auch nicht so richtig in die Puschen. Ein recht neuer Player bahnt sich auch den Weg – schafft es vielleicht das Craft-Bier, sich nun doch aus der Nische zu befreien und einen zweistelligen Produktionsanteil zu sichern?

Man sieht – der nächste angesagte Trend bei Fachveröffentlichungen ist immer das, was der Autor gern hätte, dass eben Trend wird. Dadurch hofft der eine oder andere vielleicht, eine selbsterfüllende Prophezeiung in Gang zu setzen; in schnelllebigen Branchen wie der unseren ist das auch bei weitem nicht so weit hergeholt, wie es sich anhören mag – wir leben von Mundpropaganda und orientieren uns gern an unseren großen Vorbildern. Schließlich ist Geschmack immer noch eine der subjektivsten Dinge, die wir kennen, objektive Kriterien als Maßstab für einen potenziellen Erfolg heranziehen zu wollen, funktioniert hier einfach nicht.

Man muss also auf die persönliche Ebene absteigen. Tatsächlich scheint mir persönlich der Haupttrend für 2017 die immer stärker werdende Diversifizierung der Spirituosenwelt zu sein. Es gibt eben keinen eindeutigen Trend hin zu einem speziellen Produkt oder einer Kategorie, sondern dahin, dass viele Spirituosen, die man über Jahre sträflichst in der Bar vernachlässigt hat, mit Verve ans Licht dringen, kurz aufleuchten und dann wieder verglühen, in hohem Tempo, in hoher Frequenz.

Verschiedene Amari. Foto: Shabbychef at English Wikipedia

Für mich persönlich sind das zur Zeit Obstbrände und Liköre, bei letztem vor allem Bitterliköre wie Amaro. Gerade letztgenannter scheint, verfolgt man die Fachpresse on- und offline, aktuell ordentlich Fahrt aufzunehmen: Die Zeiten, in denen diese Kategorie ausschließlich durch einen Ramazotti auf Eis am Ende einer Pizzaschlacht beim Italiener um die Ecke repräsentiert wurde, sind jedenfalls jetzt schon vorbei. Die Sortenvielfalt ist nun selbst in Supermärkten groß; bei Spezialhändlern bereits fast unüberschaubar. Auch das mag daher als Trend für 2017 dienen – die Sortenbreite nimmt immer mehr zu, egal, um welche Spirituosenkategorie es geht.

Entsprechend schlage ich heute mal einen Cocktail vor, den ich in Ted HaighVintage Spirits and Forgotten Cocktails gefunden hatte – einem Buch, das wie kein zweites zeigt, dass die Trends von heute, die wir verzweifelt vorahnen wollen, die vergessenen und abgelegten Gewohnheiten von morgen sein werden. Haigh hat das Originalrezept des Amarosa Cocktails aus den 1930ern leicht angepasst, und ich gebe seine Adaption hier wieder. Warum dieses Rezept? Es enthält genau Produkte aus den Trendkategorien, die ich mit meiner unendlichen Voraussicht prophezeit habe – Kirschwasser und Amaro, und dazu den Dauertrend Gin, der sicherlich weiterhin ungebrochen fortschreiten wird mit Gin-Ausprägungen #2032 und folgenden. Ein fantastischer Cocktail, stark, klar, sauber, aromatisch, völlig unabhängig davon, was gerade Mode ist.

The Amarosa Cocktail


The Amarosa Cocktail
1½ oz Gin (z.B. Beefeater)
1½ oz Kirschwasser (z.B. Brucker Kirsch Eau-de-vie)
1½ oz Amaro (z.B. Fernet Branca)
Auf Eis rühren.
[Rezept nach der Adaption von Ted Haigh]


Die Frage, die ich mir immer wieder stelle, wenn es um Trends geht, ist zum Schluss, inwieweit uns so ein Trend wirklich weiterbringt. Zweifelsfrei hat der ungebrochen anhaltende Gin-Craze der 2010er-Jahre dafür gesorgt, dass Gin von der vor sich dahindämmernden Randspirituose zum Megaseller des neuen Jahrtausends wurde. Er sorgte auch dafür, dass ganz neue Zielgruppen für den Barbetrieb erschlossen werden konnten. Doch letztlich steht dieser Hype recht allein da in den letzten Jahren, keine andere Kategorie konnte sich auch nur ansatzweise diesem Erfolg annähern.

Ich gönne trotzdem, auch wenn ich dem Phänomen Trendspirituose grundsätzlich sehr skeptisch gegenüberstehe, jedem Brand und jedem Cocktail seine 15 Minuten im Scheinwerferlicht – ein kluger Hersteller sorgt aber eigentlich lieber dafür, eine stabile, dauerhafte Basis für sein Produkt zu schaffen, statt es in einem Sommer auf Teufel-komm-raus zu verheizen.

Ausgekocht! Sauza Tres Generaciones Tequila Plata

Aktuell macht eine recht neue Technik bei der Herstellung von Tequila von sich reden – der Diffuser/Diffusor. Das grundsätzliche Prinzip ist einfach und hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel: Um das Basismaterial, die gekochte Agave, noch effizienter auszunutzen, werden nach dem Pressen oder Schreddern noch aus den dadurch bereits ausgelaugten Agavenfasern durch eine Apparatur die letzten Reste des Zuckers gezogen. Viele der großen Hersteller von Tequila nutzen Diffusoren seit den 90er Jahren.

So weit, so gut. Doch in letzter Zeit sind findige Produzenten auf die Idee gekommen, die Diffusoren statt mit den gekochten Agavenresten mit frischer, roher Agave zu befüttern. Die Problematik dieses Vorgehens ist klar – ein Großteil des Charakters von Tequila entsteht durch das Kochen der Agave, idealerweise in Steinöfen oder wenigstens in Autoklaven. Man entfernt mit dem Kochen einen wichtigen Produktionsschritt aus dem Prozess, spart dadurch natürlich viel Zeit und Geld, und erzeugt größere Mengen, um den vor allem in den USA gerade boomenden Tequila- und Mezcal-Markt bedienen zu können. Eine sehr ausführliche und äußerst lesenwerte Beschreibung des Diffusers, seiner Folgen für Geschmack und Arbeitsmarkt, findet sich bei muchoagave.com, und im Vergleich zu traditionelleren Herstellungsmethoden auch bei Long Island Lou Tequila.

Sauza ist einer der Hersteller, die Diffusoren einsetzen, und aller Wahrscheinlichkeit nach sind demnach auch zumindest Teile des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata, den ich heute hier vorstelle, dadurch entstanden. Erkennt man die Diffusor-Herstellungsweise am Geschmack? Ohne zuviel vorwegnehmen zu wollen: Ja.

Sauza Tres Generaciones Tequila Plata Flasche

Zur Farbe gibt es nichts zu sagen, was nicht schon von außen durch die zeigefreudige Flasche zu sehen ist. Die Konsistenz sieht nur unwesentlich viskoser aus als die von Wasser. Die Beine, die durch das Schwenken im Glas entstehen, fließen sehr schnell ab.

Der erste Eindruck, wenn man am Tres Generaciones Plata riecht, ist: Bazooka-Kaugummi, wer wohlwollender sein will: Wintergrünöl. Dazu kommt eine dunkle Würzigkeit, die leicht holzig riecht, mit Anklängen – aber wirklich nur Anklängen – von Agave. Ansonsten ist eine schwere Ethanolnote (etwas magere 38% Alkoholgehalt können kaum allein dafür verantwortlich sein) vorhanden, darüber hinaus kaum etwas.

Auch im Geschmack kommt die süße Kaugummi-Note stark zum Tragen, dazu Birne und Kümmel. Ein leichter Körper, fast schon dünn oder wässrig. Das bringt aber eine gewisse Eleganz und Leichtigkeit mit sich. Aromatisch erinnert mich dieser Tequila deutlich mehr an Vodka, Korn oder mehrsäulendestillierten weißen Rum als an typischen Tequila. Der Abgang ist süß, mildpfeffrig, und recht kurz, leicht adstringierend, mit etwas Lakritz im Nachhall.

Rein aromatisch überzeugt mich der Sauza Tres Generaciones Plata nicht so richtig, dazu ist er zu eindimensional und oberflächlich, und mit für meinen Geschmack viel zu wenig Agavencharakter. Wozu er dennoch gut sein könnte ist ein Einsatz als Aperitiv-Tequila; vor einem Essen, oder zwischendurch, als trou mexicain sozusagen.

Ich weiß nicht, ob dieser leichte Charakter allein durch den oben beschriebenen Diffuser entsteht; das Geschmacksprofil passt zumindest mit dem, das Khrys Maxwell bei muchoagave.com beschreibt, gut zusammen – ein leichtkörpriger, sauberer, an Wodka angelehnter Agavenbrand, ohne die wildfloralen Noten, die ein handwerklich hergestellter Pot-Still-Tequila mit sich bringt. Auch in Blindtests schneidet dieser Tequila eher schlecht ab. Ohne die negativen Folgen eines Diffusors schönreden zu wollen: ich denke dennoch, dass auch solch ein leichter Tequila seine Freunde finden wird. Er ist jedenfalls als 100%-Agave-Tequila immer noch etwas aromatischer und ehrlicher als ein Mixto.

Für diesen Tequila biete ich ausnahmsweise mal kein Cocktailrezept an, sondern beschreibe eine Voodoo-Opferfeier für Baron Samedi, den Herrn der Kreuzwege. Wenn man all die Zutaten für Baron Samedi’s Indecent Burial zusammengetragen hat, errichtet man einen kleinen Altar mit der Mixtur und diversen anderen Opferbeigaben, köpft ein Huhn, gießt das frische Blut über sich, verspritzt etwas von der Libation auf die Erde und trinkt dann am Ende den Cocktail. Wer in einer Mietwohnung lebt, darf das mit Hühnerblut und auf-den-Boden-Gießen auch weglassen. Baron Samedi wird allerdings nicht erfreut sein über diesen Mangel an Prioritäten.

Baron Samedi's Indecent Burial


Baron Samedi’s Indecent Burial
1 oz Tequila Blanco (z.B. Sauza Tres Generaciones Tequila Plata)

1 oz Tequila Reposado (z.B. Corralejo Tequila Reposado)
1 oz Tequila Añejo (z.B. 1921 Tequila Añejo)
½ oz Islay Single Malt (z.B. Giant’s Causeway Caol Ila 9y)
1 Teelöffel Sherry (z.B. Lustau Los Arcos Amontillado)
1 oz Limettensaft
¾ oz Grapefruitsaft
½ oz Falernum (z.B. John D. Taylor’s Velvet Falernum)
¼ oz Passionsfruchtsirup
¼ oz Zimtsirup
2 Spritzer Angostura
Auf Eis shaken.
[Rezept nach Oron Lerner]


Die Flasche mit ihrem Dekanter-Stil gefällt mir sehr – der obere Teil ist mit passend zum „Silber“-Tequila in entsprechender Farbe bedruckt. Besonders auffallend ist der schwere, dicke Hals, der zu einem Großteil aus Glas besteht; erst, wenn man den Korken zieht, sieht man, wie schmal das Ausgußloch im Verhältnis zum dicken Hals tatsächlich ist. Die sehenswerte Flasche wird in einem mit vielen schwärmerischen Details, die man natürlich bei einem derart großen Hersteller wie Sauza cum grano salis bewerten sollte, bedruckten Karton geliefert.

Offenlegung: Ich danke spirituosen-superbillig.com für die Kooperation bei diesem Artikel und für die kostenlose Zurverfügungstellung einer Flasche des Sauza Tres Generaciones Tequila Plata.